Inhalt
I. Einleitung. 1
II. Die Weiblichkeit der Allegorie als Paradoxon. 2
1. Die Geschichte der Allegorie 2
2. Erklärungen für die Weiblichkeit von Allegorien 3
a. Thesen von der Antike bis zur Moderne 3
b. Thesen in der Moderne unter Einbeziehung von Gender-
Aspekten. 5
α) Die Ausübung einer Besänftigungsfunktion durch die
Allegorie. 5
β) Der weibliche Körper als Projektionsfläche. 5
γ) Die Unverletzlichkeit der jungfräulichen Allegorie. 6
δ) Der weibliche Körper als leerer Zeichenkörper. 6
3. Justitia als Beispiel der Jungfrau in Waffen. 7
a. Die Geschichte der Justitia als Personifikation der
Gerechtigkeit. 8
b. Analyse der Justitia als weibliche Allegorie. 9
α) Der Sieg des Guten über das Böse. 9
β) Das durch Justitia geschaffene Gewaltmonopol der Justiz. 10
c. Übertragung des Justitia-Topos auf moderne Fantasy-
Szenarien. 12
III. Schlussbemerkungen. 13
II
I. Einleitung
Kaum ein Gerichtsgebäude kommt ohne eine Darstellung der Justitia aus, an bedeutenden Plätzen sieht man Germanias oder Britannias und auch andere Allegorien sind allgegenwärtig in der Öffentlichkeit. Gemeinsam ist fast allen allegorischen Darstellungen, dass es sich um weibliche Darstellungen handelt, männliche Allegorien sind kaum bzw. gar nicht zu finden. Dabei ist gerade diese Weiblichkeit, die überall in der Öffentlichkeit zu finden ist, ein deutliches Zeichen für Geschlechterdifferenz: Weibliche Allegorien personifizieren Ideale, die zu erstreben sind, jedoch richtet sich die durch sie verkörperte Aufforderung zum Erreichen der dargestellten Ideale ausnahmslos an Männer. Besonders hervorzuheben ist auch, dass viele der weiblichen Allegorien Waffen, zumeist Schwerter, tragen, obwohl selbst die moderne Gesellschaft die „Frau in Waffen“ als Ausnahme betrachtet. Gerade Waffen stellen ein den Männern vorbehaltenes Instrument dar, wodurch die Diskrepanz zwischen der Weiblichkeit allegorischer Darstellungen und ihrer Bedeutung noch hervorgehoben wird.
Betrachtet man allerdings B eiträge, die sich mit Allegorien beschäftigen, so stellt man fest, dass dieser scheinbaren Paradoxie kaum Bedeutung geschenkt wird. Die meisten Veröffentlichungen beschränken sich darauf, Darstellungsformen einzelner Allegorien aufzuzählen 1 , oder aber zwar das Problem zu erkennen, nicht jedoch Lösungsvorschläge zu unterbreiten.
In dieser Untersuchung soll zunächst die Geschichte der Allegorie im Allgemeinen sowie Antworten auf die Frage nach ihrer Weiblichkeit von der Antike bis zur Moderne dargestellt werden, bevor die erarbeiteten Deutungsansätze am Beispiel der Personifikation der Gerechtigkeit, der Justitia, umgesetzt und die Aktualität dieses Topos beschrieben werden soll.
1 So z.B. Kissel, der einen Überblick über die Erscheinungsformen der Justitia gibt, aber
nur in einem Nebensatz zu den Gründen ihrer Weiblichkeit Stellung nimmt (Kissel,
Otto Rudolf: Die Justitia. Reflexionen über ein Symbol und seine Darstellung in der
bildenden Kunst. München 1984).
1
II. Die Weiblichkeit der Allegorie als Paradoxon
Bilder des Weiblichen als P ersonifikation eines höheren Ideals sind weit verbreitet, werden aber nur selten bewusst wahrgenommen. Hinter diesen Bildern verbirgt sich jedoch eine lange Tradition, sowohl in ihrer Gestaltung als auch in ihrer Erläuterung. Ihre Spuren lassen sich bis i n die Antike zurückverfolgen, und ebenso alt sind auch die Versuche, das scheinbare Auseinanderklaffen von Signifikat und Signifikant zu erklären, ein Gegensatz, der erst durch die Ikonographie deutlich wurde.
1. Die Geschichte der Allegorie
Der Begriff „Allegorie“ leitet sich vom griechischen „? λλο αγορε?ο“ her, was „ich sage etwas anderes“, „andere Rede“ bedeutet. 2 Mit dem Begriff „Allegorie“ wird eine Rede bezeichnet, die eine andere Bedeutungsebene enthält. 3
Ihren Ursprung hat die Allegorie in der a ltgriechischen Mythologie. Diese Mythen mussten bereinigt werden, um die Deutung eines „Hintersinns“ zu erleichtern. Dies geschah durch das rhetorische Prinzip der Al-legorese, so dass eine Art Substitution stattfand: Die „Narrativen Gegebenheiten“ wurden ersetzt durch „symbolische Äquivalente“. 4 Dadurch konnte man aus den mit den Göttern assoziierten Erzählungen allgemeingültige Prinzipien ableiten. Die waren nun nicht mehr mit den Namen und Geschichten der Götter verknüpft, sondern hatten kein Gesicht und keine Geschichte, so dass eine Einschreibung dieser allgemeinen Prinzipien möglich wurde. 5 Speziell die Weiblichkeit der Allegorie lässt sich
2 Vgl. Nünning, Ansgar (Hrsg): Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze
- Personen - Grundbegriffe. Weimar 1998. S. 7.
3 Vgl. Warner, Marina: In weiblicher Gestalt. Die Verkörperung des Wahren, Guten und
Schönen. Reinbeck bei Hamburg 1989, S. 13.
4 Vgl. Wenk, Silke. Versteinerte Weiblichkeit. Allegorien in der Skulptur der Moderne.
Köln 1996. (= Literatur - Kultur - Geschlecht. Studien zur Literatur- und Kulturge-
schichte. Bd. 5.) S. 56 f. (Zit.: Wenk, Versteinerte Weiblichkeit).
5 Vgl. Gall, Ulrike: Weibliche Personifikationen in Allegorien des Industriezeitalters.
Motivhistorische Studien zu Kontinuität und Wandel bildlicher Verkörperungen
1870 - 1912. Konstanz 1999. S. 107 f.
2
bis Athene zurückverfolgen, die das Modell für jungfräuliche weibliche Allegorien darstellt. 6
Ihre weitere Entwicklung erstreckte sich über die römische Moralphilosophie, in der die Personifikation die vorherrschende Form der Allegorie wurde 7 , bis zu der sich anschließenden Tradition des Christentums, in der sich die allegorische Interpretation vor allem auf d en vierfachen Schriftsinn der Bibel bezog. 8 Zu der Zeit bildete sich aber auch der Komplex der Tugenden und Laster heraus. 9 Später entstanden dann vor allem allegorische Darstellungen von Nationalstaaten, die zum Teil bis heute populär geblieben sind, b etrachtet man zum Beispiel Frankreich und seine Marianne.
2. Erklärungen für die Weiblichkeit von Allegorien
Bereits zu den Anfängen der allegorischen Entwicklung wurde versucht, eine Erklärung für die Weiblichkeit der dargestellten Prinzipien zu finden. Jedoch wurde erst in der modernen Zeit verstärkt auf die Diskrepanz zwischen der Weiblichkeit der Allegorie und der Männlichkeit dessen, was sie darstellt, im Rahmen der Gender-Studies eingegangen.
a. Thesen von der Antike bis zur Moderne
Auch heute noch kann man die geläufigste Erklärung für die Weiblichkeit der Allegorie, nämlich die des grammatikalischen Geschlechts, in vielen Lexika finden. 10 Diese These führt auf den indogermanischen Ursprung der europäischen Sprachen zurück, da dort die weibliche Form morphologisch von der männlichen abhängt und vielfach Wirkungen und Handlungen, die von anderen ins Werk gesetzt werden, bezeichnet, weshalb etwa im Griechischen abstrakte Begriffe mit
6 Vgl. Warner, a.a.O. S. 17.
7 Vgl. Gall, a.a.O. S. 109; sowie Warner, a.a.O. S. 122.
8 Vgl. Nünning, Ansgar, a.a.O. S. 7.
9 Vgl. Gall, a.a.O. S. 109.
10 So auch Kissel, der diese These in einem Nebensatz anführt (Kissel, a.a.O. S. 28).
3
Arbeit zitieren:
Katrin Althans, 2002, Justitia und ihre Schwestern - Problematisierungen einer weiblichen Allegorie, München, GRIN Verlag GmbH
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