INHALTSVERZEICHNIS
ABSTRACT 4
1. EINLEITUNG. 5
2. DAS MENTALE LEXIKON 8
2.1 Mentales Lexikon als Gedächtniskomponente 9
2.2 Struktur des mentalen Lexikon.s 11
2.3 Formale und inhaltliche Organisation des mentalen Lexikons. 13
2.3.1 Lautliche Information und ihre Beschaffenheit 14
2.3.2 Morphologische Information und ihre Beschaffenheit. 15
2.3.3 Syntaktische Information und ihre Beschaffenheit. 17
2.3.4 Semantische Information und ihre Beschaffenheit 19
2.4 Konzeptuelle Ebene 22
2.5 Mentales Lexikon als Netzwerk 24
3. DAS MENTALE LEXIKON IN DER L1-SPRACHPRODUKTION 25
3.1 Das hierarchisch-serielle Speaking-Model von LEVELT (1989) 26
3.2 Kaskadenmodelle 32
3.2.1 Das Independent Network Model von CARAMAZZA (1997) 34
3.2.2 Das Interactive Activation Model von DEL (1986) 36
4. DAS BILINGUALE MENTALE LEXIKON 40
4.1 Organisationsformen des bilingualen mentalen Lexikons 41
4.2 Entwicklung des bilingualen mentalen Lexikons 45
4.3 Organisation des semantisch-konzeptuellen Systems. 52
4.4 Subset-Organisation des mentalen Lexikons 54
2
5. VON DER MESSAGE ZUR SPRACHSPEZIFISCHEN ÄUßERUNG:
DAS BILINGUALE MENTALE LEXIKON IN DER L2-
SPRACHPRODUKTION 57
6. DER PROZESS DES LEXIKALISCHENLEXIKALISCHER ZUGRIFF BEI
KOMPETENTEN BILINGUALEN 62
6.1 Empirische Untersuchungen zum Lexikonzugriff bei Bilingualen. 66
6.1.1 Stroop-Effekt und Interferenz 66
6.1.2 Bild-Wort-Interferenz-Verfahren 67
6.1.2.1 Zwischensprachlicher semantischer Interferenzeffekt. 68
6.1.2.2 Zwischensprachlicher Identitätseffekt. 70
6.1.2.3 Phonologische und orthographische Erleichterung. 71
6.1.2.4 Kognaten. 73
6.1.3 Nachbarschaftseffekt. 75
6.1.4 Lexikalische Entscheidungsaufgabe 77
6.1.5 Wiederholungseffekt. 79
7. SCHLUSSDISKUSSION 80
LITERATURVERZEICHNIS 82
VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN 86
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ABSTRACT
In my work I review lexical access by bilingual speakers with high level proficiency and bilingual lexical structure.
In mental lexicon the words have to be effectively organised in order to be easier and faster encoding and access. The first issue of this paper is how two languages are stored in bilingual mental lexicon. Early proposals assume two possible forms of organisation: the first assumption support the notion of one common storage for both languages whereas the second assumes two separate lexicons. At this moment the recent theories of bilingualism favours a mixed subsets organisation, in that the single subsets are inter- and intralingual connected. The organisation of single elements in the subsets is influenced by frequency of use, speaker’s proficiency, interlingual similarity. The second main point of my work is: how the bilingual speakers are able to find the right word in the intended language? There are two recent proposals related to lexical access: the first proposal is the language specific hypothesis that assumes that the bilingual speaker searches the target word only in lexical knowledge of the language-in-use. The second assumption is non-language specific lexical access hypothesis that assumes the bilingual speaker searches for the right word in both languages parallel. There are a lot of empirical evidences that favour the non-language specific hypothesis.
4
1.EINLEITUNG
„Heute I saw eine kleine Junge.“
„Da hat mal Einer daneben gegriffen“, könnte man beim Betrachten der ersten Zeile denken. Solche Fehler passiert beim Erwerb einer fremden Sprache nicht gerade selten. Vor allem in der Anfangsphase des Spracherwerbs ist es oft nicht gerade einfach, das richtige Wort „zu finden“. Anders als in der muttersprachigen Produktion, in der man automatisch, zielsicher und innerhalb eines extrem kurzen Zeitraums Wörter abrufen und entsprechend den phonologischen, morphologischen und syntaktischen Regeln aneinander reihen kann, gestaltet sich die Suche nach dem richtigen Wort in einer fremden Sprache oft schwierig und führt nicht selten zu ähnlichen „Fehlgriffen“ wie in der ersten Zeile. Mit der Zeit und zunehmender Kompetenz in der zweiten Sprache gewinnt man einen sicheren Umgang mit den Wörtern und reiht diese passend aneinander, als wären sie Puzzleteile.
Der Speicher in dem unser Wortschatz gespeichert wird, heißt mentales Lexikon. Dieser Speicher hat eine sehr große Kapazität. Hier werden Wörter nach inhaltlichen und formalen Kriterien gespeichert. Während des Sprachproduktionsprozesses werden die hier gespeicherten Wörter abgerufen. Der Prozess des lexikalischen Abrufs, der so genannte lexikalischer Zugriff, verläuft extrem schnell und überwiegend automatisch.
Eine interessante Frage, die sich bei der Betrachtung dieses Themas ergibt, ist, wie lexikalisches Wissen aus mehreren Sprachen, z.B. bei einer bilingualen Person im mentalen Lexikon organisiert ist. In der Literatur werden zwei Annahmen bezüglich der Organisation des bilingualen Wissens kontrovers diskutiert. Die erste Annahme geht von der Existenz eines gemeinsamen Speichers für beide Sprachen aus, während die andere das Vorhandensein zweier separater sprachspezifischer Lexika annimmt. Wenn wir von der Existenz zweier separater Lexika bei Bilingualen ausgehen, so stellt sich die Frage, wie Bilinguale das richtige Wort in einem solchen Quantum an Wörtern finden.
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In meiner Magisterarbeit soll gerade dieser Prozess des bilingualen lexikalischen Zugriffs behandelt werden. Im Fokus steht ein kompetenter Bilingualer, der mit dem Erwerb der zweiten Sprache nach dem Erwerb der Mutter- bzw. Erstsprache begonnenen hat. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf zwei in der Literatur diskutierten Hypothesen. Die erste geht von einem sprachspezifischen Lexikonzugriff aus, während die zweite eine nicht-sprachspezifische, parallele Aktivierung beider Sprachen befürwortet. Die eben erwähnten Hypothesen wurden lange Zeit mit der Annahme eines gemeinsamen bzw. zwei getrennter Speicher in Verbindung gebracht.
Meine Arbeit ist in zwei größere Teile gegliedert. Bevor ich mich der eigentlichen Fragestellung, dem bilingualen Lexikon und dem Prozess des Zugriff auf lexikalisches Wissen zuwende, befasse ich im ersten Teil der Arbeit, im Kapitel 2, mit dem Grundwissen zur Struktur und Organisation im mentalen Lexikon bei einsprachigen Personen. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Erläuterung des Begriffes “mentales Lexikon“ sowie auch auf der formal-strukturellen und inhaltlichen Gliederung des mentalen Lexikons. Des Weiteren wird das Lexikon als eine Komponente des Langzeitgedächtnisses diskutiert. Abgesehen davon wird in diesem Kapitel ebenfalls die Aktivierung und Informationsübertragung im Lexikon auf der Basis von hirnphysiologischen Prozessen diskutiert. Dieses Grundwissen bildet den Ausgangspunkt für das darauf folgende Kapitel, in dem Aktivierung und Abruf lexikalischen Wissens während des monolingualen Sprachproduktionsprozess behandelt werden. Hinsichtlich des lexikalischen Zugriffs werden Innerhalb der Psycholinguistik zwei zeitlich unterschiedliche Ablaufmuster angenommen. Das erste Muster, das von zwei diskreten, nacheinander folgenden Schritten ausgeht, wird in dieser Arbeit anhand des hierarchisch-seriellen Speaking-Modells von Levelt (1989) behandelt. Das zweite Ablaufmuster geht von zwei weitgehend zeitgleichen Aktivationsvorgängen (Dietrich 2002: 165) aus. Diese Idee wird in den so genannten konnektionistischen Modellen vertreten. In Kapiteln 3.2 und 3.3 werden zwei solche Modelle beschrieben: das Independent Network Model Caramazza (1997) und das Interactive Activation Model von Dell (1986). Der Unterschied zwischen diesen zwei konnektionistischen Modellen besteht in der Richtung des Aktivierungsflusses zwischen den jeweiligen Sprachproduktionsebenen.
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Das Wissen über die Struktur und Organisation sowie auch über den Prozess des Lexikonzugriffs bei Einsprachigen bildet die Basis für den zweiten Teil meiner Magisterarbeit.
In diesem Teil gilt die Aufmerksamkeit dem bilingualen mentalen Lexikon - seiner Organisation und dem lexikalischen Abruf. Bezüglich der Organisation des bilingualen Lexikons etablierten sich in der Forschung zwei Annahmen: die Annahme eines gemeinsamen Lexikons und die Annahme von zwei getrennten sprachspezifischen Lexika Diese Annahmen werden im Kapitel 4 in Anlehnung an die Organisationsformen von Weinreich (1953) diskutiert. Des Weiteren werden in diesem Kapitel Faktoren diskutiert, die die Organisation und Verarbeitung im bilingualen Lexikon beeinflussen. Zu diesen Faktoren gehören unter anderem die Gebrauchssituation, der Erwerbskontext, die Sprachkompetenz, der Grad der Bedeutungsüberschneidung, die Häufigkeit des gemeinsamen Gebrauchs.
Wenn man von einem gemeinsamen Lexikon ausgeht, so ergibt sich die Frage, wie ein Bilingualer weißt, welche Sprache er für die intendierte Äußerung braucht. Im darauf folgenden soll die Frage nach der Festlegung der Sprache, die für die jeweilige Äußerung benötigt wird, behandelt werden. Mit dieser Frage beschäftigen sich mehrere Modelle zur bilingualen Sprachproduktion. Zwei davon werden in diesem Kapitel erläutert.
Im letzten Kapitel soll der Prozess des bilingualen lexikalischen Zugriffs bei kompetenten Bilingualen anhand empirischer Untersuchungen diskutiert werden. Bezüglich des bilingualen Lexikonzugriffs stehen sich zwei Hypothesen gegeneinander: die sprachspezifische und nicht-sprachspezifische. Die meisten Forscher vertreten die nicht-sprachspezifische Hypothese des lexikalischen Zugriffs. In der psycholinguistischen Forschung wurden einige Untersuchungsmethoden entwickelt, die die beiden Annahmen zu überprüfen. Einige dieser Untersuchungsmethoden werden im diesem Kapitel aufgeführt.
Zum Schluss sollen die Ergebnisse der vorgetragenen Untersuchungen diskutiert werden.
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2. DAS MENTALE LEXIKON
Der Ausdruck mentales Lexikon ist dem kundigen Leser bestimmt schon mal begegnet. Aber auch der Laie unter uns hat bestimmt schon mal das Wort Lexikon gehört. Die Meisten denken dabei wahrscheinlich an bestimmte Fachlexika, wie z.B. für Medizin, Elektronik, Kochen, Fische, Tiere etc. Für fast nahezu jeden Fachbereich gibt es ein Lexikon. Ungeachtet dessen, für welches Bereich es sich handelt, sind die meisten Lexika gleich strukturiert und stellen „ein Buch mit Wörtern in alphabetischer Reihenfolge, über die man sachliche Informationen“ (Langenscheidts Großwörterbuch 1998: 622) erhalten kann, dar. All diese Lexika haben dazu noch einen begrenzten Umfang, d.h. sie beinhalten nur eine bestimmte Anzahl an Wörtern.
Aber was bezeichnet der Begriff »mentales Lexikon«?
Unter diesem Begriff wird grundsätzlich ein mentaler (innerer) Speicher für den Wortschatz einer Sprache verstanden. In der psycholinguistischen Literatur wird das mentale Lexikon verschiedenartig umschrieben. Nach Dietrich (2002: 20) ist das mentale Lexikon als „ein linguistisches Modell des Wortschatzes einer Sprache oder eben - psycholinguistisch- ein sprachlicher Wissensbestand im Langzeitgedächtnis“ zu verstehen. Aitchison (1997: 3) bezeichnet es wiederum als einen „menschlichen Wortspeicher“.
Alle genannten Bezeichnungen charakterisieren dasselbe: nämlich einen “Speicher“ im Gedächtnis, in dem das gesamte lexikalische Wissen einer Person gespeichert wird. Es sei jedoch sogleich erwähnt, dass unter der Bezeichnung “Speicher“ nicht eine Art “Behälter“, in den alle Wörter nach dem Erlernen “hineinkommen“, verstanden werden soll. Mit dem Begriff mentales Lexikon soll auch kein fester Platz, der im Gehirn fest auszumachen bzw. zu lokalisieren ist, beschrieben werden. Vielmehr handelt es sich bei dieser Bezeichnung um eine Metapher, mit der man dynamische kognitive Prozesse des Speicherns, Abrufens und Enkodierens der Wörter aus dem LZG beschreibt. Neurokognitive Untersuchungen zeigen, dass diese
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Vorgänge quer durch das gesamte Gehirn verteilt ablaufen. Diese Tatsache lässt das Ermitteln eines einzigen festen Ortes, in dem sich das mentale Lexikon im Gehirn befindet, nicht zu. Aber wie soll man denn etwas so Abstraktes dann beschreiben? Nach Aitchison (1997: 38) liegt der Versuch, das mentale Lexikon genau zu beschreiben, irgendwo „zwischen konkreten Modellen der Raumfahrt und den abstrakten Modellen der Wirtschaftswissenschaft“. In der psycholinguistischen Literatur wurden im Laufe der Zeit mehrere Vorschläge gemacht. Einige Forscher verglichen das Lexikon mit Taubenschlägen, andere wiederum mit Bibliotheken und U-Bahnnetzen und wieder andere mit Computern.
Als psycholinguistisch und gedächtnispsychologisch gesichert gilt, dass das mentale Lexikon eine Komponente des LZG darstellt. Es wird nach wie vor kontrovers diskutiert, welche Art von Wissen das mentale Lexikon genau ausmacht. Diese Diskussion wird im folgenden Kapitel weitergeführt.
2.1 Das mentale Lexikon als Gedächtniskomponente
Das mentale Lexikon stellt eine Teilkomponente des LZG dar.
Im LZG selbst ist das gesamte Wissen einer Person über sich selbst und die Welt gespeichert (vgl. Zimbardo 1999: 266). Dieses Wissen wird in prozedurales, semantisches und episodisches Wissen unterteilt. Das prozedurale Wissen beinhaltet Wissen über Fertigkeiten (wie Dinge getan werden); das semantische Wissen wiederum entspricht dem Wissen über „grundlegende Bedeutungen von Wörtern und Begriffen“ (ebd.). Erinnerungen an Ereignisse, die auf persönlichen Erfahrungen beruhen, bilden das episodische Wissen. Das semantische und episodische Wissen werden oft unter dem Begriff deklaratives Wissen zusammengefasst (vgl. ebd.).
Die eben aufgeführte Unterteilung spielt hier insofern eine wichtige Rolle, als heute immer noch darüber diskutiert wird, welche Art von Wissen den Inhalt des Mentalen Lexikons ausmacht. Bis in die 70-er des vergangenen Jahrhunderts gingen die meisten Psycholinguisten davon aus, das mentale Lexikon sei ausschließlich ein
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Speicher für semantische Formen bzw. Wissen und damit vom Regelwissen bzw. prozeduralen Wissen getrennt. Dieser Ansatz, in dem die unterschiedlichen Wissensarten gespeichert sind wird in der Literatur auch als modularer Ansatz bezeichnet. Er wird auch von Levelt (1989) vertreten. Levelt zur Folge handelt es sich beim lexikalischen Wissen nur um das deklarative (explizite) Wissen; das prozedurale (implizite) Wissen (z.B. Wortbildungsregeln) wird dagegen nicht im mentalen Lexikon gespeichert:
„Mental lexicon is, we assume, a passive store of declarative knowledge about words. It does not contain procedural knowledge, which makes possible the generation of new words.” (Levelt 1989: 185)
Der modulare Ansatz wird in der gegenwärtigen Forschung nicht mehr einstimmig befürwortet. Der so genannte holistische kognitive Ansatz spricht gegen die Trennung zwischen dem prozeduralen Wissen und dem Weltwissen. Die Vertreter dieses Ansatzes „nehmen an, dass sowohl die Repräsentationen als auch die Verarbeitung sprachlicher und nicht-sprachlicher Informationen universalen kognitiven Prinzipien folgt“ (Rothweiler 2001: 27).
Gegen den Ausschluss deklarativen Wissens und seiner Beteiligung im mentalen Lexikon sprechen nach Plieger (2006) sowohl »spontane Wortneubildungen« als auch »rezeptive Erschließung neuer Wörter«, die dem mentalen Lexikon noch nicht bekannt sind. Beim Erwerb einer neuen Sprache und der dadurch bedingten Entwicklung und Organisation des bilingualen mentalen Lexikons spielt das prozedurale Wissen nach eine tragende Rolle, denn die Erschließung neuer Regeln und Bedeutungen, sowie auch neuer kommunikativ-pragmatischer Aspekte in L2 beruht auf prozeduralem Wissen (vgl. ebd.). Daraus kann gefolgert werden, dass durch den Erwerb vom lexikalischen Wissen einer neuen Sprache zwangsläufig auch das Weltwissen verändert und erweitert wird. Das zwischen deklarativen, prozeduralen und enzyklopädischen Wissen keine eindeutige Grenze gezogen werden kann, zeigt folgendes Beispiel: Zu dem Wort “Spinne“ gehört sowohl die prototypische Vorstellung von einer Spinne, als auch das enzyklopädische Wissen,
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die (mögliche) Erfahrung und Gefühle (Ekel, Phobie), die mit dem Wort Spinne verknüpft sind, auslöst, die sensorische Erfahrung, das sprachliche Wissen über die Orthographie, Phonologie.
Aufgrund dieser möglichen Kombinationen mit dem Erfahrungswissen und des stets erweiterbaren Inhaltes kann man davon ausgehen, dass die Kapazität des mentalen Lexikons unbegrenzt ist, d.h., dass ein Mensch im Laufe seines Lebens in der Lage ist, immer neue Wörter zu erlernen und zu speichern oder das Lexikon zu umzustrukturieren und neu zu organisieren, evtl. auch Wörter zu vergessen. Wie das mentale Lexikon formal und inhaltlich strukturiert ist, wird im folgenden Kapitel erläutert.
2.2 Struktur des mentalen Lexikons
Im Laufe der psycholinguistischen Forschung wurden viele Versuche unternommen, das mentale Lexikon zu beschreiben. Es entstanden diverse Modellvorschläge, die das Lexikon mit Taubenschlägen, Schatzkammern, Dachböden, Bibliotheken oder auch U-Bahnnetzen und Computern verglichen (vgl. Aitchison 1997: 40). Es wurde ebenfalls, trotz des eigentlich unbegrenzten Speichervermögens des mentalen Lexikons, versucht, den ungefähren Umfang des mentalen Lexikons in Zahlen wiederzugeben. Aus vielen Untersuchungen geht hervor, dass ein gebildeter
Der Wortschatz der deutschen Sprache wird insgesamt auf 300 000 bis 400 0000 Wörter geschätzt (vgl. Duden-Grammatik 1998: 89). Es heißt jedoch nicht, dass ein Mensch alle Wörter kennt und nutzen kann. Laut Aitchison (1997) beträgt der Umfang des mentalen Lexikons bei einem (englischen) erwachsenen Muttersprachler ungefähr 50.000 bis 250.000 Wörter. Bei dieser zahl handelt es sich um dem aktiven Wortschatz einer Person, d.h. Wörter, die von der Person genutzt werden. Der Umfang eines passiven, des so genannten Verstehwortschatzes wird auf das Doppelte geschätzt (vgl. Rothweiler 2001: 21). Aitchison (1997) weist bei der Frage nach dem Umfang des mentalen Lexikons jedoch darauf hin, dass die
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angegebenen Zahlen nicht unumstritten sind, denn sowohl die Definition des Begriffs »Wort« als auch die Vokabelkenntnisse einer Person sich nicht zuverlässig bestimmen lassen.
Die Tatsache, dass der Mensch das benötigte Wort aus einer solchen Anzahl an Wörtern innerhalb von Millisekunden treffsicher abgerufen kann, liefert eine Evidenz dafür, dass der Wortspeicher effektiv und nicht nach einem Zufallsprinzip im Gedächtnis angelegt ist. Höchst rationelle und effektive Organisation ist jedoch nicht gleichzusetzen mit einem alphabetischen Aufbau des Lexikons, wie es bei den meisten gängigen Lexika der Fall ist. Für übliche Buchlexika ist eine alphabetische Strukturierung sinnvoll, denn sie erleichtert das Auffinden des gesuchten Wortes. Beim mentalen Lexikon hätte eine solche Organisation eher eine negative Auswirkung. Gegen einen alphabetischen Aufbau sprechen z.B. falsch gewählte Wörter innerhalb des Sprachproduktionsprozesses, die sog. Versprecher. Versprecher kommen im Redfluss oft vor. Solche, wie z.B. „Er erzählte eine lustige Antipode“ (statt „“Anekdote) oder „Der Doktor hörte sie mit seinem Periskop ab“ (statt „Stethoskop“) liefern zudem Hinweise darauf, dass das mentale Lexikon eher nach formalen Kriterien, wie Lautstruktur (An- und Auslaut) und Akzentmuster und inhaltlichen Kriterien, wie Bedeutung oder Wortart organisiert sein muss (vgl. Aitchison 1997: 13).
„Wäre das Lexikon alphabetisch geordnet, so wäre zu erwarten, dass sich der Sprecher dann versehentlich für einen benachbarten Eintrag entscheidet“ (ebd.).
Die oben genannten Kriterien nach denen das mentale Lexikon organisiert ist, werden im folgenden Abschnitt besprochen.
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2.3 Formale und inhaltliche Organisation des mentalen Lexikons
Wie im vorangehenden Abschnitt angeführt wird das mentale Lexikon nach formalen und inhaltlichen Kriterien organisiert. Jedes Wort, das im mentalen Lexikon gespeichert ist, wird im mentalen Lexikon sowohl durch formale: phonologische, morphologische syntaktische Informationen als auch durch inhaltliche, semantische Informationen repräsentiert. Der Begriff »Repräsentation« bezieht sich dabei auf die Speicherung der Einheit Wort im mentalen Lexikon (vgl. Rothweiler 2001: 32). Die Gliederung des lexikalischen Eintrags nach phonologisch-morphologischen und semantisch-syntaktische Information spiegelt sich in Levelts Ansatz (1989) wider, in dem er davon ausgeht, dass jeder Lexikoneintrag aus »Lemma-« (Bedeutungsseite eines Wortes) und »Lexem-Informationen« (Formseite eines Wortes) besteht. Die Lemma- und Lexemebene sind nach Aitchison (1997) mit einer Münze vergleichbar: auch eine Münze hat zwei getrennte Seiten, die jedoch nur gemeinsam ein Ganzes ergeben. Genauso ist es mit der Form- und Bedeutungsseite des Wortes: die Informationen zu beiden Seiten werden getrennt gespeichert und abgerufen, aber nur gemeinsam ergeben sie ein Ganzes - ein Wort. Dabei erleichtern die Lemma-Aufteilung die Sprachproduktion, während die Lexem-Aufteilung den Verstehprozess erleichtert.
Die Aufteilung in Bedeutungs- und Ausdrucksform kann unter anderem an dem sog. TOT-Phänomen (Tip-of-the-Tongue-Phänomen) beobachtet werden. Das TOT-Phänomen beschreibt die Situation des „Auf-der-Zunge-Liegens“ (Schwarz & Chur 2004: 76). In solchen Situationen liegt der Person das gesuchte Wort sozusagen auf der Zunge, es will ihr aber nicht einfallen. Die Person ist in der Lage einige, mehr oder weniger verwandte, Wörter abzurufen. Das gesuchte allerdings nicht. Der Grund für das Zustandekommen des TOT-Phänomens ist, dass die Person auf die Bedeutungs- und Syntaxinformationen zugreifen (sie kann das Objekt, Person, etc. beschreiben), nicht aber auf die lautlichen Informationen (vgl. Dietrich 2002: 25).
Ungeachtet der Zweitgliederung in Lemma und Lexem kann festgehalten werden, dass ein lexikalischer Eintrag folgende vier grundlegende Informationen beinhaltet:
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phonologische, morphologische, syntaktische und semantische. Diese werden in folgenden Abschnitten, in der eben genannten Reihenfolge beschrieben.
2.3.1 Lautliche Information und ihre Beschaffenheit
Lautliche Information über einen Lexikoneintrag setzt sich aus phonetischphonologischen Informationen zusammen. Jedes Wort im mentalen Lexikon gespeichert ist, lässt sich als eine Sequenz von Lautsegmenten oder Phonemen beschreiben (vgl. Aitchison 1997: 174). Diese Lautsegmente werden durch Grenzsignale wie Pausen, Akzent, Auslautverhärtung näher bestimmt. Auch das Wissen über die Beschaffenheit der Silbe, wie ihre Bestandteile (Anfangs-, Kern, und Endrand) muss in der lautlichen Information des lexikalischen Eintrags beinhaltet sein.
Des Weiteren beinhaltet das Wissen über die phonetisch-phonologische Beschaffenheit des Lexikoneintrags Informationen über zulässige
Phonemkombinationen in der jeweiligen Sprache (vgl. Aitchison 1997:174). So kann zum Beispiel im Deutschen die Kombination aus [hl], [bd] nicht am Anfang des Wortes stehen. Die Regeln unterscheiden sich von Sprache zu Sprache. So ist die Kombination von [hl] im Anlaut des Slowakischen üblich. Auch die Kombination von [pt], die wiederum im Englischen nicht zulässig ist, ist im Tschechischen im Anlauf möglich.
Das phonologische bzw. lautliche System ist auf eine schnelle Identifikation von Lauten bei der Sprachrezeption ausgerichtet. Die Identifikation (phonological retrieval) wird durch eine stärkere Verbindung zwischen ähnlich klingenden Wörtern begünstigt. Entsprechend dem sog. »Badewanneneffekt« (ebd.: 175) sind Wörter mit auditiv ähnlichem Wortanfang und -Ende tiefer eingeprägt und bilden im mentalen Lexikon näher beieinander liegende Einheiten. Diese Anordnung erleichtert die Worterkennung; für Produktion von Wörtern ist aber äußerst hinderlich, was Aitchison (1997: 292) an einen peinlichen Versprecher in englischer Sprache demonstriert: “I always masturbate (statt “masticate“) my food properly.“
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Das bereits im vorangehenden Abschnitt erwähnte TOT-Phänomen und die sog. »Malapropismen« zeigen, wie phonologische Informationen im mentalen Lexikon gespeichert sein könnten. Bei Malapropismen 1 handelt es sich um Wortkontaminationen, die inhaltlich nicht die geplante Bedeutung ausdrücken (vgl. Dietrich 2002: 147). Aitchison (1997: 24) führt für Malapropismen folgende Beispiele auf: “System“ für “Symptom“; “Konfektion“ für “Konvention“. Diese Versprecher ähneln den intendierten Wörtern nicht nur lautlich, sondern sind ihnen auch was die Wortart angeht, gleich. Des Weiteren bleiben auch rhythmische Muster, Betonung und Silbenanzahl bleiben in den meisten Fällen erhalten (vgl. ebd.: 176). Die Tatsache, dass die Anlaute und Auslaute bei Malapropismen meistens mit dem intendierten Wort übereinstimmen oder es sehr ähnlich waren, weist nach Aitchison (1997) darauf hin, dass lexikalisches Wissen nach An- und Auslaut gespeichert sein könnte.
Zusammenfassend kann man sagen, dass zwischen Wörtern mit ähnlichem Anfang und Ende und ähnlichem Sprachrhythmus mit großer Wahrscheinlichkeit eine stärkere Verbindung im mentalen Lexikon besteht. Diese Organisation ermöglicht ein extrem schnelles Heraushören und Erkennen einzelner Wörter im Redefluss und erleichtert damit den Sprachverständnisprozess.
2.3.2 Morphologische Information und ihre Beschaffenheit
Das morphologische System ist verantwortlich für die Struktur und Bildung von Wörtern (vgl. Schwarz & Chur 2004: 14). Dank dieses Wissens wissen wir, dass das Wort merkbar richtig und das Wort „barmerk“ dagegen nicht richtig ist (vgl. ebd.). Aitchison (1997: 158) davon aus, dass Wörter grundlegende Speichereinheiten im mentalen Lexikon sind. Diese Annahme ist leicht nachvollziehbar, wenn es sich um Wörter wie “Eule“ oder “Giraffe“, die aus untrennbaren Einheiten bestehen, handelt.
1 Die Bezeichnung Malapropismen geht auf Fay & Cutler (1977) zurück. Man findet diese Figur im Sheridans Roman ’The Rivals’ (1975). Mrs. Malaprop hatte eine Vorliebe für schwierige Fremdwörter, die sie jedoch nicht beherrscht. Als Folge entstehen einige Wortkontaminationen (vgl. Dietrich 2002: 147).
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Wie verhält es sich jedoch bei komplexen Wörtern, die aus Präfixen, Suffixen oder beidem bestehen wie z.B. “undenkbar“ /un- Präfix/ -denk- Stamm/ -bar -Suffix?
Werden solche Wörter in Morpheme zerlegt, oder als ganze Wörter gespeichert? Aitchison (1997: 160/172) geht davon aus, dass Derivationssuffixe und -präfixe, wie in diesem Fall un- und -bar, enger mit dem Wortstamm verbunden sind als Flexionsendungen. Im Fall von Flexionsendungen geht Aitchison (1997) davon aus, dass sie erst beim Sprechen an den Wortstamm angehängt werden.
In der psycholinguistischen Literatur gibt es zwei unterschiedliche Annahmen zur Speicherung von komplexen Wörtern. Während die Eine von einer getrennten Speicherung von Morphemen und Wortstämmen ausgeht, legt die andere wiederum eine Ganzwortspeicherung nahe.
Versprecher, wie »Strandings« (Morphemvertauschungen), wie z.B. “in fremden Fischen wässern“ (Leuninger 1993: 69; zitiert nach Dietrich 2002: 40), legen eine getrennte Speicherung von komplexen Wörter nahe. Der Grund für solche Vertauschungen ist nach Dietrich (2002: 40) der, dass Einzelteile aus denen die beabsichtigten Wörter zusammengesetzt werden, im mentalen Lexikon separat gespeichert werden und jedes Mal je nach Bedarf neu zusammengefügt werden. Die Annahme einer solchen Speicherung von Wörtern wird als »Full-Parsing-Hypothese« bezeichnet.
Die Gegenposition besagt, dass komplexe Wörter als Ganzes eine lexikalische Einheit bilden und mit ihren Strukturinformationen im Lexikon gespeichert sind nennt man »Full-Listing-Hypothese« (vgl. ebd.). Es konnten jedoch keine eindeutigen Beweise für die eine oder die andere Hypothese erbracht werden. Entsprechend dem kognitivpsychologischen Ökonomieprinzip wäre die Full-Parsing-Hypothese favorisiert, weil sie weiniger Speicherplatz beansprucht, d.h. von einem kleineren Speicherumfang ausgeht. Gegen ein reines Morphem-Lexikon wiederum, scheinen komplexe Sprachverarbeitungsprozesse zu sprechen (ebd.).
Nicht transparente Wörter (Wörter, die nur schwer erschlossen werden können), sowie auch Wörter, die in einer Sprache nicht so oft vorkommen, werden laut
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Aitchison (1997: 163/164) eher als Ganzes gespeichert. Des Weiteren werden Wörter, die im übertragenen Sinne (idiomatisch) vorkommen, wie z.B. “falsche Schlange“ als ganze Phrasen oder Sätze gespeichert.
Wie der lexikalische Zugriff bei komplexen Wörtern letztendlich abläuft, scheint von Faktoren wie Transparenz und Frequenz des jeweiligen Wortes abhängig zu sein. Zur morphologischen Beschaffenheit von Lexikoneinträgen kann man im Sinne Dietrich (2002: 41) zusammenfassend sagen, dass sowohl Transparenz, Frequenz und Modalität, als auch das Ökonomieprinzip sich auf die Entscheidung, ob ein Sprecher ein komplexes Wort als Ganzes im mentalen Lexikon speichert oder nicht, auswirken.
2.3.3 Syntaktische Information und ihre Beschaffenheit
Mit dem Begriff »syntaktische Eigenschaften« wird das Verhalten eines Wortes im Satz beschrieben; seine syntaktische Kategorie, seine Zuweisung der grammatischen Funktionen (Levelt 1989: 190), ebenso dass Wissen über die zulässigen Kombinationsmöglichkeiten in der jeweiligen Sprache. Der Begriff syntaktische Kategorie beschreibt wie sich ein Wort in einem Satz verhält. Wird die Einheit als ein Verb, ein Adjektiv, ein Adverb, ein Nomen bei der grammatischen Enkodierung abgerufen? Diese Aufzählung entspricht der Unterteilung nach Wortarten. Im Deutschen werden fünf Hauptwortarten unterschieden, nämlich Nomina, Verben, Adjektive, Pronomina und Partikeln (vgl. Rothweiler 2001: 30). Jede dieser Wortarten besteht des Weiteren aus Unterkategorien. So fallen unter die Bezeichnung Nomen auch Eigennamen, Kollektiva usw. Verben werden z.B. in Handlungs-, Hilfs-, Modalverben usw. eingeteilt. Zu jedem Wort sind im Lexikon ebenfalls morphosyntaktische Kriterien mitgespeichert (vgl. ebd.: 30). Bei den Nomina, Adjektiven und Pronomina sind es das Genus, Numerus und Kasus, bei den Verben sind es grammatische Merkmale Person, Numerus, Tempus, Modus.
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