Franz Kafkas „Die Verwandlung“ -Ein Vergleich des Buches mit dem Film
sein Gesundheitszustand und schließlich stirbt Kafka am 3.Juni 1924 in Prag. Die Bestattung fand am 11. Juni in Prag- Straschnitz statt.
2. Einordnung in den historischen Kontext
Franz Kafka beginnt die Niederschrift seines Werkes „Die Verwandlung“ am 15. November 1912.
Es ist die Zeit, in der das Verhältnis Kafkas zu seinem Vater an einem besonders kritischen Punkt angekommen ist. Der Vater ist an Arterienverkalkung erkrankt und die Familie erwartet, dass Franz Kafka in dieser finanziellen Notlage in der Asbestfabrik seines Vaters hilft.
Die Vorwürfe der Eltern hinsichtlich der Tatsache, dass Franz nicht in der Fabrik arbeiten und somit seine Eltern finanziell unterstützen will, führen zu einer immer größer werdenden Kluft zwischen dem Sohn und seinen Eltern. Er berichtet seinem Freund Max Brod in einem Brief 1 vom 8. Oktober 1912 von seinen Erfahrungen und Gefühlen und der Ansicht, dass er dieses Gefühlschaos nur durch das Schreiben verarbeiten kann.
Es liegt die Vermutung nahe, dass Franz Kafka eben diese Gefühle in seinem einen Monat später entstandenen Werk „Die Verwandlung“ verarbeitet. In einem Brief 2 an Felice Bauer, die er im August 1912 im Hause Brod kennengelernt hat, schreibt er am 17. November 1912, dass er nun das erste Mal an eine „kleine Geschichte“, die ihm „im Jammer im Bett eingefallen ist und [ihn] innerlichst bedrängt“ gedacht hat.
Kafka plant nach Beendigung des Werkes, dieses unter dem Titel „Die Söhne“ zu publizieren, da alle drei Werke („Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und „Der Heizer“) eine gestörte Vater - Sohn - Beziehung illustrieren.
Letztlich scheitert dieser Versuch und „Die Verwandlung“ erscheint im November 1915, drei Jahre nach dem Abschluss der Erzählung, in der Monatsschrift „Die weißen Blätter“ 3 .
1 Kafka, Franz: Briefe 1900-1912. Kritische Ausgabe, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1999, Fischer
2 Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, Hg. Erich Heller und Jürgen Born.
Frankfurt/Main 1976, Fischer. S. 102
3 Scholz, Ingeborg: Franz Kafka „Das Urteil“, „Die Verwandlung“, „Ein Hungerkünstler“, „Vor dem
Gesetz“, „Eine kaiserliche Botschaft“, „Ein Bericht für eine Akademie“, „In der Strafkolonie“. 3.überarb.
Aufl. Beyer: 1991 S. 34 Seite | 2
Franz Kafkas „Die Verwandlung“ -Ein Vergleich des Buches mit dem Film 3. Inhaltsangabe
In seinem Werk „Die Verwandlung“ erzählt Franz Kafka die Geschichte des Gregor Samsa, der eines Morgens aufwacht und sich als Ungeziefer verwandelt vorfindet. Gregor ist seit fünf Jahren - seit dem Zusammenbruch der Firma seines Vaters -Alleinverdiener der Familie Samsa und arbeitet als Handelsreisender. In den gesamten fünf Jahren war er nicht einmal krank und so ist es umso verwunderlicher für die Familie, als Gregor eines Tages nicht wie gewohnt zu früher Stunde das Haus verlassen hat.
Die Erzählung ist in drei Abschnitte eingeteilt: (1) Die Verwandlung, (2) das Leben als Käfer und (3) der Weg zum Tod.
(1) Am Anfang des Buches erwacht Gregor in Gestalt eines unnormal großen Käfers. Er verändert sich nur äußerlich, innerlich behält er die Eigenschaften eines Menschen. Es findet ein Akt der Selbstwahrnehmung statt. Gregor sinniert über die Verwandlung, die immer noch Teil seiner „unruhigen Träume“ 4 sein könnte. Sich über das Ausmaß der Verwandlung noch nicht im Klaren, probiert er seine neue physische Beschaffenheit aus. Letztlich überlegt er, dass nur der Beruf als Handelsreisender Schuld an der Metamorphose sein könne.
Das erste Auftreten der Familie beginnt mit deren Klopfen an Gregors Zimmertüren. Die Familie erkundigt sich nach seinem Wohlbefinden, ist es schließlich ungewöhnlich für ihn, um viertel vor 7 Uhr immer noch nicht aus dem Haus zu sein. Das Eintreffen des Prokuristen beschleunigt den Akt der Entfremdung. Gregor denkt nur noch daran, wie er am schnellsten aus der misslichen Lage herauskommen kann, um noch seiner Arbeit nachzugehen.
Als er endlich geschafft hat, die Tür zu öffnen, erschrecken die Familie und der Prokurist. Die Mutter fällt in Ohnmacht, der Prokurist verlässt das Haus und der Vater scheucht Gregor zurück in sein Zimmer, wobei er ihn verletzt.
(2) Der zweite Akt beginnt zur Dämmerung des ersten Tages. Der erste Schock hat nachgelassen, doch die Entfremdung nimmt zu. Gregor erhält Abfall als Nahrung und wird gänzlich als Tier gesehen. Da die Familie nicht davon ausgeht, dass Gregor sie verstehen kann - schließlich spricht er auch nicht mehr die menschliche Sprache - 4 Kafka,Franz: „Die Erzählungen“, Hg. Roger Hermes. Frankfurt/Main, Fischer, limitierte Sonderauflage,
S. 96 Seite | 3
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versuchen sie auch nichts, um den Zustand zu verändern. Einzig die Schwester beschäftigt sich anfangs noch mit Gregor: sie gibt ihm Essen und räumt grob sein Zimmer auf. Gegen Ende des zweiten Aktes geschieht etwas, das die Ausgrenzung aus der Familie und der Gesellschaft immer deutlicher werden lässt. Gregors Zimmer wird ausgeräumt und als Abstellraum für Unbrauchbares verwendet. Hinzu kommt noch, dass Gregor immer mehr an Beweglichkeit verliert. Durch die Wunden, die ihm sein Vater zugefügt hat und durch Verweigerung der Nahrungsaufnahme ist Gregor immer weiter in seinen Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt.
(3) Der letzte Akt beschreibt den Weg in den Tod. Die Schwester, die sich anfangs noch um Gregor gekümmert hat, wird durch eine Bedienerin ersetzt. Nun „pflegt“ diese Gregor und sein Zimmer. Die Familie nimmt drei Zimmerherren auf, die den Mittelpunkt der Familie bilden. Zum Ende des dritten Aktes stirbt Gregor schließlich und der Tierkadaver wird beseitigt.
4. Der Vergleich: Das Buch vs. Der Film des ZDF
4.1. Intention
Ich möchte zunächst erwähnen, dass ich das Werk „Die Verwandlung“ in drei Abschnitten analysieren werde: a.Aufwachen als Käfer b.Der Prokuristenbesuch c.Das Putzen / Das Ausräumen von Gregors Zimmer
Mit diesem Film - Buch- Vergleich möchte ich zeigen, wie unterschiedlich man das Leben des Gregor Samsa darstellen kann. Franz Kafka selbst verwendet viele Stilmittel und unterschwellige Mittel, um zu zeigen, wie Gregor sich in der Gestalt eines Käfers fühlt. Dem Regisseur des Spielfilms stehen andere Mittel zur Verfügung. Er bedient sich einer Vielfalt an Gestaltungsmitteln wie Kameraeinstellungen, Lichteffekten, Ton-und Musikvariationen. Ich denke, es wäre falsch zu sagen, dass er mehr Mittel zur Verfügung hat. Denn die Art und Weise, wie Kafka schreibt, macht es dem Leser leicht, sich in die Hauptfigur Gregor hineinzuversetzen.
Auf das Buch werde ich nur im Groben eingehen, da dieses allgemein bekannt sein dürfte und nur dem direkten Vergleich dient.
Seite | 4
Franz Kafkas „Die Verwandlung“ -Ein Vergleich des Buches mit dem Film
In jedem Fall gibt es Unterschiede zwischen dem Film und dem Buch, die ich im Folgenden aufdecken möchte.
4.2.1. Aufwachen als Käfer im Film
Die erste Sequenz 5 im Film „Die Verwandlung“, dessen Regie Jan Němec im Auftrag des ZDF geführt hat, ist die Exposition der Handlung. Der Film beginnt mit der Titelmusik, die instrumental ist und recht traurig beziehungsweise beklommen klingt.
Man wird direkt zum Hauptdrehort geführt: Gregor Samsas Zimmer. Ein für die meisten Filme gewöhnlicher Einspieler fehlt. Üblicherweise wird am Anfang eines Filmes eine Eröffnungsszene eingespielt - diese Einstellung nennt man Establishing Shot, welche den Betrachter in den Handlungsabschnitt und den Handlungsort einführt. Meistens geschieht dies in der Totalen oder Halbtotalen.
Da dieser Einspieler fehlt, kann man daraus schließen, dass der Regisseur den Zuschauer direkt mit Gregor Samsas Gefühlen und Sichtweisen konfrontieren möchte. Für circa sieben Sekunden sieht man, wie Gregor Samsa die Bettdecke etwas herunterzieht, um sich in seinem Zimmer umzusehen. Der Sprecher Dieter Kettenbach trägt den Anfangssatz des Buches vor: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ 6 Dieses Voice -over übernimmt den Part des üblichen Einspielers, denn der Erzähler informiert den Betrachter über den momentanen Zustand des Hauptdarstellers.
Gregor blickt sich kurz im Zimmer um. Dies wird evoziert durch die entfesselte Kameraeinstellung. Die Kamera wird subjektiv geführt, man hat das Gefühl durch Gregors Augen zu schauen. Noch scheint alles normal, man schaut aus den Augen eines im Bett Liegenden, die Lichtwahrnehmung ist natürlich und lässt nichts Ungewöhnliches vermuten.
In der nächsten Szene legt der Erzähler fest, dass es sich nicht um einen Traum handelt (vgl. „Es war kein Traum.“) 7 .
5 Gruppe von inhaltlich zusammengehörigen und aufeinander folgenden Einstellungen
6 Kafka, Franz: „Die Erzählungen“. Limitierte Sonderauflage. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt/M., April
2006. S. 96
7 Ebd. S. 96 Seite | 5
Franz Kafkas „Die Verwandlung“ -Ein Vergleich des Buches mit dem Film
Nun ändert sich die Szene insofern, dass man für ein paar Sequenzen nicht mehr aus Gregors Augen das Zimmer betrachtet, sondern als objektiver Beobachter. Für wenige Sekunden sieht man den Schreibtisch am Fenster. Es ist hell draußen. Der Schreibtisch wird in einer Großaufnahme gezeigt. Die Kameraführung ist anders als in der ersten Szene. Nun ist sie starr, dazu passt die Musik, die die Szene untermalt. In einer Detailaufnahme wird in der darauffolgenden Szene die Wanduhr gezeigt: „Sein Zimmer […] lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden“ 8 . Die Uhr schlägt in diesem Moment halb 7 Uhr in der Früh. Zusätzlich zum visuellen Eindruck des Ziffernblatts erfährt der Zuschauer ein akustisches Signal durch den Glockenschlag der Uhr: halb sieben in der Früh.
Abrupt wechselt die Szene. Der Blick fällt auf das Fenster. Es regnet draußen. Immer noch wird die Kamera objektiv und fest geführt. Dann wird das Pendel der Uhr in einer Detailaufnahme eingeblendet. Zeit spielt in Gregor Samsas Leben eine große Rolle. Als Handelsreisender steht er jeden Morgen früh auf und nimmt zeitig den Zug, ständig steht er unter Zeit- und Termindruck. Diese Szene bestärkt diesen Eindruck. Leise Musik begleitet auch hier die Szene. Alles scheint noch im üblichen Rahmen. Der Erzähler verweist auf die ausgepackte Musterkollektion, dann auf das Bild der Frau, welches Gregor vor kurzem aus einer Zeitung ausgeschnitten und in einen goldenen Bilderahmen eingeklebt hat.
Jetzt kommt es zum ersten bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte. Der Blick ruht erst noch, so scheint es, objektiv auf dem Fenster, doch dann wird die Kamera plötzlich subjektiv geführt. Der Zuschauer ist wieder Teil der Szene. Er befindet sich im Körper Gregor Samsas.
Gregor, der sich im Zimmer ebenfalls umgeschaut hat, fällt auf seinen Panzer zurück ins Bett. Die Musik wird dynamischer. Die Kamera wechselt von der Normalsicht auf die Untersicht. Nun blickt man durch Gregors Augen, aus den Augen eines Käfers. Die erste Szene ist hiermit abgeschlossen. In keinem Moment sieht man die Gestalt oder physische Beschaffenheit Gregors. Nur durch den Erzähler erfahren wir, dass Gregor nicht mehr seine menschliche Gestalt hat.
8 Ebd. S.96 Seite | 6
Arbeit zitieren:
Sabine Reinwald, 2008, Vergleich der Erzählung "Die Verwandlung" von Franz Kafka mit dem ZDF-Film von Jan Němec , München, GRIN Verlag GmbH
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