I N H A L T S V E R Z E I C H N I
INHALTSVERZEICHNIS
BEGRIFFSERKL ÄRUNG
VORWORT
EINLEITUNG. 1
1 IDENTITÄTSBILDUNG 3
1.1 Wer ist Jude? 4
1.2 Jüdische Sozialisation 6
1.2.1 Religiöse Grundlagen des Judentums. 6
1.2.1.1 Die Heiligen Bücher. 7
1.2.1.2 Gottesdienst und Gebet. 9
1.2.2 Jüdisches Leben und jüdischer Ritus im Alltag 10
1.2.3 Der jüdische Kalender 12
1.2.4 Feste und Feiertage. 12
1.2.4.1 Der Schabbat. 13
1.2.4.2 Die ernsten Feste 13
1.2.4.3 Die freudigen Feste 14
1.2.4.4 Die freudigen Gedenktage. 15
1.2.4.5 Die traurigen Gedenktage 16
1.3 Jüdische Identitätsbildung 17
1.3.1 Jüdische Identität in der Geschichte. 18
1.3.1.1 Das Mittelalter. 19
1.3.1.2 Das Zeitalter der Emanzipation bis zum Zweiten Weltkrieg 21
1.3.1.3 Die Zeit der Naziherrschaft 1939 - 1945. 26
1.3.1.4 Die Zeit nach 1945 29
1.3.2 Jüdische Identität heute. 31
1.3.2.1 Jüdisches Leben in Deutschland. 32
1.3.2.2 Jüdische Identität in Israel 33
1.4 Deutsche Identitätsbildung. 36
1.4.1 Jüdische Stereotype und Vorurteile 36
I N H A L T S V E R Z E I C H N I
1.4.2 Die Auswirkungen der Shoah auf die Identitätsbildung in der Bundesrepublik
Deutschland 39
1.4.3 Deutsche Identität heute. 43
2 DER DIALOG 45
2.1 Bedeutung und Ziele eines Dialogs 45
2.2 Die Geschichte des deutsch- jüdischen Dialogs 45
2.2.1 Was geschah nach der Shoah? 46
2.2.2 Erste Schritte einer Annäherung. 49
2.2.3 Erste Begegnungen 50
2.2.4 Diplomatische Beziehungen 52
2.3 Der Dialog heute 53
2.3.1 Politischer Dialog 53
2.3.2 Der Dialog in Wissenschaft und Wirtschaft. 54
2.3.3 Der interreligiöse Dialog 54
2.3.4 Der interkulturelle Dialog 56
2.3.5 Der persönliche Dialog 56
2.4 Besonderheiten des deutsch - jüdischen Dialogs. 58
2.4.1 Der Dialog innerhalb Deutschlands 58
2.4.2 Der Dialog mit Israel 59
2.4.3 Respekt, Beachtung, Rücksichtnahme. 60
3 HANDLUNGSFELDER DER SOZIALPÄDAGOGIK 61
3.1 Politische Bildung als Teil der Sozialpädagogik - Ziele und Zielgruppe 61
3.1.1 Inhalte der Politischen Bildung im deutsch-jüdischen Verhältnis. 61
3.2 Auswertung des Fragebogens 63
3.3 Deutsche und israelische Jugendliche - eine Bestandsaufnahme 66
3.4 Resultierende Aufgaben und Ziele für die Sozialpädagogik 67
3.4.1 Fortbildung für Pädagogen 68
3.4.2 Heranführung an die jüdische Kultur und Religion 69
3.4.3 Aufklärung. 70
3.4.4 Sprachlosigkeit überwinden. 70
3.4.5 Die Shoah auf die Gegenwart und die Zukunft beziehen 71
I N H A L T S V E R Z E I C H N I
3.4.6 Übernahme der historischen Verantwortung 71
3.4.7 Prävention und Intervention von Antisemitismus und Rechtsradikalismus. 72
3.4.8 Förderung eines Dialogs. 73
3.5 Methoden 74
3.5.1 Projekte historischen Lernens 74
3.5.2 Kennenlernen durch gemeinsames Feiern von Festen 75
3.5.3 Projekt „Chat Forum“ 76
3.5.4 Das Projekt „Interreligiöses Jugendcamp“ 77
3.5.5 Förderung des Jugendaustausches 78
3.5.6 Förderung der Freiwilligenarbeit 79
ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK 81/82
ANHANG. A1
LITERATURVERZEICHNIS L1
Danken möchte ich Herrn Gido Günther von der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt für die Hilfe bei der Auswahl des Themas sowie für die vielen wertvollen Anregungen und Hinweise bei der Erstellung dieser Arbeit.
Ich danke Herrn Dr. Udo Enbring-Romang für die Literaturhinweise sowie das Korrekturlesen meiner Arbeit und nicht zuletzt die Diskussionsbereitschaft seinerseits zu allen wichtigen inhaltlichen Fragen.
Außerdem danke ich Oberstudienrat Xaver Mayer von der Kaufmännischen Berufsschule IV und den Schülern für die bereitwillige Mitarbeit bei der Bearbeitung des Fragebogens.
Ganz besonders danke ich Uri Heimann und seiner jüdischen, in Israel lebenden Familie, die mich durch ihre Offenheit, Gastfreundschaft und Gesprächsbereitschaft tief beeindruckt und mich so für dieses Thema inspiriert haben.
Zum Schluss möchte ich an dieser Stelle noch meiner Familie und meinen Freunden dan- ken, die mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben.
Galuth: (hebräisch: Exil)
Jahwe: Name des Gottes des Volkes Israel
Rosch ha-Schana: Jüdisches Neujahrsfest
Siehe 1.2.4.2
1997 war ich auf einer viermonatigen Rucksackreise in Südamerika. Während einer 14stündigen Zugreise in Peru kam ich mit einem anderen Rucksackreisenden ins Gespräch, und bald stellte sich heraus, dass wir das gleiche Ziel, nämlich Cuzco, hatten. Wir plauderten über dieses und jenes. Plötzlich fragte mich mein Gesprächspartner beiläufig, aus welchem Land ich denn komme. „Deutschland“, sagte ich. „Und du?“ „Israel“, war seine Antwort. Israel, so ging es mir durch den Kopf, das ist doch das Land, in dem es ständig Probleme gibt. Da lebt doch noch ein Teil der Juden, die wir Deutschen nicht umgebracht haben. Ich hatte mich noch nie näher damit beschäftigt und empfand plötzlich eine gewisse Beklemmung. Wie sollte ich mich verhalten? Also sagte ich nichts. Uri, so hieß der junge Mann, nahm nach kurzem Schweigen das Gespräch wieder auf. „Im Prinzip“, so sagte er, „habe ich nichts gegen Deutsche, aber ich weiß, dass ich keinen Kontakt zu ihnen hatte und auch nicht haben möchte.“ Ich sagte ihm, dass ich das sehr gut verstehen könne. Später meinte er dann: „Irgendwie wäre es schon eigenartig, wenn wir aus diesem Grund jetzt unser gutes Gespräch beenden würden.“ Die Zugfahrt war noch lang, und behutsam setzten wir unsere Unterhaltung fort. Er erzählte mir, dass seine Großeltern Deutsche waren. Kurioserweise lebte der Großvater nur wenige Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Er verhalf anderen Juden aus Nazideutschland zu fliehen, bis er selbst die Situation als zu gefährlich empfand und mit seinem Bruder nach Palästina flüchtete. Seine Mutter jedoch wehrte sich, das Land zu verlassen. Sie sei schließlich Deutsche und sähe keinen Grund, in die palästinensische Wüste zu fliehen. Alles Reden seitens der Söhne half nichts. Sie blieb in Deutschland, und nur 14 Tage später kam sie in ein Konzentrationslager, das sie nicht überleben sollte. Weiter erzählte Uri, dass die ganze Verwandtschaft mütterlicherseits in Polen umgekommen sei.
Ich kannte solche Geschichten aus dem Schulunterricht. Doch hier saß auf einmal ein sympathischer junger Mann in meinem Alter vor mir, der, genau wie ich, eine Weltreise machte. Plötzlich hatte all das, was ich vor vielen Jahren in der Schule gelernt hatte, ein Gesicht bekommen. Wir reisten miteinander weiter, so wie es oft unter Globetrottern üblich ist. Als sich nach einigen Tagen unsere Wege wieder trennten, lud ich ihn zuvor noch ein, mich auf seiner Rückreise in Deutschland zu besuchen. Er lächelte nur und sagte: „Ich fand es toll, dass wir uns kennen gelernt haben. Jetzt habe ich eine andere Beziehung zu Deutschen bekommen. Aber Deutschland besuchen, das kommt für mich nicht in Frage. Du musst das verste- hen!“ Ich verstand. - Zum Abschied umarmte er mich freundschaftlich.
Meine Überraschung war sehr groß, als ich nach ca. 2 Monaten in einer E-Mail lesen konnte, dass Uri auf dem Weg in sein Heimatland Israel mich für ein paar Tage in Deutschland besuchen wolle. Mir gingen seine Worte von damals durch den Kopf. Er kam trotzdem. Wir hatten uns viel über unsere Weltreise zu erzählen. Sein Wunsch war es jedoch, ein Konzentrationslager aufzusuchen. Also fuhren wir gemeinsam nach Dachau. Dieser Moment wurde für mich einer der bewegendsten Augenblicke meines Lebens. Ich, eine Deutsche, schaute mir mit einem Freund, der Jude ist, Seite an Seite einen Ort der unfassbaren Verbrechen an.
Als Uri seine Heimreise antrat, war uns beiden klar, dass uns nun eine ganz besondere Freundschaft verband. Wir hatten uns beide gemeinsam der Vergangenheit gestellt und damit die Gegenwart und die Zukunft verändert. In den nächsten Jahren beschäftigte ich mich intensiv mit dem Judentum und seiner Geschichte. Mit Uri blieb ich in Schriftkontakt, und vier Jahre später lud er mich zu seiner Hochzeit nach Israel ein. Ich müsse unbedingt kommen! Und so kam ich, inmitten der zweiten Intifada, zum ersten mal in dieses Land. Dort lernte ich seine Familie kennen und wurde herzlich aufgenommen. Die Großeltern luden uns ein, mit ihnen den Schabbatbeginn zu feiern. Gleich bei der Begrüßung sagten sie allerdings, dass sie kein deutsch mit mir sprechen möchten. Ich drückte mein Verständnis dafür aus. Da saß ich nun in Israel an dem reich gedeckten Tisch eines Menschen, der, allerdings zwei Generationen vor mir, in der gleichen Gegend wie ich aufgewachsen war und dessen Mutter durch die Schuld meines Volkes ihr Leben verloren hatte. - Nach dem Essen kamen wir miteinander ins Gespräch. Der Großvater stellte mir verschiedene Fragen, wie z.B., ob und was wir in der Schule über den Holocaust gelernt hätten. Unsere Unterhaltung war sehr behutsam, denn auch ich hatte viele Fragen und echtes Interesse an ihrer Geschichte. Bereitwillig, ja sogar gern, erzählten sie mir aus ihrem Leben. Gegen ein Uhr morgens waren wir noch immer im Gespräch vertieft, als sie plötzlich von der englischen zur deutschen Sprache wechselten. Schließlich sei ich doch eine andere Generation, sagten sie. - Das hatte ich nicht erwartet!
Auf der Hochzeit sah ich Uris Großeltern wieder. Als ich sie begrüßte, fragte ich sie: „Wie geht es Ihnen?“ Die Antwort war eine Umarmung und die Aufforderung an mich, sie doch bitte mit „DU“ anzusprechen, denn ich sei doch irgendwie ein Teil der Familie geworden. Ich war zu Tränen gerührt. Welche Veränderung hatte stattgefunden. Vergangenheitsbewältigung, Versöhnung, Freundschaft bis hin, ein „Teil“ der Familie zu werden. Was im Kleinenin einem holprigen Zug auf einem anderen Erdteil - begonnen hatte, wurde ganz groß.
Inzwischen waren Uri und seine Frau mehrere Male in Deutschland; ebenso sein Bruder Asaf und seine Schwester Mirav. Sie hatte inzwischen etwas deutsch gelernt, und ich be-
gann, mich mit der hebräischen Sprache zu beschäftigen. Bei meinem letzten Besuch in Israel saßen wir nun in „Großvaters“ Garten. Um unsere Sprachkenntnisse zu intensivieren, sprach mich Mirav auf deutsch an, während ich versuchte, auf hebräisch zu antworten. „Großvater“ saß lächelnd neben uns und berichtigte unsere jeweilige Sprache. Wir drei lachten viel.
Diese Geschichte veränderte mein Leben. Angesichts der Holocaustverdrossenheit in Deutschland, dem wieder aufkommenden Antisemitismus und der noch immer nicht verarbeiteten Geschichte möchte ich dieses Erlebnis zum Anlass meiner Diplomarbeit nehmen. Ich möchte versuchen, an Hand des Erlebten, Wege im deutsch-jüdischen Dialog und in der Sozialen Arbeit aufzuzeigen.
EINLEITUNG
Der Begriff des deutsch-jüdischen Dialogs ist, genau genommen, falsch; denn spricht man von deutsch, so bezieht man sich damit auf eine Nation bzw. eine Nationalität, während das Wort jüdisch eine Aussage zur Religionszugehörigkeit ist. Im Grunde wird durch diesen Begriff eine Trennung zwischen deutsch und jüdisch vorgenommen. Richtigerweise müsste man von einem deutsch-israelischen Dialog oder aber von einem christlich-jüdischen Dialog sprechen. Da sich die vorliegende Diplomarbeit nicht nur auf das deutsch-israelische Verhältnis beschränkt, sondern auch die Beziehungen der Deutschen zu den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens mit einschließt, müsste der richtige Titel meiner Diplomarbeit lauten: „Der Dialog zwischen Deutschen nicht jüdischen Glaubens und Deutschen jüdischen Glaubens sowie Israelis jüdischen Glaubens - unter Berücksichtigung jüdischer Identitätsbildung -Handlungsfeld für die Soziale Arbeit“. Um die Ausführungen zu vereinfachen, habe ich mich dennoch für den Arbeitstitel des deutsch-jüdischen Dialogs entschieden. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass die hebräischen Begriffe keine einheitliche deutsche Schreibweise haben und in der Literatur diverse Abweichungen auftreten können.
Das Ziel dieser Diplomarbeit ist, das besondere Verhältnis zwischen Deutschen, Juden und Israelis darzulegen und resultierende Aufgaben und Handlungsmöglichkeiten der Politischen Bildung als Teil der Sozialpädagogik aufzuzeigen. Der Dialog spielt dabei eine entscheidende Schlüsselrolle. Um diese besonderen Beziehungen sowie die Bedeutung des deutschjüdischen Dialogs darzustellen, habe ich mich für ein Herleiten aus der geschichtlichen Perspektive entschieden. Für eine Umsetzung des Dialogs bietet die soziale Arbeit vielfältige Möglichkeiten, bei der, exemplarisch im dritten Teil, einige aufgeführt werden.
Der erste Teil meiner Diplomarbeit beschäftigt sich zunächst mit der Frage: Wer ist Jude und was ist Judentum? Da nicht unbedingt davon ausgegangen werden kann, dass diese Kenntnisse vorliegen, erscheint es mir in wichtig, einen Einblick in die jüdische Sozialisation und das jüdische Leben zu geben, damit der Partner des Dialogs ein „Gesicht“ bekommt und der Begriff Jude mit Leben gefüllt wird. In diesem Zusammenhang wird ein geschichtlicher Abriss der jüdischen Identitätsbildung dargestellt, um Hintergründe und Zusammenhänge aufzuzeigen, die im deutsch-jüdischem Verhältnis auch heute noch eine Rolle spielen. Da die jüdische Geschichte in Deutschland Auswirkungen auf die deutsche Identitätsbildung hat, wird diese hier ebenso, allerdings nur in Ansätzen, beschrieben.
1
Der zweite Teil beschäftigt sich mit Bedeutung, Inhalten, Zielen und Formen des deutschjüdischen Dialogs. An dieser Stelle ist ein historischer Rückblick unumgänglich. Um den Rahmen der Diplomarbeit nicht zu sprengen, werde ich dabei nicht auf die bilateralen Beziehungen der DDR und Israel eingehen, die in keiner Weise denen der BRD glichen. Alle beschriebenen historischen Ereignisse beziehen sich daher ausschließlich auf die Bundesrepublik Deutschland. In den verschiedenen Formen des Dialogs spielt neben dem politischen auch der christlich-jüdische eine herausragende Rolle, da von Teilnehmern dieses Dialogs nicht nur klare Schuldbekenntnisse kamen, sondern auch der Aufruf zur Sühne und die Bitte an das jüdische Volk um Vergebung. Aufgrund des vorgegebenen Umfangs der Diplomarbeit ist es mir leider nicht möglich, genauer auf den christlich-jüdischen Dialog einzugehen oder den theologischen Aspekt zu beleuchten.
Im dritten Teil werden Handlungsfelder der Sozialen Arbeit aufgezeigt. Dabei bilden in erster Linie die Jugendlichen die Zielgruppe. In diesem Zusammenhang führte ich eine Umfrage in Form eines Fragebogens durch. Eine detaillierte Auswertung befindet sich im Anhang. Die Originale werden den betreuenden Professoren separat zur Einsicht zugänglich gemacht. Als Teil der Sozialen Arbeit fällt der Politischen Bildung im deutsch-jüdischen Verhältnis die wichtige Aufgabe zu, gegen das Vergessen anzugehen und die Bedeutung einer historischen Verantwortung zu vermitteln. Die nunmehr vierte Generation trägt nicht die Schuld an der Shoah, aber sie hat die Pflicht des Erinnerns. Die Tatsache jedoch, dass Jugendliche so gut wie nichts über das Judentum wissen und auch keine Juden persönlich kennen, bietet eine Grundlage, auf der sich jüdische Vorurteile, die durch jahrhunderte lange antisemitische Propaganda nie ganz aus den Köpfen der Menschen verschwunden sind, wieder verfestigen und die bereits bestehenden Tendenzen des neuzeitlichen Antisemitismus verstärken. An dieser Stelle werden neben einigen Leitlinien für die Soziale Arbeit auch Anregungen zur Umsetzung gegeben.
Der historische Aspekt bildet den größten Teil dieser Arbeit. Doch möchte man die Bedeutung des deutsch-jüdischen Dialogs verstehen, um Handlungsfelder für die soziale Arbeit abzuleiten, ist es unerlässlich, die lange jüdische Geschichte in Deutschland zu kennen sowie die jüdische Identitätsbildung zu verstehen. Denn wenn von einer Übernahme der historischen Verantwortung gesprochen wird, muss die Historie bekannt sein. Diese beinhaltet nicht nur die Verbrechen des Nationalsozialismus oder die des Mittelalters, sondern ebenso die starke Verwurzelung der Juden im Deutschtum. Auch dass die Gründung des Staates Israels im engsten Sinne mit Deutschland verbunden ist, scheint meines Erachtens aus dem Bewusstsein der meisten Deutschen verloren zu gehen.
2
1 Identitätsbildung
Der Begriff Identität bedeutet Gleichwerden, Gleichsein und beinhaltet das Bedürfnis, als eigenständiges und besonderes Individuum verschiedenartige Erfahrungen in die eigene Person zu integrieren und sich als Subjekt der eigenen Lebenspraxis zu verstehen, um somit bewusst und eigenverantwortlich handeln zu können. 1 Die individuelle Identität leitet sich wiederum aus einer kollektiven Identität her, die den Meinungskomplex einer Gruppe darstellt. Diese gründet sich auf eine gemeinsame Vergangenheit oder Zukunft einer bestimmten Gruppe, an der Außenstehende nicht teilhaben. Die Identität als psychologisches Konzept geht davon aus, dass sich ein Mensch mit einer Sache oder Gruppe identifiziert, also ein äußeres Merkmal einer bestehenden Gruppenidentität als sein eigenes Wesensmerkmal annimmt. Durch das Verhältnis, indem das Individuum zu dieser Gruppe steht, spiegelt sich deren Meinung in ihm wider. Dieser Prozess ist in gewisser Hinsicht zur Heranbildung der eigenen Persönlichkeit notwendig. 2
Die kulturelle Identität ist das Selbstverständnis eines Individuums oder einer sozialen Einheit, einem bestimmten und unverwechselbaren kulturellen Milieu anzugehören, das sich in gesellschafts-historisch erworbenen Eigenschaften wie Sprache, Werte, Sitten, Bräuche, Religion und Tradition von anderen Gruppen unterscheidet. Innerhalb eines Sozialisationsprozesses wird der Mensch durch die sozialen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse der jeweiligen Gesellschaftsform geprägt und geformt. Durch die Erziehung des Individuums und seinen eigenen Erfahrungen, die es innerhalb der Gruppe macht, entwickeln sich spezifische Einstellungen und Verhaltensweisen, die schließlich zu einem Reproduktionsprozess seiner Gesellschaft beitragen. Die Übereinstimmung in den wesentlichen, bestimmten Eigenschaften wird im psychologischen Sinne als kulturelle Identität bezeichnet. 3
Die Identitätsbildung ist somit ein geschichtlicher und lebenslanger, wechselvoller Prozess, der zwar durch Fremdbestimmung und Zuschreibung geprägt, aber dennoch ein notwendiger Vorgang ist, um in Abhängigkeit von der eigenen Überzeugung die zu gestaltende Lebenspraxis zu verwirklichen. Befindet sich das Individuum oder eine Gruppe in unauflösbaren Widersprüchen, bei denen sie nicht mehr in der Lage sind, zu einem Verständnis der eigenen Bedürfnisse und Interessen zu gelangen, so ist der Prozess der Identitätsbildung gestört oder misslungen.
1 vgl. FHD S. 69
2 vgl. Brill S. 259
3 vgl. Wallas S. 227
3
1.1 Wer ist Jude?
Wer oder was sind eigentlich die Juden? Wird man als Jude geboren? Kann man Jude werden oder aufhören, Jude zu sein? Die Frage nach der jüdischen Identität ist selbst für Juden nicht einfach zu beantworten. „Je nach Umständen wurden sie als Religionsgemeinschaft, Gesellschaft, Nation, Klasse, Rasse oder einer Kombination mehrerer dieser Kategorien definiert. (…) Dies ist gerade für Nichtjuden ein heikles Problem, das viel Sensibilität erfordert, zumal es immer wieder zu peinlichen Missverständnissen führen kann.“ 4
An dieser Stelle soll zunächst einmal der Unterschied zwischen Juden, Israelis, Israeliten und Hebräern dargestellt werden. Israelis sind, unabhängig von ihrer Religion, Rasse oder Herkunft, Bürger des Staates Israels. Sie können somit Juden sein, aber auch Moslems, Christen oder Angehörige anderer Religionsgemeinschaften. Juden hingegen sind Mitglieder der jüdischen Religion. Dies ist wiederum unabhängig von ihrem Wohnort oder ihrer Staatsbürgerschaft. Im biblischen Verständnis ist ein Jude Angehöriger des „Volkes Israels“. Der Begriff Hebräer hingegen ist ein historischer Begriff und bezieht sich in der christlichen Bibelwissenschaft auf die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs vor der ersten Gründung des Staates Israels unter König Saul. Anschließend spricht man von Israeliten. Nachdem sich Israel im 9. Jahrhundert v.d.Z. in das Nordreich (Israel) und das Südreich (Juda) teilte, nannten christliche Theologen die im babylonischen Exil lebenden Judäer „Juden“. 5
Nach jüdischem Verständnis ist Jude:
1. Wer eine jüdische Mutter hat
2. Wer beschnitten ist: „Und Gott sprach zu Abraham: Und du, du sollst meinen Bund halten, du und deine Nachkommen nach dir, durch ihre Generationen! Dies ist mein Bund, den ihr halten sollt (…) alles, was männlich ist, soll bei euch beschnitten werden; und zwar sollt ihr am Fleisch eurer Vorhaut beschnitten werden! Das wird das Zeichen des Bundes sein zwischen mir und euch (…). Beschnitten werden muss der in deinem Haus Geborene und der für dein Geld Gekaufte (Sklave)! Und mein Bund an eurem Fleisch soll ein ewiger Bund sein. Ein unbeschnittener Männlicher aber, der am Fleisch seiner Vorhaut nicht beschnitten ist, diese Seele soll ausgerottet werden aus ihrem Volk; meinen Bund hat er ungültig gemacht.“ (1. Mose 17; 9-14) 3. Wer an den Gott Israels glaubt: „Höre Israel: Der HERR ist unser Gott, der HERR allein! Und du sollst den HERRN, deinen Gott lieben mit deinem ganzem Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Und diese Worte, die ich dir
4 Ortag S. 12
5 vgl. Levinson/ Büchner S. 109
4
heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen (…) und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore schreiben (…) so hüte dich, dass du den HERRN ja nicht vergisst (…). Den HERRN, deinen Gott sollst du fürchten und ihm dienen, und bei seinem Namen sollst du schwören.“ (5. Mose 6; 4-15) 6
Nach diesem Verständnis ist das Judentum eine Verknüpfung von genetischer Vererbung und Religion. An dieser Stelle zwingt sich die Frage auf, was passiert, wenn einer dieser drei Punkte nicht zutrifft.
Der Talmud regelt die Frage nach Mischehen. Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat, da diese, im Gegensatz zum Vater, bei der Geburt eines Kindes zweifelsfrei identifizierbar ist. Ist nur der Vater jüdisch, ist das Kind, obwohl es wie im oben genanntem Fall ebenfalls zu 50% jüdisch ist, nicht jüdisch. Dieses Schema setzt sich durch die Generationen hindurch fort. Wird ein Kind von einer jüdischen, jedoch nicht religiösen (säkularen) Mutter geboren, bleibt es hingegen jüdisch. Erst bei einem Übertritt zu einer anderen Religion kann und muss man, nach dem jüdischen Gesetz, aufhören, Jude zu sein.
Im Gegensatz zum Christentum oder dem Islam ist das Judentum keine missionarische Religion. Dennoch war, sowohl damals wie auch heute, ein Übertritt nicht unmöglich. In einem längeren Verfahren, das ein Studium der jüdischen Religion einschließt und ein Bekenntnis zum mosaischen Glauben voraussetzt, ist eine Aufnahme in die jüdische Gemeinschaft möglich. Durch die Beschneidung der Männer und eine „Reinigung“ der Frauen in der Mique 7 wird die Aufnahme besiegelt. Da der Bekehrte selbst jedoch keine jüdische Mutter hat, gehört er zwar zur jüdischen Gemeinschaft, bleibt aber ein Proselyt (griech. Hinzugekommener). Zu allen Zeiten und in fast allen Kulturkreisen traten Einzelne bis hin zu ganzen Stämmen zum Judentum über. „Schon deshalb ist es absurd und unwissenschaftlich, von einer ‚jüdischen Rasse’ oder ‚jüdischem Blut’ sprechen zu wollen.“ 8
6 vgl. Paffenholz S. 128
7 Mikwe (heb. Sammlung des Wassers) ist ein Tauchbad. Sie wird zur rituellen Reinigung genutzt (Männer und Frauen separat)
Sie ist besonders für Frauen vor der Hochzeit sowie nach der Menstruation oder Geburt vorgeschrieben. Sie dient ebenfalls
zum Eintauchen neuer Gefäße vor dem Gebrauch
8 Ortag S. 12
5
1.2 Jüdische Sozialisation
1.2.1 Religiöse Grundlagen des Judentums
Im Laufe der Zeit haben sich viele unterschiedliche Richtungen des Judentums herauskristallisiert. Selbst innerhalb der Hauptströmungen des orthodoxen, konservativen, chassidischen oder des reformierten Judentums gibt es eine Vielzahl verschiedener und kontroverser Auffassungen, und in Glaubensfragen gibt es allenfalls einen Consensus plurium. Dennoch ist die jüdische Religion ihren Grundlagen fast unverändert treu geblieben. Oberstes Prinzip ist der Glaube an einen Gott, dem Schöpfer aller Dinge, der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und die Hoffnung auf den kommenden Messias. Getreu diesem Grundsatz lautet das jüdische Glaubensbekenntnis:
„Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!“
(„Sch’ma Israel, adonai elohenu adonai echad“)
Alle Juden sind gleichermaßen verpflichtet, die drei Bundeszeichen einzuhalten: die Beschneidung, das Tragen des Tefillin 9 und das Einhalten des Schabbat. 10
Nach jüdischem Selbstverständnis hat Gott mit dem Patriarchen Abraham einen Bund geschlossen, ihn und seine Nachkommen zu Gottes auserwähltem Volk erklärt und ihnen das Land Kanaan verheißen. (vgl. 1. Mose 17; 7-13) Dieser Bund wurde bei der Gesetzesübergabe am Sinai (Zehn Gebote) an Moses nochmals bekräftigt. (vgl. 2. Mose 19; 5-6) Diese, oft missgedeutete These vom „auserwählten Volk“ ist primär theologisch zu verstehen. Sie ist keine Bevorzugung gegenüber anderen Menschen, sondern eine Verpflichtung zu strengem gottgewolltem Handeln, was aus weltlicher Perspektive eher eine Erschwernis als ein Privileg darstellt. Das verheißene (versprochene) Land war für die jüdische Gemeinschaft, auch in Zeiten des Exils (Galut), immer von zentraler Bedeutung. Im Psalm 137; 5-6 steht geschrieben: „Wenn ich dich vergesse, Jerusalem, so werde (ich) vergessen meine Rechte! Es klebe die Zunge an meinem Gaumen, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht zu meiner höchsten Freude erhebe.“ So heißt es dann auch im Abschlussgebet des Pessach-Festes: „Dieses Jahr hier, nächstes Jahr in Jerusalem; dieses Jahr Sklaven, nächstes Jahr freie Menschen.“ (Ha-Schana ha-baa be Jeruschalajim.)
9 Tefillin (heb. Gebetsriemen) Diese werden am Kopf und am linken Arm befestigt und haben zwei kleine eckige Kapseln, in
denen auf Pergament beschriebene Bibelstellen aufbewahrt werden. Erwachsene männliche Juden tragen die Tefillin bei Mor-
gengebeten an Werktagen (nicht am Shabbat oder Festtagen). Dieser Brauch geht zurück auf die rabbinische Auslegung von 2.
Mose 13; 9+16 und 5. Mose 6; 4-9. Hier gebietet Jahwe dem Volk Israel, seine Worte als „ein Zeichen an der Hand und ein
Erinnerungsmahl an der Stirn zu tragen“. Dies Anweisung wurde von den Rabbinern als wörtlich interpretiert. (vgl. Encarta/
Enzyclopädie, Stand: 20.08.2005)
10 vgl. Ortag S. 19-22
6
Die Grundlagen des jüdischen Seins sind in den fünf Büchern Moses festgelegt, dessen Mittelpunkt und oberste Richtlinie die Zehn Gebote darstellen. Der Jude pflegt eine direkte dialogische Beziehung mit Gott und lehnt eine, wie im Christentum gültige, Mittlerrolle ab. Das Judentum kennt keine Erbsünde und jeder Mensch muss sich für seine Taten selbst verant-worten. Da es aber nicht möglich ist, alle Gebote bis ins Detail einzuhalten, ist der Mensch auf die Gnade Gottes angewiesen, die ihm auch gewährt wird, wenn er Reue zeigt und bereit zu einer „Umkehr zum Guten“ (Tschuva) ist. An die Stelle des ehemaligen Opferdienstes ist die Pflicht der Gläubigen getreten, gute Werke zu tun (Zedaka). Eine weitere Grundlage des religiösen Judentums ist die Nächstenliebe und sogar die Liebe der Feinde. (vgl. 3. Mose 18; 18, Sprüche 20; 22 und 25; 21) Das Ziel der jüdischen Religion ist es, Gott so „nah“ wie möglich zu kommen. „So sollt ihr euch heiligen und sollt heilig sein, denn ich bin der HERR, euer Gott, und sollt meine Ordnungen einhalten und sie tun. Ich bin der HERR, der euch heiligt.“ (3. Mose 20; 7) 11
1.2.1.1 Die Heiligen Bücher
Es gibt eine Vielzahl von heiligen Schriften im Judentum. An dieser Stelle sollen kurz die wichtigsten Bücher vorgestellt werden. In den verschiedenen theologischen Richtungen und Facetten haben die Schriften unterschiedliche Gewichtung und Bedeutung. Die Tora ist die einzige heilige Schrift, die in allen Strömungen des Judentums uneingeschränkt verbindlich ist.
Der Tenach
Die hebräische Bibel (Tenach) besteht aus drei Teilen und umfasst insgesamt 24 Bücher. Im christlichen Sprachgebrauch wird sie als das Alte Testament bezeichnet. Es stellt die Offenbarung Gottes und die Lehre des mosaischen Gesetzes dar. Die Bezeichnung Tenach ist eine Abkürzung. Die Konsonanten sind gleichbedeutend mit den Anfangsbuchstaben von Tora (fünf Bücher Moses), Nebiim (prophetische Bücher) und Ketubim (übrige Schriften).
Der erste Teil des Tenach bildet die Tora (griech. Pentateuch) und bedeutet soviel wie Weisung und Lehre. Die Tora ist der Grundstein jüdischen Glaubens und ist neben dem Talmud die wichtigste heilige Schrift des Judentums. Sie umfasst die fünf Bücher Moses und ist eine Offenbarungsurkunde des jüdischen Volkes, die die Geschichte von der Erschaffung der Welt bis hin zum Tod des jüdischen Religionsstifters Moses enthält. Sie wurde zwischen den Jahren 950 und 800 v.d.Z. schriftlich fixiert.
11 vgl. Ortag S. 22-24
7
Die Nebiim sind die prophetischen Geschichtsschreibungen von Josua bis zum zweiten Buch der Könige sowie die 15 Bücher der Propheten. Sie gliedern sich in die Bücher der ersten Propheten 12 (Nebiim Rischonim) und die Bücher der letzten Propheten 13 (Nebiim Acharonim). Die Nebiim entstanden in der Zeit von 750 - 500 v.d.Z. und sind, wie die „übrigen Schriften“ auch, weniger bedeutend als die Tora. Sie beinhalten Gottesworte, Weisungen, Prophezeiungen und Warnungen.
Die Ketubim ist der dritte Teil der hebräischen Bibel und beinhaltet die übrigen Schriften (Hagiographien 14 ). Diese stammen aus und nach der Zeit des Babylonischen Exils. Der Kanonisierungsprozess des Tenach wurde um das Jahr 75 v.d.Z. abgeschlossen. 15
Mischna, Gemara, Talmud
Die mündliche Lehre (die rabbinische Auslegung der biblischen Schriften, die Lebensregeln nach der Tora sowie fromme Erzählungen) fasste Rabbi Jehuda haNassi um das Jahr 200 zu einem Schriftwerk zusammen, das Mischna 16 (Wiederholung, Lehre) genannt wurde. Dieser Begriff bezieht sich auf die damals vorrangige Art des Lernens, dem erinnernden Wiederholen. Die Auslegung der Schriften und die Aktualisierung der Traditionen gingen auch nach der Beendigung der Mischna weiter. 200 Jahre später wurden diese der Mischna als Gemara (Vollendung) hinzugefügt. Zusammen bilden die beiden Bücher den Talmud 17 . Im Jahr 400 n.d.Z. wurde im Land Israel der Jerusalemer bzw. der Palästinensische Talmud 18 fertig gestellt. Etwa 100 Jahre später beendeten die im Exil lebenden angesehenen Rabbiner vorläufig den Babylonische Talmud 19 . Im europäischen Mittelalter kamen dann weitere Ergänzungen hinzu, und bis zum heutigen Tag wird der Talmud fortgeschrieben. 20
Jüdisches Denken vollzieht sich im Dialog, und religiöse Fragen werden vor dem Hintergrund praktischen Lebens von den Gelehrten diskutiert und festgehalten. Der Talmud besteht somit aus Ergänzungen und Erläuterungen der biblischen Gesetze, Geschichten und Disputationen. Er zeichnet die Diskussionen und Streitgespräche der Rabbiner über viele Jahrhunderte hinweg auf und zitiert zu den jeweiligen biblischen Stellen die verschiedenen, durchaus auch widersprüchlichen Meinungen der Rabbiner. Die verbindliche und endgültige Entscheidung der Auslegung wurde dann durch den Mehrheitsbeschluss festgelegt.
12 Josua, Richter (Schoftim), Samuel, Könige, Jesaja, Jeremia, Ezechiel
13 Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nachum, Habakuk, Zephanja, Hagai, Secharja (Zacharias), Maleachi (Malachias)
14 Psalmen, Sprüche, Hiob, Hohes Lied, Ruth, Klagelieder, Koheleth (Prediger), Ester, Daniel, Esra, Nehemia und die Bücher
der Chronik
15 vgl. Ortag S. 36-38
16 Die Mischna umfasst sechs Bände zu den Themen Sera’im (Ackerbau), Mo’ed (Feste), Naschim (Ehefragen), Nesikin (Straf-
recht), Kodaschim (Heilige Dinge), Toharot (taugliche Dinge).
17 Talmud (heb.) - Studium, Belehrung, Lehre
18 Der Jerusalemer Talmud wurde nicht in das offizielle Verzeichnis der jüdischen Heiligen Schriften aufgenommen und spielt
daher für die religiöse Praxis eine untergeordnete Rolle.
19 Der Babylonischen Talmud ist der gebräuchliche Talmud und ist in seiner religiösen Bedeutung der Thora gleichgesetzt.
20 vgl. Levinson/ Büchner S. 41
8
Der Talmud ist ein wertvoller Fundus an religiösem und allgemein menschlichem Wissen. Er ist das kollektive Gedächtnis des jüdischen Volkes. Kein anderes Volk kennt ein solches umfassendes Gemeinschaftswerk, das die religiöse, moralische und ethnische Lebensordnung regelt. 21 „Es ist ein Buch der Rechtswissenschaft, der Medizin und Geometrie, Geographie und Astronomie, es behandelt die Probleme des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft und das Verhalten Fremden gegenüber. Er erörtert Fragen nach dem Sinn des Lebens und legt das Gesetz aus, leistet Hilfe in alltäglichen wie religiösen Konflikten, kurz: Im Talmud findet sich wirklich alles.“ 22 Der Umfang der deutschen Ausgabe von Lazarus Goldschmidt umfasst 12 Bände mit insgesamt 10 324 Seiten. 23
Inhaltlich unterscheidet sich der Talmud in gesetzliche Abschnitte (Halacha 24 ) und Erzählungen (Agada). Da er nicht systematisch aufgebaut ist, sind die Diskussionen für Laien nur schwer verständlich. Damit war der Talmud von nichtjüdischer Seite immer wieder Angriffspunkt zur heftigen Kritik. Schon im Mittelalter wurde er von christlichen Herrschern immer wieder verboten, während des Dritten Reiches war er Teil der nationalsozialistischen Hetze und bis heute ist die Kontroverse gegen talmudische Gelehrsamkeit nicht verstummt.
1.2.1.2 Gottesdienst und Gebet
Gläubige Juden verstehen ihr gesamtes Leben als einen Dienst an Gott. Der Spruch „Ich habe den Herrn stets vor Augen“ (Psalm 16; 8a) kennzeichnet die traditionelle jüdische Frömmigkeit und ist auf der Vorderwand vieler Synagogen zu lesen. Der Begriff Synagoge (heb. Bet Knesset) bedeutet Haus der Versammlung. Diese „Häuser“ entstanden als Orte des Gebets und des jüdischen Gottesdienstes nach der Zerstörung des zweiten Tempels. Traditionell finden Gottesdienste dreimal täglich statt: zum Morgengebet (Schacharit), zum Gebet am Mittag (Mincha) und am Abend (Maarib). Vor der Zerstörung des Tempels brachte man zu diesen Zeiten die Opfergaben dar. Das Gebet setzt somit in gewisser Weise den Tempeldienst fort. Neben dem rituellen, also dem verordneten Gebet, gibt es auch das persönliche Gebet, das als „Dienst des Herzens“ bezeichnet wird. Der Gottesdienst umfasst als einzig festes Element eine Reihe von Segnungen, im Stehen verrichtete hymnische Gebete. Um einen Gottesdienst feiern zu können, müssen mindestens 10 Männer (Minjan) anwesend sein (bei nichtorthodoxen Gemeinden werden heute auch Frauen mitgezählt). Der wöchentliche Höhepunkt ist der Schabbat-Gottesdienst, in dessen Mittelpunkt die Lesung aus der Tora steht. Die Tora besteht aus handgeschriebenen Pergamentrollen und ist auf zwei Stäben
21 vgl. Paffenholz S. 27-33
22 Pfaffenholz S. 29
23 vgl. Ortag S. 40
24 Halacha (heb. halach - gehen) = Gesetze: Sie geben Weisung für den Weg, den der Mensch gehen soll. Sie enthält 365
Verbote und 247 Bestimmungen
9
aufgewickelt (Ez Chajim 25 ). Als Zeichen der großen Verehrung für das Wort Gottes ist sie reichlich geschmückt, u. a. mit Krone, Schild, Glöckchen, Wimpeln und einer Hülle. Sie wird in einem für sie vorgesehenen Tora-Schrein (Aron ha-kodesch) aufbewahrt, von wo sie zur feierlichen Lesung herausgehoben, durch die versammelte Gemeinde getragen und am Lesepult abgelegt wird. Dort wird sie dann von einem Vorleser (Koreh) oder einem beliebigen Gemeindemitglied verlesen. Da die heiligen Schriften nicht berührt werden dürfen, werden sie mit Hilfe eines Lesestabes (jad) gelesen. Die Tora ist in 54 Wochenabschnitte gegliedert. Somit dauert die gesamte Lesung der Heiligen Schrift innerhalb des Gottesdienstes ein Jahr. Ist man am Ende der Tora angekommen, wird dies mit einem zweiwöchigem Fest (Simchat Tora) gefeiert, danach beginnt die Lesung der Tora von vorn. 26
1.2.2 Jüdisches Leben und jüdischer Ritus im Alltag
Das praktische Judentum beginnt am achten Tag nach der Geburt. An diesem Tag findet die Beschneidung 27 (heb. Brith Milah - Bund der Beschneidung) eines jeden Knaben, der von einer jüdischen Mutter geboren wurde, statt. Mit dieser Zeremonie ist der Knabe ein Ben Brith („Sohn des Bundes“) und ist damit in den Bund aufgenommen, den JAHWE mit dem Volk Israel gemacht hat. Im Alter von 13 Jahren wird der Knabe religionsmündig und wird zu einem Bar Mizwa („Sohn der Pflicht“). Nach dem Gesetz ist der Vater ab nun nicht mehr für die Taten seines Sohnes verantwortlich. Zur Bar-Mizwa-Feier wird der Junge in der Synagoge erstmalig zur Lesung der Tora aufgefordert. Mit dem Tag seiner Religionsmündigkeit zählt der Knabe zur Minjan. Inzwischen ist es auch üblich, die Mädchen offiziell in den Kreis der Erwachsenen aufzunehmen. Sie feiern im Alter von 12 Jahren die Bat Mizwa und werden zur „Tochter der Pflicht“. 28 Sowohl die Beschneidung als auch die Bar / Bat Mizwa sind besondere Einschnitte im Leben eines Juden, die auch unter säkularen Juden als große und bedeutende Feste gefeiert werden.
Ein weiterer Höhepunkt im Leben eines Juden stellt die Heirat dar. Dem Verhältnis zwischen Mann und Frau wird im Judentum eine besonders wichtige, fast mystische, Bedeutung beigemessen. Gemäß dem Schöpfungsbericht wurde die Frau aus einer Rippe des Mannes (Adam) erschaffen. (vgl. 1. Mose 2; 23) Der Mann sucht nach der Frau, die so gesehen ein Teil von ihm ist, um diesen Verlust auszugleichen. (vgl. Kidduschin 2b) Die Ehe ist dadurch ein Heiligtum. Eine jüdische Trauung wird ausschließlich durch einen Rabbiner vollzogen und findet unter einem Baldachin (Chuppa) statt. Am Anfang erhält die verschleierte Braut
25 Ez Cajim (heb.) = Baum des Lebens
26 vgl. Ortag S. 36-43
27 die Beschneidung geht auf 3. Mose 13, 3 zurück und ist eine chirurgische Entfernung der männlichen Vorhaut
28 vgl. Ortag S. 25
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Cornelia Muennich, 2005, Der deutsch-jüdische Dialog unter Berücksichtigung jüdischer Identitätsbildung , München, GRIN Verlag GmbH
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