WS 08/09 Essay I: Kontinuitätskonzepte Mirko Ückert
Situation und in Zusammenhang damit auf ein früheres Verhalten bzw. auf frühere Erfahrungen bezogen ist. Das bedeutet, dass die gegenwärtige Verhaltungsweise eine Art konsequente Anwendung bereits früher als erfolgreich erlebter Verhaltensstrategien darstellt, oder, dass ein Verhalten in der Gegenwart eine Konsequenz aus vergleichbaren Erfahrungen aus der Vergangenheit, vor allem der frühen Kindheit ist. 1
Dies impliziert, dass ein späteres Verhalten mit Hilfe eines ausführlichen und exakten Lebenslaufs aus den Erfahrungen des Säuglings-, Kindes- und des Jugendalters ableitbar ist. Dafür ist es lediglich vonnöten, genug Daten zur Verfügung zu haben, die in Zusammenhang mit dem betreffenden Verhalten stehen könnten. Des Weiteren wäre es, dieser Hypothese folgend, vorstellbar, zukünftige Verhaltensweisen vorherzusagen oder zumindest mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu prognostizieren.
Die zukünftigen Ereignisse und die Entwicklung eines Individuums können jedoch nicht mit absoluter Gewissheit vorausgesagt und folglich lediglich prognostiziert werden. Der Begriff der Diskontinuität beschreibt in diesem Kontext Brüche in der kontinuierlichen Entwicklung, die sich nicht anhand der Biographie eines Individuums erklären lassen. Solche Brüche entstehen beispielsweise, wenn ein Mensch sein soziales Milieu wechselt indem er in ein anderes Land migriert, oder wenn ihm ein kritisches Lebensereignis widerfährt, zum Beispiel in Form des Todes einer nahestehenden Person. 2 2 Phänotypische Kontinuität.
Das erste Konzept über Kontinuität, welches im Rahmen dieses Essays vorgestellt werden soll, ist die Phänotypische Kontinuität. Die Grundannahme dieses Konzepts ist, dass „ein Zusammenhang zwischen Verhalten A zum Zeitpunkt T1 und Verhalten A zu einem Zeitpunkt T2 besteht.“ 3 . Das heißt, dass das ein spezifisches Verhalten, welches zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben präsentiert wurde, ursächlich und in seiner Ausprägung kongruent ist.
Weiterhin wird im Rahmen dieser Konzeption zwischen verschiedenen Formen von Stabilität innerhalb der Kontinuität unterschieden, um umfassende Verhalts- und
1 Keller, Heidi (2. vollst. überarb. Auflage, 1997): Handbuch der Kleinkindforschung. Bern: Huber. S 236
2 Handout zum Referat „Kontinuitätskonzepte“
3 Keller, Heidi. 1997: S. 239
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Zeitkorrelationen erklären zu können. Dabei werden drei Fälle von homotypischer Stabilität in Bezug auf die Meßzeitpunkte unterschieden: Ordnung, schwache Stabilität und starke Stabilität.
Im Fall der Ordnung sagt aus, dass sich eine bestimmte Verhaltensweise A intraindividuell in einer unveränderlichen Abfolge entwickelt, die Entwicklung jedoch interindividuell unterschiedlich schnell stattfindet. Es handelt sich dabei um normative Stabilitätseffekte. Das bedeutet, dass ein Verhalten A, zu verschieden Zeitpunkten gemessen, die Entwicklung eines bestimmten Merkmals repräsentiert. Ein Beispiel hierfür ist der Intelligenz-Quotient (IQ), welcher mit Erreichen des Erwachsenenalters eine hohe normative Stabilität aufweist. Innerhalb der schwachen Stabilität stimmt ein spezifisches Verhalten A zu den Meßzeitpunkten T1 und T2 überein, jedoch nicht zu anderen Meßzeitpunkten TN, während bei der starken Stabilität das Verhalten zu allen Zeitpunkten TN korreliert. 4 Ein Beispiel für diese Form von Stabilität ist das Autofahren. Hierbei erfordert das Schalten der Gänge und die Bedienung von Kupplung, Gas- und Bremspedal zunächst recht viel bewusste Aufmerksamkeit. Mit fortschreitender Übung, und der damit einhergehenden Gewöhnung an die Handlungsabläufe, finden diese Prozesse dann mehr und mehr unbewusst statt und es werden Kapazitäten der bewussten Aufmerksamkeit für andere Aufgaben frei. Hier wird auch von absoluter Invarianz bzw. absoluter Stabilität gesprochen, was bedeutet, dass „eine einmal erworbene Fertigkeit nicht mehr verloren geht, außer durch extreme Umstände, z.B. schwere Krankheit.“ 5 . 3 Strukturelle Kontinuität.
Diese Betrachtungsweise über die Kontinuität der menschlichen Individualgenese legt ihren Schwerpunkt auf die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Verhalten bzw. zwischen verschiedenen Verhaltenssystemen. Kontinuität wird in diesem Kontext unter der Prämisse betrachtet, dass Entwicklung eine Abfolge von Neuorganisationen von Verhaltensweisen ist. Hierzu legt Keller (1997) verschiedene Aspekte dieser Konzeption dar, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll.
4 Ebenda
5 Ebd. S. 240
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Mirko Ückert, 2009, Kontinuitätskonzepte, München, GRIN Verlag GmbH
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