Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Zur Literarisierung der Schopenhauerschen Philosophie in Anna Karenina 5
2.1 Der Schopenhauersche Wille in Anna Karenina. 5
2.2 Die Schopenhauersche Vorstellung von den Ursprüngen des Leidens in Anna
Karenina 9
2.2.1 Egoismus als Grundübel. 9
2.2.2 Sexualität als Dämon. 10
2.2.3 Verliebtheit und Liebe als Täuschung. 11
2.3 Die Schopenhauersche Vorstellung von der Überwindung des Leidens in Anna
Karenina 12
2.3.1 Erlösung durch Ästhetik. 13
2.3.2 Erlösung durch Ethik. 14
2.3.3 Erlösung durch Abtötung des Willens. 15
2.3.4 Die Zähmung der Sexualität. 17
2.4 Schopenhauers Sinn des Lebens in Anna Karenina 19
3 Schlussbemerkung. 21
4 Literaturverzeichnis. 23
4.1 Quellen 23
4.2 Sekundärliteratur 23
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1 Einleitung
„Знаете ли, что было для меня нынешнее лето? - Неперестающий восторг перед Шопенгауэром и ряд дуxовныx наслаждений, которыx я никогда не испытывал. Я выписал себе все его сочинения и читал и читаю. [...] Не знаю, переменю ли я когда мнение, но теперь я уверен, что Шопенгауэр гениальнейший из людей. Вы говорили, что он так себе кое-что писал о философскиx предметаx. Как кое-что? Это весь мир в невероятно ясном и красивом отражении. Я начал переводит его. Не возьметеcь ли и Вы за перевод его? Мы бы издали вместе. Читая его, мне непостижимо, каким образом может оставаться имя его неизвестным? Объяснение только одно, то самое, которое он так часто повторяет, что кроме идиотов на свете почти никого нет.“ 1
Dieses Zitat aus einem Brief Tolstojs bringt zum Ausdruck, wie sehr Tolstoj den deutschen Philosophen Schopenhauer bewunderte und verehrte. Es stammt aus dem Jahr 1869, in welchem Tolstoj zum ersten Mal mit der Schopenhauerschen Philosophie in Berührung gekommen war 2 und spiegelt damit die Zeit der ersten Beschäftigung mit dem Philosophen, in der die Wirkung am stärksten und die Begeisterung am größten war. 3 In dieser Zeit entstand Tolstojs zweiter Roman Anna Karenina (1873-1877). Dieser wird von Literaturwissenschaftlern teils als „Familienroman“ 4 oder „Ehebruchroman“ 5 , teils als düster-gewaltige Gesellschaftskritik 6 eingeordnet. Fakt ist, dass sich der Roman - in dem die Entstehung und der Verfall einer leidenschaftlichen Liebe, des weiteren die Entstehung einer Ehe sowie die Zerstörung einer anderen dargestellt wird -vorrangig mit dem Wesen von Liebe und Ehe auseinandersetzt, weiterführend aber auch mit den Themen Schuld, Moral und dem Sinn des Lebens. 7 Dies sind auch bei Schopenhauer zentrale Themen. Dennoch soll bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der Einfluss des Philosophen auf den Schriftsteller eher subtiler Natur war 8 und es daher - darauf
1 Brief Tolstojs an Fet, 30.08.1869, zit. nach: Boris Ėjchenbaum, Tolstoj i Šopengauer. K voprosu o sozdanii
„Anny Kareninoj“. In: Literaturnyj sovremennik 11, 1935, S. 135.
2 Die meisten Autoren datieren die Bekanntschaft Tolstojs mit Schopenhauer auf das Jahr 1869, nur die
Autorin Sigrid McLaughlin (1970) verlegt diese ein Jahr zurück in das Jahr 1868.
3 Vgl. Sigrid McLaughlin, Some Aspects of Tolstoy´s Intellectual Development: Tolstoy and Schopenhauer.
In: California Slavic Studies 5, 1970, S. 241.
4 Joachim T. Baer, Anregungen Schopenhauers in einigen Werken von Tolstoj. In: Die Welt der Slaven 23/2,
1978, S. 230.
5 Bodo Zelinksky, Lev Tolstoj: Anna Karenina. In: Ders. (Hrsg.), Der russische Roman. Köln, Weimar, Wien
2007, S. 224.
6 Vgl. Adolf Stender-Petersen, Geschichte der russischen Literatur. München 1986, S. 367.
7 Vgl. McLaughlin, S. 207f.
8 Vgl. ebd., S. 187.
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weisen mehrere an der Problematik arbeitende Autoren hin - schwierig ist, Schopenhauers Gedanken konkret in Texten Tolstojs zu fixieren und nachzuweisen. 9 Aus diesem Grund wurde für diese Arbeit ein globaler Ansatz gewählt: Es wurde versucht, Literarisierungen der Schopenhauerschen Philosophie in Anna Karenina auszumachen. Den Ausgangspunkt bildet einer der zentralen Begriffe der Schopenhauerschen Philosophie: der ‚Wille’. Weiterführend werden - stets im Vergleich zu Tolstoj - die Vorstellungen Schopenhauers zu den Ursprüngen des menschlichen Leidens und seine Strategien zur Überwindung desselben thematisiert, was schließlich in einer Abhandlung über Schopenhauers Sinn des Lebens mündet. Hierbei zeigt sich, dass beide Denker ähnliche Überzeugungen hinsichtlich der Entstehung des menschlichen Leidens haben - allen voran wird der Sexualität von beiden eine dämonische Kraft zugesprochen. Im Umgang mit dem Leiden vertreten sie allerdings unterschiedliche Positionen und Lösungsansätze. Während Schopenhauer Theoretiker blieb, postulierte Tolstoj - zumindest in der Zeit der Anna Karenina - eine praktisch anwendbare Ethik.
Sowohl zu Schopenhauer als auch zu Tolstoj gibt es zahllose einführende und weiterführende Literatur, zur speziellen Thematik des Schopenhauerschen Einflusses auf Tolstojs Werk hingegen nur eine überschaubare Anzahl von Aufsätzen. Als wichtigste für diese Arbeit seien drei Aufsätze genannt, aus denen bereits zitiert wurde: jener relativ schwer zugängliche Klassiker von Boris Ėjchenbaum (1935), sowie die Arbeiten von Sigrid McLaughlins (1970) und Joachim T. Baer (1978). Angesichts dieser geringen Zahl und in Anbetracht der Erscheinungsjahre kann davon ausgegangen werden, dass eine weiterführende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik interessant und lohnenswert wäre.
Formaler Hinweis: Diese Arbeit wurde nach den Regeln der neuen Rechtschreibung geschrieben,
(historische) Zitate allerdings in ihrer jeweiligen Ursprungsform gelassen. Beim Zitieren der Werke
Schopenhauers wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit nach dem ersten ausführlichen Beleg mit
Abkürzungen gearbeitet.
9 Dass es dennoch möglich ist, zeigen die Arbeiten von Ėjchenbaum und McLaughlin. Ersterer versuchte
nachzuweisen, dass sich Tolstoj bei der Verwendung des Epigraphen „Mne otmščenie, i az vozdam“ nicht
auf die Bibel, sondern auf Schopenhauer berief; McLaughlin verglich die Rolle der Träume in Anna
Karenina mit Schopenhauers Ausführungen zu dieser Thematik.
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2 Zur Literarisierung der Schopenhauerschen Philosophie in Anna Karenina
2.1 Der Schopenhauersche Wille in Anna Karenina
Der ‚Wille’ ist neben dem Begriff der ‚Vorstellung’ einer der beiden zentralen Begriffe in der Philosophie Schopenhauers. Er ist für Schopenhauer „das Ding an sich, der innere Gehalt, das Wesentliche der Welt“, und das, was er will, ist „immer das Leben“. 10 Schopenhauer sondert damit als erster abendländischer Philosoph den Willen von der Erkenntnis - und steigert diesen Sonderweg noch, indem er den Willen über die Erkenntnis stellt. Bis dato galt die Überzeugung, dass das Wollen ein ausschließlich rationaler Vorgang sei, und die Erkenntnis dem Wollen vorausgehe. Schopenhauer bricht mit dieser Tradition und begründet das damit, dass der Intellekt „physisch, zerstörbar, zeitlich“ sei, der Wille hingegen „metaphysisch, unzerstörbar, ewig“. 11
Schopenhauers Wille ist raum- und zeitlos, er ist „endloses Streben“ ohne Ziel, ohne Grund, ohne Erkenntnis und ohne Grenzen, nur auf sich gerichtet, „ein blinder, unaufhaltsamer Drang“. 12 Da er einheitlich, unteilbar und ganz in jedem Wesen erscheint, ist auch die Vorstellung, dass die Menschen eine Vielzahl einzelner Individuen wären, nur Illusionbedingt durch das „principium individuationis“ 13 , die Individuation. Dieses Prinzip ist ein auf Raum und Zeit beruhendes Produkt des menschlichen Nervensystems, welches dem Menschen seine subjektive Auffassung des Daseins bloß vortäuscht, weswegen „die Vielheit und Verschiedenheit der Individuen bloße Erscheinung, d.h. nur in meiner Vorstellung vorhanden ist“ 14 .
Der Wille tritt im zum Zwecke der Täuschung mit Sinnesorganen ausgestatteten und von Trieben und Bedürfnissen geleiteten Leib zutage. Damit zeigt sich, dass die Schopenhauersche Philosophie dem Körper und seinen Bedürfnissen skeptisch bis feindlich eingestellt ist, was auch Tolstojs Überzeugung entsprach.
In Anna Karenina hat Tolstoj eine Figur beschrieben, die eine echte Literarisierung des Schopenhauerschen Willens ist: die Namensgeberin des Romans selbst - Anna Karenina. In ihrer Körperlichkeit drückt sich der Wille von Anbeginn an aus.
10 Vgl. Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I (nachfolgend: W I). In: Ders., Sämtliche
Werke. Hrsg. von Wolfgang Frhr. v. Löhneysen. 5 Bde. Leipzig 1979. Bd. 1, § 54, S. 380.
11 Vgl. Volker Spierling, Arthur Schopenhauer zur Einführung. Hamburg 2002, S. 126.
12 Vgl. Schopenhauer, ebd.
13 Schopenhauer, W I, § 63, S. 483.
14 Schopenhauer, Preisschrift über die Grundlage der Moral (nachfolgend: GM). In: Ders., a.a.O. Bd. 3, § 22, S.
809.
5
Zur Verdeutlichung soll jene Stelle im Roman dienen, als sich Anna und ihr zukünftiger Liebhaber Vronskij zum ersten Mal begegnen. Anna kommt nach Moskau, um den Ehestreit ihres Bruders Stepan Oblonskij mit seiner Frau Dolly zu schlichten, und trifft dort Vronskij, was den Anfangspunkt der Zerstörung ihrer eigenen Ehe bildet. Tolstoj schildert in dieser Szene Annas Wesen durch die Augen Vronskijs, der mit Faszination bemerkt: „В этом коротком взгляде Вронский успел заметить сдержанную оживленность, которая играла в ее лице и порхала между блестящими глазами и чуть заметной улыбкой, изгибавшею ее румяные губы. Как будто избыток чего-то так переполнял ее сущеcтво, что мимо ее воли выражался то в блеске взгляда, то в улыбке. Она потушила умышленно свет в глазах, но он светился против ее воли в чуть заметной улыбке.“ 15
Diese „irgend etwas“ ist der Urwille, welcher in Anna zutage tritt. Er äußert sich in ihrem ganzen Wesen: In ihren leichten, doch energischen Schritten, in der anmutigen, aber impulsiven Art, wie sie ihren Bruder herzhaft auf die Wangen küsst und lebhaft mit ihm spricht, in dem überraschend kräftigen Händedruck. 16 Zum Wesen des Schopenhauerschen Urwillens gehört aber auch, dass menschliche Kategorien wie individuelles Glück oder Unglück und damit verbunden Erfolg oder Scheitern nichts gelten. Obwohl sich der Wille im Individuum ausdrückt und inkarniert, zählt das einzelne Individuum nichts. Dieses Paradoxon beschreibt Schopenhauer folgendermaßen: „Die Natur selbst widerspricht sich geradezu, je nachdem sie vom Einzelnen oder vom Allgemeinen aus, von innen oder von außen, vom Zentro oder von der Peripherie aus redet.“ 17 Das Zentrum der Natur ist das Individuum, denn jedes Einzelne ist der ganze Wille zum Leben. Von hier aus gesehen spricht der Wille: „Ich allein bin alles in allem: an meiner Erhaltung ist alles gelegen, das übrige mag zu Grunde gehn, es ist eigentlich nichts.“ 18 Anders stellt sich derselbe Sachverhalt vom Standpunkt des objektiven Erkennens dar. Hier, von der Peripherie aus, redet die Natur folgendermaßen: „Das Individuum ist nichts und weniger als nichts. Millionen Individuen zerstöre ich tagtäglich zum Spiel und Zeitvertreib: ich gebe ihr Geschick dem launigsten und mutwilligsten meiner Kinder preis, dem Zufall, der
15 Lev N. Tolstoj, Anna Karenina. In: Ders., Sobranie sočinenij v dvadcati tomach. Moskau 1997, Bde. 8 - 9.
Bd. 8, S. 56.
16 Vgl. ebd., S. 57f.
17 Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung II (nachfolgend: W II), in: Ders., a.a.O. Bd. 2, Kap. 47,
S. 768f.
18 Ebd., S. 769.
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Arbeit zitieren:
Bettina Friedrich, 2008, Tolstoj und Schopenhauer, München, GRIN Verlag GmbH
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