Umsonst malst du Herzen ans Fenster: ein Gott ist unter den Scharen, gehüllt in den Mantel, der einst von den Schultern dir sank auf
der Treppe zur Nachtzeit
(aus Paul Celan: Umsonst malst du Herzen) 1
1 Celan, Paul: Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. und
kommentiert von Wiedemann, Barbara. Frankfurt am Main: 2005, S. 28.
Michael Ebers Das Fenster-Motiv in Trakls Dichtungen
Inhaltsverzeichnis
1. Bedeutung des Themas und organisatorische
Vorbemerkungen 4
2. Das Fenster-Motiv in Trakls lyrischem Gesamtwerk 8
2.1. Komposita, Attribute und grammatischer Kontext 8
2.2. Textualer Kontext 15
3. Das Fenster als Ausdruck des Lebens und Fensterlyrik 21
4. Literaturverzeichnis 24
3
1. Bedeutung des Themas und organisatorische Vorbemerkungen
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist, soweit ich feststellen konnte, von der Forschung bisher nicht beachtet worden - so bedenkt zum Beispiel auch Martin Heidegger in seinem berühmten Aufsatz Die Sprache bei der Besprechung des Traklschen Gedichts Ein Winterabend anhand der Verse
Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet [58]
lediglich „Schneefall“ 2 und „Läuten der Abendglocke“ 3 , nicht aber das Fenster.
Aus der Forschungslage ergeben sich einige Besonderheiten, die in Wechselbeziehung zu meiner Vorgehensweise bei der Bearbeitung des Themas stehen, nämlich, daß
1. das Thema seine Bedeutung erst noch eigens nachweisen muß
sowie
2. die Bearbeitung im Wesentlichen auf das Ganze zielt, insofern statistische Untersuchungen (Häufigkeit, Komposita, Attribute, Kontext) zur Verwendung des Fenster-Motivs im Gesamtwerk des Dichters im Mittelpunkt stehen sollen.
Deutlich wird, daß statistische Untersuchungen am Gesamtwerk gegenüber Detailuntersuchungen zu spezifischen Verwendungen des Motivs an zwei oder drei willkürlich ausgewählten Belegstellen den Vorteil bieten, daß auf diese Weise Aussagen über 1. möglich werden.
2 Martin Heidegger: Die Sprache. In: Unterwegs zur Sprache. Stuttgart: 1959, S. 21.
3 Ebda.
4
Zur Häufigkeit des Motivs vorab einige Hinweise:
1. In Trakls erster Prosaveröffentlichung Traumland vom 12.05.1906 bildet das Fenster (neben den Rosen, die der Ich-Erzähler der kranken Maria wiederholt in den Schoß legt) das zentrale durchgängige Motiv. Auffällig ist, daß das Fenster-Motiv hier als in sich gedoppelt erscheint, nämlich als zwei Orte, die die beiden Handlungspole der Erzählung ausmachen:
a. als der Ort, von dem aus der Ich-Erzähler beobachtet
sowie
b. als ein zweiter Ort, der vom Ich-Erzähler beobachtet wird.
Die erzählte Wirklichkeit in Trakls erster Veröffentlichung ist also so beschaffen, daß der durchmessene Raum von Fenster zu Fenster reicht.
Ob diese spezifische Doppelung des Fenster-Motivs (einerseits
Ausgangspunkt, andererseits Zielpunkt der Beobachtung) als paradigmatisch für die Verwendung des Motivs im Gesamtwerk des Dichters angesehen werden kann, soll genauer untersucht werden.
2. Auf den wenigen erhaltenen Blättern der Dramenentwürfe Don Juans Tod (entstanden zwischen 1906 und 1908) und Blaubart (1910) taumeln die verschiedenen Protagonisten nacheinander ans Fenster, stoßen es auf, sprechen am Fenster und stürzen sich hinaus. Die Regieanweisungen, die Trakl jeweils vorgesehen hat, erschöpfen sich hierin schon.
3. Vor 1909 hat ein Trakl ein Gedicht geschaffen, das den Titel trägt: An einem Fenster [142].
5
4. Noch die letzte Überarbeitung des Gedichts Traum des Bösen in der Zelle in Krakau, wenige Tage oder Stunden vor dem Tod des Dichters, nennt das Fenster:
Verhallend eines Sterbeglöckchens Klänge -
Ein Liebender erwacht in schwarzen Zimmern, Die Wang‘ an Sternen, die am Fenster flimmern. [197]
Aus diesen ersten Hinweisen ergeben sich für die Frage nach der Bedeutung des Themas als vorläufige Ergebnisse:
1. Trakl verwendet das Fenster-Motiv durchgängig über den gesamten Zeitraum seines dichterischen Schaffens.
2. Trakl verwendet das Fenster-Motiv nicht gattungsgebunden, sondern für alle literarischen Gattungen (Lyrik, Prosa, Drama), in denen er gedichtet hat.
Diese ersten vorläufigen Ergebnisse haben Konsequenzen für die Anordnung des Materials der Untersuchung. Ich habe mich für eine chronologische Ordnung nach den Entstehungsdaten entschieden, d.h. daß ich nicht berücksichtigen werde:
1. ob das Material veröffentlicht wurde, dem Nachlaß entstammt oder von Trakl für eine Veröffentlichung vorgesehen war
sowie
2. die Anordnung der Dichtungen zueinander, wie Trakl sie für die Veröffentlichung bestimmt hat.
6
Arbeit zitieren:
Michael Ebers, 1993, Das Fenster-Motiv in Trakls Dichtungen, München, GRIN Verlag GmbH
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