1. Was ist Gestalt-Pädagogik?
Burow 1998 definiert Gestaltpädagogik als „eine Richtung Humanistischer Pädagogik, die sich auf grundlegende Konzepte der Gestalttherapie (Kontaktmodell, Konzept von Kontakt und Begegnung) sowie der Humanistischen Psychologie (Humanistische Wertorientierung, Personenzentrierung, Betonung der Wachstumspotenzen des Individuums) stützt und auf diese Weise zur Entwicklung neuer, ganzheitlicher, integrativer Formen und Inhalte des Umgangs mit sich, mit der Gruppe und dem Thema im Rahmen von pädagogischen Veranstaltungen innerhalb und außerhalb von Institutionen beitragen möchte." (S.11)
Der Weg zu dieser sehr klaren und dichten Definition war ein Entwicklungsprozess über 20 Jahre hinweg:
1.1 Wie wurde „Gestaltpädagogik“?
Das auf „das Zusammenfließen“ emotionaler und rationaler Lernprozesse abzielende Konzept der "Confluent Education" von George. I. Brown, entwickelt auf dem Hintergrund der gestalttherapeutischen Arbeit Browns bei Fritz Perls, deren Prinzipien in den pädagogischen Raum übertragen werden sollten (vgl. Bürmann 1992, 9) und das Konzept der „Integrativen Agogik“ von Hilarion Petzold, das zunächst auf die Erwachsenenbildung gerichtet war, ebenfalls auf die Gestalttherapie, jedoch zusätzlich auf das Psychodrama nach Moreno zurückgreift und so der „Dimension Leib“ eine zusätzliche und stärkere Beachtung gibt, können als „Urväter“ der Gestaltpädagogik verstanden werden. Ihr gemeinsames Buch „The live classroom“(1975) ist 1978 in Deutschland unter dem Titel „Gefühl und Aktion“ erschienen. Weitere „verwandtschaftliche Beziehungen“ der Gestaltpädagogik finden sich zu den Ansätzen des Personenzentrierten Lernens (Carl Rogers; Tausch/Tausch), der europäischen Reformpädagogik und der Themenzentrierten Interaktion nach Ruth Cohn.
Burow/Scherpp definierten 1981 die Gestaltpädagogik als einen „Sammelbegriff für pädagogische Konzepte, die sich weitgehend an den theoretischen und praktischen Vorstellungen der Gestalt-Therapie und der Gestaltpsychologie orientieren." (Burow/Scherpp 1981, 119). Die Konzepte der Gestaltpädagogik waren 1981 noch sehr unscharf und in einem experimentellen Stadium. In den 1980er und 1990er Jahren hat sich die Gestaltpädagogik durch eine intensive Workshoparbeit
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gestalttherapeutisch interessierter Pädagogen entwickelt. Gemeinsam waren ihnen eine pädagogische Grundüberzeugung und die der Gestalttherapie und weiteren Strömungen entlehnte, jedoch relativ homogene, Methodik. Nach Hofmann 1998, 37, war diese Arbeit geprägt von der hohen Bedeutsamkeit persönlicher Erfahrungen und "erstaunlich immun gegen theoretische Begründungen und gegen Unterschiede in den Konzepten". Dennoch konnte Bürmann 1992 eine anwachsende Zahl von Versuchen der theoretischen Begründung und Darstellung der Gestaltpädagogik feststellen (vgl. Bürmann 1992, 35). So entstand auf dem Hintergrund des humanistischen Paradigmas, der existentialistischen Philosophie (u.a. Konzept der intersubjektiven Begegnung) und der Gestalttheorie ein "recht homogener Katalog von Prinzipien und Konzepten der Gestaltpädagogik" (Bürmann 1992, 35). Eine Schärfung der Theorie von Gestaltpädagogik durch eine klare Begriffsfassung und eine Abgrenzung zu anderen didaktischen Konzepten (z.B. Projektunterricht, Freinet, Walddorf, Schülerorientierter Unterricht etc.) steht jedoch ebenso aus, wie die Formulierung eines allgemein anerkannten didaktischen Konzepts dem die Integration verschiedener Zugänge und Dimensionen gelungen wäre (vgl. Bürmann, 1992, 36). Programmatisch scheint mir als Richtungsangabe dessen was Gestaltpädagogik ist und will der Buchtitel der ersten deutschsprachigen Reflexion des jungen Ansatzes "Gestaltpädagogik", der Adaption der confluent education für Schule und Erziehung in Deutschland: Lernziel Menschlichkeit. Lehren und Lernen wird verstanden als Beitrag zu einer humaneren Gesellschaft und zur Gestaltung eines Bildungssystems, das dem Menschen gerecht wird. In dieser (gesellschafts)polischen Perspektive waren Burow/Scherpp sicher deutlich Kinder ihrer Zeit - und für uns heute Mahner, das Wesentliche, den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Stärken, immer wieder in den Mittelpunkt pädagogischer Reflexion zu stellen.
1.2 Der theoretische Hintergrund: Der Gestaltansatz. Oder: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile
Gestalttherapie und Gestaltpädagogik sind verschiedene Ausprägungen des Gestaltansatzes. Ausgehend von der Gestalttheorie (Christian von Ehrenfels; Max Wertheimer) bemüht sich der Gestaltansatz um die ganzheitliche Wahrnehmung von „Gestalten“. "Gestalt" ist die stabile Beziehung unterschiedlicher Teile, deren Summe ein "mehr" ergibt. Diese Ganzheit ergibt sich nicht durch ein mehr oder weniger zufälliges Zusammentreffen der einzelnen Dimensionen, sondern entwickelt sich und verhält sich gemäß den Gestaltgesetzen. Das gilt nicht nur für die Phänomene der
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dinglichen Welt, sondern auch und ganz besonders für den Menschen: Der Mensch ist ein grundsätzlich Ganzes.
Gestalttherapie - der dritte Weg der Psychotherapie
In der Entwicklung der Gestalttherapie war Perls neben der Abgrenzung zur Psychoanalyse und der Gestaltpsychologie ("Berliner Schule") von der Charakteranalyse nach W. Reich und dem Existentialismus geprägt. Auch der Taoismus und der Zen-Buddhismus werden als Quellen der Gestalttherapie genannt (vgl. Rechtien 1997, 64f). Aus diesen Wurzeln entspringen die anthropologischen Grundannahmen der Gestalttherapie.
1.3 Menschenbildannahmen des Gestaltansatzes
Das Menschenbild der Gestaltpädagogik fußt auf den Annahmen des Humanistischen Paradigmas, das Ressourcenorientierung und eine holistische Betrachtungsweise der Person vorgibt und auf den anthropologischen Grundannahmen der Gestalttherapie (vgl. vgl. Rechtien, S. 64ff.; Burow/Scherpp 1981, 61ff.; 124)
1.3.1 Der Mensch hat drängt nach Selbst-Verwirklichung Wesentlich ist die Annahme von im Menschen lebenden Selbst-Aktualisierungstendenzen, die nach Wachstum und Entwicklung der Ressourcen und damit nach Selbst-Verwirklichung streben: Der Mensch will sich selbst, seinen Personenkern, verwirklichen und sein Leben als einzigartiges Individuum selbstständig in Freiheit und Verantwortung führen. Die Kompetenz dazu kann im Prozess des „self support“ entwickelt werden: Die Person entdeckt ihre Stärken, die ihr die Verwirklichung des Personenkerns ermöglichen. Die Tendenz zur Selbst-Aktualisierung ist Grundlage jedes Wachstums. Das Verhalten ist immer das im Augenblick gewählte Mittel zur Selbst-Aktualisierung.
1.3.2 Der Mensch ist eine Einheit von Geist, Seele und Leib
Der Mensch ist in seiner Persönlichkeitsentwicklung angewiesen auf die Wahrnehmung der „Ganzheit“ seiner selbst, der anderer Personen und der dinglichen Welt („Sachinhalte“). So bilden körperliche und psychische Vorgänge, das beobachtbare Verhalten und die inneren Vorgänge eine Einheit und müssen auch in ihrem Zusammenhang betrachtet werden. Dabei ist das Erleben und die wache
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Bewusstheit („awareness“) im „Hier und Jetzt“ besonders wichtig. Der Kognition kann aus dieser Grundverfasstheit heraus nicht mehr der unangefochtene Primat gewährt werden.
„Awareness“, die wache Bewusstheit ist die Bedingung für einen „guten Kontakt“ vom Individuum zu seiner Umwelt und zur eigenen Person. Der „gute Kontakt“ meint die reelle Wahrnehmung der zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und biologischphysikalischen, sowie der psychischen und körperlichen Wirklichkeiten.
1.3.3 Der Mensch sucht die Beziehung, den Kontakt
Der Mensch lebt als Subjekt in koexistenter Beziehung zu seiner Umwelt. Aus der Begegnung mit der sozialen und dinglichen Umwelt erwächst Identität. Der Gestaltansatz formuliert dies mit dem Begriff des „Kontakt“ und der „Kontaktgrenze“ Kurz skizziert ist darunter die Begegnung, das Wahrnehmen in einem psychischen und physischen Sinn von Individuum und Umwelt gemeint. Im Idealfall kommt es an der Grenze des Individuum (und seinem "Selbst") zur Umwelt zu einem lebendigen Austausch vom Einzelnen zu sich selbst, zur belebten und unbelebten Umwelt (vgl. Burow 1981, 79f; dazu näher Fuhr, Gestaltansatz, 86). Der Kontakt ist die Beziehungsaufnahme des Subjekts zu den Objekten an der physischen und psychischen Kontaktgrenze durch Denken, Fühlen und Handeln, an der Integration von Neuem in das Selbst und damit persönliches Wachstum, Selbst-Aktualisierung, Identitätsbildung und Persönlichkeitsentwicklung gelingen kann. Entsprechend wichtig ist der Begriff der "Begegnung" in dieser Konzeption. In der Termininologie des Gestaltansatzes bilden sich im Kontakt „Gestalten“. Im Idealfall sind das geschlossene, klare und starke Gestalten. Die Kontaktprozesse können jedoch aufgrund der individuellen Vorerfahrungen oder aufgrund der Kontaktsituation gestört sein. Unabgeschlossene Kontaktprozesse führen zu offenen Gestalten. Die "offenen Gestalten" sind wie "unerledigte Geschäfte", die die gelungene Selbst-Aktualisierung stören (vgl. Burow 1988, 56f) und so Aufmerksamkeit und Energie binden. Zur gestalttheoretischen Menschenbildannahme gehört die Annahme, dass gemäß der "Tendenz zur Guten Gestalt", der Mensch offene Gestalten ("unerledigte Geschäfte") schließen will, also noch nicht abgeschlossene Kontaktprozesse zu Ende zu führen will bis eine Integration gelungen ist.
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1.4 „Was ist Gestaltpädagogik“? Neuere Klärungsversuche Oder: Wo der Mensch dem Menschen begegnet
Gestaltpädagogik ist nach Burow 1998, S. 10 eine ganzheitliche Pädagogik, die Kontaktprozesse zwischen Lehrern und Schülern im Sinn dialogischer Lernprozesse fördern will. Gestaltpädagogik betont dabei die Gültigkeit der Verschiedenenartigkeit und die Gleichwertigkeit der unterschiedlichen individuellen Potentiale und will "intersubjektive Begegnung“ fördern.
Gestaltpädagogik arbeitet in unterschiedlichen Bereichen. Der wohl wesentlichste und vielfach beschriebene ist der Bereich der Lehrerbildung, die durch Selbsterfahrung grundsätzliche Haltungen und Einstellungen (z.B. die horizontale Subjekt-Subjekt-Begegnung zwischen Lehrer und Schüler) usw. trainiert. Neben der Organisationsentwicklung arbeitet die Gestaltpädagogik auch im Bereich der Unterrichtsentwicklung, in der Konzeption von gestaltpädagogisch orientiertem Unterricht. Dieser Bereich ist Thema dieser Arbeit, die nach dem Spezifischen des gestaltpädagogischen Ansatzes für Unterricht und den Vorstellungen von Lernen in der Gestaltpädagogik fragt. Wesentlich ist dafür die Arbeit Bürmanns, der 1992 unter dem Fokus des "Persönlich bedeutsamen Lernens" den Versuch einer "(vorläufigen) Integration von unterschiedlichen Erfahrungen und Theorien im Hinblick auf ein tieferes Verständnis der Problematik und der Möglichkeit, persönlichkeitsbildendes Lernen in der Schule zu fördern" (S.10) wagt und so eine gestaltpädagogische Lerntheorie vorlegt. Zu erwähnen ist auch die religionspädagogische Rezeption des Gestaltansatzes durch Albert Höfers „Gestaltkatechese“ (vgl. Klaushofer 1989).
2. Ziele und Prinzipien der Gestaltpädagogik: Stärken stärken
Pädagogische Ziele resultieren immer aus den immanten Menschenbildannahmen. so spielen die Konzepte von der Persönlichkeitsentwicklung durch Selbst-Aktualisierung und vom Kontakt eine wesentliche Rolle im Zielfenster der Gestaltpädagogik.
2.1 Persönlichkeitsentwicklung
Resultierend aus den Menschenbildannahmen der Gestaltpädagogik formulieren Burow/Scherpp 1981, 125 als zentrales Ziel der GP die "allseitige Entwicklung (der ...) Fähigkeiten (des Individuums) und seines ganzen Potentials". Diese Entwicklung wird als Wachstumsprozess der Persönlichkeit betrachtet, der "auf eine Veränderung
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Arbeit zitieren:
Heike Kellner-Rauch, 2006, Gestaltpädagogisch orientierter Unterricht , München, GRIN Verlag GmbH
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