1. Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich im Rahmen des Seminars Gothic Tales mit Edgar Allan Poes Geschichte The Black Cat. Hier sollen besonders die Aussagen des Erzählers auf ihren Wahrheitsgehalt (unzuverlässiges Erzählen) hin überprüft werden. Die Arbeit läßt sich dabei in drei Abschnitte unterteilen.
Im ersten Abschnitt soll den Fragen nachgegangen werden, wie man unzuverlässiges Erzählen definiert und anhand welcher Signale es sich im Text nachweisen läßt. Im nächsten Abschnitt gilt es, diese Theorie nun anzuwenden und die Frage zu klären, ob der Erzähler die Wahrheit sagt oder nicht, was an textuellen Belegen nachzuweisen ist. Der dritte Abschnitt fragt nun nach der interpretatorischen Bedeutung eines eventuellen unzuverlässigen Erzählers in The Black Cat. Im Laufe dieser Arbeit wird versucht, diese Fragen zu beantworten und die Ergebnisse in einer abschließenden Schlussbetrachtung zusammenzufassen.
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2. Zur konzeptuellen Bestimmung erzählerischer Unzuverlässigkeit
Erzählinstanzen narrativer Texte können auf viele verschiedene Weisen differenziert und beschrieben werden. Eine von diesen ist das unzuverlässige Erzählen (unreliable narration). Dieses Phänomen tritt immer dann auf, wenn die Wiedergabe von Ereignissen und deren Interpretation durch den Erzähler dem Leser den Eindruck vermitteln, dass dieser nicht volle die Wahrheit sagt. Die Zuverlässigkeit kann durch einen begrenzten Wissensstand, emotionale Involviertheit in das Geschehen und ein fragwürdiges Werte- und Normensystem beeinträchtigt sein. 1
Es gibt eine Reihe von textuellen Signalen, die den Leser dazu veranlassen können, die Glaubwürdigkeit eines Erzählers in Zweifel zu ziehen. Dazu zählen etwa explizite Wiedersprüche innerhalb der Erzählerrede, Diskrepanzen zwischen den Aussagen und den Handlungen eines Erzählers, Unterschiede zwischen Fremd- und Selbstcharakterisierung durch andere Figuren sowie zwischen der Wiedergabe der Ereignisse durch den Erzähler und seinen Interpretationen des Geschehens. Weitere Signale sind die Häufung von sprecherzentrierten Äußerungen und Leseranreden als bewussten Versuch des Erzählers, die Rezeption des Lesers zu lenken. Weiterhin sind Anzeichen für einen hohen Grad an emotionaler Involviertheit (z.B. Ausrufe, Ellipsen, Wiederholungen), eine eingestandene Unglaubwürdigkeit, Erinnerungslücken sowie Parteilichkeit zu nennen. All das kann einen Erzähler als unglaubwürdig gegenüber dem Leser erscheinen lassen. 2 Ebenso kann die Glaubwürdigkeit eines Erzählers an außertextuellen Bezugsrahmen gemessen werden. Hierzu zählen allgemeines Weltwissen, das jeweilige historische Wirklichkeitsmodell, Persönlichkeitstheorien, gesellschaftlich anerkannte Vorstellungen von psychischer Normalität sowie moralische Maßstäbe, die in ihrer Gesamtheit das in einer Gesellschaft vorherrschende Werte- und Normensystem konstituieren. Auch das individuelle Werte- und Normensystem des Rezipienten sowie dessen Perspektive sind zu nennen. 3
3. Textuelle Signale für unzuverlässiges Erzählen in Poes ‘The Black Cat‘
In ‘The Black Cat‘ muss sich ein Mann für den Tod an seiner Frau verantworten. Er möchte die Geschichte aus seiner Sicht darlegen, um seine Seele zu entlasten. Dabei verweist er ständig auf übernatürliche Kräfte, die er sich selbst zwar nicht erklären kann, die ihn dafür aber von einem friedlichen in einen gewaltbereiten Menschen verwandelt hätten. Schließlich
1 Zur Definition des Unglaubwürdigen Erzählens vgl. Nünning, 2003: 123.
2 Vgl. Nünning/Surkamp/Zerweck 1998: 27.
3 Ebd.: 30.
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tötet er sogar seine Frau, aus seiner Sicht ein Unfall, denn eigentlich ist nicht er, sondern eine schwarze Katze an allem Schuld. Folgerichtig urteilt Susan Amper: “Obviously the man is lying.“ 4
Bereits zu Beginn der Geschichte lassen sich Signale für unzuverlässiges Erzählen finden. Der Erzähler weist wiederholt darauf hin, dass er seine eigene Geschichte nicht verstehen kann: “For the most wild, yet most homely narrative which I am about to pen, I neither expect nor solicit belief.“ 5 Zudem gibt er zu, dass sein “phantasm“ durch “some intellect more calm, more logical“ auf eine Abfolge von “natural causes and effects“ 6 gebracht werden kann. Schon hier verweist der Erzähler auf seine erfundene Geschichte, an die er selbst nicht glaubt.
Die eigentliche Geschichte des Erzählers beginnt mit seiner Kindheit. Er beschreibt seine unglaubliche Liebe zu Tieren: “With these I spent most of my time, and never was so happy as when feeding and caressing them.“ 7 Ebenso beschreibt er ein scheinbar sehr harmonisches Verhältnis zu seiner Frau. Hier verwickelt er sich bereits in Widersprüche, denn es ist nur schwer vorstellbar, dass ein solcher Mann zu schlimmen Taten fähig scheint. Dann erzählt er von seiner schwarzen Katze Pluto, und nur ganz beiläufig fällt ihm jetzt ein, was seine Frau bemerkt haben soll: “[...] made frequent allusion, which regarded all black cats of witches in disguise.“ 8 Offenbar versucht der Erzähler hier direkt, die Rezeption des Lesers zu beeinflussen, und eine Verbindung zwischen Katze und Übernatürlichem herzustellen. Der Erzähler fährt damit fort, dass sich sein Charakter zunehmend verschlechtert, wodurch er den Tieren und seiner Frau gegenüber immer gewalttätiger wird. Nachdem er betrunken nach Hause kommt, schneidet er der Katze sogar ein Auge aus. Er beschreibt es selbst mit den Worten: “I knew myself no longer. My original soul seemed, at once, to take its flight from my body [...]“ 9 Dies widerspricht deutlich seiner erst so netten Beschreibung seines Verhältnissen zu Tieren. Schließlich erhängt er die Katze wenig später an einem Baum, wobei er auffällig stark emotional in das Geschehen involviert ist:
One morning, in cool blood, I slipped a noose about its neck and hung it to the limb of a tree,hung it with the tears streaming from my eyes , and with the bitterest remorse at my heart;-hung it because I knew that it had loved me, and because it had given me no reason of offence, -hung it because I knew that in so doing I was committing a sin-a deadly sin that would so jeopardize my
4 Amper 1993: 475.
5 Black Cat 78, Black Cat im Folgenden als BC abgekürzt.
6 BC 78.
7 Ebd.
8 Ebd. 79.
9 BC 79.
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Arbeit zitieren:
Lars Rothenpieler, 2004, Gothic Tales, München, GRIN Verlag GmbH
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