Inhalt
1. Einleitung 1
2. Die Veto-Spieler-Theorie von George Tsebelis 2
2.1. Grundlagen und Annahmen der Veto-Spieler-Theorie 2
2.2. Hypothesen der Veto-Spieler-Theorie 4
2.3. Kritik am Veto-Spieler-Ansatz 7
3. Deutschland im Lichte der Veto-Spieler-Theorie 10
3.1. Das politische System der Bundesrepublik Deutschland 10
3.2. Anzahl der Veto-Spieler und Konsequenzen 12
4. Großbritannien im Lichte der Veto-Spieler-Theorie 16
4.1. Das politische System Großbritanniens 16
4.2. Anzahl der Veto-Spieler und Konsequenzen 19
5. Schlussbetrachtungen 22
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
George Tsebelis, der derzeit als Professor für Politikwissenschaft an der University of Michigan lehrt, veröffentlichte 1995 einen Aufsatz namens „Decision Making in Political Systems: Veto-Players in Presidentialism, Parliamentarism, Multicameralism and Multipartyism“. In diesem stellt er erstmals sein Konzept der Veto-Spieler vor, mit dem er alle bisherigen Ansätze der klassischen Politikwissenschaft zur Erklärung und Prognose politischer Performanz überwinden wollte. Anstatt politische Systeme nur dichotom einzuteilen - wie zum Beispiel in präsidentiell versus parlamentarisch, föderal versus unitarisch, Ein- versus Zweikammernsystem oder Zwei- versus Mehrparteiensystem - versucht Tsebelis mit diesem Ansatz, „alle institutionellen Arrangement und politischen Wettbewerbskonstellationen als funktional äquivalent zu betrachten“ (Kaiser 2007: 464). Denn dies erlaubt einen deutlich größeren Stichprobenumfang bei empirischen Untersuchungen und de facto die Möglichkeit zum Vergleich aller politischer Systeme. Vorliegende Arbeit wird im Folgenden das Veto-Spieler-Theorem von George Tsebelis sowie dessen Annahmen und Hypothesen vorstellen. Auch auf Kritik am Ansatz soll dabei eingegangen werden. Anschließend soll der Ansatz auf zwei Beispiele angewandt und auf seine Relevanz überprüft werden: einmal am Beispiel des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland und schließlich am Beispiel von Großbritannien.
Wie kann die politische Performanz in Deutschland und Großbritannien gemäß der Theorie von George Tsebelis vorausgesagt werden? Und treffen die Hypothesen bezüglich der politischen Performanz in der Realität auch tatsächlich zu? Diese Fragen sollen im Verlauf dieser Arbeit nun geklärt werden.
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2. Die Veto-Spieler-Theorie von George Tsebelis
Was genau besagt die Veto-Spieler-Theorie von George Tsebelis? Welche Annahmen liegen ihr zu Grunde und welche Hypothesen hat Tsebelis in Bezug auf die politische Performanz letztendlich aufgestellt? Dieses Kapitel wird nun versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Der bereits in der Einleitung erwähnte Text „Decision Making in Political Systems“ von 1995 sowie die ausführlichere Ausführung im 2002 erschienen Buch „Veto Players: How political institutions work“ von George Tsebelis werden hierbei als Grundlage dienen.
2.1. Grundlagen und Annahmen der Veto-Spieler-Theorie
Das Forschungsdesign der Untersuchung Tsebelis’ legt die Veto-Spieler als unabhängige und die Fähigkeit zum Politikwechsel als abhängige Variable fest. Unter „Fähigkeit zum Politikwechsel“ versteht Tsebelis die Fähigkeit politischer Systeme, den Status quo zu verändern bzw. einen Policy-Wechsel herbeizuführen. Fehlt diese Fähigkeit, spricht Tsebelis von Policy-Stabilität (Tsebelis 1995: 292 f.).
Veto-Spieler definiert George Tsebelis wie folgt: „A veto player is an individual or collective actor whose agreement is required for policy decision“ (Tsebelis 1995: 293). Neben dieser grundlegenden Definition teilt Tsebelis die Veto-Spieler des Weiteren in drei Gruppen ein: in institutionelle, parteipolitische und sonstige Veto-Spieler.
Institutionelle Veto-Spieler sind solche Akteure, deren Veto-Rechte in der Verfassung gesichert sind. Dazu gehören unter anderem (zweite) Parlamentskammern und Präsidenten. Parteipolitische Veto-Spieler (Partisan Veto Players) sind Parteien, die Mitglieder der Regierungskoalitionen sind (Tsebelis 1995: 302). Während die Anzahl der institutionellen Veto-Spieler durch die Verfassung festgeschrieben
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ist, kann die der parteipolitischen Veto-Spieler je nach Parteiensystem und Regierungskoalition in den jeweiligen Ländern variieren (Tsebelis 1995: 304 f). Tsebelis schließt die Existenz weiterer Veto-Spieler in einem politischen System nicht aus, wenngleich deren Einflussmöglichkeiten nicht offiziell festgeschrieben sind. Als sonstige Veto-Spieler nennt Tsebelis unter anderem mächtige Interessenverbände wie Gewerkschaften und Wirtschaftlobbys, das Militär, Zentralbanken und Gerichte (Tsebelis 1995: 306 f). Die Relevanz dieser Akteure ist somit jedoch von der jeweiligen Thematik des politischen Diskurses abhängig. Die Veto-Spieler-Theorie basiert auf einem zweidimensionalen, räumlichen Politikmodell. In diesem vertritt jeder Veto-Spieler seinen idealen Punkt. Diesen kann man sich als Mittelpunkt eines Kreises vorstellen, wobei die Kreislinie die Indifferenzkurve des Veto-Spielers symbolisiert. Die Menge innerhalb dieses Kreises entspricht dem Bereich, in dem der Akteur indifferent über seine Entscheidungen ist. Sollte nun also die Politikvorstellung eines weiteren Veto-Spielers deckungsgleich mit einem Teil dieser Indifferenzmenge sein, kann in diesem Bereich eine Einigung über eine bestimmte Policy erreicht werden. Der Bereich, in dem sich die Kreise verschiedener Veto-Spieler überlappen - sich also der Bereich gemeinsamer Überzeugungen von Veto-Spielern befindet - die sich gegenüber dem Status quo durchsetzen können, nennt Tsebelis „Winset“. Die Größe dieses Winsets dient somit als Indikator für Policy-Stabilität. Denn diese nimmt zu, je kleiner der Winset ist (Tsebelis 1995: 293 - 296). Ergänzend zum Winset hat George Tsebelis das Konzept des „Cores“ entwickelt. Er „definiert die Menge von Punkten, die nicht geändert werden können“ (Kaiser 2007: 465, Tsebelis 2002: 21). Graphisch kann man sich den Core als Fläche zwischen den Idealpunkten der Veto-Spieler vorstellen. Je weiter diese vonein-ander entfernt sind, desto größer wird der Core. Somit ist auch er ein Maß für die Policy-Stabilität: Je größer der Core, desto größer die Policy-Stabilität (Tsebelis 2002: 21).
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Eine weitere wichtige Funktion im theoretischen Grundgerüst des Veto-Spieler-Ansatzes nimmt die sogenannte „Absorptionsregel“ ein. Diese besagt, dass „two institutional veto players with different political compositions should be counted as two distinct players. […] If this composition is identical, the two veto players are identical and should be counted as only one”
(Tsebelis 1995: 309 f.).
Eine wichtige Rolle im spieltheoretischen Gerüst kommt dem sogenannten “Agena-Setter” zu. Der Veto-Spieler, der als erster seine politischen Präferenzen artikuliert und somit die Agenda setzt, hat den erheblichen Vorteil, dass er seinen Vorschlag unter Berücksichtigung des Winsets der anderen Veto-Spieler unterbreiten und so einen Punkt vorschlagen kann, den er bevorzugt (Tsebelis 2002: 34). Die Bedeutung des Agenda-Setters hängt dabei von seiner Position im Verhältnis zu den anderen Veto-Spielern ab: Sie nimmt zu, wenn sich der Agenda-Setter zentral zwischen den existierenden Veto-Spielern befindet (Tsebelis 2002: 35).
Nach dieser überblicksartigen Einführung in die Grundannahmen der Veto-Spieler-Theorie von George Tsebelis stellt sich nun die Frage, welche Hypothesen sich daraus für die Performanz politischer Systeme ableiten lässt. Das nächste Kapitel soll diese Frage beantworten.
2.2. Hypothesen der Veto-Spieler-Theorie
Die Hypothesen, die Tsebelis aus seinen Annahmen abgeleitet hat, beziehen sich auf drei Merkmalsausprägungen der unabhängigen Variable: auf a) die Anzahl,
b) die Kongruenz und c) die Kohäsion der Veto-Spieler.
a) Mit steigender Anzahl der Veto-Spieler verringert sich automatisch die Fläche gemeinsamer Überzeugungen, der Core wird größer, der Winset wird kleiner. Aus einem kleineren Winset resultiert eine höhere Policy-Stabilität. Demnach
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lässt sich als erste Hypothese der Veto-Spieler-Theorie ableiten, dass die Möglichkeit eines Politikwechsels ceteris paribus sinkt, je mehr Veto-Spieler in einem politischen System existieren (Tsebelis 1995: 297, 305 - 308). Viele Veto-Spieler finden sich traditionell in Ländern mit Elementen direkter Demokratie und föderalen und/oder bikameralen Strukturen (Kaiser 2007: 466). Die exakte Bestimmung der Veto-Spieler jedoch ist komplex. So kann es durch unterschiedliche konstitutionelle Bestimmungen zu Variationen der Anzahl der institutionellen Veto-Spieler kommen. Ein Beispiel hierfür ist die Bundesrepublik Deutschland, in der manche Gesetze zustimmungspflichtig sind, andere jedoch nicht. Somit ist bei der Bestimmung der institutionellen Veto-Spieler in Deutsch-land zu berücksichtigen, ob im spezifischen Fall der Bundesrat zustimmungspflichtig ist oder nicht. Sollte es sich um ein zustimmungspflichtiges Gesetz handeln, muss des Weiteren die politische Zusammensetzung des Bundesrats überprüft werden. Sollte diese identisch mit der des Bundestags sein, absorbieren sich wiederum die Veto-Spieler, was dazu führt, dass trotz seiner Zustimmungspflicht der Bundesrat nicht als Veto-Spieler gezählt wird (Tsebelis 1995: 305). Die Anzahl der parteipolitischen Veto-Spieler wiederum variiert von Legislaturperiode zu Legislaturperiode: Je nachdem, wie viele Parteien im Zuge der jeweiligen Wahl den Sprung ins Parlament und in die Regierung schaffen, variiert auch die Zahl der Veto-Spieler.
Und je nach Themengebiet ist auch der Einfluss weiterer Veto-Spieler nicht zu vernachlässigen. Der Bedeutung der US-amerikanischen Waffenlobby „National Rifle Association“ (NRA) auf die Politik in den Vereinigten Staaten ist bekannt, eine Änderung der Gesetzeslage, die den Besitz und die Nutzung von Waffen tangiert, ist im Falle von Widerstand seitens der NRA nahezu unmöglich. Die NRA ist nur eines von vielen konstruierbaren und beobachtbaren Beispielen, in denen politische Entscheidungen nicht ohne die Berücksichtigung bestimmter weiterer, wenn auch nicht formal festgeschriebener Veto-Spieler getroffen werden können.
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Arbeit zitieren:
Katharina Klinge, 2008, Die Veto-Spieler-Theorie von George Tsebelis in Anwendung auf die Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien, München, GRIN Verlag GmbH
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