Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
I. Die Englische Schule 7
1. Die Englische Schule der Internationalen Beziehungen:
Eine Einführung 7
1.1 Die Angemessenheit der Bezeichnung 8
1.2 Forschungsagenda 9
1.3 Kriterien zur Eingrenzung der Englischen Schule 13
1.4 Insider und Outsider 14
2. Die Englische Schule und das Modell der internationalen
Gesellschaft 16
2.1 Die internationale Gesellschaft in Abgrenzung zum
internationalen System und zur Weltgesellschaft 16
2.1.1 Das internationale System 17
2.1.2 Die internationale Gesellschaft 18
2.1.3 Die Weltgesellschaft 24
2.1.4 Zusammenfassung 25
2.2 Die internationale Ordnung und ihre Institutionen 27
2.2.1 Das Gleichgewicht der Mächte 29
2.2.2 Das Völkerrecht 30
2.2.3 Die Diplomatie 31
2.2.4 Die Großmächte 32
2.2.5 Die Funktion des Krieges 33
2.2.6 Zusammenfassung 34
II
2.3 Internationale Ordnung und Gerechtigkeit 36
2.4 Solidarismus und Pluralismus 39
3. Handelt es sich bei der Englischen Schule um eine Theorie?
(Zwischenfazit) 45
II. Einordnung der Englischen Schule in die Theorien der Internationalen
Beziehungen 49
1. Die drei Theorietraditionen 49
2. Traditionalismus versus Szientismus 54
2.1 Der Historizismus der Englischen Schule 54
2.2 Die Position der Englischen Schule in der
Traditionalismusdebatte 57
3. Die Englische Schule im Vergleich mit anderen Theorien der
Internationalen Beziehungen - Versuch einer Einordnung 60
3.1 Klassischer Realismus 61
3.1.1 Naturzustand / Menschenbild 62
3.1.2 Form der Internationalen Beziehung 63
3.1.3 Macht und Interessen 66
3.1.4 Methodologie 68
3.1.5 Klassischer Realismus und Englische Schule 70
3.2 Neorealismus 73
3.2.1 Naturzustand / Menschenbild 74
3.2.2 Form der Internationalen Beziehung 75
3.2.3 Macht und Interessen 78
3.2.4 Methodologie 79
3.2.5 Neorealismus und Englische Schule 80
III
4. Die Einordnung der Englischen Schule (Zwischenfazit) 92
III. Anwendungsbeispiel: Die Englische Schule und der Prozess der Europäischen Integration: Analyse- und Erklärungsversuche 96
IV. Die Bedeutung der Englischen Schule für das Studium der Internationalen Beziehungen (Schlussbetrachtung) 108
Abkürzungsverzeichnis 114
Quellen- und Literaturverzeichnis 115
1. Quellen 115
2. Literatur 117
IV
Einleitung
Jener Ausspruch von Karl Popper könnte ebenso die Theorien der Internationalen Beziehungen (IB) 2 charakterisieren. Diese konstruieren ein Gesamtbild der internationalen Politik, welche sie unter Berücksichtigung ihres theoretischen Ansatzes zu analysieren versuchen. Die IB als akademische Disziplin entstanden nach dem Ersten Weltkrieg. 3 Der ‚Urkatastrophe‘ 4 und dem dadurch entstandenen Bewusstsein des Scheiterns der bisherigen internationalen Politik folgte wiederholt der Ruf nach einer neuen Weltordnung und neuen Wegen des zwischenstaatlichen Zusammenlebens. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich der Idealismus zu einer Theorie, die einen neuen Weg in Richtung Weltfrieden einzuschlagen gedachte. Nicht länger sollte Krieg als legitimes Mittel die internationalen Beziehungen bestimmen, sondern an seine Stelle Kooperation und Integration treten. Das Menschenbild wurde radikal geändert, hin zu einem positiven Bild des vernunftbegabten Menschen, der an Moral gebunden ist und gewisse Werte und Normen vertritt. Diese Werte und Normen des Individuums wurden auf die internationale Politik übertragen, man sprach von einer Harmonie der Interessen, von einem Weltinteresse, dem alle Staaten sich anzuschließen begehrten. Ein System kollektiver Sicherheit sollte die Sehnsucht nach Stabilität und Frieden stillen. Ein Versuch der Institutionalisierung dieses kollektiven Sicherheitssystems erfolgte durch die Gründung des Völkerbundes. 5
Vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges ist diese Vision einer neuen Weltordnung als Ausweg aus dem bisherigen Unruhezustand zu verstehen. Gleichwohl scheiterte mit dem Zweiten Weltkrieg der Völkerbund, da dessen maßgeblichen Akteure
1 Karl Popper: Logik der Forschung, Tübingen 1976, S. 31.
2 Die ‚Internationalen Beziehungen’ werden in der vorliegenden Arbeit nur als akademische Disziplin zu IB abgekürzt, jedoch nicht, wenn diese in ihrer allgemeinen Bedeutung verwendet werden.
3 Die Geburtsstunde der Internationalen Beziehungen könnte ebenso bereits in der Antike bei Thukydides (460-400 v. Chr.) angesetzt werden. Siehe Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, eingel. und übertr. von Georg Peter Landmann, Zürich / Stuttgart 1960.
4 Dieser Begriff wurde ursprünglich vom US-amerikanischen Historiker und Diplomaten George F. Kennan geprägt.
5 Weiterführende Literatur zum Idealismus: Robert M. A. Crawford: Idealism and Realism in International Relations. Beyond the Discipline, London 2000; Martin Griffiths: Realism, Idealism and International Politics. A Reinterpretation, London 1992 sowie Ulrich Menzel: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den Internationalen Beziehungen, Frankfurt am Main 2001.
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abermals in einen weltumfassenden Krieg gerieten. 6 Als Gegenreaktion auf den Idealismus, der offensichtlich keine geeignete Methode zur Verhinderung des zweiten großen Weltkrieges lieferte, entstand in den späten 30er und 40er Jahren der Realismus, der eine realitätsnähere Herangehensweise an das Studium der internationalen Politik vertritt. Er unterscheidet sich als Theorie vom Idealismus darin, dass von nun an die Praxis die Theorie bestimmt und nicht umgekehrt; davon ausgehend, wie die Welt ist und nicht wie sie sein soll. Im Gegensatz zum Idealismus ist das gesamte Weltbild pessimistisch. Es fehlt der Glaube an Fortschritt, Entwicklung und an ein Ende der Kriege. Ebenso wenig herrscht eine Harmonie der Interessen aller Staaten, stattdessen bestimmt das nationale Interesse die internationale Politik. Es existieren zwar allgemeingültige Werte, gleichsam ist der Mensch gewissen Regeln unterworfen, aber im Grunde genommen dominieren Macht und Interessen das Zusammenleben der Staaten, welche in einem anarchischen Staatensystem gebündelt sind. Die Theorie des Realismus verfolgt kleinere Ziele als der Idealismus. Wie die Idealisten streben die Realisten nach Stabilität, jedoch ohne dabei einen dauerhaften Weltfrieden für möglich zu erachten. Der Realismus geht nicht von einem Ende der Geschichte aus, sondern betrachtet Geschichtswissenschaft allgemein als Zukunftswissenschaft. 7 Aufbauend auf diese beiden Theorien - Realismus und Idealismusentwickelten sich im letzten Jahrhundert zahlreiche Theorien innerhalb der Disziplin der IB, die ihren Platz in den IB um diese beiden Ansätze herum einnahmen. Doch was kennzeichnet einen Ansatz innerhalb der IB als Theorie? Bis in die 80er Jahre hinein gab es einen minimalen Konsens über die Begriffsbildung von Theorie innerhalb der IB, die als ein System beschreibender und erklärender Aussagen über Regelmäßigkeiten, Verhaltensmuster und Wandel des internationalen Systems und seiner Handlungseinheiten, Prozesse und Strukturen definiert wurde. 8 Inzwischen gibt es eine breite Diskussion über die Bedeutung von Normen, Ideen und Institutionen als Bestimmungs-faktoren für die internationalen Beziehungen, aber auch der Wechselwirkung zwischen einerseits Innen- und Außenpolitik, andererseits Theoriebildung und Weltgeschichte.
6 Außerdem war der Völkerbund bereits von Anfang an zum Scheitern verurteilt, da mit den USA selbst der Initiator des Völkerbunds nicht beigetreten ist.
7 Weiterführende Literatur zum Realismus: Crawford: Idealism and Realism; Benjamin Frankel (Hrsg.): Roots of Realism, London 1996; Jonathan Haslam: No Virtue Like Necessity. Realist Thought in International Relations since Machiavelli, New Haven 2002; Menzel: Zwischen Idealismus und Realismus sowie Michael Joseph Smith: Realist Thought from Weber to Kissinger, Baton Rouge 1986.
8 Vgl. Kalevi J. Holsti: Change in the International System. Essays on the Theory and Practice of International Relations, Aldershot 1991, S. 166.
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Im Zuge dieser Kontroversen entstand in den 50er Jahren die Englische Schule (ES). Ebenso wie die Realisten gehen die Vertreter der ES davon aus, dass der Naturzustand der Staatenwelt Anarchie sei. Diese kann aus Sicht der ES jedoch durch die Verregelung der internationalen Beziehungen überwunden werden, um sich somit dem idealistischen Ziel des Weltfriedens ein wenig anzunähern. 9 Dabei schafft die fortschreitende Verregelung der internationalen Beziehungen Ansätze einer normativen Integration von Teilbereichen des internationalen Systems. Diese normative Integration erlaube es, von der Herausbildung internationaler Gesellschaften zu sprechen. Das Konzept der internationalen Gesellschaft ist eines der wesentlichen Charakteristika der ES. Von den Realisten wird die Existenz einer internationalen Gesellschaft jedoch abgestritten. Dennoch übernehmen die Vertreter der ES vieles von den Realisten, insbesondere den Blick in die Geschichte. Die ES vertritt einen Historizismus, an den kaum eine andere Denkschule der IB heranreicht. Zugleich schafft sie Verbindungen zum Idealismus und versetzt sich somit in eine Mittlerposition zwischen idealistischer und realistischer Theorie. In den amerikanisch dominierten IB nimmt die ES allerdings nicht mehr als eine Randposition ein. Sie wird vielfach kritisiert, keine kohärente Theoriebildung zu betreiben und aufgrund ihrer Heterogenität keine geschlossene Forschungsgruppe zu sein. Aus diesem Grund steht die ES vor der schwierigen Aufgabe, ihr theoretisches Fundament als ernstzunehmende Theorie zu behaupten und zu beweisen, dass sie nicht nur „a tradition of conversation“ 10 ist. Während die ES zu Beginn ihres Wirkens als eine Art realistischer Flügel betrachtet wurde, unternahmen Wissenschaftler in jüngerer Zeit wiederholt den Versuch, die ES mit anderen Theorien zu kreuzen. Verbindungen wurden vor allem zum klassischen Realismus, aber auch zum Konstruktivismus und Neorealismus gezogen, vereinzelt folgten Vergleiche mit der Regimetheorie, Globalisierungstheorien sowie Theorien der Europäischen Integration. Diesen vielfältigen Versuchen, die ES einzuordnen, welche sich wie ein widerspenstiges Kind immer wieder den Fesseln einer strengen Zuordnung entzieht um für sich alleine zu stehen, widmet sich nun die
9 So hat der australische Politikwissenschaftler Hedley Bull auf die Notwendigkeit verwiesen, die Vorstellung, zwischen den Staaten herrsche Anarchie, zu revidieren. Hedley Norman Bull (1932-1986) war einer der Hauptprotagonisten der ES. Er lehrte IB an der Universität in Oxford und dem Balliol College, nachdem er zuvor an der London School of Economics (LSE) und der Australian National University tätig war. 1965-1967 arbeitete er im britischen Außenministerium an Problemen der Abrüstungskontrolle. Zur Vertiefung siehe J. D. B. Miller: Hedley Bull. 1932-1985, in: J. D. B. Miller / Raymond J. Vincent (Hrsg.): Order and Violence. Hedley Bull and International Relations, Oxford 1990, S. 1-12.
10 Barry Buzan / Richard Little: The ‘English patient’ strikes back: a response to Hall’s mis-diagnosis, in: International Affairs, 77, 3 (2001), S. 944.
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vorliegende Magisterarbeit, um anhand der bisher getätigten Einordnungsversuche zu einer Lösung dieser Frage zu gelangen und zu demonstrieren, dass die ES mehr ist als „a group of realists on this side of the Atlantic“. 11 Die Arbeitsgliederung strukturiert sich wie folgt: Zu Beginn wird eine theoretische Darlegung der ES unternommen. Dabei steht das Konzept der internationalen Gesellschaft im Mittelpunkt der Betrachtung. Dieses bewegt sich in der Mitte zwischen den beiden anderen Ebenen der internationalen Beziehungen - dem internationalen System und der Weltgesellschaft. Daraus resultieren Fragen zur Abgrenzung der unterschiedlichen Konzeptionen sowie zu den Übergängen zwischen den Ebenen. Was gewinnen wir mit der Betrachtung internationaler Konstellationen als internationale Gesellschaft gegenüber ihrer Konzeptualisierung als internationales System? Hedley Bull spricht von Anarchie innerhalb der Staatengesellschaft. Was bedeutet diese und wie wirkt sie sich auf das Miteinander der Staaten aus? Um Anarchie im Zaum zu halten, bedarf es einer internationalen Ordnung. Wie aber kann internationale Ordnung sichergestellt werden? Die ES verweist auf gewisse Ordnungskriterien, die als Teil der normativen Integration innerhalb der internationalen Gesellschaft für die Bewahrung dieser einen notwendigen Bestandteil darstellen. Nach Bull sind es fünf Faktoren, die in einer Staatengesellschaft ordnend wirken: Das Völkerrecht, das Mächtegleichgewicht, die Diplomatie, die Beziehungen der Großmächte zueinander und der Krieg als letztes Mittel. Nachdem jede dieser Institutionen für sich betrachtet und in ihrer Funktion dargestellt wird, bleibt zu fragen, was Ordnung auf internationaler Ebene eigentlich bedeutet. Hierbei spielt auch die Wechselwirkung zwischen Ordnung und Gerechtigkeit eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Dies beinhaltet außerdem die Frage nach der Natur der internationalen Gesellschaft. Ist diese solidaristisch oder pluralistisch angelegt? Zum Schluss des ersten Kapitels soll geklärt werden, ob bei der ES überhaupt von Theoriebildung gesprochen werden kann.
Das zweite Kapitel steht ganz im Zeichen der Einordnung der ES in die Theorien der IB. Dabei wird zuerst die Selbstpositionierung der Vertreter der ES nachskizziert. Martin Wight, der Mentor von Hedley Bull und einer der Gründungsväter der ES, wirkte durch die Herausbildung des Rationalismus richtungweisend für die ES. Diesen positionierte er genau in der Mitte zwischen Realismus und Idealismus. Dieser
11 Fred Halliday: The Pertinence of International Relations, in: Political Studies, 38 (1990), S. 506.
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Mittelweg wurde im Laufe der Evolution der ES fortentwickelt, da er in seiner ursprünglichen Form durchaus noch Lücken aufwies. In den 50er Jahren zog sich ein Wettstreit zwischen Traditionalismus und Szientismus bezüglich der ‚richtigen’ Herangehensweise an das Studium der internationalen Politik durch die Theorien der IB. Als bedingungsloser Verfechter der traditionellen Methode schaltete sich die ES in diese Debatte ein und veröffentlichte ein unversöhnliches Pamphlet von Hedley Bull, welches die naturwissenschaftliche Methode stark angriff. 12 Die Darstellung des Methodologiestreites verdeutlicht die Selbstpositionierung der ES und den hohen Stellenwert von Geschichte innerhalb dieser Forschungsgruppe.
Nachdem nun die ES in ihrer Theorie und ihrem Selbstverständnis dargelegt wurde, obliegt dem zweiten Kapitel ferner die Funktion herauszustellen, ob durch die Verbindung der ES mit anderen Theorien der IB eine kreative Weiterentwicklung der „underexploited resource“ 13 möglich ist und inwiefern sich die jeweiligen Theorien bei ihrer Fortentwicklung gegenseitig beeinflussen und unterstützen können. Aufgrund der Literaturlage beschränkt sich diese Arbeit dabei auf die Synopse der ES mit dem klassischen Realismus, dem Konstruktivismus und dem Neorealismus. Es muss jedoch bedacht werden, dass in diesem Rahmen keine Gesamtdarstellung dieser Theorien geleistet werden kann. Gleichwohl lassen sich Kriterien entwickeln, anhand derer die jeweiligen Theorien der ES gegenübergestellt werden können. Auch wenn dadurch eine Reduzierung der Theorien auf bestimmte Kernelemente stattfindet, funktioniert eine Synopse der Theorien nicht ohne die Fokussierung auf gewisse Kernpunkte, welche es zu vergleichen gilt. Alles andere würde nur dazu führen, dass man sich in einer Fülle an unterschiedlichen Konzepten, Betrachtungsweisen und Widersprüchen verliert. Da bis dahin die ‚Theorie’ das Wesen der Arbeit kennzeichnet, stellt sich im dritten Kapitel die Frage, ob die Theorie der ES der Praxis standhält. Um dies zu beantworten, werden die Reflektionen der ES auf ein Fallbeispiel der politischen Praxis angewandt, in diesem Fall die Europäische Union (EU). Innerhalb der IB wird die Europäische Integration als ein ‚casus sui generis’ gehandelt. 14 Bisher fehlt es jedoch an einem analytischen Ansatz, der mit allgemeingültigen Kategorien operiert und dabei
12 Siehe Hedley Bull: International Theory. The Case for a Classical Approach, in: Klaus Knorr / James Rosenau (Hrsg.): Contending Approaches to International Politics, Princeton 1969, S. 20-38.
13 Barry Buzan: The English School: an underexploited resource in IR, in: Review of International Relations, 27 (2001), S. 471.
14 Vgl. Andrew Moravcsik: The choice for Europe. Social Purpose and State Power from Messina to Maastricht, London 1998, S. 15.
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zugleich die Einzigartigkeit der EU berücksichtigt. In diesem Kapitel wird gezeigt, inwiefern die ES zur Analyse der Europäischen Integration beitragen kann, wo ihre Grenzen liegen und welche Ansatzpunkte die ES zur Analyse des Integrationsprozesses liefert.
Zum Abschluss dieser Magisterarbeit wird die Bedeutung der ES für die Theorien der IB umrissen. Wie sieht die Zukunft dieser Forschungsgruppe aus? Die Möglichkeiten schwanken zwischen einem Aufstieg der ES zu einer angesehenen Forschungsgruppe innerhalb der IB oder dem Verbleiben in ihrer bisherigen Randposition. Zum Forschungsstand und der Literaturlage ist anzumerken, dass trotz der geringen Aufmerksamkeit, die der ES im Vergleich zu amerikanischen Mainstream-Theorien innerhalb des Studiums der IB zuteil wird, eine beträchtliche Anzahl an deskriptiven essayistischen Abhandlungen über einzelne Elemente der ES existiert; größtenteils in Form von Zeitschriftenaufsätzen oder Beiträgen in Aufsatzsammlungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die ES in der Forschungsliteratur bereits abschließend diskutiert wurde. Nach wie vor gibt es viele offene Fragen bezüglich einzelner Konzepte der ES, die es in Zukunft zu beantworten gilt. Mit den Werken von Timothy Dunne und Barry Buzan wurden zwei völlig unterschiedliche Überblickswerke der ES vorgelegt. 15 Beide dienen neben den Primärtexten der ES 16 als grundlegende Literatur für diese Magisterarbeit. Während Dunne anhand von Protagonisten der Anfangszeit die Entwicklung der ES rekonstruiert, kann Buzans Werk als Nachfolge- oder Ergänzungswerk Dunnes gelten, da dieser die neueren Entwicklungen der ES durch die Linse ihrer Kernkonzepte darstellt. Buzan leistet jedoch nicht nur eine deskriptive Zusammenfassung, sondern liefert zugleich Teile der theoretischen Fortentwicklung und die konstruktivste Kritik der Forschungsliteratur an der ES. Jedoch fehlt bis heute ein ausführliches Nachschlagewerk, das sowohl auf die personelle als auch auf die konzeptionelle Struktur der ES eingeht, und dabei genauso die Ergebnisse der Anfangszeit sowie die aktuellen Forschungsresultate berücksichtigt. Allgemein fällt auf, dass die meisten Autoren leider mehr über die ES schreiben, anstatt in ihrem Sinne weiterzuforschen, um die theoretischen Lücken der Gründungsväter zu schließen und die Theorie fortzuentwickeln.
15 Timothy Dunne: Inventing International Society. A History of the English School, London 1998; Barry Buzan: From International to World Society? English School Theory and the Social Structure of Globalisation, Cambridge 2004.
16 Hier sind vor allem Hedley Bull: The Anarchical Society: A Study of Order in World Politics, 3. Aufl., London 2002 und Martin Wight: International Theory: The Three Traditions, London 1991 zu nennen.
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Die Motivation dieser Arbeit ist darin begründet, dass bis heute keine ausführliche Darstellung der ES in deutscher Sprache vorliegt. Zudem reiht sich diese Magisterarbeit in eine Anzahl von Autoren ein, welche für eine größere Anerkennung der ES werben. Dabei wird der Versuch getätigt, die Rolle dieser Forschungsgruppe in der diskursiven Geschichte der Disziplin der IB zu verstehen und zu erklären. Bisher erwies es sich für alle Autoren, welche über die ES geschrieben haben, als schwierig, diese in die Arena der internationalen Theorien einzuordnen. Diesem versucht nun die vorliegende Darstellung entgegenzuwirken und der ES einen festen Platz innerhalb der IB zuzuweisen.
I. Die Englische Schule
1. Die Englische Schule der Internationalen Beziehungen:
Eine Einführung
Während die ES in den 80er Jahren fast totgesagt wurde, feierte sie in den letzten zehn Jahren ein erstaunliches Comeback und wurde 1999 auf der Jahreskonferenz der British International Studies Association (BISA) offiziell wiederbelebt. Es handelt sich um einen theoretischen Ansatz in der Disziplin der IB; es bestehen jedoch Zweifel, ob die ES überhaupt ein kohärentes Forschungsprogramm darstellt bzw. ob sie das theoretische Potential besitzt, das für eine progressive Untersuchung der internationalen Beziehungen vonnöten ist. 17
Kurioserweise wurde der Begriff ‚Englische Schule‘ erstmalig in den 80er Jahren von Roy E. Jones in einem polemisierenden Artikel über diese Forschungsgruppe verwendet, in dem er ironischerweise die Schließung der „debutante discipline“ 18 forderte, welche er selbst erst durch Prägung des Namens mit zu erschaffen half. Zu dieser Zeit kursierte eine Debatte um die ES, in der sowohl der Name als auch das theoretische Fundament in Frage gestellt wurden und beides für eine Schließung der
17 Die ES ist eine der am besten organisiertesten Denkschulen der IB. Eine umfassende Liste der Mitglieder bzw. derjenigen, die sich selbst mit der ES identifizieren, findet sich auf ihrer Homepage, in der alle Veröffentlichungen der ES in einer stets aktualisierten Bibliographie zu finden sind. Siehe http://www.leeds.ac.uk/polis/englishschool.
18 Roy E. Jones: The English School of International Relations: A Case for Closure, in: Review of International Studies, 7, 1 (1981), S. 2.
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Forschungsgruppe zu sprechen schien. 19 20 Jahre nach Jones ‚case for a closure’ stellt Ian Hall gleichwohl die These auf, dass der ‚englische Patient’ als eine geschlossene Forschungsgruppe nicht länger existiert. 20 Diesem soll in der vorliegenden Ausarbeitung widersprochen werden.
1.1 Die Angemessenheit der Bezeichnung
Um herauszufinden, ob der Name ‚Englische Schule’ eine akkurate Bezeichnung darstellt, werden die Begriffe ‚englisch’ und ‚Schule’ getrennt voneinander betrachtet: Angesichts dessen, dass mit dem Verweis auf die englische Nationalität britische Forscher in Verbindung gesetzt werden, jedoch viele Mitglieder der ES nicht aus England oder Großbritannien stammen, sondern selbst Schlüsselfiguren, wie der Südafrikaner Charles Manning und der Australier Hedley Bull, laut Bezeichnung nicht zur ES dazugehören, ist dieser mit einer Nationalität verbundene Name nicht auf alle Mitglieder der Schule anwendbar und somit im Grunde genommen unpassend. 21 Außerdem birgt die Verbindung von Nation und Lehre die Frage, ob der Gruppe durch die Verknüpfung von Forschung mit einer bestimmten Kultur nicht bereits Grenzen in der Fortentwicklung ihrer Ideen gesetzt werden. Darüber hinaus hat sich die Definition der englischen Kultur innerhalb der Forschung mit der Zeit verändert. Heute fehlt eine Übereinstimmung innerhalb der Forschung, was ‚Englishness’ eigentlich meint. 22 Ebenso, wie sich dadurch die Auslegung der englischen Kultur mit der Zeit heterogen entwickelte, so geschah dies auch mit der kulturellen Identität der ES. Die Tore dieser ‚Schule’ sind geöffnet für jeden, der sich mit den zentralen Aussagen der ES
19 Vgl. Jones: A Case for Closure, S. 1-13. Siehe außerdem Hidemi Suganami: The Structure of Institutionalism: An Anatomy of British Mainstream International Relations, in: International Relations, 17 (1983), S. 2363-2381; Sheila Grader: The English School of International Relations: evidence and evaluation, in: Review of International Relations, 14 (1988), S. 29-44 sowie Peter Wilson: The English School of International Relations: A reply to Sheila Grader, in: Review of International Studies, 15 (1989), S. 49-58. Die wesentliche Debatte fand allerdings in einer nordischen Zeitschrift statt: Siehe Ole Wæver: International Society: Theoretical Promises Unfulfilled?, in: Cooperation and Conflict, 27 (1992), S. 97-128 und als Antwort darauf: Timothy Dunne: International Society: Theoretical Promises Fulfilled?, in: Cooperation and Conflict, 30 (1995), S. 125-154.
20 Vgl. Ian Hall: Still the English patient? Closures and inventions in the English school, in: International Affairs, 77, 3 (2001), S. 942.
21 Aus diesem Grund verwendeten vormals verschiedene Autoren, wenn sie über die Wight-Bull-Vincent Gruppe schrieben, die Bezeichnungen ‚classical approach’, ‚rationalist school’ oder ‚international society tradition’. Vgl. Dunne: Inventing International Society, S. 4 und Roger Epp: The English school on the frontiers of international society: a hermeneutic recollection, in: Review of International Studies, 24 (1998), S. 47-48.
22 Vgl. Dunne: Inventing International Society, S. 4.
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identifiziert und ihre Debatten vorantreiben möchte, unabhängig von Herkunft und Nationalität.
Was besagt nun der Begriff ‚Schule’? Trifft bei der ES die Bezeichnung ‚Denkschule’ zu? Zumindest sind in den Anfangsjahren der ES pädagogische Verbindungen festzustellen, die den Begriff ‚Schule’ durchaus zulassen. Beispielsweise die Beziehung zwischen Martin Wight und seinem Doktoranden Hedley Bull: Wight war der intellektuelle Mentor von Bull. Er wies ihn in die Theorien der IB ein, die Bull weder während seines Studiums in Sydney noch in Oxford gelehrt wurden. In einem Vortrag zum Gedenken Wights beschrieb Bull wie er „a constant borrower“ 23 von Wights Vorlesung zur ‚International Theory’ war. Raymond J. Vincent, Bulls Doktorand an der Australia National University, gab öffentlich zu, bei Bull zu entlehnen. Selbst nach Bulls Tod stellte Vincent den Einfluss fest, den Bull „on every page of his book“ 24 hatte. Vincent fühlte sich ausdrücklich der Forschungstradition der ES verbunden. Die Beziehung zwischen Herbert Butterfield und seinem Doktoranden Adam Watson verlief ähnlich. Butterfield unterrichtete Watson, nahm ihn mit zum British Committee 25 und machte „the most long-standing influence“ 26 an ihm geltend. Diese pädagogischen Verbindungen erinnern durchaus an eine intellektuelle Tradition, an eine Schule, in der politisches Denken weitergegeben und fortentwickelt wird - demnach ist der Begriff ‚Denkschule’ zumindest auf die Anfangszeit der ES anwendbar. Danach entwickelte sich die ES zu einer heterogenen Forschungsgruppe, welche diejenigen Forscher umfasst, die sich aufgrund individueller Zugehörigkeitsgefühle mit der ES verbunden fühlen. Eine pädagogische Tradition lässt sich bei der Vielzahl an Mitgliedern jedoch nicht länger nachkonstruieren.
1.2 Forschungsagenda
Die zweite Begründung für die Auflösung der Forschungsgruppe ist nicht ohne weiteres erklärbar. Sie betrifft die theoretischen Grundlagen der Schule. Kritiker sehen in ihr nicht mehr als eine gebändigte Version des Realismus. 27 Diese Kritik ist nicht völlig
23 Hedley Bull: Martin Wight and the theory of international relations, in: Martin Wight: International Theory. The Three Traditions, London 1991, S. IX. Diese Rede offenbart einen persönlichen Einblick in die pädagogische Beziehung von Martin Wight und Hedley Bull.
24 Dunne: Inventing International Society, S. 7. Gemeint ist Raymond J. Vincent: Human Rights and International Relations, Cambridge 1988.
25 Der vollständige Name lautet: British Committee on the Theory of International Politics.
26 Adam Watson: The Evolution of International Society. A comparative historical analysis, London 1992, S. 5.
27 Vgl. Dunne: Inventing International Society, S. 5.
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von der Hand zu weisen, da die ES zentrale Überzeugungen des Realismus übernimmt; insbesondere die Erkenntnis, dass es Grenzen der Kooperation unter anarchischen Verhältnissen gibt. Doch obwohl Überschneidungen vorhanden sind, bedeutet dies nicht, dass die beiden Denkschulen identisch sind. 28 Zwar war in den 40er Jahren in den Ausführungen von Edward Hallett Carr, Herbert Butterfield und Martin Wight eine ähnliche Grundlage realistischer Ideen zu finden, gleichwohl fehlte zu dieser Zeit noch das Bewusstsein einer gemeinsamen Richtung. 29 Dieses entwickelte sich erst Mitte der 60er Jahre. Bis dahin hatten Wight und Butterfield mit dem British Committee eine Institution etabliert, in der sich gleich gesonnene Forscher austauschen konnten. Nach und nach bündelte sich ein eigener Kanon an klassischen Texten, der das politische Vokabular der ES prägen und die moralischen Vorstellungen in eine Richtung lenken sollte. 30 In der chronologischen Reihenfolge übernahmen Butterfield, Wight, Watson und Bull die Leitung des British Committee. Nach dem Tod von Bull 1985 wurde Vincent die Direktion anvertraut, die regelmäßigen Zusammenkünfte wurden jedoch bald eingestellt und das Komitee kurz danach aufgelöst. 31
Zu Anfang stand die historische Entwicklung von Staatensystemen im Mittelpunkt der Forschung. In den letzten zwei Jahrzehnten verlagerte sich die Forschungsagenda der ES von Ausführungen über Staatensysteme, über Betrachtungen hinsichtlich der europäischen internationalen Gesellschaft und ihrer Expansion bis hin zur globalen internationalen Gesellschaft und Weltgesellschaft. Die erste Publikation dieses Kreises, ‚Diplomatic Investigations‘ 32 , fungierte zugleich als eine Art Manifest der Gruppe. Der Bezug zur Weltgeschichte, zur Evolution der internationalen Gesellschaft und des internationalen Systems sowie zu historischen Denkern blieb bis in die heutige Zeit hinein ein unübersehbares Kennzeichen der Schriften der ES. Diese ist gekennzeichnet durch die Verregelung und Verrechtlichung der Staatenbeziehungen. Staatensysteme konstituieren sich als Staatengesellschaft auf der
28 Der Vergleich von Realismus und ES wird in Kapitel II, 3.1 nochmals vertieft.
29 Vgl. Dunne: Inventing International Society, S. 6.
30 Diese Texte, veröffentlichte Arbeiten, Bücher, Konferenzberichte und insbesondere die Manuskripte und Entwürfe der Treffen des British Committee bilden die Grundlage, auf der sich die Gruppe zusammenhält bzw. das Medium, welches die Konversation zwischen den Mitgliedern der ES aufrechterhält.
31 Vgl. Barry Buzan: The English School as a Research Program: an overview, and a proposal for reconvening, presented at BISA Annual Conference, Manchester, Dezember 1999, http://www.leeds.ac. uk/polis/englishschool/buzan99.htm, 08.02.2006, S. 3. Zur Geschichte des British Committee siehe die Kapitel ‚The British Committee I’ und ‚The British Committee II’ in Dunne: Inventing International Society, S. 89-135.
32 Siehe Herbert Butterfield / Martin Wight (Hrsg.): Diplomatic Investigations. Essays in the Theory of International Politics, London 1966.
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Tatsache gemeinsamer Grundinteressen, gemeinsam akzeptierter Regeln und gemeinsamer Institutionen. Im Mittelpunkt der Forschung der ES steht indessen die internationale Gesellschaft, wobei nicht nur die gegenwärtige internationale Gesellschaft berücksichtigt wird, sondern auch frühere Varianten wie z.B. die des antiken Griechenlands oder Italiens während der Renaissance. Außerdem befasst sich die Forschungsgruppe mit der Reaktion der nichteuropäischen Staaten auf die Expansion der europäischen Staatengesellschaft. Ein Teil der ES beschäftigt sich mit Themen wie Ethik, Völkerrecht, militärische Interventionen, Menschenrechte und internationale Regime. Vor allem in der Anfangsphase waren ihre Schriften häufig durch christliches Denken geprägt. 33 Herbert Butterfield schrieb 1958 in einem Brief an Wight, das zentrale Anliegen der ES sei:
„[…] not to study diplomatic history in the usual sense, nor to discuss current problems, but to identify the basic assumptions that lie behind diplomatic activity, the reasons why a country conducts a certain foreign policy, the ethical premises of international conflict, and the extent to which international studies could be conducted scientifically”. 34
Einer der wichtigsten Aspekte der Lehre der ES betrifft folglich die normative Untersuchung des Verhältnisses von Ordnung und Gerechtigkeit innerhalb der internationalen Beziehungen. Von den Anfangswerken Bulls, über Vincent bis zu aktuellen Autoren wie Robert Jackson, James Mayall oder Nicholas Wheeler haben Vertreter der ES wiederholt das moralische Potential der Welt der souveränen Staaten dargelegt und schüren eine fortwährende Debatte zwischen Pluralisten und Solidaristen. 35 In den 50er Jahren mit dem British Committee begründet, durchlief die ES eine vierstufige Entwicklung, in der sich die Interessensschwerpunkte verlagert haben. Die ersten beiden Phasen, die grundlegende und die konsolidierende Phase, waren durch die Erfindung und Entwicklung des Konzepts der internationalen Gesellschaft geprägt. Der zentrale Bestandteil der ES war die Unterscheidung von internationalem System und
33 Siehe Charles Jones: Christian Realism and the Foundations of the English School, presented at 4th Pan-European International Relations Conference, Canterbury, September 2001, http://www.ukc.ac.uk/ politics/englishschool/jones01.htm, 08.02.2006 und Sean Molloy: Bridging Realism and Christianity in the International Thought of Martin Wight, presented at 4th Pan-European International Relations Conference, Canterbury, September 2001, http://www.ukc.ac.uk/politics/englishschool/malloybridging 01.doc, 08.02.2006.
34 Adam Watson: The British Committee for the Theory of International Politics, Some historical notes, November 1998, http://www.leeds.ac.uk/polis/englishschool/watson98.doc, 08.02.2006, S. 1.
35 Siehe Bull: The Anarchical Society; Hedley Bull: Justice in International Relations: The 1983-1984 Hagey Lectures, Waterloo 1984; Vincent: Human Rights; Robert H. Jackson: The Global Covenant. Human Conduct in a World of States, Oxford 2000; James Mayall: World Politics. Progress and Its Limits, Cambridge 2000 und Nicholas J. Wheeler: Saving Strangers. Humanitarian Intervention in International Society, Oxford 2000.
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1.3 Kriterien zur Eingrenzung der Englischen Schule
Timothy Dunne unterscheidet drei Kriterien zur Abgrenzung der ES von anderen Ansätzen: Erstens, die Identifikation der Vertreter der ES mit einer bestimmten Forschungstradition und die Realisierung, dass Theoriebildung in einem formellen institutionellen Rahmen stattfinden muss, basierend auf einem geteilten Konsens an Kenntnissen und Ideen. Zweitens, das Bekenntnis zu einem interpretativen Ansatz zur Erforschung der internationalen Beziehungen. Drittens, die Überzeugung, dass die Theorie der IB eine normative Theorie sein muss, entwickelt aus der Erkenntnis, dass die Staatengesellschaft Regeln und Normen hervorbringt, welche im Mittelpunkt der akademischen Untersuchungen stehen sollten. 37 Zu ergänzen ist die internationale Gesellschaft als Merkmal der ES. Diese gehört ebenfalls zu den Hauptcharakteristika. Die wesentlichen Kriterien sind folglich: Die Selbstidentifikation des Wissenschaftlers, die Vorstellung der internationalen Gesellschaft, der Historizismus bzw. der interpretative Ansatz sowie die Verrechtlichung der Staatengesellschaft. 38 Wiederholt wurde der Vorwurf laut, die theoretische Tradition der ES sei nur konstruiert, da die Bestimmung der ‚Insider’ und ‚Outsider’ teils widersprüchlich, teils gar willkürlich erscheint. Mitglieder des ursprünglichen British Committee definierten sich selbst als Teil einer kollektiven Forschungsgruppe im Sinne der internationalen Theorie, obwohl sie aus unterschiedlichen disziplinarischen Hintergründen stammen. 39 Der Schlüsselpunkt ist die Tatsache, dass alle Mitglieder des Komitees glaubten, an einem Dialog über grundsätzliche theoretische Problemstellungen teilzunehmen. Zur Mitgliedschaft gehört neben der Kenntnis der gemeinsamen Literaturgrundlage, des Bewusstseins der zentralen Fragen und einer gemeinsamen Agenda ebenso der mehrheitlich geteilte Konsens des interpretativen Ansatzes. Von Wights ‚Three Traditions’ bis zu Bulls Polemik gegen sozialwissenschaftliche Ansätze in den USA, die er in seinem berühmten Aufsatz ‚International Theory. The Case for a Classical Approach’ in Worte gefasst hat, durchzieht die ES eine starke Antipathie gegen positivistische, am Beispiel der Naturwissenschaften orientierte, Forschung. 40 Wights
37 Vgl. Dunne: Inventing International Society, S. 6-11.
38 Der Pluralismus sowie der Rationalismus der ES bleiben hier außen vor, obwohl sie sicherlich auch als besondere Merkmale gelten. Durch die Begrenzung auf die wesentlichen Kriterien soll eine erschwerte Zuordnung der Wissenschaftler vermieden werden. Bei der Zuordnung gilt jedoch nicht der Umkehrschluss, dass jemand, der nur eines der Kriterien verkörpert, automatisch zur ES gehört. D.h. nicht jeder, der die Idee der internationalen Gesellschaft vertritt oder die interpretative Methode, ist zugleich Mitglied der ES.
39 Vgl. Dunne: Inventing International Society, S. 12.
40 Für eine ausführlichere Erklärung des interpretativen Ansatzes siehe Kapitel II, 2.
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Versuche, eine eindeutige moralische Position für die internationale Politik aufzustellen 41 sowie Bulls Fortentwicklung des Modells der internationalen Gesellschaft 42 weisen auf einen gemeinsamen normativen Ansatz hin, ethische Standards für die internationale Politik zu formulieren. 43
1.4 Insider und Outsider
Die Zuordnung von Wissenschaftlern zur ES erwies sich seit den Anfangsjahren bis in die heutige Zeit hinein als problematisch. Ungeklärt ist die Frage, welcher Theoretiker den Anfang macht, wie breit man die Denkschule fasst oder ob die Mitglieder bereits anhand von Ähnlichkeiten oder nur bei genauen Übereinstimmungen in einer Schublade zusammengefügt werden können. 44 Ausgehend von Dunnes drei Kriterien als kleinstem gemeinsamen Nenner, bliebe enger gefasst nur Bull übrig. Zur nächstgrößeren Gruppe kämen dann Wight, Butterfield und Watson hinzu, um dann in der umfassendsten Gruppe noch Raymond J. Vincent, Michael Donelan, Michael Howerd, Allen James, James Mayall und jüngere Wissenschaftler wie Richard Little, Barry Buzan, Nicholas J. Wheeler und Timothy Dunne mit einzuschließen. Seit Mitte der 70er Jahre begannen die Vertreter der ES weniger konform mit den drei Kriterien Dunnes umzugehen. Hier zeigt sich, dass diese auf Dauer eher als richtungweisend verstanden werden sollten, und nicht als unabdingbare Voraussetzung der Mitgliedschaft. Bereits im 17. Jahrhundert sind Parallelen zur ES zu entdecken: Laut Thomas Hobbes besteht die Kunst, Staaten zu schaffen und zu erhalten, aus sicheren Regeln und nicht wie Tennisspielen aus bloßer Übung. 45 Diese Aussage von Hobbes könnte ange-wandt auf die Staatengesellschaft ebenso von einem Vertreter der ES stammen. Der Gedanke der Verregelung und eines Vertrags, der die Menschen aus dem anarchischen Naturzustand zu Ordnung und Sicherheit innerhalb des Staatsgefüges führt, wiederholt
41 Siehe Martin Wight: Systems of States, Leicester 1977.
42 Siehe Bull: The Anarchical Society.
43 Vgl. Christopher Daase: Die Englische Schule, in: Siegfried Schieder / Manuela Spindler (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, Opladen 2003, S. 228.
44 Außer Acht gelassen wird hier die örtliche Zugehörigkeit der Schule und somit die wiederholte Behauptung, die LSE sei „the institutional home“ der ES. Martha Finnemore: National Interests in International Society, Cornell 1996, S. 17. Obwohl Vertreter der ES wie Manning, Wight und Bull an der LSE tätig waren, könnten genauso die Australia National University, Oxford oder Keele, aber v.a. Peterhouse oder Cambridge als Forschungsstätten der ES gelten, da diese Orte das Denken der Forschungsgruppe zu unterschiedlichen Zeiten vertreten haben. Vgl. Dunne: Inventing International Society, S. 12.
45 Vgl. Thomas Hobbes: Leviathan. Aus dem Engl. übertr. von Jutta Schlösser. Mit einer Einf. und hrsg. von Hermann Klenner, Hamburg 1996, S. 177.
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sich in der ES in der Betonung der Verrechtlichung und normativen Integration der Staatengesellschaft. Aus dieser Perspektive könnte Hobbes als erster Repräsentant der Englischen Schule angesehen werden bzw. - weniger streitbar - zumindest als eine Art Vorläufer.
Danach stellt sich die Frage der Zugehörigkeit von Edward Hallett Carr oder Charles Manning. Die Frage nach Carrs Beziehung zur ES ist sehr komplex. Nach Dunnes erstem Kriterium, der Selbstidentifikation, ist Carr mit Sicherheit kein Mitglied der Schule. Kriterium zwei, Verfolgung des interpretativen Ansatzes, bleibt ambivalent. In seinem Werk ‚The Twenty Years’ Crisis’ 46 beschreibt Carr zwar die Wechselwirkung von Geschichte und Theorie in der Zwischenkriegszeit sowie die Ursachen für den Niedergang von Realismus und Idealismus. Ein eindeutiger interpretativer Ansatz lässt sich allerdings nicht herausstellen. Beim dritten Kriterium, dem Bekenntnis zur normativen Theorie, ist eine Übereinstimmung offensichtlich. Carrs Werk ist eindeutig normativ, inspiriert durch den Wunsch nach mehr Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit zwischen dem Einzelnen und dem Volk. Der Unterschied zwischen Carr und der ES besteht indes darin, dass Carr die Ansicht vertritt, der Staat per se sei unfähig, ökonomische und soziale Ziele zu erreichen. 47 Demzufolge käme eine internationale Gesellschaft der Staaten nicht als Akteur für einen progressiven Wandel in Frage. Genau als solches charakterisiert die ES dagegen die internationale Gesellschaft. In den Worten Dunnes kann die Rolle von Carr innerhalb der ES als „that of a dissident” bezeichnet werden, „a voice which can always be heard but is never in complete harmony with the conversation conducted by the leading players“. 48 Carr war demnach die kritische Stimme innerhalb der ES, die vielmehr Beobachter gewesen zu sein schien und sich nicht scheute, unangenehme Fragen an die Forschungsgruppe zu stellen. „International order for whom?“ 49 , so lautete die Hauptfrage Carrs, welcher die ES nie ganz entfliehen konnte. Denn Carr war der Meinung, dass die Staatengesellschaft zweifellos die reichen Staaten begünstige und die Armen benachteilige. 50 Nun zur Zugehörigkeit Mannings: Ihm wird die Mitgliedschaft zur ES durch die enge Verknüpfung zwischen Mitgliedern der ES und dem British Committee versagt, da
46 Edward Hallett Carr: The Twenty Years’ Crisis 1919-1939: An Introduction to the Study of International Relations, 2. Aufl., London 1961.
47 Vgl. ebd., S. 114-117.
48 Dunne: Inventing International Society, S. 13.
49 Ebd.
50 Vgl. Carr: The Twenty Years’ Crisis, S. 129-132.
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dieser aus persönlichen Gründen nie zu den Treffen des Komitees eingeladen wurde. 51 Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass Mannings Charakterisierung der internationalen Gesellschaft beeinflussend auf Bull wirkte. Es besteht kein Zweifel, dass Manning ein Pionierswerk in der Hinsicht schuf, als dass er sowohl die verrechtlichte Identität der internationalen Gesellschaft wie auch die Tatsache erfasste, dass die Akteure der Staatengesellschaft die souveränen Staaten sind. 52 Heute herrscht ein Konsens in der Frage über die Zugehörigkeit, nach dem die legitimierten Gründer der ES Wight, Butterfield, Bull und Watson sind 53 , Carr „is making a comeback“ und Manning „is on the way out“. 54 Indessen vergrößerte sich die Forschungsgruppe als eine erkenntnis-theoretische Gemeinschaft in den letzten zwei Jahrzehnten stetig und wurde zunehmend transnationaler. 55 Mit den Worten von Iver B. Neumann: „The English School has grown tremendously over the last 40 years, both in terms of the size of the scholarly community and in terms of geographical spread.” 56
2. Die Englische Schule und das Modell der internationalen Gesellschaft
2.1 Die internationale Gesellschaft in Abgrenzung zum
internationalen System und zur Weltgesellschaft
Für die Autoren der ES gilt eine klare Unterscheidung zwischen einem internationalen System, einer internationalen Gesellschaft und einer Weltgesellschaft - ausgehend von der Vorstellung, dass diese drei Konzepte ein vollständiges und miteinander
51 Wight weigerte sich, den Einfluss Mannings auf die IB gebührend anzuerkennen. Ein Grund dafür könnte die unterschiedliche Methodologie der beiden gewesen sein. Manning vermischte Rechtswissenschaft mit Phänomenologie, Wights Zugang war der Historizismus. Ein weiterer Ausschlussgrund war die öffentliche Pro-Apartheid Politik Mannings.
52 Vgl. Charles A. W. Manning: The Nature of International Society, 2. Aufl., London 1975, S. XXIII.
53 Vgl. Richard Little: Neorealism and the English School: A Methodological, Ontological and Theoretical Reassessment, in: European Journal of International Relations, 1, 1 (1995), S. 32.
54 Dunne: Inventing International Society, S. 15. Robert Jackson reiht Carr in die Reihe der Gründungsmitglieder ein. Vgl. Robert H. Jackson: Is there a Classical International Theory?, in: Ken Booth / Steve Smith / Marysia Zalewski (Hrsg.): International Theory. Positivism and Beyond, Cambridge 1996, S. 213. Buzan schließt Carr mit ein, zweifelt allerdings an der Zugehörigkeit Mannings. Siehe Barry Buzan: From International System to International Society: Structural Realism and Regime Theory meet the English School, in: International Organization, 47, 3 (1993), S. 328-329.
55 Vertreter der ES kommen nun auch aus Nordamerika (insbesondere Kanada), Norwegen, Deutschland, Italien und Australien.
56 Iver B. Neumann: The English School and the practices of world society, in: Review of International Relations, 27 (2001), S. 506.
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verwobenes Bild des ‚Universums’ der internationalen Beziehungen bilden. 57 Obwohl jedes dieser Elemente konzeptuell und methodologisch verschieden ist, verschwimmen ihre Grenzen und fließen ineinander über. Das bedeutendste Konzept innerhalb dieser drei Ebenen ist jedoch die Vorstellung einer internationalen Gesellschaft, die erträgliche und geeignete Bedingungen für das Zusammenleben von Staaten verspricht. Die ES übernimmt diese Vorstellung als zentrales Grundprinzip ihrer Theorie über moderne internationale Beziehungen. 58
2.1.1 Das internationale System
Das Entstehen einer internationalen Gesellschaft setzt das Vorhandensein eines Staatensystems oder eines internationalen Systems voraus. Dieses besteht, wenn zwei oder mehrere Staaten sich untereinander derart beeinflussen, dass sie gegenseitigen Einfluss auf ihre Entscheidungen und Handlungen ausüben und sich dadurch veranlassen, sich wie ein Teil des Ganzen zu verhalten. 59 Ein internationales System setzt ein gewisses Level an Interaktion voraus und jedes Mitglied spielt bis zu einem bestimmten Grad eine Rolle im Entscheidungsprozess des anderen. Im engeren Sinne entspricht das Konzept des internationalen Systems dem anarchischen System der Realisten. 60 Dieses ist charakterisiert durch das Fehlen einer suprastaatlichen Institution, welche die Beziehungen unter den souveränen Staaten regelt. Des Weiteren ist es von Machtpolitik und Konflikten dominiert. Konflikte entstehen dadurch, dass die Staaten vorwiegend ihre eigenen nationalen Interessen verfolgen. Normen und das Völkerrecht haben in diesem System keinen bedeutenden Einfluss auf die zwischenstaatlichen Beziehungen. Zugleich können zwei oder mehrere Staaten auch nebeneinander existieren, ohne ein internationales System zu bilden. Besteht dagegen ein Staatensystem, kann die gegenseitige Beeinflussung direkt, bei unmittelbarer Zusammenarbeit oder bei einem Wettkampf um ein Projekt oder Unternehmen, bzw. indirekt, durch
57 Vgl. Buzan: From International to World Society, S. 10.
58 Vgl. Barry Jones: The English School and the Political Construction of International Society, in: Barbara A. Roberson (Hrsg.): International Society and the Development of International Relations Theory, 2. Aufl., London 2002, S. 232.
59 Vgl. Bull: The Anarchical Society, S. 9.
60 Wight unterscheidet darüber hinaus zwischen dem internationalen System und dem Protektoratssystem, in dem ein Staat den anderen dominiert. Ein Beispiel eines solches Systems ist das ehemals kommunistische Staatensystem, welches von der Sowjetunion dominiert wurde. Vgl. Wight: Systems of States, S. 22-26.
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Einfluss von weiteren mit einbezogenen Staaten oder des ganzen Systems auf eine der Parteien, ausfallen. 61
2.1.2 Die internationale Gesellschaft
Die zentrale Kategorie in der ES ist allerdings nicht das internationale System, sondern die internationale Gesellschaft bzw. die Staatengesellschaft. Die Vorstellung der ‚international society of states’ ist ungefähr 400 Jahre alt, aufgrund von Veränderungen in der Sprache wurde der Begriff jedoch nicht immer auf diese Art verwendet. Den Politikwissenschaftlern Chris Brown, Terry Nardin und Nicholas Rengger folgend können unter anderem Hugo Grotius, Friedrich von Gentz, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant mit der Idee der internationalen Gesellschaft in Verbindung gesetzt werden. 62 Indessen benennt die ES Charles Manning, der in den 30er Jahren an der LSE unterrichtet hat, als Urheber dieser Idee.
Ausgangspunkt der Definition der internationalen Gesellschaft ist die Annahme, dass die Staaten im losen, ungeordneten internationalen System ihre eigenen Interessen verfolgen, während sie in einer Konstellation, in welcher sie an Normen und gegenseitige Abhängigkeiten gebunden sind, eine internationale Gesellschaft gestalten, in der sie ihre gegenseitigen Interessen beachten. Die Akteure der internationalen Gesellschaft sind die souveränen Staaten - in den Worten Mannings „those quasipersons, the sovereign states“. 63 Diese sind unabhängig von äußerem Einfluss und haben die volle und exklusive Kompetenz in innenpolitischen Angelegenheiten, inklusive der Gestaltung und Implementierung ihrer eigenen Außenpolitik. Eine Staatengesellschaft oder internationale Gesellschaft entsteht, wenn eine Gruppe von Staaten sich aufgrund gemeinsamer Interessen und Werte durch ein Regelsystem verbunden fühlt und über gemeinsame Institutionen verfügt 64 , wie z.B. die Diplomatie, das Völkerrecht, Regeln für den Kriegsfall oder allgemeine, internationale Organisationen. Darüber hinaus respektieren sie ihre gegenseitige Unabhängigkeit, halten abgeschlossene Verträge ein und unterwerfen sich allgemeinen Beschränkungen in der
61 Vgl. Bull: The Anarchical Society, S. 10. Inspiration für die Analyse des Staatensystems holte sich die ES unter anderem von Arnold Joseph Toynbee und dessen Konzept der Zivilisation. Vgl. A. Nuri Yurdusev: Civilizations and International Systems: Toynbee, Wight and Bull, presented at BISA Annual Conference, London, Dezember 2002, http://www.leeds.ac.uk/polis/englishschool/yurdusev.doc, 08.02.2006, S. 7-14.
62 Siehe Chris Brown / Terry Nardin / Nicholas Rengger (Hrsg.): International Relations in Political Thought. Texts from the Ancient Greeks to the First World War, Cambridge 2002.
63 Charles A. W. Manning: The Nature of International Society, 2. Aufl., London 1975, S. XXIII.
64 Vgl. Bull: The Anarchical Society, S. 13.
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Ausübung von Gewalt gegeneinander. Laut der Definition von Bull und Watson besteht eine internationale Gesellschaft aus Folgendem:
„[…] a group of states (or, more generally, a group of independent political communities) which not merely form a system, in the sense that the behaviour of each is a necessary factor in the calculations of the others, but also have established by dialogue and consent common rules and institutions for the conduct of their relations, and recognise their common interest in maintaining these arrangements”. 65 Die internationale Gesellschaft setzt demnach ein internationales System voraus. Dessen ungeachtet entwickelt sich ein internationales System nicht zwingend zu einer internationalen Gesellschaft. Staaten können nebeneinander existieren und sich derart verhalten, als wären sie ein notwendiger Faktor für die jeweiligen Handlungen des anderen, ohne jedoch über gemeinsame Interessen, Regeln oder Institutionen zu verfügen. Die Türkei, China, Japan, Korea und Siam sind solche Beispiele. Sie waren Teil des internationalen Systems, zu dem auch Europa gehörte, lange bevor sie Teil der internationalen Gesellschaft wurden. Sie standen stets in Kontakt zu den europäischen Mächten, agierten an deren Seiten bei Handel oder Kriegsfall, ehe sie gemeinsame Werte und Regeln in ihren Beziehungen berücksichtigten. 66 Die Ausführungen der ES zur Beschaffenheit der internationalen Gesellschaft werden allgemein als der wichtigste Beitrag der ES zur Disziplin der IB angesehen. Auch in der Debatte über die ES wurde die Idee der internationalen Gesellschaft als „distinguishing power“ 67 der Forschungsgruppe gekennzeichnet. Doch was bedeutet der Begriff ‚Gesellschaft’ im Kontext zwischenstaatlicher Beziehungen? Es handelt sich hier offensichtlich um eine besondere Art von Gesellschaft, eine mit weniger Mitgliedern als zivile Gesellschaften, eine in der die Kluft zwischen dem Stärksten und dem Schwächsten viel größer ist und in der es keine legitimierten Institutionen gibt, die den Gemeinschaftswillen erzwingen könnten. Neben den Unterschieden zwischen der innenpolitischen und der internationalen Gesellschaft gibt es auch eindeutige Überschneidungen. Beide Gesellschaftsformen können als kooperative Übereinkommen zur Sicherung der wechselseitigen Vorteile der Mitglieder betrachtet werden. Beide haben hochwertig entwickelte Regelsysteme, die von der Prämisse der Gleichheit ausgehen. 68 Im Falle der internationalen Gesellschaft zeichnet sich Gleichheit durch Souveränität aus. Diese verpflichtet jeden Staat dazu, die
65 Hedley Bull / Adam Watson (Hrsg.): The Expansion of International Society, Oxford 1984, S. 1.
66 Vgl. Bull: The Anarchical Society, S. 13-14.
67 Wilson: English School, S. 55.
68 Zumindest ist dies in demokratischen Gesellschaften der Fall.
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territorialen Grenzen der anderen Staaten zu respektieren und sich bis zu einem gewissen Grad nicht in deren Angelegenheiten einzumischen. 69 Eine Frage, welche die Theoretiker der ES immer wieder beschäftigte, ist die nach der Herkunft der internationalen Gesellschaft. Ist diese das Produkt einer gemeinsamen Kultur oder vielmehr eine Reaktion auf die internationale Anarchie, die durch das Fehlen einer Weltregierung bzw. durch die Abwesenheit von Verträgen und Vereinbarungen charakterisiert wird? Auf der Suche nach einer Antwort lohnt ein Blick auf Ferdinand Tönnies Unterscheidung von ‚Gemeinschaft’ und ‚Gesellschaft’. Nach Tönnies impliziert der Begriff ‚Gemeinschaft’ eine gemeinsame Kultur und Tradition, eine ,Gesellschaft’ dagegen ist das Resultat von Verträgen, die aus der Motivation gemeinsamer Interessen heraus abgeschlossen wurden. 70 Auch Max Weber differenziert diese beiden Begriffe: Eine Gemeinschaft beruht seiner Ansicht nach auf „subjektiv gefühlter […] Zusammengehörigkeit der Beteiligten“, eine Gesellschaft „auf rational […] motiviertem Interessenausgleich oder auf ebenso motivierter Interessenverbindung“, welche nach „rationaler Vereinbarung durch gegenseitige Zusage“ geformt wird. 71 Tönnies und Webers Definitionen der ‚Gesellschaft’ entsprechen eindeutig dem Gesellschaftsverständnis der ES, sie betonen beide die Verregelung, die Motivation gemeinsamer Interessen und die Rationalität der Menschen. Zudem entzieht sich die ES dem Begriff ‚Gemeinschaft’, da dieser zum einen Anarchie ausschließt, welche jedoch zu den Grundannahmen der ES gehört, und zum anderen idealistisch geprägt ist. Die Vertreter der ES aber lehnen den Idealismus aufgrund seiner utopischen Elemente ab. 72 Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die internationale Gesellschaft linear zur „logic of culture“ (dem Zivilisationsmodell) oder entsprechend der „logic of anarchy“ (dem funktionalen Modell) entstanden ist. 73 Bezugnehmend auf die Ausführungen von
69 Dieser Grad ist überschritten, wenn z.B. Menschenrechte verletzt werden oder ein Staat Kriegsabsichten hegt. Vgl. Dunne: Inventing International Society, S. 10.
70 Vgl. Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, 3. Aufl., Berlin 1920, S. 1-2. Siehe zur Vertiefung S. 7-32 zur Gemeinschaft und S. 33-68 zur Gesellschaft. Vgl. auch Yannis Stivachtis: The Enlargement of International Society: Anarchy more than Culture, presented at 4th Pan-European International Relations Conference, Canterbury, September 2001, http:// www.ukc.ac.uk/politics/englishschool/stivachtis-anarchy01.htm, 08.02.2006, S. 2 und Chris Brown: The ‘English School’: International Theory and International Society, in: Mathias Albert / Lothar Brock / Klaus Dieter Wolf (Hrsg.): Civilizing World Politics. Society and Community beyond the State, Lanham 2000, S. 92-93.
71 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, 5. Aufl., Tübingen 1980, S. 21.
72 Bulls größte Kritik am Utopismus findet sich in ‚The Anarchical Society’, wo er entschieden solche Konzepte wie die der Weltregierung, ein neues Mittelalter, eine regionale Konstruktion der Welt sowie revolutionäre Schemen für Veränderung ablehnt. Siehe Bull: The Anarchical Society.
73 Stivachtis: The Enlargement of International Society, S. 1. Siehe auch Barry Buzan / Charles Jones / Richard Little: The Logic of Anarchy. Neorealism to Structural Realism, New York 1993.
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Stivachtis entwickelte sich die internationale Gesellschaft aus der Konsequenz der Anarchie heraus; und zwar dadurch, dass Staaten einerseits strategische und ökonomische Verbindungen eingingen und andererseits die Notwendigkeit der Kooperation im internationalen System erkannt haben. 74 Daraus lässt sich schlussfolgern, dass eine gemeinsame Kultur, die ohne Zweifel die Integration vertiefen kann, keine notwendige Bedingung für das Entstehen einer internationalen Gesellschaft ist. Zur Wesensbestimmung der internationalen Gesellschaft gehört ferner die Annahme, dass die Staaten keine „strangers to the moral world“ 75 sind. Die Staatengesellschaft entwickelte sich durch „the handiwork of real people engaged in ongoing activities that we identify with the subject of international relations“. 76 Bei der Formulierung ihrer Außenpolitik sind die Staaten an legale Prinzipien und festgesetzte Normen gebunden, welche die Struktur der internationalen Gesellschaft bilden. Eine zentrale Hypothese der ES besagt, dass die Akteure der Staatengesellschaft durch deren normative Struktur sozialisiert werden. 77
Im Sinne Bulls stellt Buzan drei Abstufungen an Normen und Regeln heraus, welche die internationale Gesellschaft definieren und den Weg ihrer Verregelung erörtern 78 : Erstens, die konstitutionellen Prinzipien, welche die normative Grundlage der Staatengesellschaft bilden. Das Schlüsselprinzip der internationalen Gesellschaft ist hier die Souveränität. Zweitens, die Bedingungen der Koexistenz, sozusagen die Verhaltensregeln der Gesellschaftsmitglieder. Darunter fallen Prinzipien wie Eigentumsrechte, Gewalteinschränkung sowie die Einhaltung von Verträgen. Auf diesem Level treten die fünf Ordnungsinstitutionen Bulls in Erscheinung. 79 An dritter Stelle folgen die Normen des internationalen Lebens, die sogenannten „secondary goals“ 80 , welche die Kooperation in den Bereichen Politik, Strategie, Gesellschaft und Wirtschaft regeln. Hierin eingebunden sind Verträge zur Rüstungskontrolle, Handel, Finanzen und Umwelt, sowie das gesamte System der Vereinten Nationen. 81
74 Vgl. Stivachtis: The Enlargement of International Society, S. 3 sowie Buzan: From International System to International Society, S. 333-336.
75 Dunne: Inventing International Society, S. 10.
76 Robert H. Jackson: The Political Theory of International Society, in: Ken Booth / Steve Smith (Hrsg.): International Relations Theory Today, Cambridge 1995, S. 113.
77 Vgl. Dunne: Inventing International Society, S. 10.
78 Vgl. Buzan: From International to World Society, S. 52.
79 Diese Institutionen - Diplomatie, Krieg, Völkerrecht, Mächtegleichgewicht und Großmächte - werden in Kapitel I, 2.2 ausführlich erläutert.
80 Buzan: From International to World Society, S. 52.
81 Die ersten beiden Abstufungen entsprechen der pluralistischen Konzeption der Staatengesellschaft, während die dritte Stufe bestimmte Aktionen betrifft, welche typisch für die solidaristische Position sind. Siehe hierzu Kapitel I, 2.3.
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Es lässt sich festhalten, dass die internationale Gesellschaft ein Zusammenschluss von Staaten ist, welche gemeinsame Ziele und Interessen verfolgen. Sie besitzen gemeinsame Prinzipien, nach denen sie ihre Ziele ausrichten sowie gemeinsame Institutionen, die ihnen dabei behilflich sind. Eine notwendige Bedingung für die Aufrechterhaltung der internationalen Gesellschaft ist die Einhaltung der gemeinsamen Regeln durch die einzelnen Mitglieder. Staatsmänner, politische Anführer, Diplomaten - sie alle sollten die gleichen fundamentalen Ansichten bezüglich der Form der internationalen Beziehungen, den Akteuren und deren Verhalten vertreten. In der internationalen Gesellschaft sind die Staaten „parts of a greater whole“ 82 und sollten dementsprechend handeln.
Insbesondere bei einer Ausweitung der internationalen Gesellschaft spielt dies eine Rolle. Deshalb befasste sich die ES eingehend mit der Expansion der Staatengesellschaft. 83 Diese fühlt sich aufgrund einer gemeinsamen Identität und gemeinsamen kulturellen Werten verbunden. In genau diesen Kriterien zeigt sich gleichwohl die Problematik der globalen Ausdehnung. Hierbei steht die Staatengesellschaft vorerst vor der schwierigen Aufgabe, gemeinsame Werte herauszustellen, um überhaupt erst eine Grundlage zu schaffen, auf der die Staaten weltweit in Frieden zusammenleben könnten. Nach Bull erfordert die Expansion der internationalen Staatenwelt eine grundlegende Entwicklung und keine machtpolitische und ideologische Konfrontation zwischen den Staaten. 84
Aus heutiger Sicht ist die dominante Position der europäischen oder westlichen Mächte der essentielle Faktor der europäischen internationalen Ordnung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit genossen die westlichen Führungsmächte eine unangefochtene Vormachtstellung, welche durch die Regeln und Institutionen der internationalen Gesellschaft geschützt wurde. 85 Verfolgt man nun den Übergang von der europäischen zur globalen Staatengesellschaft, fällt der stetige Rückgang der europäischen Hegemonie auf. Dabei handelt es sich weniger um die geographische Lage, die als Ursache für diesen Autoritätsverlust in Betracht gezogen werden könnte, als vielmehr um den breiteren politischen Kontext, in welchem sich die europäischen
82 Martin Wight: Western Values in International Relations, in: Herbert Butterfield / Martin Wight (Hrsg.): Diplomatic Investigations. Essays in the theory of International Politics, London 1966, S. 95.
83 Einen der ersten systematischen Versuche der ES, diesen Themenkomplex zu erforschen, liefert Bulls und Watsons Werk ‚The Expansion of International Society‘. Siehe Bull / Watson: Expansion of International Society.
84 Vgl. Hedley Bull: The European International Order, in: Kai Alderson / Andrew Hurrell (Hrsg.): Hedley Bull on International Society, Basingstoke 2000, S. 170.
85 Vgl. ebd., S. 174-175.
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Staaten, die USA und die Sowjetunion befanden. Spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die internationale Ordnung nicht länger durch europäische Staaten dominiert, sondern durch die beiden konkurrierenden Großmächte USA und Sowjetunion. Nach Geoffrey Barraclough war es der russische Sieg in Stalingrad, der 1943 „a total revision of European history“ 86 herbeiführte. Der Aufstieg Afrikas 87 und Asiens sowie der Einfluss der Dritten Welt und die zunehmende Revolte gegen den Westen 88 erfordern zudem einen differenzierteren Blick auf die Expansion des internationalen Systems auf globaler Ebene. Diese Veränderungen in der Weltpolitik fordern die ES heraus, von ihrer Westzentralisation 89 abzusehen und einen globalen Blick auf das internationale Geschehen zu werfen.
Im globalen internationalen System von heute gibt es keine gemeinsame Kultur aller Staaten, folglich können gewisse Regeln und Institutionen der europäischen Staatengesellschaft nicht universell übertragen werden. 90 Hier drängt sich die Frage auf, ob sich im Zuge der globalen Expansion des internationalen Systems die internationale Gesellschaft ebenso ausgedehnt hat oder ob die Herausforderungen, welche die Indikatoren für eine Staatengesellschaft mit sich ziehen, auf weltweitem Raum unüberwindbar sind. Trotz der Revolte gegen den Westen gibt es viele Anzeichen für eine fortwährende Existenz der globalen Staatengesellschaft, die auf gemeinsamen Interessen basiert, ohne jedoch Träger einer gemeinsamen Kultur zu sein. 91 Bei der Analyse des Übergangs von der europäischen zur globalen internationalen Gesellschaft, muss dieser Prozess streng von anderen Veränderungen in der Welt getrennt werden. Denn zugleich sind sowohl die westlichen Staaten als auch die nichtwestlichen Staaten gebunden an die Entwicklung der Weltwirtschaft, den technologischen Fortschritt und insbesondere an die wachsende gegenseitige Abhängigkeit. 92
86 Geoffrey Barraclough: History in a Changing World, Oxford 1955, S. 9. Nach dem Untergang des sowjetischen Imperiums existiert heute jedoch ein unipolares Staatensystem mit den USA als einzige Großmacht.
87 Das südlich der Sahara gelegene Afrika war der letzte Landstreifen der Welt, der um 1880 in das internationale System eingefügt wurde. Vgl. Hedley Bull: European States and African Political Communities, in: Hedley Bull / Adam Watson (Hrsg.): The Expansion of International Society, Oxford 1984, S. 99.
88 Vgl. Kapitel ‚The Revolt against Western Dominance’, in: Bull: Justice in International Relations, S. 19-34 und Hedley Bull: The Revolt against the West, in: Hedley Bull / Adam Watson (Hrsg.): The Expansion of International Society, Oxford 1984, S. 217-228.
89 Vgl. Hidemi Suganami: British Institutionalists, or the English School, 20 Years On, in: International Relations, 17, 3 (2003), S. 267.
90 Vgl. Bull: The European International Order, S. 182.
91 Vgl. Andrew Hurrell: Society and Anarchy in International Relations, in: Barbara A. Roberson (Hrsg.): International Society and the Development of International Relations Theory, 2. Aufl., London 2002, S. 23.
92 Vgl. Bull: The European International Order, S. 185.
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Andrea Gebhardt, 2006, Die Englische Schule unter besonderer Berücksichtigung ihrer Einordnung in die Theorien der Internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag GmbH
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