III
Inhaltsverzeichnis
I EINLEITUNG 1
II THEORETISCHER UND METHODOLOGISCHER RAHMEN 4
II.1 Konzeption und Funktion von Printmedien in Großbritannien, Deutschland und
Frankreich 4
II.1.1 Situation der Presse 5
II.1.1.1 Nationale Besonderheiten der Pressemärkte 5
II.1.1.1.A Zeitungslandschaft 5
II.1.1.1.B Vertriebssysteme. 8
II.1.1.1.C Staatlicher Einfluß 10
II.1.1.1.D Rechtliche Rahmenbedingungen 12
II.1.1.1.E Konzentration 15
II.1.1.1.F Werbemarkt 17
II.1.1.2 Tageszeitungen in Zahlen. 19
II.1.1.3 Elektronische Zeitungen in Zahlen. 21
II.1.2 Mediennutzung. 22
II.1.2.1 Finanzieller Aufwand. 23
II.1.2.2 Zeitlicher Aufwand. 25
II.1.2.3 Substitution vs. Komplementarität. 27
II.1.2.4 Nutzen und Belohnung. 30
II.1.2.5 Kulturelle Tendenzen 31
II.1.3 Zielgruppen 35
II.1.3.1 Zeitungsleser. 35
II.1.3.2 Internetuser 36
II.1.3.3 Onlineleser 38
IV
II.2 Medienspezifika und begriffliche Abgrenzung 40
II.2.1 Medienbegriff 40
II.2.2 Zeitung 40
II.2.3 Neue Medien. 41
II.2.4 Elektronisches Publizieren 42
II.2.5 Online-Zeitung. 43
II.3 Ein Medium im Wandel - Implikationen der Internetpräsenz von Zeitungen 45
II.3.1 Technologisch 45
II.3.2 Inhaltlich 47
II.3.3 Kulturell 49
II.4 Methodologisches Vergleichs- und Analyseinstrumentarium 51
II.4.1 Inhaltliche Konzeption 51
II.4.2 Kulturgebundenheit 52
II.4.3 Präsentation 54
II.4.4 Wirtschaftliche Konzeption 54
III FALLSTUDIE: PRINTVERSIONEN UND INTERNETAUFTRITTE IM VERGLEICH 56
III.1 Internetauftritte regionaler Tageszeitungen. 57
III.1.1 Marktübersicht 58
Abb.1: Bezugsarten der Tagespresse im Vergleich
Abb.2: Verkaufsstellen je 1000 Einwohner
Abb.3: Verteilung der Werbeinvestitionen auf Medien/sonstige Branchen
Abb.4: Verteilung der Werbeinvestitionen nach Medien
Abb.5: TV, PC und Onlineausstattung europäischer Haushalte
Abb.6: Zeitbudget
Abb.7: Tägliche Rezeption von Nachrichten
Abb.8: Internetnutzung je Land
Abb.9: Zweck der Nutzung des Internet
Abb.10: Zeitungsleser im Internet
Abb.11: Technische Ausprägungen des institutionellen Mediums Zeitung
Abb.12: Wertschöpfungskette des Elektronischen Publizierens
Abb.13: Startseite von thejournal.co.uk
Abb.14: Startseite von ron.de
Abb.15: Startportal und Startseite von republicain-lorrain.fr
Abb.16: Startseite von thetimes.co.uk
Abb.17: Startseite von sueddeutsche.de
Abb.18: Startseite von lemonde.fr
Tab.1: Verteilung der Werbeinvestitionen nach Medien
Tab.2: Verhältnis zwischen Gesamtauflage und erwachsener Bevölkerung
Tab.3: Anteil der Leserschaft an der Bevölkerung über 15 Jahre
Tab.4: Ranglisten der Tageszeitungen
Tab.5: Ranglisten der Zeitungshomepages
Tab.6: Nutzungsdauer der Medien in Minuten pro Tag
Tab.7: Regionale Print- und Online-Zeitungen im Vergleich
Tab.8: Überregionale Print- und Online-Zeitungen im Vergleich
I EINLEITUNG
„Notre époque voit un accroissement prodigieux des moyens d’information, qui a modifié et modifie, dans une mesure incalculable, les conditions faites à la culture. Quelles seront les conséquences de cette sorte de bouleversement apporté par les diverses techniques dont dispose l’homme contemporain?
[...] Il est normal de s’interroger sur les avantages et les inconvénients de ces moyens nouveaux, dont l’influence est immense, sans commune mesure avec celle d’aucune autre époque. [...] Ne se produit-il pas, du fait de la commercialisation des procédés de diffusion, une exploitation organisée d’instincts humains que la culture, jusqu’ici, s’efforçait de maîtriser? [...] Comment le respect de la vérité, comment le souci de la beauté, peuvent-ils conserver leurs droits?“ 1
Der Umgang mit neuen Technologien und Medien bestimmt in zunehmendem Maße unseren Alltag und entfacht die Diskussion über ihren tatsächlichen Nutzwert, ihren Einfluß auf die Kultur und somit auf das gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen. Das einleitende Zitat, das diese Problemaspekte in eindringlichen Worten umreißt, stammt jedoch nicht aus einer aktuellen Debatte über die Auswirkungen der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, sondern von einem Symposium über die Zukunft der Medien angesichts des „neuen“ Mediums Fernsehen aus dem Jahre 1955. Ungeachtet der weitverbreiteten Skepsis, mit der auch schon damals das Aufkommen eines neuen Mediums begleitete wurde, unternimmt die vorliegende Arbeit den Versuch, weder mit verklärender Euphorie, noch mit kulturpessimistischer Voreingenommenheit, anhand einer interkulturellen Fallstudie die Auswirkungen der Übertragung von Printmedien in das neue Medium Internet zu analysieren.
Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Online-Auftritten von britischen, deutschen und französischen Tageszeitungen. Vordergründiges Anliegen ist die Beschreibung von Kriterien für die Darbietung journalistischer Inhalte im Netz, nach denen bestehende Online-Angebote beurteilt werden können: Wie setzt man eine Zeitung im Netz mediengerecht um und wie präsentieren sich regionale und überregionale Verlage in Großbritannien, Deutschland und Frankreich tatsächlich?
Bei der Identifikation der Verlagsstrategien stellt sich gleichzeitig die Frage, ob einerseits diesbezüglich länderübergreifende Gemeinsamkeiten existieren und welche Unterschiede andererseits in der Konzeption einer Online-Zeitung zutage treten.
1 Thèmes de réflexions proposés par les organisateurs des Rencontres Internationales de Genève, in: Duhamel, Georges et al., S. 9
Während über die starke, nationale Verankerung der Tageszeitung und ihre daraus resultierenden kulturspezifischen Besonderheiten kaum ein Zweifel besteht, verändert der globale Marktplatz Internet, auf dem auch die internationale Konkurrenz nur „einen Mausklick entfernt“ 2 ist, die Bedingungen für Verlage und Medienrezipienten so grundlegend, daß radikale Veränderungen für das Medium und sein Umfeld zu erwarten sind. Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit nicht nur auf dem Vergleich der Merkmale verschiedener Online-Zeitungen, sondern sie versucht darüber hinaus, die dynamischen Veränderungen zu erfassen, denen das Medium Zeitung und seine Rezipienten unterworfen sind. Neben inhaltlichen und technologischen Aspekten stehen dabei die Auswirkungen der Existenz neuer Medien auf die Medienkultur und die Mediennutzung im Vordergrund. Die rasant zunehmende Bedeutung des Internet bringt zusätzliche Brisanz in die Frage nach der Zukunft der Institution Zeitung und der „Mediengesellschaft“ insgesamt: Wird die Zeitung im Internet noch eine Zeitung sein? Wird sie die herkömmliche Papierzeitung ersetzen? Wird jeder in Zukunft seine individuelle Bildschirm-Zeitung lesen? Werden künftig die Online-Ausgaben der Süddeutschen und der Times mehr Gemeinsamkeiten beziehungsweise weniger Unterschiede haben als ihre jeweiligen Print-Ausgaben? Werden nur noch wenige internationale Multimediakonzerne über die Inhalte bestimmen? Und verkommen die Inhalte zu „Lockvögeln“ für kommerzielle Angebote? 3 Die exemplarische Untersuchung von zwölf Print- und Onlinezeitungen, die im Februar 2001 durchgeführt wurde, soll einen Eindruck von den aktuellen Entwicklungen der europäischen Presse vermitteln und zur Klärung ihrer langfristigen Perspektiven beitragen, auch wenn ein interkultureller Vergleich nicht unproblematisch ist: „Das spezifische Operationalisierungsproblem international vergleichender Studien [liegt] vor allem darin, daß die zu untersuchenden sozialen Phänomene in differierende Systemkontexte eingebunden sind.“ 4
Um dieser Schwierigkeit Rechnung zu tragen, bildet die Darstellung und Illustration der gegenwärtigen Situation der Printmedien und ihre Einreihung in die jeweiligen gesellschaftlichen Kontexte das theoretische Fundament dieser Arbeit. Die umfassende Berücksichtigung der nationalen Besonderheiten der Medienproduktion und -nutzung schaffen somit die Voraussetzung für einen aussagefähigen länderübergreifenden Vergleich von Online-Publikationen.
2 Schmidt, Holger, in: FAZ, 26.11.1997, S.17
3 vgl. „L’info emballe la pub“, Libération, 29.1.1999, Beilage Multimédia
4 Niedermayer, Oskar, in: Sievert, Holger (1998), S.162
Folglich werden im ersten Abschnitt des Kapitels II die kulturellen Bezugsrahmen des Mediums und seiner Nutzer erläutert. Im Anschluß daran werden die begrifflichen Grundlagen gelegt (II.2), um in Abschnitt II.3 den Wandel des Mediums unter technologischen, inhaltlichen und kulturellen Gesichtspunkten zu erörtern. Daraus abgeleitet wird das Vergleichs-und Analyseinstrumentarium definiert (II.4), das als Kriterienkatalog für die empirische Untersuchung der Internetauftritte regionaler und überregionaler Tageszeitungen in Kapitel III dient. Abschließend werden die strategischen Online-Konzepte der Verlage im Hinblick auf das Medium selbst und auf deren Konsequenzen für die Nutzer evaluiert.
II THEORETISCHER UND METHODOLOGISCHER RAHMEN
Im folgenden wird der Grundstein für das Verständnis des Mediums Zeitung, der Wesensmerkmale seiner Rezipienten und seiner in den nationalen Kontext eingebetteten Bedeutung gelegt. Damit wird der Rahmen zur Analyse der vielschichtigen Auswirkungen geschaffen, die die Existenz des neuen Mediums Internet für die Tageszeitung und seine Leser hat und welche gesellschaftlichen Folgen der Wandel im Mediensektor zeitigt.
Zunächst konzentriert sich die Untersuchung auf die nationalen Presselandschaften und die Bedingungen der Zeitungsproduktion in Großbritannien, Deutschland und Frankreich. Daran anknüpfend werden die Nachfrage nach medialen Angeboten sowie die Bestim-mungsfaktoren der Medienrezeption analysiert.
Die Erläuterung der medienspezifischen Charakteristiken bildet das Grundgerüst zur Diskussion der technologischen, inhaltlichen und kulturellen Implikationen des Publizierens im Internet. Anschließend werden die bei der empirischen Analyse der Online-Zeitungen verwendeten Kategorien dargestellt und illustriert.
II.1 Konzeption und Funktion von Printmedien in Großbritannien, Deutschland und Frankreich
Die drei größten europäischen Medienmärkte Frankreich, Deutschland und Großbritannien kennzeichnen sich nach wie vor durch eine große Heterogenität. Die Printmedien, deren aktuelle Situation und Zukunftsperspektiven Gegenstand der Untersuchung sind, weisen nationale Besonderheiten und kulturspezifische Charakteristiken auf. Diese Einschätzung hatte schon vor mehr als zwei Jahrhunderten Bestand, was folgende Beschreibungen über das Wesen einer Zeitung nahelegen:
„Gazette [is] a news-paper, or printed account of the transactions of all the countries in the known world, in a loose sheet, or half-sheet. This name is with us confined to that paper of news published by authority.“ Encyclopædia Britannica, Edinburgh, 1768-1771
„Zeitungen sind gedruckte Blätter, so in grossen, sonderlich Handels-Städten, wöchentlich ein oder mehrmalen ausgegeben werden, und darinnen zu lesen ist, was merckwürdiges in der Welt vorgefallen. [...] Der Inhalt der Zeitungen sollte freylich von lauter merckwürdigen Begebenheiten, Veränderungen, und Vorfällen handeln: allein man kriegt täglich Blätter in die Hände, welche mit nichtswürdigen Kleinigkei-
ten, oder mit Nachrichten angefüllt sind, woraus sich kein Mensch etwas nehmen kann.“
Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, Leipzig, 1749
„Une espèce de gazette très-utile [...] est celle dans laquelle on annonce aux citoyens tout ce qui doit se faire dans la semaine pour leur intérêt ou pour leur amusement; les spectacles, les ouvrages nouveaux en tout genre; tout ce que les particuliers veulent vendre ou acheter; le prix des effets commerçables, celui des denrées; en un mot tout ce qui peut contribuer aux commodités de la vie.“ Encyclopédie des Sciences, des Arts et des Métiers, Paris, 1757
Kulturelle Faktoren, die auf historische Ursprünge zurückzuführen sind, prägen das nationale Zeitungswesen. Vor allem was die Marktbearbeitung, den staatlichen Einfluß und die rechtlichen Rahmenbedingungen anbelangt, kann von einem einheitlichen europäischen Medienmarkt keine Rede sein. Damit einher gehen eine verschiedenartige gesellschaftliche Rolle der Presse und eine national unterschiedliche Nutzung der diversen Medien.
II.1.1 Situation der Presse
Die Presse ist neben dem Buch eines der ältesten Medien und kann in den untersuchten Ländern auf eine z.T. lange Geschichte und Tradition zurückblicken. Ein kurzer Abriß über die aktuelle Situation soll den Blick schärfen für die Ausgangslage der Zeitungsverlage zu Beginn des 21. Jahrhunderts und für die Bedingungen, unter denen die europäischen Tageszeitungen die Herausforderungen annehmen, die ihnen die Digitalisierung der Me-dienlandschaft heute stellt.
II.1.1.1 Nationale Besonderheiten der Pressemärkte
Nachfolgend werden die Marktsituation für Tageszeitungen in Großbritannien, Deutsch-land und Frankreich untersucht, wobei der Markt für sonstige Presseerzeugnisse wie Publikumszeitschriften etc. unberücksichtigt bleiben muß.
II.1.1.1.A Zeitungslandschaft
Großbritannien kann als klassisches Zeitungsland bezeichnet werden, in dem die ersten großen Zeitungen in Europa gegründet wurden (z.B. Observer 1791) und dessen Presse eine traditionell herausragende Position einnimmt 5 .
5 vgl. Schroeder, Michael (1994), S.53
Die auflagenstarke nationale Presse 6 , die bis Ende der 80er Jahre fast gänzlich in der berüchtigten Londoner Fleet Street produziert wurde 7 , umfaßt elf Tages- und elf Sonntagszeitungen, wobei sich der Markt in „quality“, „mid market“ und „tabloid papers“ (Qualitätszeitungen, mittleres Segment und Regenbogenpresse) aufteilt. Die regionale Presse der britischen Inseln nimmt in der europäischen Medienlandschaft gleichfalls eine exklusive Stellung ein und umfaßt einschließlich kostenloser Zeitungen, Sonntagsblättern und unregelmäßig erscheinenden Publikationen über 1300 Titel. Obgleich die Leserschaft insgesamt seit Beginn der 90er Jahre leicht abnimmt, lesen noch immer ca. zwei Drittel der britischen Bevölkerung regelmäßig eine Tageszeitung 8 . Dabei handelt es sich vorwiegend um ein regionales Blatt, während Sonntagszeitungen ebenfalls einen großen Anteil ausmachen 9 . Die Lesertreue zu den nationalen Blättern ist laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Taylor Nelson AGB von 1994 sehr gering, dennoch hat die nationale Presse im politischen und öffentlichen Leben Großbritanniens eine einflußreiche Stellung.
Neben dem Wiedererstarken der Regionalpresse kennzeichnet sich der britische Zeitungsmarkt vor allem durch eine starke Konzentration und Restrukturierung. Der 1994 vom australischen „Medienmogul“ Rupert Murdoch (News International) in Gang gesetzte Preiskrieg ist deren Folge und zugleich Katalysator für eine weitere Oligopolisierung des Marktes.
In Deutschland spielt der Zeitungsmarkt ebenso eine bedeutende Rolle, doch ist die Auflage gemessen an der Bevölkerungsgröße geringer als in Großbritannien. Die Gesamtauflage hat sich (in Westdeutschland) zwischen 1954 und 1987 fast verdoppelt und ist im Zuge der deutschen Einheit nochmals sprunghaft angestiegen, doch seither stagniert sie bzw. ist in jüngster Zeit sogar leicht rückläufig 10 . Charakteristisch für die deutsche Presselandschaft ist das Fehlen einer nationalen Presse im Sinne einer Hauptstadtpresse. Überregionale Organe existieren nur sechs, darunter die angesehene Wochenzeitung Die Zeit und die BILD-Zeitung, die als größtes deutsches Boulevardblatt eine Son-
6 dazu wird auch der aus Manchester stammende Guardian gerechnet, der 1959 von „Manchester Guardian“ in „The Guardian“ umbenannt wurde.
7 der Umzug der wichtigsten Verlagshäuser ging einher mit der technologischen Erneuerung der Zeitungsproduktion, die zugleich einen enormen Bedeutungsverlust der britischen Medien-Gewerkschaften nach sich zog
8 laut Department for Culture, Media and Sport (DCMS) (2000)
9 Details vgl. Kapitel II.1.1.2 Tageszeitungen in Zahlen
10 vgl. Schroeder, Michael (1994), S. 54 und Details Kapitel II.1.1.2 ~
derstellung einnimmt. Dementsprechend bedeutsam ist die regionale Presse, die 355 Titel mit einer Vielzahl lokaler Ausgaben umfaßt 11 .
Nach Angaben des Bundes deutscher Zeitungsverleger (bdzv) lesen bis zu 70% der deutschen Bevölkerung über 14 Jahre regelmäßig eine Zeitung 12 . Signifikante Merkmale der deutschen Presse sind außer der stark regionalen Akzentuierung die Bedeutung des Abonnements als dominierender Vertriebsweg und die Existenz einer alternativen Presse, deren überregionales Flaggschiff die erst 1979 gegründete Berliner taz ist. Im Gegensatz zu Großbritannien oder auch Frankreich erscheinen fast alle deutschen Zeitungen als Morgenausgaben.
Abgesehen von diversen Übernahmen ehemals staatseigener Verlage der DDR war die große Welle der Medienkonzentration und eine damit verbundene Modernisierung der Verlage in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt bereits weitgehend abgeschlossen. 13
Die Zeitungspresse ist in Frankreich weit weniger gewichtig als in Großbritannien oder Deutschland. Die nationale Tagespresse umfaßt zwölf Titel 14 , die sich jedoch durch den Druck sinkender Verkaufszahlen immer mehr zu einer „Regionalpresse für den Pariser Raum gewandelt hat“ 15 . Ausnahmen bilden die linksliberale Libération und natürlich Le Monde, die als Forum für große nationale Debatten einen Sonderstatus innehat. Frankreich kennt zudem keine Boulevardpresse im Stile von BILD oder The SUN. Die regionale Presse, die 91 Titel herausgibt 16 , gewinnt im Vergleich zur Pariser Tagespresse in zunehmendem Maße an Bedeutung, obschon die Gesamtauflage aller Zeitungen, ohnedies sehr niedrig, rückläufig ist. Eine wichtige Position nimmt das Regionalblatt Ouest France als landesweit auflagenstärkste Zeitung 17 ein.
Sonntagsausgaben sind ähnlich wie in Deutschland gering verbreitet, sie weisen jedoch eine leicht steigende Tendenz und eine Zunahme der Titel auf 18 . Insgesamt gesehen genießen Tageszeitungen in Frankreich jedoch einen geringeren Zuspruch als Zeitschriften
11 hinzu kommen noch 10 Straßenverkaufszeitungen, vgl. Schütz, Walter (2000), S. 30, Stand 1999 und Bundesregierung (1998)
12 vgl. bdzv, Markttrends+Daten 1999
13 vgl. Bergsdorf, Wolfgang (1990), S. 98
14 vgl. Albert, Pierre (1998), S. 94; einschließlich spezialisierter Tageszeitungen sind es 23 Titel (Service Juridique et Technique de l'Information et de la Communication (SJTIC), Tableaux statistiques de la Presse, 1999)
15 vgl. Grosse/Lueger (1997), S. 279
16 einschließlich Sonntagsausgaben, vgl. SJTIC, Tableaux statistiques de la Presse, 1999
17 laut Diffusion Contrôle - Observatoire Annuel de l’Ecrit, Résultats 1999
18 ebd.
und andere Medien 19 . Die Leserschaft ist dementsprechend klein und schwankt zwischen 20% und 30% der Gesamtbevölkerung über 15 Jahre.
Besonderes Kennzeichen der französischen Medienlandschaft ist ein stark zentralisiertes Pressesystem - angefangen bei den Pressegruppen, der Mehrzahl der Journalisten, über die Agenturen, das Hauptvertriebsorgan bis zu den Verbänden, die allesamt ihren Sitz in Paris haben. Des weiteren sind die Werbeinvestionen, die der Presse zufließen, im internationalen Vergleich gering und die Verbraucherpreise dementsprechend hoch 20 .
II.1.1.1.B Vertriebssysteme
Die Distribution wird in Großbritannien hauptsächlich von sog. „dump points“, also Vertriebsgesellschaften übernommen. Diese Absatzmittler, deren Beziehungen zu den Verlegern vertraglich geregelt sind, beliefern und kontrollieren ca. 200 der insgesamt etwa 500 Großhändler 21 und etwa 6.000 Einzelverkaufsstellen (Newsagents). Darüber hinaus existiert ein exklusiver Vertrieb für festgelegte Regionen, wobei nicht immer alle Titel erfaßt sind, was häufiger zu Wettbewerb zwischen Großhändlern und Einzelverkaufsstellen führt. Das kommerzielle Risiko tragen die Einzelverkaufsstellen, die im Gegenzug einige Sonderrechte eingeräumt bekommen. Der Direktvertrieb zwischen Verlag und Verkaufsstelle spielt vor allem bei der Distribution der regionalen Tagespresse eine Rolle. 22
In Deutschland existieren als Vertriebskanäle, neben dem eigenen Vertrieb durch Zustelldienste, das Verlagsabonnement, der Buch- und Zeitschriftenhandel, Bahnhofsverkaufsstellen und der Groß- und Einzelhandel. Die ca. 90 Großhändler vertreiben alle Titel im Exklusivvertrieb. Das kommerzielle Risiko für unverkaufte Exemplare trägt allein der Verleger 23 . Zur Bedeutung des Abonnements siehe Abbildung 1.
Wie fast das gesamte Pressewesen, so ist auch die Distribution in Frankreich stark zentralisiert. Der zentrale Verteildienst NMPP (Nouvelles Messageries de la Presse Parisienne), der zu 49% in Händen des Verlagshauses Hachette liegt, distribuiert etwa 2500 Print-Titel in ganz Frankreich und erfüllt damit quasi die gleiche Funktion wie der gesamte Groß-
19 vgl.Kapitel II.1.1.2 Tageszeitungen in Zahlen und II.1.2 Mediennutzung
20 vgl. Albert, Pierre (1990), S. 109 ff.
21 trotz der geringeren Zahl entspricht deren Umsatz ca. 70% des Gesamtumsatzvolumens dieser Branche
22 vgl. Schroeder, Michael (1994), S. 85 f.
23 ebd., S. 80 f.
und Einzelhandel in Deutschland 24 . Mittels vertikaler Integration kontrollieren die NMPP die Mehrzahl der über 2500 Grossisten und ein Vertriebsnetz von über 50000 Verkaufsstellen 25 . Die NMPP haben damit trotz der Existenz lokaler Verteildienste und der theoretischen Möglichkeit des Direktvertriebs eine monopolartige Stellung innerhalb der französischen Pressedistribution. Das kommerzielle Remissionsrisiko tragen wie in Deutschland die Verlage.
Auffällig im Vergleich der Vertriebssysteme ist weiterhin eine ungleich ausgeprägte Bedeutung der jeweiligen Distributionskanäle. Kulturelle Eigenheiten und der Stellenwert des Mediums kommen im Kaufverhalten der Leserschaft zum Ausdruck. Folgende Darstellung veranschaulicht das unterschiedliche Verhältnis von Einzelverkauf und Abonnement 26 in den jeweiligen Ländern:
Was die Kaufgewohnheiten der Zeitungsleser anbelangt, so scheint eine Trennlinie zwischen nord- und südeuropäischen Ländern zu verlaufen, wobei sich diese Dichotomie vornehmlich durch den Grad der Zentralisierung bzw. Dezentralsierung der Vertriebssysteme und nicht durch eine unterschiedliche Dichte der Einzelverkaufsstellen erklären läßt,
24 vgl. Schroeder, Michael (1994), S. 83
25 vgl. Albert, Pierre (1990), S. 114 f.
26 einschließlich Direktzustellung, deren Umfang i.d. Regel nicht von den Abonnementzahlen zu trennen ist
da in den Ländern Südeuropas das Verkaufsstellennetz am dünnsten ist 27 . Großbritannien nimmt allerdings eine Mittelstellung ein:
Quelle: FAEP/Europäische Kommission/NOP Research Group 1997 und Aktualisierung NMPP 2000
II.1.1.1.C Staatlicher Einfluß
Der Einfluß des Staates auf die Presse ist nur bedingt meßbar, er macht sich jedoch im unterschiedlichen Verhältnis von Presse und Staat in Großbritannien, Frankreich und Deutschland bemerkbar. Die verschiedenartige Bedeutung und Auslegung der Pressefreiheit und ihr Gewicht gegenüber dem Persönlichkeitsschutz, der den Rechtsanspruch auf Pressefreiheit einschränkt, spiegeln dies ebenso wider wie die von Land zu Land differierende Gewährung von Subventionen.
Trotz europäischer Harmonisierungsbemühungen und zahlreicher Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs existieren noch keine einheitlichen Regelungen bezüglich der Pressefreiheit. Selbst der entsprechende Artikel der beim Europäischen Rat in Nizza veröffentlichten, vorerst noch rechtsunverbindlichen Europäischen Grundrechtscharta, der zunächst die Pressefreiheit garantieren sollte, erhielt nach endlosem Feilschen folgenden, unverbindlichen Wortlaut:
„Die Freiheit der Medien und ihre Pluralität werden geachtet“ (Art. 11, (2))
27 A.P.P.M. (2000), S.14
Da Großbritannien, bedingt durch seine vom restlichen Europa abweichende Rechtstradition, über keine schriftliche Verfassung verfügt, exisitieren auch keine rechtlichen Regelungen, die die Pressefreiheit garantieren. Der Freiheit der Meinungsäußerung wird durch die allgemeine Rechtsprechung Geltung verschafft. Weil auch sonst keine rechtlichen Regelungen zum Statut der Medienunternehmen oder zum Persönlichkeitsschutz existieren, besitzt die Presse im europäischen Vergleich formal die wohl größte Unabhängigkeit vom Staat. Erkennbar ist dies außerdem daran, daß sie keinerlei Subventionen oder indirekte Hilfen in Form von Sonderkonditionen bei Postzustellung etc. vom britischen Staat erhält.
In Deutschland ist die Pressefreiheit durch die Verfassung geschützt und nicht zuletzt aufgrund der negativen Erfahrungen während des Nazi-Regimes als Grundrecht verankert:
„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (Art. 5, (1))
Ausdrücklich garantiert das Grundgesetz demnach die Freiheit zu informieren und informiert zu werden.
Hinsichtlich staatlicher Hilfen werden in Deutschland zwar keine direkten Subventionen gewährt, doch erhält die Presse Vorzugstarife der Post 28 , und es existieren rechtliche Regelungen zur Vereinfachung des Abonnementvertriebs 29 .
Der Staat garantiert auch in Frankreich die Freiheit der Presse durch Artikel 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789, dem die Präambel der Konstitution verfassungsrelevante Bedeutung zuschreibt:
„La libre communication des pensées et des opinions est un des droits les plus précieux de l’homme: Tout citoyen peut donc parler, écrire, imprimer librement sauf à répondre de l’abus de cette liberté dans le cas déterminés par la loi.“
Der französische Gesetzestext weist jedoch schon gleich auf die Einschränkungen hin, die sich durch Mißbrauch dieser Freiheit ergeben. Genau hierin liegen auch die Unterschiede im Vergleich zu Großbritannien und auch Deutschland, die sich im kulturell verankerten,
28 nach der Privatisierung der Deutschen Bundespost ist dies allerdings nicht mehr als staatliche Subvention zu werten
29 vgl. Schroeder, Michael (1994), S. 94 ff.
besonderen Status des Persönlichkeitsschutzes gegenüber der Pressefreiheit in Frankreich manifestieren.
Insgesamt gesehen kennzeichnet sich die Presse in Frankreich durch eine vergleichsweise starke Verflechtung mit dem Staat. Neben der Abhängigkeit von halbstaatlichen Organisationen wie der Presseagentur AFP (Agence France Press) und der bereits erwähnten NMPP gewährt die französische Regierung umfassende Steuervergünstigungen, Ermäßigungen bei Postgebühren, Subventionsleistungen an die Berufsgenossenschaft, Sonderkonditionen bei der Benutzung von Telekommunikationsanlagen und direkte Zuwendungen an Zeitungen mit geringen Werbeeinnahmen 30 .
II.1.1.1.D Rechtliche Rahmenbedingungen
Neben dem verfassungsrechtlichen Rang der Pressefreiheit bildet i.d.R. eine spezifische Gesetzgebung den rechtlichen Rahmen für die Medienunternehmen. Außer einem Überblick über die geltende Rechtslage soll im folgenden kurz die Bedeutung des Urheberrechts im Kontext des elektronischen Publizierens Erwähnung finden. Auf die rechtlichen Besonderheiten hinsichtlich der Pressekonzentration wird im nächsten Kapitel näher eingegangen.
Wie bereits erwähnt, kennt Großbritannien aufgrund des Fehlens spezifischer rechtlicher Regelungen auch keine Pressegesetze. Vielmehr vertraut der Staat auf die Selbstregulierung der Medien. Der zur Durchsetzung ethischer Standards 1953 eingesetze Press Council wurde jedoch infolge offenkundiger Mißachtungen der Privatsphäre etc. 1991 durch die Press Complaints Commission abgelöst 31 . Diese Kommission, bei der seither ca. 30000 Beschwerden eingingen, überwacht einerseits die Freiheit der Presse und versucht andereseits auf der Grundlage eines Code of Practice den Respekt vor der Privatsphäre oder den Schutz von Kindern und Jugendlichen durchzusetzen.
In Deutschland wurde 1956 mit dem Deutschen Presserat ebenfalls ein Organ der Selbstkontrolle gegründet und ein Pressekodex mit Richtlinien für die redaktionelle Arbeit aufgestellt, doch existieren darüber hinaus gesetzliche Regelungen sowohl für die Presse
30 Fromont, Michel (1990), S. 35
31 vgl. Press Complaints Commission (2001), www.pcc.org.uk/students/info3.htm; der sog. Calcutt Report (1990) der britischen Regierung drohte der Presse mit dem Erlaß gesetzlicher Regelungen, woraufhin sich die Medienunternehmen auf dieses unabhängige, weit effektivere Organ zur Selbstregulierung ver- ständigten
als auch für den Persönlichkeitsschutz. So gibt es neben Art.1 und 2 GG (Menschenwürde, Freiheit der Person) umfassende Regelungen z.B. zum Schutze der Jugend, ein Recht auf Gegendarstellung oder ein sogenannter Ehrenschutz. Wegen der grundlegenden Bedeutung der Pressefreiheit als Grundrecht sind den allgemeinen Gesetzen jedoch eindeutige Schranken gesetzt. Da die Gesetzgebungskompetenz im Pressewesen bei den deutschen Bundesländern liegt, sind die fast gleichlautenden Landespressegesetze, die zwischen 1964 und 1966 (bzw. nach 1990) erlassen wurden, maßgeblich 32 .
Die Presse in Frankreich unterliegt weit detaillierteren und rigideren Gesetzen als in Großbritannien oder Deutschland. Ausgehend von Artikel 11 der Erklärung der Menschen-und Bürgerrechte definiert das 1881 erlassene Loi sur la liberté de la presse (einschl. zahlreicher Modifikationen) das Statut der Presse, während eine Vielzahl von Gesetzen bestimmt, was unter dem Mißbrauch der Pressefreiheit zu verstehen ist. Dem Schutz der Persönlichkeit wird dabei ein großes Gewicht beigemessen. Dementsprechend bedeutsam ist der Eingriff des Gesetzgebers, der mitunter eine zensurähnliche Vorabkontrolle beinhaltet.
Zusammenfassend lassen sich zwar inhaltlich ähnliche Rechtspositionen konstatieren, dennoch existieren kulturell bedingte Unterschiede in der Verfahrensart und im staatlichen Eingriff: Während Großbritannien den Selbstregulierungskräften der Medien vertraut und lediglich allgemeines Recht Anwendung findet, ist das Medien- und Rechtssystem in Deutschland von Dezentralisierung und geringer staatlicher Kontrolle geprägt, wohingegen man beim französischen Pressewesen z.T. sogar von „übermächtiger Bevormundung durch den Regierungsapparat“ 33 sprechen kann.
Der rechtliche Rahmen bleibt beim Übergang vom Publizieren im Printbereich auf das Medium Internet zunächst unberührt, da der Online-Ausgabe einer Zeitung die grundsätzlich gleiche rechtliche Bedeutung zukommt wie der Print-Ausgabe.
Dennoch wirft die Nutzung digitaler Technologie vor allem urheberrechtliche Fragen und Probleme auf, die auf der Grundlage bestehender Gesetze oder im Rahmen nationaler bzw. internationaler Vereinbarungen gelöst werden müssen, damit „die information high-
32 vgl.Schaffeld, Burkhard (2001), S. 3ff.
33 Fromont, Michel (1990), S. 41
ways“ nicht zu „leeren Geisterbahnen“ 34 werden. Folgende Aspekte stellen aufgrund der technischen Möglichkeiten (Anfertigung verlustfreier Kopien, Absenz eines materiellen Trägers etc.) veränderte Anforderungen an den Schutz geistigen Eigentums 35 : ! Werkcharakter: bestimmt die Urheberrechtsschutzfähigkeit eines pressejournalistischen Werks (digitale Werke sind oftmals nur Bearbeitungen vorhandener Werke) ! Verwertungsrechte: umfassen Verfielfältigungsrechte, Verbreitungsrechte, das Recht der öffentlichen Wiedergabe, Vermiet- und Verleihrechte
! Urheberrechtsinhaberschaft: legt die Nutzungsberechtigung fest (ist der Verlag oder der Journalist Inhaber des Urheberrechts?) ! Verantwortung für illegale Inhalte
Für Zeitungsverlage bedeutsam sind primär die Verwertungsrechte im Zusammenhang mit digitalen Archiven (Datenbanken), sowie die Beschaffung, Verwertung und Vergütung multimedialer Werke. Viele dieser Problembereiche werden bereits durch nationale Gesetzgebungen gelöst. In Großbritannien maßgeblich ist vor allem die 1988 verabschiedete Copyright, Designs and Patents Act (CDPA88), in Deutschland das Urheberrechtsgesetz (UrhG) und in Frankreich der Code de la Propriété Intellectuelle von 1992. Grundlegender Unterschied in der Rechtsauffassung ist die Frage nach der Urheberrechtsinhaberschaft. Während in Deutschland und Frankreich die Gesetzeslage vom „droit d’auteur“ bestimmt ist, d.h. das Urheberrecht steht allein dem Schöpfer, in diesem Fall dem Journalisten zu und ist generell nicht übertragbar, ist in Großbritannien der Verlag als Arbeitgeber primärer Inhaber des Urheberrechts (producer-copyright).
Weitere relevante Regelungen hinsichtlich der Nutzung elektronischer Dienste sind das deutsche Informations- und Kommunikationsdienste-Gesetz von 1997, sowie im internationalen Rahmen eine Reihe von EG-Richtlinien, als auch der Copyright Treaty der World Intellectual Property Organization (WIPO) von 1996.
Mithin bestehen schon weitreichende Regelungen in diesem Bereich, obgleich aufgrund der weltweiten Verfügbarkeit der Inhalte des Internet weiter harmonisierte, internationale Rechtsabkommen, auch im Hinblick auf die Verantwortung für illegale Inhalte, Geltung finden sollten.
34 Kreile/Becker (1994), S. 904
35 vgl. Niemann, Fabian (1998), S. 201ff.; Lehr, Thomas (1998), S. 117ff.; Zahrt, Michael (1999), S. 70
II.1.1.1.E Konzentration
Vergleichbar mit der Entwicklung in anderen Wirtschaftsbereichen waren die 90er Jahre auch für die Printmedien das Jahrzehnt der „Mergers&Acquisitions“, d.h. ein Trend zur wirtschaftlichen und publizistischen Konzentration beherrschte die Medienmärkte in Europa. Neben dem Zusammenschluß von Zeitungen und Verlagsgruppen auf allen Ebenen haben sich einige wenige Multimediakonzerne herausgebildet, was dazu geführt hat, daß sich die Pressevielfalt insgesamt in den vergangenen Jahren stark reduziert hat. Auf den neuen Trend zur Bildung strategischer Partnerschaften hinsichtlich der Herausforderungen des Internetgeschäfts wird später eingegangen 36 .
Die herausragenden Figuren in der Presselandschaft Großbritanniens sind zweifelsohne der 1991 verstorbene Robert Maxwell (Mirror Group) und Rupert Murdoch (News International). Durch Übernahmen bereits in den 60ern bereiteten die beiden Verleger dem Aufstieg ihrer Konzerne und einer damit verbundenen Medienkonzentration den Weg. Inzwischen beherrschen News International und die Mirror Group zusammen mehr als die Hälfte des britischen Zeitungsmarkts 37 .
Auch die regionale Presse blieb vom Fusionstrend nicht verschont. So wechselten alleine in den Jahren 1996 bis 1999 drei Viertel aller Titel den Besitzer 38 , darunter die vier Milliarden DM schwere Übernahme der Liverpooler Trinity Verlagsgruppe durch die Mirror Group 1999. Mittlerweile kontrollieren die fünf größten regionalen Zeitungsverleger mit 514 Titeln knapp die Hälfte des Marktes 39 .
Die Pressekonzentration ist in Deutschland ähnlich stark, wobei hier eine größere Zahl von einflußreichen Konzernen und Verlagsgruppen existiert; allen voran die Axel Springer-Verlag AG, die mit einem Marktanteil von 23,6% mit großem Abstand die auflagenstärkste Verlagsgruppe ist. Insgesamt umfaßt der Marktanteil der zehn größten Gruppen 55,9 Prozent 40 .
Aufgrund der Bedeutung der Regionalpresse befinden sich unter diesen Konzernen auch regionale Verlagsgruppen wie die der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung WAZ, Essen
36 vgl. Kapitel II.4.4 Wirtschaftliche Konzeption (der Online-Zeitungen)
37 gemessen an der Auflage der nationalen Presse, vgl. DCMS, Keynote Newspaper Industry Report 1996
38 vgl. Central Office of Information (2000)
39 dies entspricht ca. 40% der Gesamtauflage der Regionalpresse, vgl. Reaching the Regions, Newspaper Society 1997
40 Röper, Horst (2000), S. 297
(Marktanteil 6 %) oder der Stuttgarter Zeitung/Die Rheinpfalz/Südwest Presse (5%). Verlierer der fortgeschrittenen Konzentration sind sowohl in Deutschland als auch in Frankreich eine Vielzahl kleiner Lokalblätter, wodurch den überlebenden Tageszeitungen oft eine Monopolstellung auf regionaler Ebene zufällt.
Nach dem Verdrängungswettbewerb der 60er und 70er Jahre befindet sich der Zeitungsmarkt in Deutschland zunehmend in einer Konsolidierungsphase. Bedingt durch die stark lokal orientierten Strukturen sind die Marktverhältnisse in den vergangenen Jahren vergleichsweise stabil 41 .
In Frankreich konnten ebenfalls einige wenige Konzerne ihre Dominanz ausbauen. Sie beherrschen heute weitgehend den Markt, wenngleich sich die Konzentrationstendenzen vornehmlich auf den Zeitschriftenmarkt beschränken und die französischen Presseunternehmen in Europa nicht die Bedeutung wie beispielsweise Springer oder Mirror erlangt haben. Zu den größten Verlagsgruppen zählen Hachette und die Hersant Gruppe, die sowohl Pariser Titel als auch mehrere Provinzblätter (u.a. auch in Übersee) verlegt. In die öffentliche Kritik geriet der mittlerweile verstorbene Besitzer Robert Hersant, als er sich Anfang 1986 mit dem Erwerb weiterer Lokalzeitungen über das 1984 erlassene Gesetz zur „Einschränkung des Konzentrationstrends und Gewährleistung finanzieller Transparenz und pluralistischer Gestaltung der Presse“ 42 mit den Worten „Je suis en avance d’une loi“ 43 hinwegsetzte. Seit 1979 drängen auch zunehmend ausländische, darunter vor allem deutsche (Gruner+Jahr, Bauer) und britische Medienkonzerne auf den französischen Markt, was die vergleichsweise schwache Position der französischen Pressegruppen zu belegen scheint 44 .
Die Presse in der Provinz blieb bislang von einer großen Übernahmewelle verschont und ist nach wie vor größtenteils in den Händen unabhängiger Gesellschaften 45 . Dennoch fielen bereits viele Lokalblätter unter die Rentabilitätsgrenze, so daß auch in Frankreich die Medienkonzentration zur Uniformierung der Informationen beiträgt.
41 ebd., S. 300: „Ein spezifisches Problem für den mangelnden Wettbewerb im Zeitungsmarkt ist seit Jahrzehnten der fehlende Marktzutritt von neuen Anbietern und Angeboten. [...] es fehlt auch an ausländischen Wettbewerbern, die im Zuge der Globalisierung für Alternativen sorgen könnten.“
42 aus Fromont, Michel (1990), S. 36
43 aus Grosse/Lueger (1997), S. 289; tatsächlich wurde dieses Gesetz 1986 durch die konservative Parlamentsmehrheit abgeschafft und durch das Gesetz zur „Neuordnung der rechtlichen Pressebestimmungen“ ersetzt (vgl. Fromont, Michel (1990), S. 36)
44 Albert, Pierre (1990), S. 110
45 Albert, Pierre (1998), S. 97
II.1.1.1.F Werbemarkt
Betrachtet man den europäischen Werbemarkt als Ganzes, so sind die Einnahmen in den letzten Jahren weiter gestiegen, der Anteil der Zeitungen am Werbeinvestitionsvolumen nimmt hingegen beständig ab. Lag die Quote im Vergleich mit anderen Medien in Westeuropa 1985 noch bei 44%, so sank dieser Wert bis 1998 auf 38%. Trotz zunehmender Konzentration ist die fallende Tendenz in Europa z.T. auf die weiter bestehende Fragmentierung der Zeitungslandschaft zurückzuführen, die es den Investoren erschwert, landesweite, qualitativ einheitliche Werbekampagnen in Tageszeitungen zu schalten. Bei genauerer Betrachtung fällt zudem auf, daß auch der Werbemarkt im Ländervergleich sehr unterschiedliche Strukturen aufweist, die mit den bereits erwähnten kulturellen Besonderheiten der Zeitungslandschaft insgesamt korrelieren.
Der Anteil der Werbeinvestitionen, die auf die Medien generell entfallen, ist in Deutschland und Frankreich mit nicht viel mehr als einem Drittel des gesamten Werbeinvestitionsvolumens in etwa gleich niedrig. Bemerkenswert hoch ist der Anteil in Großbritannien, wo die Hälfte der Werbegelder den Medien zufließen 46 :
46 Zu berücksichtigen ist dabei die Tatsache, daß die Gelder, die den Medien zufließen, in absoluten Zahlen gemessen in Deutschland am höchsten und sogar doppelt so hoch wie in Frankreich sind; vgl. Tabelle zu Abb. 4
Arbeit zitieren:
Stefan Bernhart, 2001, Online-Strategien von Printmedien im Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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