Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der wunderlîche Alexander 3
3. Die Wunder des Orients
3.1 Die Natur als Mangelzustand
3.1.1 Die Lebensführung der Occitraten 6
3.1.2 Auseinandersetzungen mit der “Antinatur 8
3.2 Von der Natur zur Kultur
3.2.1 Alexander in der Welt der Blumenmädchen 9
3.2.2 “Feudaler Herrschaftshandel und die Candacis-Episode 11
3.3 Das irdische Paradies und Alexanders Umkehrung 13
4. Fazit 16
5. Quellennachweis 17
6. Obligatorische Erklärung zu Hausarbeiten
1. Einleitung
Der Glaube an monströse Völker oder auch Wunderwesen, die im Osten leben, ist im Mittelalter weit verbreitet: Ein allgemein menschliches Denkschema scheint es zu sein, die Ferne und Fremde mit Wesen zu bevölkern, die entweder weit unter oder weit über dem normalen menschlichen Maß liegen. 1
Die westliche Vorstellung über Wesen in der Fremde geht zurück auf das Weltbild der Griechen und biblische Überlieferungen. Es existiert eine vorwissenschaftliche Weltkunde, die ihre ganze Entfaltung in der mittelalterlichen Weltkarte der mappa mundi zeigt. Sie weist keine praktisch geographische Verwendbarkeit auf, sondern “veranschaulicht aus 2 christlich-heilsgeschichtlicher Perspektive das Weltbild” . Aufgeteilt ist die sogenannte T-O-Karte in drei Erdteile Asien, Europa und Afrika. Am westlichen Rand der Karte entdeckt man die Amazonen und am Randgebiet des Ostens, Indien bildet das breiteste Reservoir, findet man die unterschiedlichsten monströsen Völker. Deutlich wird vor allem, dass diese Rassen in größtmöglicher Distanz zu Jerusalem, dem christlichen Zentrum, angesiedelt sind und dass sie, je mehr man die Grenzen der Welt 3 erforscht hat, immer weiter nach außen verdrängt wurden . Wie aber kommt es zu der Vorstellung von grauenhaften Tieren und monströsen Menschen im Osten?
Eine genaue Beschreibung Indiens geht zurück auf Megasthenes, der sowohl die geographische Beschaffenheit als auch die Mythologie miteinbezieht:
Although this report was unsurpassed in reliability and abundance of material for many centuries to come, Megasthenes relates in it the stories of Indian marvels, of fabulous races and animals. 4
1
Kragl, Florian: Die W eisheit des Frem den, S. 148. 2
W eddige, Hilkert: Einführung in die germ anistische Mediävistik, S. 58. 3
Friedm an, John Block: The Monstrous Races in Medieval Art and Thought, S. 58.
4
W ittkower, Rudolf: Marvels of the East. A Study in the History of Monsters, S. 162.
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Der Grund dafür liegt in den mündlichen und schriftlichen Überlieferungen indischer Erzählungen und Gedichte. Zweifel an diesen Erzähltraditionen gibt es kaum, da zum einen das als wahr angesehen wird “was 5 wahrscheinlich oder auch nur möglich” ist, zum Teil auch durch den Glaube an Gottes Schöpfung, und zum anderen eine Überprüfung in den fernen exotischen Ländern nicht stattfinden kann. Die Bücher und Karten vermitteln den Menschen also eine Realität, die zusätzlich durch Bilder, genaue Beschreibungen der Rassen und 6 Namensgebungen für die Wunderwesen gefestigt wird . “Kombinations- 7 gabe und Phantasie” des Menschen erschaffen wundersame Tiere und seltsame Wesen. Sie vergleichen und verbinden ihnen bekannte Lebewesen mit den fremden Kreaturen und teilen diesen so Eigenschaften und Fähigkeiten zu. Der häufigste Grund für Monster liegt meistens jedoch ganz nah und hat wenig mit Fabulösem zu tun: Schon in der Antike verstand die Medizin unter dem Begriff nmonstrao Menschen und Tiere mit angeborenen Fehlbildungen, die sogenannten Missgeburten... 8
Als Beispielwerk für mittelalterliche Literatur mit monströsem Inhalt dient uns “Alexander der Große”. Im Alexanderroman des Pfaffen Lambrecht begegnet man sowohl einem wunderlîchen Protagonisten, als auch monströsen Völkern.
Der Zusammenhang dieser beiden und auch die Funktion der Wunderwesen in Alexanders Leben sollen im Rahmen dieser Arbeit erläutert werden.
5
Kragl, Florian: Die W eisheit des Frem den, S. 147. 6
Friedm an, John Block: The Monstrous Races in Medieval Art and Thought, S. 42. 7
Müller, Ulrich/ W underlich, W erner: Däm onen, Monster, Fabelwesen, S.12.
8 Ders., S. 23.
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2. Der wunderlîche Alexander “Rîcher chunege was genûc. Daz ne saget uns nehein pûch noh neheiner slahte mâre, [...] sô der wunderlîche Alexander.” 9
Was aber verschafft Alexander den Beinamen wunderlîch (vgl. StrA u.a. 845, 1821, 2046, 2665, 2854)? Matthias Lexer übersetzt das Wort unter 10 anderem mit “aussergewöhnlich” und “erstaunlich” . Dies kann sowohl im positiven als auch im negativen Sinn gemeint sein. Seine staunenswerten Taten zeigen sich in erster Linie auf seinen Eroberungsfahrten, die er “mit listen oder mit mahten” (VA 57) für sich entscheidet. Doch schon bei Alexanders Geburt kommt es zu wunderlîchen Vorzeichen: “Diu erde erbibete uber al. Dâ was der doner vil grôz. Â, wie starche daz weter ane gôz! Der himel, der wandelôte sich, unt der sunne verdunchlôte sich. Er hete vil nâch sînen schîmen verlorn” (VA 107-113) Die Naturwunder lassen den Anschein einer Heldengeburt aufkommen und auch göttliche Einmischung ist nicht auszuschließen. So lässt es sich nicht verhindern, den Mythos um die Nektanebus Sage anzuschneiden. Im Alexanderroman des Pfaffen Lambrecht, wird die Zeugung Alexanders durch Nektanebus als Geschichte von “bôse lugenâre” (VA 71) abgelehnt. In den Alexanderromanen von Valerius und Leo bildet diese Episode jedoch die Grundlage für Alexanders heranwachsen. So soll der Magier Nektanebus, Alexanders Mutter Olympias im Traum durch zauberische Beschwörung als Gott Ammon in Drachengestalt erschienen sein und ihr beigewohnt haben. König Philipp, der sich zu dieser Zeit im Krieg befand, wurde ebenfalls mit einem Traumbild getäuscht, in dem deutlich gemacht wurde, dass Olympias von einem Gott empfangen hat. 11
9
Pfaffe Lam brecht: Alexanderrom an. Stuttgart: Reclam, 2007. VA 35-45. Alle weiteren Zitate dieses W erkes werden durch Versangaben direkt hinter dem Zitat kenntlich gem acht. 10
Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 328.
11
Kirsch, W olfgang: Historie von Alexander dem Grossen, S. 11-17.
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Die Umstände bei der Geburt bekräftigen diese Sage und auch das Aussehen und Heranwachsen Alexanders weisen wunderlîche Attribute auf: “Der dêch baz in drîn tagen dan al ander chint, sô si drîer mânôt alt sint. Unt alsô im ieht gescach, daz ime ubel ze hôren was, sô sah er, alsô der wolf toet, [...] Strûb unde rôt was ime sîn hâr, nâh eineme viske getân, [...] grispe alsô lewen loche. [...] Ein ouge, das was weitîn, getân nâch eineme drachen. [...] Swarz was ime daz ander, nâch eineme grîfen getân.” (VA 118-139)
Alexander wächst schnell zu einem kräftigen Mann heran und auch seine schulische Ausbildung hat er mit zwölf Jahren abgeschlossen. Seine verschiedenen Tiermerkmale dienen als Vorzeichen für seine spätere Herrschaft über Land, Wasser und Luft. Auch bei der Legitimationsprüfung zum königlichen Herrscher, kommen ihm seine tierischen Eigenschaften zu gute, da er das wilde todbringende Ross seines Vaters Philipp bändigen kann:
“Alsô Buzival gegen im ûz wolte varn unt ez Alexander ane begunde starn, ez erblûcte sich aller sîner maht unt wolte im wesen dienesthaft.” (VA 304-307) Aber auch Maßlosigkeit und Größenwahn zeigen sich in Alexanders Attributen und Verhaltensweisen. Er fühlt sich privilegiert dazu, von allen Lebewesen und auch von der Natur, Tribut zu fordern. Dass dies nicht immer gelingt, muss er erfahren, als er sich auf die Reise durch den Orient begibt. Seine wunderlîchen Fähigkeiten, die sich zumeist auf militärisch listige Vorgehensweisen beschränken, helfen ihm dort nicht.
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Arbeit zitieren:
Nadine Schwarz, 2009, Wunderwesen im Mittelalter und ihre Funktion am Beispiel des Straßburger Alexanders, München, GRIN Verlag GmbH
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