Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 4
1 Die phylogenetische Entwicklung des Sprachursprungs. 6
1.1 Die Entstehung der Organismen. 6
1.2 Die evolutionstheoretische Betrachtung des Sprachursprungs von
M üller. 7
1.2.1 Die Grundlagen der Evolution 7
1.2.2 Die Ausbildung der Sprachfähigkeit. 8
1.2.3 Die Evolution der Sprache 11
1.3 Die paläoanthroplogische Sichtweise des Sprachursprungs (Brandt) 11
1.3.1 Die Untersuchung des Gehirns 11
1.3.2 Die Gehirngröße und das Körpergewicht. 12
1.3.3 Hirnoberflächenstruktur 13
1.3.4 Die Sprachursprungsproblematik. 14
1.4 Die biolinguistische Betrachtung des Sprachursprungs (Kreisel-Korz) 19
1.4.1 Die theoretische Frage der Sprachentstehung. 19
1.4.2 Sprache und Technologie. 21
1.4.3 Polygenese versus Monogenese. 22
1.4.4 Evolutionsfaktoren und Sprache. 23
1.5 Die sprachtheoretische Betrachtung des Sprachursprungs. 25
1.5.1 Der Sprachursprung nach Hockett 25
1.5.2 Die Herkunft der Sprache nach Zimmer. 26
1.5.3 Korpiuns Modell über die Sprachentwicklung 29
1.6 Die anthropologische Sichtweise des Sprachursprungs (Leakey/Lewin) 35
1.6.1 Der Junge von Turkana. 35
1.6.2 Die Zweibeinigkeit. 37
1.6.3 Webstuhl der Sprache 39
1.6.4 Spuren des Geistes. 41
1.7 Die kulturalistische Betrachtung des phylogenetischen
Sprachursprungs. 46
1.7.1 Die kulturalistische Sicht Tomasellos. 46
1.7.1.1 Ein Rätsel und eine Vermutung. 46
2.7.1.2 Biologische und kulturelle Vererbung 48
1.7.2 Die memetische Theorie Blackmores. 52
1.7.2.1 Genen und Memen nach Blackmore. 52
1.7.2.2 Der Ursprung und die Evolution der Sprache. 56
1.7.2.3 Die Koevolution von Memen und Genen. 57
2 Die aktuellen Ansätzen über die ontogenetische Entwicklung
des Sprachursprungs. 60
2.1 Der nativistische Ansatz. 60
2.1.1 Biologische Grundlagen der Sprache (Lenneberg) 60
2.1.2 Kognitive Fähigkeiten nach Chomsky. 62
2.1.3 Die Sprache als Sprachinstinkt (Pinker) 66
2.1.3.1 Eine instinktive Kunst. 66
2
2.1.3.2 Die Universalität der Sprache. 67
2.1.3.3 Die mentalesische Sprache. 68
2.1.3.4 Wie funktioniert Sprache? 70
2.1.3.5 Die Die Sprache des Neugeborenen. 72
2.1.3.6 Die Grammatikgene. 73
2.1.3.7 Die Evolution der Sprache und der Bauplan des Geistes 73
2.1.4 Die Sprache nach Calvin/Ojemann. 75
2.1.4.1 Wie das Gehirn denkt (Calvin) 75
2.1.4.2 Einsicht ins Gehirn (Calvin/Ojemann) 79
2.1.5 Der nativistische Ansatz nach Klann-Delius. 81
2.2 Der kognitivistische Ansatz 84
2.2.1 Kurze Darstellung der Theorie Piagets. 84
2.2.2 Die vier Perioden der kognitiven Entwicklung des Kindes 87
2.2.2.1 Periode der sensomotorischen Intelligenz (0 bis 2 Jahre) 88
2.2.2.2 Die Periode des voroperationalen Denken (2 bis 7 Jahre) 89
2.2.2.3 Die Periode der konkreten Operationen (7 bis 11 Jahre) 90
2.2.2.4 Die Periode der formalen Operationen (ab 11 Jahre) 91
2.2.3 Die Kritik Wygotskis an Piaget. 92
2.2.4 Die Theorie Piagets und die Informationsverarbeitungstheorien 96
2.2.4.1 Die Theorie Piagets nach Sodian. 96
2.2.4.2 Informationsverarbeitungstheorien der kognitiven
Entwicklung 97
2.2.5 Die Sprache und das Bewusstsein nach konstruktivistischer
Sichtweise. 98
2.3 Der kulturalistische Ansatz. 100
2.3.1 Sprache und Denken nach Wygotski. 100
2.3.2 Der Spracherwerb der Kinder nach Bruner. 102
2.3.3 Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens nach
Tomasello 110
2.3.3.1 Gemeinsame Aufmerksamkeit und kulturelles Lernen. 110
2.3.3.2 Sprachliche Kommunikation und symbolische Repräsentation.114
2.3.3.3 Sprachkonstruktionen und die Kognition von Ereignissen. 115
2.3.3.4 Rede und repräsentationale Neubeschreibung. 116
2.3.3.5 Kulturelle Kognition. 118
2.3.4 Die historisch-anthroplogische Betrachtung der
Sprache nach Trabant. 120
Fazit. 121
Literaturverzeichnis. 126
3
Einleitung
Das Thema der vorliegenden Arbeit, der Sprachursprung, beschäftigt die Wissenschaft bereits seit Jahrhunderten. Diese fortwährende Diskussion konnte beispielsweise auch nicht durch ein Verbot durch die französische Akademie im 18. Jahrhundert unterbunden werden. Die Ursache für diesen Befund liegt nicht zuletzt in dem Umstand, dass vor allem die Sprache einen der gravierendsten Unterschiede zwischen dem Menschen und anderen Tierarten darstellt.
In der wissenschaftlichen Diskussion über die Frage des Sprachursprungs haben bis zum 20. Jahrhundert theoretische Überlegungen im geisteswissenschaftlichen Umfeld dominiert. Im letzten Jahrhundert sind viele Fragen der Geistwissenschaften und somit auch die Frage nach dem Sprachursprung aus naturwissenschaftlicher Perspektive analysiert worden.
Heutzutage wird in den wissenschaftlichen Untersuchungen immer wieder für eine interdisziplinäre Betrachtung eines Phänomens plädiert, da sie als aussagekräftiger angesehen wird.
Daher stellt sich auch die vorliegende Arbeit innerhalb der aktuellen Entwicklungen die Aufgabe, den Sprachursprung interdisziplinär zu analysieren. Der Sprachursprung kann aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden: Die phylogenetische Entwicklung der Sprache sowie die ontogenetische Analyse des Spracherwerbs bzw. der -funktionen. Aus diesem Grund besteht auch die vorliegende Arbeit aus zwei Hauptteilen, die diese Perspektiven thematisieren. Der erste Teil befasst sich mit der phylogenetischen Entwicklung des Sprachursprungs. Hier soll versucht werden, eine interdisziplinäre Betrachtung des Sprachursprungs durchzuführen. Daher wird zuerst die von Müller entwickelte, biologische Evolutionstheorie des Sprachursprungs thematisiert. Im Anschluss daran soll die paläoneurologische Betrachtung des Menschen und der Sprache von Brandt dargestellt werden. Ebenfalls wird in diesem Zusammenhang auf den
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biolinguistischen Ansatz von Kreisel-Korz in der gegebenen Kürze eingegangen werden.
Aus dem Komplex sprachtheoretischer Ansätze des Sprachursprungs werden die Überlegungen von Hockett und Zimmer sowie von Korpiun thematisiert. Im Anschluss daran soll der anthropologisch orientierte Ansatz von Laekey/Lewin dargestellt werden, der - gestützt auf langjährige Erfahrungen mit den (Fossil-) Knochenuntersuchungen - nicht nur die Sprache, sondern auch den Menschen in seiner Gesamtheit untersucht hat.
Zum Schluss des Kapitels über die phylogenetische Entwicklung des Sprachursprungs soll außerdem die kulturalistische Sichtweise von Tomasello und Blackmore dargestellt werden.
Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit den aktuellen Ansätzen zur ontologischen Entwicklung des Sprachursprungs sowie zur kognitiven Entwicklung des Kindes.
Die in diesem Zusammenhang entwickelten Ansätze sollen unter drei grundsätzliche Denkrichtungen subsumiert werden: Nativismus, Kognitivismus (Konstruktivismus) und Kulturalismus. In diesem Zusammenhang kann und soll die vorliegende Arbeit nicht den Anspruch erheben, eine komplette Darstellung dieser Ansätze zu geben, da eine solche Vorgehensweise den vorgegebenen Rahmen sprengen würde. Vielmehr sollen die nach Auffassung des Verfassers wichtigsten in der Diskussion stehenden Ansätze thematisiert und analysiert werden. Hierbei ist sich der Verfasser des Umstandes bewusst, dass sicherlich Überschneidungen zwischen den unterschiedlichen Ansätzen existieren. Der Verfasser sieht es jedoch als notwendig an, die einzelnen Ansätze zu unterscheiden, um sie durch gegenseitige definitorische Abgrenzungen handhabbar machen zu können.
Der erste, der nativistische Ansatz, der i.d.R. mit Chomsky identifiziert wird, umfasst neben dessen Arbeiten auch die Ansätze von Pinker und Calvin, aber auch den Ansatz Lennebergs, da diese Autoren die Theorie Chomskys modifiziert haben, sich jedoch letztendlich innerhalb von dessen Ideengebäude bewegen. Der zweite, der kognitivistische Ansatz umfasst kurz zusammengefasst die nicht gänzlich abgeschlossene Theorie Piagets über die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten beim Kind. In diesem Zusammenhang sollen nicht nur das Werk Piagets, sondern auch einige nach Meinung des Verfassers interessante und relevante
5
Interpretationen von dessen Theorie, wie die von Buggle, Wygotski sowie Glasersfeld u.a. rezipiert werden.
Im Zusammenhang mit dem dritten aktuellen, nach Meinung des Verfassers zur Zeit dominierenden, kulturalistischen bzw. soziologischen Ansatz soll auf vier Autoren und deren Ansätze näher eingegangen werden: Wygotski, Bruner, Tomasello und Trabant.
Der Verfasser ist sich des Umstandes bewusst, dass die Auswahl der Ansätze eine subjektive Komponente besitzt, die nicht zu leugnen ist. Er glaubt aber dennoch, für das Thema der vorliegenden Arbeit relevante Ansätze in seine Überlegungen einbezogen zu haben.
Im abschließenden Fazit sollen die vorgestellten Ansätze kurz analysiert und auf ihre Relevanz untersucht werden.
1 Die phylogenetische Entwicklung des Sprachur-
sprungs
1.1 Die Entstehung der Organismen
In der Kosmologie wird behauptet, dass vor etwa 10 - 20 Milliarden Jahren „eine allgemeine Expansion des Weltalls“ (der Urknall) stattfand (vgl. Brockhaus 1991:729). Der Kosmos bestand in dieser Zeit zu 76 Prozent aus Wasserstoff und 24 Prozent aus Helium (chemische Grundstoffe), deren Vermischung zur Bildung von Sternen und vor 4,6 Milliarden Jahren auch zur Bildung der Sonne und des Planetensystems führte (vgl. Brockhaus 1991:729). Später entstanden aus diesen Elementen größere Festkörper und Planeten wie die Erde (vgl. Brockhaus 1991:729). Die von Sauerstoff und v.a. Ozon absorbierte UV-Strahlung diente als „Hauptenergiequelle für die Bildung von größeren organischen Molekülen (v.a. Aminosäuren) in den damaligen Meeren und Gewässern“ (Brockhaus 1991:729) und ermöglichte so das Entstehen der lebenden Organismen auf der Erde.
6
Die weitere Interaktion der Organismen mit der Umwelt führte zum Kreieren ver- 1 kommtes nach
schiedener Organismen (Pflanzen und Tiere). Im Lauf der Evolution Darwin 2 zu verschiedenen Entwicklungsstufen einer Spezies. Die Evolution führte weiterhin zur Entfaltung komplexerer Spezies, so sollen die Affen im Verlauf der Evolution vor etwa 6 Millionen Jahren zu Menschenaffen geworden sein, von denen dann der Mensch vor etwa 3 Millionen Jahren entstand und besondere kognitive Fähigkeiten aufweist, die den Menschen zu einer besonderen Spezies gemacht haben (vgl. Korpiun ebd.).
1.2 Die evolutionstheoretische Betrachtung des Sprachur-
sprungs von Müller
1.2.1 Die Grundlagen der Evolution
Schon am Anfang seines Buches behauptet Müller (1990:2, Herv. von mir, R.K.), dass parallel zur Stammesgeschichte der Organismen im Hinblick auf die körperliche Entwicklung in gleicher Weise auch eine Stammesgeschichte der psychischen Entwicklung existiere.
Auch die kognitiven Prozesse des Menschen sind nach Müller (1990:2) „Ergebnis eines sich seit 4 Mrd. Jahren vollziehenden Anpassungsprozesses von Organismen an die Realität der Welt, indem Eigenschaften der Umwelt im Organismus abgebildet werden.“
Somit erklärt Müller (1990:3) sein Ziel, die Evolutionsbiologie mit der historischvergleichenden Sprachforschung zu verbinden.
1 Das Wort Evolution’ stammt aus dem Lateinischen ‚evolvere’ und bedeutet ‚hervorrollen’, ,abwickeln’, es bezeichnet meistens „langsame, kontinuierlich fortschreitende Entwicklung“ (Brockhaus 1991:728). In der Biologie bezeichnet die Evolution „den Wandel in der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Organismen (Phylogenie)“ (Brockhaus 1991:729). Nach Brockhaus (1991:730) sind die Mutationen, die als plötzliche Veränderungen der Gene eines Organismus definiert werden, wesentlich „für das Verständnis zum Ablauf der Evolution“, denn auch der Mensch ist „ein (zufälliges) Ergebnis der Evolution.“
2 Vgl. Korpiun: http://www.uni-essen.de/sesam/wie-und -warum/skriptum/vorgeschichte/webskript1.htm
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Zuerst definiert Müller (1990:13) zwei wichtige Begriffe, die Ontogenese und die Phylogenese: Während Ontogenese die einzigartige Entwicklung eines einzelnen Individuums von der Keimesentwicklung bis zum Tod beschreibt, ist die Phylogenese als „der Prozeß der Entstehung geschlossener Abstammungsgemeinschaften der Natur durch Spaltungen jeweils nur ihnen gemeinsamer Stammarten“ zu verstehen (Ax 1984:39, zit. nach Müller 1990:14).
Müller (1990:19) ist überzeugt, dass die „gegenwärtig fundierteste und umfangreichste Darlegung natürlicher Entwicklungsvorgänge“ die biologische Evolutionstheorie sei, die zu den phylogenetischen Untersuchungen auch der menschlichen Erkenntnis seit 50 Jahren geführt habe.
Nach Müller (1990:22) erklärt die Evolution auch die Entstehung und die Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins, denn es existiere „kein prinzipieller Unterschied zwischen irgendeinem Organ eines Insekts und dem Organ ‚menschliches Gehirns’ oder den Quasi-Organen ,menschliche Gesellschaft’ und ,Sprachfähigkeit.’“ In der Evolution der Organismen sind nach Müller (1990:23) zwei wichtige Prozesse entscheidend: Die Anpassung der Organismen an die Erfordernisse der Umwelt so wie die Zufallsentwicklungen, denn die evolutive Entwicklung von Organismen verfolgt kein vorgegebenes Ziel.
Auch die Hominisation ist laut Müller (1990:60ff) ein Beispiel einer evolutiven Entwicklungslinie. So sind die Säugetiere vor ca. 190 Mio. Jahren entstanden, über den Trennungszeitpunkt des Menschen und der Menschenaffen wird gegenwärtig der Zeitraum von vor 5 bis 15 Mio. Jahren diskutiert.
1.2.2 Die Ausbildung der Sprachfähigkeit
Die Entstehungsgeschichte der Sprache ist laut Müller (1990:74) „auch ein Teil der Entstehungsgeschichte des Menschen“ oder aber auch Entdeckung des Menschen’. Nach Müller (1990:74, Herv. von mir, R.K.) lässt sich die Entwicklung der Sprache auf zwei Ebenen beschreiben: die Evolution zur Sprachfähigkeit und die Evolution der Sprache.
In diesem Evolutionsprozess entscheidend war „die fortschreitende Komplexitätserhöhung der Augen“, die auch zur Komplexitätserhöhung der mentalen Abbildung
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von Objekten und Relationen der Umwelt in den kognitiven Prozessen der Primaten geführt hat (Müller 1990:75).
Ein weiterer ebenfalls relevanter Faktor in diesem Prozess war nach Müller (1990:75f) die Primatengreifhand, denn die freigewordenen’ Hände ermöglichten die Manipulation von Gegenständen, und somit ,versorgten’ sie „das Sinnessystem mit allen Informationen über Gegenstände und Eigenschaften der Umwelt.“ Die Hände wurden nach Müller (1990:76) durch die Aufarbeitung und Präparierung der Objekte „zum ausführenden Organ des Gehirns“ und führten damit zur Gehirnentwicklung.
Trotzdem sind nach Müller (1990:76, Herv. von mir, R.K.) die oben aufgeführten Faktoren nur als „eine mögliche Realisation der notwendigen Grundbedingungen für die Entstehung von Bewusstsein und Sprachfähigkeit“ zu verstehen. Die morphologische Unveränderlichkeit von Homo sapiens sapiens seit ca. 40 000 Jahren stellt nach Müller (1990:77) nicht das Finalstadium in der Entwicklung der Hominidenlinie dar, weil die evolutiven Neuheiten ,Kognition’ und ,Bewusstsein’ sowie ,Sprachfähigkeit’ eine permanente komplexe Höherentwicklung anbieten. Die Abbildungsleistungen, die hauptsächlich dem Gehirn zugeschrieben werden, sollen laut Müller (1990:79) als der Vorgang in Stufen mit qualitativen Unterschieden verstanden werden: Die erste Stufe der Informationsspeicherung von Umwelteigenschaften sind die Nukleinsäuren, die das Erbmaterial speichern; die zweite qualitative Stufe sind die Nervenzellen, die Reflex- und Instinktverhalten hervorbringen; die dritte Stufe ist die Lernfähigkeit der Organismen, die auch durch Nervenzellen ermöglicht wird; und die vierte Stufe ist die Ausbildung von Bewusstsein und Sprachfähigkeit, die bis jetzt nur Menschen erreicht haben. Weiterhin unterscheidet Müller (1990:79f) innerhalb der vierten Stufe der Informationsspeicherung noch drei emergente Unterteilungen: kognitive (sprach)Fähigkeit, natürliche Sprache und die Schrift.
Entscheidend für diese Entwicklung ist nach Müller (1990:81), dass die Sinnessysteme eine mentale Repräsentation der Außenwelt entsprechend der Umweltanpassung der Organismen ermöglichen, d.h. die Organismen ,denken’ im Rahmen dieser Sinneseindrücke.
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Bewusstsein und Sprachfähigkeit des Menschen sind als evolutive Neuheit zu interpretieren, auch wenn sie auf den kognitiven Fähigkeiten der nichtmenschlichen Primaten beruhen, sie können laut Müller (1990:82) „nicht durch eine einfache Akkumulation von bestehenden Fähigkeiten“ erklärt werden, sondern durch ein systematisches Zusammenwirken von sich selbst verstärkenden und unabhängig von-einander entstandenen Einzelereignissen.
Die Theorie Gourhans über die Verbindung zwischen Sprache und Technik ist laut Müller (1990:84) nicht so überzeugend, trotz der gegenwärtigen Akzeptanz, denn Sprache basiert auf allgemeinen kognitiven Operationen und ist im Zusammenhang mit den anderen Verhaltensleistungen zu sehen.
Müller (1990:84) hält die einfachen Formen der Werkzeugbenutzung nicht als Beweise für höhere Denkleistungen, andererseits setzt er ein menschliches Denkvermögen für die Herstellung von komplizierten Steinwerkzeugen voraus. Auch die rituellen Handlungen und Mythen können laut Müller (1990:84f) „nicht ausschließlich durch Nachahmung, sondern nur über sprachlichen Möglichkeiten“ realisiert werden und „nur durch Sprache“ weitergeben werden. Ein weiterer ebenfalls entscheidender Faktor für den Sprachursprung ist nach Müller (1990:85) auch die rasante Zunahme des Gehirns in einer relativ kurzen Zeit: So ist
es von ca. 450 cm 3 beim Australopithecus afarensis, über ca. 500 cm 3 beim Australipithecus africanus, ca. 700 cm 3 bei Homo habilis, ca. 1 100 cm 3 beim Homo erectus bis auf 1 400 cm 3 beim Homo sapiens praesapiens gestiegen. Trotz der Vergrößerung des Gehirns ist eine unmittelbare vergleichende Bewertung der Volumina aufgrund der unterschiedlichen Körpergröße und des unterschiedlichen Cerebralisationsgrades der Gehirne laut Müller (1990:85) „unmöglich.“ Der Sprachursprung soll innerhalb des Hominisationsprozesses (zwischen 4 Mio. und 8 Mio. Jahren) entstanden sein, doch Indizien für eine prinzipielle Sprachfähigkeit des Menschen, wie Grabbeigaben, komplizierte Steinwerkzeuge, kontrollierte Feuerbenutzung, datieren seit ca. 2 Mio. Jahren (Müller 1990:86).
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Seit ca. 200 000 Jahren sind nach Müller (1990:87) ,ästhetische Werkzeuge’ bekannt (Schmuckfunktion, Steine mit fossilisierten Seeigel), während Kunst in Form von Malereien und Plastiken seit 40 000 Jahren (Homo sapiens sapiens) existiert. Die strikte Kopplung von technologischen Fähigkeiten und menschlicher Kognition sieht Müller (1990:89) als problematisch, weil es sein kann, dass vor zumindest 2 Mio. Jahren Hominiden über kognitive Operationen höherer Ordnung (Anfertigung von Steinwerkzeugen) verfügten, die Sprache aber später vor mindestens 0,5 bis 1,0 Mio. Jahren erfunden wurde. Doch zumindest seit 400 000 Jahren verfügt der Mensch über eine einfache Sprache, so Müller (1990:89). Die Entstehung der Sprache und das menschliche Bewusstsein sind nach Müller (1990:93) in einen Entstehungsprozess eingebettet.
1.2.3 Die Evolution der Sprache
Müller (1990:175) meint, dass die Fähigkeit zur Kommunikation ein grundlegendes Ausstattungsmerkmal der Lebewesen ist, denn bei allen Lebewesen erfolgt ein wechselseitiger Austausch der Organismen mit der Umwelt. Dabei unterscheidet Müller (1990:176) drei Stufen in der Komplexität der Informationsübermittlungsprozesse:
die Interaktion, die Kommunikation 3 und die Sprache.
Die phylogenetische Entwicklung der Sprache, die als eine spezifische Eigenschaft des Menschen gilt, beruht laut Müller (1990:217) auf einer allgemeinen Intelligenz des Menschen. So hat der Mensch in seiner evolutionären Entwicklung die Stufe erreicht, in der er selbst als Produkt der Evolution den Evolutionsprozess beeinflusst und somit auch die Sprachentwicklung (vgl. Müller 1990:268). Zum Schluss meint Müller (1990:269), dass erst die Evolutionstheorie „den Zusammenhang von Menschwerdung, Psychogenese und Sprachgenese“ aufzeige.
3 Mit der Kommunikation ist die „außersprachliche Informationsübermittlung bei Mensch und Tier“ gemeint (Müller 1990:177, Herv. im O.).
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1.3 Die paläoanthroplogische Sichtweise des Sprachursprungs
(Brandt)
1.3.1 Die Untersuchung des Gehirns
Der Mensch unterscheidet sich nach Brandt (2000:9) von anderen Lebewesen durch seine geistigen Fähigkeiten wie Lernen, Gedächtnis, Abstraktions- und Urteilsfähigkeit, Phantasie und Sprache. Allein die Gehirngröße, es ist etwa dreimal so groß wie das Gehirn der Großaffen, zeigt nach Brandt (2000:9), dass das Gehirn ein entscheidendes Organ zur Ermöglichung der oben erwähnten Leistungen ist. Brandt (2000:9) unterscheidet drei Zugangsweisen zur Ableitung des menschlichen Gehirns von tierischen Vorstufen: Neurobiologie, die Erforschung von Artefakten einst lebender Hominiden (Steinwerkzeuge) sowie die Paläoneurologie. Während die zwei ersten Forschungen Brandt (2000:9f) als Forschungen indirekter Natur betrachtet, gilt Paläoneurologie als der ,direkte Weg’ zur Entwicklungsgeschichte des menschlichen Gehirns, denn sie umfasst „die tatsächliche Fossilgeschichte des Gehirns“, indem sie „natürlich überlieferte oder künstlich hergestellte endocraniale
Ausgüsse 4 untersucht.“ D.h. die Paläoneurologie kann „mehr Aussagen über die Oberflächenstruktur des Gehirns“ bzw. über das Volumen, die Form und die Proportion des Gehirns erbringen (Brandt 2000:11f).
Trotz dieses direkten Wegs zur Untersuchung des Gehirns gibt Brandt (2000:13) zu, dass auch nach 100 Jahren Forschung kein direkter Zusammenhang zwischen der relativen Gehirngröße und geistigen Fähigkeiten nachgewiesen wurde.
1.3.2 Die Gehirngröße und das Körpergewicht
Die durchschnittliche Schädelkapazität des heutigen Menschen liegt zwischen 1300
und 1400 cm 3 , sie unterscheidet sich aber bei den einzelnen Rassen zum Teil erheblich (Brandt 2000:13).
Unter den frühen Hominidengruppen nimmt laut Brandt (2000:16) Homo habilis eine Sonderstellung ein, weil er als taxonomische Gruppe insgesamt umstritten ist.
4 Endocranialer Ausguss ist ein Ausguss des Schädelinnenraumes (Brandt 2000:11).
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Cladistische Überlegungen und eine Analyse der Lebensraumanpassungen führen Wood & Collard (vgl. Brandt 2000:18) zu dem Schluss, dass die beiden Habilisspezies (Homo habilis und Homo rudolfensis) aus der Gattung Homo ausgeschlossen müssen. Der Grund dieser Behauptung beruht nach Brandt (2000:18) auf viele Untersuchungen der Schädelfossilien von unterschiedlichen Arten von Homo habilis, die einige Autoren, wie Tobias (1985), McHenry (1994) und Halloway (1978) unternommen haben.
Obwohl Brandt (2000:18f) diese Untersuchungen für „sehr überzeugend“ hält, kann die Betrachtung allein des Schädelvolumens nur einen ,begrenzten Wert’ haben, deshalb soll es in Abhängigkeit mit dem Körpergewicht betrachtet werden. Deacon (1990) verweist auf die Verschiedenheiten von Säugetieren, so dass jeder mit seinen Fortbewegungsfähigkeiten ,Experte’ in seinem speziellen Lebensraum ist (Brandt 2000:20). Laut dieser Konzeption von Deacon (vgl. Brandt 2000:20) muss man zwischen einer Gehirnvergrößerung, die mit einer höheren Intelligenz korreliert, und einer Gehirnvergrößerung, die vollständig durch ein höheres Körpergewicht bedingt ist, unterscheiden.
Ein anderer Faktor, der indirekt die relative Gehirngröße in Bezug zum Körperge-
wicht bestimmt, ist nach Deacon (vgl. Brandt 2000:21) der Metabolismus. 5 Die Betonung der Gehirngröße führt zu der Annahme, dass mehr Neuronen auch mehr Intelligenz bedeuten, was nicht bewiesen werden kann (Brandt 2000:20). Doch Brandt (2000:22) vertritt die Meinung, dass der Zusammenhang von Gehirngröße und Körpergewicht „nicht befriedigend erklärt werden kann,“ weil die Größenunterschiede des Gehirns nicht als Resultat einzelner physiologischer Veränderungen zu erklären sind, sondern sie sind viel komplexer, so dass ein direkter Rückschluss von der Gehirngröße auf die geistigen Fähigkeiten nicht möglich ist (Brandt 2000:22).
1.3.3 Hirnoberflächenstruktur
Ein anderes Merkmal in Bezug auf das Gehirnvolumen ist nach Brandt (2000:26) die Hirnoberflächenstruktur, die „funktionell besser deutbar“ ist als die Gehirngröße. So
5 Der Metabolismus ist der Stoffwechsel (Brandt 2000:132).
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basiert Brandt (2000:27ff) seine Analyse auf viele Studien, die sich mit den formalen und proportionalen Relationen der Gehirnteile, mit den Hirnasymetrien, mit den
Endocranialgefässen 6 sowie mit den Hirnfurchen befasst haben. Jedoch sind diese Untersuchungen „methodisch nicht vergleichbar“ und deswegen auch sehr umstritten, weil sie zu unterschiedlichen Resultaten führen (Brandt 2000:31).
So untersuchte Abler (1976) verschiedene Schädel von Hominiden und konnte nur beim Menschen ausgeprägte Links-Rechts-Asymetrien feststellen (Brandt 2000:30). Andererseits stellt Lemay nach Brandt (2000:31) bei Menschen und Pongiden „gleiche anatomische Hirnasymmetrien (Hirnlappen, Fissura Sylvii) mit ähnlicher Häufigkeit“ fest. Daraus resultiert laut Brandt (2000:31) eine allgemeine Tendenz der Zunahme der anatomischen Hirnasymmetrien von den Tieren über die Pongiden zum Menschen.
Doch das geringe Fossilienmaterial macht es nach Brandt (2000:33) unmöglich, das Auftreten von Hirnasymetrien bei Australopithecinen und Habilis festzustellen.
Aus den Untersuchungen von Meningealgefässen 7 können auch keine relevante Angaben über die Hirnorganisation gegeben werden (Brandt 2000:34ff). Das interessanteste und vielleicht wichtigste Ergebnis der vergleichenden Untersuchung der äußeren Gehirnanatomie ist nach Brandt (2000:62) die Entdeckung von Hirnfurchen, die Pongiden- und Menschenhirne unterscheidet und mit funktionellen Leistungen in Verbindung gebracht werden können.
So kommt Brandt (2000:63, Herv. im O.) zu dem Schluss, dass das Gehirn der Australopithecinen anhand der Schädelinnenausgussmerkmale „keine eindeutig interpretierbaren Zeichen einer Hominisation“ zeigt, so dass diese Fossilgruppe aus paläuneurologischer Sicht als „eine den Großaffen nahestehende Form“ zu interpretieren ist.
1.3.4 Die Sprachursprungsproblematik
Im zweiten Teil seines Buches befasst sich Brandt (2000:67ff) mit der Sprachursprungsproblematik. Bis zum Ende des 18 Jahrhunderts dominierten nach Brandt (2000:67) allgemeine philosophische Überlegungen über den Sprachursprung, im 19.
6 Das Endocranialgefäss ist das Schädelinnerngefäss (Brandt 2000:131).
7 Meningealgefäße sind Hirnhautgefäße (Brandt 2000:132).
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Jahrhundert stand die Sprachursprungsproblematik im Hintergrund, während im 20. Jahrhundert „anthropologisch-psychologische Erklärungsmuster angeboten werden, deren gemeinsame Grundlage die Evolutionstheorie ist.“ Da die Lautsprache Teil des menschlichen Kommunikationssystems ist, wurde versucht, den Großaffen die Lautsprache beizubringen. Doch nachdem diese Versuche scheiterten, untersuchten viele Forscher (vgl. Brandt 2000:67) die Evolution der menschlichen Sprache „im Rahmen des kommunikativen Gesamtverhaltens,“ wobei die Großaffen die sprachliche Kommunikation erlernen sollten. So versuchten einige Forscher den Menschenaffen die Zeichensprache zu lehren, während einige andere eine künstliche Sprache entwickelten (Brandt 2000:67). Während die Menschenaffen (Gorillas und Schimpansen) „Zeichen und Symbole analog menschlicher Worte“ erlernen konnten, konnten sie die hochkomplexe menschliche Syntax „nicht annährend“ erreichen (Brandt 2000:67).
Der vergleichende Sprachursprungforschungsansatz untersucht auch menschliche und nichtmenschliche Kommunikation, aus ihm haben sich heute drei Theorien über die Evolution der Sprache entwickelt (Myers 1976, vgl. Brandt 2000:67f, Herv. von mir, R.K.):
In diesem Zusammenhang ist nach Brandt (2000:68) die Untersuchung des Gehirns wichtig, bzw. einiger Teile des Gehirns, die mit der Sprache verbunden werden. Aber die Untersuchung des Gehirns bzw. dessen Weichteile beruht nur auf den Knochenüberresten, weil es keine Fossilien von diesen Teilen des Gehirns gibt. Aus dieser Analyse haben sich laut Brandt (2000:68) zwei verschiedene Forschungsansätze über den Sprachursprung entwickelt: Die Paläoneurologie, die Innenausgüsse von fossilen Schäden untersucht und die Paläolaryngologie, die „unter Zugrundelegung bestimmter osteologischer Merkmale des Schädels Aussagen über die einstigen Weichteilstrukturen des Lautbildungstraktes“ zu machen versucht, um daraus wiederum Rückschlüsse auf deren Lautbildungsfähigkeiten zu ziehen.
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Laut der paläolaryngologischen Untersuchungen besitzt der erwachsene Mensch im Gegensatz zum menschlichen Neugeborenen und den nichtmenschlichen Primaten einen großen Supralaryngealraum, der dem Menschen nach einigen Forschern, wie z.B. Lieberman et al., die Modulationsfähigkeit für eine voll artikulierte Sprache ermöglicht (vgl. Brandt 2000:69).
Dieser große Supralaryngealraum bildet sich während der kindlichen Entwicklung und ermöglicht ungefähr nach dem zweiten Lebensjahr die Voraussetzung für die menschliche Sprache (Brandt 2000:70f).
Lieberman (vgl. Brandt 2000:71f) meint, dass der menschliche Neugeborenenschädel und der Neandertalerschädel (,La Chapelle-aux-Saints’) einander ähnlich sind, aber sich von dem des heutigen Menschen unterscheiden, und er kommt zum Schluss, dass der Neandertaler in der Vokal- und Konsonantenbildung eingeschränkt gewesen sei. In diesem Zusammenhang stellt Brandt (2000:72) drei Fragen, von denen mir als die relevanteste die nach der ,strengen Korrelation’ zwischen den Lautbildungsmöglichkeiten und der Sprachfähigkeit scheint.
Das menschliche Neugeborene weist (vgl. Brandt 2000:76) eine flache Schädelbasis wie die nichtmenschlichen Primaten auf, und erst im Alter von zwei bis vier Jahren erfolgt ein starker Knickungsschub der Schädelbasis. Aus den Untersuchungen von Laitman et al. sowie von Lieberman resultiert nach Brandt (2000:76), dass der Homo erectus sowie der Neandertaler „eine vermittelnde Stellung in der Sprachevolution“ zwischen den pongidenähnlichen
Australopithecinen und dem archaischen modernen Menschen haben, was evolu-tionstheoretisch nicht zu beweisen ist.
Doch die Schädelbasiskrümmung als Gradmesser der Sprachfähigkeit zu betrachten, ist nach Brandt (2000:76f) kritisch, denn die Korrelation zwischen der äußeren Schädelbasiskrümmung und Vokaltraktdimensionen mehr als „Wachstumsprozesse des Gesichts und nicht der Schädelbasis“ zu interpretieren ist. Die Korrelation zwischen der inneren und äußeren Schädelbasiskrümmung ist beim Menschen gering, aber signifikant. Für den Schimpansen konnten Lieberman & McCarthy (1999) keine Messwerte der äußeren Schädelbasiskrümmung vorlegen (Brandt 2000:77).
Auch das in Israel im Jahr 1983 gefundene versteinerte Zungenbein von einem Neandertaler-Skelett spricht gegen die These von Lieberman, so Brandt (2000:78). So kommen Arensburg et al. (1990) zum Schluss, dass der Abstand zwischen dem
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Zungenbein und dem der Schädelbasis „durch die Entwicklung von Oberkiefer, Unterkiefer und der Zähne“ und nicht durch den Abstieg des Zungenbeins zur Wirbelsäule zu erklären ist (vgl. Brandt 2000:78). Die Befunde von Arensburg et al. stehen nach Brandt (2000:79f) im Gegensatz zu den Behauptungen von Lieberman, denn sie beweisen „eine moderne menschliche Larynxanatomie bei diesem Neandertaler,“ auch wenn sie einen kleineren Supralaryngealtrakt als den von dem modernen Menschen gehabt hätte.
Nach heutigem Kenntnisstand lässt sich laut der Interpretation Brandts (2000:80) der obere Vokaltrakt nicht anhand von Schädelbasismerkmalen rekonstruieren, das ist anatomisch und funktionell, wie Lieberman es macht, nicht möglich. Aus den Untersuchungen über den Canalis hypoglossalis schließen Kay et al. (1998, vgl. Brandt 2000:81), dass der moderne Mensch (Homo sapiens und Neandertaler) vor 400 000 Jahren eine im wesentlichen moderne menschliche Vokalsprache praktizierten, aber Australopithecus und Homo habilis sind aus dieser Fähigkeit ausgeschlossen.
Nach neueren Untersuchungsergebnissen umfasst die Sprachorganisation separate Systeme für unterschiedliche Sprachfunktionen, Poeck (Brandt 2000:84) spricht von einer Netzwerkorganisation der Sprache im Gehirn, wobei nicht Eigenschaften, sondern Prozesse im Gehirn gespeichert werden. D.h. das ganze System arbeitet parallel. Die klassischen Sprachgebiete nach Broca und Wernicke tragen also nur zu einem Teil zur linguistischen Gesamtleistung des Gehirns bei. Der größte Teil der neurologischen Grundlage der Sprache muss laut Brandt (2000:16) bei der Endocastanalyse unerkannt bleiben. Da die cortikalen Rinden der fossilen Formen nicht untersucht werden können, und ihre funktionelle Wirksamkeit auch nicht testbar ist, kann man laut Brandt (2000:84) aus der Sicht der Paläouneurologie nur Vermutungen über die Sprachfähigkeit fossiler Hominiden äußern. Im weiteren befasst sich Brandt (2000:87ff) mit dem Einfluss der Werkzeuge und Waffen sowie der Gegenstände aus Kunst und Kultur auf die sprachlichen Fähigkeiten.
Bednarik (vgl. Brandt 2000:93) behauptet, dass die technologischen, sozialen und kulturellen Fähigkeiten von Homo erectus bisher „gewaltig unterschätzt worden“ sind.
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Es gibt in letzter Zeit viele Hinweise auf einige kulturelle und künstliche Gegenstände. So entdeckte Hartmut Thieme (1996,1997) mehrere vollständig erhaltene Holzspeere aus 400 000 Jahre alten Ablagerungen (vgl. Brandt 2000:93). Einige Befunde weisen nach Brandt (2000:95f) auf die Experimentierung mit Farbe schon vor 1,5 Millionen Jahren (Homo erectus). Auch die in Thüringen gefundenen Knochen mit den regelmäßigen Strichgruppen weisen auf besondere Bedeutungen hin, deswegen meinen Mania &Mania (vgl. Brandt 2000:96), dass der Homo erectus die Sprache als Verständigungsmittel beherrscht haben muss. Auch die Funde von Schmuckperlen in El Greifa, die bis zu 350 000 Jahren alt sein können, sprechen nach Ziegert (vgl. Brandt 2000:97) für den ,Urmenschen’ als ein „differenziertes Zivilisationswesen,“ als er angenommen wird, und meint, dass „schon der frühe Homo erectus vor über 1 Million Jahren die physischen und psychischen Voraussetzungen und ein Verhalten zeigte, das wir als menschlich bezeichnen können.“
Doch das erste Auftreten von Steinwerkzeugen (Oldawen) in den geologischen Schichten wird nach Brandt (2000:101) als ein entscheidender Schritt in der vermuteten Hominisation angesehen. Auch die Steinwerkzeugherstellung sowie der Trans-port und die Benutzung dieser Artefakte erfordert „eine längere zeitliche Spanne der Aufmerksamkeit“ (Brandt 2000:88).
Aus den Handknochenmerkmalen früher Hominiden kann laut Brandt (2000:101) in einem gewissen Maß auf die Fähigkeiten im Werkzeugumgang geschlossen werden, so dass aus diesen Untersuchungen die These unterstützt wird, dass „alle Australopithecinen im Umgang mit Steinwerkzeugen nicht wesentlich über dem Niveau der nichtmenschlichen Primaten entwickelt“ waren, d.h. die Australopithecinen werden aus den frühesten bekannten Steinwerkzeugkultur (Oldowan) ausgeschlossen.
Die meisten Paläoanthropologen schreiben nach Brandt (2000:102) nur der Gattung Homo (auch habilis) die Werkzeugherstellung zu, weil sie die Werkzeugherstellung mit dem Gehirnvolumen in Beziehung setzen, weswegen die Australopithecinen mit einem schimpansengroßen’ Gehirn „keine guten Kandidaten für Werkzeughersteller“ sind.
Auch das Greifrepertoire der frühen Hominiden (Australopithecus afarensis) lag nach Brandt (2000:126) „nicht wesentlich über dem Niveau der subhumanen Primaten“, sie verfügten nicht über einen menschenähnlichen Dreiklammengriff wegen der feh-
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lenden Pronationsfähigkeit 8 des Zeigefingers und der fehlenden Hupinationsfähigkeit 9 des vierten und fünften Fingers (Brandt 2000:126). Derzeit gibt es nach Brandt (2000:128f) keine wirklich überzeugenden Argumente dafür, dass „die Funktion der Hand der Australopethicinen im Werkzeugumgang wesentlich höher entwickelt war als die der rezenten subhumanen Primaten“, und daraus resultiert, dass die Hersteller der Oldowan-Werkzeuge „wahrscheinlich ausschließlich echte Menschen“ waren (Brandt 2000:128f).
1.4 Die biolinguistische Betrachtung des Sprachursprungs
(Kreisel-Korz)
1.4.1 Die theoretische Frage der Sprachentstehung
Die kognitiven Grundlagen der menschlichen Sprache sind aus biolinguistischer Sicht „nicht ausschließlich dem Menschen eigen“ (Kreisel-Korz 1998:1). So wird auch die Sprache aus dieser Sicht als ,eine humanspezifische Form kognitiven Verhaltens’ angesehen, „dessen Entstehungsbedingungen und struktural-prozessurale Grundlagen aber in allgemeineren Modi erkenntnismäßiger Informationsverarbeitung zu suchen sind“ (Kreisel-Korz 1998:1).
Über die Entstehung der Sprache gibt es nach Kreisel-Korz (1998:154) eine lückenhafte Fossilkette hominider und hominer Entwicklungslinien, weswegen auch „harte Daten aus den Anfängen menschlichen Sprechens naturgemäß fehlen.“ Theoretisch unterscheidet Kreisel-Korz (1998:155) in Bezug auf die Entstehungs-und Entwicklungsbedingungen des menschlichen Sprachvermögens zwei konträre Positionen: Die sprachlichen Fähigkeiten des Menschen haben sich gemäß der Evolutionstheorie Darwins entwickelt und das menschliche Sprachvermögen ist ein evolutives Novum.
Diese beiden konträren Thesen bezeichnet Kreisel-Korz (1998:155) kurz Kontinuität vs. Diskontinuität. Kreisel-Korz (1998:155) vertritt die Kontinuitätsthese, nach der die Evolution von Sprache kein plötzlich auftretendes Phänomen ist, sondern als ein
8 Pronation ist die Drehbewegung des Unterarmes oder des Fußes, so dass der Handrücken nach oben kommt bzw. der äußere Fuß gesenkt wird (Brandt 2000:133).
9 Hupination ist die Auswärtsdrehung der Hand, wie z.B. Suppenlöffelhaltestellung (Brandt 2000:134).
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gradueller Prozess zu verstehen ist, der „aus quantitativ gesteigerten Integrationspotentialen entstanden ist.“
Weiterhin fasst Kreisel-Korz (1998:156) vier ,glottogentische Theorien’ zusammen: Die Betrachtung der Sprache als ,göttliche Gabe’, die metaphysischen Erklärungsmodelle, nach denen Sprache als Bedürfnis zu kommunizieren’ verstanden wird, die Betrachtung der Sprache als eine besondere kognitive Fähigkeit, die „von allen ver-wandten kognitiven Verarbeitungs- und Produktionsmechanismen unabhängige Entwicklungsstrukturen und -gesetzmäßigkeiten“ ausgekoppelt ist, so wie die evolu-tionstheoretische Sicht, nach der Sprache als „ein Produkt natürlicher biologischökologischer Faktoren und Prozesse“ erklärt wird.
Betrachtet man die glottogonen 10 Theorien aus einem anderen Blickwinkel als Übertragungskanal, so kommt man nach Kreisel-Korz (1998:156, Herv. von mir, R.K.) zu den drei Grundtypen:
a. „Vokal-auditive Äußerungen stehen an der Wiege allen sprachlichen Verhaltens.
b. Die lautsprachliche Abstammung entwickelt sich aus einer gestisch-visuellen Zeichengebung heraus.
Die sprachliche Kommunikation wird durch umfassende innerpsychisch-kognitive c.
Gesetzmäßigkeiten ins Leben gerufen, ihre Externalisierung in einen bestimmten Sprache sensorischen Übertragungsmodus kann unterdessen als bedeutungslos erachtet werden.“ Ein anderer Blickwinkel der Sprachzeichen ist ihre Relation zur Natur. Laut Kreisel-Korz (1998:156f) sind hierbei drei Erklärungsschemata zu unterscheiden: Erstens sind sprachliche Zeichen als ikonische Repräsentationen externer Objekte, Aktionen oder Attribute zu interpretieren, zweitens erscheinen sie als „Nebenprodukte endo-gen-motorischen Verhaltens“, und drittens entstammen sie aus emotionalen Reaktionen, wurden aber später zu konventionellen Zeichen.
Schließlich erwähnt Kreisel-Korz (1998:157) noch die theoretische Möglichkeit, den Sprachursprung „auf eine Mutation im homininen Genom mit anschließend genetischer Fixierung zurückzuführen.“
Im Hinblick auf die Glottogenese (den genetischen Sprachursprung) sind nach Krei-sel-Korz (1998:158) der Ursprung und der weitere Werdegang der menschlichen Sprachfähigkeit „fundamental an die biologische Phylogenese des Menschen ge-
10 DasWort glottogon kommt aus dem Griechischen und bedeutet „den Sprachursprung betreffend“ (Duden 1982:281).
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bunden.“ So bilden nach Kreisel-Korz (1998:158) morphophysiologische Adaptationen, Erhöhung kognitiver Verarbeitungspotentiale mit gleichzeitig kognitiven Spezialisationen und sensomotorischen Verfeinerungen die biologische Grundlage, damit sich die Fähigkeit zur Sprache überhaupt entfalten kann (Kreisel-Korz 1998:158).
Doch die ungeklärte Frage, wie das postulierte Sprach-Modul ursprünglich in das
menschliche Genom gelangt, und damit die Universalgrammatik (UG) in der DNA 11 codiert worden ist, ist evolutionstheoretisch „wenig bis gar nicht plausibel zu erklären“ (Kreisel-Korz 1998:158).
Kreisel-Korz (1998:158) hält die Theorie von Kimura für plausibel, nach der „Rechtshändigkeit und Sprachzentren linkshemisphärisch in denselben Hirnarealen
lateralisiert sind, weil linksseitige Läsionen 12 motorischer Areale zu aphasischen Störungen der Artikulation oder Verbaler Apraxie 13 ’ führen.“ Die Motor-Theorie (Falk 1990) lässt sich den genetischen Sprachursprung so rekonstruieren: Zunächst führen manuelle und motorische Bewegungen des Menschen zu einer Anpassung der linkslateral gesteuerten Kontrolle, da aber „die Hände zunehmend in der Herstellung und dem Gebrauch von Werkzeugen oder den Transport von Lasten (Nahrung, Gebrauchsgegenständen) eingebunden sind,“ können sie nicht mehr im vollen Umfang zur manuell-visuellen Kommunikation genutzt werden, so dass „die voluntative Kontrolle der Stimme zur Erzeugung von Sprachlauten evolutiv einen Selektionsvorteil“ verursacht (Kreisel-Korz 1998:159). Auch die Stimulationsstudien von Ojemann unterstützen nach Kreisel-Korz (1998:159) die Motor-Theorie. Aus der Hirnforschung dieser Studien resultierte, dass ein großer Teil des menschlichen Gehirns mit sprachlichen Leistungen „aus den elementaren Bausteinen des motorischen Systems“ besteht. So vermutet Allot (1992:116, vgl. Kreisel-Korz 1998:159) auf der Basis der Motor-Theorie, dass sich „glottogenetisch die ursprünglichen Strukturen von Wortformen aus den neuralen Prozessen ableiten, die Perzeption und Aktion miteinander verbinden.“
11 DNA ist die Akkürzung vom Molekül Desoxyribonnukleinsäure, das nach Gipper (1978:33) die Information des Gesamtentwicklungsprogramms des Lebewesen enthält.
12 Läsion ist ein lateinisches Wort und bedeutet Verletzung oder Störung der Funktion eines Organs oder Körperglieds (Duden 1982:442).
13 Das Wort Apraxie kommt aus dem Griechischen und bedeutet: durch zentrale Störungen bedingte Unfähigkeit, sinnvolle und zweckmäßige Bewegungen auszuführen (Duden 1982:78).
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1.4.2 Sprache und Technologie
Es bleibt nach Kreisel-Korz (1998:159f) die Frage zu klären, „warum manuell-visuelle Kommunikationsformen dem vokal-auditiven Modus vorangegangen sein sollen.“ So vertritt Raffler-Engel (1983,1992) nach Kreisel-Korz (1998:159f) eine bimodale Ansicht, nach der „natürliche Kommunikation immer verbal und nonverbal zugleich ist und niemals nur in einem Modus allein stattfindet,“ d.h. es gibt eine synchrone Entwicklung von Gestik und Vokalisation, eine ,Bi-Modalität’ von Beginn an. Studdert-Kennedy (1982:647) meint, „dass es ein Bindeglied zwischen Hand und Mund gibt“ (Kreisel-Korz 1998:160).
Technologischer und sprachlicher Fortschritt sind nach Kreisel-Korz (1998:162) als ‚Teil des Menschwerdungsprozesses’ zu verstehen, denn die Entwicklung von Sprache und Technologie kann nur im Rahmen von einer Wechselwirkung (Informationsaustausch) zwischen dem Organismus (Leben) und der Umwelt erfolgen. D.h. die Ausstattung des Menschen mit kognitiven Fähigkeiten führt nach Kreisel-Korz (1998:162) zu einer wechselseitigen Beeinflussung von Organismus und Umwelt.
1.4.3 Polygenese versus Monogenese
Weiterhin geht Kreisel-Korz (1998:164ff) auf die Frage ein, ob die heutigen Sprachen aus einer Sprache (Monogenese) oder aber aus vielen Sprachen (Polygenese) entstanden sind.
Nach Polygenese entstand die Sprache „in vielen Sozietäten und unterschiedlichen Lebensräumen unabhängig voneinander“, während nach der Monogenese alle Sprachen auf einer gemeinsamen Ursprache beruhen (Kreisel-Korz 1998:164). Kreisel-Korz (1998:164f) positioniert sich gegen eine monogenetische Stammesgeschichte von Sprache, denn wenn es nur eine gemeinsame Urform gäbe, hätten sich „also (proto-)sprachliche Potentiale nur an einem einzigen Punkt des Menschwerdungsprozesses herausgebildet, so müsste dann der intersozietale Austausch die Regel gewesen sein, denn nur so wären Bewahrung und Verbreitung eines jeweils erreichten sprachlichen Status quo zu gewährleisten.“ Da aber „ein regelmäßiger Kontakt zwischen den vor- und frühgeschichtlichen Hominiden-Populationen wohl eher die Aus-
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nahme gewesen sein mag, liegt eine hohe Unwahrscheinlichkeit des monogenetischen Modelle nahe.“
Ich glaube, dass Kreisel-Korz mit dieser Behauptung die vielen Möglichkeiten der Sprachentwicklung bzw. die Flexibilität der Sprache und damit die möglichen Sprachumwandlungen mit dem einzigen Moment der Sprachentstehung verwechselt. Doch Kreisel-Korz (1998:165) hält die Polygenese für plausibler, mit der auch die heutige Sprachenvielfalt erklärbar und verständlich werde. Weiterer Beleg für die Polygenese sei nach Kreisel-Korz (1998:166) auch das hominide Kognitionspotential, denn die psychischen Voraussetzungen von Sprache gehören zur biologischen Artausstattung, so dass sie in vielen Sozietäten und unterschiedlichen Lebensräumen unabhängig voneinander entstehen. Als widersprüchlich für die Plausibilität der Polygenese kann man die Darstellung der germanischen Sprachfamilie von Kreisel-Korz (1998:167) betrachten, in der es gezeigt wird, wie aus dem Urgermanischen acht heute noch lebenden Sprachen ent-standen sind. Das stützt meiner Meinung nach nicht die Polygenese, sondern mehr die Monogenese, denn es ist die Kraft der Sprachumwandlung, die nicht nur zur Veränderung der Sprachen, sondern auch zum Aussterben der Sprachen führt.
1.4.4 Evolutionsfaktoren und Sprache
Kreisel-Korz (1998:168f) meint, dass es in Bezug auf die Evolutionsfaktoren der Sprache zwei unterschiedliche Erklärungsmuster gibt. Während das eine im Vorder-grund die biologische Grundlage bzw. die Mutation als entscheidend für die neuen kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten und Eigenschaften des Organismus sieht, betrachtet das andere Erklärungsmuster die neuen Fähigkeiten als Entdeckungen und Erfindungen, die zur Veränderung der Umwelt bzw. zur Anpassung der Umwelt an die Bedürfnisse der Organismen führen.
Die evolutionsbiologische Erklärung über die Sprache basiert nach Kreisel-Korz (1998:168 ) auf zwei unterschiedlichen ,Argumentationssträngen’. Der erste ist mit
dem stammesgeschichtlichen 14 Beginn sprachlich-kognitiver Fertigkeiten und ihren Entwicklungsmechanismen verbunden, der zweite stellt „die Problematik, ob auch die sich anschließende historische Entwicklung von Sprache in fundamentaler Weise
14 Kreisel-Korz verwendet das Wort anzestral für stammesgeschichtlich ( vgl. Duden 1982:72). Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Kreisel-Korz die lateinisch-griechischen Ausdrücke zu sehr liebt.
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biologischen Steuerungsprozessen unterliegt,“ (Kreisel-Korz 1998:168) in Frage. Denn nach der zweiten Betrachtungsweise sind die kulturellen Entwicklungsprozesse „nicht an die genetische Vererbung gebunden,“, sondern ihre Neuerungen werden durch Tradition, die die Sprache ermöglicht, weitergegeben (Kreisel-Korz 1998:168).
Kreisel-Korz (1998:172) sieht die Sprache als „verbindendes Glied zwischen der biologischen und der kulturellen Evolution.“ Trotz der Dominanz der kulturellen Evolution auf die menschliche Stammesgeschichte sind nach Kreisel-Korz (1998:173) die biologisch-natürlichen Grundlagen der Sprachfähigkeit vorhanden, auch wenn sie ,schwer’ erkennbar sind.
Zusammenfassend stellt Kreisel-Korz (1998:175ff) weiter die Ausgangshypothese aus der biolinguistischen Hinsicht dar, nach der die menschliche Sprachfähigkeit auf einem allgemeineren, nichtsprachspezifischen Kognitionsvermögen der nichtmenschlichen Primaten beruht, auf dem die Sprache entstanden und aufgebaut und „zur Bewältigung heterogener sozioökologischer Situationskonstellationen und Umweltansprüche eingesetzt“ wird.
In evolutionsbiologischer Hinsicht ist nach Kreisel-Korz (1998:178) die Entstehung komplexer Fähigkeiten „nie monokausal und monofinal“ entstanden, sondern solche Fähigkeiten sind „immer multifaktoriell und multifunktional.“ Kreisel-Korz (1998:181) ist der Auffassung, dass Sprache „nicht als ein stammesgeschichtlich plötzlich auftretendes Phänomen ohne irgendwelche Vorstufen und Präadaptationen entstanden ist, sondern sich in einem allmählichen Prozess - auch mit morphophysiologisch-anatomischen Anpassungen im Artikulationsapparat- ausge-formt hat,“ deswegen plädiert Kreisel-Korz (1998:182f) für die Betrachtung des Zusammenhangs zwischen den Affen und der Sprache bei der Sprachentstehung, doch dafür ist die interdisziplinäre und artübergreifende Betrachtung nötig. In Bezug auf die Position einiger Linguisten, die den Schwerpunkt auf die Syntax legen, meint Kreisel-Korz (1998:184), dass Sprache „nicht allein aus der Formulierung syntaktisch korrekter Äußerungen“ besteht, sondern „stets von einem Weltwissen“ abhängt, „von einem Wissen über die Verwendung der jeweiligen Sprache.“
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1.5 Die sprachtheoretische Betrachtung des Sprachur-sprungs
1.5.1 Der Sprachursprung nach Hockett
Auch wenn der Sprachursprung im 19. Jahrhundert nur innerhalb der Philologie und der Linguistik untersucht wurde, kann man nach Hockett (1973:135f) doch zwei ,empirische Ansätze’ unterscheiden: Die von Sapir betonte Universalität der Sprache sowie den historischen Vergleich der Sprachen. Besonders der zweite Ansatz weist auf Ähnlichkeiten zwischen zwei Sprachen hin, die nicht auf einen ,Zufall’ zurückzuführen sind, sondern auf eine einzige ältere Sprache.
Weiter stellt Hockett (1973:138ff) seine Theorie des Sprachursprungs dar. Hockett versucht den Sprachursprung evolutiv in 13 allgemeine Sprachmerkmale aller Sprachen zusammenzufassen: ,Stimm-Hör-Kanal’, ,Breitbandübertragung und Richtungsempfang’, ,Vergänglichkeit’, ,Austauschbarkeit’, ,totale Rückkoppelung’, ,Spezialisation’, ,Semantizität’, ,Willkürlichkeit’, ,Diskretheit’, ,Raum-Zeit-Unabhängigkeit’, ,Produktivität’, ,Übermittlung durch Tradition’ und ,Dualität der Musterbildung’ (vgl. Hockett 1973:146).
Hockett (1973:143) meint, dass die neun ersten der dreizehn Merkmale bei Protohominoiden vorhanden sind.
Das Problem des Sprachursprungs besteht demnach in dem Versuch festzustellen, wie ein solches System die vier weiteren Eigenschaften, nämlich Raum-Zeit-Unabhängigkeit, Dualität, Produktivität und volle Übermittlung durch Tradition, entwickelt haben könnte (Hockett 1973:143).
Hockett (1973:145) betont die Mischung als eine wichtige Charakteristik der menschlichen Sprache, die mit ihrem Verstanden-Werden ihre Produktion vorantreibt, so dass „das ehemals geschlossene System offen und produktiv“ wurde. Hockett (1973:145ff) behauptet, dass das Herumtragen von Werkzeugen erst zur ,Raum-Zeit-Unabhängigkeit’ führen könnte, und dann auch zu ,zweckhaftem Verhalten’.
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Aber gleichzeitig mit dieser Entwicklung ist nach Hockett (1973:147f) auch die Evolution des Gehirns, das „bessere Speichereinheiten für die Konventionen eines komplexen Kommunikationssystems und für alle tradierten Kenntnisse“ ermöglichte, zu verbinden.
Die Raum-Zeit-Unabhängigkeit begünstigt nach Hockett (1973:148) Gedächtnis und Voraussicht, während die ,Dualität der Musterbildung’ als das letzte Sprachmerkmal für ein hochkompliziertes Kommunikationssystem wichtig ist. Die Werkzeugherstellung und die spätere Fähigkeit für Übermittlung durch Tradition findet Hockett (1973:150) als ein wichtiger Punkt des Kommunikationssystems der Menschenahnen in Bezug auf den Unterschied zwischen Überleben und Aussterben.
1.5.2 Die Herkunft der Sprache nach Zimmer
Die heutige Vermutung über die Sprachentstehung besagt nach Zimmer (1995:164), dass die erste Sprache der Menschen eine Gebärdensprache gewesen sein müsse, die dann „immer mehr Funktionen an die Lautsprache abtrat.“ Der Hauptvertreter dieser Theorie ist nach Zimmer (1995:164) Gordon W. Hewes, Anthropologe der Universität Colorado, der den Sprachursprung an „die Geste des Zeigens“ sieht, d.h. eine Handbewegung wurde zu einem symbolischen Zeichen. Die Frage, wie die Gesten zu Wörtern wurden, erklärt die ,Mund-Gebärden-Theorie’, nach der Lippen, Zunge und Kehlkopf ,im Einklang’ mit den gestikulierenden oder arbeitenden Händen Laute hervorbrachten und später die Bedeutungen der Handbewegungen annahmen (Zimmer 1995:164). So ersetzte die Lautsprache die Gebärdensprache, weil sie ,praktischer’ sei, denn man könne die Hände frei halten und auch sprechen ohne zu sehen.
Aber diese Theorie beweist nach Zimmer (1995:165) ,nichts’, denn es bleibt unklar, „warum die Modalität der Handzeichen aufgab und das ganze System in einer Modalität der Laute übergab.“ Auch die Untersuchungen mit den jungen Schimpansen und Gorillas ergaben, dass sie eine Gebärdensprache lernen können, aber keine Lautsprache (Zimmer 1995:164).
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Arbeit zitieren:
M.A. Ruzhdi Kicmari, 2004, Die Suche nach dem Denken und der Sprache, München, GRIN Verlag GmbH
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am Saturday, January 23, 2010-