Inhalt
1. Einleitung Seite 03
Forschungsfragen und Gliederung 1.1. Seite 05
Forschungsstand 1.2. Seite 05
2. Die Hochschulreformen in der DDR Seite 10
Die erste Hochschulreform 2.1. Seite 10
Die zweite Hochschulreform 2.2. Seite 12
Die dritte Hochschulreform 2.3. Seite 13
3. Das MfS und die Universität Rostock Seite 17
4. Die Jahre 1985 bis 1989/90 an der Universität
Rostock Seite 20
4.1. Die Lage innerhalb der Universität - Leitung, Sektionen
und Dozenten I (1985 bis 1988) Seite 21
4.2. Die Lage innerhalb der Universität - Leitung, Sektionen
und Dozenten II (1989/90) Seite 27
Die Lage aus Sicht der Universität - 1987 bis 1990 4.3. Seite 33
5. Fazit Seite 40
6. Quellen- und Literaturverzeichnis Seite 48
1. Einleitung 3
1. Einleitung
Daß Universitäten eine politische Rolle zukommt läßt sich bereits für die die Antike konstatieren, wurde doch in den Vorläufern unserer heutigen Universitäten in Grie-chenland die Grundlage für die gesamte moderne Zivilisation gelegt, seien es mathematisch-naturwissenschaftlich Disziplinen oder die Prinzipien der Staatsorganisation. Im Mittelalter avancierte dann die Universität zum Mittel im Machtkampf zwischen Papst und säkularen Fürsten, die an den Universitäten jeweils ihre Staatselite ausbilden ließen. In der postnapoleonischen Zeit waren es dann beim Wartburgfest 1817 Studenten und Professoren der Universitäten des deutschen Raumes, die nachhaltig für eine Vereinigung der deutschen Staaten eintraten und somit politisch wirkten. Auch im Ersten Weltkrieg spielten die Studenten eine Rolle. Ebenso während der Zeit des Nationalsozialismus waren Studenten teilweise politisch aktiv und im Widerstand präsent, so bspw. die „Weiße Rose“ um die Geschwister Scholl in München. Ihre Hochzeit erfuhr die Politisierung der Universitäten sicherlich ab 1965 in der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition der ausgehenden 1960er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland.
Betrachtet man diese Tradition, so drängt sich die Frage auf, wie die Universitäten innerhalb des politischen Lebens der DDR zu verorten sind. Noch konkreter, wie sich die Universitäten ab 1985 verhielten, als die sich die Krise innerhalb der DDR zu verschärfen begann und die UdSSR mit vorsichten Reformen begann, die wiederum die DDR ablehnte.
Zum einen überwachte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auch die Hochschulen der DDR, zum anderen schränkte die Sozialistische Einheitspartei Deutsch-lands (SED) mit gezielter Kaderpolitik allein schon den Zugang massiv ein und öffnete ihn nur eigentlich regimetreuen Bürgern. So fahndete das MfS von 1969 vier Jahre lang erfolglos nach den Urhebern eines Flugblattes an der Humboldt-Universität zu Berlin, welches zum Boykott einer marxistischen Pflichtvorlesung aufrief. 1 Ebenso führte die DDR mehrere Hochschulreformen durch, die die DDR-Universitäts-landschaft nachhaltig verändern sollten. Fakultäten wurden abgeschafft, alte universitäre Strukturen wurden zerschlagen und neue, scheinbar regimetreue aufgebaut,
1 Kellerhoff: Sven Felix: DDR und Stasi: Die Geschichte des teuersten Flugblatts der Welt; in:
Welt Online, 29. Juli 2008, Hamburg 2008, url: http://www.welt.de/politik/article2259337/Die-
Geschichte-des-teuersten-Flugblatts-der-Welt.html [01.09.2008].
1. Einleitung 4
so wurde die Universität Rostock sogar in Wilhelm-Pieck-Universität Rostock umbenannt, um diesen Anspruch zu unterstreichen.
Unter diesem Eindruck wird die Rolle der Universitäten in der Endphase der DDR besonders interessant, einer Zeit, in der weite Kreise der Bevölkerung von oppositionellen Strömungen erfaßt wurden. Im Jahr 1989 konzentrierten sich die oppositionellen Kreise neben Ostberlin auf Leipzig (Montagsdemonstrationen) und Rostock (Donnerstagsdemonstrationen), jedoch weitaus kleiner, - alle drei Städte waren Uni-versitätsstandorte, so daß die Frage nach der Rolle der Universitäten in großem Maße Berechtigung genießt.
Rostock als oppositionelle Hochburg brachte mit Pastor Joachim Gauck, dem späteren Bundesbeauftragten für die Unterlagen des MfS (BStU), und Harald Ringstorff, dem späteren Ministerpräsident des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, um nur einige zu nennen, einflußreiche Bürgerrechtler hervor, die im weiteren Verlauf eine gewichtige Rolle in der weiteren Geschichte spielen sollten. Zudem gab es Bestrebungen, in Rostock notfalls ohne die restliche DDR der Bundesrepublik beizutreten, sollte sich die DDR-Führung gegen einen Beitritt der Gesamt-DDR wenden. Die dort ansässige Universität, eine der ältesten in Nordeuropa, wird schon dadurch interessant, daß sie 1989 ausgerechnet mit der Theologischen Fakultät wieder eine Fakultät an einer Universität zuließ, waren diese doch bis 1975 mit der Hochschulre-form auf politischen Druck hin DDR-weit abgeschafft worden. Sowohl diese Ereignisse als auch das historische Wissen um universitäre und studentische Agitation im politischen Raum weiten das Feld für die Frage nach dem politischen Einfluß der Universität in der Wendezeit, nach der politischen Kultur innerhalb der Universität und der Studentenschaft. Aufgrund dieser spannenden Ausgangslage soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, wie die Universität Rostock in den Status Rostocks als Oppositionszentrum einzuordnen ist.
1.1. Forschungsfragen und Gliederung 5
1.1. Forschungsfragen und Gliederung
Die Arbeit geht folgenden Forschungsfragen nach:
Besaßen die DDR-Hochschulreformen eine politische Wirkung auf die Universitäten bzw. veränderten sie die politische Ausrichtung? Welchen Einfluß übten SED-Kaderpolitik, Freie Deutsche Jugend (FDJ) und MfS-Überwachung auf die Universität und ihre Angehörigen aus? Wie positionierten sich die Universität Rostock, die einzelnen Sektionen und die Studenten zwischen 1985 und 1990?
Gibt es Anhaltspunkte für politische Veränderungen zwischen 1985 und 1990? Welche Maßnahmen ergriff der Staat ab 1985 zur Einflußnahme auf die Universität Rostock?
Wie stellte sich der Einfluß kirchlicher Organe, wie der Theologischen Fakultät oder Evangelischen Studenten Gemeinde (ESG), in Rostock dar? Gab es an der Universität Rostock eine politische Opposition?
Die vorliegende Arbeit stellt zunächst im zweiten Kapitel die Entwicklungen und Veränderungen durch die DDR-Hochschulreformen vor. Im dritten Kapitel stehen dann die Rolle des MfS, dessen Maßnahmen und Einfluß in Bezug auf die Universität Rostock und deren Angehörige im Fokus. In einem weiteren Kapitel, dem vierten, steht dann die Zeit der Veränderungen bis 1989/90 im Blickpunkt. Als historischer Einstieg wurde hierfür die Machtübernahme Gorbatschows gewählt und der Beginn von Perestrojka und Glasnost, mithin das Jahr 1985. Im fünften Kapitel schließt die Arbeit mit der Beantwortung der Forschungsfragen und einem Fazit.
1.2. Forschungsstand
Die Forschungen zum Thema stecken auch 20 Jahre nach dem Ende der DDR noch in den Anfängen. Dies ist zum einen dem Interesse einiger Kreise geschuldet, die Aufarbeitung auf einen Zeitpunkt hinauszuzögern, an dem die Wendegeneration geschlossen entpflichtet wurde, zum anderen ist ein weiteres Symptom, daß die Quanti- tät der DDR-Aufarbeitungsliteratur immens ist, jedoch die Qualität unter dem Einfluß
1.2. Forschungsstand 6
der anhaltenden Romantisierung der DDR leidet. Nach wie vor fehlt nach dem Abschluß der Mauerschützenprozesse und der ersten Welle der MfS-Aufarbeitung das Problembewußtsein für die Notwendigkeit einer konsequenten Fortführung der Aufarbeitung aller Bereiche der DDR. Bewiesen werden kann dies u.a. damit, daß die „Berliner Zeitung“ im Jahr 2002 einen dramatischen Appell startete, daß an 54 von 88 Lehramtsausbildungsstandorten eine Ausbildung zum Thema DDR-Geschichte nicht möglich war. 2 Diese pessimistische Einschätzung das Jahres 2002 bestätigte sich im Jahr 2007 durch eine Studie, die eklatante Lücken im DDR-Geschichtsbewußtsein vor allem bei jungen Generationen nachwies 3 , geschuldet der mangelnden Aufarbeitung und der Romantisierung der zweiten deutschen Diktatur durch ihre ehemaligen Bürger.
Die vorhandene Literatur geht vor allem auf das Umfeld der Universitäten zurück. Begonnen wurde die Aufarbeitung der Geschichte der Rostocker in der DDR im Jahr 1969 von Thomas Ammer. 4 Bei Thomas Ammer handelt es sich um einen Wider-standskämpfer aus der DDR, der dem „Eisenberger Kreis“ 5 von 1953 bis zu seiner Verhaftung 1958 angehörte. Ammer wird zu 15 Jahren Haft verurteilt und 1964 von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Es sollte jedoch fast 30 Jahre dauern, bevor die Geschichtsaufarbeitung fortgeführt wurde. Diesmal durch den Verband ehemaliger Rostocker Studenten (VERS), der seit den frühen 1990er Jahren umfangreicher Werke zum Thema der Aufarbeitung herausgegeben hat. Seine Mitglieder sind jedoch nicht von Hause aus Historiker, sondern haben die Universitätsgeschich-
2 Oschlies, Renate: DDR-Geschichte? Kein Thema für deutsche Universitäten. Nur wenige Hoch-schulen bieten Lehrveranstaltungen an; in:
Berliner Zeitung, 22. Januar 2002, Berlin 2002, url: http://www.berlinonline.de/berliner-
zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2002/0122/bildungundhochschule/0021/index.html [01.09.2008]
3 Hengst, Björn / Wensierski, Peter: Bundeskanzler Honecker, SED-Chef Adenauer, Spiegel
09.11.2007, Hamburg 2007, url: http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,516459,00.html
[10.09.2008].
4 Ammer, Thomas: Universität zwischen Demokratie und Diktatur. Ein Beitrag zur Nachkriegsge-
schichte der Universität Rostock, Köln 1969.
5 Der „Eisenberger Kreis“ wurde 1953/54 im thüringischen Eisenberg von Oberschülern und Lehrlin-
gen unter dem Eindruck der politischen Verfolgung von Mitgliedern der Jungen Gemeinde aufgrund
ihrer Position zum 17. Juni 1953 durch die SED gegründet und zeichnete in den Folgejahren für
Flugblatt- und Protestaktionen aber auch einen Brandanschlag auf einen geplanten Standort der
Nationalen Volksarmee (NVA) verantwortlich. Ab 1957 verlagerte sich der Schwerpunkt durch das
Studium Ammers nach Jena. Der Eisenberger Kreis wurde 1958 bei der Vorbereitung einer weite-
ren Flugblattaktion durch das MfS ausgehoben und seine Mitglieder verhaftet. Vgl.: Jugendoppo-
stion.de: Thomas Ammer, url: http://www.jugendopposition.de/index.php?id=3394; Jugendopposti-
on.de: Eisenberger Kreis, url: http://www.jugendopposition.de/index.php?id=2859 [13.11.2008]; vgl.
auch: "Gedenkstätte Amthordurchgang" e. V.: Geschichte 1952 bis 1989, http://www.torhaus-
gera.de/ges_1952.html [13.11.2008].
1.2. Forschungsstand 7
te teils autodidaktisch und in Eigenregie erforscht. 6 Weitere Werke zum Thema stammen von Martin Handschuck, ebenfalls ein ehemaliger Rostocker Student, der sich vor allem mit der Frühphase der Entwicklung der Universität Rostock in der DDR auseinandergesetzt hat und sehr detaillierte Werke dazu verfaßt hat. 7 Über die Spätphase der DDR in den drei Nordbezirken hat zudem ein weiterer Rostocker Student, Kai Langer, promoviert. 8 Er ist heute am Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften der Universität Rostock, Lehrstuhl für Vergleichende Regierungslehre, tätig und forscht weiter zur Thematik.
Auch der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hat mit den Berichten zur Arbeit der Enquete-Kommission 9 einen Beitrag geleistet, jedoch wurde diese Kommission inzwischen aufgelöst, weshalb hier in nächster Zeit keine neuerlichen Publikationen zu erwarten sind. Recht spärlich sind zurzeit noch die Beiträge des Historischen Institutes (HI) der Universität Rostock, es gibt wenige Protokollbände zu Veranstaltungen und Diskussionen sowie einige Forschungen zur SED von Mario Niemann. 10 Zu Beginn des Jahres 2008 wurden im Rahmen der Initiative zum 600-jährigen Universitätsjubiläum von Kersten Krüger Zeitzeugenberichte erarbeitet und als neue Reihe der Universitätspublikationen herausgegeben. 11 Diese stellt zwar einen wichtigen Beitrag dar, ist jedoch quantitativ zu schwach angelegt, um die bestehenden Forschungslücken zu schließen.
6 Arndt, Ernst-Albert: 50 Jahre Biologie an der Universität Rostock (1945-1995). Anpassen und
Überleben während und nach der 3. Hochschulreform der DDR, Dannenberg 2003; Köpke, Horst /
Wiese, Friedrich-Franz: Mein Vaterland ist die Freiheit. Das Schicksal des Studenten Arno Esch,
Rostock 1990; Lichtenstein, Georg: Das durfte nie wahr sein. Rostocker Universitätsprotokolle zum
Stalinismus, Rostock / Berlin 1993; Ders.: Von der ohnmächtigen Macht des Gewissens. Rostocker
Akademiker unter Zirkel und Ährenkranz, Rostock / Berlin 1994; VERS (Hrsg.): Namen und
Schicksale der von 1945 bis 1962 in der SBZ/DDR verhafteten Professoren und Studenten, Ro-
stock / Berlin 1994; Wockenfuß, Karl: Einblicke in Akten und Schicksale Rostocker Studenten und
Professoren nach 1945, Dannenberg 1995; Ders.: Streng Vertraulich.Die Berichte über die politi-
sche Lage und Stimmung an der Universität Rostock 1955 bis 1989, Dannenberg 1995; Ders.: Die
Universität Rostock im Visier der Stasi. Einblicke in Akten und Schicksale 1955 bis 1989, Dannen-
berg 2003; Schoenemann, Julius / Seifert, Angelika: Der große Schritt. Die Dritte Hochschulreform
in der DDR und ihre Folgen dargestellt an einem Beispiel aus der Medizinischen Fakultät der Uni-
versität Rostock 1969-1972, Dannenberg 1998.
7 Handschuck, Martin: "Es gibt keinen Fortschritt an der Universität, an dem die Parteiorganisation
nicht wesentlichen Anteil hat." - Zur Geschichte der Universität Rostock in den Jahren 1945 bis
1955, Rostock 2001; Ders.: Auf dem Weg zur sozialistischen Hochschule : die Universität Rostock
in den Jahren 1945 bis 1955, Bremen 2003.
8 Langer, Kai: "Ihr sollt wissen, daß der Norden nicht schläft ...". Zur Geschichte der "Wende" in den
drei Nordbezirken der DDR, Bremen u.a. 1999.
9 Landtag Mecklenburg-Vorpommern, Sekretariat Enquete-Kommission Aufarbeitung und Versöh-
nung: Anträge, Debatten, Berichte. 10 Bände, Schwerin 1996-1998.
10 Niemann, Mario: Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952-1989, Paderborn u. a. 2007.
11 Krüger, Kersten: Die Universität Rostock zwischen Sozialismus und Hochschulerneuerung - Zeit-
zeugen berichten, 3 Bände, Rostock 2007.
1.2. Forschungsstand 8
Erwähnenswert ebenso die Werke von Wolfgang Dalk und Michael Ruschke 12 sowie Christopher Dietrich 13 zum Studentenkabarett ROhrSTOCK, welches 1970 gegründet wurde und als das älteste Deutschlands gilt. Besonders Dietrich geht dabei auf die IM-Unterwanderung des Kabaretts ein.
Die vorhandenen Publikationen, die auf den Akten der BStU basieren, sind zahlenmäßig gering, das vorhandene Material aus den Aktivitäten des MfS ist bei weitem noch nicht analysiert und in ausreichendem Maße genutzt sowie publiziert. Hier wurden bislang große Chancen zur Aufarbeitung verpaßt, dies vor allem im Hinblick auf die voranschreitende Romantisierung der DDR und die Ausblendung von Teilen der Geschichte einer deutschen Diktatur. Die vorliegende Arbeit greift auf Aktenmaterial der MfS-Bezirkszentrale Rostock zurück, welches in den Jahren 1982 bis 1990 angelegt wurde. 14
Immer wieder wird die Frage innerhalb der Wissenschaft aufgeworfen, in welchem Maße die Akten des MfS auszuwerten seien, in welchem Maße sie vor allem zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn betragen könnten. Nach Abschluß der Analysen kann für diese Art der MfS-Akten - hierbei handelte es sich um Lageeinschätzungen und interne Memoranden an vorgesetzte und nachgeordnete Stellen - ein positives Fazit gezogen und festgestellt werden, daß sie durchaus einen Mehrwert für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn besitzen. Es handelt sich bei Lageeinschätzungen um Zusammenfassungen mehrerer IM-Berichte, damit ist weitestgehend ausgeschlossen, daß Tatsachenberichte aufgrund von Eindrücken einzelner Personen verfälscht sind. Weiterhin ist das Ziel dieser Berichte eine möglichst ungeschönte Darstellung der aktuellen Lage ohne propagandistische Überzeichnung des Ist-Zustandes. Der dritte Punkt ist in der Tatsache, daß die Lageeinschätzungen und Memoranden für den internen Gebrauch bestimmt waren, sprich keinem Propagandazweck dienten. Ebenso zeigen Inhalt und Sprachwahl deutlich, daß es nicht Ziel dieser Dokumente und Akten war, die eigene Motivation der Führungsebene der DDR propagandistisch zu erhöhen, sondern es werden Mißstände und Probleme unverblümt und in deutlichen Worten angeprangert. So wird
12 Dalk, Wolfgang / Ruschke, Michael: Das Kabarett Rohrstock - 30 Jahre, Kabarett ROhrSTOCK
e.V., Rostock 2000.
13 Dietrich, Christopher: Schild, Schwert und Satire - Das Kabarett ROhrSTOCK und die Staatssi-
cherheit, Rostock 2007.
14 Die MfS-Unterlagen wurden dem Autoren von Prof. Dr. Nikolaus Werz, Institut für Politik- und Ver-
waltungswissenschaften an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität
Rostock zur Verfügung gestellt. Die Unterlagen wurden im Rahmen eines Forschungsauftrages
vom BStU freigegeben und in dessen Rahmen genutzt.
1.2. Forschungsstand 9
bereits 1987 von der Bezirksverwaltung des MfS in Rostock, in Person von General-major Mittag, die medizinische Versorgungssituation in Nordvorpommern und auf Rügen aufs schärfste kritisiert. Er bittet in seinem Memorandum, das einem Appell gleicht, um Verbesserung der Ausbildung des medizinischen Personals, vor allem aber um seine Aufstockung. Auch im Jahr 2008 leidet diese Region noch immer unter einem Ärztemangel und der Überalterung des medizinischen Personals. Dieses Beispiel zeigt, daß die Akten zum Erkenntnisgewinn durchaus beitragen können. Dabei dürfen natürlich nicht die übliche wissenschaftliche Sorgfalt im Umgang mit Quellen und deren kritische Analyse in Vergessenheit geraten. Jedoch ist nichts authentischer als die MfS-Akten, die das Gesicht des Staates unverfälscht, fernab von möglicher Propaganda, widerspiegeln. Ihnen ist durchaus das Potential zuzutrauen, eine objektive Aufarbeitung zu ermöglichen.
Eine weitere Quelle, die Verwendung in dieser Arbeit findet, ist die Rostocker Universitätszeitung. Diese bestand zunächst von 1960 bis 1989 als „Die neue Universität“, ein direktes Organ der SED-Leitung und wurde mit dem Ende des Jahres 1989 nach 30 Jahrgängen eingestellt. Nachfolger mit einem ähnlichen Konzept wurde ab Januar 1990 die „Rostocker Universitätszeitung“. Beide Publikationen bieten einen Einblick in die offizielle Sichtweise der Ereignisse der Jahre 1985 bis 1990. Die Herausgeberschaft wechselte 1990 mit der „Rostocker Universitätszeitung“ vom direkten SED-Organ übergangsweise zum Wissenschaftlichen Rat der Universität, um mit der Ausgabe 4/1990 zum Rektor der Universität überzugehen. 15
15 Der Autor hat bei seinen Analysen auf die Jahrgänge 1987 bis 1990 zurückgegriffen, da die Re-
cherchen ergeben haben, daß offizielle, substantielle Verlautbarungen zur Umbruchsphase erst ab
1987 vorhanden sind, im vorigen Zeitraum wurde statt dessen propagandistisches Material abge-
druckt, bzw. die Vorkommnisse offiziell ignoriert und folglich nicht kommentiert.
Die neue Universität. Organ der SED-Parteileitung. 28 Jhrg. 1987, Rostock 1987; Ders. 29. Jhrg.
1988, Rostock 1988; Ders. 30. Jhrg. 1989, Rostock 1989; Rostocker Universitätszeitung, 1. Jhrg.
1990, Rostock 1990.
2. Die Hochschulreformen in der DDR 10
2. Die Hochschulreformen in der DDR
Für das Verständnis der Ausgangssituation im Jahr 1985 muß zunächst die Entwicklung der Universität Rostock in der Zeit der DDR nachgezeichnet werden. Schwerpunkt dieser Veränderungen bilden die insgesamt drei Hochschulreformen der DDR, in denen die Staatsführung den sukzessiven Umbau der Universitäten in der DDR zu sozialistischen Hochschulen betrieb. Ziel war dabei u. a. eine bessere Kontrolle der Universitäten durch den Staat, in diesem Fall SED, FDJ und MfS. Gleichzeitig sollte mit gewachsenen Traditionen radikal gebrochen werden, um eventuell reaktionäroppositionelle Kräfte innerhalb der Universitäten zu isolieren und zu entfernen. Wichtigstes Ziel der Universitäten innerhalb der DDR war die Ausbildung sozialistischer Lehrkräfte sowie die Heranbildung sozialistischer Akademiker. Diesem Ziel galt dabei oberste Priorität, es wurde mit großem politischem Druck verfolgt. 16
2.1. Die erste Hochschulreform
Die erste Hochschulreform im Jahr 1945/46 bestand in ihrem Kern vor allem aus der Wiederaufnahme des Lehrbetriebes an den Universitäten in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der Entnazifizierung des Lehrkörpers. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) und die SED standen dabei vor dem Dilemma, daß man zum einen den Lehrbetrieb wiederaufnehmen wollte, um die neue sozialistische Intelligenz und eine neue Generation von Lehrern aufzubauen 17 , zum anderen standen dabei nicht genug Lehrkräfte mit der gewünschten politischen Überzeugung zur Verfügung. Bei der Neubesetzung von Dozentenstellen wurde versucht, SEDnahe Lehrkräfte zu verpflichten, jedoch konnte dies zu diesem Zeitpunkt nicht stringent durchgehalten werden. 18 Dies wurde in Kauf genommen, ebenso verzichtete man zunächst darauf, die Hochschulautonomie (Wahl des Rektors, studentische Selbstverwaltung etc.) parteipolitisch zu untergraben, sondern gestand dies den Universitäten zu. 19
16 Schoenemann / Seifert: Der große Schritt, S. 10 ff.
17 Roger, Gerhard: Zur der Entwicklung der Hoch- und Fachschulpädagogik in Rostock; in:
Wilhelm-Pieck-Universität Rostock: Beiträge zur Geschichte der Wilhelm-Pieck-Universität Ro-stock, Heft 6, Rostock 1984, S. 49-58, hier: S. 49f.
18 Ammer: Universität zwischen Demokratie und Diktatur, S. 29.
19 Schoenemann / Seifert: Der große Schritt, S. 10.
Arbeit zitieren:
M.A. Christopher Scheele, 2008, Die Universität Rostock am Ende der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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