WS 08/09 Essay II: Entwicklungstheorie Freuds Mirko Ückert
besondere Bedeutung des Umgangs der Eltern mit den „körperlichen Bedürfnissen und Körperfunktionen des Kindes“ bei der individuellen Psychogenese hervorgehoben wird. Eine aufsehenerregende These Freuds war es, dass das menschliche Verhalten von Trieben bestimmt wird, vor allem den des Sexualtriebs. Dieser sei jedoch nicht als reines Verlangen nach Fortpflanzung zu verstehen, sondern war als Begriff viel breiter gefasst. Nach Trautner bezog er schließlich „alle Regungen und Aktivitäten [ein,] die auf Lustgewinn gerichtet sind.“ 2 , was Freud unter dem Begriff Libido zusammenfasste. Sie folgt dabei einem genetisch programmierten Ablaufprogramm. Die Libido ist die treibende Kraft hinter den Ereignissen und den sich ändernden Verhaltensweisen, die Freud in seiner Einteilung der psychosexuellen Organisations- oder Entwicklungsstufen beschreibt. Diese Phasen der Genese treten zu einer bestimmte Zeit in Erscheinung und fixieren jeweils unterschiedliche erogene Zonen mit Partialtrieben. Sie verlaufen dabei unter spezifischen universellen Gesetzmäßigkeiten. Die Triebhaftigkeit des Menschen nimmt, wie bereits erwähnt wurde, in Freuds Entwick-lungstheorie einen hohen Rang ein. Kinder sind ihr praktisch ausgeliefert und verfolgen die Erfüllung ihrer Triebe ohne Rücksichtnahme auf Begrenzungen und Forderungen seitens der Realität. Dieser Sachverhalt wird als Lustprinzip festgehalten. Erwachsene Menschen hingegen haben gelernt sich mit den Gegebenheiten der Umwelt zu arrangieren und können die Bedürfnisbefriedigung auf später verschieben oder auf einer anderen Art Ausdruck verleihen. Dies wird als Realitätsprinzip definiert. 2 Die Ichreifung.
Die Psychogenese ist in Freuds Augen quasi ein „Anpassungsprozess in Richtung auf die Sozialisation und Beherrschung von Triebbedürfnissen.“, was auch als Ichreifung bezeichnet wird. 3 Das Ich ist hier keine einheitliche geschlossene Entität, sondern besteht aus drei Teilen: dem seit Geburt existierenden Es aus dem sich im Entwicklungsverlauf ein Ich und darauf folgend ein Über-Ich entwickelt.
Das Es entspricht dem schon oben beschriebenen kindlichen Charakter. Es folgt dem Lustprinzip und ist ein unbewusster und irrationaler Wesenszug.
2 Ebenda
3 Ebenda
Seite | 2
WS 08/09 Essay II: Entwicklungstheorie Freuds Mirko Ückert
Das Ich hingegen folgt bereits den Regeln des Realitätsprinzips. Es entwickelt sich in der Konfrontation mit der Realität, ist aber stark an das Es gebunden. Das vorherrschende Instrument, dessen sich das Ich bedient, ist die Angst als Signal für drohende Gefahren. Das Über-Ich als zuletzt ausgebildeter Teil der Persönlichkeit bildet die moralische Instanz, die erlernte Gebote und Verbote enthält. Sie besteht wiederum aus zwei Teilen. Zum einem aus dem „negativen Teil“, dem Gewissen, welches festlegt was nicht getan werden darf und beim Übertreten dieser Grenzen bestraft. Zum anderen aus einem „positiven“ Teil, dem Ich-Ideal, welches zum Ausdruck bringt, wonach ein Mensch strebt und wie er sein möchte. 4 3 Die Freudschen Entwicklungsphasen
Neben dieser Einteilung der Persönlichkeit in drei in wechselseitiger Beziehung stehende Bestandteile, ordnet Freud die verschiedenen Ausprägungen der Triebbefriedigung und einen sich wandelnden Fokus des Zentrums des Lustgewinns verschiedenen Phasen und Lebensabschnitten zu. Seine fünf Entwicklungsphasen umfassen chronologisch aufeinander folgend die orale Phase, die anale Phase, die phallische oder frühgenitalische Phase, die Latenz- und darauf folgend die genitale Phase. Diese fünf Phasen müssen Freud zufolge auf dem Weg zum Erwachsenwerden nacheinander abgeschritten werden. Dabei werden Merkmale vorheriger Stufen in die folgenden inkorporiert. Kommt es zu Störungen in der Abfolge oder ist die Belastung zu groß, die beim Konflikt zwischen Realitäts- und Lustprinzip entsteht, kann es zu einer Regression, zu einer Rückentwicklung zu früheren Phasen kommen. Seine Phaseneinteilung beschreibt Freud als gesetzmäßigen und universell gültigen Phasenablauf. Das bedeutet, dass die Individualgenese eines jeden Menschen seinem Schema folgend ähnlich abläuft, unabhängig von Erziehung, Ethnie oder Kultur. 5
Im Folgenden sollen die fünf Entwicklungsstufen Freuds charakteristisch dargestellt werden, um einen Überblick über die von ihm zugeschriebenen Entwicklungsmerkmale zu erhalten. Im Verlauf dessen sollen außerdem mögliche Konfliktfelder aufgezeigt werden, denen ein Mensch im Laufe seiner Individualgenese unter dem Aspekt der Freudschen Entwicklungs-theorie begegnen kann, und Spätfolgen solcher Konflikte aufgezeigt werden.
4 Ebd., S.69
5 Ebd., S.70
Seite | 3
Arbeit zitieren:
Mirko Ückert, 2009, Entwicklungstheorie Freuds, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Wollen Sie? Wille und Lernen im transgenerationalen Vergleich
Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft
Hausarbeit, 16 Seiten
Entwicklung als Triebschicksal - Die psychosexuelle Entwicklung des Ki...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Seminararbeit, 26 Seiten
Phasen der psychosexuellen Entwicklung nach Sigmund Freud
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Hausarbeit, 19 Seiten
Die Struktur der Zusammenarbeit von Richard Strauss und Hugo von Hofma...
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Der Einfluß der Psychoanalyse auf Hugo von Hofmannsthals Bearbeitung d...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 12 Seiten
Psychoanalytische Aspekte in "Elektra" von Hugo von Hofmanns...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 19 Seiten
Die Funktionsweise des Gedächtnisses anhand des Dreispeichermodells vo...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 12 Seiten
Die demografische Entwicklung in Deutschland und die daraus resultiere...
Pflegemanagement / Sozialmanagement
Hausarbeit, 18 Seiten
Mirko Ückert hat den Text Entwicklungstheorie Freuds veröffentlicht
Mirko Ückert hat einen neuen Text hochgeladen
Klassiker der Entwicklungstheorie
Von Modernisierung bis Post-De...
Karin Fischer, Gerald Hödl, Wiebke Sievers
Drei ideative Denkfiguren als Hilfsmittel der Weltdeutung: Gottesvorst...
Geistes- und kulturgeschichtli...
Emil Baader
The Post Card Post Card Post Card: From Socrates to Freud and Beyond f...
Jacques Derrida, Alan Bass
Reading Freud: A Chronological Exploration of Freud's Writings
A Chronological Exploration of...
Jean-Michel Quinodoz
0 Kommentare