Inhalt
1. Einleitung 3
2. Der Zerfall der sozialistischen föderativen Republik Jugoslawien 4
3. Bosnien-Herzegowina im jugoslawischen Zerfallsprozess 5
3.1. Die Kriegsparteien und deren Ziele 6
3.1.1. Die bosnischen Serben 7
3.1.2. Die bosnischen Kroaten 7
3.1.3. Die Bosniaken 8
4. Kurzer Überblick: Kriegsverlauf von 1992-1995 8
5. Ursachen für den Ausbruch des Krieges 9
5.1. Ausganssituation: Existenz mehrerer ethnischer Minderheiten und das Bangen um
ihr politisches Forstbestehen 9
5.2. Das interethnische Sicherheitsdilemma 11
6. Schlussfolgerung 14
7. Literaturverzeichnis 16
2
1. Einleitung
„Kaum ein Ereignis hat die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten so stark erschüttert wie der Ausbruch des jugoslawischen Krieges im Sommer 1991. Das Ausmaß der Zerstörungen, vor allem aber die beispielslose Brutalität und die Systematik der Menschenrechtsverletzungen erschien vielen Beobachtern unerklärlich.“ 1 Der Zerfall des föderalen Jugoslawien belastete die Teilrepublik Bosnien-Herzegowina besonders stark. Sie wurde zum Schauplatz eines entsetzlichen Krieges zwischen den verschiedenen Ethnien des Landes. Ziel dieser Arbeit ist es, zu untersuchen wie es zum Ausbruch des Bosnienkriegs kommen konnte, welcher durch seine Grausamkeit und das Ausmaß seiner Zerstörungen die Welt erschütterte. Im Rahmen des Seminars „Ethnische und Nationalistische Konflikte“, stellt sich also die Frage nach den genauen Ursachen dieses Krieges, welcher zwischen 1992 und 1995 in Bosnien-Herzegowina stattfand. Im Laufe dieser Arbeit sollen zunächst die zentralen Annahmen vorgestellt werden, welche anhand einer geschichtlichen Übersicht und später durch detailliertere historische Betrachtung überprüft werden sollen. 1.1. Fragestellung und Hypothese
Bosnien-Herzegowina nahm im föderalen Jugoslawien schon deshalb eine Sonderrolle ein, weil es in seiner multinationalen und multiethnischen Zusammensetzung den Verhältnissen in der gesamten sechs Teilrepubliken umfassenden Föderation sehr nahe kam. Trotz der Existenz verschiedener Ethnien in Bosnien-Herzegowina, kam es vor dem Zerfall Jugoslawiens jedoch nicht zu gewaltsamen Konflikten:
„[…] Bosnia had been recognised internationally as a model of multicultural co-existence and symbolic of federal Yugoslavias’s progressive minority policies.“ 2 Die zentrale Frage, welche sich bei der Betrachtung des Bosnienkrieges stellt, lautet also: Warum kam es nach dem Zerfall der sozialistischen föderativen Republik Jugoslawiens in der unabhängigen Republik Bosnien-Herzegowina zu einem gewaltsamen Konflikt, obwohl die verschiedenen Ethnien zuvor friedlich koexistierten? Meine Annahme ist, dass sich die Ethnien Bosnien-Herzegowinas nach dem Zerfall Jugoslawiens und vor dem Hintergrund eines Transformationsprozesses in einem Zustand der Angst vor einer ethnischen Desintegration befanden.
1 Calic 1995, S.9
2 Chandler 1999, S.29
3
Dieser Zustand kann anhand des Konzeptes des Sicherheitsdilemmas erklärt werden, welches sich in der realistischen Schule der internationalen Beziehungen entwickelte. 3 Hierbei handelt es sich klassisch um eine sicherheitspolitische Zwangslage, die sich dahingehend äußert, dass jeder Staat aufgrund der schlechten Kalkulierbarkeit des gegnerischen Verhaltens dazu neigt, sein Sicherheitspotential zu vergrößern. Durch diesen, meist militärischen, Machtzuwachs stellt der Staat für andere Staaten eine erhöhte sicherheitspolitische Bedrohung dar, was dann wiederum zu einem Aufrüstungswettlauf führt. Als gedankliche Grundvoraussetzung gilt die Annahme, dass das internationale System anarchisch ist, also keine hierarchische Ordnung besteht. 4 Das Konzept des Sicherheitsdilemmas wird heute auch auf innerstaatliche Beziehungen und Kriege angewendet und berücksichtigt dabei auch nicht-staatliche Akteure. Für dieses ethnische Sicherheitsdilemma, soll das Sicherheitsbestreben in einem weiteren Sinne definiert werden. Es umfasst nicht nur die Aspekte einer militärischen Aufrüstung, sondern „[…] als Vorstufe einer Militarisierung auch den Versuch, ökonomische und/oder sozialkulturelle Dominanz zu erlangen, sowie das Bestreben, innerhalb der (regionalen und/oder internationalen) Umwelt den Diskurs zu den eigenen Gunsten zu bestimmen.“ 5 Weiter beschreibt Weiberg die Bedeutung von Sicherheit als die Möglichkeit die Existenz als ethnische Gruppe zu bewahren.
Vor dem Hintergrund des Konzeptes des Sicherheitsdilemma, lautet meine Hypothese wie folgt: Wenn in einem Staat, der sich in einem Transformationsprozess befindet, mehrere ethnische Minderheiten angesiedelt sind und die einzelnen Ethnien um ihre politische Existenz fürchten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese miteinander in Konflikt treten. Im Folgenden Abschnitt soll nun zunächst eine geschichtliche Einordnung vorgenommen werden. Der Zerfall Jugoslawiens war schließlich der Ausgangspunkt des internen Sicherheitsdilemmas Bosnien-Herzegowinas.
2. Der Zerfall der sozialistischen föderativen Republik Jugoslawien
Um den Krieg in Bosnien-Herzegowina zu verstehen, ist es zunächst notwendig die Ausgangssituation, den Niedergang des kommunistischen Jugoslawiens, genauer zu betrachten.
Es ist schwierig den Anfang des jugoslawischen Zerfallsprozesses genau zu datieren. Die Wirtschaftskrise in den 1980er Jahren kann jedenfalls als ein grundlegender Faktor
3 Vgl. Weiberg 2006, S.4
4 Vgl. Schmidt 2004, S.638-639; Posen 1993, S.27-35
5 Weiberg 2006, S. 4
4
angesehen werden, welcher die Desintegration Jugoslawiens sowohl ökonomisch, als auch politisch entscheidend förderte. Zu beobachten war eine Entwicklung von separaten SubÖkonomien und eine Reduzierung von Kommunikations- und Kooperationsbeziehungen innerhalb der Republik. Auch der Tod Titos wirkte sich auf den Zerfall Jugoslawiens in der Hinsicht aus, dass sich eine Vielzahl nationalistischer Bewegungen entwickelte. Dadurch beschleunigte sich die Erosion der wesentlichen jugoslawischen Strukturen, womit auch eine Zerstörung der grundlegenden Elemente einer überethnischen jugoslawischen Identität einherging. Somit schritt der Rückzug der Menschen in nationale oder kulturelle Selbstdefinition schnell voran. Als Identifikationsquellen dienten nun verstärkt die eigene Sprache und Kultur. Die Homogenisierung der Heimat empfanden zu diesem Zeitpunkt viele Menschen als Mittel zum persönlichen Wohlstand. Somit scheint es nicht überraschend, dass in den ersten demokratischen Wahlen 1990 in fast allen Teilen Jugoslawiens bürgerliche bzw. national orientierte Parteien den Sieg erringen konnten. 6 Die Desintegration Jugoslawiens vollzog sich parallel auf rechtlicher, wirtschaftlicher und militärischer Ebene. Durch die Erosion der staatlichen Strukturen wurden die Bundesgewalten Jugoslawiens gelähmt. Weiterhin spaltete die Frage nach der Reformierbarkeit des politischen Systems die Parteienlandschaft in zwei Lager: die nach einer Einführung parlamentarischer Demokratie verlangenden slowenischen
Reformkommunisten und die serbischen Verfechter eines Einparteiensystems. An der Jahreswende 1989/1990 kam es zu einer Spaltung der Einheitspartei „Bund der Kommunisten Jugoslawiens“ (BdKJ) und 1990 nahmen die einzelnen Republikführungen schließlich die Kompetenzen des Staates schrittweise an sich. Somit zog die Spaltung der Einheitspartei die Auflösung des jugoslawischen Rechtsystems nach sich. Mit der Aufgabe des Einheitsgedanken durch die Europäische Gemeinschaft im Oktober 1991, galt die sozialistisch föderative Republik Jugoslawien als faktisch aufgelöst. 7 Um die Gründe für den Kriegsausbruch in Bosnien-Herzegowina zu beschreiben, lohnt es sich einen genaueren Blick auf die Position der Teilrepublik während des jugoslawischen Zerfallsprozesses zu werfen.
3. Bosnien-Herzegowina im jugoslawischen Zerfallsprozess
Die Auflösung Jugoslawiens belastete Bosnien-Herzegowina besonders stark, da es in seiner ethnischen Zusammensetzung der sozial-kulturellen Vielfalt Jugoslawiens entsprach und es keine Anzeichen dafür gab, dass Bosnien-Herzegowina als souveräner Staat unter
6 vgl. Calic 1995, S. 32-40
7 vgl. Calic 2005, S.99-107; Calic 1995, S. 32-40; Petritsch 2001, S.21-26
5
Arbeit zitieren:
Anne-Kristin Müller, 2008, Interethnisches Sicherheitsdilemma in Bosnien-Herzegowina, München, GRIN Verlag GmbH
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