Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1 1813- 1871: Tendenzen der Feindschaft im Überblick 5
2 Verbreitete Deutungsansätze als Faktoren der Feindbildausprägung. 10
2.1 Die napoleonischen Kriege als nationaler Deutungsrahmen 10
2.2 Die Sehnsucht nach Einigkeit 11
2.3 Die deutsche Opferrolle 13
2.4 Das Konzept objektiver Nationszugehörigkeit 16
2.5 Die kulturelle Dimension der Feindschaft 20
3 Zusammenführende Betrachtung: Das Feindbild in Frieden und Krieg. 24
3.1 Das Feindbild in Friedenszeiten. 24
3.2 Das Feindbild im Krieg. 26
Literatur. 29
Quellen. 29
Zeitungen u. Zeitschriften. 29
Forschungsliteratur 29
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Einleitung
Im Zusammenhang der Erforschung des Phänomens ‚Nationalismus’ ist das Augenmerk auch immer wieder auf die Rolle von Feindbildern gelegt worden. Als Kernpunkt jener Analysen findet sich das Prinzip, gemeinschaftliche Kohäsion durch den Ausschluss Dritter herzustellen. Diese konstituierende Rolle der Feindschaft zur Ausbildung eines nationalen Gemeinschaftsgefühls lässt sich sehr deutlich am Beispiel des deutsch-französischen Antagonismus im 19. Jahrhundert betrachten. Frankreich blieb über eine lange Zeit der Bezugspunkt deutscher Anfeindungen, wenn es darum ging, innerdeutschen Gegensätzen zugunsten erwünschter ‚nationaler’ Homogenität an Gewicht zu nehmen. 1 Ihre nationale Einigkeit erlangten die Deutschen sogar infolge des Sieges über die Franzosen im Krieg von 1870/71. Das Bild erscheint zunächst simpel: der Nationalismus beschwor die Feindschaft, die ihren Höhepunkt im Krieg fand, welcher die vereinte Stärke der Deutschen forderte und Einigkeit bewirkte. War der Krieg dabei nun das erwünschte und beschworene Mittel der Nationalisten oder eine praktische Fügung? Tatsächlich nehmen sich die hier wirksamen Dynamiken weit komplexer aus; damit die Kriegserklärung gegenüber Preußen 1870 überhaupt als Kampfansage an ‚die Deutschen’ verstanden werden konnte, mussten zuvor einige gemeinschaftsbildende Deutungsansätze ausgebildet werden und ihre massenwirksame Überzeugungskraft erst im Laufe der Zeit entwickeln.
Um einen detaillierten Blick auf diese Prozesse zu ermöglichen, widmet sich diese Hausarbeit deshalb folgender Fragestellung:
In welchem Verhältnis und Wirkungszusammenhang stand die Ausprägung feindschaftlicher deutscher Haltungen gegenüber Frankreich zum jeweiligen Zustand von Krieg oder Frieden? Inwieweit sind diese Ausprägungen als Ergebnis gesellschaftlicher Bedürfnisse erklärbar, und inwieweit hatten Feind- und in deren Zusammenhang stehende Selbstbilder wiederum Auswirkungen auf die Bereitschaft der Deutschen zu Krieg oder zu Frieden mit Frankreich?
Die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft dazu sind weitestgehend abgerundet, der Beitrag dieser Hausarbeit besteht darin, die Beobachtungen und Erklärungsansätze unterschiedlicher Historiker zusammenzufügen und in kleinschrittigerer Darstellung überschaubar zu machen.
1 Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 215 / Langewiesche: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und
Europa. S. 51 f.
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Die Ausprägungen der französischen Feindbilder jener Zeit sind am ausführlichsten von Michael Jeismann und Nikolaus Buschmann erforscht worden, die ihre Erkenntnisse zum großen Teil aus der Untersuchung zeitgenössischer Publizistik gewannen. Sie erklären Ressentiments und antifranzösische Meinungsmache jener Zeit als Ergebnis vielfältiger Dynamiken. Wichtige Faktoren sind dabei zumeist Deutungsmuster auf deutscher Seite, die das Verhältnis zum Feind als Teil historischer oder anthropologischer Ordnung begreifen, und daraus begründete Selbst- und Fremdzuschreibungen. Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, die als dominant erkennbaren Deutungsansätze der Feindschaft zu sortieren und einzeln darzustellen, um einen detaillierten Blick auf die sich überschneidenden Wirkungslinien zu ermöglichen. Für die Untersuchung soll im ersten Schritt (Kapitel 1) zunächst ein Überblick darüber gegeben werden, welche Tendenzen feindschaftlicher Haltungen in Deutschland vor und während des Krieges von 1870/71 beobachtbar waren. Es soll dargestellt werden, im Zusammenhang welcher politischer Ereignisse sich Höhepunkte antifranzösischer Rhetorik in Deutschland feststellen ließen.
Im darauf folgenden Schritt (Kapitel 2) soll es um die einzelnen Deutungsansätze und damit die Gründe für die zuvor skizzierten Ausprägungen der Feindbilder gehen. Betrachtet werden der Deutungsrahmen der napoleonischen Kriege, die deutsche Sehnsucht nach nationaler Einigkeit, die gegenüber Frankreich oft eingenommene Opferrolle, das Konzept der objektiven Nationszugehörigkeit und die kulturelle Dimension der Feindschaft. Im letzten Schritt (Kapitel 3) soll die Bedeutung jener Faktoren in den Zeiten des Friedens und des Krieges zusammenfassend erläutert werden.
Die Arbeit stützt sich vor allem auf die Forschungen von Michael Jeismann, Nikolaus Buschmann, Hans Fenske und Karl Georg Faber, die ihren Blick auf die deutsche Publizistik konzentrierten, sowie auf die Auswertungen deutscher Soldatenbriefe durch Frank Kühlich und die Berichte evangelischer wie katholischer Feldgeistlicher, die von Christian Rak zusammengetragen worden sind. Auch die Darstellung von Feindstereotypen in Karikaturen in der Betrachtung durch Michael Siebe soll Eingang in die Arbeit finden.
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1 1813- 1871: Tendenzen der Feindschaft im Überblick
Für diese Untersuchung der französischen Feindbilder und ihrer Bedeutung in Kriegs- und Friedenszeiten sollen sowohl die Zeitspanne zwischen den großen deutsch-französischen Waffengängen des 19. Jahrhunderts, also von 1813 bis 1871, als auch der Krieg von 1870/71 selbst in den Blick genommen werden.
Die politisch nationale Feindschaft der Deutschen gegenüber Frankreich oder den Franzosen, lässt sich als solche erstmals im Zusammenhang der sogenannten Befreiungskriege beobachten. Die Erfahrung der Fremdherrschaft teilten die Deutschen überregional. Auf ihrer Grundlage ließ sich mit Konzentration auf den gemeinsamen Feind langsam ein Gemeinschaftsgefühl stärken und das ‚Deutschtum’ literarisch feiern. Der aufkommende Nationalismus bescherte dem Blick auf den Kriegsfeind eine neue Qualität. Dieser wurde zur Negativschablone im Prozess eigener nationaler Selbstfindung. 2 So galt der Kampf im Verständnis jener Meinungsmacher nicht allein Napoleon sondern ebenso den Franzosen an sich. Während der aus der Tagespresse klingende Franzosenhass als wesentlicher Bestandteil der Kriegspropaganda, wohl vornehmlich die Kampfmoral der Deutschen steigern sollte, 3 galt es vereinzelten Nationalisten wie Theodor Körner, Max von Schenkendorf oder Ernst Moritz Arndt offenbar als Ziel, über die Kampfhandlungen hinaus den Hass wach zu halten und den Wert des Deutschtums anhand der vermeintlichen Dekadenz Frankreichs zu betonen. 4 Wenngleich das französische Feindbild in jener extremen Form nur von Wenigen propagiert wurde und auf deutscher Seite viele Gegenstimmen fand, 5 verhalf gewiss auch die Tatsache, dass Arndt oder Körner ihren Hass in lyrische Verse brachten, ihrer Rhetorik und ihren Feindbildern, den Krieg zu überdauern und weiteren Anklang in der noch jungen deutschen Nationalbewegung zu finden. Ihre liberalen Vertreter kamen nach dem Kriegsende zwar auch ohne ein französisches Feindbild aus, doch erhielt es sich der extreme Flügel der ‚Deutschtümler’ und entwickelte infolge der Juli-Revolution 1830 erneute Invasionsängste. 6
Die deutsch-nationalistisch motivierte Abgrenzung nach außen und gegen Frankreich stellt auch Dieter Langewiesche als zwar immer präsentes, allerdings während der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch nicht dominantes Prinzip dar. 7
2 Hagemann: „Mannlicher Muth und Teutsche Ehre“. [...]. S. 242 / Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 93. Lange-
wiesche: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa. S. 98.
3 Hagemann: „Mannlicher Muth und Teutsche Ehre“. [...]. S. 246
4 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 112.
5 Hagemann: „Mannlicher Muth und Teutsche Ehre“. [...]. S.251 ff.
6 Poidevin/Bariéty: Frankreich und Deutschland. [...]. S. 52.
7 Langewiesche: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa. S. 199f.
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Eine neue Bezugsfläche erhielten Ängste und Vorbehalte gegenüber dem Nachbarn Frankreich ab 1851 mit dessen neuem Kaiser Napoleon III. Diese wurden allerdings zunächst nur in der Unterhaltungspresse offenkundig. Ob deren Warnungen nun politisch begründet waren, wie im Kladderadatsch, der den Kaiser in die Rolle des Unterdrückers der Franzosen und ärgsten Feindes der Republik setzte, 8 oder sich schlicht auf Rollenerwartungen stützten und Napoleon III. aufgrund der Gleichheit von Namen und Titel wie schon seinen Onkel als ehrgeizigen Verführer eines wankelmütigen Volkes verstanden, 9 sie konkurrierten in den 50ern zumeist mit einem pro-französischen Enthusiasmus der politischen Tagespresse. Auch wenn die liberale Kölnische Zeitung einräumen musste, dass die bürgerlichen Freiheitsrechte des französischen Volkes „für den Augenblick“ etwas eingeschränkt seien, 10 genügte der innenpolitische Antagonismus zur Konservative, um über dessen antirepublikanischen Geist hinweg Hoffnungen in das neue Frankreich als Repräsentant der Moderne und möglicher Gegenkraft zum System der Reaktion zu setzen. Der Krimkrieg ließ Frankreich zudem als akzeptablen Bündnispartner im Kampf gegen das russische Expansionsbestreben erscheinen. Das Kriegsbündnis zwischen Frankreich und Österreich, und damit zweier katholischer Kaiser, brachte auch das katholische Lager auf Frankreichs Seite und machte Napoleon III. für die „Histo- rischPolitische[n] Blätter“ zum Kämpfer für die Religion und gegen die Revolution. Einzig die preußisch-evangelische Orthodoxie tat sich in jener Zeit schon aufgrund ihrer eigenen Werteorientierung am konservativen Russland mit Anklagen an ein vermeintlich unsittliches Frankreich hervor. 11
Doch die außenpolitischen Erfolge Frankreichs ließen in Deutschland zunehmend Sorgen um ein mögliches Bestreben des Nachbarn nach europäischer Vormacht aufkommen. Die einst positiven Einschätzungen der deutschen Presse änderten sich endgültig 1859, als Frankreich sich mit Piemont-Sardinien verbündete und nun gegen Österreich und die Interessen der Habsburger eintrat, deren oberitalienische Besitztümer durch die italienische Nationalbewegung gefährdet waren. Der neue antifranzösische Konsens speiste sich sowohl aus nationaler Loyalität vieler zu Österreich als auch aus der vermeintlichen Bestätigung jener Ängste, die die französische Außenpolitik als Ausdruck der Expansionsziele Napoleons III. deuteten. Zahlreiche deutsche Zeitungen befürchteten im Falle einer österreichischen Niederlage eine französische Offensive am Rhein. 12
8 Siebe: Von der Revolution zum nationalen Feindbild. [...], S. 132 ff.
9 Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 224.
10 Kölnische Zeitung, Nr. 1, 1.1.1854, zit. nach Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 222 ff.
11 Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 222 ff.
12 Poidevin/Bariéty: Frankreich und Deutschland. [...], S. 84.
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Analogien zum Kampf gegen Napoleon I. wurden in der Presse gezogen, und gingen einher mit der Forderung nach deutscher Einigkeit, deren Wichtigkeit sich aus dem selben historischen Deutungsrahmen erklären ließ. Das Anfang Mai 1859 präsenteste Feindbild war das, eines cäsaristischen Napoleon III., der das Friedensversprechen auch gegenüber seinem eigenen Volk brach und es, seinem Onkel nacheifernd, in einen Krieg führte, um seine eigene Herrschaft zu sichern. So fühlte sich die „Gartenlaube“ sogar dazu angehalten, das französische Volk in einem „Offene[n] Sendschreiben an Ludwig Napoleon“ über die Verlogenheit seines Kaisers aufklären zu wollen; 13 zunächst erlaubte die verbreitete Deutung noch, die Franzosen selbst als Opfer herrschaftlicher Kriegstreiberei in Schutz zu nehmen, wenn auch nicht losgelöst von Diffamierungen, die einen oberflächlichen Nationalcharakter und vermeintlichen kulturellen Niedergang Frankreichs zur Voraussetzung für den Aufstieg eines schurkischen Kaisers erklärten. 14
Die Vorstellung eines zum Krieg verführten Volkes ließ sich mit Beginn der Kampfhandlungen im Mai 1859 nicht mehr aufrecht erhalten. Es lässt sich am Beispiel des Jahres 1859 gut die Konkurrenz zweier Hauptdeutungsansätze erkennen, die entweder die Bedrohung Deutschlands durch die Interessen französischer Machthaber oder alternativ eine nationale Feindschaft, eine Feindschaft der Völker ins Zentrum der Konflikte stellten. Der entschiedenen Propagierung einer Variante folgte nun ebenso entschiedene Revision. Der Topos der Erbfeindschaft wurde entgültig wiederbelebt, und mit der Umdeutung des Feindbildes ließ sich außerdem eine stärkere Verlagerung von politischer zu kultureller Argumentation in der antifranzösischer Rhetorik beobachten, wie sie bis dahin eher in der Unterhaltungs- kaum aber in der politischen Tagespresse aufgetreten war. 15
Weitere Bestätigungen für die als charakteristisch französisch angesehenen Eroberungsgelüste fand man mit der Annexion Nizzas und Savoyens durch Frankreich im Frühjahr 1860, der Intervention in Mexiko ab 1862 16 oder den 1867 bekundeten Ansprüchen Frankreichs auf Luxemburg.
Mehr und mehr etablierte sich bereits über die 60er Jahre hinweg in den deutschen Landen die Erwartung einer baldigen militärischen Konfrontation mit dem westlichen Nachbarn. Dies geschah durchaus auch aus einer hoffnungsvollen Perspektive, denn in den Jahren der innenpolitischen Reaktion, des sich verschärfenden Gegensatz der beiden größten deutsche Mächte,
13 Offenes Sendschreiben an Ludwig Napoleon. In: Gartenlaube, 1859, Nr.21. zit. nach Buschmann: Einkreisung und Waf-
fenbruderschaft. [...], S. 227
14 Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 230 ff.
15 Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 230 ff.
16 infolge hoher Verschuldung Mexikos intervenierte die französische Regierung 1862 und versuchte, durch Einsetzung
Maximilians I. eine von Frankreich abhängige Monarchie zu etablieren.
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Preußen und Österreich, erlaubte allenfalls die Vorstellung eines ‚brüderlichen’ Kampfes gegen den gemeinsamen ‚Erbfeind’ noch Einigungsoptimismus. 17 Das an die Einigungsappelle geknüpfte Erbfeindschaftsmotiv wurde zunehmend aus einer deutschen Opferrolle beschworen, bis die weitgehend mit Empörung aufgenommene Kriegserklärung Frankreichs an Preu-ßen1870 die Deutung aus deutscher Perspektive abrundete. So wurde es vielfach als Angriff auf die deutsche Nationalehre gesehen. Wo kurz vor Kriegsbeginn von antipreußischer Seite, vor allem in den südlichen deutschen Ländern, Kritik am verbreiteten Bündnisenthusiasmus laut wurde, erlaubte der Bezug auf eine gesamtdeutsche Bedrohung bald das Plädoyer für ehrenvolle Solidarität. Die Einigkeit zum Kampf vollzog sich schließlich schnell. 18 Erstaunlicherweise wiederholten sich in der Tagespresse ganz ähnliche Deutungen, wie sie bereits 1859 aufgekommen und rasch verworfen worden waren. Wieder galten 1870 vielen wichtigen deutschen Zeitungen Napoleon III. und sein Kabinett als Feinde. 19 Für die Kreuzzeitung sah es erneut so aus, dass ein ehrgeiziger französischer Kaiser seine Nation „mit erlogenen Vorwänden irre führ[e]“ 20 Entsprechend dem Ansatz eines politischen und nicht von Volkshass genährten Konfliktes gab auch Wilhelm I. am 19. Juli den Hinweis, dass „das deutsche wie das französische Volk, beide die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes gleichmäßig genießend und begehrend,... zu einem heilsamen Wettkampf berufen“
seien und der Kriegsgrund allein in den „[p]ersönliche[n] Interessen und Leidenschaften der Machthaber Frankreichs“ liege. 21 Die „Historisch Politische[n] Blätter“ fügten hinzu, dass die deutsche Treue es verlange, daß das Wort, wonach der Krieg nur gegen den Kaiser, nicht gegen das französische Volk geführt werden sollte, auch eingelöst werde.“ 22 Doch die nationale Verachtung im Blick nach Frankreich war nachweislich längst aufgebaut. Die starke Betonung des preußischen Königs, keinen Volkskrieg führen zu wollen, mag eventuell sogar gerade aus der Wahrnehmung des präsenten Hasses erklärbar sein. Auffällig ist, wie, jenseits politischer Stellungnahmen, Appelle an die Kampfmoral über völkische Abgrenzungen geschahen, wenn etwa die Feindschaft zu den französischen Truppen unterschieden wurde von der achtungsvollen österreichisch-preußische Begegnung im Krieg von 1866, 23 oder wenn in der Verherrlichung deutscher Geschützleistung der Tod französischer Soldaten,
17
Buschmann: „Im Kanonenfeuer [...]. S. 110f. / Faber: Die nationalpolitische Publizistik Deutschlands 1866-1871. [...], S.
641.
18 Buschmann: „Im Kanonenfeuer [...]. S.109 ff.
19 Fenske: Die Deutschen und der Krieg von 1870/71.[...], S. 174.
20 Kreuzzeitung 17.7.1870. zit. nach Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 263.
21 Politischer Tagesbericht. Berlin 18.7.1870. In: Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 20.7.1870. zit. nach Jeismann: Das
Vaterland der Feinde. [...], S. 263.
22 Historisch-Polit. Blätter Bd. 66 1870. S. 596. zit. nach Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 239.
23 Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 236.
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in zynischer Detailfülle beschrieben, auf eine andere Anatomie verwies, als sie im Sterben deutscher Soldaten sichtbar würde. 24
Für Michael Jeismann begann der Krieg äußerlich als Kampf gegen Napoleon und sein Kabinett, wurde im Inneren jedoch von Anfang an als Nationalkrieg empfunden. 25 Die deutliche Wende in der öffentlichen Deutung brachte der deutsche Sieg in der Schlacht bei Sedan mit der Gefangenname Napoleons III. am 1.9.1780. In Paris bildeten die Franzosen jedoch drei Tage später eine „Regierung der nationalen Verteidigung“ und proklamierten die Dritte Republik. Obwohl die deutschen Truppen maßgebliche Siege errungen und bald Paris belagerten, setzten sich die Kampfhandlungen noch weitere Monate fort, denn es bedurfte Zeit, zu klären, mit wem sich von preußischer Seite aus in Frankreich über den Frieden ver-handeln ließ. Auch losgelöst von der Führung des einstigen Kaisers und seines für so kriegstreiberisch befundenen Kabinetts leisteten die Franzosen den deutschen Soldaten erbitterten Widerstand. Bewaffnete Zivilkämpfer, die sogenannten ‚Franktireure’, setzten den deutschen Soldaten, fern anerkannter militärischer Vorgehensweisen, meist aus dem Hinterhalt zu. Die neue Situation passte gar nicht mehr in das Bild eines Kabinettskrieges und prägte nun auch in der Presse eine starke Nationalisierung der Feindschaft. Napoleon sei nur „Rüstzeuge“ der unleugbaren Erbfeindschaft gewesen 26 , er habe nur den schlimmen Neigungen seines Volkes nachgegeben, 27 hieß es nun. „Das deutsche Volk führt gegen das französische Volk Krieg, nicht gegen eine Verfassungsform“, betonte die „Vossische Zeitung“. 28 Bis zum Ende des Krieges wurde die antifranzösische Rhetorik maßvoller, was Hans Fenske mit dem zähen Widerstand der französisch-republikanischen Truppen begründet, der sowohl deutscher Kriegsmüdigkeit Vorschub leistete als auch dazu drängte, die Negativzuschreibungen eines sich selbst überschätzenden Feindes zu relativieren. 29
24 Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 237 f.
25 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 268.
26 Kreuzzeitung 6.9.1871 zit. nach Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 273.
27 Fenske: Die Deutschen und der Krieg von 1870/71.[...], S. 190.
28 Vossische Zeitung., 6.9.1870 zit. nach Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 275.
29 Fenske: Die Deutschen und der Krieg von 1870/71.[...], S. 190.
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2 Verbreitete Deutungsansätze als Faktoren der Feindbildausprägung
2.1 Die napoleonischen Kriege als nationaler Deutungsrahmen
Eines der auffälligsten Elemente der deutschen Feindschaft oder zumindest des Misstrauens gegenüber Frankreich ist der Bezugspunkt der sogenannten ‚Befreiungskriege’. Die Erinnerung an die antinapoleonischen Kämpfe wurde zum Einen bis 1871 von der ältesten Generation wachgehalten. Der deutsche Nationalismus hatte sich in jener Zeit begonnen, auszubilden und stellte über seine Rhetorik und Gedankenbilder fortwährend Bezüge her. Nicht zuletzt lud auch die Gemeinsamkeit der Kampfschauplätze zu Vergleichen ein. 30 Der historisch meist zurechtgebogene Verweis auf die ‚Befreiungskriege’ stellte im Vorfeld des deutsch-französischen Krieges das Exempel dafür dar, welche Stärke die Deutschen aufbringen konnten, solange sie vereint kämpften. Von besonderer Bedeutung zeigte sich die Erinnerung an die Überwindung Napoleons jedoch in den 1871 schon gängigen Topoi der ‚Vollendung’ und der ‚Wiedergeburt’. Die Einheit der Nation war gerade errungen, doch hatte man ihren ‚Geburtstag’ schon vor dem Krieg in Gedenken an die Völkerschlacht zu Leipzig gefeiert. 31
Dieser Deutung nach, waren die Deutschen 1814/15 im Wienerkongress durch die ‚Feder’ darum betrogen worden, was das ‚Schwert’ längst errungen hatte. 32 „Und ist es Talleyrand einmal gelungen, Deutschland durch die Unterscheidung Frankreichs und der Bonaparten um die Früchte seines Sieges zu betrügen, - lassen wir uns durch dasselbe Kunststück nicht zum zweiten Mal dupieren“
So hieß es etwa in der „Neuen Preußischen Zeitung“ im Vorfeld des Italienfeldzuges 1859 und auch im „Oesterreichischen Volksfreund“ wurde vor den „Pariser Finessen“ gewarnt. 33 Jeismann wertet diese Angst davor, „dass es der französischen Diplomatie [...] gelingen könnte, trotz des verlorenen Krieges eine Position der Stärke in Europa zu behaupten, von der aus die Deutschen langfristig um die ‚Früchte des Sieges’ gebracht werden sollten“, noch als kennzeichnendes Element der Nachkriegsstimmung im Jahr 1871. 34 Die Erfahrung der Jahre 1814/15 schien das Misstrauen gegenüber dem Nachbarstaat noch über den Krieg von 1870/71 hinaus in besonderer Weise zu prägen. Das Bild des Feindes musste dem eines listigen Stehaufmännchens gleichen. Praktische Relevanz hatte diese Einschätzung in der Frage
30 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 129f. / S.134.
31 Buschmann: „Im Kanonenfeuer [...]. S. 105 ff.
32 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S.134.
33 Kreuzzeitung, Nr. 63, 16.3.1859 / Oesterreichischer Volksfreund, Nr. 22, 28.1.1859 zit. nach Buschmann: Einkreisung und
Waffenbruderschaft. [...], S. 231.
34 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 251.
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der Kriegsziele, wo sie das Plädoyer für hohe Reparationsforderungen und eine Annexion des Elsass schon allein aus Sicherheitsgründen stärkte. 35
Die Wahrnehmung, nach harter Bewährung in den Kämpfen gegen Napoleon, nicht zu der erhofften nationalen Stärke gefunden zu haben, das besiegte Frankreich jedoch neu erstarken zu sehen, schien auch ein Gefühl der Bedrohung hervorzurufen, als schließlich die Außenpolitik Napoleons III. für die deutsche Presse erstes Machgebaren erkennen ließ. 36 Schon der Name des neuen französischen Kaisers ließ nicht zu, sich vom Deutungsrahmen der ‚Befreiungskriege’ zu lösen und bedingte die Erwartung großer Gefahr für die deutschen Länder. Die Erinnerung an die napoleonischen Kriege und damit auch an die Feindschaft gegenüber Frankreich war Kraftquelle und Trauma zugleich und aufgrund beider Wirkungskräfte im ungeeinten Deutschland kaum überwindbar.
2.2 Die Sehnsucht nach Einigkeit
Die Chance zur Einigkeit im Zusammenschluss gegen gemeinsame Bedrohungen, so also auch durch gemeinsame Feindschaft, ist ein leicht verständliches Prinzip, das entsprechend auch den deutschen Nationalisten des 19. Jahrhunderts bewusst war, wie ein Blick auf die Kriegslyrik oder andere publizistische Einigungsappelle beweisen. 37 Allein die Möglichkeit unverhältnismäßiger Übersteigerung von Bedrohungsphantasien aus dem Bedürfnis innerer Einigkeit schien, anders als von der heutigen Feindbildforschung, damals kaum in Betracht gezogen worden zu sein. Dies erscheint auch nur schlüssig, betrachtet man einmal, woraus gerade das Feindbild Frankreich sein Potenzial innerhalb dieser Dynamik bezog. Zunächst schien die Konstruktion dieses Feindbildes der deutschen Einigungswünsche als Katalysator nicht zu bedürfen. Anders ausgedrückt: auch in Friedenszeiten musste dieser Feind nicht frei erfunden, die mögliche Bedrohung nicht aufgeblasen werden, wie es vereinzelt auf den preußisch-dänischen Krieg (1864) bezogen geschah 38 oder sich noch deutlicher im deutschen Antisemitismus äußerte, denn das militärische Machtpotential des Nachbarstaates im Westen war real. Das Bedrohungskonzept musste nur gestaltetet werden. So eröffnete vor allem der Bezug auf die ‚Befreiungskriege’ die Möglichkeit, das Feindbild historisch zu verankern und ihm so Stabilität über die lange Dauer deutscher Einheitsbemühungen zu verleihen. Die napoleonische Okkupation hatte kulturelle Differenzen sichtbar vor
35 Faber: Die nationalpolitische Publizistik Deutschlands 1866-1871. [...], S. 649.
36 Fenske: Die Deutschen und der Krieg von 1870/71.[...], S. 167.
37 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 241 ff.
38 Buschmann: „Im Kanonenfeuer [...]. S. 107.
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Augen geführt, ihre Überwindung die Wirkungskraft gemeinschaftlichen Kampfes. 39 Für die Deutsch-Nationalisten war der Ausgang des Wiener-Kongresses jedoch eine Enttäuschung, gewesen, denn eine nationale Grenze war ihnen verwährt geblieben. Die wachsende Machtstellung des durch Einigkeit besiegten Feindes, sowie sein Beharren auf dem Elsass, stärkten über das Jahrhundert die Deutung, Frankreich sogar unmittelbar als missgünstigen Feind deutscher Einheitsbestrebungen zu sehen. 40 Jeismann betont, dass gerade die deutsche Unsicherheit darüber, wofür man als Nationalist in den Kriegen gegen Frankreich kämpfte, nämlich einen Nationalstaat, der nur eine Idee war, die Radikalität des Feindbildes bedingte. 41 Die Vorstellung, dass 1871 vollendet wurde, was 1813 begann, war nach dem deutschfranzösischen Krieg schließlich allgemein anschlussfähig. Die so argumentierende Nationalbewegung bezog in der Vorphase des Krieges 1870 ihre Energie aus der historischen Distanz und der sich daraus ergebenden mythischen Verwertbarkeit. 42 Jegliche Warnung vor einer Übersteigerung des Hasses aus allzu starken eigenen Bedürfnissen, zu einem bestimmten Zeitpunkt, hätte auch bedeutet, die auf ein stabiles und wachsendes Konzept angewiesene Deutung der Feindschaft zu schwächen.
Dass diese Deutung sich über lange Zeit erhalten und weiter aufbauen konnte, soll aber nicht bedeuten, dass die französische Feindschaft im Zuge der deutschen Einigungsbemühungen ständig beschworen wurde. In den ersten Jahrzehnten nach der Überwindung Napoleons konzentrierte sich der Ausgrenzungsdiskurs auf die vermeintlich innerdeutschen Gegner, so zu zunächst auf all jene, die mit Frankreich sympathisierten oder die Besatzer unterstützt hatten. Im starken Maß richtete man sich gegen die deutschen Juden. 43 Obwohl die Nationalbewegung gerade zwischen den 20er und 50er Jahren besonderen Schub erhielt, lässt sich für diesen Zeitraum nur sehr vereinzelte ‚Franzosenfresserei’ feststellen. Die Anfänge der modernen Vorstellung von Nation waren, so Dieter Langewiesche, „fortschrittlich, emanzipatorisch, demokratisch“, als Feind galten dem republikanisch-demokratischen Lager die „Kräfte der Reaktion.“ 44 Man müsse sich
„beinahe wünschen, dass der Sturm losbreche, damit die zerfahrenen Elemente des deutschen Volkes sich wieder an einander schließen und zur Erkenntnis gelangen, dass in ihrer Einheit
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allein das Geheimnis ihrer Unüberwindlichkeit liegt.“
39 Buschmann: „Im Kanonenfeuer [...]. S. 105ff.
40 Gödde-Baumanns, Beate: Ansichten eines Krieges [...], S. 196.
41 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 93.
42 Buschmann: „Im Kanonenfeuer [...]. S.99ff.
43 Hagemann: „Mannlicher Muth und Teutsche Ehre“. [...], S. 243.
44 Langewiesche: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa. S. 52/ 199f.
45 Augsburger Allgemeine Zeitung, Nr. 102, 11.4.1860 (Beilage) zit. nach Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft.
[...], S. 232.
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So konnte man 1860 in der Allgemeinen Zeitung lesen. Was war inzwischen geschehen? Die parlamentarischen Bemühungen um den Einheitsstaat waren 1848 ins Leere gelaufen. Es gab keine gemeinsamen staatlichen Institutionen, „die als Transmissionsriemen für eine die Einzelstaaten überwölbende politische Identität hätten leisten können.“ 46 Es folgte jene befürchtete Zeit der Reaktion. Für Nikolaus Buschmann ist es klar, dass sich infolgedessen die Bedeutung der integrativen Funktion des französischen Feindbildes für die 50er und 60er Jahre nicht hoch genug einschätzen lasse. 47 Die auffällige Verknüpfung antifranzösischer Rhetorik mit Beschwörungsformeln deutschen Zusammenhaltes, ergab sich wohl einerseits aus der Erkenntnis, dass sich ein nationaler Konsens nach allen gescheiterten innenpolitischen Versuchen nur noch negativ erreichen ließe, als andererseits aus der infolge von Frankreichs Außenpolitik ab 1859 verbreitenden Einschätzung deutscher Zeitungen, dass ein Krieg ohnehin bald unvermeidbar sei. 48 Sichtbar wird darin, dass die Forcierung der Einheit über den gemeinsamen Kampf in Deutschland möglicherweise nur eine Art Notstrategie darstellte, denn wenngleich in den Momenten tatsächlicher Konfliktgefahr auf eine längst bestehende Kontinuität der Feindschaft verwiesen wurde, ist ein vergleichbares Bewusstsein im Deutschland der Friedensjahre nicht erkennbar. Auch wenn es stets einer Ausgrenzung bedurfte, wie die Korrelation von Nationalismus und Antisemitismus zeigte, hat man es in der Presse nicht gewagt, den Krieg gegen das mächtige Frankreich heraufzubeschwören, solange der Frieden möglich schien.
2.3 Die deutsche Opferrolle
Als kennzeichnend für die deutsche Perspektive auf Frankreich kann im 19. Jahrhundert der Eindruck eines besonderen französischen Hochmutes beobachtet werden. Dieser Eindruck korrelierte offenbar mit einem Unterlegenheitsgefühl in Deutschland, das Frank Kühlich sogar als wichtigsten Zug deutschen Selbstverständnisses beschreibt. Es sei begründet durch die innere Zerrissenheit Deutschlands und stelle eine Ursache des als Trotzreaktion entwickelten Nationalismus dar. 49 Auch Michael Jeismann beschreibt die deutsche Klage über das ‚fränkische Joch’ und diagnostiziert ein auffälliges Minderwertigkeitsgefühl, welches er als wichtiges Element deutscher Feind- und Selbstbestimmung hervorhebt. 50 Die Einschätzung, dass die fehlende politische Einheit Ursache jenes fehlenden Selbstwertgefühl sei, erscheint schlüssig, steht sie doch im Zentrum deutscher Sehnsüchte. Immer wieder betonten deutsche Soldaten
46 Buschmann: „Im Kanonenfeuer [...]. S. 106.
47 Buschmann: Volksgemeinschaft und Waffenbruderschaft. [...], S. 110.
48 Faber: Die nationalpolitische Publizistik Deutschlands 1866-1871. [...], S. 641.
49 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 112 ff.
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nach dem Sieg 1871, dass die Deutschen zuvor lange Zeit Schmach hätte erdulden müssen unter der Verachtung anderer Nationen. 51
„Mit berechtigtem Stolz darf sie [die deutsche Nation] sich jetzt eine „große Nation“ nennen. Die Franzosen selbst werden ihr diesen Ehrentitel, den sie sich sonst ausschließlich anmaßen,
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nicht verweigern; [...]“
In dem nach dem Sieg von Sedan in der Kölnischen Volkszeitung geäußerten Bedürfnis, von den Feinden selbst in den Rang einer „großen Nation“ erhoben zu werden, in der Ironie, diese zudem als Vergleichsmaßstab heranzuziehen, und in vergleichbaren Pressestimmen der Kriegsmonate, verraten sich für Jeismann die „Mühen deutscher Selbsttaxierung.“ 53 Jeismann glaubt jedoch mehr als die Scham über die fehlende Einigkeit vor dem Ausland zu erkennen. Die gefühlte Unterlegenheit entstand, seiner Forschung nach, auch aus der mit Unsicherheit aufgenommenen Popularität der französischen Kultur. Die nationalistische Propaganda richtete sich gegen die nachweisbare deutsche Faszination am Französischen, gegen französische Mode und Literatur, gegen Tanz und Sprache. 54 Einhergehend mit dem oft verkündeten Anspruch der Franzosen, die Werte der Zivilisation zu verkörpern, entstand für die Verteidiger deutscher Lebensart wohl der Eindruck persönlicher Schmach, welche zum Beispiel die übertrieben pikierte Reaktion der Frankfurter Zeitung angesichts französischen Spottes über den deutschen Rheinwein verdeutlicht, die mit der Einleitung beginnt: „Was haben wir Deutsche uns nicht schon alles gefallen lassen müssen [...]?“. 55 Der deutsche Nationalismus argumentierte zunehmend aus der Opferrolle, verstand Frankreich in der Geschichte als ewig Angreifenden und setzte sogar die Bartholomäusnacht in diesen Deutungszusammenhang. 56 Selbst nach dem Sieg des Jahres 1871 erhielt sich die Vorstellung der Unterlegenheit, bei Einigen, die nun die Revanche Frankreichs fürchteten oder gar den Fall, durch Diplomatie wie schon 1815 um die ‚Früchte des Sieges’ gebracht zu werden. 57 Eine sehr wichtige Bedeutung kam der deutschen Opferrolle im Zusammenhang des Kriegseintritts 1870 zu. Es war zunächst die Art und Weise dieser Kriegserklärung, die als Arroganz interpretierbare ‚Leichtfertigkeit’, mit der Frankreich sich allzu siegessicher auf einen Kampf mit Preußen einließ und damit das deutsche Rollenverständnis bestätigte. 58 Die Empörung, mit der die Ereignisse in Bad-Ems von den Zeitungen kommentiert wurden, die Empfindung
50 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 249 ff.
51 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 114.
52 „Wochenschau“, in: Kölnische Volkszeitung, 7.9.1870, 2. Blatt. zit. nach Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 251.
53 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 251.
54 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 250. / Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 224 f.
55 Frankfurter Zeitung und Handelsblatt, Nr. 120, 1.5.1870 (zweite Ausgabe) zit. nach Buschmann: Einkreisung und Waffen-
bruderschaft. [...], S. 233.
56 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 132 / Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 255
57 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 251.
58 Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 219.
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einer beleidigten Nationalehre, lässt sich aus dem deutschen Minderwertigkeitsgefühl erklären. Es war die Spannkraft jener Dynamik, die einen Pfeil der Entrüstung durch alle Lager sandte und selbst den antipreußisch Gesinnten erlaubte, in den Kriegsgesang einzustimmen. Es war die Vorstellung, umringt von Feinden und Neidern zu sein, die eine deutsche „Berauschung an militärischer Macht“ zulässig machte. 59 Jede Betonung deutscher Werte und Stärke, selbst bis zum Nationalchauvinismus gesteigert, erschien aus deutsch-nationalistischer Perspektive angemessen im Befreiungsschlag gegen kulturelle und politische Unterdrückung. 60
Neben der durch das Rollenverständnis geleisteten Komplexitätsreduktion, des Exports eigener innenpolitischer Verantwortung für alle Schwierigkeiten des Einigungsprozesses, war das wichtigste Element der Opferrolle ihre Rechtfertigungsfunktion. Die vermeintliche Unterlegenheit setzte in das Recht, sich mit allen Mitteln zu verteidigen, garantierte den Rückbezug auf die eigene Rechtschaffenheit und machte den Krieg somit zum
„[...]Kampf gegen ein unglückliches Nachbarvolk, das, tief unbefriedigt im Innern, Betäubung im Kriegslärm sucht und das auf uns sich wirft, weil es den aufsteigenden Stern unserer Nation
61
nicht ertragen kann. Ein furchtbarer aber für den Angegriffenen gerechter Krieg“ Die Rechtschaffenheit bot zugleich den Ausweg aus dem scheinbaren Widerspruch, siegessicher zu sein, obwohl man sooft Prügelknabe des Nachbarn gewesen sei, denn die Möglichkeit des Aggressors, Deutschland in die Opferrolle zu setzen, ließ sich aus der deutschen Tugend erklären, der Duldsam- vielleicht sogar Friedfertigkeit und dem Verzicht auf jegliche Tücke. An Wehrfähigkeit sollte es nun jedoch nicht mangeln, da der Bogen von Frankreich überspannt wurde.
Die klare Zuordnung von ‚gut’ und ‚böse’ ließ auch zu, dass man auf deutscher Seite völlig ignorieren konnte, wie stark der Krieg auch von konkreten Interessen, der Wahrung staatlicher Integrität und der Stärkung eigener Machtstellung durch eine Annexion des Elsass, geleitet war. Der Kampf hatte somit die Chance auf den Schein des Erhabenen. Dies manifestierte sich im Topos vom Krieg für die ‚höchsten Güter’, die nicht einmal immer benannt werden mussten. Es konnte die Monarchie sein, das ‚Vaterland’, es konnte von Freiheit, von ‚Thron und Altar’ die Rede sein. 62 Indem man diese ‚höchsten Güter’ zugleich zu heiligsten Werten der Menschheit erklärte, streifte man dem Krieg den letzten Anschein des Politischen ab und
59 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 116.
60 Gödde-Baumanns, Beate: Ansichten eines Krieges [...], S. 196.
61 Schwäbischer Merkur, 16.7.1870 zit. nach Fenske: Die Deutschen und der Krieg von 1870/71.[...], S.181.
Wie sich diese Deutung nach dem Krieg in deutschen Schulbüchern und historischen Rückblicken festsetzte, zeigt Beate
Gödde- Baumanns auf. siehe Gödde-Baumanns, Beate: Ansichten eines Krieges [...], S. 175-202.
62 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 130 f.
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erhob ihn zum existenziellen Konflikt. 63 In seiner Auswertung der Tagebücher und Briefe deutscher Soldaten stieß Kühlich sogar auf die Formulierung des „gerechtesten Krieg[es], der je geführt worden ist“, denn es galt manchen Deutschen zugleich als ein Kampf für Europa, gegen den Ruhestörer und den alles bedrohenden ‚Wolf’ Frankreich. 64 Eine Einforderung des Elsass durch die Deutschen brauchte so nicht einmal mehr als Ausdruck rein deutscher Einigungsinteressen verstanden werden, sondern stellte in diesem Zusammenhang stattdessen das notwendige Mittel dar, dem Wolf die Zähne zu ziehen. Erst der französische Angriff habe in Deutschland berechtigte Forderungen nach dem Elsass laut werden lassen, so die historisch nicht haltbare Darstellung des nationalliberalen Bremer Handelsblatts am 27.8.1870. 65 Dass es so wichtig erschien, einen gerechten Krieg um höhere Güter zu führen, erschließt sich über die deutschen Hoffnungen auf eine Einigung der Nation. In seiner Analyse des Phänomens der Mythenbildung betont Nikolaus Buschmann die Funktion mythischer Überhöhung, wie sie im Bild des Deutschen Ringens mit einem übermächtigen und bösen Feind zum Tragen kommt. Der Mythos vermag weit mehr als der Verweis auf politische Zusammenhänge der Gründung des deutschen Staates ein stabiles und unangreifbares Konzept zu Grunde zu legen, da die hier bemühten Erklärungen einer langen historischen Rollenverteilung auf eine „sakralisierte [...] und dadurch unantastbare [...] Vergangenheit“ verweisen. 66 Während das Gefühl der Unterlegenheit noch in Friedenszeiten den Nationalismus bis zur Übersteigerung antrieb und die Angst und Verachtung gegenüber den Franzosen nährte, ließ sich im Angesicht des Krieges aus der Not eine Tugend machen und aus der Opferrolle heraus der deutsche Nationalstaat auf einen ‚Sieg der Gerechtigkeit’ gründen.
2.4 Das Konzept objektiver Nationszugehörigkeit
Die immer wieder historisch beobachtbare Vorstellung einer objektiven Nationalität steht in einem wichtigen Zusammenhang zur Ausprägung von Feindbildern, der Deutung von Krieg und Feindschaft und den Erwartungen an eine mögliche nationale Einigkeit. Objektiv erscheint die Zugehörigkeit zu einem Volk und einer Nation, wenn als Bedingung nicht politische Faktoren, wie etwa die Existenz unter einem bestimmten System, oder etwa das Bekenntnis zu gemeinsamen politischen oder gesellschaftlichen Werten und gemeinsamer Geschichte anerkannt werden. An ihre Stelle treten Fragen der Abstammung oder gar der Prägung durch klimatische und geographische Bedingungen des jeweiligen Lebensraumes. Die
63 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 83 f.
64 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 131 f.
65 Faber: Die nationalpolitische Publizistik Deutschlands 1866-1871. [...], S. 646.
66 Buschmann: „Im Kanonenfeuer [...]. S. 101 ff.
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als bestimmend anerkannten Faktoren sind in der Vorstellung von objektivem Deutsch- oder Franzosentum so gut wie unwandelbar. Es ist die Idee spezifischer und zumeist naturgegebener nationaler Charakteristika.
Roger Brubaker beschreibt diese volkszentrierte Perspektive auf nationale Identitäten in seinem deutsch-französischen Vergleich als ein für das 19. Jahrhundert und auch darüber hinaus vor allem deutsches Phänomen. 67 Karen Hagemann spricht dabei von einer Grundlage des Nationalchauvinismus, Frank Kühlich bezüglich des frühen deutschen Nationalismus schon von „protofaschistischen Züge[n]“. 68
Die rassentheoretischen Ausprägen lassen sich erkennen, wenn sich so zum Beispiel die Illustrierte Zeitung 1870 zum hartnäckigen militärischen Widerstand Straßburgs äußert und die Energie des immerhin achtundsechzigjährigen feindlichen Befehlshabers auf dessen deutsche Herkunft zurückführt. 69 Kühlich stellt sogar fest, dass deutsche Soldaten 1870/71 Urteile über den Nationalcharakter der Franzosen aus den Einschätzungen ableiteten, die Cäsar einst über die Gallier traf, so wie sie sich auch selbst mit den Germanen gleichsetzen. 70 Sogar für die Annahme, den französischen Charakter an der Physiognomie erkennen zu können, finden sich Beispiele. 71
Nicht immer musste die Vorstellung eines organisch-naturgegebenen Nationalcharakters die kollektiven Selbst- und Feindzuschreibungen rechtfertigen. Das häufigste Schlagwort deutscher Rhetorik ist das der kulturellen Dekadenz in Frankreich. Theoretisch musste diese dem Volk nicht zwangsläufig im Blut liegen, sondern konnte auch als Ergebnis historischer und politischer Prozesse gedeutet werden. Die kaum theologisch oder naturwissenschaftlich argumentierenden deutschen Pressestimmen geben darüber wenig Aufschluss, doch verweist die Universalität zahlreicher antifranzösischer Diffamierungen auf die verbreitete Annahme, zumindest tief verwurzelter und entsprechend einflussstarker Prägungen. Michael Jeismann beschreibt einen Wandel hinsichtlich der Deutung von den napoleonischen Kriegen bis hin zum Krieg von 1870. Die deutsch-nationale Publizistik des frühen 19. Jahr-hunderts beantwortete die Frage nach den Voraussetzungen nationaler Einheit noch damit, dass sie erfordere, sich freiwillig zu einem deutschen Vaterland zu bekennen. Dennoch spielten völkerstereotype Abgrenzungen von den Franzosen für die Patrioten der ‚Befreiungskrie- 67 Brubaker:Staats-Bürger. Deutschland und Frankreich im historischen Vergleich. S. 24.
68 Hagemann: „Mannlicher Muth und Teutsche Ehre“. [...], S. 243. / Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71.
S. 114.
69 „General Uhrich“, in: Illustrierte Zeitung. 24.9.1870. zit. nach Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 255.
70 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 125 f.
71 Jeismann: Das Vaterland [...], S. 262 / Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 221f. / Kühlich: Die deutschen Soldaten
[...], S. 145.
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ge’ eine entscheidende Rolle. 72 So entwarf Ernst Moritz Arndt ein theoretisches Konzept, das nicht nur einen französisch-deutschen Antagonismus zur unumstößlichen Tatsache erklärte, sondern ihn auch in den Zusammenhang göttlicher Weltordnung setzte. 73 Bis in die 1850er Jahre wurde der Idee einer naturgegebenen Feindschaft in der deutschen Presse wenig Raum gegeben. Klischeehaft diffamierende Darstellungen der Franzosen und ihrer Lebensart waren den Deutschen allerdings schon länger aus Unterhaltungsblättern, wie der ‚Gartenlaube’ oder ‚Unterhaltungen am häuslichen Herd’ vertraut. Die hier in Friedenszeiten getroffenen Zuschreibungen fanden sich schließlich vor und während des Italienfeldzugs und des Krieges von 1870/71 in der feindschaftlichen Rhetorik der Tagespresse wieder. 74 Wirft man einen Blick in eine zeitgenössische Lexikonreihe, lässt sich entdecken, dass 1852 noch auf das voluntative Moment der Volkszugehörigkeit hingewiesen wird, während 1869 die Abstammung als bedeutsamstes aufgeführt ist. 75 Das Konzept diente dazu, die Zugehörigkeit der Elsässer zu Deutschland zu rechtfertigen, wenngleich es Warnungen davor gab, durch einen Krieg mit dieser Legalisierung eine völkerrechtliche Praxis einzuleiten, die wiederum neue Kriege hervorrufen könnte. 76 Das Verständnis genuiner Volkstypen setzte sich durch, bis die Ursache für den Krieg 1870/71 von der konservative Presse jenseits aller politischen Zusammenhänge in dem Gegensatz zwischen deutschem und französischem Nationalcharakter gefunden werden konnte. 77
Welche Konsequenzen hat nun aber die Annahme eines auf das Individuum vererbten Nationalcharakters? Sie bot den Deutschen zunächst die Möglichkeit, trotz fehlender gemeinsamer staatlicher Institutionen, auf einen unumstößlichen Konsens zu vertrauen. Darüber hinaus ermöglichte sie theoretisch jedem Deutschen, sein Selbstbewusstsein, fern eigener Bemühungen, aus der vermeintlich angestammten Charakterstärke zu ziehen. Es ergibt sich aber wiederum ein starker Beweisdruck, denn wenn die Karten als unabänderlich verteilt gelten, wenn es kaum möglich sein sollte, sich über die Anlagen hinwegzusetzen, dann ist es umso wichtiger, von vornherein auf der richtigen Seite zu stehen. Die Abgrenzung von den Anderen, wie etwa der oft heraburteilende Blick der Familienblätter auf die französische Lebensart, konnte die Deutschen über den eigenen Wert versichern, solange man aufgrund eigener Tugendhaftigkeit die Ablehnung des Französischen teilte. Zugleich bot sich die Möglichkeit, einen mit
72 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 254 f. / S. 82.
73 Ernst Moritz Arndt: Über Volkshaß. In: Jeismann/ Ritter (Hrsg.): Grenzfälle. Über alten und neuen Nationalismus. S. 325.
74 Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 224 f.
75 Siehe „Volkstum“ in: Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände. 14. Band. Herausgegeben von J. Meyer,
Druck und Verlag des Bibliographischen Instituts. Hildburghausen, 1852. / siehe „Nation’’ in: Neues Konversations-
Lexikon, ein Wörterbuch des allgemeinen Wissens. 11. Band. Herausgegeben von J. Meyer, Druck und Verlag des Biblio-
graphischen Instituts. Hildburghausen, 1869.
76 Brubaker: Staats-Bürger. [...] S. 24. / Faber: Die nationalpolitische Publizistik Deutschlands 1866-1871. S. 656.
77 Faber: Die nationalpolitische Publizistik Deutschlands 1866-1871. [...], S. 649.
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Ressentiments angefüllten Puffer zu schaffen, der half, auch bei gegenteiliger praktischer Erfahrung, diese als Ausnahme zu werten und die Vorstellung der Nationalcharakteristika aufrecht zu erhalten.
Wo man den vermeintlichen Unterschied zwischen der Natur des Romanischen und des Germanischen als Teil natürlicher und göttlicher Ordnung interpretierte, brauchte es kreative Umdeutungen, um gleichzeitig den Sieg der einen über die andere und damit ein Ungleichgewicht rechtfertigen zu können. So erfand ein preußischer Divisionsprediger 1870 den entarteten Franzosen, der, seiner eigenen Natur untreu geworden, nur durch den Krieg in die natürliche Ordnung zurückgedrängt werden könne. 78 Ein einheitlich schlüssiges Konzept der objektiven Nationalität findet sich nicht, Widersprüche einer Deutung blieben stets überformbar. Nach höherer Ordnung musste zudem nicht immer gefragt werden, wenn es darum ging, die Perspektive auf ‚gut’ und ‚schlecht’ zu vereinfachen.
Diese Uneinheitlichkeit und Modifizierbarkeit des Konzeptes bot möglicherweise auch einen Ausweg aus seiner Starrheit, als sich die kriegspolitische Situation änderte. Die Idee eines Gegensatzes der völkischen Temperamente lehnt sich mit gewisser Wahrscheinlichkeit an die Annahme eines Volkskrieges an. Erst der Krieg konnte als verlässliche Prüfung helfen, Gewissheit über die Stärke des eigenen Nationalcharakters zu erlangen und war damit von großer Bedeutung für jene, die dem Objektivitätskonzept anhingen. 79 Auch hinsichtlich der Kampfmoral deutscher Truppen konnte es eine wichtige Funktion erfüllen, charakterisierte es den Feind durch seine Charakterschwäche zugleich als besiegbar. 80 Problematisch wurde es jedoch insofern, als das Konzept objektiver Nationalität und mehr noch die Annahme einer natürlichen Feindschaft keine Perspektive auf einen möglichen Frieden boten. Wie ließe er sich mit einem Volk schließen, dem Unmoral und Aggression im Blut lägen? Für die Führung in Preußen stellte sich die Frage gewiss nicht, war man doch seit Kriegsbeginn darauf bedacht gewesen, dem Eindruck eines Volkskrieges entgegenzuwirken; Bismarck selbst wertete es schon vor dem Krieg 1870 als nachteilig für die deutsche Außenpolitik, sollte man annehmen, die Spannungen im deutsch-französischen Verhältnis wären ein organischer und konstanter Fehler. 81 Doch der Sieg 1870 verlangte auch seine Deutung in der Öffentlichkeit. Der Widerspruch zwischen Friedenshoffnung und französischer Unverbesserlichkeit trat in der Presse nicht in Erscheinung; man vermied einfach weitestgehend das The- 78 Rak:Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 216 ff.
79 Becker, Frank: Bilder von Krieg und Nation. [...], S. 341 f.
80 Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 229. / Becker, Frank: Bilder von Krieg und Nation. [...], S.
203ff.
81 Bondy/Abelein: Deutschland und Frankreich. [...] S. 35 f. siehe auch S. 8.
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ma der Erziehung Frankreichs. 82 Die verbreitete Vorstellung angeborener französischer Niedertracht erfuhr so jedoch nie eine Entkräftung und nährte Vorbehalte und Ängste auf deutscher Seite über den Krieg hinaus.
2.5 Die kulturelle Dimension der Feindschaft
Der deutsch-französische Antagonismus lässt im 19. Jahrhundert sowohl in Friedens- als in Kriegszeiten eine auffällige kulturelle Dimension erkennen. Es ist in Kapitel 3.3 bereits erwähnt worden, dass der Einfluss französischer Kultur in Deutschland ein Unterlegenheitsgefühl förderte und damit zugleich eine immer stärkere Besinnung der Nationalisten auf die eigenen Kulturgüter. Es soll an dieser Stelle noch einmal genauer betrachtet werden, welche Rolle der Kulturfrage im französischen Feindbild zukam.
Die gängigen Stereotype attestierten dem Französischen etwas Schwelgerisches, Genussvolles, es galt als äußerlich glanzvoll und schien sichtbar in der Architektur, der Mode, der Kunst und den Franzosen selbst. Die Ausprägungen deutscher Kultur äußerten sich demgegenüber in Schlichtheit, Geradlinigkeit und hoher Bildung. Wo man diese Vorstellungen zugunsten des Deutschen deuten mochte, sprach man von der Oberflächlichkeit der Franzosen von Blenderei, Genussucht und Verweichlichung, denen als deutsche Prinzipien nun schlüssig eine kernhafte Ehrlichkeit, klare Ordnung und Robustheit gegenübergestellt werden konnten. Diese radikalisierbaren Klischeevorstellungen waren vermutlich das gesamte Jahrhundert über in den Köpfen vieler Deutscher präsent; wie bereits erklärt, wurden sie in Friedenszeiten vor allem von den deutschen Unterhaltungsblättern wachgehalten und im Angesicht außenpolitischer Konflikte auch von der Tagespresse mobilisiert.
Interessant ist, dass die Verherrlichung der deutschen Mentalität und Kultur von Seiten der Nationalisten nicht allein als defensive Abgrenzung von Frankreich auftrat, sondern immer wieder auch einherging mit der Forderung einer deutschen Führungsrolle unter allen Nationen, wie es am eingängigsten in den Worten Immanuel von Geibels klang: „Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen...“ 83 Die Bedeutung Frankreichs mag dennoch groß gewesen sein, erklang doch von dort als erstes die universale Forderung, die Errungenschaften der Revolution in alle Länder zu tragen. Unter allen möglichen, konkurrierenden Einflüssen wurde stets der französische als der gefährlichste für Deutschland und Europa angesehen. Der Name, den man dieser Gefahr gab lautete ‚Verwelschung’. Der Begriff diente auch dazu, das Bekenntnis der Elsässer zu Frankreich als Ergebnis einer kulturellen Gehirn- 82 Jeismann:Das Vaterland der Feinde. [...], S. 279 f.
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wäsche abzutun, ja sogar mehr noch zum Anlass zu nehmen, das Elsass zur Genesung seiner Bewohner an Deutschland anzugliedern. 84
Der Kampf gegen die ‚französische Kultur’ kannte zahlreiche sich überlappende Schlachtfelder. So beschreibt Becker, dass auch die Art der Kriegsführung, der Truppenorganisation 1870/71 als Prüfstein des kulturellen Kräftemessens galt. 85 Auch Geschlechterfragen waren Teil der Auseinandersetzung. Mit der Angst vor dem Einfluss der französischen Kultur schien auch die Angst vor einer Aufweichung des Patriarchats einherzugehen. Die als überfeinert charakterisierte Lebensart der Franzosen bedingte immer wieder das Bild von einer Verweiblichung des französischen Mannes. Anzeichen emanzipierten Verhaltens bei französischen Frauen wurden mit Empörung aufgenommen. Sie waren Beweise für die Sittenlosigkeit jener Moderne, welche die Revolution heraufbeschworen hatte. 86
Eine weitere Ebene kultureller Feindschaft knüpfte sich an den Begriff der ‚Zivilisation’. Der Zivilisationsdiskurs beinhaltet für die Deutschen vor allem den Versuch zur Befreiung vom Vorwurf der deutschen Barbarei. Jeismann stellt heraus, dass der Zivilisationsbegriff als Schlagwort jener oben erwähnten revolutionären Moderne für das französische Selbst- und Feindverständnis wesentlich zentraler war als für die Deutschen, die ihn nur als Zusatzelement nationaler Selbstbestimmung nutzten. Er trat auf deutscher Seite zunächst auf, um die Kritik an der französischen Kriegserklärung zu untermauern, welche dem Völkerrecht und damit den Ansprüchen der Zivilisation zuwider geschehen wäre. Man hielt sich aber damit zurück, diesen Vorwurf zu universalisieren und gar auf die gesamte französische Kultur zu beziehen. Dies geschah annäherungsweise aus einer defensiven Position heraus, als man sich bemühte, die ausgrenzenden Ansprüche französischer Propaganda auf die Vertretung zivilisa-torischer Werte dadurch abzuwehren, dass man vermeintliche Widersprüche betonte. In besonders chauvinistischer Weise nahm man den Einsatz nordafrikanischer Soldaten im französischen Heer als Beweis für die Doppelmoral der Franzosen. Den sogenannten ‚Turcos’ wurde tierische Mordgier nachgesagt; die deutsche Verachtung traf sie am stärksten. Ausgehend von Kategorien wie soldatischer Ehre, militärischer Ordnung und dem Kriegsrecht gaben aus deutscher Perspektive auch die Angriffe der zivilen Kämpfer, der ‚franctireurs’, die Rechtfertigung, den Vorwurf der Barbarei auf die Franzosen zurückzulenken. 87
83 Bondy/Abelein: Deutschland und Frankreich. [...] S. 34 f. / Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S.
115. / Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 224
84 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 259 f.
85 Becker, Frank: Bilder von Krieg und Nation. [...], S. 203 ff.
86 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 256. / Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 230 ff. / Buschmann: Ein-
kreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 224ff.
87 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 280 ff.
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Die energischsten Kulturschlachten fochten die Deutschen unter den Bannern ‚Sittlichkeit’ und ‚Glaube’. Diese moralische Komponente erwies sich als wesentlich zur Organisation des Feind- und des Selbstbildes. Gut überschaubar wird der Ekel vor der ‚französischen Unsittlichkeit’ in einer Karikatur des Kladderadatsch vom 21.8.1879 mit dem Titel „Die ganze Bande“: auch hier erscheint ein Afrikaner, dessen Lüsternheit von einer französischen Frau erwidert wird; in der Kleidung der Frauen spiegelt sich Frivolität; der französische Katholizismus erhält seine Schelte in Gestalt eines betrunkenen Mönches unter dem Licht der angeblich unfehlbaren päpstlichen Macht, und schließlich sind es die Revolutionäre, die den sittlichen Verfall noch immer verkörpern. 88
„Wissen wir nicht Alle, wie sehr dort alle sittlichen Bande und die vielgerühmte Freiheit in 89
Zügellosigkeit und Frechheit verkehrt ist [?]“
„Freiheitsschwindel mit der Devise: Liberté, Fraternité, egalité, schreckenerregender Unglauben verbunden mit gräulicher Sittenlosigkeit [...] sind Erscheinungen, die [...] uns tiefen Abscheu gegen die gesunkene und sich selbst erniedrigende Bevölkerung einflößen. [...] Unbändigkeit, Widersätzlichkeit, Ungehorsam, Rachsucht, Insubordination gegen die Vorgesetzten, lächerlicher Hang nach persönlicher Unabhängigkeit, Leichtsinn und Leichtfertigkeit, l’esprit
90
francais oder excès de la civilisation.“
In den Predigten und persönlichen Urteilen der Feldgeistlichen des Krieges von 1870/71 wird erkennbar, wie die Ablehnung der Revolution aus einer Gleichsetzung von ‚liberté’ und Zügellosigkeit resultierte. Besondere Verachtung der Deutschen richtete sich gegen die Stadt Paris, die zu benennen es fast gebräuchlicher wurde, von ‚Babel’ oder ‚Babylon’ zu sprechen. 91 Das Bild der Sittenlosigkeit ließ sich für die Deutschen an allem Fremdartigen bestätigen, an vermeintlich fehlenden Tischmanieren oder dem Gesang der Kinder, 92 am stärksten wurde sie jedoch an der Frage der Religiosität bemessen.
Der Vorwurf der Gottlosigkeit findet sich schon bei den frühen Agitatoren wie Arndt und Körner als Element nationaler Schwarzweißzeichnung. 93 Diese Anklage an die Franzosen korreliert vor allem für die stark Gläubigen mit dem Vorwurf der Sittenlosigkeit, stellt jedoch eine Verschärfung dar, denn weit mehr als etwa die deutsche Empörung über französische Sexualmoral schließt die Gottlosigkeit den Feind vom Anspruch auf Menschlichkeit aus und eröffnet die Möglichkeit zur Dämonisierung des Gegners. So lässt sich für die Friedenszeiten
88 Kladderadatsch: 21.08.1870. nach: Siebe: Von der Revolution zum nationalen Feindbild. [...], S. 151 f.
89 Jordan, Theodor: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein! Gedenkbilder aus der Geschichte der zweiten Garde-
Infanterie-Division während des Feldzuges 1870/71. Berlin, 1871. S. 140f. zit. nach: Rak: Krieg, Nation und Konfession.
[...], S. 229.
90 Heilgers 25.2.1871. (Felddienstbericht an das EBO Köln) AEKÖ, CR I 25.13,1.
zit. nach: Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 238 f.
91 Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 228 f.
92 Kühlich: Die deutschen Soldaten im Krieg von 1870/71. S. 146 / Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 227 f.
93 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 90 f.
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im Blick deutsch-protestantischer Zeitungen auf Frankreich spöttische Kritik am Katholizismus entdecken, doch stellt die radikale Interpretation französischer Gottlosigkeit ein Kind des Krieges dar. Die Ausnahmesituation des Krieges erhielt auf vielen Ebenen eine religiöse Dimension. Sich auf Gottes Beistand berufen zu wollen, forderte Gerechtigkeit in der eigenen Sache und folglich die Betonung deutscher Tugend in Abgrenzung zur französischen Sittenlosigkeit. Den Hass und die Unerbittlichkeit zu rechtfertigen, bedurfte es zugleich einer Gottesfeindschaft der Franzosen. Zur Deutung des Krieges 1870/71 als Befreiungsschlag für ganz Europa gesellte sich die Auffassung eines Gottesgerichtes, als dessen Werkzeug sich die Deutschen verstanden. Rak zeigt auf, wie dieses Verständnis von den deutschen Feldgeistlichen an die Soldaten weitergegeben wurde. 94
Auffällig sind hier jedoch die Unterschiede in der Darstellung protestantischer und katholischer Geistlicher. Aus protestantischer Perspektive ließ sich weiterhin an antikatholische Stereotype aus Friedenszeiten anknüpfen. Man sprach vom ‚religiösen Joch’, von ‚Geistesknechtung’ und Aberglaube. Das Gottesgericht galt als Ergebnis der Versäumnisse katholischer Priester. 95 Die katholischen Feldgeistlichen auf deutscher Seite waren vor die Herausforderung gestellt, vor allem nach dem Ausscheiden Napoleons III. aus der Führungsposition den ‚anhaltend religiös-sittlichen Verfall’ aus den Fehlern des Volkes zu erklären und fanden immer wieder argumentative Unterstützung in französischen Priestern, die sich mit ihren Gesinnungsgenossen solidarisierten, die geringe Teilnahme der französischen Landsleute an den Gottesdiensten beklagten und sich zuweilen sogar der Deutung des Krieges als Gottesgericht anschlossen. 96
Es wird sichtbar, wie die Perspektive auf den Feind innerdeutsche Gegensätze berührte. Dies konnte in zwei Richtungen geschehen. Die Dämonisierung des Feindes im Krieg weckte Aggressionen gegen alle Fürsprecher und Verteidiger der Franzosen im eigenen Land, was das katholische Lager immer wieder in Bekenntnisdruck zur deutschen Sache setzte. Es finden sich jedoch auch Beispiele antikatholischer Argumentation, die nicht erst durch das französische Feindbild bedingt waren, sondern sich die innenpolitische Stoßkraft dessen zu Nutze machten im eigenen Kampf gegen die deutsche katholische Kirche. Dass der nach außen, zum Beispiel nach Frankreich, gerichteten Feindschaft auch die Funktion zukommen konnte, innere politische Gegner aus der Gemeinschaft auszugrenzen, erklärt für Buschmann, dass sich auch infolge des Sieges und der Einigung des Jahres 1871 der Mythos der Erbfeindschaft er-
94 Rak:Krieg, Nation und Konfession. [...], S. 227 ff.
95 Ebenda. S. 249 ff.
96 Ebenda. S. 236 ff.
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hielt, da die kulturelle und politische heterogene Gesellschaft des Kaiserreiches ihrer zur abgrenzenden Selbstcharakterisierung sowie als ideologische Waffe bedurfte. 97
3 Zusammenführende Betrachtung: Das Feindbild in Frieden und Krieg
3.1 Das Feindbild in Friedenszeiten
Es ist dargestellt worden, dass auch in Friedenszeiten jene Faktoren und Konzepte, wenn auch nicht immer gleich stark, präsent waren, die schließlich im Deutsch-französischen Krieg von 1870/71 die Deutung der Feindschaft bestimmten. Das 19. Jahrhundert stand für die Deutschen im Zeichen der nationalen Selbstfindung, jeder der in dieser Arbeit vorgestellten Faktoren steht in diesem Zusammenhang. Dabei lassen sich hinsichtlich der Motivation antifranzösischer Haltungen zwei grobe Haupttendenzen ausmachen. Die Zeit der sogenannten ‚Befreiungskriege’ und der Restauration erwiesen sich als Ausgangspunkt beider. Zunächst wurde herausgestellt, inwiefern der Antagonismus auf deutscher Seite, durch ein Gefühl äußeren Drucks genährt wurde. Gemeint ist damit ein Gefühl der Bedrohung der Unterlegenheit, des Neides und des Misstrauens. Man mag vereinzelt von einem Wiener-Kongress-Trauma sprechen, denn die Enttäuschung der Nationalisten über den Ausgang der Restaurationsprozesse schien auch den Blick auf das neuerstarkende Frankreich zu prägen und sich bis über die eigene Reichsgründung aufrecht zu erhalten. Das Misstrauen gegenüber der französischen List fand seine klarste Abbildung in den Bezügen auf Talleyrand und die französische Diplomatie der Jahre 1814/15. Wenngleich besiegt, konnten sich die Franzosen immer noch als mächtige Nation verstehen und über die Parolen der Revolution den Anspruch proklamieren, für Zivilisation und Moderne zu stehen. Ihr Anklang bei den deutschen Liberalen schien dies zu untermauern und am nationalen Selbstwertgefühl der Konservativen nicht spurlos vorüber zu gehen.
Selbst in den Zeiten der Rezession deutsch-französischer Feindschaft, den 40er und frühen 50er Jahren, mussten optimistische Stimmen noch gegen die Besorgnis um Frankreichs Stärke argumentieren und auf einen Mentalitätswandel und ein zur Umkehr entschlossenes Volk verweisen, das den Frieden wahre. 98
Mit der expansionistischen Außenpolitik Napoleons III. erhielt das Gefühl der Bedrohung plötzlich eine breite Basis. Was 1859 erstaunlich rasch an feindschaftlicher Rhetorik aufgefahren wurde, speiste sich bereits aus der unterschwelligen Angst der vorangegangenen Jahre
97 Buschmann: „Im Kanonenfeuer [...]. S. 113 ff.
98 Buschmann: Einkreisung und Waffenbruderschaft. [...], S. 221 ff.
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und wurde potenziert durch ein Gefühl der Unterlegenheit, das sich aus fehlender kultureller Geltung und nationalstaatlicher Einigkeit ergeben hatte. Das Feindbild eines nach Dominanz strebenden Frankreich schien sich schon vor 1859 durch eine bereite Vorsicht zu bedingen, doch duldeten die Deutschen ihre Angst längst nicht so öffentlich, solange sich auf Frieden und friedliche Wege zur nationalen Einigkeit hoffen ließ. Auf einem zweiten Weg, neben der Wachsamkeit im Angesicht des empfundenen äußeren Drucks, führten die eigenen aktiven Bemühungen der deutschen Nationalisten um die Befestigung nationaler Eckpfeiler zu antifranzösischen Haltungen. Es galt ein Verständnis des Deutschtums zu entwickeln, das den Wunsch nach Einigkeit rechtfertigte. Jene Prozesse der Selbstfindung verwerteten mehr und mehr die Ideen angeborener Eigenschaften und moralischer Überlegenheit über alle Völker. Unabhängig von bestehender oder nicht bestehender Bedrohung, bedurften diese Ansätze eines negativen Vergleichsbildes. Die Annahme einer dem Deutschen eigentümlichen Tugendhaftigkeit und auch sonstigen Charakterstärke, ließ sich nur glaubwürdig aufrechterhalten, solange sie sich durch Beispiele belegen ließ. Gerade die Tatsache, dass sich die deutsche Tugend über Jahrzehnte nicht in der direkten Konfrontation, also im Krieg mit dem Gegenbild beweisen ließ, forderte statt dessen immer wieder die Belebung diffamierender Stereotypen.
Der wachsende Erfolg des Konzeptes der objektiven Nationszugehörigkeit könnte schlicht darin begründet liegen, dass der deutsche Nationalismus und die Hoffnungen auf Einigkeit über das 19. Jahrhundert hinweg mehr und mehr das Gehör der breiten Bevölkerung fanden. Jenseits komplexer politisch-theoretischer Auseinandersetzungen mit Fragen der nationalen Identität stellt die Idee angeborener Zusammengehörigkeit ein einfacheres, bequemeres und stabileres Bezugskonzept dar. Angesichts jener Empfindungen von Unterlegenheit gegenüber dem Französischen, befriedigte die Aussicht auf ein exklusiv bestimmtes Deutschsein das Bedürfnis nach Eigenständigkeit. Auf die Integration gesellschaftspolitischer Entwürfe eines Rousseau oder anderer revolutionärer Modernisten aus Frankreich kann für die Konstitution der deutsch-nationalen Gemeinschaft so verzichtet werden.
Es sei gesagt, dass sich die für die Selbstbestimmung notwendigen Ab- und Ausgrenzungstendenzen nicht unabdingbar gegen die Franzosen richten mussten. Sie konnten sich der Juden und anderer Nationen bedienen. Allerdings enthielten jene Konzepte ihren antifranzösischen Einschlag bereits als Erbteil, gingen sie doch aus dem jungen Nationalismus der Besatzungsjahre hervor. Ob man nun den Wunsch nach Einigkeit, die deutsche Opferrolle oder das Konzept objektiver Nationszugehörigkeit als Faktoren untersucht, sie alle gehen zurück auf die Jahre der napoleonischen Kriege. Ihre Anfänge liegen in einer Zeit der deutsch-französischen
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Feindschaft. Vom französischen Feindbild ließ sich keine Ablösung leisten, solange die Sehnsucht nach Einigkeit, das Gefühl der Schmach unter dem Blick anderer Nationen, 99 die Idee eines objektiven Deutschtums oder der Anspruch auf eine kulturelle Führungsrolle unter den Nationen am Bezug auf die ‚Befreiungskriege’ fest hing.
Sowohl die Wahrnehmung äußeren Drucks als auch die Versuche, einer nationalen Selbstbestimmung prägten das französische Feindbild im noch ungeeinten Deutschland der Friedensjahre. Die Wirkungskreise beider Tendenzen getrennt abzustecken, erscheint jedoch nicht möglich, die Annahme, dass sie sich immer wieder gegenseitig verstärkten, wiederum sehr schlüssig.
Die Frage, inwiefern die so geprägten Feindbilder eine mögliche Bereitschaft der Deutschen zum Krieg mit Frankreich hervorriefen, ist schwer zu beantworten. Auffällig sind jedoch die Kontraste zwischen der Pressepositionierung während der konfliktversprechenden 60er Jahre und davor. Wenngleich feindschaftliche Haltungen zu allen Zeiten erkennbar sind, lassen sie doch ihre kriegstreiberische Radikalität weitgehend vermissen, richtet man den Blick auf die Zeiten parlamentarischer Einheitsbemühungen. Die Opferrolle brachte offenbar auch eine Scheu mit sich, den Konflikt heraufzubeschwören, ehe sich das Nachbarland nicht selbst militärisch aggressiv gab. Der nationale Chauvinismus der Zeit vor dem Krieg stellte bei aller Betonung einer Überlegenheit gegenüber den Franzosen zunächst nur die Bemühung dar, sich neben ihnen zu behaupten. Dominanter als die Funktion, durch Feindschaft auch Einigkeit zu schaffen, erscheint in Friedenszeiten die Aufgabe der französischen Feindbilder, ein deutsches Selbstwertgefühl aufzubauen.
3.2 Das Feindbild im Krieg
Nicht erst die französische Kriegserklärung des Jahres 1870 gab den Anlass, die Feindseligkeit Frankreichs anzuerkennen. Bereits die Unterstützung Piemont-Sardiniens durch Napoleon III. im Jahre 1859 brachte die deutsche Presse in eine fast einhellige Gegenposition zum Nachbarland, die sich fortan aufrechterhielt. Die 60er Jahre boten nur noch wenig Raum für Frankophilie oder Friedensoptimismus. Das Prinzip, Einigkeit durch gemeinsame Feindschaft beschwören zu wollen, entfaltete sich nun offen. Grund dafür waren gewiss auch, die reaktionären Tendenzen, die den Einigungssehnsüchten der Nationalliberalen in den Weg getreten waren, sowie die sich verschärfenden innerdeutschen Gegensätze, die vor allem für die Verfechter eines Großdeutschlandes den Schock des Preußisch-Österreichischen Krieges (1866) bereit hielten.
99 siehe S. 14.
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Als der erwartete französisch-deutsche Waffengang 1870 schließlich Realität wurde, konnte die antifranzösische Propaganda auf Argumentations- und Denkfiguren der vergangenen Jahrzehnte zurückgreifen. Die lange Vorlaufzeit hatte eine enorme Spannkraft entwickelt. Die immer wieder bemühte Erinnerung an die Zeit der antinapoleonische Erhebung fand 1870/71 den fruchtbarsten Boden. Der Deutungsrahmen eines 1813 begonnenen und jetzt zu vollendenden Befreiungs- und Einigungskampfes gab dem Krieg einen mythisch überhöhten Sinn und der Frustration des Restaurationstraumas die Möglichkeit, sich zu entladen. Auch das unterschwellig existente Gefühl der Unterlegenheit erfüllte nun eine wesentliche Funktion, denn es setzte die Deutschen, zumindest aus ihrer Wahrnehmung heraus, in die Position der Rechtschaffenden. Alle Annahmen einer charakterlichen Überlegenheit der Deutschen, ob nun angeboren oder kulturell bedingt, sollten sich nun durch die erneute Bewährung im Kampf beweisen lassen. Viel beweiskräftiger als die bisherigen spöttischen Blicke über den Tellerrand, mochte die direkte Konfrontation zweier Nationen die Höherwertigkeit der eigenen belegen.
Die gemeinschaftsbildende Funktion der Feindbilder trat nun voll in den Vordergrund. Der Krieg gab einen konkreten Handlungsbezug, gab der Feindschaft nun die Ausrichtung auf den Kampf. Dies erlaubte einen offeneren und radikaleren Umgang mit den Feindbildern, denn der Krieg verlangte die volle Ausschöpfung feindschaftlicher Energien. Das deutsche Selbstbewusstsein hatte sich über viele Jahre von abgrenzenden Zuschreibungen abhängig gemacht und eine schwer aufhaltbare Dynamik in Gang gebracht, die nun im Krieg einzig erlaubte, die Verachtung festzuklopfen. Die in Frankreich kämpfenden Deutschen mussten bei ihren tatsächlichen Beobachtungen alle negativen Erwartungen bestätigt finden.
Eine Gemeinsamkeit all jener vorgestellten Denkfiguren ist, dass sie den deutschfranzösischen Konflikt auf die Ebene einer Volksfeindschaft bringen. Dass das Feindbild in seiner Funktion zur Festigung nationalen Zusammenhaltes dahin tendiert, erklärt Jeismann über ein politisches Spiegelphänomen, demzufolge die Feindschaft gegenüber einer gesamten Nation eher dazu diene, sich im Kampf selbst als eine solche zu verstehen. 100 Der Deutungsrahmen eines Befreiungskrieges in Anknüpfung an die antinapoleonische Erhebung, also über Generationen und wechselnde Machthaber hinweg, musste theoretisch einen völkischen Gegensatz zu Grunde legen. Praktisch musste dies nicht immer der Fall sein, denn nicht jeder, der das Wort für den Krieg führte und historische Analogien einbrachte, musste sich an ein schlüssiges Konzept halten. Deutungen konnten verschmelzen und Widersprüche ausblenden
100 Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 82 f.
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als eine Art Propaganda des Augenblicks, die sich zu Nutze macht, was die Moral stärkt. Dass jedoch trotz der zahlreichen Betonungen eines Krieges gegen die französische Regierung zu Beginn des Feldzuges eine Nationalisierung der Feindschaft einsetzte, erscheint in der Forschung offenkundig, wenngleich Uneinigkeit darüber herrscht, ab welchem Zeitpunkt von der Volksfeindschaft die Rede sein kann. 101
Diese Nationalisierung der Feindschaft stellte im Feld der Realpolitik teilweise einen Störfak-tor dar, denn sie konnte den Konflikt jenseits bisheriger kriegs- und völkerrechtlicher Praxis bringen und noch weniger kontrollierbar machen. Mit Anwendung des Konzeptes der objektiven Nationszugehörigkeit lief man Gefahr, ein verhängnisvolles völkerrechtliches Exempel zu statuieren. Die moralische Argumentation eines Kampfes gegen die Dekadenz hätte den Friedensschluss weiter erschweren oder zur Konzeption eines erzieherischen Programms nach dem Sieg drängen können. Tatsächlich erscheinen diese problematischen Konzepte jedoch ausreichend biegsam gewesen zu sein, die Sehsucht nach Frieden von deutscher Seite zuzulassen.
Das Potential jener Vorstellung einer Völkerfeindschaft für die deutsche Sache zeigte sich darin, dass das verklärte Bild vom Kampf gegen die Bedrohung Europas, den Hort der Dekadenz, den wichtigen Eindruck stärkte, dass es um mehr als Politik gegangen sei. Wer die deutsche Waffenbruderschaft einging und die kleindeutsche nationale Einheit auf dem Schlachtfeld Wirklichkeit werden ließ, der begründete den Sprung über alle inneren Gegensätze, mit der Größe der Bedrohung, die nicht allein Preußen gegolten habe, sondern allem was deutsch war. Die Berufung auf die deutsche Tugend und die damit verbundene völkische Abgrenzung sollte einen Konsens schaffen, der auch über den Krieg hinaus bindende Kraft und Gültigkeit besaß. Der Preis dafür war jedoch eine nicht zu überwindende Furcht vor dem Erbfeind Frankreich.
101 Rak widerspricht auf Grundlage seiner Quellen Jeismanns Aussage, dass die Nationalisierung der Feindschaft erst spät
eingesetzt habe. Siehe Jeismann: Das Vaterland der Feinde. [...], S. 268, 273. / Rak: Krieg, Nation und Konfession. [...], S.
221.
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Literatur
Quellen
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- Meyer J. (Hg.): Neues Konversations-Lexikon, ein Wörterbuch des allgemeinen Wissens. 11. Band. Hildburghausen, 1869.
Zeitungen u. Zeitschriften
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- Kladderadatsch. Humoristisch-satirisches Wochenblatt (Berlin, Jg. 1870) - Kölnische Volkszeitung (Köln, Jg. 1854/1870)
- Königliche privilegierte Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen (Vossische Zeitung) (Berlin, Jg. 1870)
- Historisch-Politische Blätter für das katholische Deutschland (München, Jg. 1870) - Neue Preußische Zeitung (Kreuzzeitung) (Berlin, Jg. 1859/1870/71) - Norddeutsche Allgemeine Zeitung (Berlin, Jg. 1870/71) - Oesterreichischer Volksfreund (Wien, Jg. 1859) - Schwäbischer Merkur (Stuttgart, Jg. 1870)
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