1 Einleitung
„Und der Haifisch der hat Zähne und die trägt er im Gesicht…“ 1 - diese Zeilen des wohl bekanntesten Musiktitels aus Bertolt Brechts und Kurt Weills „Dreigroschenoper“ 2 kennt heutzutage fast jeder. Dieser und weitere Songs aus dem Stück wurden von diversen Rock-und Popbands interpretiert, und sind deshalb auch der jüngeren Generation und den Nicht-Theaterinteressierten ein Begriff. Immerhin die Musik der „Dreigroschenoper“ kennt jeder. Sie wurde von Kurt Weill geschrieben und trug erheblich zum Bekanntheitsgrad, und damit zum Erfolg der „Dreigroschenoper“ bei.
Aber auch über die Inszenierung an sich wurde immer wieder diskutiert. Denn die „Dreigroschenoper“ ist in ihrer mehr als 80jährigen Aufführungsgeschichte zahlreich inszeniert, interpretiert und analysiert worden. Viele Regisseure versuchten sich seit der Uraufführung 1928 an diesem Stoff. Auch gab es Verfilmungen des Stücks, die im Fall der Interpretation von Georg Wilhelm Pabst 3 , zum spektakulären „Dreigroschenprozess“ führten. Dabei gab es Unstimmigkeiten über die Art der Umsetzung des Stoffes zwischen Brecht und der Filmverleih-Firma, die bis vor Gericht führten.
Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ beschäftigt Publikum und Medien seit nun fast 80 Jahren. Es vergeht kaum ein Monat ohne eine Aufführung des Stücks. Und immer wieder gibt es neue Inszenierungen über die geredet wird. So zum Beispiel die von Regisseur Roberto Ciulli, um die es hauptsächlich in dieser Arbeit geht. Die Premiere fand 2001 im Theater an der Ruhr in Mülheim statt und die Inszenierung ist bis heute ein voller Erfolg. 4 W a r u m d i e s e Interpretation so gut ankommt, wird im Folgenden beantwortet werden. Ciullis Inszenierung wird auch mit anderen Aufführungen und Verfilmungen verglichen werden. Besonders beachtet werden dabei die Uraufführung unter der Regie von Erich Engel und Bertold Brecht persönlich 5 , die umstrittene Verfilmung von Pabst 6 und die jüngst heftig kritisierte Regiearbeit Klaus Maria Brandauers in Berlin 7 . Außerdem wird eine Aufführung des Schauspiels Köln herangezogen, die so erfolgreich war, dass sie bis nach Japan eingeladen wurde 8 .
1 Bertolt Brecht: Die Dreigroschenoper. Text und Kommentar. Frankfurt/Main 1955. S.10
2 Bertolt Brecht: DIE DREIGROSCHENOPER. UA Berlin 1928. R: E. Engel
3 Bertolt Brecht: DIE DREIGROSCHENOPER, D 1930/31, R: G. W. Pabst
4 Seit 1980 Regisseur am Theater an der Ruhr in Mühlheim.
5 DIE DREIGROSCHENOPER. R: R. Ciulli, Mülheim an der Ruhr, 2001.
6 DIE DREIGROSCHENOPER. R.: G.E. Pabst, 1930/31.
7 DIE DREIGROSCHENOPER. R: K. M. Brandauer, Berlin 2006.
8 DIE DREIGROSCHENOPER. R: G. Krämer, Berlin 1987.
Dabei stellt sich die Frage, was das Besondere an Roberto Ciullis Aufführung ist und was diese auszeichnet. Was macht die Inszenierung zum Erfolg?
Weiterhin ist es interessant zu hinterfragen, warum sich das Publikum heute noch für die Dreigroschenoper interessiert. Wie muss ein Regisseur inszenieren, um auch heute noch mit dem Stoff das Publikum zu erreichen?
Weiterhin wird, soweit das möglich ist, untersucht, ob Ciullis Dreigroschenoper in Brechts Sinne gewesen wäre.
Ferner wird auf den Regisseur Roberto Ciulli und das Theater an der Ruhr eingegangen werden um einige Hintergrundinformationen zu haben.
Zunächst wird es aber um die Entstehung und Vorgeschichte der „Dreigroschenoper“ gehen.
2 Die „Dreigroschenoper“
Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ wurde 1928 in Berlin uraufgeführt und ist das erfolgreichste Theaterstück der Weimarer Republik und des gesamten 20. Jahrhunderts. Brecht und Weill gelang etwas, das sie weder erwartet, noch beabsichtigt hatten: Sie schufen „hohe Kunst, die kommerziell erfolgreich und konsumierbar“ 9 war. Von den Nationalsozialisten 1933 verboten, erlebte die „Dreigroschenoper“ nach dem 2. Weltkrieg eine erfolgreiche Wiederaufnahme und wird bis heute häufig gespielt. Seit der Uraufführung gab es diverse Aufführungen und Verfilmungen, auf einige von denen hier noch genauer eingegangen wird. Viele Regisseure versuchten sich an dem Stoff und interpretierten die „Dreigroschenoper“ unterschiedlich. Das damals sehr zeitkritische Stück wird heute immer wieder in verschiedenen Varianten gezeigt, immer wieder anders gedeutet, mal kritisch, mal weniger aufrüttelnd. Zur Zeit der Uraufführung wurde in Deutschland durch die „Dreigroschenoper“ vor allem das bürgerliche Publikum angesprochen. Die Idee zum Stück stammt allerdings nicht von Brecht alleine. Es gab ein Schauspiel, das 100 Jahre vor Brechts „Dreigroschenoper“ geschrieben wurde, über dessen Rolle bei der Entstehung der „Dreigroschenoper“ viel diskutiert wurde. War es ein Vorbild für Bertolt Brecht? Hat er abgeschrieben? Oder war es nur Material zum Bearbeiten für ihn? Dies wird im nächsten Abschnitt beantwortet werden.
9 Reinhold Jaretzky: Bertolt Brecht. Hamburg 2006, S. 54.
2.1 Die Funktion der „Beggar’s Opera“ für Brecht
1728 schrieb der britische Autor John Gay „The Beggar’s Opera“ 10 . Diese Aufführung war Stadtgespräch in London und wurde ein großer Erfolg, unter anderem auch deswegen, weil zum ersten Mal Bettler, Huren und Ganoven auf der Opernbühne zu sehen waren und satirisch Kritik an der Gesellschaft geübt wurde. Die „Beggar’s Opera“ lief 62 mal in einer Spielzeit 11 , was sowohl damals als auch noch heute sehr häufig ist. 1920 wurde das Stück neu bearbeitet und wiederaufgeführt. Diese Version war noch erfolgreicher als die von 1728 und brach mit 1500 Aufführungen alle Rekorde. 12 Durch Elisabeth Hauptmann 13 hörte Brecht von diesem Erfolg und beschloss, dieses Stück ebenfalls neu zu schreiben. Elisabeth Hauptmann übersetzte „The Beggar’s Opera“ und Kurt Weill und Brecht bearbeiteten das Werk.
Der Titel von Gay „Beggar’s Opera“ wurde in der deutschen Übersetzung oft falsch wiedergegeben. So ist nicht „Die Bettleroper“ gemeint, sondern „Des Bettler’s Oper“, also eine Oper für Bettler. Deswegen wohl auch bei Brecht „Die Dreigroschenoper“, also eine Oper, die sich auch arme Leute leisten können. Oder aber ein Oper, die nicht mehr als drei Groschen wert ist. Wobei wohl nicht der Wert von Brechts Stück gemeint ist, sondern die Gattung Oper generell angespielt wird.
Es kommt immer wieder die Behauptung auf, Brecht habe von John Gay „abgeschrieben“, die „Dreigroschenoper“ nicht selbst erfunden, sondern nur kopiert, und kein wirklich neues Stück geschrieben.
Und tatsächlich fallen viele Gemeinsamkeiten auf. So gibt es in beiden Stücken den ausbeuterischen Peachum, Huren und Diebe, eine korrupte Polizei und die Figur von Macheath (Mackie Messer).
Auch scheint sich die Handlung zu ähneln: Sowohl bei Gay als auch bei Brecht wird Mackie wegen der Hochzeit mit einer wohlhabenden Bürgertochter, und wegen diverser Betrügereien, verhaftet und am Ende begnadigt.
10 John Gay: THE BEGGAR’S OPERA, GB 1728.
11 http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kalenderblatt/729346/, 29.2.08.
12 ebd.
13 Hauptmann war Schriftstellerin und Mitarbeiterin von Brecht.
Bertolt Brecht gestand zwar, dass er aus Mangel an Zeit so wenig wie möglich an Gays Opera verändern wollte 14 , es gibt aber auch eindeutige Abweichungen. Schon beim oberflächlichen Vergleich beider Stücke werden einige Unterschiede sichtbar. Sowohl bei Brecht als auch bei Gay werden Aspekte der Gesellschaftskritik deutlich, allerdings in unterschiedlicher Form. Gays Kritik ist allgemeiner gehalten, Brecht hingegen wird viel deutlicher.
Die Namen der Figuren der „Dreigroschenoper“ sind zwar dieselben wie bei Gay, doch gibt Brecht ihnen eine neue Charakteristik und verändert die Beziehungen der Figuren untereinander und deren Tätigkeiten. So ist beispielsweise Macheath bei Gay nur für den Vertrieb der gestohlenen Ware zuständig, bei Brecht hingegen erfährt er eine Aufwertung. Er ist selbständiger „Geschäftsmann“ und arbeitet mit seinen Leuten auf eigene Rechnung. Bei Brecht gibt es außerdem eine völlig neuartige Inszenierung des Bettlergeschäftes durch Peachum, der nicht „in Moral“ sondern „von der Moral“ lebt. 15 Brecht entwickelt in diesem Zusammenhang ein neues Motiv und stellt es neben Gays zentrales Thema der Kämpfe zwischen den einzelnen Diebesbanden. Er zeigt den sogenannten Mitleidskapitalismus, das moralische Geschäft in den Straßen Londons.
Auch gibt es bei Brecht neue Charaktere, die bei Gay nicht vorkommen, wie zum Beispiel der Polizeichef. Durch diesen wird die Rolle des Macheath aufgewertet und die von Peachum verändert. Anstelle von Peachum hat bei Brecht der Polizeichef gute Beziehungen zur Obrigkeit. Peachums Mittel ist das Elend der Bettler und deren Demonstration des Elends. Er profitiert vom Leid der Bettler und vom Mitleid der Gesellschaft mit denselben, indem er sie auf die Straße schickt und das Geld, das sie, besonders bemitleidenswert verkleidet, erbetteln, für sich behält.
John Gays Anspielungen in seiner „Beggar’s Opera“ sind so allgemein, dass sie nicht unbedingt auf sein eigenes Umfeld angewendet werden müssen, sie passen auch auf jede andere typische aufstrebende kapitalistische Gesellschaft. Durch die durch das Allgemeine entstehende Mehrdeutigkeit fällt die Kritik, je nachdem wie sie interpretiert wird, auch vielfältig aus: So werden sowohl politische, soziale und künstlerische Missstände bemängelt. Außerdem wird bei Gay Kritik an heroischen Dramen und sentimentalen Komödien seiner Zeit geübt und an der Opera seria. Diese realitätsferne Operngattung wurde hauptsächlich in
14 W. Hecht: Die Dreigroschenoper und ihr Urbild. In: W. Hecht: Brechts Dreigroschenoper. Frankfurt/Main
1985, S. 201ff.
15 D. Wöhrle: Die Dreigroschenoper. Frankfurt/Main 1996. S.56.
Arbeit zitieren:
Annika Hoffmann, 2007, Die Dreigroschenoper im Theater an der Ruhr, München, GRIN Verlag GmbH
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