Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
I. Hedley Bulls Denkansatz/Modell einer anarchischen Staatengesellschaft 4
1. Internationale Gesellschaft und internationale Ordnung 4
2. Fünf Ordnungskriterien 8
a) Das Gleichgewicht der Mächte 8
b) Das Völkerrecht 9
c) Die Diplomatie. 11
d) Die Großmächte. 12
e) Die Funktion des Krieges 14
II. Hedley Bull und die internationale Gesellschaft Europas 15
1. Die europäische Staatengesellschaft 15
2. Die Expansion der Internationalen Gesellschaft 18
III. Die internationale Gesellschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts
(Schlussbetrachtung) 22
Literaturverzeichnis. 25
Quellen : 25
Sekund ärliteratur: 27
2
Einleitung
In der Lehre der internationalen Beziehungen gibt es inzwischen eine breite Diskussion über die Bedeutung von Normen, Ideen und Institutionen als Bestimmungsfaktoren über die internationalen Beziehungen, aber auch der Wechselwirkung zwischen Innen- und Außenpolitik. Von diesen Debatten ist auch die Denkschule des politischen Realismus nicht ganz unberührt geblieben. So hat der australische Politikwissenschaftler Hedley Bull 1 schon in den siebziger Jahren auf die Notwendigkeit verwiesen, die Vorstellung, zwischen den Staaten herrsche Anarchie, zu revidieren. Bull sah in der fortschreitenden Verregelung der internationalen Beziehungen Ansätze einer normativen Integration von Teilbereichen des internationalen Systems. Diese normative Integration erlaube es, von der Herausbildung internationaler Gesellschaften zu sprechen. Hedley Bull definiert die Staatengesellschaft in seinem Werk „The Anarchical Society“ 2 folgendermaßen: Eine internationale Gesellschaft besteht, wenn eine Gruppe von Staaten sich anhand von gemeinsamen Interessen und Werten durch ein Regelsystem verbunden sieht und über gemeinsame Institutionen verfügt. 3 Die vorliegende Arbeit befasst sich nun zuerst mit der Herausbildung der internationalen Gesellschaft und der Sicherstellung der internationalen Ordnung. Hierbei werden gewisse Ordnungskriterien aufgeführt, die als Teil der normativen Integration innerhalb der internationalen Gesellschaft für die Bewahrung dieser einen notwendigen Bestandteil darstellen. Im Folgenden wird die Staatengemeinschaft Europas in den Vordergrund gestellt und dabei insbesondere auf die Europäische Union eingegangen. In diesem Zusammenhang werden die Entwicklungen und Veränderungen der europäischen Staatengesellschaft herausgearbeitet, um schließlich eine Analyse des Übergangs von der europäischen zur universalen Staatengesellschaft zu erstellen. Zum Schluss wird untersucht, inwiefern Bulls Ansätze auf das gegenwärtige Staatensystem übertragbar sind und in welcher Sparte Bull mit seinen Überlegungen angesiedelt werden kann.
1 Hedley Norman Bull, 1932-1986, war ein bekannter Vertreter der Englischen Schule. Er lehrte internationale
Beziehungen an der Universität in Oxford und dem Balliol College, nachdem er zuvor an der London School of
Economics and der Australian National University tätig war. 1965-1967 arbeitete er im britischen
Außenministerium an Problemen der Abrüstungskontrolle.
2 Vgl. Bull, Hedley: The Anarchical Society. A Study of Order in World Politics, London 1977. Im Folgenden
wird dieser Titel unter „Bull: The Anarchical Society“ aufgeführt.
3 Vgl. ebd., S. 13.
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Der Darstellung zugrunde liegt im ersten Teil das Hauptwerk von Hedley Bull, „The Anarchical Society“, da unmittelbar aus dem Text heraus analysiert wird. Im zweiten Abschnitt, den Kapiteln zur Staatengesellschaft Europas, dienen aufgrund ihrer thematischen Eingrenzung die Aufsätze „The European International Order“ 4 und „Society and Anarchy in the 1990s“ 5 als Grundlage. Insgesamt gesehen basiert die vorliegende Untersuchung hauptsächlich auf direkter Quellenarbeit.
Das Ziel ist, eine umfassende Ausführung des Denkmodells von Hedley Bull zu liefern und zugleich seine positiven Ansätze, aber auch seine Grenzen aufzuzeigen. Im zweiten Teil der Arbeit werden diese Ansätze auf die europäische bzw. auf die globale Staatengesellschaft angewandt. Hierbei soll deutlich gemacht werden, vor welchen Problemen und Herausforderungen die internationale Gesellschaft steht.
I. Hedley Bulls Denkansatz/Modell einer anarchischen
Staatengesellschaft
1. Internationale Gesellschaft und internationale Ordnung
Ein berühmtes und bedeutendes Konzept innerhalb der Studien der internationalen Beziehungen ist die Vorstellung der „internationalen Gesellschaft“, die erträgliche und geeignete Bedingungen für das Zusammenleben von Staaten verspricht. Die Englische Schule übernimmt diese Vorstellung als zentrales Grundprinzip ihrer Theorien über moderne internationale Beziehungen. 6 Das Entstehen einer internationalen Gesellschaft setzt das Vorhandensein eines Staatensystems oder internationalen Systems voraus. Dieses besteht, wenn zwei oder mehrere Staaten sich untereinander derart beeinflussen, dass sie gegenseitigen Einfluss auf ihre Entscheidungen und Handlungen haben und sich dadurch veranlassen, sich wie ein Teil des Ganzen zu verhalten. 7 Zugleich können zwei oder mehrere Staaten auch nebeneinander existieren, ohne ein internationales System zu bilden. Zum Beispiel formten die unabhängigen amerikanischen Staaten vor der Entdeckung durch
4 Bull, Hedley: The European International Order (1980), in: Alderson, Kai; Hurrell, Andrew (Hrsg.): Hedley
Bull on International Society, Basingstoke 2000. Im Folgenden wird dieser Titel aufgeführt unter der Kurzform:
„Bull: The European International Order“.
5 Hurrell, Andrew: Society and Anarchy in the 1990s, in: Roberson, B. A. (Hrsg.): International Society and the
development of international relations theory, London 1998, S. 19. Im Folgenden wird dieser Aufsatz in der wie
folgt gekürzten Fassung angegeben: „Hurrell: Society and Anarchy“.
6 Vgl. Jones, R. J. Barry: The English School and the Political Construction of International Society, in:
Roberson, B. A. (Hrsg.): International Society and the development of international relations theory, London
1998, S. 232. Die „Englische Schule“ ist allgemein gekennzeichnet durch die Verregelung und Verrechtlichung
der Staatenbeziehungen. Staatensysteme konstituieren sich in der Regel als eine Art Staatengesellschaft auf der
Tatsache gemeinsamer Grundinteressen, gemeinsam akzeptierter Regeln und gemeinsamer Institutionen.
7 Vgl. Bull: The European International Order, S. 172.
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Kolumbus kein Staatensystem mit den zu dieser Zeit existierenden Staaten Europas. Besteht aber ein Staatensystem, wie beispielsweise in der heutigen Europäischen Union, kann die gegenseitige Beeinflussung direkt, bei unmittelbarer Zusammenarbeit oder bei einem Wettkampf um ein Projekt oder Unternehmen, oder indirekt, durch Einfluss von weiteren mit einbezogenen Staaten oder des ganzen Systems auf eine der Parteien, ausfallen. 8 Im Vordergrund steht bei Bull jedoch die Staatengesellschaft. Wie bereits in der Einleitung beschrieben, entsteht eine Staatengesellschaft oder internationale Gesellschaft, wenn eine Gruppe von Staaten sich aufgrund gemeinsamer Interessen und Werte durch ein Regelsystem verbunden fühlt und über gemeinsame Institutionen verfügt, wie zum Beispiel die Diplomatie, das Völkerrecht, Regeln für den Kriegsfall oder allgemeine, internationale Organisationen. Darüber hinaus respektieren sie ihre gegenseitige Unabhängigkeit, halten abgeschlossene Verträge ein und unterwerfen sich allgemeinen Beschränkungen in der Ausübung von Gewalt gegeneinander. Die internationale Gesellschaft setzt demnach ein internationales System voraus. Dessen ungeachtet entwickelt sich ein internationales System nicht zwingend zu einer internationalen Gesellschaft. Staaten können nebeneinander existieren, sich derart verhalten, als wären sie ein notwendiger Faktor für die jeweiligen Handlungen des anderen, ohne jedoch über gemeinsame Interessen, Regeln oder Institutionen zu verfügen. Die Türkei, China, Japan, Korea und Siam sind solch ein Beispiel. Sie waren Teil des europäisch dominierten internationalen Systems lange bevor sie Teil der europäisch dominierten internationalen Gesellschaft wurden. Sie standen stets in Kontakt zu den europäischen Mächten, agierten an deren Seiten bei Handel oder Kriegsfall, ehe sie gemeinsame Werte und Regeln in ihren Beziehungen berücksichtigten. 9 Nach der Definition des internationalen Systems und der internationalen Gesellschaft stellt sich die Frage, was internationale Ordnung bedeutet. Um dies zu erläutern, muss erst einmal Ordnung auf sozialer Ebene definiert, bzw. deren Inhalte dargelegt werden. Ordnung innerhalb des sozialen Lebens setzt Bull gleich mit einem Arrangement innerhalb des sozialen Gefüges, gewisse primäre, elementare sowie universell geltende Ziele und Werte zu fördern. 10 Darunter fallen beispielsweise grundlegende Rechte bzw. Gesetze, wie Sicherheit des Eigentums, Schutz vor Gewalt, Regeln gegen Vertragsbruch, Ahndung von Mord und anderen Straftaten. 11 Dabei kann eine Ordnung innerhalb eines sozialen Gefüges auch ohne Regeln
8 Vgl. Bull: The Anarchical Society, S. 10.
9 Vgl. ebd., S. 13-14.
10 Vgl. ebd., S. 4-5.
11 Vgl. Bull: The Anarchical Society, S. 7.
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bestehen, d. h. lediglich auf der Übereinstimmung aller auf bestimmte Verhaltensweisen und Werte.
Ausgeweitet auf die internationale Ebene, offenbart Ordnung sich als ein Handlungsmuster, welches die primären Ziele der internationalen Gesellschaft aufrechterhält. 12 Diese Ordnungsziele bestehen im Prinzip aus der Bewahrung der Unabhängigkeit der Staaten, der Aufrechterhaltung der Koexistenz und der Sicherstellung eines gewissen Mindestmaßes an Frieden; sie sind weder fix noch unveränderlich, sondern passen sich der jeweiligen Zeit und Situation an. 13 Ordnung ist für Hedley Bull ein unablässiger Teil der Geschichte der internationalen Beziehungen. Er beschäftigte sich ausgiebig mit seinen politischen Vordenkern. So schrieb er über die Bedeutung von Hugo Grotius für die Studien internationaler Beziehungen 14 und über Thomas Hobbes Ansätze über internationale Anarchie 15 . Bereits Grotius vertrat die Ansicht, dass Herrschende und Beherrschte eine durch Moral gebundene Gesellschaft bilden, Hobbes und Niccolò Machiavelli gingen von einem regellosen Dauer-Kriegszustand aus und Immanuel Kant sah den Ausweg aus der Anarchie in einer zentralen Herrscherinstanz. 16 In der politischen Realität lassen ideologische Konflikte die Staaten jedoch manchmal den Glauben an die Option einer internationalen Gesellschaft vergessen; doch danach folgt Verständigung, bei der diese Idee wiederauflebt. Außerdem zeigt die Realität entgegen Thomas Hobbes´ Theorie, dass das Fehlen einer übergeordneten Instanz nicht gemeinsame Interessen wie Industrie und Handel verhindert. Im Gegensatz zu Hobbes’ Annahme, dass die Menschen im Naturzustand in einem anarchischen Krieg aller gegen alle leben und erst durch eine oberhoheitliche Instanz, dem Leviathan, zur Ordnung bewegt werden können 17 , bedeutet für Bull das Fehlen einer solchen übergeordneten Instanz jedoch nicht zwangsläufig die Existenz von Unordnung. Er geht noch einen Schritt weiter und entwirft die Theorie einer anarchischen Gesellschaft. Dabei bedeutet Anarchie auf internationaler Ebene nicht, dass es
12 Vgl. ebd., S. 8.
13 Vgl. Bull, Hedley: Die anarchische Gesellschaft, in: Kaiser, Karl/Schwarz, Hans-Peter: Weltpolitik.
Strukturen - Akteure - Perspektiven, Bonn 1985, S. 33. Im Folgenden tritt dieser Titel in der verkürzten Form
„Bull: Die anarchische Gesellschaft“ auf.
14 Siehe Bull, Hedley: The importance of Grotius in the study of International Relations (1966), in: Bull,
Hedley/ Kingsbury, Benedict u.a. (Hrsg.): Hugo Grotius and International Relations, Oxford 1992, S. 51-73
oder Bull, Hedley: The Grotian Conception of International Society, in: Butterfield, Herbert/Wight, Martin:
Diplomatic Investigations. Essays in the theory of international politics, London 1966, S. 65-93.
15 Siehe Bull, Hedley: Hobbes and the International Anarchy (1981), in: Alderson, Kai/Hurrell, Andrew (Hrsg.):
Hedley Bull on International Society, London 2000, S. 188-205.
16 Vgl. Bull: Die anarchische Gesellschaft, S. 33-34. Für eine ausführlichere Darlegung vgl. Vincent, R. J.:
Order in International Politics, in: Miller, J. D. B./Vincent, R. J. (Hrsg.): Order and Violence. Hedley Bull and
International Relations, Oxford 1990, S. 38-64.
17 Vgl. Hobbes, Thomas: Leviathan. Aus dem Engl. übertr. von Jutta Schlösser. Mit einer Einf. und hrsg. von
Hermann Klenner, Hamburg 1996.
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keine ordnenden Elemente gibt. Im Gegensatz zu regierungslosen Individuen, die in Anarchie leben, bilden die souveränen Staaten eine geordnete, internationale Gesellschaft mit anarchischem bzw. regierungslosem Charakter. 18 Diese anarchische Gesellschaft hat sich seit der frühen Neuzeit in Europa herausgebildet und umfasst mittlerweile die ganze Welt. Innerhalb dieser Gesellschaft sorgen die einzelnen Staaten gemeinsam für eine Art internationale Ordnung. Sie verfügen über eine so genannte interne Souveränität, gleichbedeutend mit der internen Autorität über alle Instanzen innerhalb ihres Territoriums sowie ihrer Bevölkerung, und eine externe Souveränität, die nicht die Vormachtstellung über, sondern die Unabhängigkeit von externen Hoheitsträgern bedeutet. 19 Hierbei gilt zu berücksichtigen, dass es eine faktische und eine normative Ebene gibt, da in der Realität der Unabhängigkeitsgrad der Staaten sehr unterschiedlich ist 20 . Einige Staaten stellen ihre Autorität über die Souveränität anderer Staaten, sei es gewaltsam oder durch freiwillige Unterwerfung, andere Nationen können wiederum ihre Souveränität und Unabhängigkeit nicht ausreichend in die Praxis umsetzen, beispielsweise aufgrund von wirtschaftlicher oder politischer Abhängigkeit.
Um nun auch innerhalb der Staatengesellschaft Ordnung zu erlangen, seien erst einmal die gemeinsamen Grundinteressen und Ziele der Gesellschaftsmitglieder zu definieren: an erster Stelle steht die Aufrechterhaltung des Systems und der internationalen Gesellschaft, zweitens die Akzeptanz und Bewahrung der Unabhängigkeit und Souveränität der einzelnen Staaten, drittens die Erhaltung des Friedens und zuletzt die bereits zu Anfang des Kapitels erwähnten allgemeinen Ziele des sozialen Lebens. Zur Gewährleistung der Aufrechterhaltung der Ordnung in einer Gesellschaft sind ein gewisses Regelsystem und ein institutioneller Rahmen erforderlich. Innerhalb eines Staates sorgt die Regierung für Institutionen, die die Einhaltung der Regeln notfalls erzwingen. Da es aber keine Weltregierung für alle Staaten gibt, stellt sich die Frage, wie die internationale Ordnung in Abwesenheit einer Regierung bewahrt wird. Deswegen schufen die Mitgliedstaaten der internationalen Gesellschaft zur Durchsetzung der Regeln einige spezifische internationale Institutionen, die Bull als die fünf Kriterien zur Gewährleistung der internationalen Ordnung kennzeichnet. Drei davon stammen von dem realistischen Denkmodell (Hobbes): das Gleichgewicht der Mächte, die Beziehungen der Großmächte untereinander und die Funktion des Krieges; zwei von ihnen entstammen der internationalistischen (Grotius) und der universalistischen (Kant) Denkschule: das
18 Vgl. Bull, Hedley: Society and Anarchy in International Relations, in: Butterfield, Herbert/Wight, Martin:
Diplomatic Investigations. Essays in the theory of international politics, London 1966, S. 38.
19 Vgl. Bull: The Anarchical Society, S. 8.
20 Vgl. Bull: Die anarchische Gesellschaft, S. 31.
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Andrea Gebhardt, 2004, Hedley Bulls „The Anarchical Society“ unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Gesellschaft Europas, München, GRIN Verlag GmbH
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