Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen.
Inhalt Seite
0. Einleitung: 4
1. Einordnung in den geschichtlichen Kontext 5
Erl äuterung des Gattungsbegriffs: 2. 8
Volksmärchen (oder auch Buch- und Zaubermärchen)
2.1. 10
Kunstm ärchen
2.2. 12
Zu den ausgewählten Autoren und Werken: 3. 13
Novalis : Hyacinth und Rosenblüthchen
3.1. 15
Friedrich de la Motte Fouqué: Undine
3.2. 16
Ludwig Tieck: Die Elfen
3.3. 17
E.T.A. Hoffmann: Das Fremde Kind
3.4. 20
Fazit : Gemeinsamkeiten und Unterschiede
3.5. 22
Zur Darstellung der Natur in den Werken 4. 23
Schaupl ätze 4.1. 23
Der Wald
4.1.1. 24
Das Wasser
4.1.2. 25
Der Traum
4.1.3. 27
Wesen und Charaktere 4.2. 27
Novalis : Hyacinth und Rosenblüthchen 4.3. 27
Schaupl ätze, Art der Offenbarung und teilnehmendes Erleben der
4.3.1. 28
Natur
Wesen , Charaktere
4.3.2. 28
Bedeutung der Natur für den Menschen und Notwendigkeit von
4.3.3. 30
Koexistenzen
Friedrich de la Motte Fouqué: Undine 4.4. 30
2
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ Schauplätze, Art der Offenbarung und teilnehmendes Erleben der 33 4.4.1. Natur
Wesen, Charaktere 4.4.2. 36
Bedeutung der Natur für den Menschen und Notwendigkeit von 4.4.3. 40
Koexistenzen
4.5. Ludwig Tieck: Die Elfen 41
Schauplätze, Art der Offenbarung und teilnehmendes Erleben der 4.5.1 42 Natur Wesen, Charaktere 4.5.2. 45
Bedeutung der Natur für den Menschen und Notwendigkeit von 4.5.3. 50 Koexistenzen
4.6. E.T.A. Hoffmann: Das Fremde Kind 51
Schauplätze, Art der Offenbarung und teilnehmendes Erleben der 4.6.1. 53 Natur Wesen, Charaktere 4.6.2. 55
Bedeutung der Natur für den Menschen und Notwendigkeit von 4.6.3. 58 Koexistenzen
5. Schlussfazit: 59 Literaturangaben 61
3
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ Einleitung:
Die meisten Menschen denken bei dem Begriff „Märchen“ spontan an Hexen, Feen, sprechende Tiere und viele andere phantastische Wesen und Dinge, die sich meist in dunklen, verhexten Wäldern, an verwunschenen Seen, in verzauberten Schlössern oder an anderen magischen Orten abspielen, welche sich jenseits der uns vertrauten, zivilisierten Welt befinden. So steht bei den Aufzeichnungen der Brüder Grimm (Kinder- und Hausmärchen. 1825) das Knusperhaus der Hexe aus Hänsel und Gretel genauso im tiefen, dunklen Wald, wie das Zwergenhäuschen hinter den sieben Bergen, in welchem Schneewittchen Zuflucht findet. Auch der Turm, in dem Rapunzel eingesperrt wird, befindet sich mitten im Wald und das Dornröschenschloss verschwindet so tief unter einer Dornenhecke, dass es förmlich mit der Natur Eins wird. 1
Aber warum ist das eigentlich so? Warum steht die Natur im Märchen nicht nur im Gegensatz zur uns klar definierten Kultur 2 , sondern auch gleich für phantastische Orte, die sowohl Heimat und Frieden als auch dämonische Gefahr vermitteln können?
In dieser Arbeit zeige ich am Beispiel einzelner deutscher Kunstmärchen, wie sich die Naturforschungen und das neue Weltbild der Aufklärung und Romantik auf die zeitgenössische Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts ausgeprägt haben. Dazu wähle ich folgende Werke:
N Friedrich von Hardenberg, alias Novalis: Hyacinth und Rosenblütchen N Fridrich de la Motte Fouqué: Undine N Ludwig Tieck: Die Elfen N Ernst Theodor Amadeus Hoffmann: Das fremde Kind
1 Vgl. Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. (1825)
2 Vgl. Metzler Lexikon Literatur- und Kunsttheorie. Aufsätze - Personen - Grundbegriffe. Hg von Ansgar Nünning. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart -Weimar. (2001). S.465
4
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ 1. Einordnung in den geschichtlichen Kontext:
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts bricht in Europa mit der Aufklärung ein Zeitalter des Umdenkens an. Die Kirche verliert ihr Monopol als alleingültige Instanz der einzigen Wahrheit über die Schöpfung und den Sinn des Lebens. Die Naturwissenschaft erfreut sich in Forschung und Literatur an immer größer werdender Beliebtheit. Während Galileo Galilei seiner Zeit noch für seine Forschung als Ketzer hingerichtet wurde, erlangen seine Erkenntnisse nun große Anerkennung und werden zur Grundlage vieler Naturforscher und Dichter.
Die Erkenntnisse der Naturwissenschaften prägen aber nicht nur die Forschung und Politik, sondern spiegeln sich vor allem auch in der Literatur wieder. Dichter wie Goethe, Brockes, Hagedorn und Gleim füllen die Lyrik mit Naturgedichten. In der Prosa entsteht neben den mündlich tradierten Volksmärchen die Gattung der Kunstmärchen, welche nicht nur die neuen Ansichten über die Natur wiederspiegelt, sondern auch die Werteordnung des „Neuen Bürgertums“ aufzeigt.
Denn mit dem 18. Jahrhundert setzt in Europa ein Wandlungsprozess ein. Das heilige römische Reich bleibt zwar in seiner Ständeordnung weiter bestehen, jedoch entwickelt sich in den größeren Reichsstädten mit dem aufkommenden, erstarkenden Bürgertum eine neue Mittelschicht. 3 Zu dieser sozialen Schicht der Bürgerlichen gehören in erster Linie Kaufleute, Kapitalisten, Staatsbeamte, Akademiker und freie Schriftsteller. Diese tragen zwar maßgeblich zur sozialen und politischen Entwicklung des Staates bei, besitzen aber dennoch kein politisches Mitspracherecht. 4 Eben aus jener sozial-politischen Ungerechtigkeit heraus, ist es dem Bürgertum wichtig, sich von anderen Schichten abzugrenzen. Diese Abgrenzung findet nach oben hin, zum Adel, durch die Aufstellung einer bürgerlichen Werteordnung, statt. Nach unten hin wollen sich die Bürger durch ihre Erziehung und akademische Ausbildung von den Bauern und Bedürftigen abgrenzen. 5 So schafft es das Bürgertum, der feudal-aristokratischen
3 Vgl. Benedikt Jeßing / Ralf Köhnen: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. J.B. Metzler-Verlag. Stuttgart - Weimar. (2003). S.26; // Reiner Wild (Hrsg.): Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. 2. erg. Aufl. Stuttgart, Weimar. Metzler-Verlag. (2002). 46-50,
4 Vgl. Wild, Geschichte, S. 46
5 Vgl. Wild, Geschichte, S.47-49; // Irmgard Nickel-Bacon u.a.: „Biedermeierzeit. Tradition und pädagogische Modernisierung: Familienkulturen und familiale Lesekulturen um 18.30.“ In: Bettina
5
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ Ständeordnung, die es nicht aufheben kann, zumindest eine bürgerliche Werteordnung entgegenzusetzen, die sich an den Verdiensten des Einzelnen orientiert und den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit erhebt. 6 Diese findet sich auch in der zeitgenössischen Literatur wieder. Lessings Emilia Galotti ist das Paradebeispiel für die Demonstration der Tugendhaftigkeit des Bürgertums im Gegensatz zu dem schamlosen, korrupten, lasterhaften und Werte missachtenden Verhalten des Adels. Denn zu den bürgerlichen Tugenden des 18. Jahrhunderts zählen vor allem: Sparsamkeit, Arbeitsamkeit, Großmut, Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit, Dankbarkeit sowie Bereitschaft zu Wohltaten, Leistung und Bildung. 7
Bildung und Erziehung sind die zentralen Themen des Bürgertums. Durch den Anstieg der Buchproduktion und den neuaufkommenden, theologischen Ansichten eines deistischen Weltbildes, kommt es zu einer neuen Gewichtung der Literatur. 8 Es werden weniger theologische und dafür mehr literarische, wissenschaftliche und pädagogische Schriften produziert, die zur Information, Verständigung, Kritik und künstlerischen Erziehung des Volkes beitragen sollen. 9 Durch die Kommerzialisierung von Verlagswesen und Buchhandel und die Zunahme von Autoren erlangen diese nun den neuen sozialen Status der „freien Schriftsteller“. 10 Und noch etwas hat sich verändert. Lebten die Menschen bis dahin überwiegend auf dem Land, so finden sich Adel und Bürgertum nun in den Städten wieder. Die Menschen schauen nicht länger auf weite, grüne Wiesen, funkelnde, blaue Bäche und dichten, dunklen Wald, wenn sie aus ihren Fenstern schauen, sondern sehen nur noch Gebäude und Mauern. Natur wird nun künstlich in Gärten gezwängt, um sie zu den Menschen in die Stadt zu holen. Doch hier ist sie geordnet und kontrollierbar. Draußen im Wald wird sie den Stadtbewohnern immer fremder und unheimlicher. Dies nehmen sich die freien Schriftsteller zum Anlass, die vergessene Natur in ihren Werken den Stadtmenschen wieder zurückzubringen. 11
Hurrelmann/ Susanne Becker/ Irmgard Nickel-Bacon: „Lesekindheiten. Familie und Sozialisation in historischen Wandel.“ Weinheim-München: Juventa (2006) S. 94-95
6 Vgl. Wild, Geschichte, S. 46, 48
7 Vgl. Wild, Geschichte, S. 47, 50; Nickel-Bacon, Biedermeierzeit, S. 94-95
8 Vgl. Wild, Geschichte, S. 45, 89
9 Vgl. Wild, Geschichte, S. 45
10 Vgl. Wild, Geschichte, S. 45
11 Vgl. Thalmann, Marianne: Zeichensprache der Romantik. Mit 12 Strukturzeichnungen. Heidelberg. (1967), S. 30; Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon Dichtungsgeschichtlicher
6
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________
Ein weiterer Unterschied des Bürgertums zu den anderen Schichten ist die Wendung nach Innen hin, zum Privaten. Die Familie rückt ins Zentrum der Erziehung und Literatur. Aus den Großfamilien, zu denen bis dahin mehrere Generationen, unverheiratete Verwandte und das Gesinde gehörten, wird nun die „konjugale Kleinfamilie, die nur noch aus Eltern und ihren Kindern“ besteht. 12 Hier gibt es nun eine klare Rollenverteilung. Während sich die Rolle der Mutter auf das Haus und die Erziehung beschränkt, ist der Vater die ökonomische Absicherung der Familie. Er hält den Kontakt zur Gesellschaft und setzt die bürgerlichen Gesetze und Ordnung innerhalb der Familie um. 13 So kommt es in der Pädagogik zur „Entdeckung der Kindheit“ und Erziehung, welche neben den neuen philosophischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, zentrale Themen in der Literatur des Bürgertums sind. 14 Es entstehen sowohl pädagogische Schriften, die sich an die Erzieher richten, als auch die erste Kinderliteratur, welche den Kindern in Spruchversen, Vorbild- und Abschreckgeschichten die klassischen Werte des Bürgertums näherbringen und der Alphabetisierung dienen sollen. 15 In diesen Schriften wird neben den bürgerlichen Wertevorstellungen vor allem die Bedeutung von Familie und Zuhause immer wieder hervor gehoben. Das Motiv, das junge Männer in die Welt hinausziehen, um dort ihr Glück zu finden, gilt als verpönt. Nur Zuhause im Kreis der Familie findet man sein wahres Glück. So gehen diese Abenteuergeschichten entweder schlecht aus, oder lassen die jungen Helden - wie im Beispiel von Hyacinth und Rosenblüthchen - nach langer Reise wieder nach Hause zurückkehren, damit sie dort finden, was sie auf ihrer Reise gesucht haben.
In dieser Zeit des Umdenkens erhalten, die bis dahin mündlich tradierten und wegen ihrer phantastischen Elemente abgelehnten Märchen, eine ganz neue Aufwertung. So werden nicht nur diese gesammelt und von Autoren wie z.B. den
Längsschnitte. H von Elisabeth Frenzel. 5. überarbeitete und ergänzte Auflage. Alfred Körner Verlag. Stuttgart. (1999), S. 190;
12 Vgl. Jeßing/Köhnen, Einführung, S. 26
13 Vgl. Jeßing/Köhnen, Einführung, S. 26; Nickel-Bacon, Biedermeierzeit, S. 90-92;
14 Vgl. Jeßing/Köhnen, Einführung, S. 26
15 Vgl. Nickel-Bacon, Biedermeierzeit, S. 60-170
7
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ Brüdern Grimm zu Unterhaltungs- und Bildungszwecken niedergeschrieben, sondern es entsteht zudem die neue Gattung der Kunstmärchen. 16
2. Erläuterung des Gattungsbegriffs:
Für gewöhnlich hat das Märchen, anhand seiner immer wiederkehrenden Merkmale, einen für jeden Leser klar erkennbaren Wiedererkennungswert. Es folgt einem einsträngigen und gradlinigen Handlungsaufbau, bei dem der Held eine für ihn gewinnbringende Aufgabe zu lösen hat. Diese kann zum Beispiel darin bestehen, „kostbare Gegenstände zu finden, Rätsel zu lösen, [und / oder] verwandelte Menschen zu erlösen“ 17 . Nicht selten riskiert der Held dabei sein eigenes Leben und muss gegen böse, (über)natürliche Mächte kämpfen. Doch meist stehen ihm dabei auch gute, (über)natürlichen Kräfte zur Seite, die ihm helfen, sein Ziel zu erreichen. So muss Dornröschen nicht, wie von der bösen Fee beschlossen, sterben, sondern fällt Dank der guten Fee, nur in einen hundertjährigen Schlaf, aus dem sie durch einen Kuss wieder erweckt werden kann. Und auch Rotkäppchen und ihre Großmutter, erhalten in buchstäblich letzter Minute, Hilfe von einem Holzfäller, bevor der böse Wolf sich auf Rotkäppchen stürzen kann. 18
Aber dem Helden im Märchen stehen nicht nur lebende magische Helfer zur Seite, sondern auch magische Requisiten wie z.B. Zauberstäbe, fliegende Besen oder Teppiche. 19
Auch die Tiere sind auf eine magische Weise durch eine animistische Weltsicht geprägt und können in den meisten Märchen sprechen. 20
Ein weiteres, typisches Merkmal von Märchen ist die Verbindung zum Mythos und zur Transzendenz durch Zahlensymbolik. 21 Beliebte Zahlen im Märchen sind die
16 Vgl. Jeßing/Köhnen, Einführung, S.36
17 Vgl. Volker Klotz:. In: Peter Mettenleiter/ Stephan Knöbel (Hrsg.): Blickfeld Deutsch. Oberstufe. Ferdinand Schönigh - Verlag. Paderborn. (1991), S.252; Stefan Neuhaus: Märchen. A. Fracke Verlag. Tübingen, Basel. (2005), S.9
18 Vgl. Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen.(1825); Klotz:. Das Europäische Kunstmärchen. Stuttgart. 1983. S. 10ff. In: Mettenleiter/Knöbel, Blickfeld Deutsch, S.252; Neuhaus, Märchen, S.9
19 Vgl. Neuhaus, Märchen, S.9
20 Vgl. Neuhaus, Märchen, S.9
21 Vgl. Neuhaus, Märchen, S. 9
8
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ Drei und Sieben, sowie deren mathematische Vielfache. Sie gelten als Glücksbringerzahlen. 22
Die Drei ist die Zahl der Vollkommenheit und Heiligkeit. Sie ist die Verbindung von Eins und Zwei, welche die unendliche, göttliche Einheit und ihre entgegengesetzte, menschliche bzw. materielle Endlichkeit symbolisieren. Sie ist somit Symbol der ägyptischen Dreiheit von Osiris, Isis und Horus; der römischen Triade von Jupiter, Juno und Minerva; sowie der christlichen Trinität von Gott-Vater, Sohn und Heiligem Geist und der paulinischen Trias von Glaube, Hoffnung und Liebe. Aber sie symbolisiert auch die familiäre Trias von Vater, Mutter und Sohn, sowie die Dreiteilung des Kosmos in Himmel, Erde und Unterwelt. Im Sanskrit steht sie für die Dreiteilung Sein, Denken, Wonne bzw. das Finstere, das Bewegte und das Seiende. So begegnen uns im Märchen beispielweise drei Brüder, die drei Wünsche frei haben und drei Aufgaben erfüllen müssen. 23 Die Zahl Sieben steht für Fülle, Ganzheit, Vollendung und Vollkommenheit. Sie ist die Vereinigung aus der Drei (s.o.) und der Vier, welche die kosmische Ordnung (vier Himmelsrichtungen, Jahreszeiten usw.) symbolisiert. Sie gilt als heilige Zahl, weil Gott am siebten Tag nach der Schöpfung ruhte. In der christlichen Mythologie erscheint die Zahl Sieben beispielsweise in den sieben Sakramenten, Gaben des Heiligen Geistes, Todsünden, Werken der Barmherzigkeit, Erzengeln, Säulen der Weisheit usw. Desweiteren findet sich die Sieben in der Anzahl der Wochentage und der Ordnung von Makro- und Mikrokosmos in der Natur wieder. Den sieben Planeten Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn werden die sieben irdischen Metalle Gold, Silber, Quecksilber, Zinn, Eisen, Kupfer und Blei, sowie die sieben Körperteile Kopf, Herz, Arme, Leber, Geschlecht, Schenkel und Füße zugeteilt. Die Sieben symbolisiert die Idealnatur vor dem Sündenfall. So leben im Märchen die sieben Zwerge hinter den sieben Bergen; Das tapfere
22 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Zahlensymbolik#Zahlen_im_M.C3.A4rchen am 15.03.2009 um 18.15 Uhr; http://lexikon.meyers.de/wissen/Zahlensymbolik am 15.03.2009 um 18.30 Uhr; http://www.galerie-elender.de/Zahlen.htm am 15.03.2009 um 18.45 Uhr
23 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Zahlensymbolik#Zahlen_im_M.C3.A4rchen am 15.03.2009 um 18.15 Uhr; http://lexikon.meyers.de/wissen/Zahlensymbolik am 15.03.2009 um 18.30 Uhr; http://www.galerie-elender.de/Zahlen.htm am 15.03.2009 um 18.45 Uhr; http://www.kzu.ch/fach/as/aktuell/1999/millenium/zahlen.htm am 15.03.2009 um 17.45 Uhr; http://www.kreudenstein-online.de/Bibelkritik/zahlensymbolik.htm am 15.03.2009 um 18.00 Uhr
9
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ Schneiderlein erledigt sieben auf einen Streich und der Wolf möchte gerne die sieben Geißlein fressen. 24
Die Zahl Zehn gilt als das Totalitätssymbol schlechthin. Sie symbolisiert den geschlossenen Kreis und repräsentiert sich in der Anzahl der Finger beider Hände. Sie ist die Summe von 3 und 7. In der Bibel präsentiert sie sich beispielweise in den zehn Geboten und den Generationen des christlichen Stammbaumes. So finden wir die Zehn in ihrer Vervielfachung auch im Märchen wieder, wenn Dornröschen beispielweise in einen hundertjährigen Schlaf fällt. 25
Auch wenn die Helden im Märchen sehr oft magische Aufgaben zu lösen haben, haben sie zudem meist auch ganz alltägliche Probleme zu bewältigen. So sollen zum Beispiel die drei Brüder in dem Märchen Tischlein deck dich zunächst nur die Ziege des Hauses beim Grasen beaufsichtigen. Später verlassen sie das Haus, um ein Handwerk zu erlernen, bei dem sie abschließend jeder eine magische Requisite geschenkt bekommen. Diese wird ihnen jedoch direkt darauf wieder gestohlen, weil sie zu laut damit prahlen. 26 Dieses Märchen dient der bereits oben erwähnten Vorbild- und Abschreckfunktion zur Vermittlung der Bürgerlichen Werte wie zum Beispiel Arbeitsamkeit und Sparsamkeit. Die Verfehlungen Prahlerei und Diebstahl werden umgehend bestraft und nur durch die Hilfe des klugen Bruders und seiner magischen Requisite erhalten auch die beiden unachtsamen Brüder ihre magischen Requisiten zurück.
Die Literaturwissenschaft unterscheidet in der Regel zwischen zwei Gattungen von Märchen: den Volksmärchen und den Kunstmärchen.
2.1. Volksmärchen (oder auch Buch- und Zaubermärchen) Der Name Volksmärchen setzt sich aus den Nomen Volk und Märchen zusammen. Wobei das Nomen Volk auf die mündliche Tradition der
24 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Zahlensymbolik#Zahlen_im_M.C3.A4rchen am 15.03.2009 um 18.15 Uhr; http://lexikon.meyers.de/wissen/Zahlensymbolik am 15.03.2009 um 18.30 Uhr; http://www.galerie-elender.de/Zahlen.htm am 15.03.2009 um 18.45 Uhr; http://www.kzu.ch/fach/as/aktuell/1999/millenium/zahlen.htm am 15.03.2009 um 17.45 Uhr; http://www.kreudenstein-online.de/Bibelkritik/zahlensymbolik.htm am 15.03.2009 um 18.00 Uhr
25 Vgl. http://www.galerie-elender.de/Zahlen.htm am 15.03.2009 um 18.45 Uhr; http://www.kreudenstein-online.de/Bibelkritik/zahlensymbolik.htm am 15.03.2009 um 18.00 Uhr
26 Vgl. Neuhaus, Märchen, S. 9; Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen.(1825)
10
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ Überlieferungsform zurückzuführen ist, und Märchen von Mär bzw. maere abgeleitet ist, was so viel wie Botschaft, Nachricht und Kunde bedeutet. So sind Volksmärchen zunächst einmal als mündliche Botschaften definiert. 27 Da die mündlich tradierten Volksmärchen von den Brüdern Grimm und anderen Autoren schriftlich fixiert und in Märchenbüchern veröffentlicht wurden, ist die heutige Forschung dazu übergegangen, den Begriff Volksmärchen durch Buchmärchen zu ersetzen. Wegen ihrer phantastischen und wunderbaren Elemente werden Volksmärchen aber auch oft als Zaubermärchen bezeichnet. 28 Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit, werde ich der Einfachheit halber nur den Begriff Volksmärchen verwenden.
Das Volksmärchen ist eine kurze, kindertümlich-einfach strukturierte Erzählung 29 , die häufig phantastische Elemente beinhaltet und durch einen formelhaften Anfang und Schluss geprägt ist. 30 Es ist vollkommen unabhängig von Ort und Zeit, so sagt V. Klotz: „Es spielt im ungefähren Einst, im vagen Weitweg.“ 31 Genau wie seine Orte sind auch die Personen in der Regel unbestimmt. Es lebt der namenlose König mit der namenlosen Königstochter in seinem namenlosen Schloss, dessen Standort meist in einem fernen Land ist, dessen Name unerwähnt bleibt. Haben die Charaktere doch einmal Namen, so beziehen diese sich in der Regel auf bestimmte Eigenschaften des Individuums, welche für die Handlung des Märchens entscheidend sind. So werden zum Beispiel das Rotkäppchen nach seinem roten Umhang und die Schwestern Schneeweißchen und Rosenrot nach den Rosenbüschen vor ihrem Haus benannt. 32 Desweiteren haben die Figuren im Volksmärchen einen eindeutig definierten Charakter. Sie sind entweder gut oder böse. Genauso einfach definiert ist auch das Weltbild im Volksmärchen. Deshalb gibt es auch immer ein Happy End, in welchem der gute Charakter über den Bösen siegt. 33
27 Vgl. Metzlers Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Hg von Günther und Irmgard Schweilke. 3. völlig neu bearbeitete Auflage. Hrsg.: Burdorf, Dieter u.a. Verlag J.B. Metzler. Stuttgart - Weimar. (2007). S. 472
28 Vgl. Metzlers Lexikon Literatur, S. 472
29 Vgl. Neuhaus, Märchen, S.9; Metzlers Lexikon Literatur, S. 473
30 Vgl. Neuhaus, Märchen, S.9
31 Vgl. Klotz, Kunstmärchen. In: Mettenleiter/Knöbel, Blickfeld Deutsch, S.252; Neuhaus, Märchen, S.9
32 Vgl. Neuhaus, Märchen, S. 9; Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. (1825)
33 Vgl. Neuhaus, Märchen, S.9
11
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ 2.2. Kunstmärchen
Kunstmärchen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den Volksmärchen. Zunächst einmal sind sie nicht anonym und mündlich tradiert, sondern von einem namenhaften Autor selbst niedergeschrieben worden. 34 Ihre Akteure, Orte und Zeit sind ebenfalls konkreter bestimmt. Die Personen haben individuelle Namen und die Handlung findet zu einer konkreten Zeit, an einem bekannten Ort statt. 35 Zum Beispiel liegt die Burg des Ritters Huldbrand in Fouqués Undine an „den Quellen der Donau“ 36 , welche sich bei Donaueschingen und Furtwangen befinden. 37 So hat Fouqué hier zwar keine eindeutig, unmissverständliche Angabe gemacht, jedoch hat der Leser nun eine ungefähre Ahnung, an welchem ihm bekannten Ort die Burg stehen könnte, im Gegensatz zum volkstümlichen „fernen Land“. Aber die Personen und Orte sind in den Kunstmärchen nicht nur konkreter benannt, sondern auch liebevoll, detailiert beschrieben. Bei der Lektüre erhält der Leser Einblicke in die Schönheit der Orte, an die er geführt wird. So werden zum Bespiel der Ritter Huldbrand und sein Ross in Fouqués Undine in den schillerndsten Farben dargestellt.
Wer aber das Geräusch verursacht hatte, war ein schön geschmückter Ritter, der zu Ross durch den Baumschatten gegen die Hütte vorgeritten kam. Ein scharlachroter Mantel hing ihm über sein veilchenblaues, goldgesticktes Wams herab; von dem goldfarbigen Barette wallten rote und veilchenblaue Federn, am goldnen Wehrgehänge blitzte ein ausnehmend schönes und reichverziertes Schwert. Der weiße Hengst, der den Ritter trug, war schlanken Baues, als man es sonst bei Streitrossen zu sehen gewohnt ist, und trat so leicht über den Rasen hin, dass dieser grünbunte Teppich auch nicht die mindeste Verletzung davon zu empfangen schien. 38
Die Figuren sind nun auch psychologisiert und mehrdimensional, so dass dem Leser die Gemütszustände der Charaktere mitgeteilt werden. Während sich der Ritter im Volksmärchen nur in die eine Prinzessin verliebt hätte, verliebt sich Huldbrand bei Fouqué zunächst in die schöne Bertalda, vergisst diese beim Anblick Undines, um sich mit jener kurz danach zu vermählen und entdeckt nach
34 Vgl. Neuhaus, Märchen, S.9
35 Vgl. Neuhaus, Märchen, S.9; LINDEMANN, Klaus (Hrsg.): „Friedrich de la Motte Fouqué: Undine - eine tränenreiche Geschichte“ In: (ebd.) Wege zum Wunderbaren. Romantische Kunstmärchen und Erzählung. Paderborn. (1997)
36 Vgl. Fouqué, Undine, S. 10; Lindemann, Undine, S.71
37 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Donauquelle, am 15.02.2009, um 18.45h
38 Vgl. Fouqué, Undine, S. 8
12
Bettina Kuß: Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen. ________________________________________________________________ der Hochzeit wieder seine alten Gefühle für Bertalda, sodass er kurz darauf Undine mit ihr betrügt. Diese Komplexität und Mehrdimensionalität von Struktur und Handlung ist der wohl gravierendste Unterschied zwischen Volks- und Kunstmärchen. Und genau deshalb sind Kunstmärchen laut Zondergeld eigentlich gar keine Märchen, sondern phantastische Erzählungen, die nur Märchen genannt werden. 39
E.T.A. Hoffmann sagt selber über Kunstmärchen:
„Sonst war es üblich, ja Regel, alles was nur Märchen hieß, ins Morgenland zu verlegen und dabei die Märchen der Scheherazade zum Muster zu nehmen. Die Sitten des Morgenlandes nur eben berührend, schuf man sich eine Welt, die haltlos in den Lüften schwebte und vor unseren Augen verschwamm. Deshalb aber gerieten jene Märchen meistens frostig, gleichgültig und vermochten nicht den innern Geist zu entzünden und die Fantasie aufzuregen. Ich meine, daß die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, so daß jeder nachzusteigen vermag. Befindet er sich dann, immer höher und höher hinaufgeklettert, in einem fantastischem Zauberreich, so wird er glauben, dies Reich gehöre auch noch in sein Leben hinein und sei eigentlich der wunderbarste herrlichste Teil desselben. Es ist ihm der schöne prächtige Blumengarten vor dem Tore, in dem er zu seinem hohen Ergötzen lustwandeln kann, hat er sich nur entschlossen, die düsteren Mauern der Stadt zu verlassen.“ 40
3. Zu den ausgewählten Autoren und Werken:
Die folgenden Kunstmärchen präsentieren dem Leser die phantastische, mystische Schönheit und zugleich unbezwingbare Wildheit der Natur in den schillerndsten Farben. Sie präsentieren paradiesische Orte, an denen sich die Menschen in Raum und Zeit verlieren und ganz der Liebe zur Natur hinwenden, so dass sie bei dessen Verlust, eine sentimentalische Sehnsucht zu ihr empfinden. Sich einmal auf die Natur eingelassen und in ihre Geheimnisse eingeweiht, empfinden sie in jener Einfachheit das Gefühl von Heimat, Geborgenheit und Zeitlosigkeit. So spielen die Kinder in Tiecks Die Elfen und Hoffmanns Das fremde Kind lieber draußen auf den Wiesen und im Wald, als drinnen im Haus mit
39 Vgl. Lexikon der phantastischen Literatur. Hg von Rein A. Zondergeld. Phantastische Bibliothek. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. (1983). S.284-285.
40 Vgl. Mettenleiter/Knöbel, Blickfeld Deutsch, S. 252-253
13
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Bettina Kuß, 2009, Naturdarstellungen in deutschen Kunstmärchen, München, GRIN Verlag GmbH
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