INHALTSVERZEICHNIS
I. Einleitung. 3
II. Der deutsche Ostmarken-Verein und die polnische Straż 5
1. Die Entstehung der beiden Vereine. 5
2. Deutscher und polnischer Nationalismus. 7
3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede. 11
4. Kurzfristiger Erfolg, langfristiges Scheitern 12
III. Schlussbetrachtung. 15
IV. Anhang. 16
Quellen 16
Darstellungen 16
2
I. Einleitung
Das Verhältnis Deutschland - Polen gilt nicht erst seit den Äußerungen des polnischen Ministerpräsidenten Kaczyński in den vergangenen Monaten als teilweise von Vorurteilen belastet. Daher lohnt es sich, einen Blick in die Geschichte dieser schwierigen Nachbarschaft zu werfen und das Augenmerk auf die Zeit um 1900 zu lenken. Damals stand ein Teil des ehemaligen polnischen Königreiches, unter anderem die Provinzen Westpreußen und Posen, unter preußisch-deutscher Herrschaft. 1894 wurde der „Deutsche Ostmarken-Verein“ gegründet, um gegen die als ungenügend empfundene Vertretung der Interessen der deutschen Bevölkerung in den gemischtsprachigen Ostprovinzen durch die Regierungsbehörden vorzugehen. 1 Die polnische „Straż“ enstand 1905 mit dem ausdrücklichen Bezug auf die Tätigkeit des Ostmarken-Vereins. Auf allen Gründungsversammlungen von Straż-Vereinen wurde auf die Bestrebungen des Ostmarken-Vereins hingewiesen und zur Bildung einer starken Gegenorganisation aufgerufen. 2
Die vorliegende Arbeit vertritt nun die These, dass die aggressive nichtstaatliche Germanisierungs- und Polenpolitik, wie sie sich in der Tätigkeit des Ostmarken-Vereins manifestiert, ihr langfristiges Ziel trotz einiger Teilerfolge verfehlt hat. Das lag einerseits am massiven polnischen Widerstand seitens Organisationen wie der Straż. Andererseits war der Einfluss des Ostmarken-Vereins auf die Positionen der preußischen Regierung zu gering. Dazu wird zunächst die Entstehung der beiden Vereine näher beleuchtet. Nach einer Darstellung des maßgeblichen deutschen und polnischen Nationalismus wird untersucht, worin die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Vereine liegen. Anschließend werden der kurzfristige Erfolg und das langfristige Scheitern des Ostmarken-Vereins analysiert. Die verfügbare Literatur zum Ostmarken-Verein ist recht umfangreich, die zur polnischen Straż jedoch eher dürftig. Auch die polnischsprachige Literatur tut sich hier bis auf einige ältere Publikationen nicht besonders hervor. 3 Als das einschlägige Standardwerk, das die Aktivitäten von Ostmarken-Verein und Straż vergleicht, ist die Dissertation von Sabine Grabowski zu nennen. Die ältere Darstellung von Adam Galos u.a. über die „Hakatisten“, wie die Mitglieder des Ostmarken-Vereins auch genannt wurden, enthält interessante Ansätze, ist
1 Vgl. SABINE GRABOWSKI: Deutscher und polnischer Nationalismus. Der deutsche Ostmarken-Verein und die
polnische Straż, Marburg 1998, S. 301.
2 Vgl. ebd., S. 303.
3 Vgl. ALFRED KUCNER: Powstanie „Straży“ i jej działalność na Śląsku [Die Entstehung der Straż und ihre
Tätigkeit in Schlesien], in: Zaranie Śląskie 17 (1946), S. 87-89.
3
jedoch deutlich ideologisch gefärbt. 4 Aus diesem Grund sind auch Lexikonartikel aus DDR-Publikationen nahezu unbrauchbar. 5 Wissenschaftlich fundiert und ausgewogen ist hingegen die recht junge Dissertation von Jens Oldenburg, die sich ausschließlich mit dem Ostmarken-Verein beschäftigt. 6 Einen aufschlussreichen Blick auf den wirtschaftlichen Aspekt der Auseinandersetzung auf polnischer Seite wirft die Arbeit von Rudolf Jaworski. 7 Aus der englischsprachigen Literatur ist besonders der Beitrag von Harry Kenneth Rosenthal erwähnenswert, der das deutsch-polnische Verhältnis am Beispiel des Ostmarken-Vereins im Übergang von einem regionalen zu einem nationalen Konflikt betrachtet. 8 Die Arbeit beschränkt sich auf den Zeitraum 1894-1914, da in dieser Zeit der Konflikt zwischen deutschem und polnischem Nationalismus in den preußischen Ostprovinzen am deutlichsten wird. Der Ostmarken-Verein bestand zwar noch bis 1934, die Straż löste sich jedoch kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges auf.
4 Vgl. ADAM GALOS, WITOLD JAKÓBCZYK UND FELIX-HEINRICH GENTZEN: Die Hakatisten. Der Deutsche Ost-
markenverein (1894-1934). Ein Beitrag zur Geschichte der Ostpolitik des deutschen Imperialismus, Berlin-Ost
1966 (= Schriftenreihe der Kommission der Historiker der DDR und Volkspolens).
5 Vgl. EDGAR HARTWIG: Deutscher Ostmarkenverein (DOV) 1894-1934, in: DIETER FRICKE (Hg.): Lexikon zur
Parteiengeschichte . Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945)
in vier Bänden, Bd. 2, Leipzig 1984, S. 225-244.
6 Vgl. JENS OLDENBURG: Der Deutsche Ostmarkenverein: 1894-1934, Berlin 2002.
7 Vgl. RUDOLF JAWORSKI: Handel und Gewerbe im Nationalitätenkampf. Studien zur Wirtschaftsgesinnung d.
Polen in d. Provinz Posen (1871 - 1914), Göttingen 1986 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd.
70).
8 Vgl. HARRY KENNETH ROSENTHAL: From Regional to National Conflict, in: DERS.: German and Pole: Na-
tional Conflict and Modern Myth, Gainesville 1976, S. 39-68.
4
II. Der deutsche Ostmarken-Verein und die polnische Straż
1. Die Entstehung der beiden Vereine
Am 3. November 1894 wurde in der Provinzhauptstadt Posen (Poznań) der „Verein zur Förderung des Deutschthums in den Ostmarken“ ins Leben gerufen, der sich vier Jahre später den gängigeren Namen „Deutscher Ostmarken-Verein“ gab. Als seinen Zweck bezeichnete der Verein „die Kräftigung und Sammlung des Deutschthums in den mit polnischer Bevölkerung durchsetzten Ostmarken des Reiches durch Hebung und Befestigung deutschnationalen Empfindens sowie durch Vermehrung und wirthschaftliche Stärkung der deutschen Bevölkerung“. 9 In einem der ersten Schreiben, die der Vereinsvorstand an die preußischen Minister richtete, bemühte er sich, diesen Vereinszweck näher zu umschreiben, indem er hinzufügte: „Die Tendenz des Vereins läßt sich durch das kurze Wort kennzeichnen, dass er ein Verein für das Deutschthum, nicht gegen das Polenthum ist.“ Die angestrebte Tätigkeit des Vereins sahen die Gründer als „durchaus vereinbar mit dem Bewußtsein, auch gegenüber unseren slawischen Mitbürgern Gerechtigkeit walten zu lassen,“ an, fügten aber einschränkend hinzu: „falls und sofern diese sich auf dem Boden staatsrechtlicher Verhältnisse und insbesondere eines dauernden preußischen Staatsbürgerthums stellen.“ 10
Zum zweiten Mal nach 1848 versuchten hier deutsche Landbesitzer und Stadtbewohner in den östlichen Provinzen des Reiches, die Richtung der preußischen Regierungspolitik mitzubestimmen. Um die Politik des Ostmarken-Vereins zu begreifen, muss man zunächst einen Widerspruch verstehen. Die Aktivisten waren stolz auf die Macht ihres industrialisierten Deutschen Reiches, während sie gleichzeitig eifrig darum bemüht waren, für ihre deutsche Gemeinschaft im agrarischen Osten eine übergeordnete Stellung zu behaupten. Dafür kämpften sie ohne Rücksicht darauf, ob sie von der Regierung dabei unterstützt wurden. 11 Die Entstehung des Ostmarken-Vereins war in der Tat direkt mit einer Demonstration gegen die Regierung verknüpft, nämlich einer Pilgerfahrt zum ehemaligen Reichskanzler und damaligen Kritiker der Regierungspolitik, Otto von Bismarck. Dabei handelte es sich genau genommen um zwei Veranstaltungen, dem Besuch einer Posener Delegation am 16. September 1894 und dem einer westpreußischen Delegation eine Woche später. Die letztere lief folgendermaßen ab: Eine Deputation von 1500 bis 1700 Frauen und Männern gelangte zur Bahnstation Hammermühle in Pommern, von der aus das Gut Bismarcks in Varzin noch etliche Kilometer entfernt lag. Die Teilnehmer marschierten teils in Frack, Stehkragen und Zylinder
9 GRABOWSKI: Deutscher und polnischer Nationalismus, S. 5.
10 Ebd.
11 Vgl. ROSENTHAL: From Regional to National Conflict, S. 40.
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Arbeit zitieren:
M.A. Piotr Grochocki, 2007, Der deutsche Ostmarken-Verein und die polnische Straż, München, GRIN Verlag GmbH
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