Depressivität bei Schülern
Korrelationen zwischen Schule und Entwicklung einer Depression
Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt Sekundarstufe I/II im
Fach Erziehungswissenschaft an der Universität Bremen
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis... V
Einleitung... 1
1. Kennzeichen und Merkmale einer Depression bei Jugendlichen... 2
1.1 Klassifikation von Depressionen im Jugendalter... 3
1.1.1 Major Depression... 5
1.1.2 Dysthyme Störung... 6
1.2 Mögliche Erkennung und entwicklungsspezifische Symptomatik
einer Depression im Jugendalter... 7
2. Epidemiologie... 9
2.1 Häufigkeit der Depression bei Jugendlichen und Schülern... 9
2.2 Depressionen und Pubertät... 10
2.3 Depressionen und Geschlecht... 11
3. Komorbidität und weitere Folgen von Depressionen im Jugendalter... 12
3.1 Komorbidität depressiver Störungen... 12
3.2 Ursachen und Folgen komorbider Störungen... 13
4. Entwicklungsmodelle der Depression... 14
4.1 Multifaktorielles Verursachermodell... 15
4.1.1 Multifinalität... 17
4.1.2 Fehlerhafte Ausgangs- und Sozialisationsbedingungen als
Faktoren der Entwicklung einer jugendlichen Depression... 17
4.1.3 Das Diathese-Stress-Modell... 19
4.2 Ursachen möglicher Geschlechtsunterschiede... 20
5. Verlaufsmodelle von Depressionen im Jugendalter... 22
5.1 Kognitive Verlaufsmodelle... 22
5.2 Interpersonale Verlaufsmodelle... 23
Inhaltsverzeichnis
Matthias Lübbers II
5.3. Depressionsrisiko Familie... 24
5.4 Belastungsmomente im Jugendalter... 25
6. Innerschulische psychische Belastungen auf jugendliche Schüler... 27
6.1 Psychisch belastende Schulumwelten für Schüler... 28
6.2 Intrapersonale psychische Belastungen in der Schule... 30
6.3 Der Einfluss des Schultyps auf die Entstehung
psychischer Belastungen... 31
7. Zusammenhänge zwischen der Schule und der Entwicklung einer
Depression bei Schülern... 33
7.1 Depressionen und ihre Auswirkungen auf die Schule... 35
7.2 Umstrukturierung des multifaktoriellen Modells... 36
8. Fragestellung und Hypothese... 39
9. Datenerhebung und Untersuchungsinstrumente... 40
9.1 Die Stichprobe... 41
9.2 Die Auswertung der Daten... 41
9.3 Der Selbstbeurteilungs-Fragebogen... 42
9.3.1 Der Depressionstest für Kinder (DTK)... 42
10. Ergebnisse und Auswertung der Tests... 44
10.1 Auftretenshäufigkeiten depressiver Störungen bei Schülern... 44
10.2 Geschlechtsunterschiede depressiver Störungen bei Schülern... 45
10.3 Zusammenhänge zwischen schulischen Bedingungen und der
depressiven Auffälligkeit von Schülern... 46
10.3.1 Einfluss des schulischen Umfelds auf die Depressivität von
Schülern (Die Schulskala)... 48
10.3.2 Der Einfluss des schulisch-sozialen Umfelds auf die
Depressivität bei Schülern (Die Sozialskala)... 49
10.3.3 Der gesamtschulische Einfluss auf das Ausmaß der
Inhaltsverzeichnis
Matthias Lübbers III
Depressivität von Schülern... 49
10.4 Auswirkungen schulischer Rahmenbedingungen auf
tendenziell depressive Schüler... 50
10.5 Unterschiede tendenziell depressiver und nicht depressiver Schüler... 52
10.6 Zukunftsängste und Depressionen von Schülern in Abhängigkeit
des Schultyps... 55
Schlussteil und Ausblick... 57
11. Bibliografie... 59
12. Anhang... 61
Inhaltsverzeichnis
Matthias Lübbers IV
Einleitung
Wissenschaftlich wurde viele Jahre davon ausgegangen, dass depressive Störun-
gen im Jugendalter nur vorübergehende Begleiterscheinungen der Pubertät darstel-
len und eine Erstmanifestation dieser psychischen Krankheit im Erwachsenenalter
stattfindet. Heute weiß man, dass gerade der Umgang mit entwicklungsabhängigen
Anforderungen im Jugendalter richtungsweisend für die Entstehung und den Verlauf
einer Depression sein kann. Dabei sind es gerade alltägliche Stressoren und Belas-
tungsmomente die eine steigende Depressivität für Jugendliche zur Folge haben.
Die depressiven Symptombelastungen der Jugendlichen nehmen immer dort zu, wo
psychosoziale Belastungssituationen die psychischen Kompetenzen eines Jugendli-
chen überfordern. Die Lebensumwelt der Schule nimmt eine besondere Rolle in der
Sozialisation und psychischen Entwicklung eines jugendlichen Schülers
1
ein. Das
Erfahrungsumfeld der Schule bietet daher auch einen aussichtsreichen Rahmen
wenn es darum geht, depressive Symptombelastungen von Schülern als Reaktion
auf alltägliche psychosoziale Beanspruchungsmomente zu untersuchen.
Schulprojekte, wie ,,Verrückt? Na und!" (Irrsinnig-Menschlich e.V.) und ,,Gesund le-
ben lernen" (Landesvereinigung für Gesundheit) sind vor allem in den letzten Jahren
vermehrt entstanden, um mit Eltern, Lehrern und Vertrauenspersonen Lösungsan-
sätze zu erarbeiten und Maßnahmen zu ergreifen, die gegen die wachsende Rate
psychisch auffälliger Schüler wirken sollen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, anhand von empirischen Daten einer Schüler-
stichprobe zu ermitteln, in wie fern schulbezogene Kognitionen von Jugendlichen
einen Einfluss auf das Ausmaß einer Depressivität haben. Dies soll mit der Analyse
statistischer Werte, vor allem der Analyse des linearen Zusammenhangs (Korrelati-
on) zwischen dem Ausmaß einer Depression und schulischen Symptombelastungen
untersucht werden. Der theoretische Hintergrund der Arbeit basiert darauf, ein Mo-
dell zu entwickeln, das ausgehend von der Definition einer Depressivität die Entste-
hung und den Verlauf der psychischen Störung bei Schülern in Verbindung mit schu-
lischen Belastungsfaktoren und dem Erfahren der schulischen Umwelt setzt.
Einleitung
1
1
Aus Gründen der Lesbarkeit werde ich in meiner Arbeit auf die weibliche Form der jeweiligen Be-
zeichnungen verzichten.
1. Kennzeichen und Merkmale einer Depression bei Jugendlichen
Die Depression im Jugendalter gehört zur Krankheitsgruppe der affektiven Störun-
gen. Der Begriff der affektiven Störung beschreibt alle Gemütszustände, die sich
durch anhaltende oder krankhafte Veränderungen der Stimmungslage eines Men-
schen äußern. Die Stimmung wird wiederum als ein subjektiv wahrgenommener Ge-
fühlszustand definiert, der sich zwischen den Polen zweier Extreme bewegen kann.
Depressive Stimmung (vom lat.: deprimere- niedergedrückt/erniedrigt) bedeutet um-
gangssprachlich immer einen niedergeschlagenen Gefühlszustand einer Person
(z. B. Trauer-Freude, Liebe-Hass); (vgl. Herpertz-Dahlmann 2008, S. 771).
Petermann und Groen ordnen in ihrer Definition eine Depression den internalisierten
bzw. überkontrollierten Störungen zu (vgl. Groen; Petermann 2002, S 15). Im Ge-
gensatz zu externalisierten Störungen, wie der Hyperaktivität oder dem aggressiven
Verhalten, benimmt sich eine depressive Person nach außen oft unauffällig. Die Be-
einträchtigungen konzentrieren sich auf das innere Erleben eines Menschen. De-
pressive Kinder und Jugendliche sind an ihrem Verhalten meist nicht zu erkennen
(vgl. Achenbach, 1995, S. 59).
Jugendliche und Kinder fühlen sich genau wie Erwachsene im Alltag manchmal
schlapp, traurig, niedergedrückt und müde. Im Gegensatz zu diesen alltäglichen Ge-
fühlszuständen ist eine klinische Depression dadurch gekennzeichnet, dass Symp-
tome einer niedergedrückten Stimmung über einen langen Zeitraum anhalten. Au-
ßerdem können Symptome depressiver Störungen nicht durch Willenskraft und An-
strengungen kontrolliert werden. Auch wenn der Betroffene weiß, dass er an einer
Depression leidet, ist er nicht im Stande, die innerpsychische Gefühlswelt seinem
Willen unterzuordnen (vgl. Essau 2002, S. 17).
Das Erscheinungsbild einer Depression im Jugendalter ist vielseitig und kann, ab-
hängig vom Individuum, verschiedene Formen annehmen (vgl. Petermann 2008,
S. 427). Essau unterteilt die klinischen Merkmale, also die Kernsymptome der de-
pressiven Störung, in vier Kategorien, wobei Petermann und Groen von Kern- und
Randsymptomen in fast der gleichen Einteilung ausgehen (vgl. Groen; Petermann,
2002, S. 17).
1. Kennzeichen und Merkmale einer Depression bei Jugendlichen
Matthias Lübbers 2
Kernsymptome einer depressiven Person sind dauerhafte und schwerwiegende Ge-
fühle von Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Interessen- und Freudlosigkeit sowie
der verminderte Antrieb zu Aktivitäten jeglicher Art bei gleichzeitiger Ermüdbarkeit
(vgl. Petermann 2008, S. 428/ vgl. Groen; Petermann 2002, S. 16/ vgl. Essau 2002,
S. 17). Es lassen sich außerdem klinische Merkmale einer Depression in emotiona-
le, kognitive, verhaltensbezogene und somatische (körperliche) Symptome einteilen.
Die diagnostischen Kriterien zur Erkennung und Klassifikation einer Depression im
Jugendalter begründen sich auf den Klassifikationssystemen DSM-IV
2
(vgl. Saß
2003, S. 153) und ICD-10
3
(vgl. Dilling 2008, S. 105).
Im Gegensatz zur Depression bei Erwachsenen gibt es bis heute wissenschaftliche
Diskussionen darüber, ob die entwicklungspathologischen Besonderheiten im Ju-
gendalter das depressive Zustandsbild, zum Beispiel während der Adoleszenz, prä-
gen. Im Unterschied zu Erwachsenen muss bei Jugendlichen davon ausgegangen
werden, dass aufgrund ihres Entwicklungsstands die Grenzen normaler depression-
sähnlicher Stimmungszustände und diagnostizierbarer depressiver Störungen flie-
ßend sind (vgl. Groen; Petermann 2002, S. 17). In den beschriebenen Klassifikati-
onssystemen werden bei depressiven Jugendlichen und Kindern im Gegensatz zur
Depression bei Erwachsenen neben traurigen auch gereizte Stimmungen als Sym-
ptomatiken beschrieben. Weiter werden verschiedene Symptome in Abhängigkeit
vom Entwicklungsstand und dem Alter der Betroffenen aufgeführt, wobei sich unter-
schiedlich starke Ausprägungen in den Entwicklungsphasen ergeben (vgl. Groen
2002, S. 21).
1.1 Klassifikation von Depressionen im Jugendalter
Wie beschrieben, erfolgt die Klassifikation von Depressionen im Jugendalter nach
den Einteilungen auffälliger Symptome im DSM-IV und dem ICD-10 unter der
Krankheitsgruppe der Affektiven Störungen. Zu den depressiven Störungen zählen
in den Klassifikationssystemen die Dysthyme Störung, die Major Depression (DSM-
1. Kennzeichen und Merkmale einer Depression bei Jugendlichen
Matthias Lübbers 3
2
Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Hand-
buch Psychischer Störungen), APA, 1994.
3
International Classification of Diseases and Related Health Problems (Internationale statistische
Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme), WHO, 1993.
IV) und weitere affektive Störungen. Diese Hauptkategorien unterscheiden sich
grundlegend in den symptomatischen Merkmalen einer Depression, der Dauer der
depressiven Störungen und ihren psychosozialen Beeinträchtigungen.
Im Wesentlichen werden Arten und Formen der Depression in beiden Klassifizie-
rungssystemen an ihren Störungsbildern, dem Schweregrad und der Dauer der psy-
chischen Störungen gemessen und unterschieden. Die Symptome der Depression,
wie die deutliche Traurigkeit und Niedergeschlagenheit (depressive Verstimmung)
sowie die verminderte Fähigkeit Freude zu empfinden (Anhedomie) bei gleichzeiti-
ger schnellerer Ermüdung sind Grundlagen beider Klassifikationen. Die Systeme
unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander, wobei ihnen prinzipiell die gleichen
Kriterien zu Grunde liegen (vgl. Groen; Petermann 2002, S. 18).
Im DSM-IV sind unter den Affektiven Störungen neben rein depressiven Störungen
auch bipolare Störungen und Anpassungsstörungen in die Kategorie der Depression
aufgenommen worden. Bipolare Störungen sind depressive Störungen, die im Ein-
klang mit Manien in Form von Hyperaktivitäts- und Aufmerksamkeitsdefizitstörungen
auftreten (vgl. Groen 2002, S. 21).
Es gibt in beiden genannten Systemen keine eigene Klassifikation für depressive
Zustände und Störungen des Kindes- und Jugendalters. Nur das ICD-10 erwähnt in
zwei Punkten altersspezifische depressive Symptome des Jugendalters, wie die
verminderte Gewichtszunahme und eine erhöhte Reizbarkeit (vgl. Dilling, 2008, S.
104). Die Formen einer jugendlichen Depression können nach Herpertz-Dahlmann
nur im Zusammenspiel zwischen auffälligen Störungen des Sozialverhaltens und
gleichzeitigen depressionstypischen Emotionen klassifiziert werden (vgl. Herpertz-
Dahlmann, S. 772 - 773).
Vom Kindesalter bis in die Jugendzeit zeigt sich eine vermehrte Symptomentwick-
lung. Depressionen bei Kleinkindern äußern sich anfänglich, vor allem nach trauma-
tischen Trennungen, durch ein Phasenverhalten aufbauend auf Protest bis hin zur
anhaltenden Ablehnung von Bezugspersonen und Rückzug (vgl. Herpertz-Dahl-
mann 2008, S. 776).
Nach Carlson und Kashani fallen depressive Vorschulkinder vor allem durch stim-
mungslabile Zustände und ein introvertiertes Verhalten auf, das schnell in aggressi-
1. Kennzeichen und Merkmale einer Depression bei Jugendlichen
Matthias Lübbers 4
ves Verhalten umschlagen kann. Bei Vorschulkindern kann es neben Schlaf- und
Essstörungen zu Entwicklungsrückständen aufgrund erster depressiver Symptoma-
tik kommen. Sie sind nicht oder nur vermindert im Stande, Freude zu zeigen. Kinder
im Schulalter zeigen fast die gleichen Symptome, können sich aber über ihre Ge-
fühlslagen besser äußern. In diesem Alter entstehen bei depressiven Kindern unter
Umständen die ersten suizidalen Gedanken (vgl. Carlson; Kashani 1988, S. 1223).
Im Jugendalter nähern sich die Symptome einer Depression an die Krankheitsan-
zeichen von Erwachsenen an. Da fast jeder Jugendliche in seiner Pubertät mit
Stimmungsschwankungen und Problemen eines verminderten Selbstwertgefühls zu
tun hat, ist hier die Dauer und Intensität psychosomatischer Beschwerden und de-
pressiver Symptomatiken bei einer Klassifikation und Diagnose zu beachten.
Beide Klassifikationssysteme (DSM-IV/ICD-10) unterscheiden primär zwischen af-
fektiven Störungen und Sekundärsymptomen innerhalb einer Depression. Außer-
dem wird bei beiden zwischen einem chronischen Auftreten und schweren depressi-
ven Episoden unterschieden (vgl. Essau 2002, S. 19).
1.1.1 Major Depression
Die Major Depression ist die typische Form der Depression, die im Klassifikations-
system der ICD-10 auch als depressive Episode beschrieben wird. Sie stellt eine
schwere und akute Form der Depression dar und ist durch eine oder mehrere de-
pressive Episoden während ihres Verlaufs symbolisiert (vgl. Essau 2002, S. 20). Ei-
ne Episode bezeichnet dabei den Abschnitt einer Depression, in dem objektivierbare
Symptome auftauchen. Die Einzelepisoden der Major Depression können als leicht,
mittel und schwer klassifiziert werden und wiederkehrend auftreten (vgl. Petermann
2008, S. 429).
Die Kernsymptome einer Major Depression sind depressive, bei Jugendlichen auch
reizbare Verstimmungen und ein deutlich vermindertes Interesse an fast allen Aktivi-
täten an allen Tagen über mindestens zwei Wochen. Diese Form der Depression
muss bei Jugendlichen mit psychosozialen und schulischen Beeinträchtigungen
einhergehen. Zusätzlich zu den Kernsymptomen müssen bei einer leichten Form
1. Kennzeichen und Merkmale einer Depression bei Jugendlichen
Matthias Lübbers 5
dieser Depression mindestens vier weitere depressive Symptome vorliegen (vgl.
Saß, 2003, S. 150).
Zu den Symptomen gehören ein geringes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen mit
deutlichem Gewichtsverlust oder deutlicher Gewichtszunahme und anhaltenden
Schlafstörungen. Übermäßige Schuldgefühle, gleichzeitige Gefühle von Wertlosig-
keit und Konzentrationsschwierigkeiten gehören ebenso zu möglichen Symptomen
einer Major Depression wie eine psychomotorische Unruhe bzw. Verlangsamung.
Weiter können als mögliche Symptome eine verminderte Konzentrationsfähigkeit
und wiederholte Suizidgedanken auftauchen, die auch in einem tatsächlichen Sui-
zidversuch enden können (vgl. Petermann 2008, S. 429/ vgl. Essau 2002, S. 20/ vgl.
Groen 2002, S. 23).
Die Diagnose einer Major Depression darf nicht gestellt werden, wenn der Betroffe-
ne als Mitursache unter einer körperliche Krankheit leidet oder der Einfluss von Dro-
gen nicht ausgeschlossen werden kann. Außerdem müssen aktuelle Lebenssituati-
onen der Jugendlichen beachtet werden, wenn zum Beispiel der Tod einer naheste-
henden Person andauernde Traurigkeitsreaktionen auslöst. All diese Faktoren ver-
ändern den Gemütszustand einer Person oft nur kurzfristig auf depressive Weise
und sind keine Anzeichen für eine generelle Depression (vgl. Groen 2002, S. 24).
1.1.2 Dysthyme Störung
Bei der Dysthymen Störung handelt es sich um eine chronische Form der Depressi-
on, die weniger schwerwiegende Symptome aufweist als die Major Depression. Sie
wird auch als anhaltende affektive Störung in beiden Klassifikationssystemen aufge-
führt und ähnelt einer depressiven Neurose (vgl. Herpertz-Dahlmann 2008, S. 773).
Betroffene Personen fühlen sich oft monatelang müde, schlecht und depressiv, sind
aber in der Lage mit ihren alltäglichen Anforderungen zurecht zu kommen (vgl. Dil-
ling 2008, S. 150).
Bei Jugendlichen und Kindern äußert sich diese Störung, wie bei der Major Depres-
sion, durch reizbare, aber vor allem chronisch depressive Verstimmungen über min-
destens ein Jahr. Depressive Episoden tauchen bei der Dysthymen Störung nicht
auf, da die Betroffenen an über 50 % aller Tage depressiv verstimmt sind. Um die
1. Kennzeichen und Merkmale einer Depression bei Jugendlichen
Matthias Lübbers 6
Diagnose einer Dysthymen Störung bei Jugendlichen zu stellen, darf im betreffen-
den Zeitraum von einem Jahr kein symptomfreier Zeitraum von mehr als zwei Mona-
ten vorliegen. Die Beeinträchtigung wirkt sich auf psychosoziale Lebensbereiche
aus und kann einen frühen Beginn im Kindes- und Jugendalter haben (vgl. Essau
2002, S. 23). Die Episoden einer Major Depression können die Symptome einer
Dysthymen Störung im ersten Verlaufsjahr überlagern, so dass anfänglich die Diag-
nose beider Krankheitsbilder gestellt werden kann. Zwischen einer Major Depressi-
on und einer Dysthymen Störung müssen mindestens zwei störungsfreie Monate
liegen. Zur Diagnose der Störung darf kein Episodenverlauf bestehen, der einer Ma-
jor Depression ähnelt (vgl. Groen; Petermann 2002, S. 24).
Während der depressiven Verstimmung müssen zur Diagnose einer Dysthymen
Störung über den episodenfreien Zeitraum von einem Jahr mindestens zwei charak-
teristische Symptome anhaltend auftauchen. Zu den Symptomen zählen der Appe-
titverlust oder eine steigende Gewichtszunahme, Schlafstörungen und ein individuell
belastender Energiemangel. Es kann zu Konzentrationsstörungen und Gefühlen von
Hoffnungslosigkeit bei gleichzeitig geringem Selbstwertgefühl kommen.
1.2 Mögliche Erkennung und entwicklungsspezifische Symptomatik einer De-
pression im Jugendalter
Man geht davon aus, dass gerade im Kindes- und Jugendalter Depressionssymp-
tome in Abhängigkeit des Alters- und Entwicklungsniveaus einer betroffenen Person
auftauchen. Entwicklungsabhängige Anzeichen für Depressionen, wie sie Kovacs
festgestellt hat, äußern sich demnach in Verbindung mit der Entwicklung unter-
schiedlicher kognitiver und sozial-emotionaler Fähigkeiten im Kindes- und Jugendal-
ter (vgl. Kovacs 1996, S. 710/ vgl. Groen; Petermann 2002, S. 32).
Groen und Petermann sagen, dass sich die Depression im Jugendalter, aber vor al-
lem in der Pubertät und dem vorpubertären Stadium, durch körperliche Beschwer-
den, eine erhöhte Reizbarkeit, depressiv-körperliche Erscheinungen, sozialen Rück-
zug und Trennungsängste sowie Hoffnungslosigkeit bis hin zu suizidalen Gedanken
äußert. Bei älteren Kindern und Jugendlichen erscheinen außerdem zunehmend
depressive Anzeichen durch fehlende Zukunftsperspektiven. Lewinsohn stellte fest,
1. Kennzeichen und Merkmale einer Depression bei Jugendlichen
Matthias Lübbers 7
dass depressive Jugendliche im Gegensatz zu depressiven Erwachsenen häufiger
Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld aufwiesen (vgl. Lewinsohn 1998, S. 772).
Gerade bei Jugendlichen bewirken Depressionen Anpassungsstörungen, die oft
nach belastenden Lebensereignissen in Erscheinung treten und sich durch deutliche
emotionale und anhaltende Reaktionen äußern (vgl. Petermann 2008, S. 430). Die-
se bipolare-affektive Störung (Psychische Erkrankung mit Episodenverlauf) ist gera-
de bei Jugendlichen beobachtbar und weist auf eine Depression hin, da sie massive
Formen der Stimmungsschwankungen in kurzen Zeitabständen beschreibt. Diese
Stimmungsschwankungen reichen von manischen Gefühlsäußerungen (übermäßige
Aktivität, Unruhe, ungehemmtes Verhalten etc.) bis zu völlig depressiven Verstim-
mungen (wenig Aktivität, Antrieblosigkeit etc.). Die bipolare Störung macht es dem
Jugendlichen unmöglich, sich seinem sozialen Umfeld und den ihn umgebenden
Bedingungen anzupassen.
Die mögliche Erkennung einer Depression im Jugendalter richtet sich nach dem
Ausmaß der Symptomatiken und dem Betrachten der sozialen Anbindung des Be-
troffenen. Wichtigstes Mittel für Lehrer und Eltern ist die Verhaltensbeobachtung, bei
der ein Zielverhalten in strukturierten Situationen bewertet wird. Der Jugendliche
wird anhand seiner sozialen Aktivitäten, seiner affektbezogenen Ausdrücke und sei-
nes Verhaltens durch den Vergleich mit depressiv-symptomatischen Anzeichen ein-
gestuft. Dieses Verfahren ist einfach anzuwenden und kann auch von Laien unter
Anleitung primär in der Schule oder Familie durchgeführt werden (vgl. Essau 2002,
S. 37).
1. Kennzeichen und Merkmale einer Depression bei Jugendlichen
Matthias Lübbers 8
2. Epidemiologie
Die Epidemiologie untersucht die Verteilungshäufigkeit einer Störung, in diesem Fall
einer psychischen Störung, innerhalb verschiedener Populationen. Es wird unter-
sucht, welche Faktoren den gesundheitlichen Zustand einer Population beeinflussen
können (vgl. Essau 2002, S. 45).
Für die Depressivität im Jugendalter heißt dies, dass untersucht wird, wie häufig es
zu Depressionen unter Jugendlichen kommt und in welchem Stadium der Entwick-
lung diese psychische Störung auftritt. Außerdem muss gezeigt werden, ob es Ge-
schlechtsunterschiede oder Kohorteneffekte gibt, die auf Zusammenhänge zwi-
schen Entstehungsfaktoren und angeborenen Merkmalen hinweisen.
2.1 Häufigkeit der Depression bei Jugendlichen und Schülern
Für die Häufigkeitsverteilung von Depressionen bei Schülern gibt es vor allem zwei
Studien, die ausgehend von unterschiedlichen empirischen Vorgehensweisen und
der Auswahl der Stichproben, annähernd gleiche Ergebnisse aufweisen.
Petermann und Mitarbeiter wiesen in der Bremer Jugendstudie (2000) anhand eines
Selbstbeurteilungsbogens (Bremer Ereignisliste) mit 55 positiv-, negativ- und neu-
tral-bewerteten Items (Fragestellungen) eine durchschnittliche Depressionshäufig-
keit von 17,9 % unter den befragten Schülern adoleszenten Alters nach. Lewinsohn
kam in seiner Studie mit einer Häufigkeitsverteilung von 17,9 % bei fast gleicher
Stichprobenauswahl zu einem ähnlichen Ergebnis (vgl. Essau 1999, S. 51/ vgl. Le-
winsohn 1998, S. 783).
Festgestellt wurde auch, dass die Häufigkeit der an Depressionen leidenden Men-
schen mit steigendem Alter zunimmt (vgl. Petermann 2008, S. 39).
Die Dauer einer Depression im Jugendalter kann individuell stark variieren und zwi-
schen Wochen und Jahre andauern. Jugendliche scheinen sich jedoch schneller
von einer Depression zu erholen als Erwachsene, so dass sich 90 % der depressi-
ven Symptomatiken nach etwa zwei Jahren wieder zurückgebildet haben. Eine ent-
wickelte Depression stellt ein Langzeitrisiko dar und kann im weiteren Lebenslauf
vermehrt auftauchen (vgl. Petermann 2008, S. 432).
2. Epidemiologie
Matthias Lübbers 9
Nach Herpertz-Dahlmann folgt auf eine vorausgegangene depressive Episode im
Kindes- und Jugendalter mit hoher Wahrscheinlichkeit eine weitere Episode
(vgl. Herpertz-Dahlmann 2008, S. 792). Kovacs geht sogar davon aus, dass 72 %
der Kinder mit Episoden einer Major Depression und 56 % der Kinder mit einer
Dysthymie noch nach fünf Jahren die gleichen Symptome aufweisen (vgl. Kovac
1996, S. 792).
2.2 Depressionen und Pubertät
Mit dem Einsetzen der Pubertät und dem damit verbundenen biologischen Rei-
fungsprozess, den neuen Normerwartungen der Gesellschaft und eigenen Zielset-
zungen kommen auf Jugendliche neue Stressbelastungen zu. Diese Belastungen
müssen individuell bewältigt werden.
Der Beginn einer vermehrten jugendlichen Depression liegt durchschnittlich bei etwa
14 Jahren (vgl. Waligora 2003, S. 54). Petermann spricht von einer Zunahme de-
pressiver Symptome in dieser frühen bis mittleren Jugendzeit. Das Risiko für die
Entwicklung depressiver Symptome und Störungen steigt während und nach der
Pubertät deutlich. Eine besondere Zunahme und Anfälligkeit für eine Depression
zeigt sich ab dem 12. bis 14. Lebensjahr bei Mädchen (vgl. Groen; Petermann 2002,
S. 88).
Die Jugendzeit, und vor allem die Pubertät, ist die Übergangsperiode zwischen
Kindheit und Erwachsenenalter, welche die Lösung zentraler, neuer Entwicklungs-
aufgaben erfordert (vgl. Cicchetti; Toth 1998, S. 221). Hierzu zählen die Erweiterung
der Beziehung zu Gleichaltrigen, die Akzeptanz der veränderten körperlichen Ent-
wicklung, die Stabilisierung des Selbstwertgefühls, die Bewältigung steigender schu-
lischer Anforderungen und die Entwicklung individueller Perspektiven (vgl. Groen;
Petermann 2002, S. 89).
Diese manchmal belastenden Entwicklungsaufgaben führen bei den meisten Ju-
gendlichen irgendwann im Laufe ihrer Entwicklungsphase zu Problemen, Schwierig-
keiten und Misserfolgen. Deren Nichtbewältigung kann in bestimmten Fällen das Ri-
siko für depressive Stimmungszustände erhöhen. Hierbei spielt immer der Zusam-
2. Epidemiologie
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