1. Einleitung
Wenn heute Shakespeare’s „Kaufmann von Venedig“ aufgeführt wird, erregt die Figur des Juden Shylock in der Regel die größte Aufmerksamkeit und spaltet sowohl die Meinungen der Zuschauer, als auch die der Regisseure und Schauspieler. Viele haben gerade in Deutschland immer noch Schwierigkeiten im Umgang mit der Tatsache, dass in diesem Stück ein Jude von seinen christlichen Mitbürgern auf Grund seiner Religion verachtet und gedemütigt wird, und zusätzlich auch noch als unsympathisch dargestellt wird.
Die Schwierigkeit der Interpretation der Figur Shylock ist zwar interessant, doch ist eine andere Figur in William Shakespeare’s Stück noch viel spannender zu betrachten: Die reiche Erbin Portia.
Shakespeare lässt diese Frau intelligenter auftreten als seine männlichen Charaktere, und bewahrt durch sie und ihre Klugheit den Kaufmann Antonio in letzter Sekunde davor, dass Shylock ihm ein Stück Fleisch aus dem Körper schneidet. Ohne Portia wäre die Komödie zur Tragödie geworden.
Aus diesem Grund soll die Rolle der Portia in dieser Arbeit genauer betrachtet und analysiert werden. Was zeichnet sie aus? Wie wird sie dargestellt? Wie ist ihr Charakter?
Auch soll ihr Umfeld und ihr Stand in der Gesellschaft beleuchtet werden. Dazu wird hauptsächlich die Inszenierung des Kaufmanns von Venedig im Kölner Schauspielhaus des Regisseurs Michael Talke 1 herangezogen und mit anderen Inszenierungen - wie zum Beispiel der von Peter Zadek aus dem Jahr 1988 am Wiener Burgtheater 2 – verglichen.
Des Weiteren lohnt sich in diesem Zusammenhang eine nähere Betrachtung der gesellschaftlichen Position der Frau zu Shakespeare’s Lebzeiten. Portia wird als moderne, unabhängige Frau gezeigt, die sich nicht still ihrem Schicksal fügt, sondern eine eigene Meinung hat und diese auch kundtut. Doch im Elisabethanischen Zeitalter war die Rolle der Frau genau gegenteilig definiert. Warum gab Shakespeare also einer Frau eine so bedeutende Rolle?
Diese und weitere Aspekte werden im Folgenden beschrieben, analysiert und interpretiert.
1 Der Kaufmann von Venedig, Michael Talke, Schauspielhaus Köln/Deutschland 2005.
2 Der Kaufmann von Venedig, Peter Zadek, Burgtheater Wien/Österreich 1988.
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2. Die Frauenwelt im Elisabethanischen Zeitalter
Bei der Analyse der Welt der Frauen in der englischen Renaissance sind zwei Gesichtspunkte besonders zu beachten: Zum einen die Rolle der Frau in der Gesellschaft und zum anderen die Position der Frau im Theater. Darauf wird im Folgenden genauer eingegangen.
2.1 Die gesellschaftliche Position der Frau
Im Elisabethanischen Zeitalter 1558-1603 wurden im Hinblick auf das Bild der unterschiedlichen Geschlechter Theorien aus der Antike wieder aufgenommen. Diese besagten, dass jeder Mensch als weibliches Wesen auf die Welt kommt und erst im Laufe der Entwicklung in eine bestimmte Richtung gelenkt wird. Entweder verläuft die Entwicklung richtig, und der Mensch wird zum Mann, oder er entwickelt sich nicht weiter und bleibt eine Frau.
Männlichkeit wurde als gottgegebenes Glück angesehen, Weiblichkeit hingegen als geschlechtlicher Mangel. Auch war die Meinung verbreitet, dass die weiblichen Geschlechtsorgane nicht etwas Spezifisches, sondern nicht richtig entwickelte, nach innern gekehrte männliche Organe seien. Die Männer galten nach dieser Vorstellung
als vollständig entwickelter Mensch, die Frauen jedoch als Mängelwesen. 3
2.2 Männertheater
Die gesellschaftlichen Vorstellungen über Männer und Frauen beherrschten auch die Theater des Elisabethanischen Zeitalters. Es gab nur männliche Theaterbesitzer und Stückeschreiber, Frauen hatten in dieser Welt keinen Platz. In den Theaterstücken gab es zwar weibliche Rollen, doch wurden diese ausschließlich von Männern gespielt, da auf der Bühne ebenfalls keine Frauen erwünscht waren. Die männlichen Autoren der Theaterstücke schrieben demzufolge fast ausschließlich Theaterstücke
mit Männern in den Hauptrollen. 4 Dies ist auch bei William Shakespeare zu beobachten. Es geht fast immer nur um Männer, Frauen sind entweder gar nicht, oder nur als Nebenfiguren vorgesehen.
Allein die Titelauswahl der Shakespeare-Werke verdeutlicht dies. 5 „Frauen erscheinen nur dann als Mitglieder der Bühnengesellschaft, wenn sie – wie Lady Macbeth und 3 Vgl. Stephen Greenblatt: Verhandlungen mit Shakespeare. Innenansichten der englischen Renaissance. Frankfurt/Main 1993, S.112ff.
4 Vgl. Ina Schabert: Shakespeare-Jahrbuch. Stuttgart 1992, S.466ff.
5 Vergleiche hierzu eine Auswahl von Shakespeares Werken wie beispielsweise „Hamlet“, „Othello“, „König Lear“ oder „Julius Caesar“.
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Lady Macduff – für die Durchführung der Handlung benötigt werden. Während die Söhne (und potentielle Nachfolger) meist mit im Spiel sind, bleibt die Position der Ehefrau meist unrealisiert.“ 6 Eine Ausnahme bildet, wie bereits angedeutet, die Figur Portia im „Kaufmann von Venedig“. Shakespeare macht diese zu einer unabhängigen, selbstsicheren Frau, die zwar nicht im Titel des Stücks genannt wird, jedoch eine entscheidende Rolle hat. Darauf wird in Kapitel 3.2 und 4.1 genauer eingegangen.
3. Der Kaufmann von Venedig
Um die Darstellung der Frauenwelt in der Kölner Inszenierung des Kaufmanns von Venedig hinreichend analysieren zu können, wird im ersten Teil dieses Kapitels zunächst auf allgemeine inhaltliche Aspekte von Shakespeares Werk eingegangen, der zweite Abschnitt befasst sich mit der Figur Portia.
3.1 Inhalt
Wie die meisten seiner Zeitgenossen hatte auch Shakespeare eine Vorliebe für das Fremde und Unbekannte, und ließ deshalb viele seiner Stücke nicht im vertrauten England spielen. Dies ist auch im „Kaufmann von Venedig“ zu beobachten. Für die Engländer zu Shakespeares Zeit war Venedig ein weit entfernter Ort, den sie nicht kannten und nur schwer einschätzen konnten. Die Verlegung der Handlung in ein fremdes Land bot für den Autor einige Vorteile. So konnte er brisante Themen, über die zu urteilen im Elisabethanischen England verboten war, aufgreifen und sie durch die Wahl eines unbekannten Ortes so verfremden, dass ihm niemand nachweisen konnte, dass sich zum Beispiel seine Kritik an einem fiktionalen Staatsoberhaupt in Wahrheit auf Queen Elisabeth bezog. Im Kaufmann von Venedig könnte demnach das Judentum ein Synonym für den Katholizismus sein, der in England zu Shakespeares Zeiten unter Todesstrafe verboten war.
Der wohlhabende Kaufmann Antonio ist die Titelfigur des Stücks „Der Kaufmann von Venedig“. Er befindet sich in einer schwermütigen und melancholischen Verfassung „Mir gilt die Welt nur wie die Welt, ein Schauplatz, wo man eine Rolle spielt, und mein’ ist traurig.“ 7 und hat aus depressiver Risikobereitschaft sein gesamtes Kapital auf Schiffen verteilt, die auf den Weltmeeren unterwegs sind. Darum kann er seinem
6 Ulrich Suerbaum: Shakespeares Dramen. Tübingen 2001. S. 114.
7 Dr. I.E.Walter (Hrsg): Die großen Klassiker. Literatur der Welt in Bildern, Texten, Daten. William Shakespeare. Werke. Salzburg 1981,S.328.
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Arbeit zitieren:
Annika Hoffmann, 2007, Der Kaufmann von Venedig, München, GRIN Verlag GmbH
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Monotheismus im Markusevangelium am Beispiel von Mk 12,28-34
Theologie - Biblische Theologie
Hausarbeit, 20 Seiten
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