Inhalt
Einleitung S. 3
1. Ausgangspunkt einer Debatte: Die Thesen W. G. Sebalds 4
2. Der Luftkrieg im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit 7
2.1 Konjunktur der Erinnerung 7
2.2 Die Gedenkkultur der Nachkriegszeit 10
3. Der Luftkrieg als Gegenstand der deutschen Geschichtswissenschaft 15
4. Der Luftkrieg in der deutschen Literatur 17
4.1 Die „Rezeptionslücke“ 18
4.2 Zur Tabuisierung des Schreibens 20
4.3 Qualitative Aspekte der Luftkriegsliteratur 25
4.3.1 Hans Erich Nossack: „Der Untergang“ 25
4.3.2 Gert Ledig: „Vergeltung“ 28
4.3.3 Dieter Forte: „Der Junge mit den blutigen Schuhen“ 32
5. Abschließende Betrachtung 37
L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s S 3 9
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Einleitung
Im Jahr 1997 brachte eine in Zürich gehaltene Vorlesungsreihe des Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Winfried Georg Sebald die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs ins Blickfeld der deutschen Öffentlichkeit und eine bis ins Folgejahrzehnt anhaltende Diskussion in Gang. 1
In seiner Vorlesung hatte Sebald die Aufarbeitung der Flächenbombardements deutscher Großstädte thematisiert und die Einschätzung eines Erinnerungsdefizits vertreten. Obwohl es sich bei den Bombenangriffen des 2. Weltkriegs um eine, so Sebald, „in der Geschichte einzigartige Vernichtungsaktion“ gehandelt habe, habe diese von so vielen Deutschen geteilte Erfahrung dennoch „kaum eine Schmerzensspur [...] im kollektiven Bewusstsein“ hinterlassen können und sei „in keinem anderem Sinn als dem des Wiederaufbaus ein nennenswerter Faktor gewesen“. 2
Dieses bald von Literaten und Journalisten, Literatur- und Geschichtswissenschaftlern gleichermaßen hinterfragte Urteil provozierte schließlich eine große Menge neuer Untersuchungen und mit diesen zahlreiche Anfechtungen und Gegenargumente.
Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, die prägnantesten Argumentationsgänge innerhalb der auf mehrere Fachbereiche ausgedehnten Diskussion um den tatsächlichen Stand der öffentlichen und literarischen Aufbereitung zu skizzieren. Die Einschätzungen Sebalds sollen dabei sowohl aus geschichts- als auch literaturwissenschaftlicher Perspektive reflektiert werden.
Hierzu werden die Sebald-Thesen in Kapitel 1 zunächst präziser dargestellt, ehe sich das 2. Kapitel mit der deutschen Gedenkkultur und den Erinnerungsprozessen jenseits der literarischen Aufarbeitung befasst. Das 3. Kapitel soll zudem einen knappen Überblick auf den geschichtswissenschaftlichen Forschungstand zum Thema Luftkrieg geben. Kapitel 4 behandelt schließlich den Luftkrieg als Gegenstand der deutschen Literatur. Um hier Einblick in die komplexe Formdebatte zu geben, sollen abschließend drei der bekanntesten Texte zum Thema des Luftkriegs vorgestellt und auf ihre qualitativen Merkmale hin untersucht werden.
1 Sebald hatte das Thema allerdings schon 1982 in einem Aufsatz behandelt, der an der University von East Anglia veröffentlicht
worden war und hatte dabei bereits dieselben Kernthesen vertreten. Vgl. Arnold-de Simine, Silke: Erinnerungspolitik als „Natur-geschichte der Zerstörung“? Die Rezeption von W.G. Sebalds „Luftkrieg u. Literatur“ (1999) in Deutschland und Großbritannien.
In: Wende des Erinnerns? Geschichtskonstruktionen in der deutschen Literatur nach 1989. Herausgegeben von Barbara Beßlich,
Katharina Grätz und Olaf Hildebrand. Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. 2006. S. 115-133. S. 118.
2 Sebald, Winfried Georg: Luftkrieg und Literatur. Mit einem Essay zu Alfred Andersch. München: Carl Hanser Verlag 1999. S. 12
/ S. 94.
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1. Ausgangspunkt einer Debatte: Die Thesen W. G. Sebalds
Die Absenz einer tieferen Erinnerung an die Flächenbombardements deutscher Städte, erklärt Sebald, sei sowohl „bezeichnend“ für „Familiengespräche“ als auch für die Geschichtsschreibung, die keine „umfassende oder auch nur grundlegende Studie“ verfasst habe, und so sei auch die Frage nach der strategischen Angemessenheit und einer moralischen Rechtfertigung der alliierten Luftkriegsstrategie in Deutschland nie zum Ge-genstand einer öffentlichen Debatte geworden. 3
Als W. G. Sebald seine „unfertige Sammlung diverser Beobachtungen, Materialien und Thesen, von der [er] vermutete, daß sie in vielem der Ergänzung und Korrektur bedürfte“ 4 1999 noch einmal in Buchform unter dem Titel „Luftkrieg und Literatur“ veröffentlichte, hatte er sie bereits um die Auswertung zahlreicher Zuschriften ergänzen können, die ihn als Reaktion auf die Züricher Vorlesungen erreicht hatten. „Gerade aber an der Unzulänglichkeit und Verkrampftheit der mir ins Haus geschickten, unterschiedlichen Schriftstücke und Briefe konnte man ablesen, dass die in den letzten Kriegsjahren von Millionen gemachte Erfahrung einer nationalen Erniedrigung sondergleichen nie wirklich in Worte gefasst und von den unmittelbar Betroffenen weder untereinander geteilt, 5 noch an die später Geborenen weitergegeben worden sind.“
In Sebalds Kommentar über jene Zuschriften klingt besonders heraus, was er an anderer Stelle als für ihn wesentliche Motivation zur Beschäftigung mit dem Thema des Luftkrieges beschreibt: die erfolglose Suche nach Worten der unmittelbar Betroffenen, die es ihm als später Geborenem dennoch erlauben könnten, sich ein Bild zu machen von ihrem „Verlauf“, ihren „Ausmaßen“, ihrer „Natur“ und ihren „Folgen“. 6 Der vermeintliche Textmangel ist aus Sebalds Sicht Symptom eines gesellschaftlichen Tabus, einer für „alle gleichermaßen gültigen Vereinbarung“, die es verbot, „die finstersten Aspekte“ und den „wahren Zustand der materiellen und moralischen Vernichtung“ zu beschreiben. 7 Jenes Tabu scheint nach Sebalds Ausführungen mehrfach genährt, zum Einen durch den moralischen Druck, unter dem sich viele Nachkriegsautoren, sofern nicht ohnehin nur auf ihre eigenen Leidenserfahrungen fixiert, darauf konzentrierten, sich über die „Definition ihres Selbstverständnisses nach 1945“ ein „neues
3 Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 82 / S. 22.
4 Ebenda S. 81.
5 Ebenda S. 6.
6 Ebenda S. 81 ff.
7 Ebenda S. 18.
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Ansehen zu geben“. Man fürchtete zudem, durch „wirklichkeitsnahe Schilderungen bei den Besatzungsbehörden in Mißkredit zu geraten.“ 8
Als weiteren Erklärungsfaktor benennt Sebald die „nationale Erniedrigung sondergleichen“ und die Scham des Falls von der einstigen Herrenmenschenhybris zu den unwürdigen Lebensbedingungen als „Rattenvolk“ in den Ruinenstädten. 9 Zu all diesen noch beschreibbaren Empfindungen tritt, nach Sebalds Erwartung an die menschliche Psyche, eine zwangsläufige „Überladung und Lähmung der Denk- und Gefühlskapazität“ bei denjenigen, die die Luftangriffe unmittelbar miterlebten. Phrasenhafte Formulierungen, wie, „an jenem furchtbaren Tag, an dem unsere schöne Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde“, erscheinen Sebald dementsprechend als „Ges- te[n]zur Abwehr der Erinnerung.“ 10 Das Erzähltabu lasse sich somit auch aus Rücksicht des Individuums auf die Stabilität der eigenen Psyche erklären. So beschreibt Sebald seine Ambitionen an einer Stelle auch kurz gefasst damit, Einblicke in die Art eröffnen zu wollen, „in welcher das individuelle, das kollektive und das kulturelle Gedächtnis mit Erfahrungen umgehen, die die Belastungsgrenze durchbrechen“, und gesteht den Überlebenden das Recht zu Schweigen als unantastbar zu. 11 Ausgehend von einem berechtigten Unwillen oder Unvermögen befragter Zeitzeugen, ausführlich zu erzählen, muss in Sebalds Augen auch die Geschichtswissenschaft an Möglichkeiten eingebüßt haben, die Überlieferungslücken zu schließen. Es waren stattdessen die Schriftsteller, in welche er seine Hoffnung setzte, denn erst ein „synop- tisch[er],künstlich[er] Blick“ 12 ermögliche es, die verschleiernde Phrasenhaftigkeit der durch psychische und sprachliche Überforderung gekennzeichneten Zeitzeugenberichte zu überwinden. Das wenige literarisch Überlieferte stehe jedoch “sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht in keinem Verhältnis zu den extremen kollektiven Erfahrungen jener Zeit“, 13 eine Feststellung, durch welche Sebald seine These vom Tabu stützt, an dem, seiner Einschätzung nach, nur die Autoren Heinrich Böll, Hans Erich Nossack, Hermann Kasack, Peter de Mendelssohn und Arno Schmidt zu rühren wagten. 14
8 Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 7 / S. 17f.
9 Ebenda S. 4 / S. 44.
10 Ebenda S. 34 f.
11 Ebenda S. 91 f. / S. 103.
12 Ebenda S. 35.
13 Ebenda S. 82.
14 Ebenda S. 19 / S. 56 ff. Sebald bezieht sich hier auf Heinrich Bölls „Der Engel schwieg“, der 1951 vom Verlag abgelehnt
erst 1992 veröffentlicht wurde. Darüber hinaus hebt Sebald hinsichtlich ihrer Themen folgende Werke als Ausnahmen in ihrer Zeit
hervor: Hans Erich Nossacks Roman „Nekya“ (1947) und dessen Bericht „Der Untergang“ (1948), Herman Kasacks „Die Stadt
hinter dem Strom“ (1947), Peter de Mendelssohns „Die Kathedrale“ (1948) und Arno Schmidts Kurzroman „Aus dem Leben eines
Faun“ (1953).
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Doch selbst, wo es nicht an Bereitschaft fehlte, über die wahren Verhältnisse zu schreiben, zeigte sich, nach Sebalds Ansicht, allzu oft das Problem, überhaupt angemessene Worte und Darstellungsweisen zu finden für eine „auf keinen Begriff mehr zu bringende[...] Welt.“ 15
Sebalds Kritik richtet sich gegen jegliche „Versuch[e] einer Sinngebung des Sinnlosen“, gegen „philosophische[...] Überhöhung und falsche[...] Transzendenz.“ Ablehnend diagnostiziert er in den Arbeiten Kasacks, Nossacks, de Mendelssohns und auch Schmidts „allegorische[...] Überzeichnung“, unangemessene „Abstraktionslust und metaphysischen Schwindel“, eine „Rhetorik der Schicksalshaftigkeit“, „grammatische[...] Entgleisungen und schlechte[n] Stil“, „fatale Neigung zum Melodramatischen“ und, so etwa bei Schmidt, einen verwirrenden und überambitionierten Sprachkonstruktionismus. 16
Sebalds Anerkennung finden nur die Kompromisslosigkeit und „unheilbare Schwermut“ in Heinrich Bölls erst mit 40 Jahren Verspätung veröffentlichtem Trümmerroman „Der Engel schwieg“, sowie Hans Erich Nossacks „schiere[...] Faktizität“ im „Verzicht auf Kunstübung“, mit welcher der Autor in seinem Bericht „Der Untergang“ über die Bombardierung Hamburgs schreibt. 17
„Das Ideal des Wahren, das in seiner, über weite Strecken zumindest, gänzlich unprätentiösen Sachlichkeit beschlossen ist, erweist sich angesichts der totalen Zerstörung als der einzige legitime Grund für die Fortsetzung der literarischen Arbeit. Umgekehrt ist die Herstellung von ästhetischen oder pseudoästhetischen Effekten aus den Trümmern einer vernichteten 18 Welt ein Verfahren, mit dem die Literatur sich ihre Berechtigung entzieht.“
„Im Dokumentarischen, das in Nossacks der Untergang einen frühen Vorläufer hat, kommt die deutsche Nachkriegsliteratur eigentlich erst zu sich und beginnt mit ihren ernsthaften Studien zu einem 19 der tradierten Ästhetik inkommensurablen Material.“
Die Thesen W. G. Sebalds fanden schnell ein breites Medienecho und wurden Gegen-stand erneuter Diskussionen in den Feuilletons. Dabei luden Sebalds Einschätzungen nicht nur zur Auseinandersetzung mit dem Tabubegriff ein, sondern belebten außerdem eine Diskussion über die Frage, welche Form literarischer Bearbeitung ein Thema wie der Luftkrieg überhaupt fordere.
15 Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 18.
16 Ebenda S. 56.
17 Ebenda S. 18 f. / S. 62ff.
18 Ebenda S. 64.
19 Ebenda S. 71.
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Ehe im 4. Kapitel die literarische Behandlung des Luftkrieges betrachtet wird, soll jedoch zunächst skizziert werden, wie Historiker und Literaturwissenschaftler die These eines Tabus im öffentlichen Bewusstsein bewerten.
2. Der Luftkrieg im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit
2.1 Konjunktur der Erinnerung
Noch eine weitere Veröffentlichung gab der Debatte starken Antrieb und brachte das Thema über eine nach 1997 noch zumeist literaturorientierte Problematisierung in den Feuilletons hinaus zu einer öffentlicheren Wahrnehmung und allgemeineren Auseinandersetzung mit der Frage, welchen Raum der Luftkrieg im kollektiven Bewusstsein der Deutschen einnahm. Im Herbst 2002 erschien „Der Brand- Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“, eine Studie des Privatgelehrten Jörg Friedrich. Dieser beleuchtet auf über fünfhundert Seiten die technischen Details der vielfältigen von den Alliierten zum Einsatz gebrachten Waffen und Waffensysteme im Kontext der Ziele von Militärführung und Militärwissenschaftlern, liefert Einblick in die strategischen Erwägungen, beschreibt die Zerstörung deutscher Städte sowohl aus der Perspektive von Piloten als auch der Menschen am Boden, erweitert diese Blicke um die Wahrnehmungen der Nachgeborenen und schildert die Zerstörungen der Gebäude sogar im Zusammenhang ihrer einstigen Bedeutung für die früheren Generationen der vergangenen Jahrhunderte. Darüber hinaus lässt Friedrich die Perspektive deutscher Bunkeringenieure undbenutzer, von Feuerwehrleuten und Evakuierten einfließen und widmet sich den „men- talenReaktionen auf kollektiver und politischer Ebene“ wie auch den „sinnlichen Einwirkungen auf den einzelnen Menschen“, ehe er abschließend die Rettungsversuche und den Verlust vielfacher Kulturgüter zum Thema macht. 20
Friedrichs Verzicht auf eine zusammenfassende Deutung zugunsten der multiperspektivischen Collage, sein emotionalisierender Schreibstil, vereinzelte historiographische Fehler, aber vor allem die Verwendung von Begriffen, die Assoziationen zum Holocaust und damit den Verdacht einer Parallelisierung zwischen dem deutschen Vernichtungsprogramm und den alliierten Luftangriffen aufkommen ließen, brachten seiner Darstellung im In- und Ausland herbe Kritik ein. 21 Dass Friedrichs Werk, das auch
20 Fulda, Daniel: Abschied von der Zentralperspektive. Der nicht nur literarische Geschichtsdiskurs im Nachwende-Deutschland als
Dispositiv für Jörg Friedrichs der Brand. In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. Bd. 50 (2001) N. 2. S. 45-65. S. 151ff.
/ vgl. Friedrich, Jörg: Der Brand - Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945. Propyläen-Verlag, Berlin, 2002.
21 Vgl. u.a. Krellner, Ullrich: „Aber im Keller die Leichen / sind immer noch da.“ Die Opferdebatte in der Literatur nach 1989. In:
Wende des Erinnerns? Geschichtskonstruktionen in der deutschen Literatur nach 1989. Herausgegeben von Barbara Beßlich, Katha-
rina Grätz und Olaf Hildebrand. Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. 2006. S. 101-115. S. 103f. / Blank, Ralf: Jörg Friedrich:
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durch Vorabdrucke in der „Bild-Zeitung“ ein enormes Publikum fand, „die Vorstellungswelt vom alliierten Bombenkrieg in der Öffentlichkeit [so] stark geprägt“ zu haben schien, „dass es für Historiker schwer sein dürfte, bestimmte Aussagen zu revidieren oder zu ergänzen“ 22 , wurde von diesen mit Besorgnis aufgenommen. Der Literaturwissenschaftler Daniel Fulda rechnet Friedrich aber immerhin lobend an, den Blick „von dem von Sebald beklagten Erinnerungsversäumnis zum historischen Geschehen“ gewandt zu haben und charakterisiert es, gemessen an der öffentlichen Resonanz, als „bisher bedeutendstes Ereignis im deutschen Geschichtsdiskurs des beginnenden 21. Jahrhunderts.“ 23 Dass ein Thema Platz im Bewusstsein der Öffentlichkeit gefunden hat, lasse sich schließlich, so Fulda, daran erkennen, dass sich Skandale damit erzeugen ließen. 24 Gleichwohl sich das Buch, nach Dietmar Süß’ Einschätzung, in eine allgemeine Konjunktur literarischer und publizistischer Arbeiten füge, „die seit Mitte der 1990er Jahre verstärkt nach den Erfahrungen und Verarbeitungsmustern von Luftkrieg, Flucht und Vertreibung nach der deutschen Opferperspektive im Zweiten Weltkrieg und damit verbundenen Leerstellen in der kollektiven Erinnerung fragten“, 25 erwarb sich „Der Brand“ in der Darstellung der öffentlichen Medien den Ruf eines begrüßenswerten Tabubruchs und machte den Luftkrieg, so Süß, als öffentliches Thema noch 2007 geradezu „in“. 26
Dass dem so war, bestätigte sich in der Produktion von Spielfilmen, zunehmender Fernseh- und Presseberichterstattung und ebenso in differenzierteren zeitgeschichtlichen Arbeiten, die auch die kritisierten Elemente in Friedrichs Herangehensweise zu kompensieren versuchten. 27
Silke Arnold-de Simine erklärt die rege Rezeption der Sebald-Thesen, mit einem Wandel der Erinnerungskultur infolge der deutschen Wiedervereinigung und der „damit ver-bundenen Aufhebung der Nachkriegsordnung“, eine Deutung, die auch das ohnehin seit Mitte der 1990er Jahre anwachsende Interesse am Zweiten Weltkrieg und den Perspek-
DerBrand. Deutschland im Bombenkrieg. Eine kritische Auseinandersetzung. In: Militärgeschichtliche Zeitschrift. Bd. 63 (2004),
N. 1. S. 175-186. S. 175ff.
22 Blank: Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg. Eine kritische Auseinandersetzung. S. 176.
23 Fulda, Daniel: Irreduzible Perspektivität - „Der Brand“ von Jörg Friedrich und das Dispositiv des nicht nur literarischen Ge-
schichtsdiskurses seit den 1990er Jahren. In: Wende des Erinnerns? Geschichtskonstruktionen in der deutschen Literatur nach 1989.
Herausgegeben von Barbara Beßlich, Katharina Grätz und Olaf Hildebrand. Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. 2006. S.
133-156. S. 133f.
24 Fulda: Abschied von der Zentralperspektive. [...], S. 45.
25 Süß, Dietmar: „Massaker und Mongolensturm“ Anmerkungen zu Jörg Friedrichs umstrittenen Buch „Der Brand. Deutschland im
Bombenkrieg 1940-1945“. In: Historisches Jahrbuch. J. 124 (2004). S. 521-544. S. 521.
26 Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung. Herausgegeben von Dietmar Süß. München: R. Oldenbourg Verlag 2007.
S. 9.
27 Vgl. Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung. S. 9 / Echternkamp, Jörg: Von der Gewalterfahrung zur Kriegserin-
nerung - über den Bombenkrieg als Thema einer Geschichte der deutschen Kriegsgesellschaft. In: Deutschland im Luftkrieg. Ge-
schichte und Erinnerung. Herausgegeben von Dietmar Süß. München: R. Oldenbourg Verlag 2007. S. 13-27. S. 15 / Thiessen,
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tiven deutscher Opfer begreifbar machen könnte. 28 Die Verbrechen des Nazi-Regimes und die deutsche Schuld schienen für Heribert Seifert schon im letzten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts so stark im öffentlichen Bewusstsein verankert zu sein, 29 dass dieser in Thematisierungen des Zweiten Weltkriegs zumeist als obligatorisch angesehene Angelpunkt nun eine Selbstverständlichkeit erreicht habe, die es erlaube, den Kontext des Völkermordes anzuerkennen, ohne ihn noch erwähnen zu müssen. Dies habe, Seiferts Einschätzung nach, die Rekonstruktion vergangenen Lebens neben dem moralischen Richtspruch in den Vordergrund treten lassen und neue Erkundungen der vermeintlich vertrauten Geschichte ermöglicht, eine Erinnerungsnische, die vor den Historikern nun zunächst von Journalisten oder Exmilitärs mit neufokussierten Darstellungen besetzt worden sei. 30
Es stellte sich in der Debatte um Friedrichs „Der Brand [...]“ jedoch die Frage, ob jener von Vielen diagnostizierte Wandel der Erinnerungskultur bereits zulasse, von einem Tabubruch zu sprechen. Seifert führt weiter aus, dass jene geschichtlichen Neuerkundungen keineswegs neue, ehemals tabuisierte Themen aufgriffen, denn sowohl über das große Sterben während Flucht und Vertreibung der elf Millionen Deutschen aus den Ostgebieten als auch über den Untergang der 6. Armee in Stalingrad und ebenso die Verheerungen, die der Bombenkrieg in Dresden, Hamburg und anderswo angerichtet hatte, sei gesprochen, geschrieben und gefilmt worden. Einzig der reflexartige Verweis auf die größere deutsche Schuld sei weggefallen. 31
Der Verneinung eines Tabus schließt sich auch Ralph Bollermann an und argumentiert unter anderem damit, dass jeder Schulatlas die zerbombten Städte samt exaktem Zerstörungsgrad verzeichne. 32 Belegt all dies aber schon einen unverkrampften Umgang mit der deutschen Opferperspektive, und hat es ein Tabu, wie Bollermann schreibt, tatsächlich „nie“ gegeben? Wie sehr und in welchen Formen, waren nicht nur der Luftkrieg, sondern auch das damit verbundene Leid deutscher Opfer im öffentlichen Bewusstsein der Deutschen seit den Kriegsjahren präsent?
Malte: Gedenken an „Operation Gomorrha“. Zur Erinnerungskultur des Bombenkrieges von 1945 bis heute. In: Zeitschrift für
Geschichtswissenschaft. J. 53 (2005) N. 1. S. 46-62. S. 46 / Fulda: Abschied von der Zentralperspektive. [...], S. 46.
28 Arnold-de Simine: Erinnerungspolitik als „Naturgeschichte der Zerstörung“? [...], S. 119 / vgl. Wehler: Wer Wind sät, wird
Sturm ernten. S. 140.
29 Seifert unterstreicht diese Aussage mit den Worten, dass „kein ernst zu nehmender Zeitgenosse“ noch Auschwitz leugne oder
deutsche Schuld bestreite. Seifert, Heribert: Rekonstruktion statt Richtspruch. In: Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den
Bombenkrieg 1940-45. Herausgegeben von Lothar Kettenacker. (1. Aufl.) Berlin: Rowohlt 2003. S. 152-158. S. 153f.
30 Seifert: Rekonstruktion statt Richtspruch. S. 153f.
31 Ebenda S. 153f.
32 Bollermann, Ralph: Im Dickicht der Aufrechnung. In: Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-45.
Herausgegeben von Lothar Kettenacker. (1. Aufl.) Berlin: Rowohlt 2003. S. 137-140. S. 139.
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2.2 Die Gedenkkultur der Nachkriegszeit
Berücksichtigt man den Hinweis des Historikers Thomas Widera, dass Erinnerungen „vielfältigen personalen, politischen, faktischen, semantischen, mentalen, lokalen und rituellen Verzerrungen“ unterliegen und auch Historiographie und Publizistik als Träger eines kollektiven Gedächtnisses gezielter Einflussnahme ausgesetzt sein können, 33 erweist sich schon der von Sebald formulierte Wunsch, eine authentische Vorstellung der individuellen Leiden deutscher Zeitzeugen zu erhalten, als schwierig erfüllbar. Gerade das durch mediale Vorgaben formbare kollektive Gedächtnis vermag, individuelle Wahrnehmungsmuster zu überdecken und das tatsächliche Ausmaß des Aufarbeitungsbedürfnisses für die historische Forschung im Kontakt mit Zeitzeugen unerkannt lassen. Dies aber ist nötig, um eine Tabuisierung zu diagnostizieren. „Strategien der Ästhetisierung, der Fiktionalisierung und Heroisierung bildeten um das reale Geschehen einen heute schwer zu durchdringenden Schleier“, erklärt Widera und bestätigt Sebalds Klage, dass auch gewisse Formen, über Erfahrungen zu sprechen, erlauben, sich der tieferen Beschäftigung damit zu entziehen. 34 Die Präsenz eines Themas in der Öffentlichkeit ist somit kein Beweis, um eine Aufarbeitungslücke auszuschließen. Noch detaillierter als Widera, der darauf hinweist, dass hinsichtlich der Bombenkriegserfahrungen die von der nationalsozialistischen Propaganda geprägten Topoi noch in Quellen der Nachkriegszeit augenfällig seien, 35 stellt Ursula Heukenkamp heraus, dass nicht erst der moralische Druck nach Kriegsende, einem tieferen Aufarbeitungsbedürfnis und öffentlichem Gedenken der Bombenopfer wenig Raum ließ. Nach Heukenkamps Untersuchungen erhielt sich die noch in früheren Kriegen gültige Trennung der Begriffe ‚Front’ und ‚Heimat’ bis weit in die fünfziger Jahre hinein. Die unter den Nationalsozialisten propagierte Vorstellung, dass die ‚Heimat’ an der ‚Front’ verteidigt würde, führte schon in den 1940er Jahren zu einer Marginalisierung der Zivilistenperspektive auf den Krieg, die auch darüber hinaus fortbestand. 36 Wenngleich sich mit den Bombardements deutscher Städte genau das abspielte, was mit dem Versprechen des ‚Totalen Krieges’ längst angekündigt war, prägte die Bagatellisierung der Leiden durch gänzliche Unterlassung jedweder Art von Opferriten das Bewusstsein der Daheimgebliebenen.
33 Widera, Thomas: Gefangene Erinnerung. Die politische Instrumentalisierung der Bombardierung Dresdens. In: Alliierter Bom-
benkrieg. Das Beispiel Dresden. (Berichte u. Studien Nr. 50). Herausgegeben von Lothar Fritze, Thomas Widera. (1. Aufl.) Göttin-
gen: V&R Unipress GmbH 2005. S. 109-135.S. 109f.
34 Ebenda S. 115 / Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 134.
35 Widera: Gefangene Erinnerung. Die politische Instrumentalisierung der Bombardierung Dresdens. S. 119.
36 Heukenkamp, Ursula: Gestörte Erinnerungen, Erzählungen vom Luftkrieg. In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik.,
Bd. 50. (2001) N. 2. S. 469-493. S. 469 ff.
10
Die Propaganda der Kriegsjahre verurteilte die alliierten „Terrorangriffe“, inszenierte den Luftkrieg aber als zivile Angelegenheit. 37 Gerade aus der zunächst fehlenden Angst davor, selbst Opfer von Militäroperationen werden zu können, und der verweigerten Symbolbildung auf öffentlicher Ebene resultierte, so Heukenkamp, auch der Schock, der ihrer Beurteilung nach noch über Jahrzehnte die Zunge der Zeugen lähmte. Die Me-taphorik propagandistischer Darstellungen suggerierte, die Luftangriffe als fraglos hinzunehmende Schicksalsschläge zu verstehen, was zur Folge hatte, dass auch politische Handlungszusammenhänge und die Frage nach den Verantwortlichen „ausgeklammert“ wurden. So kam es auch nach 1945 „zu keiner verbindlichen Auffassung des Luftkrieges als ein Bestandteil des von Deutschland gegen Europa geführten Krieges“. Versuche, ihn als „Sinnbild der Folgen aller deutschen Expansionsabsichten“ zu behandeln, erwiesen sich im Nachkriegsdeutschland als unpopulär, und selbst heute erscheinen Heukenkamp in historischen Arbeiten noch „Unsicherheiten bei wertenden Aussagen bemerkbar.“ 38
Die Frage nach Deutung und Verarbeitung des Bombenkrieges bietet sich deutlich zur Untersuchung unter Gender-Aspekten an, denn nichts anderes beinhaltete die problematische Trennung der Sphären ‚Heimat’ und ‚Front’ zumeist, als ein Übertönen weiblicher Perspektiven durch männliche Erzähldominanz. Auch die Hoffnung vieler Frauen darin, zur Normalität zurückkehren zu können, indem sie durch ihr Schweigen, die „Schwäche der Männer“ schonten und deren „soziale Genesung“ förderten, erklärt für Heukenkamp das Fehlen tieferer Aufarbeitung, zugunsten optimistischer Trümmerbewältigungsparolen. 39
Von einseitigen Betrachtungen zeugt möglicherweise auch die noch immer beobachtbare Fixierung auf die technischen Dimensionen des Krieges.
„Bis heute ist es dabei geblieben, dass die Opfer von Luftkriegen nur dann vor die Augen der Öffentlichkeit kommen, wenn es politisch zweckmäßig ist. Sonst sieht man nur die Waffe und den Waffenträger, das Flugzeug oder die Rakete. Dieselbe Technik dient allerorts auch zivilen Zwecken. Ihr Einsatz ist sachlich durch ihre Existenz gerechtfertigt, ihre Erscheinung ästhetisch akzeptabel. Gegen dieses Übermaß an Legitimierung waren die Opfer des Bombenkrieges sogar unmittelbar nach dem Krieg stimmlos. Immer nahmen Luftflotte und Luftforschung die Attribute des Fortschrittes, der Zweckmäßigkeit und des Glanzes für sich in Anspruch und sie wurden ihnen zugebilligt .“ 40
37 Heukenkamp: Gestörte Erinnerungen, Erzählungen vom Luftkrieg. S. 477.
38 Ebenda S. 476 f. / S. 473 f.
39 Ebenda S. 478 f.
11
Von einer Tabuisierung der Opferperspektive zu sprechen, wäre bezüglich der von Heukenkamp beleuchteten Dynamik wohl zu hoch gegriffen, doch unterstützen ihre Untersuchungen den Eindruck Winfried Sebalds, dass die Auseinandersetzung der Überlebenden mit dem Bombenkrieg unverhältnismäßig zum Schrecken der kollektiven Erfahrung gestanden habe. 41 Sebald selbst gelingt es jedoch nicht, klar die Ebenen zu benennen, auf denen Aufarbeitung entweder ihren Raum erhalten habe oder ihn vermisste. Er schließt den privaten Bereich zunächst in seine Tabuthese ein und spricht von einer „Absenz, die auch für andere Diskursbereiche vom Familiengespräch bis hin zur Geschichtsschreibung bezeichnend ist“, um an späterer Stelle wieder auszuklammern: „Wenn man Familienreminiszenzen, episodische Literarisierungsversuche [...] Erinnerungbüche[r] [...] beiseite lässt, so kann man nur von einer durchgehenden Vermeidung oder Verhinderung sprechen.“ 42
Wie stand es nun aber um den von ihm benannten moralischen Druck, der, im Angesicht deutscher Schuld, nach dem Krieg ein Erinnern der eigenen Leiden verbot? Dietmar Süß erinnert daran, dass zumindest in den Anfangsjahren nach dem Krieg die staatlich organisierte Erinnerungsarbeit eine „offizielle Lesart“ der Bombardements als Schreckensereignis etablierte. 43 In Anknüpfung daran brachten auch die Tageszeitungen ein nationales Gedenken der Opfer rasch und offen in Gang. Im vergleichsweise gering betroffenen Freiburg, erinnerten die Zeitungsberichte bereits ein Jahr nach den Luftangriffen des 27. November 1944 an das „Bombengewitter“ und den „schwärzesten Tag“ der Stadtgeschichte. 44
Malte Thiessen hat dargestellt, dass es in der Erinnerungskultur der Stadt Hamburg keine Zurückhaltung im Gedenken der Bombardements aus eventueller Angst vor Relativierungen gab. 45 Die Vielzahl an Denkmälern, Gedenkfeiern, Ausstellungen, literarischen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen sowie Presseserien zeugen für Thiessen weder von kollektivem Beschweigen, noch von einer Traumatisierung.
40 Heukenkamp: Gestörte Erinnerungen, Erzählungen vom Luftkrieg. S. 475.
41 Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 82.
42 Ebenda S. 82 / S. 108 / vgl. Vees-Gulani, Susanne: Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. Berlin: de
Gruyter 2003. S. 124.
43 Süß: „Massaker und Mongolensturm“ [...], S. 539. Süß bezieht sich hier auf die „Dokumente Deutscher Kriegsschäden. Evaku-
ierte, Kriegssachgeschädigte, Währungsgeschädigte“ herausgegeben vom Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegs-
sachgeschädigte.
44 Ebenda S. 539.
45 Siehe Thiessen, Malte: Gedenken an „Operation Gomorrha“. Zur Erinnerungskultur des Bombenkrieges von 1945 bis heute. In:
Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. J. 53 (2005) N. 1. S. 46-62.
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„In ihren zeitgenössischen Deutungen bildeten integrative, identitätsstiftende und meist zukunftsweisende Luftkriegsnarrative eine fundamentale Grundlage für ein ‚Stadtgedächtnis’, das wiederum für die Konstruktion einer Hamburger Erinnerungsgemeinschaft sowie als po- 46 litisch-kulturelle Orientierungsgröße konstitutiv war.“
Thiessen unterscheidet drei Phasen der ab 1949 von der Politik forcierten und auf die eigenen Opfer gelenkten Erinnerungskultur in Hamburg, beginnend mit einer „bis in die 50er-Jahre anhaltenden Konstituierung und Etablierung kollektiver Geschichtsbilder aus der direkten Erfahrung der Betroffenen“, in welcher man die Bombenopfer als Mahnung vor den grausamen Auswüchsen der menschlichen Natur deuten lernte. Mit der Erinnerung an apokalyptische Gewalten oder das „Stalingrad der Luft“ erhielten die Darstellungen eine mythologische Überhöhung, die sich auch in der Verherrlichung eines sich im Wiederaufbau bezeugenden Durchhalte- oder sogar Widerstandswillens über die 1960er und 70er Jahre fortsetzte. 47 In dieser bis zum Anfang der 1980er Jahre dauernden zweiten Phase blieb eine gleichmäßige Thematisierung zu beobachten, die politische Zusammenhänge ausblendete und den Opferdiskurs zunehmend einseitiger machte. Mit dem Generationenwechsel setzte sich zudem eine kritischere Einstellung zu den Militärstrategien der Alliierten durch.
In den 1980er Jahren wurden die Wahlkämpfe zum Motor neuer Erinnerungsarbeit, nachdem die zunächst abklingende Gedenkbereitschaft des Senats sich angesichts der überraschenden Bürgerresonanz auf eine Luftkriegsausstellung 1983 als vermeintliche Verkennung öffentlichen Interesses erwiesen hatte. 48
Auch am Beispiel Dresdens ist versucht worden, aufzuzeigen, wie präsent die Erinnerung an die Zerstörung über die Nachkriegsjahrzehnte blieb. 49 Ob man den Verweis auf die Erinnerungskultur der betroffenen Städte, als Gegenargument zur Tabuthese nutzt oder wie Ursula Heukenkamp als lokale Fixierung und damit Einschränkung des Gedenkens beklagt, 50 auffällig sind die Hinweise darauf, dass, wo der Zerstörung gedacht wurde, weniger die Opfer- als vielmehr die deutsche Täterschaft ausgeblendet wurde. Bezüglich Hamburgs lässt Thiessens Untersuchung erkennen, wie die Narrative von der Entfesselung allgemeinmenschlicher Grausamkeit im Krieg, von apokalyptischer
46 Thiessen: Gedenken an „Operation Gomorrha“. [...] S. 60.
47 Ebenda S. 50ff.
48 Ebenda S. 54ff.
49 Siehe u.a. Deckert, Renatus: Auf eine im Feuer versunkene Stadt. Heinz Czechowski und die Debatte über den Luftkrieg. In:
Merkur., J. 58 (2004) N.3. S. 255-259 / Widera, Thomas: Gefangene Erinnerung. Die politische Instrumentalisierung der Bom-
bardierung Dresdens. In: Allierter Bombenkrieg. Das Beispiel Dresden. Herausgegeben von Lothar Fritze, Thomas Widera (Berich-te u. Studien Nr. 50) Göttingen: V&R Unipress GmbH 2005. S. 109-135.
50 Heukenkamp: Gestörte Erinnerungen, Erzählungen vom Luftkrieg. S. 470.
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Schicksalhaftigkeit oder vor allem einer doppelten Opferschaft der Hamburger, die unter den Angriffen ebenso litten, wie unter der eigenen Regierung, über Jahrzehnte darauf verzichten ließen, die Bombardements als Teil auch berechenbarer politischer Entwicklungen zu deuten, an denen auch die Zeugengeneration teilgehabt haben mochte. Als Bürgermeister Voscherau 1993 den Mut und die Entschlossenheit der Alliierten lobte, der nationalsozialistischen Gewalt auch Gewalt entgegenzusetzen, brachte er zugleich eine Deutung vor, die dem Geschichtsbild der Zeitzeugengeneration störend entgegenzustehen schien. 51
Auch für die Gedenkkultur Dresdens hebt Thomas Widera hervor, wie die antiwestlich ausgerichtete Instrumentalisierung dem Bedürfnis vieler Einwohner entgegenkam, die eigene Verantwortung nicht zu thematisieren. Die Zerstörung stand, der KPD-Propaganda nach, im Zeichen terroristischer Willkür seitens der Briten und Amerikaner sowie der Verantwortungslosigkeit konkret benannter „Nazikriegstreiber“. 52 Die Absicht, so Widera, war es, die Deutschen für die Wiedergutmachung und die Mitarbeit am Aufbau zu motivieren. Die dem öffentlichen Bewusstsein aufgeprägte Deutung erlaubte es, sich durch tatkräftige Beteiligung am Neuaufbau in die Reihen der „Antifa- schisten“ zustellen. „Der Preis dafür bestand in Trauerabstinenz und dem Beschweigen der persönlichen Verluste.“ 53 Der Literaturwissenschaftler Renatus Deckert glaubt, in Dresden einer tieferen Trauer der Bewohner begegnet zu sein, die jenseits von Schuldzuweisungen der offiziellen Lesart nach Aufarbeitung verlangte. 54 So sei auch in Dresden viel über den Luftkrieg gesprochen und doch viel ausgelassen worden.
Dass der ab Mitte der 1990er Jahre immer wieder bemühte Tabubegriff sich jedoch auf die Erwähnung deutscher Opfer alliierter Bombardements bezieht, erklärt Malte Thiessen gerade aus Entwicklungen, die den Blick seit einigen Jahren wieder verstärkt auf die zuvor lange vernachlässigte Beteiligung der deutschen Bevölkerung gelenkt hatten. Dass sich einige Vertreter der Kriegsgeneration auf die Tabuisierung eigener Erfahrungen beriefen, deutet Thiessen als Reaktion auf einen Wandel der Erinnerungskultur, als einen Versuch, gegensteuernd eine noch stärkere Opferperspektive einzuklagen. 55 Dem entsprechend beschreibt auch Daniel Fulda eine im Geschichtsdiskurs der 1990er Jahre entscheidende Entwicklung, sich „als Kind, Enkel oder Urenkel mit der national-
51 Thiessen:Gedenken an „Operation Gomorrha“. [...] S. 58f.
52 Vgl. Süß: „Massaker und Mongolensturm“ [...], S. 541.
53 Widera: Gefangene Erinnerung. Die politische Instrumentalisierung der Bombardierung Dresdens. S. 120.
54 Deckert: Auf eine im Feuer versunkene Stadt. Heinz Czechowski und die Debatte über den Luftkrieg. S. 256.
55 Thiessen: Gedenken an „Operation Gomorrha“. [...] S. 58f.
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sozialistischen Tätergesellschaft verbunden“ zu sehen und eine politische und moralische Verantwortung zu akzeptieren, die die Bevölkerungsmehrheit aber noch immer scheue. 56
Was Fulda, trotz Ablehnung des Tabubegriffs, deutlich betont, ist die unumgehbare moralische Dimension des Themas. So wie man mal mehr und mal weniger anklagend in der Presse und städtischen Veranstaltungen der deutschen Opfer gedachte, so vermied man es in anderen Milieus, als Zeichen moralischer Positionierung, sich auch daran zu erinnern. Für Peter Schneider etwa fügt sich die Tabuthese passend in die Erinnerung an einen angespannten „Wettlauf um die Unschuld“ unter den 68ern, den man auch durch gegenseitigen Vorwurf, revisionistischer Haltungen, zu gewinnen suchte. 57 Tatsächlich lassen sich vielfältige Deutungen und ebenso Erinnerungslücken zum Luftkrieg im öffentlichen Bewusstsein des Nachkriegsdeutschlands ausmachen. Die öffentliche Rede vom Tabu erscheint bei genauerem Blick als Ausdruck der schwierigen moralischen Differenzierung, angesichts des auch immer wieder zwischen Extremen schwankenden Deutungskampfes. Woran es zu mangeln scheint, sind Formen des Erinnerns, die sowohl einen ehrlichen Blick auf die eigenen Verluste zulassen als ebenso Einsicht in die politische Dimension des Zweiten Weltkrieges und die von deutscher Seite in Gang gesetzte Vergeltungsdynamik verlangen. Auch für die Geschichtswissenschaft offenbart sich hier ein Aufholbedarf.
3. Der Luftkrieg als Gegenstand deutscher Geschichtswissenschaft
Unter den zahlreichen Beurteilungen der Historiker hinsichtlich der geschichtswissenschaftlichen Untersuchung des Luftkriegs, tut sich nur Hans-Ulrich Wehler mit der Verwendung des Tabubegriffs hervor. In seiner Wahrnehmung war die bisherige Auslassung umfassender Forschungsarbeiten durchaus durch Traumatisierung oder auch der Angst, in den Verdacht des Revisionismus zu geraten, bedingt. 58 Selbst das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam, auf welches sich Ralf Blank wiederum beruft, um die verbreitete Annahme einer Aufarbeitungslücke zu entkräften, 59 sei erst vor we-
56 Fulda:Abschied von der Zentralperspektive. [...], S. 58.
57 Schneider, Peter: Deutsche als Opfer? Über ein Tabu der Nachkriegsgeneration. In: Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um
den Bombenkrieg 1940-45. Herausgegeben von Lothar Kettenacker. (1. Aufl.) Berlin: Rowohlt 2003. S. 158-166. S. 162 ff.
58 Wehler, Hans-Ulrich: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. In: Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-
45. Herausgegeben von Lothar Kettenacker. (1. Aufl.) Berlin: Rowohlt 2003. S. 140-145. S. 140 ff.
59 Blank verweist außerdem darauf, dass bereits seit den 1970er Jahren „eine größere Anzahl von wichtigen und gut recherchierten
Studien“ erschienen seien, deren Titel er jedoch nicht angibt. Siehe Blank: Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bomben-
krieg. Eine kritische Auseinandersetzung. S. 175f.
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nigen Jahren im siebten Band seines Monumentalwerkes über den Zweiten Weltkrieg auf die Luftangriffe eingegangen. 60
Die Ansicht, dass es sich allerdings um ein von der geschichtswissenschaftlichen Forschung lange Zeit vernachlässigtes Thema handelt, wird von den meisten Stimmen geteilt. 61 Neben vielen unseriösen Darstellungen, denen sich Aufrechnungsambitionen vorwerfen ließen, 62 waren es bisher, so betont Dietmar Süß, vor allem Stadt- und Mili-tärhistoriker gewesen, die oft anlässlich von Jahrestagen alliierter Bombardements veröffentlichten und nach Konzepten und Wirkungen des Bombenkrieges fragten. Süß hebt dabei besonders die Arbeiten von Wilfried Beer, Horst Boog und Olaf Groehler als wichtig hervor. 63 Diese Veröffentlichungen konzentrierten sich jedoch zumeist auf die Voraussetzungen des Luftkrieges, seine völkerrechtlichen Grundlagen und operative Durchführung.
Bezüglich Friedrichs Studie scheint Süß die Werbung mit dem vermeintlichen Tabubruch unangemessen, gebe es doch seit geraumer Zeit und nicht erst durch die öffentliche Debatte angeregte Forschungen gerade jüngerer Wissenschaftler zu den Erfahrungen der von Bombenkrieg Betroffenen. 64
Worauf sich die Forschung noch zu wenig konzentriert habe, schildert Süß, seien die Wirkungen des Bombardements auf die Zivilbevölkerung, sowie „konzeptionelle Überlegungen, die sich bemüh[...]en, den Krieg als Teil der zunehmend radikalisierten nationalsozialistischen Gesellschaftspolitik nach innen wie außen zu begreifen“, 65 Versuche, „den Luftkrieg auf systematische Weise in die Geschichte des ‚Totalen Krieges’ zu integrieren“, als auch der Erfahrungs- und Erinnerungsgeschichte des Luftkrieges eine methodisch anspruchsvolle und breit recherchierte Untersuchung zu widmen. 66 Noch detaillierter skizziert Süß die von ihm erhofften zukünftigen Forschungsperspektiven in folgender Weise:
60 Wehler: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. S. 141. / siehe Boog, Horst/ Krebs, Gerhard/ Vogel, Detlef: Das Deutsche Reich in
der Defensive. Strategischer Luftkrieg in Europa, Krieg im Westen und in Ostasien 1943 bis 1944/45. (Band 7 der Reihe ‚Das
Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg’. Herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt). Deutsche Verlags-Anstalt,
Stuttgart, 2001.
61 Siehe Thiessen: Gedenken an „Operation Gomorrha“. [...] S. 47 / Süß: „Massaker und Mongolensturm“ [...], S. 536 / Blank:
Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg. Eine kritische Auseinandersetzung. S. 183 / Fulda: Abschied von der
Zentralperspektive. [...], S. 46.
62 Süß führt als Beispiele folgende Publikationen auf: Czesany, Maximilian: Allierter Bombenterror. Der Luftkrieg gegen die
Zivilbevölkerung Europas 1940-1945. Leoni am Starnberger See, 1986; Irving, David J.: Und Deutschlands Städte starben nicht.
Ein Dokumentarbericht. Der Bombenkrieg gegen Deutschland. Augsburg, 1989; Rumpf, Hans: „Die Bomberschuld“. In: Nation
Europa 35/2 (1995), S. 35-42.
63 Süß: „Massaker und Mongolensturm“ [...], S. 536ff / siehe Beer, Wilfried: Kriegsalltag an der Heimatfront. Allierter Luftkrieg
und deutsche Gegenmaßnahmen zur Abwehr und Schadensbegrenzung, dargestellt für den Raum Münster. Bremen, 1990; Boog,
Horst/ Krebs, Herbert/ Vogel, Detlef: Das Deutsche Reich in der Defensive. Strategischer Luftkrieg in Europa. Krieg im Westen und
in Ostasien 1943-1944/45. Stuttgart/München, 2001; Groehler, Olaf: Bombenkrieg gegen Deutschland. Berlin, 1990.
64 Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung. S. 9.
65 Süß: „Massaker und Mongolensturm“ [...], S. 531/ S.537.
66 Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung. S. 10.
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„Gleichwohl bleiben trotz beeindruckender, auch regionalhistorischer Vorarbeiten noch immer zentrale Fragen für eine politische Sozial-, Kultur- und Institutionengeschichte der ‚Heimatfront’ im Luftkrieg offen. Dazu zählt die Frage nach den Formen der Vergesellschaftung von Gewalt im Krieg, nach den Rück- und Wechselwirkungen zwischen ‚Front’ und ‚Heimat’ [...] und nach dem Verhältnis von Partei und Staat. [...] Ob der Einflussgewinn kommunaler und parteiamtlicher Entscheidungsträger die Effizienz der Kriegsbewältigung erhöhte und zugleich auch die Radikalisierung der arbeitsökonomischen und rassistischen Nützlichkeitsideologie vorantrieb, ist derzeit noch nicht hinreichend geklärt. Ähnliches gilt für die lebensgeschichtliche Bedeutung der Zerstörung von Wohnraum, von persönlichem Hab und Gut, die Trennung und Zerstörung von Familien, sowie die Verlagerung des Alltagslebens ‚unter die Erde’, in die Luftschutzkeller und U-Bahnschächte. Offen ist zudem, mit welchen Formen und kulturellen Deutungs- und Handlungsmustern der Bombenkrieg in 67 Normen, Symbolsprachen und soziale Praktiken transformiert wurde.“ Die Debatte darüber, welche Form der Aufbereitung dem geschichtswissenschaftlichen Gegenstand des Luftkrieges angemessen ist, nimmt sich vergleichbar umfangreich aus wie die literaturbezogene Diskussion und kann im engen Rahmen dieser Arbeit nicht ausführlich dargestellt werden. 68
4. Der Luftkrieg in der deutschen Literatur
Es soll nun im Folgenden auf die Thematisierung des Luftkrieges in der Literatur eingegangen werden.
Die durch Sebald in Gang gebrachte Auseinandersetzung mit dem Thema des Luftkriegs in der Literatur förderte einen großen Verweiskatalog literarischer Beispiele zutage, die der Verfasser der Züricher Vorlesungen völlig unberücksichtigt gelassen hatte. 69 So erfuhr Sebalds Einschätzung, der Luftkrieg habe vor allem in der Literatur kaum eine nachweisbare „Schmerzensspur“ hinterlassen, in quantitativer Hinsicht die stärkste Anfechtung.
67 Süß: „Massaker und Mongolensturm“ [...], S. 541f.
68 Hierzu v.a. Fulda, Daniel: Abschied von der Zentralperspektive. Der nicht nur literarische Geschichtsdiskurs im Nachwende-
Deutschland als Dispositiv für Jörg Friedrichs der Brand. In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. Bd. 50 (2001). N. 2.
S. 45-65. / Fulda, Daniel: Irreduzible Perspektivität - „Der Brand“ von Jörg Friedrich und das Dispositiv des nicht nur literarischen
Geschichtsdiskurses seit den 1990er Jahren. In: Wende des Erinnerns? Geschichtskonstruktionen in der deutschen Literatur nach
1989. Herausgegeben von Barbara Beßlich, Katharina Grätz und Olaf Hildebrand. Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. 2006.
S. 133-156. / Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-45. Herausgegeben von Lothar Kettenacker.
Berlin: Rowohlt 2003.
69 Vgl. die Einschätzung bei Menke, Timm: W.G. Sebalds Luftkrieg und Literatur und die Folgen: Eine kritische Bestandsaufnah-
me. In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. Bd. 50. (2001) N. 2. S. 149-164. S. 150 / Vees-Gulani: Trauma and Guilt.
Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 69.
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4.1 Die „Rezeptionslücke”
Die Umfangreichste Untersuchung veröffentlichte 2003 Volker Hage unter dem Titel „Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche“. 70 Hage kam über die Vielfalt der zumeist in Vergessenheit geratenen Romane, Gedichte, Erzählungen und Aufsätze zu dem Schluss, dass es sich nicht um eine Produktionswohl aber eine Rezeptionslücke gehandelt habe, die den Eindruck einer Tabuisierung auf den ersten Blick gestützt haben mochte. 71
Sofern sich der suchende Blick nur auf jene, als bedeutendste anerkannten AutorInnen der Nachkriegszeit richtet, erscheinen die Schrecken des Bombenkriegs, ebenso allerdings auch der Holocaust, ausgespart. Ulrich Krellner bemängelt so etwa Verharmlosung und Relativierung der eignen Opfererfahrung in den Werken der Gruppe 47, unter denen Hage den 1948 erschienenen Roman „Die größere Hoffnung“ von Ilse Aichinger schließlich auch als Ausnahme benennt. 72
Abseits der kanonisierten Nachkriegsliteratur lässt sich nach seinen Recherchen jedoch eine bis Anfang der 1960er Jahre andauernde Phase literarischer Produktion feststellen, in der etwa die Bombardierungen Dresdens, Berlins, Hamburgs oder Breslaus und die angstvolle Atmosphäre in den Luftschutzbunkern geschildert wurden, ebenso wie die Erfahrungen der deutschen Jagdflieger und auch die doppelte Bedrohung für jene, die die Verfolgung ebenso wie die Bombenflugzeuge zu fürchten hatten. 73 Auch wenn es einige unter diesen Romanen zu Erfolg brachten, gerieten sie in Vergessenheit, und dass jene Welle der frühen Luftkriegsromane bereits nach 1960 abgeflaut war, macht für Hage auch die vermeintliche Wahrnehmungslücke Sebalds erklärbar. 74 Immerhin lässt sich, wie Hage aufzeigt, bei einigen AutorInnen, die den Krieg als Kinder und Jugendliche erlebten, die Erfahrung der Fliegerangriffe zwischen den Zeilen lesen, wird erwähnt bei Thomas Bernhard, Christa Wolf, Peter Rühmkorf, Gerhard Roth, Peter Handke und Rolf Dieter Brinkmann. 75
70 Hage, Volker: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. Frankfurt a. Main: Fischer-
Verlag 2003.
71 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 119 / vgl. Krellner: „Aber im Keller
die Leichen/sind noch immer da“ [...], S. 105 / Arnold-de Simine: Erinnerungspolitik als „Naturgeschichte der Zerstörung“? [...], S.
122 / Fulda: Irreduzible Perspektivität - „Der Brand“ von Jörg Friedrich [...], S. 134.
72 Krellner: „Aber im Keller die Leichen/sind noch immer da“ [...], S. 106 f. / Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der
Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 69f. Inwieweit Krellner und Hage ihr Urteil auch auf Heinrich Bölls „Der Engel schwieg“
beziehen, wird nicht geklärt.
73 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 33ff. Hage benennt folgende Titel:
Bruno E. Werner: „Die Galeere“ (1949); Otto Erich Kiesel: „Die unverzagte Stadt” (1949); Hugo Hartung: „Der Himmel war
unten“ (1951); Gerd Gaiser: „Die sterbende Jagd” (1953); Michael Graf Soltikow: „Nie war die Nacht so hell“ (1953); Gertrud von
Le Fort: „Am Tor des Himmels“ (1954); Günther Birkenfeld: „Wolke Orkan und Staub“ (1955); Horst Lange: „Verlöschende
Feuer“ (1956); Werner Steinberg: „Als die Uhren stehenblieben“ (1957); Emil Schuster: „Die Staffel“ (1958); Eberhard Panitz:
„Die Feuer sinken“ (1960).
74 Ebenda S.99.
75 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 89 ff.
18
Von Sebald ebenfalls unbeachtet geblieben sind nicht nur nach Meinung Hages einige Autoren, die in der damaligen DDR veröffentlichten. Sebald suchte den in einer Zuschrift an ihn vorgebrachten Einwand, dass die in Dresden stets wach gehaltene Erinnerung keineswegs von einer Tabuisierung zeuge, durch einen Hinweis auf die propagandistische Instrumentalisierung zu entkräften. 76 Hier kritisiert Renatus Deckert den fehlenden Weitblick Sebalds und sieht sich dazu angehalten, auch Hages Literaturliste zu ergänzen. Die Lyrik Volker Brauns, Karl Mickels, B.K. Traglehns aber vor allem Heinz Czechowskis zeuge, nach Deckerts Darstellung, von einem ehrlichen Drang nach persönlicher Aufarbeitung jenseits des politisch erwünschten Wiederaufbauoptimismus. 77
In Westdeutschland setzte, so Hage, in den 1980er Jahren eine Phase der Rückwendung und Neuerinnerung an den Krieg ein, die „für viele Jüngere die erste Annäherung an die traumatischen Erfahrungen“ ermöglichte. Neben Ralph Giordanos autobiographischem Roman „Die Bertinis” (1982) oder den Memoiren Ingeborg Hechts mit dem Titel „Als unsichtbare Mauern wuchsen“ (1984) fallen die Bemühungen des Regisseurs Heinrich Breloer ins Gewicht, literarische Quellen, die von persönlichen Kriegserfahrungen aus vielen Perspektiven berichten, dokumentarisch aufzubereiten. 78 Schließlich war es die deutsche Wiedervereinigung, in deren Folge die Erinnerung an den Nationalsozialismus, den Krieg und mit ihm die Luftangriffe neuen Raum erhielt. 79 In diese Phase fällt die Wiederentdeckung der Romane Gert Ledigs, unter denen das bereits 1956 veröffentlichte Werk „Vergeltung“ nun verspätetes Lob als bedeutendes Werk über die Schrecken der Flächenbombardierungen erhielt. 80 Vergleichbare Anerkennung fand die Romantrilogie „Das Haus auf meinen Schultern“ von Dieter Forte, deren mittlerer Band „Der Junge mit den blutigen Schuhen“ (1995) für Hage „eine der eindringlichsten Schilderungen des Luftkriegs in der deutschen Literatur überhaupt“ darstellt. 81
Abseits fiktionaler Gestaltung traten in den 90ern außerdem autobiographische und dokumentarische Veröffentlichungen stark hervor, in denen auch deutsche Opferperspek-
76 Sebald:Luftkrieg und Literatur. S. 92f.
77 Deckert: Auf eine im Feuer versunkene Stadt. Heinz Czechowski und die Debatte über den Luftkrieg. S. 255 / S. 257.
78 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S.98 / Breloer veröffentlichte 1984
zunächst eine Auswahl der gesammelten Dokumente. Eine umfangreichere Veröffentlichung folgte 1999:
Breloer, Heinrich: Geheime Welten. Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1947. Frankfurt a. M., 1999.
79 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 99ff.
80 Vgl. Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 44ff. / Heukenkamp: Gestörte
Erinnerungen, Erzählungen vom Luftkrieg. S. 486f. / Krellner: „Aber im Keller die Leichen/sind noch immer da“ [...], S. 107f. /
Streim: Der Bombenkrieg als Sensation und als Dokumentation [...], S. 302 ff. / Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of
Wartime Bombing in Germany. S. 86ff.
81 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 105.
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tiven nicht gescheut wurden. 82 Sehr große Aufmerksamkeit erhielt Walter Kempowskis „Echolot“-Projekt, eine chronologisch geordnete, zehnbändige Collage aus Briefen, Tagebuchauszügen, Bildern und anderen Aufzeichnungen hunderter Kriegszeugen. Obwohl an Sebalds Essay kritisiert werden kann, dass ein beachtlicher Teil literarischer Produktion übersehen worden scheint, stellt auch Hage fest,
„dass sich, was die Belletristik angeht, das Thema Luftkrieg weitgehend abseits dessen abgespielt hat, was allgemein als Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur gilt.“ Es lasse sich „kein Text - weder ein Roman noch eine Erzählung, weder eine Reportage noch 83 ein Gedicht - finden, der als populäres literarisches Zeugnis des Luftkriegs gelten könnte.“ Dieser letzten Aussage widerspricht der Literaturwissenschaftler Reinhard von Wilczeck und legt dar, wie viele Erfahrungsbereiche der Überlebenden des Bombenkrieges in Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ (1947) be-handelt werden. 84 Wilczeck führt die auch bei Sebald benannte Ungezieferplagen in den ausgebombten Städten an, stellt in Borcherts Text einen Hinweis auf die Gefahr von Plünderungen fest, sieht aber im Besonderen den „Schock der Überlebenden angesichts der Verwüstungen und des knappen Entrinnens vor dem Tod, der Verlust von Unterkunft und Eigentum“ thematisiert. In dem titelgebenden Ausspruch „Nachts schlafen die Ratten doch“ erkennt Wilczeck außerdem eine Doppeldeutigkeit des Wortes Ratte, das zugleich auf die in unhygienischen und unwürdigen Zuständen existierenden Menschen verweise. 85
Angesichts ihrer breiten Rezeption erscheint es erlaubt, die Kurzgeschichte als heimlichen Kanontext zu berücksichtigen.
4.2 Zur Tabuisierung des Schreibens
Dass sich bei genauerem Hinsehen eine ganze Reihe literarischer Werke zum Luftkrieg finden lassen, stellt für Volker Hage allerdings noch keinen Anlass dar, auch die viel kritisierte Tabu-These Sebalds zu verwerfen. Auch Hage nimmt wahr, dass die geführte Diskussion eines gültigen Tabubegriffs entbehrt. Während Sebald oft entgegengehalten werde, dass ohne ein tatsächliches Verbot mit einhergehender Strafandrohung nicht von einem Tabu die Rede sein könne, ist der Begriff für Hage auch dann zulässig, wenn AutorInnen eine Thematisierung an sich oder in der ihnen möglichen Weise als unan-
82 Krellner:„Aber im Keller die Leichen/sind noch immer da“ [...], S. 109ff.
83 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 125; S. 115 / vgl. auch Vees-Gulani:
Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 120.
84 Wilczeck, Reinhard von: Ein heimlicher Kanontext über den Luftkrieg in Deutschland: Wolfgang Borcherts Nachts schlafen die
Ratten doch aus neuer Sicht. In: Literatur im Unterricht. J..5 (2004) N. 1. S. 1-13.
85 Ebenda. S. 5f.
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gemessen einschätzen. 86 Nichts Anderes hat auch Sebald beschrieben und dabei die von den Besatzungsmächten tatsächlich ausgeübte Zensur eventuell sogar noch zu gering berücksichtigt. 87
Von dem Eindruck literarischer Unzulässigkeit erzählte 2002 Günther Grass in seiner Novelle „Im Krebsgang“, die mit der Thematisierung von Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten ebenfalls ihren Blick auf die deutschen Opfer wirft. So spricht eine der Figuren klar von dem Eindruck, „es dürfe nur jener und nicht dieser Toten gedacht werden“. 88 Den frühen Nachkriegsautoren mochte es, jenseits eines Einblicks in den komplexen Schulddiskurs, eher möglich gewesen sein, über die deutschen Opfer zu schreiben, doch wer sich von den jüngeren Autoren später des Themas annahm, tat es, nach Hages Einschätzung, mit Skrupeln und Zögern. 89
Auch Andreas Huyssen stimmt dem, das gesellschaftliche Tabu wiederum verneinend, zu, denn nicht Verdrängung, sondern gerade eine übermäßige Präsenz im Alltagsbewusstsein, habe eine Auslassung durch die Literaten als Gegenreaktion provoziert. 90
Ob man in der Diskussion den Tabubegriff als treffend gewählt empfindet oder nicht, ändert nichts daran, dass auch von Sebalds Kritikern auf die vielfachen Schwierigkeiten hingewiesen wird, welche für die AutorInnen bestanden. So sei unter anderem zu bedenken, dass nur wenige männliche Autoren die Bombardements selbst erlebten, und auch, dass die erneute Kriegsangst, angesichts des sich unmittelbar einstellenden Ost-Westkonfliktes, die Aufarbeitung lähmte, führt Hage an. 91
Auf politischer Ebene habe sich aufgrund der fehlenden Loslösbarkeit deutscher Leiden von deutschen Verbrechen zudem die Herausforderung gestellt, nicht in den Verdacht des Revisionismus zu geraten. Ohne zugleich über das ortsansässige Konzentrationslager zu berichten, hätte auch Alexander Kluge, seinem Gefühl nach, nicht über den Luftangriff auf Halberstadt schreiben können. 92
Ein damit einhergehendes Hindernis mochte darin bestanden haben, sich über einen gesellschaftlichen Verdrängungswunsch hinwegzusetzen. Die 1951 verweigerte Veröf-
86 Hage:Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 118 / S. 125ff.
87 Arnold-de Simine: Erinnerungspolitik als „Naturgeschichte der Zerstörung“? [...], S. 117 f.
88 Grass, Günther: Im Krebsgang. Eine Novelle. (5. Auflage) Göttingen: Steidl 2002.
S. 62 / vgl. Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 126.
89 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 53 / S. 127.
90 Huyssen, Andreas: On Rewritings and New Beginnings: W.G. Sebald and the Literature About the ‘Luftkrieg’. In: Zeitschrift für
Literaturwissenschaft und Linguistik. J. 124 (2001). S. 72-90. S. 81.
91 Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 121; Hage: Zeugen der Zerstörung - die Litera-
ten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 84.
92 Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 7 / S. 17f. / Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. S.
121/ Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 204.
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fentlichung des Böll-Romans „Der Engel schwieg“ sowie die Erich Maria Remarque 1954 aufgezwungenen Änderungen in seinem Roman „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ zeugen von deutlicher Scheu der Verlage, ihrem Lesepublikum Motive des hilflosen Leids und der deutschen Schuld zuzumuten. Nicht nur gegenüber Remarque versuchten kritische Stimmen das Argument fehlender Urteilskompetenz geltend zu machen. Auch Thomas Mann, der sich wie Remarque zur Kriegszeit nicht in Deutschland aufgehalten hatte, wurde mit dem Einwand konfrontiert, schließlich nicht dabei gewesen zu sein. 93 „[...] [Man] nahm [...] uns offenbar übel, daß wir es gesehen hatten und sahen [...]“, schrieb auch Heinrich Böll rückblickend über die Trümmerliteratur. 94 Stattdessen gelang es Wolfgang Borchert 1946/47 mit seinem Theaterstück „Draußen vor der Tür“ den erwünschten Ton zu treffen und öffentliche Anerkennung zu finden. Das Stück über den Kriegsheimkehrer Beckmann benennt in seiner Antikriegsbotschaft die deutsche Schuld nicht. Gott ist es, gegen den sich die verzweifelte Anklage des Protagonisten richtet. 95 Dieser Blick auf höhere Mächte erscheint auch in anderen Literaturbeispielen als Zeichen unbewusster Abwehr, und auch erste Aufrechnungsambitionen lassen sich in den Äußerungen einiger Schriftsteller unmittelbar nach dem Krieg belegen, ehe die Scham über den Holocaust, nach Hages Einschätzung, bald die Zunge der deutschen Literatur lähmte. 96
Neben diese Schwierigkeiten einer Thematisierung von Schuld und Leid traten außerdem wohl emotionale Hürden. Von dem Phänomen psychischer Überladung und der immer wieder beobachteten Apathie der Überlebenden spricht auch Sebald. So wie wiederkehrende Phrasen bei Zeugen auf den Selbstschutz der Psyche hinweisen mögen, so lassen sich für Susanne Vees-Gulani auch noch bei jenen, die bereit waren, über die Bombardements zu schreiben, Distanzierungsstrategien erkennen, um die eigenen Gefühlskapazitäten zu schonen. Die Luftangriffe werden etwa als positive Erfahrung interpretiert, der Bericht eigener Erfahrungen hinter der Wiedergabe anderer Zeugenperspektiven und -Zitate zurückgestellt oder auf einen abstrakteren Erzählraum ausgewichen, wo der Fokus auf das individuell Erlebte zu schmerzhaft wird. 97
93 Krellner: „Aber im Keller die Leichen/sind noch immer da“ [...], S. 105f. / Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der
Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 40ff.
94 Böll, Heinrich: Werke. Essayistische Schriften und Reden 1. 1952-1963. Herausgegeben von Bernd Balzer. Köln: Kiepenheuer &
Witsch 1977. S. 31.
95 Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 85f. / Hage: Zeugen der Zerstörung - die Litera-
ten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 55ff.
96 Hage nennt als Beispiel den relativierenden Verweis auf die allgemeinmenschliche Natur durch Hans Henny Jahnn, die zukunfts-
optimistische Einordnung der Massenvernichtung in eine Weltordnung der Wiedergeburt in Herman Kasacks Roman „Die Stadt
hinter dem Strom“, sowie auf eine Tilgung deutscher Schuld abzielende Äußerungen Alfred Anderschs und Hans Werner Richters.
Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 52f.
97 Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 34 f. / Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 70ff. /
S. 93f. / S. 122f.
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Auch wenn er ebenfalls den Tabubegriff ablehnt, erscheint Axel Schalk der Hinweis auf die psychische Lähmung in der Diskussion um Sebalds Thesen als zu wenig beachtet. Schockerfahrung sei „nicht erzählbar“; das Nichtbegreifenkönnen sei ausschlaggebend für die Marginalisierung des Luftkriegs in der Literatur. 98 Der Wunsch, zu verarbeiten und es nicht zu können, stelle sich als eine Erfahrung dar, die die meisten Zeugen der Zerstörung teilten. Dass Nossack in seiner „Darstellung der absoluten Negation“ einen literarischen Endpunkt setzte, dem kaum etwas hinzugefügt werden könne, erklärt für Schalk, dass sich daraus keine literarische Tradition bilden ließ. 99 Gerade die unmittelbare Erfahrung könne das Berichten erschweren, erklärt Sebald und erhält diesbezüglich auch die Zustimmung Volker Hages, denn angesichts der, eine paradoxe Verstummung aufdrängenden Feststellung, dass das, „was für den einzelnen eine von Grund auf erschütternde Erfahrung sein kann, gleichzeitig eine Erfahrung ist, die neben ihm Millionen andere in nahezu identischer Weise gemacht haben“, werde es gleichgültig, ob man als Augenzeuge oder über die Perspektive anderer davon erzähle. 100
Schließlich ist auch die ästhetische Herausforderung vielfach in der Literaturdebatte um den Luftkrieg zur Sprache gebracht worden. In welcher Form kann der Luftkrieg angemessen beschrieben werden? Die Frage erweist sich in der Diskussion als langlebigste. W. G. Sebalds qualitative Ansprüche sind bereits in Kapitel 1 grob dargelegt worden. Detaillierter tut dies Christian Schulte und charakterisiert die von Sebald gewünschte Luftkriegsliteratur als beinahe subjektlose und doch idiosynkratische, zugleich möglichst neutrale und dennoch nicht in völliger Gleichgültigkeit angestellte Schilderung, die auf den, nach Sebald ohnehin zum Scheitern verurteilten, Versuch einer Sinnstiftung verzichtet. 101 Begründet wird dieser Anspruch mit dem Verständnis der Zerstörung als naturgeschichtlichem Ablauf, der fern einer Sinnhaftigkeit ebenfalls neutral sei und zahlreiche physikalisch, verhaltenspsychologisch oder medizinisch untersuchbare Phänomene auftürme, die das individuelle Fassungsvermögen zwangsläufig überfordern. Eben diese Überforderung soll offenbar auch die Literatur durch eine Synthetisierung der Erfahrungen vieler hervorrufen. Individuelles und persönlich-emotionales Erzählen
98 Schalk, Axel: Schockerfahrung ist nicht erzählbar. Zum Problem des Luftkriegs in der Literatur. In: Literatur für Leser. J. 26
(2003) N. 2. S 117-127. S. 117 / S. 119.
99 Ebenda S. 120 / S. 121.
100 Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 34f. / S. 81 / S. 93f. / S. 97. / Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luft-
krieg; Essays und Gespräche. S. 38.
101 Schulte Christian: Die Naturgeschichte der Zerstörung. W.G. Sebalds Thesen zu „Luftkrieg und Literatur“. In: Text und Kritik.
N. 158 (2003). S. 82-95. S. 91ff.
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hingegen könne in seiner Komplexitätsreduktion nur den Blick auf das große emotional Unfassbare verstellen. 102
Einige Literaturwissenschaftler sehen diese Forderungen zum großen Teil in Walter Kempowskis „Echolot“-Projekt, das in seiner unkommentierten Zitatencollage eine Vielfalt der Perspektiven bietet, und mehr noch in Gert Ledigs „Vergeltung“ verwirklicht, doch mochte Sebald auch diese Werke nicht anerkennen. 103 Der komplexe und schwer erfüllbare Kriterienkatalog bringt Hage zu der Annahme, dass Sebald das, was er suchte, gar nicht finden wollte und ermöglicht damit auch die weiterführende These, dass Sebald über seine kritischen Äußerungen anstrebte, eine eigene literarische Bearbeitung zu rechtfertigen. 104
Doch selbst, wenn man nicht von Sebald ausgeht, offenbart sich in der Debatte um die adäquate literarische Darstellung des Luftkrieges noch ein schwer zu überblickender Katalog der von Literaten, Literaturwissenschaftlern und Kunsttheoretikern benannten Kriterien, sowie abgelehnter und befürworteter Ansätze. Diese halbwegs übersichtlich darzustellen, erlaubt der enge Rahmen dieser Arbeit nicht. Stattdessen soll abschließend auf die qualitativen Merkmale dreier Beispieltexte eingegangen werden, die unter den vielen Beteiligten der Diskussion hinsichtlich ihrer Erzähltechniken die breiteste Anerkennung erhalten zu haben scheinen. Dabei handelt es sich um Hans Erich Nossacks 1948 erstmals veröffentlichten Bericht „Der Untergang“, den von Gert Ledig 1956 erstmals veröffentlichten und 1999 neu aufgelegten Roman „Vergeltung“ und Dieter Fortes 1995 erschienenen Roman „Der Junge mit den blutigen Schuhen“.
102 Sebald: „Katastrophe mit Zuschauer.“ In: Neue Zürcher Zeitung“, 22./23.11.1997. zit. nach Schulte: Die Naturgeschichte der
Zerstörung. W.G. Sebalds Thesen zu „Luftkrieg und Literatur“. S. 92 / Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 43f. / Hage: Zeugen der
Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 265 ff. / Menke: W.G. Sebalds Luftkrieg und Literatur und
die Folgen: Eine kritische Bestandsaufnahme. S. 153.
103 Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 109ff. / Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gesprä-
che. S. 266.
104 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 124 / Menke: W.G. Sebalds Luft-
krieg und Literatur und die Folgen: Eine kritische Bestandsaufnahme. S. 156 / vgl auch Huyssen: On Rewritings and New Begin-
nings. W.G. Sebald and the Literature About the ‘Luftkrieg’. S. 81ff.
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4.3 Qualitative Aspekte der Luftkriegsliteratur
4.3.1 Hans Erich Nossack: „Der Untergang“
Der bis nach dem Krieg erfolglose Schriftsteller Hans Erich Nossack hatte sich während der schweren Bombardements, die Hamburg vom 24.7. bis zum 3.8.1943 wiederholt trafen, nicht in seiner Heimatstadt aufgehalten. Vier Tage vor Beginn der „Operation Gommorrha“ war er mit seiner Frau, zwecks eines Ferienausflugs, ins nicht weit entfernte Horst bei Maschen gereist und wurde zunächst aus der Ferne Zeuge der mehrtägigen Luftangriffe, während derer, wie er später feststellen musste, auch das Wohnhaus des Ehepaares zerstört wurde. Drei Monate später hielt Nossack die vielfältigen Eindrücke aus der Zeit kurz vor und nach der Rückkehr in die Stadt, in einem persönlichen Bericht fest, den er 1948 unter dem Titel „Der Untergang“ in seiner Werksammlung „Interview mit dem Tode“ veröffentlichte. 105
Als Motivation zum Verfassen des Berichts führt Nossack seine Furcht an, dass die ohnehin nicht als Wirklichkeit begreifbaren Eindrücke sonst in der Erinnerung hätten verschwimmen können. Der Verfasser beschreibt und durchbricht damit in bemerkenswerter Voraussicht eine mit der Traumatisierung einhergehende psychische Dynamik, die nach Einschätzung Sebalds oder Krellners schließlich bei großen Teilen der deutschen Bevölkerung wirksam wurde. 106 Nossack beobachtete die Bombenangriffe von einem viele Kilometer entfernten Hügel aus, Schilderungen der Schrecken, die die unmittelbaren Opfer erlitten, liefert er daher nicht. Wenn er jedoch davon spricht, aus dieser Zuschauerperspektive die Vernichtung als ein Ganzes wahrgenommen zu haben, während die meisten, die aus ihren brennenden Häusern liefen nur ihre Straße in Flammen stehen glaubten, 107 scheint Nossack schon genau im Sinne Sebalds zu schreiben, der für einen umfassenden Blick aus gewisser Distanz plädiert. Wovon Nossack im Zuge seiner Rückkehr in die Stadt berichtet, ist vor allem der seelische Zustand der Überlebenden und dessen markanteste Merkmale. Dabei bezieht er, die anfängliche Distanz überbrückend, bald sich und seine Frau in jene Beobachtungen ein und schildert etwa die Apathie und die Unfähigkeit, das Geschehene zu begreifen, als kollektives Wir-Gefühl. 108 Nossack schreibt von der tiefen Kluft, die die Überlebenden von jenen trennt, welche
105 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 23ff.
106 Nossack, Hans Erich: Der Untergang. Hamburg: Kabel 1981. S. 7f. / Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 34f. / Krellner: „Aber
im Keller die Leichen/sind noch immer da“ [...], S. 105.
107 Hans Erich Nossack: Der Untergang. S. 7.
108 Ebenda. S. 28 / vgl. auch Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 71 / Heukenkamp:
Gestörte Erinnerungen, Erzählungen vom Luftkrieg. S. 483.
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von der Zerstörung nicht oder noch nicht betroffen waren, von der Scham und dem Unvermögen der Opfer, ihr Empfinden jenseits reiner Trauer über die erlittenen Verluste begreifbar zu machen, sowie der fehlenden Möglichkeit der anderen, es zu verstehen. Er berichtet über das erfolglose Bemühen einiger und ebenso die Verweigerung anderer zu helfen, den Wunsch, sich lieber an Fremde zu wenden, als von Nahestehenden enttäuscht zu werden und über den furchtsamen Unwillen, sich nach dem Schicksal einst Bekannter zu erkundigen. Nossack schildert ein Gefühl des Herausgehobenseins aus der Zeit und die für ihn schwer begreifbare Rückkehr Einzelner in oberflächliche Gesten des alltäglichen Lebens, sowie die jeglichen Einfluss absprechende Verachtung gegenüber den Behörden. Für Schuldzuweisungen gab es, so Nossack, keinen Raum im Empfinden der meisten Opfer.
Die breite Anerkennung, die Nossacks Bericht bis heute zuteil wurde, begründet sich nicht nur durch seine frühen Bemühungen, sich über das Vergessen, beziehungsweise das Verschwimmen der Erinnerung hinwegzusetzen, sondern auch durch die Form, in der er dies tat.
„An den Eingängen [zu den zerstörten Stadtteilen] standen bewaffnete Posten. ‚Was wollen Sie da’, sagte mir einer von ihnen, ‚es ist kein Vergnügen.’ Man sah Zuchthäusler in gestreiften Anzügen darin arbeiten. Sie sollten die Toten bergen. Man erzählte sich, daß die Leichen, oder wie man die Reste ehemaliger Menschen sonst nennen will, an Ort und Stelle verbrannt oder in den Kellern durch Flammenwerfer vernichtet wurden. Aber in Wirklichkeit war es schlimmer. Sie konnten vor Fliegen nicht in die Keller gelangen, sie glitschten auf dem Boden aus vor fingerlangen Maden, und die Flammen mussten ihnen einen Weg bahnen zu de- 109 nen, die durch die Flammen umgekommen waren.“
Der ursprünglich nur als eine Art Selbsttherapie verfasste Text weist über weite Teile eine lakonische Sachlichkeit auf, die andere, stark fiktionale Darstellungen der Luftkriegsschrecken, durch Autoren wie Herman Kasack, Peter de Mendelssohn oder Eberhard Panitz, in den Folgejahren vermissen lassen. Nach Meinung vieler Literaturwissenschaftler war es der fehlende künstlerische Ehrgeiz Nossacks, der seinem Bericht zu einer klaren Sprache, einem ruhigen Erzählfluss und einer auf Ausschmückungen und Pathos zumeist vermeidenden Behutsamkeit im Blick auf die Trümmer und Opfer verhalf. 110
Für Axel Schalk skizziert „Der Untergang“ nicht nur jene sichtbaren Spuren und seelischen Abdrücke der Katastrophe, im „nüchtern-nihilistische[n]“ Stil Nossacks doku- 109 HansErich Nossak: Der Untergang. S. 101.
110 Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 62f. / Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gesprä-
che. S. 26f. / Krellner: „Aber im Keller die Leichen/sind noch immer da“ [...], S. 105.
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mentiere sich ebenso eine für die gesamte Luftkriegsliteratur wesentliche Problematik, das Versagen der Sprache, angesichts bis dahin ungekannter Ausprägungen der Realität, die somit die Literatur überholt habe. Bereits Hage weist bewundernd darauf hin, dass die Zweifel, welche die Entstehung des Textes begleiteten auch in ihm selbst festgehalten worden sind. Es sei unter diesen vor allem der Sprachzweifel, der den Text leitmotivisch durchziehe, führt Schalk weiter aus. 111 Nossack reflektiert in der Tat resignierend die fehlende Möglichkeit, das Vorgefundene sowohl psychisch als auch sprachlich zu verarbeiten.
„Nicht die Leiche der Stadt, nicht ein totes Bekanntes, das zu uns sprach: [...]. Was uns umgab, erinnerte in keiner Weise an das Verlorene. Es hatte nichts damit zu tun. Es war etwas anderes, es war das Fremde, es war das eigentlich Nicht-Mögliche. [...]Gewiss, es ist etwas 112 da, [...] aber was bedeuten diese Zeichen und Runen?“
Die Überforderung des Fassungs- und Erzählvermögens offenbart sich aber auch gerade in jenen Passagen, in denen der Schreibstil von seiner dokumentarischen Offenheit abweicht. „Ob es wohl besser verstanden würde, wenn man es im Zwielicht als Märchen erzählte?“, fragt Nossack und wählt mehrfach einen parabelhaften Ton. „Es war einmal ein Mensch, den hatte keine Mutter geboren. Eine Faust stieß ihn nackt ihn die Welt hinein [...].“
„Da wachte [der Träumende] auf. [...] ‚Ich bekenne: Wir waren Menschen!’ Da sprachen die Männer zueinander: ‚Wir würden erfrieren, wenn es so wäre, wie er geträumt hat. Lasst ihn uns erschlagen!’“
„Wir sind auf die Straße gelaufen und spielen mit dem Tode. Da setzt sich die Zeit traurig in ei- 113 nen Winkel und kommt sich nutzlos vor.“
Die sich darin ausdrückende Mythisierung bildet Nossacks bewussten Versuch ab, mit dem Erlebten auf produktive Art umzugehen und findet so wiederum die Ablehnung Sebalds, der das eigentlich Unfassbare auch unverarbeitet präsentiert wünscht. 114 In den Anklängen einer Sinngebung begibt sich Nossack auf ein literarisch viel kritisiertes Terrain. Die Zerstörung der Stadt geschah für den - dementsprechend sogar schuldbewussten - Autoren im schicksalhaften Zusammenhang zum eigenen neugierigen und heimlichen Sehnen nach einem Ausbruch aus dem Vertrauten. Höhere Gewalt bescherte ihm
111 Schalk: Schockerfahrung ist nicht erzählbar. Zum Problem des Luftkriegs in der Literatur. S. 121f. / Hage: Zeugen der Zerstö-
rung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 26.
112 Hans Erich Nossack: Der Untergang. S. 68f.
113 Ebenda S. 29 / S. 132 / S. 138f.
114 Williams, Andrew: “Das stanniolene Rascheln der Weinblätter”: Hans Erich Nossack und der Luftkrieg. In: Amsterdamer
Beiträge zur neueren Germanistik. Bd. 50 (2001) N. 2. S. 213 - 230. S. 218 ff. / Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of
Wartime Bombing in Germany. S. 74 / Sebald: Luftkrieg und Literatur. S. 62f.
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in seiner Wahrnehmung sogar eine begrüßenswerte Freiheit und die Chance auf einen Neuanfang. 115
Einen Sinn für die politischen Zusammenhänge sucht man vergebens in „Der Untergang“. Der Staatsmacht sprach man, so Nossacks Darstellung, voll Verachtung ihrer Arroganz weder Schuld noch den Einfluss zur Bewältigung der Katastrophe zu. An die Stelle politischer Dynamiken setzt Nossack ein Reden von höheren „Mächte[n] der Zerstörung“ und Anspielungen auf die Natur des Menschen: „Man wird kommen und sagen: Dies ist immer so, und dies ist männlich: wir müssen zerstören, um zu zeugen.“ 116
4.3.2 Gert Ledig: „Vergeltung“
Eine völlig andere Herangehensweise und Bewertung zeigt sich in Gert Ledigs „Vergel- tung“.
Als der Roman 1956 veröffentlicht wurde, hatte sich Ledig bereits durch sein Erstlingswerk „Die Stalinorgel“ (1955) einen Namen gemacht, in welchem er, bewegt von den eigenen Fronterfahrungen bei Leningrad 1942, das Chaos und die Grausamkeit im Krieg an der Ostfront dargestellt hatte. Der noch während des Krieges, aufgrund mehrfacher Verwundung, vom Wehrdienst befreite Autor gehörte zu den wenigen, die sowohl die Kämpfe aus Soldatenperspektive als auch die Fliegerangriffe als Zivilist erlebten. 117 Wenngleich sein zweiter Roman „Vergeltung“, der vom Bombardement Münchens im Juli 1944 inspiriert worden war, in vergleichbarem Stil wie schon in „Die Sta-linorgel“ nun die Ereignisses während eines siebzigminütigen Luftangriffes schilderte, reagierte ein Großteil der Fachpresse mit Ablehnung. Das zweite Schreckenszenario erschien manchen zu schrecklich und wurde als makaber oder sensationslüstern kritisiert, 118 für Susanne Vees-Gulani Anzeichen eines Verdrängungswunsches in der deutschen Öffentlichkeit. 119
Nach seiner Wiederveröffentlichung 1999 wurde der Roman ausnahmslos positiv rezensiert. 120 Doch was macht ihn nun aus, was stellt Ledig dar und wie tut er es?
115 Hans Erich Nossack: Der Untergang. S. 17ff. / S. 66f.
116 Ebenda S. 64 / S. 17ff. / vgl. Heukenkamp: Gestörte Erinnerungen, Erzählungen vom Luftkrieg.
S. 483 / Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 74.
117 Vgl. u.a. Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 44.
118 Kommentar zu Gert Ledig: Vergeltung, von Florian Radvan. In: Gert Ledig: Vergeltung. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2004. S.
213ff. / Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 46.
119 Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 87 / S. 92ff.
120 Kommentar zu Gert Ledig: Vergeltung, von Florian Radvan. In: Gert Ledig: Vergeltung. Frankfurt a. M: Suhrkamp 2004. S.
220ff.
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Anders als Nossack, der vor allem die sicht- und fühlbaren Trümmer nach den Angriffen in einem Bericht beschreibt, thematisiert Ledig in fiktiver Aufbereitung die Ereignisse, die sich während eines Luftangriffes auf eine nicht benannte Stadt abspielen. Ledig rekonstruiert den Krieg hierbei nicht historisch, sondern abstrakt mit dem Fokus auf Militärlogik und -technik sowie auf verhaltenspsychologische Aspekte. 121 Zwölf miteinander verknüpfte und sich in episodischer Reihung immer wieder abwechselnde Erzählstränge, die sich entweder über die Konstanz des Schauplatzes oder der meist namenlosen Protagonisten definieren, eröffnen dabei den Blick auf das Geschehen. Geschildert wird so die Wahrnehmung aus einem angreifenden Bomber und der Überlebenskampf eines mit dem Fallschirm in der Stadt abgestürzten amerikanischen Soldaten, der schließlich Opfer eines Lynchmordes wird. Andere Erzählstränge verfolgen die Suche eines Mannes nach seiner Familie, die Angst, Verrohung und das Sterben einer im Keller verschütteten Personengruppe, die Erlebnisse eines Bergungstrupps, sowie einer Gruppe russischer Zwangsarbeiter oder den verlustreichen Kampf junger Soldaten an den Flugabwehrgeschützen auf einem Gebäudedach. Die Gewalt und Ausweglosigkeit stellt sich in drastischen Bildern dar, die Ledig mit unsentimental detailliertem Blick für die physikalischen Vorgänge zwischen Waffen, Körpern, Feuer und Stein zeichnet. Die Sprache ist dabei klar und präzise. „Die Fallgeschwindigkeit des Sergeanten Jonathan Strenehen, vierundzwanzig Jahre alt, Sohn eines Mannes, der zum Essen gern ein Gläschen Bier trank, betrug dreizehn Meter in der Sekunde. Er stürzte mit dem Bauch zur Sonne und dem Rücken zur Erde. Der ausgekugelte Arm wehte an seinem Körper. Neunzig Meter tiefer verklemmte er sich zwischen den Beinen. Der Luftdruck presste sie zusammen wie einen Schraubstock. Mensch, Stoff und Leder fielen senkrecht nach dem Gesetzt der Anziehungskraft. [...] Inzwischen bemühte sich das Kleinhirn um die Reflexion. Um die Muskelbewegung des rechten Armes mit dem Griff nach dem Zugriemen des Fallschirms, der sich nicht öffnete. Das scheiterte an der Verbindung 122 zwischen Schulterblatt und Gelenk.“
„Mit dem Kopf prallte [der Truppenführer] gegen eine Verkehrstafel. Taumelte. Fiel mit ausgebreiteten Armen vom Gehweg. [...]In den flüssigen Asphalt. Es zischte. Der Teer warf Blasen. Von Schmerz gepeinigt, wälzte er sich als schwarzer Klumpen in zäher Masse. Er schrie nicht, kämpfte nicht. Seine Bewegungen dirigierte die Hitze. Sie krümmte ihn zusammen, warf seinen Kopf hoch. Sie breitete seine Glieder auseinander, als umarme er die Erde. 123 [...] Er starb nicht nach einer Todesart, die bereits erfunden war. Er wurde gegrillt.“
121 Streim, Gregor: Der Bombenkrieg als Sensation und als Dokumentation - Gert Ledigs Roman Vergeltung und die Debatte um
W.G. Sebalds Luftkrieg und Literatur. In: Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik., Bd. 50. (2001) N. 2. S. 293-313. S. 307.
122 Gert Ledig: Vergeltung. S. 47.
123 Ebenda. S. 115.
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Der kalte Lakonismus lässt sich auch bei Nossack finden, doch sind es bei Ledig oft leidvolle Vorgänge, die geschildert werden und in ihrer Dynamik ein schnelles Erzähltempo bedingen, das die Schockwirkung beim Leser verstärkt. Anstelle der Melancholie und Leere in den Wahrnehmungen Nossacks treten in der „Vergeltung“ rabiate Gewalt und überquellende Sinnlosigkeit. Dabei heben die schlechten Kritiken von einst ebenso wie die heute anerkennenden Stimmen hervor, dass keine Intensitätssteigerung existiert. 124 Die Darstellung immer neuer Formen der Zerstörung und menschlichen Leidens setzt sich von der ersten bis zur letzten Seite mit geradezu rücksichtslosem Tempo fort und bürdet dem Leser eine kaum bis nicht mehr zu verarbeitende Flut schreckenerregender Eindrücke auf. Der Stil erschafft so eine Kombination aus Ordnung (technische Abläufe, Wetterverhältnisse, Bewegungen der Figuren werden sehr klar und genau beschrieben) und Chaos (u.a. weitgehender Verzicht auf politische, moralische, räumliche oder zeitliche Orientierungshilfen durch den Autor), wie sie auch reale Luftangriffe in der Mischung aus Militärstrategie und waffentechnischer Funktionalität einerseits und der Hilflosigkeit der Menschen sowie der unberechenbaren und entstellenden Zerstörung andererseits real erlebbar machen mochten.
Zur Unbequemlichkeit trägt außerdem bei, dass die raschen Sprünge von Erzählstrang zu Erzählstrang das natürliche Bemühen um emotionale Verarbeitung des Gelesenen sabotieren; das aus der Nähe beobachtet Leid einer Figur kann kaum sofort reflektiert werden, denn rasch wird man daran erinnert, wie viel mehr Leid sich zeitgleich zuträgt. Es ist diese spürbare Härte, die von Volker Hage und anderen lobenden Stimmen als erzählerisch angemessen bewertet wird, 125 den Roman aber einst dem Verdacht der Sensationslust aussetzte, ein Kritikpunkt, der für Gregor Streim teilweise nachvollziehbar wird, wenn man sich die Frage nach dem Realismus der Darstellungen stellt. Ledig dokumentiert nicht, er montiert und organisiert konsequent ein Bild der Ausweglosigkeit, das auf Desillusionierung zielt. 126
Auch hierin wird heute eine Stärke des Romans gesehen. Einem ruhigem Bedauern oder einem nach höherem Sinn fühlenden Schmerz lässt Ledig keinen Raum, sondern ergänzt die nüchternen Beschreibungen der Ereignisse immer wieder durch zynisch anmutende Kommentare. „Hier war kein Spielplatz für Kinder“, heißt es gleich infolge der
124 Radvan, Florian: Religiöse Bildlichkeit und transtextuelle Bezüge in Gert Ledigs Luftkriegsroman Vergeltung. In: Amsterdamer
Beiträge zur neueren Germanistik. Bd. 50. (2001) N. 2. S. 165-180. S. 166 / Kommentar zu Gert Ledig: Vergeltung, von Florian
Radvan. In: Gert Ledig: Vergeltung. Frankfurt a. M: Suhrkamp 2004. S. 214.
125 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 44 / S. 220ff./ Kommentar zu Gert
Ledig: Vergeltung, von Florian Radvan. In: Gert Ledig: Vergeltung. Frankfurt a. M: Suhrkamp 2004. S. 213ff.
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Darstellung eines Säuglingstodes. „Nennenswert“ war der Tod „ein paar hunderter Namenlose[r]“ nicht, und die Vergewaltigung eines verschütteten Mädchens geschah im anklagenden Spott des Erzählers gar auf dem „Altar des Vaterlandes“. 127 Ideologische Topoi liefern keine brauchbaren Antworten auf den Schrecken. Im Sinne der Verneinung jeglicher Sinnhaftigkeit stehen wohl die dreizehn, jeweils zu Kapitelbeginn eingeschobenen Kurzbiographien, die aus der Ich-Perspektive einiger der Figuren als Selbstbeschreibung, Brief, Tagebucheintrag oder Erlebnisbericht verfasst sind. Die biographischen Passagen geben einen geringen Einblick in Lebensbedingungen und Verbrechen unter der NS-Herrschaft, haben aber letztendlich nichts mit der Haupthandlung des Romans zu tun, innerhalb der dieselben Personen einer individuell-psychologischen Greifbarkeit und meist sogar eines Namens entbehren. Die Erfahrungen ihres früheren Lebens und was ihnen darin bedeutsam erschien, werden bedeutungslos in der Zufälligkeit der Todesarten und bieten weder ihnen noch dem Leser eine Orientierungshilfe im Bombenhagel.
Der bei Nossack noch lesbare Glaube an metaphysische Ordnungsgrößen wird von Ledig deutlich abgelehnt, so etwa klar erkennbar, wenn der Absturz des Sergeanten Strenehen geschildert wird.
„Sein Gehirn versuchte es zu registrieren. Er erinnerte sich in diesen Sekunden nicht an seine Geburt, an die erste Kommunion, an ein Mädchen, von dem er sich einbildete, dass er sie liebte. Sich selbst liebte er am meisten. Es gab keine Bilder der Vergangenheit, keine Gedan- 128 ken an die Zukunft. Es gab nur einen Körper, der durch die Luft flog.“ Das Bemühen der Figuren, ihren Glauben aufrecht zu erhalten, bleibt erfolglos. Tatsächlich bedient sich Ledig auffällig oft christlich-religiöser Bilder und Zitate, leitet etwa den Roman und gleichzeitig die Schilderung einer Explosion, durch welche die Leiber toter Kinder an eine Mauer geschleudert werden, mit den Worten „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ ein, doch werden diese stets in abweichende Zusammenhänge gestellt und erweisen sich so hinsichtlich einer Sinnsuche als ironische Sackgassen. 129 „Die Vergeltung verrichtete ihre Arbeit. Sie war unaufhaltsam. Nur das jüngste Gericht. Das 130 war sie nicht.“
Diese Sätze, die letzten des Romans, verneinen nicht nur den Sinn der Ereignisse auf einer Ebene höherer Gewalten, sondern verweisen zugleich auf eine profane Deutung
126 Streim: Der Bombenkrieg als Sensation und als Dokumentation [...], S. 308ff.
127 Gert Ledig: Vergeltung. S. 11 / S. 13 / S. 157.
128 Ebenda S. 47.
129 Vgl. Radvan: Religiöse Bildlichkeit und transtextuelle Bezüge in Gert Ledigs Luftkriegsroman Vergeltung. S.166 ff.
130 Gert Ledig: Vergeltung. S. 178.
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des Flächenbombardements, die Ledigs Roman in den Augen Volker Hages und Susanne Vees-Gulanis dem „[...] Untergang“ Nossacks voraus hat: die Schuldfrage stellt bei Ledig ein latentes Motiv dar, welches, ausgedrückt in dem Begriff der „Vergeltung“, auch titelgebend darauf hinweist, dass das Bombardement „eine Ursache, eine Vorgeschichte hatte.“ 131
Anders als andere Luftkriegsdarstellungen der 1950er und 60er Jahre, setzt Ledig neben die Beschreibung deutscher Opfer auch das Leiden, welches die Nationalsozialisten und ihre Mitläufer zu verantworten hatten. Jenes der russischen Zwangsarbeiter, die teilweise todessehnsüchtig durch die Stadt irren, ist hervorgerufen durch Erniedrigung Miss-handlung, Verachtung und Mord an ihren Angehörigen. 132 Der Lynchmord an dem wehrlosen Amerikaner Strenehen kann keine Genugtuung ermöglichen, sondern provoziert Scham unter den Beistehenden. 133
Die Thematisierung der deutschen Verbrechen geschieht in der „Vergeltung“ jedoch meist nur in Andeutungen. Klarer und ausführlicher leistet dies wiederum Dieter Forte in „Der Junge mit den blutigen Schuhen“.
4.3.3 Dieter Forte: „Der Junge mit den blutigen Schuhen“
Der 1995 veröffentlichte Roman ist der mittlere Teil einer Trilogie unter dem Titel „Das Haus auf meinen Schultern“ („Das Muster“ 1992; „Der Junge mit den blutigen Schuhen“ 1995; „In der Erinnerung“ 1998). Im Mittelpunkt der autobiographisch geprägten Geschichten stehen die polnischstämmige Familie der Lukacz’ und die der italienischen Fontanas. Beide Familien ziehen ins deutsche Rheinland und verbinden sich in der Ehe Maria Lukacz’ mit Friedrich Fontana. Ihr 1933 geborener Sohn ist es, aus dessen Perspektive der zweite und dritte Teil der Trilogie personal erzählt werden. Der nie mit Namen genannte „Junge“ wächst in einem Umfeld auf, das dem NS-Staat und seiner Ideologie ablehnend gegenübersteht. Das „Quartier“, in welchem sich ein Großteil der Handlung von „Der Junge mit den blutigen Schuhen“ abspielt, hat Forte offenbar dem Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk nachempfunden. 134 Hier wird der Junge Zeuge von Wi-derstand und Repression vor und während der Kriegsjahre und nicht zuletzt auch der Bombenangriffe alliierter Fliegerverbände. Das letzte Drittel des Romans verfolgt die
131 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 48 / Vees-Gulani: Trauma and Guilt.
Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 92f.
132 Gert Ledig: Vergeltung. S. 53 / S. 56 ff. / S. 73 ff. / S. 100 ff. / S. 133ff.
133 Ebenda S. 174.
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Erlebnisse des Jungen und seiner Mutter nach der Evakuierung aus dem Quartier. In den ländlichen und von Kämpfen bisher verschonten Gebieten Deutschlands stoßen die Flüchtlinge auf Ignoranz und Ablehnung.
Forte thematisiert in seinem Roman sowohl die auch bei Ledig dargestellten Schreckenserfahrungen während der Bombenangriffe als auch die schon bei Nossack beschriebene Traumatisierung der Opfer infolge dieser Erlebnisse und verbindet beide Aspekte in den Schilderungen einer weiteren Erfahrung: das alltägliche Leben unter den Bombenangriffen und dem Bewusstsein, dem Zufall auf Leben und Tod ausgeliefert zu sein. In Fortes Text wird die Bedrohung durch die Flugzeuge als lange andauernder, wiederkehrender Schrecken erkennbar.
„Ehe die Luft durch die Bomben zerplatzte, zerriss sie unter dem schmerzhaften Stöhnen der Sirenen, Voralarm, Vollalarm, Entwarnung, Voralarm, Vollalarm, Entwarnung gingen inein-ander über, so daß manch einer die Orientierung verlor, wahnsinnig wurde, bei Vollalarm aus dem Keller wollte, bei Entwarnung in den Keller stürzte [...]. [...] Der Ablauf der Zeit wurde zuerst zerstört, weil Tag und Nacht nicht mehr existierten, nur noch die verschiedenen Alarm- und Entwarnungsstufen, [...] und oft fielen die Bomben noch vor dem Voralarm oder in die Entwarnung hinein, so daß man einen Todessinn entwickelte und oft schon in den Kel- 135 ler lief, bevor der Alarm gegeben wurde [...].“
Die Bomben werden für die Stadtbewohner zu einem Teil des Lebens, bestimmen die Zeit und auch den Raum neu. Die Mühe, die der Großvater des Jungen aufbringt, um in die immer gleiche alte Stadtkarte, die seit dem Kaiserreich mit den Systemen wechselnden Straßennamen neu einzutragen, erweist sich als vertan, angesichts der Neuordnung durch die Bomben, deren Explosionen nicht nur die Karte in eine Pfütze blasen, sondern auch die Straßen als solche zunichte machen. 136 An ihrer Stelle entsteht ein „Labyrinth“, eine „Höhlenstadt mit Kreidezeichen an ihren Mauern“, in der die Ausgebombten immer wieder nach neuen Unterschlupfen und die Kinder zum Spiel nach möglichst großen Bombensplittern suchen, die sich tauschen lassen. 137 Wie sehr die Luftangriffe die Wahrnehmung und das Verhalten der Überlebenden prägen, zeigt sich besonders im Kontrast zu den Bewohnern der ländlichen Gebiete, in welche die Familie des Jungen evakuiert wird. Dort, wo die Flugzeuge auf ihrem Weg zu den Großstädten meist unbeachtet bleiben, fallen die Evakuierten durch ihre noch immer „hastigen, schnellen, fahrigen Bewegungen“ auf. Die Erinnerung an die nächtli- 134 Braese,Stephan: Bombenkrieg und literarische Gegenwart. Zu W.G. Sebald und Dieter Forte. In: Mittelweg 36. J. 11 (2002),
Nr.1. S. 4-27. S. 13.
135 Forte, Dieter: Der Junge mit den blutigen Schuhen. Frankfurt a. Main: Fischer 1995. S. 135f.
136 Ebenda S. 127f. / S. 150.
137 Ebenda S. 154ff. / S. 182ff.
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chen Sirenen treibt den Jungen auch fortan auf der Suche nach Schutz aus dem Bett. 138 Die Berichte der Flüchtlinge übersteigen nicht nur die sittliche Akzeptanz, sondern auch das Vorstellungsvermögen der vom Bombenkrieg Verschonten. Die schon bei Nossack beschriebene Kluft zwischen den Opfern und allen Übrigen, erklärt sich für den Jungen und seine Mutter als Ausdruck allgemeiner menschlicher Unfähigkeit, mehr als das eigene Unglück zu empfinden. Eine Selbstbezogenheit, die kein Verständnis für die Schrecken des Krieges zulässt, denn auch, wen sie erreichen, der glaubt sich selbst inmitten größerer Zerstörung als einziger von Gott im Stich gelassen und zum Leiden bestimmt. 139
Der fehlende Blick über den Tellerrand eigener Leiden und die Suche nach einem höheren Sinn charakterisieren nicht nur die unsympathischsten Personen in Fortes Roman, sondern stellen in der Diskussion um die angemessene Weise literarischer Luftkriegsbearbeitung außerdem zwei wesentliche qualitative Aspekte dar. Forte thematisiert vereinzelt die Wahrnehmung der Kriegszeugen und die Herausforderung, das Erlebte zu verarbeiten, die sich auch den frühen Luftkriegsliteraten wie Nossack oder Kasack stellte, schließt sich ihrer „Flucht“ in die Sphäre des Schicksalshaften aber ebenso wenig an wie Gert Ledig.
Exemplarisch lässt Forte während des ersten Bombenangriffes eine seiner Hauptfiguren, den Großvater des Jungen, in faszinierter Erwartung eines göttlichen Schauspiels, auf das Dach das Hauses klettern. Durch die Zerstörung des Gebäudes unter seinem Hintern im wahrsten Wortsinn auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, erkennt jener Großvater das Irdische der Zerstörung und plädiert bald gar für eine „Kindheit im Chaos eines Krieges, eine Jugend im Untergang eines Staates“ da sie erst „illusionslose und freie Menschen erschaffe.“ Das Chaos, lässt auch dem Jungen allenfalls den Glauben an einen Gott, der „ratlos“ auf das Treiben der Menschen schaut und nicht weiß, „wes- senGebete er erhören sollte, die der Bomberpiloten oder die der Bevölkerung in den Kellern.“ 140
Die bestechend schlüssige Diagnose jenes Dilemmas führt vor Augen, wie die Hoffnung auf den Einfluss höherer Mächte einhergeht mit einer fatalen Beschränktheit der eigenen Perspektive. Selbst der Glaube an Sinn und Planung im Vorgehen der Menschen wird als absurd entlarvt. Der Roman beschreibt in einer Episode, wie sich das Gerücht verbreitet, die Stadt sei zur baldigen Hauptstadt der Niederlande auserkoren,
138 Dieter Forte: Der Junge mit den blutigen Schuhen. S. 129f. / S. 241/ S. 251.
139 Ebenda S. 137 / S. 233f. / S. 257f. / S. 259.
140 Ebenda S. 133 ff. / S. 156; / S. 271.
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denn weder die Munitions- und Waffenfabriken, noch das Regierungsviertel sind von den Bomben getroffen werden. Wer es erlebte „wollte[...] an etwas glauben“, auch an eine waffentechnische Präzision, die es nicht gab, und daran, „daß man ihn, ja genau ihn, zerfetzen, verbrennen und ersticken wollte.“ 141
Das Lob, welches Volker Hage, Susanne Vees-Gulanis oder Ulrich Krellner 142 dem Roman von Dieter Fortes aussprechen, bezieht sich zum größten Teil auf den Blick, der über die deutschen Opfer hinausgeht. Die Verfolgung und Ermordung von Regimegegnern kennzeichnet die Jugenderfahrung des Protagonisten in ebenso starkem Maß wie die Erfahrung der Bombardements. Was lange vor dem Krieg mit dem spurlosen Verschwinden zahlreicher Bekannter aus dem „Quartier“ beginnt, steigert sich bald zu offenen Denunziationen und Hinrichtungen. Die Errichtung eines Konzentrationslagers mitten im Stadtviertel führt dem Jungen die über das eigene Milieu hinausreichende Grausamkeit jener Jahre vor Augen. Die Solidarität der meisten Bewohner untereinander und gegenüber den zu Bergungs- und Räumungsarbeiten verpflichteten Häftlingen erweist sich für viele von ihnen als erfolglos. Nicht allein die individuelle Leidenserfahrung des Jungen und seiner Familie, sondern die vieler Menschen mehr bestimmen den Blick Fortes auf die Zeit der NS-Herrschaft. Die Einbettung von authentischen Darstellungen persönlichen Schmerzes in den Kontext der ideologisch motivierten Unmenschlichkeit des Systems, formuliert Vees-Gulani als wesentlichen Anspruch an die literarische Bearbeitung des Luftkrieges und sieht ihn in „Der Junge mit den blutigen Schuhen“ erfolgreich verwirklicht. 143 Die Flächenbombardements können als Teil einer Gewaltspirale begriffen werden, die in Deutschland ihren Anfang nahm.
„[Im] großen Kreis [der Zeit] gibt es viele kleine Kreise, die sich durch die alltäglichen Geschichten unauffällig miteinander verbinden. So sagte Fin 144 , als die ersten Bomben fielen und alle überrascht am Boden lagen und die Köpfe einzogen: ‚Angefangen hat es mit dem 145 Lari. Das ist jetzt der Segen dafür.’“
Die Geschichte des dunkelhäutigen Lari, den man für die Heirat mit einer weißen Frau ermordete, ist eine von vielen Leidensanekdoten, welche die Schilderungen von Bombentod und Bombenangst förmlich einrahmen. Von einer Luftmine aus seinem Haus geschleudert, landet der Großvater Gustav auf einer Gruppe am Boden liegender KZ-Gefangener und stellt fest: „Das war der Sündenfall.“ Das Ereignis steht als Einleitung
141 Dieter Forte: Der Junge mit den blutigen Schuhen. S. 137 / S. 155.
142 Hage: Zeugen der Zerstörung - die Literaten und der Luftkrieg; Essays und Gespräche. S. 105 / Krellner: „Aber im Keller die
Leichen/sind noch immer da“ [...], S. 110 f. / Vees-Gulani: Trauma and Guilt. [...]. S. 111 f.
143 Vees-Gulani: Trauma and Guilt. Literature of Wartime Bombing in Germany. S. 110 f.
144 Die Großmutter des Jungen.
145 Dieter Forte: Der Junge mit den blutigen Schuhen. S. 129.
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vor einer Passage, die mit den Worten „als die ersten Bomben fielen“ beginnt und auf deren folgenden dreiunddreißig Seiten die Zerstörungsgewalt beschrieben wird. 146 Auf weiteren darauf folgenden vierunddreißig Seiten liefert der Roman, wie als Antwort und Deutungshilfe, Einblicke in die „kleinen Kreise“, die Geschichten von Häftlingen, Zwangsarbeitern, Verschleppten und anderen Opfern der NS-Gewalt und kehrt erst danach zu den unmittelbaren Empfindungen des Jungen und der persönlichen Geschichte seiner Familie zurück. Die Verbindung von Krieg, von Angriff, Vergeltung und der deutschen Schuld wird pessimistisch bewertet in dem Eindruck der Quartierbewohner, dass all die Dinge, die noch zusätzlich „im verborgenen geschahen“, auch „nach dem Krieg keinen wirklichen Frieden mehr zulassen würden.“ 147
Allerdings lässt sich auch Forte hinsichtlich dieser Kontextualisierung mangelnde Konsequenz vorwerfen, so die Meinung Stephan Braeses, denn das Leid der Bombardierten bleibt in der Darstellung des Romans eine Erlebnishälfte von Menschen, die nicht teilhaben an der Schuld. Es ist eine Geschichte der doppelten Opferschaft jener, die den menschverachtenden Staat von vornherein ablehnten, und sie wird aus einer moralischen Distanz erzählt, in welcher die Verantwortlichen unscharf bleiben und kaum als Individuen in Erscheinung treten. 148
Die Schockerfahrung derer, die sich des fatalen Glaubens an eine grausame Ideologie im Augenblick der Bombenvergeltung vergegenwärtigen mussten, entbehrt noch immer ihrer literarischen Bearbeitung.
146 Dieter Forte: Der Junge mit den blutigen Schuhen. S. 130-134.
147 Ebenda S. 134-198.
148 Braese: Bombenkrieg und literarische Gegenwart. Zu W.G. Sebald und Dieter Forte. S. 13 ff.
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5. Abschließende Betrachtung
Die von Winfried Georg Sebald vorgebrachte These, dass die Aufarbeitung des Luftkriegs und der damit verbundenen Opfererfahrung in Deutschland durch ein Tabu gehemmt worden ist, lässt sich, auf die gesamte deutsche Gesellschaft bezogen, schwer beweisen und schwer widerlegen. Grund dafür ist die große Anzahl der gesellschaftlichen Bereiche, durch welche ein kollektives Gedächtnis geprägt und auf welchen es gleichsam einsehbar wird. Eine ambitionierte Untersuchung wäre dazu angehalten, sich auf Literatur und Film zu konzentrieren, auf die Presse, den Schulunterricht, die Geschichtswissenschaft, auf die vielfältigen Ausprägungen regionaler Erinnerungskultur und ebenso auf die schwer erforschbare private Sphäre.
Die Diskussion wird jedoch vor dem Hintergrund subjektiver Erfahrungen oder Untersuchungen geführt, die sich auf einzelne gesellschaftliche Bereiche begrenzen, und sie entbehrt oft eines klar bestimmten, einheitlichen Tabu-Begriffs. Beispiele über viele Jahre präsenter Erinnerungsarbeit, wie etwa in Hamburg, widersprechen nicht einem Beschweigen auf anderen Ebenen, denn die Frage nach dem Maß der Aufarbeitung, so betont auch Sebald, stellt sich sowohl unter quantitativen wie qualitativen Aspekten. Gerade diese auf einzelne Bereiche konzentrierte Herangehensweise kann sich aber als fruchtbar erweisen, denn je nach Bereich offenbart sich die Aufarbeitung des Luftkrieges als von unterschiedlicher pragmatischer Relevanz.
Aufarbeitungslücken zu schließen, liegt auf der einen Seite im persönlichen Interesse der von Zerstörung und Erniedrigung unmittelbar Betroffenen. In Dresden etwa, so vermuten Thomas Widera und Renatus Deckert, schien die staatlich geförderte Erinnerungskultur nicht abbilden zu können oder dulden zu wollen, was sich an tieferer Trauer in der Psyche der Menschen verbarg. Was für die Zeugen des Luftkriegs ungesagt und unverarbeitet blieb, kann nicht in Diskussionen geklärt oder quantitativen Untersuchungen ergründet, sondern nur subjektiv von jener Generation benannt werden, so wie es Nossack, Ledig und Forte taten.
In etwas anderer Hinsicht zielt das Bemühen um Aufarbeitung auch auf das Bewusstsein der nicht unmittelbar Betroffenen ab. Im Vordergrund steht hier nicht die psychische Bewältigung, sondern die historische Aufklärung. Hier gilt es zu überprüfen, was Geschichtswissenschaft oder Literatur künftig leisten sollten, um auch den Nachfolgegenerationen, die von Sebald vergeblich erstrebte Vergegenwärtigung der nationalen Geschichte, fern mythischer oder ideologischer Verklärung, zu ermöglichen.
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Die Diskussion um Versäumnisse des bisherigen Gedenkens konzentriert sich auf die Frage der angemessenen Deutung und Aufbereitung. Unabhängig von den persönlichen Aufarbeitungsbedürfnissen der Kriegsgeneration, stellt sich auf dieser Ebene für viele, die sich an der Diskussion beteiligen, der Anspruch, den Luftkrieg und die Leiden der deutschen Bevölkerung im Zusammenhang der politischen Ereignisse und gesellschaftlichen Dynamiken begreifbar zu machen.
Darüber, inwieweit diese Perspektive bereits Eingang ins öffentliche Bewusstsein ge-funden hat, herrscht keine Einigkeit. Während Heribert Seifert wahrzunehmen glaubt, dass der Opferdiskurs eines Verweises auf die deutsche Schuld nicht mehr bedürfe, da die Nazi-Verbrechen allen bekannt seien und stets mitgedacht würden, sprechen etwa die Historiker Malte Thiessen und Daniel Fulda von einer noch mangelnden Bereitschaft in der Öffentlichkeit, die nationale Verantwortung zu akzeptieren. Dass aber ein solches Bewusstsein zu stützen, nicht nur die Bemühungen der Geschichtswissenschaft, sondern ebenso der Literatur kennzeichnen sollte, wird offenbar kaum bezweifelt.
Das häufige Lob an Ledigs und Fortes Bearbeitungen zum Thema Luftkrieg, lässt sich dementsprechend darauf zurückführen, dass beide weder das Leid der deutschen Bevölkerung verharmlosen, noch den Verweis auf die deutsche Schuld und die Ursachen der „Vergeltung“ scheuen.
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Literaturverzeichnis
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Toni Ziemer, 2008, Die Aufarbeitung des Luftkrieges in der deutschen Öffentlichkeit und Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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