Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die historische Entwicklung des Realismus 4
3. Der Realismus nach Morgenthau 4
3.1 Menschenbild 7
3.2 Der Machtbegriff im Realismus 8
3.2.1 Die Natur der politischen Macht 8
3.2.2 Macht und verschiedene Varianten der Außenpolitik 9
3.2.3 Möglichkeiten zur Begrenzungen von Macht 10
3.3 Das zentrale Interesse der Akteure 11
4. Die historische Entwicklung des Neorealismus 12
4.1 Der strukturelle Neorealismus 12
4.1.1 System und Akteure in Waltz´ „Theory of International Politics“ 13
4.1.2 Gemeinsamkeiten mit dem klassischen Realismus 14
4.2 Macht und Interesse im strukturellen Neorealismus 15
4.3 Exkurs: Der Machtbegriff im ökonomischen Neorealismus 17
5. Vergleich des Machtbegriffs 18
6. Fazit 20
7. Literatur 22
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1. Einleitung
Macht und Interesse bilden die Grundlagen politischen Handelns.Dies ist eines der zentrale Axiome, die das Denken der realistischen Schule prägen. Hans-Joachim Morgenthau beschreibt diese Annahme in seinem Hauptwerk „Politics among Nations“ (PAN) folgendermaßen: „The main signpost that helps political realism to find its way through the landscape of international politics is the concept of interest defined in terms of power” (Morgenthau 1960: 5). Doch das Verständnis des Machtbegriffs ist ebenso vielschichtig wie das des staatlichen Interesses - analog zur Entwicklung des realistischen Denkens haben sich beide Begriffe in ihrer Bedeutung modifiziert. Daher möchte ich in dieser Arbeit aufzeigen, wie sich das Verständnis des staatlichen Interesses, und in diesem Zusammenhang insbesondere der Machtbegriff, vom klassischen Realismus im Übergang zum Neorealismus verändert hat. Die zugrunde liegende Fragestellung lautet daher wie folgt:
Meine Arbeit gliedert sich in zwei Teile, in denen ich jeweils in die Theorie des klassischen Realismus bzw. in die des Neorealismus einführen werde. Im ersten Teil werde ich zunächst die politikgeschichtliche Entwicklung des klassischen Realismus erläutern. Anschließend werde ich durch Morgenthau, als einen der zentralen realistischen Vertreter, die grundlegenden realistischen Annahmen herausstellen. Diese führt er zu Beginn von PAN als „die sechs Grundsätze des politischen Realismus“ an. Bevor ich im Hauptteil Morgenthaus Verständnis von Macht und Interesse im Detail analysiere, werde ich als Hinführung auf den Hauptteil genauer auf sein Menschenbild und in diesem Zusammenhang auf sein Akteursverständnis eingehen. Die genannten Aspekte werde ich hauptsächlich unter Zuhilfenahme seines realistischen Hauptwerks „Politics among Nations“, zu deutsch „Macht und Frieden“, sowie verschiedener Sekundärschriften, herausarbeiten. Welche Aspekte ich hingegen vernachlässigen werde, sind die Sichtweise anderer realistischer Theoretiker, da dies der Stringenz des Theorievergleichs entgegenstünde. Ebenso werde ich die dargestellten theoretischen Annahmen nicht kritisch reflektieren, sondern nur die Kritikpunkte aufzuführen, die maßgeblich zur Entwicklung des Neorealismus beigetragen haben. Im zweiten Teil sollen die Grundlagen der realistischen Sichtweise den neorealistischen Vorstellungen gegenübergestellt werden. Auch hier werde ich zunächst durch die Klärung des historischen Kontexts zum Thema hinführen. Der Neorealismus weist unterschiedliche theoretische Schwerpunkten auf: ich werde mich hierbei mit dem strukturellen und dem ökonomischen Neorealismus beschäftigen, die beide zur zweiten Variante gehören. Da beide Theorien in ihrer Vorstellung von Macht und Interesse leichte Abweichungen aufweisen, werde ich den Machtbegriff des ökonomischen Neorealismus in einem Exkurs im Anschluss an den strukturellen Neorealismus betrachten. Als zentralen Vertreter des strukturellen Realismus behandele ich Kenneth Waltz mit seinem Hauptwerk „Theory of International Politics" und als Vertreter des ökonomischen Realismus analysiere ich die Sichtweise Gilpins. Neben den historischen
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Rahmenbedingungen, die die Entwicklung der jeweiligen Richtung geprägt haben, ist es auch im Neorealismus für die Analyse des Machtbegriffs wichtig, das Akteursverständnis zu berücksichtigen. Daher werde ich, bevor ich die zentralen Begriffe näher erläutere, zunächst eine kurze Einführung in die jeweilige Theorie geben und auf die genannten Aspekte, die die Vorstellungen von Macht und Interesse beeinflussen, eingehen. Abschließend werde ich im letzten Kapitel die zuvor erläuterten Machtbegriffe noch einmal gegenüberstellen. Im Fazit werde ich einen Überblick über meine Ergebnisse in Form einer Tabelle geben.
2. Die historische Entwicklung des Realismus
Der Realismus ist seit den 50er Jahren das vorherrschende Paradigma in den Internationalen Beziehungen. Um die Gründe hierfür zu verstehen, kommt man nicht umhin, den historischen Kontext seiner Entstehung zu analysieren. Daher werde ich als Hinführung zu Morgenthaus Realismus zunächst die ideengeschichtliche Entwicklung des realistischen Paradigmas skizzieren.
Kurz nach Gründung der Internationalen Beziehungen als eigenständige Disziplin im Mai 1919 brach die erste große Theoriedebatte zwischen Idealisten und Realisten aus. Nach Ende des ersten Weltkriegs beschäftigte man sich verstärkt mit der Frage, wie eine künftige zwischenstaatliche Friedenssicherung möglich sein könnte. Hierbei bildete sich eine stark idealistisch geprägte Richtung heraus, die eine Weltgemeinschaft für möglich hielt, und die unter anderem in der Gründung des Völkerbundes unter US-Präsident Wilson (1919) ihren Ausdruck fand (vgl. Gu 2000: 19f). Die politischen Entwicklungen der folgenden Jahre, wie das Scheitern des Völkerbundes, der zweite Weltkrieg und schließlich die Eskalation des Ost-West-Konflikts, führten jedoch zur Durchsetzung der realistischen Denkweisen. Man musste erkennen, dass der Mensch nicht nur gut und friedliebend ist, sondern dass es durchaus auch totalitaristische Bestrebungen gibt (vgl. Menzel 2001: 72-76). Die Realisten wiesen die idealistischen Denkweisen als utopisch zurück und erklärten Macht und staatliches Interesse zu den regulierenden Kräften, die das nationale Handeln bestimmen. In dieser ideengeschichtlichen Auseinandersetzung nimmt Hans-Joachim Morgenthau mit seinem Hautwerk von 1948 „Politics among Nations“ (PaN) eine zentrale Stellung ein (vgl. Gu 2000: 21). In den folgenden Kapiteln soll der Realismus nach Morgenthau, insbesondere auf seine Aussagen über Macht und Interesse der Akteure genauer untersucht werden. Hierzu werde ich in erster Linie sein Hauptwerk PaN, aber auch Sekundärliteratur heranziehen.
3. Der Realismus nach Morgenthau
Der klassische Realismus beansprucht für sich universellen Geltungsanspruch. Das bedeutet, dass mit Hilfe der realistischen Theorie Aussagen über das Verhalten politischer Akteure gemacht werden können, ohne dass diese durch zeitliche, kulturelle oder technologische Aspekte begrenzt werden müssen (vgl. Rohde 2004: 55). Morgenthau verbindet seine politische Theorie mit praktischen Elementen und versucht
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so außenpolitische Handlungsempfehlungen zu geben, „um die USA aus der Sackgasse des amerikanischen Idealismus herauszuführen“ (Menzel 2001: 77). Sein erklärtes Ziel ist hierbei nicht „die Verwirklichung des absolut Guten“, wie er es den Idealisten nachsagt, sondern eine Annäherung der konfligierenden Interessen als optimale erreichbare Lösung (vgl. Morgenthau 1963: 337f). Auf welchen theoretischen Grundsätzen die realistische Sichtweise dabei fußt, stellt Morgenthau zu Beginn von PaN heraus. Da diese sechs Grundprinzipien auch in das Verständnis von Macht und Interesse einführen, werde ich sie im Folgenden kurz skizzieren und mit Zitaten Morgenthaus unterlegen.
1. In der Politik existieren objektive, soziale Gesetze, die sich aus der menschlichen Natur ableiten lassen. Somit ist es dem klassischen Realismus möglich, theoretische Aussagen auf die Allgemeinheit zu übertragen. Wenn man politisches Handeln auf diese Gesetzmäßigkeit abstimmt, sei dies laut Morgenthau der beste Weg zum Erfolg.
„In order to improve society it is first necessary to understand the laws by which society lives. The operation of these laws being impervious to our preferences, men will challenge them only at the risk of failure“ (Morgenthau1960: 4).
2. Interesse verstanden im Sinne von Macht ist das Grundprinzip des politischen Handelns. Es dient als Bindeglied zwischen Vernunft, die staatliches Handeln zu verstehen erlaubt und den zu bewältigenden politischen Erfordernissen (vgl. Morgenthau 1963: 339). Das Konzept des „im Sinne von Macht verstandenen Begriff des Interesses“ mache es dem objektiven Beobachter möglich, das Denken und Handeln der „Staatsmänner“ zu verstehen, da es zu einer rationalen Ordnung führe und unabhängig von den verschiedenen Motiven, moralischen Beweggründen oder intellektuellen Fähigkeiten der handelnden Politiker sei.
„The concept of interest defined in terms of power (…) makes the theoretical understanding of politics possible. On the side of the actor, it provides for rational discipline in action and creates that astounding continuity in foreign policy which makes American, British, or Russian foreign policy appear as an intelligible, rational continuum, by and large consistent within itself, (…)” (Morgenthau 1960: 5f)
Staatsmänner müssen stets zwischen den politischen Grundsätzen, die ihr Amt erfordert und ihren persönlichen Normen und Wertvorstellungen unterscheiden können, da letztere dem Ziel der Rationalität entgegenstehen müssen. Eine gute Außenpolitik im Sinne Morgenthaus folgt eben diesen rationalen Grundsätzen von Macht und Interesse.
„At the same time political realism considers a rational foreign policy to be good foreign policy; for only a rational foreign policy minimizes benefits and, hence, complies both with the moral precept of prudence and the political requirement of success.” (Morgenthau 1960: 8)
3. Der Begriff des „Interesses verstanden im Sinne von Macht“ ist kein feststehender Begriff. Welches besondere Interesse das jeweilige politische Handeln bestimmt, ist dabei von den politischen und
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kulturellen Zusammenhängen abhängig, die die Außenpolitik bestimmen. Die gleichen Grundsätze gelten hierbei auch für den Begriff der Macht: „Its content and the manner of its use are determined by the political and cultural environment“ (Morgenthau 1960: 9).
4. Morgenthau warnt in diesem Punkt vor den Grenzen der Anwendbarkeit eines universellen Moralbegriffs. Staatsmänner dürften ihre individuellen moralischen Vorstellungen nicht zur Grundlage ihrer politischen Entscheidungen machen (vgl. Rohde 2004: 63). Sie seien ihren Staatsbürgern zu rationalem politischen Handeln verpflichtet, da dies die Grundlage der nationalen Selbsterhaltung sei. „ There can be no political morality without prudence; that is without consideration of the political consequences of seemingly moral action. Realism, then, considers prudence - the weighing of the consequences of alternative political action
- to be the supreme virtue in politics.” (Morgenthau 1960: 10)
5. Ein zentrales Problem sieht Morgenthau darin, dass Staaten ihre jeweiligen eigenen Moralvorstellungen als universell gültig beanspruchen - dies sei im politischen Realismus strikt abzulehnen. Politische Mäßigung bedeute in diesem Zusammenhang in erster Linie die Mäßigung des moralischen Urteils. Dadurch, dass alle Nationen in gleicher Weise ihrem „Interesse verstanden als Macht“ nachgehen, wird es den Staaten möglich, die Handlungsweisen der anderen neutral zu beurteilen.
„We are able to judge other nations as we judge our own and, having judges them in this fashion, we are then capable of pursuing policies that respect the interests of other nations, while protecting and promoting those of our own.” (Morgenthau 1960: 11)
6. Morgenthaus politischer Realismus sieht neben den politischen auch andere wichtige gedankliche Maßstäbe - diese kann und soll politisches Handeln jedoch nicht berücksichtigen. Die Eigenständigkeit der Politik bedeutet nicht, die Bedeutung der anderen Denkweisen zu hinterfragen, sondern nur, „dass jede Methode auf ihren Bereich und ihre Funktion beschränkt bleiben soll.“ (Morgenthau 1963: 349)
Diese Punkte stellen die wichtigsten realistischen Grundannahmen dar und geben somit einen guten Überblick über die Ausgangsbedingungen, die für die detaillierte Bearbeitung der Fragestellung nach Macht und Interesse von Bedeutung sind. Bevor ich mich jedoch mit der genaueren Begriffsklärung befasse, ist es wichtig, zunächst detaillierter auf das zugrunde liegende Menschenbild einzugehen. Da Morgenthau, wie in seinem ersten der sechs Grundannahmen erwähnt, den klassischen Realismus anthropologisch begründet, ist nach seinem Verständnis die menschliche Natur der zentrale Aspekt, der das Machtstreben der Nationalstaaten bedingt.
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Arbeit zitieren:
Nina Nolte, 2008, Ein Theorievergleich zwischen klassischem Realismus und Neorealismus, München, GRIN Verlag GmbH
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