S
AMMLUNG
I
Aufsätze zum Verhältnis von Faktum und Fiktion
in Literatur und Sprache
von René Ferchland (B.A., Universität Erfurt)
I
D
ER
2. W
ELTKRIEG IN DER
L
ITERATUR
1.
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ARSTELLUNG VON
J
UDEN UND
J
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II
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11. S
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2001
IN DER
L
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3.
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CHLAGZEILE DES
11. S
EPTEMBERS
FORMALE UND SOZIOLINGUISTISCHE
A
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4.
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EOHISTORISTISCHE
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L
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11. S
EPTEMBERS
2001
III
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ERSÖNLICHE
E
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L
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5.
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INE LITERATURKRITISCHE
A
NALYSE DES BÜRGERLICH
-
REALISTISCHEN
W
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6.
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I
TALIEN
MÖGLICHE
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K
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IV
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S
PRACHE UND
S
CHRIFT
7. P
SYCHOGRAFIEN
,
DIE CHINESISCHE
S
CHRIFT
,
DAS
E
SPERANTO
Inhaltsverzeichnis:
1.
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EXT
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«
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ARSTELLUNG VON
J
UDEN UND
J
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R
OMAN
(2006)
1.1 R
EZEPTIONSASPEKTE DES
R
OMANS
»J
AKOB DER
L
ÜGNER
«
01
1.2 I
DENTIFIKATION MIT DEM
J
ÜDISCHEN
03
1.2.1
Die
Figur
Kowalski
03
1.2.2
Die
Gebrüder
Schtamm 04
1.2.3
Leonard
Schmidt 06
1.2.4
Jakob
Heym
06
1.3
D
AS TEXTINTERNE
J
UDENBILD VS
.
DAS
»
HISTORISCHE
D
EUTSCHE
« 08
2.
D
ER MONTIERTE
E
FFEKT IM LETZTEN
T
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K
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ROJEKT
(2007)
2.1 D
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«-P
ROJEKT
09
2.2
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AS
E
CHOLOT
«
ALS MONTIERTE
D
OKUMENTATION
10
2.3 P
ARA
-
UND
I
NTERTEXTUALITÄT IN DER LITERARISCHEN
M
ONTAGE
12
2.3.1 Verwendung von Fotografien / Paratextuelle Aspekte
12
2.3.2 Intertextualität als Grundbaustein der Montage
13
2.4 A
BGESANG
'45
15
2.4.1 Hitlers Geburtstag Rekonstruktion eines ,,Trauertages"
15
2.4.2 Dialog von Subjekten als Objektivitätskriterium
16
2.4.3 Die Kapitulation Abgesang '45
17
Inhaltsverzeichnis
3.
D
IE
S
CHLAGZEILE DES
11. S
EPTEMBERS
FORMALE UND SOZIOLINGUISTISCHE
A
SPEKTE
(2007)
S
CHLAGZEILEN NACH DEM
11. S
EPTEMBER
2001
19
3.1
D
IE
T
AGESZEITUNG
: T
ABLOID UND
B
ROADSHEET
20
3.2
D
IE ALLGEMEINE PRINTMEDIALE
S
ITUATION NACH DEM
11.09.
21
3.2.1
Unmittelbare Reaktionen der deutschen Tagespresse
21
3.2.2
Reflektionen kurz- und fünf Jahre danach
22
3.3 Z
IFFER
11
DES
P
RESSEKODEX
'
UND DER
11.09. 23
3.4 A
LLGEMEINE
E
IGENSCHAFTEN DER
S
CHLAGZEILE
24
3.5 D
IE
S
CHLAGZEILENFORMULIERUNG
26
3.5.1 Die
Schlagzeilen-Berichtvorspann-Relation
26
3.5.2
Die Aufmachung der Schlagzeile und ,,double talk"
28
3.6 F
AZIT
30
4.
»E
XTREM LAUT UND UNGLAUBLICH NAH
« - N
EOHISTORISTISCHE
A
NSÄTZE IN DER
L
ITERATUR DES
11. S
EPTEMBERS
2001
(2007)
4.1 D
ER
11. S
EPTEMBER
2001
UND
L
ITERATUR
73
4.2
L
ITERATUR DES
11. S
EPTEMBER
75
4.2.1
»Extremely loud & incredibly close« von Jonathan Safran Foer
76
4.2.2
»www.else-buschheuer.de das New York Tagebuch«
79
4.3 D
IE
R
EFERENZ AUF
»9/11«
35
4.4 T
HESEN DES
N
EOHISTORISMUS
38
4.5 N
EOHISTORISTISCHE
A
NSÄTZE IN
F
OERS
R
OMAN
42
4.5.1
Kontextbildende
Materialien
42
4.5.2
Der
Diskursfaden
45
4.5.3
Die
kulturelle
Energie 47
4.6 F
AZIT
49
Inhaltsverzeichnis
5.
»D
ER
S
CHIMMELREITER
« - E
INE LITERATURKRITISCHE
A
NALYSE
DES BÜRGERLICH
-
REALISTISCHEN
W
ERKES
(2006)
5.1 E
INBLICK IN DIE
E
POCHE UND
S
TORMS
L
EBEN
51
5.1.1
Der
Realismus-Begriff 52
5.1.2
Exkurs:
Storm
in
Husum
53
5.1.3
Aspekte
zur
Werkentstehung
54
5.2
D
ER
M
YTHOS
»S
CHIMMELREITER
«
57
5.2.1 Selbstheroisierung
Hauke
Haiens
58
5.2.2
Die dargestellte Gesellschaft: Konservatismus vs. Moderne
59
5.3 L
ITERATURTHEORETISCHE
A
NALYSE DES
E
RZÄHLTEXTES
62
5.4 R
EZEPTIONSERGEBNISSE FÜR DEN
L
ESER
65
6.
G
OETHE REIST NACH
I
TALIEN
MÖGLICHE
U
RSACHEN EINER
K
RISE
(2008)
6.1 D
AS
W
ERTESYSTEM DES MÜNDIGEN
M
ENSCHEN
G
OETHE
67
6.2
D
IE
K
RISE UND
I
TALIEN
68
6.3 P
HASEN KINDLICHER
E
NTWICKLUNG
70
6.3.1
Goethe wird, was man ihm gibt
71
6.3.2
Goethe ist, was er will
73
6.3.3
Goethe ist, was er sich zu werden vorstellen kann
74
6.4 E
RGEBNISSE DER
I
TALIENREISE
76
7.
E
SSAYS ZU
S
PRACHE UND
S
CHRIFT
(2008)
I
P
SYCHOGR
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I
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A
LPHABETISIERUNG DER
S
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II
D
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S
CHRIFT
: E
NTSTEHUNG UND
V
ERSTÄNDNIS
85
III D
IE
I
DEE DES
E
SPERANTO
:
KÜNSTLICH VS
.
NATÜRLICH
90
Inhaltsverzeichnis
1.
D
ER
J
UDE IM
T
EXT
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AKOB DER
L
ÜGNER
«
D
ARSTELLUNG VON
J
UDEN UND
J
UDENTUM
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B
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OMAN
1 . 1 R
EZEPTIONSASPEKTE DES
R
OMANS
»J
AKOB DER
L
ÜGNER
«
Zu Anfang soll geklärt werden, wodurch Jurek Becker zu diesem, seinem wohl größten Werk
inspiriert wurde und welche Aspekte es für eine tiefergehende Rezeption durchaus zu beach-
ten gilt.
Eine Äquivalenz der Schwerpunkte des Romans hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem
Judentum, der Darstellung eines jüdischen Ghettos und Jurek Beckers erste Lebensjahre in
einem solchen ist augenscheinlich. Doch kann man das 1967 von Jurek Becker geschriebene
Drehbuch ,,Jakob der Lügner" wirklich als einen autobiografischen Verarbeitungsversuch be-
trachten? Als Versuch also, das Gefühl des Einzelnen in einer großen Masse eingesperrt,
überwacht und mundtot in den eigenen Kontext zu setzen und dadurch eine Eigenrehabilita-
tion herbeiführen zu wollen? Man sollte meinen, dass dies nahe liegt, doch war der Autor für
rekapitulierbare, explizite Erinnerungen an ein solches Ghettoleben zu jung; es handelt sich
hier um den Zeitraum ab seiner Geburt, also 1937 bis zum Jahre 1939.
1
Trotz oder gerade aufgrund nicht vorhandener Erinnerungen ist es Becker ein Bedürfnis, in
eine solche Welt einzutauchen, was ihm mithilfe der Schriftstellerei zu gelingen vermag, denn
,,ohne Erinnerungen an die Kindheit zu sein, das ist, als wärst du verurteilt, ständig eine Kiste
mit dir herumzuschleppen, deren Inhalt du nicht kennst"
2
.
Ein weiterer Aspekt für die Romangrundlage ist sicherlich die Geschichte, die der Autor von
seinem Vater Max Becker erfahren hat. Dieser bat ihn im Anschluss, über jemand Außerge-
wöhnliches zu schreiben. Die Geschichte: ,,Ich habe einen Mann gekannt, der hat im Ghetto
1
Vgl. Heidelberger-Leonard, Irene: Schreiben im Schatten der Shoah, in: Text + Kritik. Jurek Becker, hg. von
Heinz Ludwig Arnold. München 1992, S. 19.
2
In: ,,Das Ghetto in Lodz 1940-1944", Wien 1991, S.16.
2
Radio gehört. Weißt du, was das bedeutet? Das war bei Todesstrafe verboten. Der hat Radio
London oder Radio Moskau oder was weiß ich gehört und hat die guten Nachrichten weiter
verbreitet, und das ist solange gegangen, bis ein Spitzel ihn denunziert hat, und dann ist er er-
schossen worden"
3
. Sowohl das Motiv des Radios als auch der vermeintliche Held und dessen
tragisches Ende haben Becker derart beeinflusst, dass er sein Drehbuch stark daran anlehnte.
Dass der Held in Beckers Umsetzung den Namen Jakob trägt, ist kein Zufall Jurek Becker
wies darauf hin, dass es einen Zusammenhang mit der biblischen Geschichte von Jakob und
dessen Betrug an Esau gebe.
4
In dieser wird beschrieben, wie Jakob den Segen des Erstgebo-
renen, also den Vorzug vor seinem Bruder Esau durch eine Lüge erhält und damit am Ende
zum Wohle aller beiträgt. Dieses Motiv des Lügens aus Barmherzigkeit übertrug Becker mit
Jakob in seine Geschichte.
Nachdem das Drehbuch zu ,,Jakob der Lügner" 1968 abgelehnt wurde, arbeitete Becker es
zum Roman um. 1969 dann erschien dieser und begründete seinen Ruhm als Prosaschriftstel-
ler. Ironisch wirkt die Tatsache, dass der Roman dann doch verfilmt wurde und sogar eine
Oscar- Nominierung erhielt.
Jurek Beckers ganz eigene Einstellung zum Judentum ist ebenfalls ein wichtiger Aspekt für
das Verstehen dessen, was der Roman vermitteln will. Er identifizierte sich nie mit dieser ihm
scheinbar aufgebrannten religiösen Zugehörigkeit, denn wenn man ihn danach fragte, so ant-
wortete er: ,,Meine Eltern waren Juden"
5
. Sein distanziertes Verhältnis mündet sogar fast in
einer Ablehnung jeglicher jüdischer Attribute, denn er verstand sie als eine Mahnung, eine
Schuld begleichen zu müssen, die er nie auf sich genommen hat.
6
Damit macht er sehr deut-
lich, dass eine Identifizierung mit dem Judentum eine zu komplexe Identität mit sich bringt, in
der er sich nicht einzuordnen bereit war. Aber genau dieses Problem des ,,Aufstempelns"
zieht sich durch seinen Roman, ganz abgesehen von dem denunzierenden Judenstern. Seine
Figuren nehmen unmissverständlich Stellung zu ihrem Verhältnis zum Judentum und überra-
schen den Leser teilweise mit völliger Ablehnung, zum Teil purem Atheismus. Dies lässt sich
bei der Beleuchtung einzelner Figuren veranschaulichen.
3
Werkstattgespräch mit Jurek Becker. In: Graf, Konietzny 1991, S. 59.
4
Vergleiche Schenke, Manfred Frank: ...und nächstes Jahr in Jerusalem?: Darstellung von Juden und Judentum
in Texten, Frankfurt am Main 2002, S. 254 ff.
5
Heidelberger-Leonard, in: Text + Kritik. S. 21.
6
Ebd.
Rezeptionsaspekte des Romans »Jakob der Lügner«
3
1.2
I
DENTIFIKATION MIT DEM
J
ÜDISCHEN
Festzuhalten ist demnach, dass Jurek Beckers Verhältnis zum Judentum auf der einen Seite
sehr eindeutig ist; dies betrifft seine Ablehnung der Selbstidentifizierung mit dieser Religion
und auf der anderen Seite stellt er die Figuren in seinem Roman als Personen und vor allem
als Juden sehr differenziert dar, untermauert seine Überzeugung mit fast schon appellieren-
dem Charakter. Die Hauptaussage ist wohl, dass es zwischen Juden kaum mehr Gemeinsam-
keiten gibt, als zwischen den Individuen überhaupt.
An dieser Stelle soll nun untersucht werden, welche Figuren des Romans ,,Jakob der Lügner"
sich wie mit ihrer Herkunft und dem Judentum identifizieren. Zudem kann eine solche Unter-
suchung Aufschluss darüber geben, welchen Effekt die Darstellung dieser verschiedenen Ju-
denbilder auf den Rezipienten hat.
,,Im Roman wird ,,das Image der Juden durch eine traditionelle und verbreitete Typologie
strukturiert [...], die allerdings in ihrer Repräsentation durch das Figurenensemble auf
Menschliches bezogen wird."
7
. Becker streut demnach sehr bewusst verschiedenste charakter-
liche Eigenschaften, die dem Juden mit der Zeit als typische Merkmale anheim fielen, über
seine Figuren. Die Figur Kowalski lässt sich als Beispiel dafür heranziehen; er wird als ge-
schwätzig und hinterlistig dargestellt, womit er das Klischee des typischen Juden erfüllt.
Festzuhalten ist zudem, dass Becker weitgehend auf die Darstellung äußerer Merkmale ver-
zichtet, denn zum einen war in dieser Hinsicht keine Differenzierung zwischen Juden und
Nichtjuden nötig, schließlich sind seine Charaktere fast ausschließlich Juden und zum ande-
ren war ihm nicht daran gelegen, die so oft karikierten physiognomischen, physischen und
psychischen Eigenschaften des typischen Judenbildes zu bestätigen. Ausnahmen wie Kowals-
ki dienen sicherlich zur intertextuellen Diskussion.
1.2.1. Die
Figur
Kowalski
Um das Beispiel der Figur Kowalski weiter zu verfolgen; dieser scheinbar durchaus mit ty-
pisch jüdischen Charakterzügen ausgestattete Friseur (,,[er] war misstrauisch, verschroben,
ungeschickt,..." (S. 256)), zeichnet sich dagegen auch durch ein sehr soziales Wesen aus. So
rettet er den Protagonisten Jakob vor dem Zugriff der Deutschen, als Jakob sich die Zeitung
von deren Toilette stiehlt. Kowalski macht mit viel Mut durch ein absichtliches Missgeschick
7
Schenke: Judentum in Texten, S. 266.
Identifikation mit dem Jüdischen
4
auf sich aufmerksam und rettet sein Leben. Und auch als Jakob ihm gesteht, dass es gar kein
Radio gibt, ist seine Schlussreaktion voll menschlicher Wärme: Kowalski ,,dreht [...] sich
noch einmal um, zwinkert tatsächlich, mit beiden Augen. ,Und ich bin dir nicht böse.'" (S.
253). Dieser Ausspruch Kowalskis weist auf eine Sensibilität hin, die der Rezipient dem im
Verlaufe als oberflächlich und fahrlässig Dargestellten gar nicht zutraut. Hier ist das Überra-
schungsmoment auf Beckers Seite, abgesehen davon, dass sich eine gewisse Feigheit in dem
Suizid Kowalskis niederschlägt, so macht diese Handlung umso deutlicher, dass es sich bei
dem geschwätzigen und listigen Juden immer noch um einen Menschen handelt, der hinter
seiner Fassade alle Hoffnung in das Radio und die guten Nachrichten projiziert hat und dass
die Wahrheit ihn um alles zu berauben imstande ist. So stellt Jakob nachdrücklich fest: ,,du
hast mir das falsche Gesicht gezeigt" (S. 256). So klischeeerfüllt diese Figur also zu Beginn
wirkt, so überraschend ist das hohe Maß an Empfindlichkeit und Menschlichkeit, was, wie
uns Becker lehrt, nicht im Kontrast zum ,,typisch Jüdischen" zu stehen hat, sondern damit
einhergehen kann.
1.2.2 Die Gebrüder Schtamm
,,Er schwitzt wie ein Wasserfall, ich habe noch nie jemand so schwitzen sehen, er wird erst
aufhören, wenn die Russen dieses verfluchte Ghetto genommen haben, keinen Tag früher.
Denn Herschel Schtamm ist fromm" (S. 68). Die Figur Herschel Schtamm dient als Vorzei-
geobjekt des kompromisslosen Synagogendieners, immer emsig und fleißig, eben wie es das
Judentum gebietet. Denn nach der Lehre des Judentums ist die Arbeit dem Menschen von An-
fang an eine von Gott gestellte Aufgabe, der diese Figur besonders eindringlich nachgeht.
Auch neben seinem Verhalten bekennt sich dieser Herschel durch seine Schläfenlöckchen
zum Jüdischen. Diese Schläfenlöckchen versteckt er unter einer Mütze, um sie vor den Deut-
schen zu schützen. Und so schwitzt er sommers unerträglich unter dieser Mütze, um sich die-
se Bekenntnisse zu seiner Religion bewahren zu können. Becker stellt mit Bedacht eine so
orthodoxe Figur ins Geschehen; um den Maßstab einer Gottesfürchtigkeit zu setzen, die sogar
innerhalb des ganzen Ensembles stark polarisiert. Zum anderen macht diese Figur den Unter-
schied zu den vermeintlich nichtjüdischen Bewohnern des Ghettos sehr deutlich.
Das Radio stellt für Herschel eine große Gefahr dar, doch verschließt er sich den Neuigkeiten
nicht gänzlich. So nutzt er seine Informationen, um den Menschen in einem Wagen Hoffnung
zu machen: ,,Ihr müsst aushalten, nur noch kurze Zeit müsst ihr aushalten. Die Russen sind
schon bei Bezanika vorbei!" (S. 137). In der Folge wird Herschel deswegen erschossen. Alle
Identifikation mit dem Jüdischen
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