Einleitung
In der Arbeit soll die Rolle der Enite-Figur im Erec Hartmanns von Aue untersucht werden. Dabei sollen insbesondere die Arbeiten 1 von Eva-Maria Carne (1968) und Robert Braunagel (2000), die sich beide umfassend mit den Frauengestallten bei Hartmann beschäftigt haben, als Erhellung herangezogen werden. Wenn es ratsam erscheint, wird auch ein Vergleich mit der französischen Romanvorlage Chrétiens de Troyes unternommen werden.
Hartmann hat, wie sich zeigen wird, einige wesentliche Änderungen in der Ausgestaltung seiner Enite-Figur vorgenommen. Jede Abweichung, jeder Unterschied zu Chrétien ist, wie man annehmen muss, kein bloßer Zufall. Ganz bewusst hat Hartmann diese Änderungen vorgenommen und so, seinen eigenen Vorstellungen entsprechend, eine eigene ideale Frauenfigur geformt. Wie Braunagel deutlich gemacht hat, gibt es zwischen den beiden Enite-Figuren einige wesentliche Unterschiede. Oberflächlich betrachtet fällt die Ausgestaltung der Enite bei Hartmann, im Gegensatz zur Enide der französischen Vorlage, zunächst „zwangläufig zu Ungunsten Hartmanns“ 2 aus. Mehr noch als in der französischen Vorlage, konzentriert sich Hartmanns Roman nämlich „in seinem Kern nur auf Erec und dessen Entwicklung. Er ist die Hauptperson, in der alles zusammenläuft. Ihm ist seine Partnerin Enite, wie es scheint, nur als Epitheton, als elfenhaftes, vollkommenes Wesen beigestellt.“ 3 Während es Chrétien darum ginge, in seinem Roman ein gleichwertiges Liebespaar darzustellen, bei dem keiner der beiden dem anderen untergeordnet sei, stellt Hartmann einseitig nur die Entwicklung des Mannes dar. Die Frau aber - so Baunagel - durchläuft bei Hartmann „keinerlei persönliche Entwicklung“. Schon das Fehlen der Nennung Enites im Romantitel bei Hartmann (schlicht: „Erec“ - im Gegensatz zur Vorlage: „Erec et Enide“), könnte ein Hinweis dafür sein, dass Hartmann Enite in der Tat weniger wichtig war als das Werden und die Formung seines männlichen Helden. Jedoch, dies kann nur glauben, wer das Werk Hartmanns missverstanden hat. Enite ist auch bei Hartmann keineswegs bloß ein schönes, aber im Grunde überflüssiges Anhängsel, das dem Mann nur „beistehen“ soll. Wie Braunagel gleich revidieren muss, verwendet auch Hartmann große Sorgfalt in der Ausschmü-
1 Carne,Eva-Maria: Die Frauengestalten bei Hartmann von Aue - Ihre Bedeutung im Aufbau und
Gehalt der Epen, Marburger Beiträge zur Germanistik, Marburg 31 1970; Braunagel, Robert: Die Frau
in der höfischen Epik des Hochmittelalters - Entwicklungen in der literarischen Darstellung und Aus-
arbeitung weiblicher Handlungsträger, Ingolstadt 2001.
2 Braunagel, S.17.
3 Ebd.
2
ckung seiner Enite-Figur. So tritt sie auch bei Hartmann als „eigenständige Person in Erscheinung“ 4 . Dass sie im Gegensatz zur Enide Chrétiens keine nennenswerte Entwicklung durchläuft und sich an ihrer moralischen Gesinnung von Anfang bis zum Ende nichts ändert, muss nicht unbedingt gegen sie sprechen. Niemals zweifelt Hartmanns Enite an ihrer Liebe zu Erec, niemals denkt oder handelt sie egoistisch. Demut und äußerste Aufopferung für den Mann sind ihr innerstes Wesen. Hartmann legte im Gegensatz zu Chrétien wert darauf, die Frau als ein beständiges und von Anfang an im Grunde vollkommenes Wesen in Erscheinung treten zu lassen. Jedoch: Obwohl sie selbst keine innere Entwicklung durchläuft, „ist ihr Weg, den sie unter der elfenhaften Oberfläche einer ideal schönen Frau mit ihrem Partner geht, eng an die Entwicklung des Helden Erec gebunden, aber er unterliegt auch gewissen Abweichungen, die in der Frau Enite und deren Darstellung ihre Ursache finden.“ 5 Zweifellos bildet Erec den aktiven Teil der Partnerschaft, während sich Enite fast immer passiv verhält. Dennoch ist sie, wie die Arbeit zeigen wird, maßgeblich an der Entwicklung des männlichen Helden beteiligt, denn „unter ihrem äußerlich passiven Wesen liegt eine wichtige Funktion verborgen, die ihren Partner entscheidend unterstützt seinen Weg zu vollenden.“ 6 Wie dieses passive Einwirken der Frau in Hartmann Roman im Einzelnen vor sich geht und welche für den Helden so wichtige Funktionen unter der schönen Oberfläche verborgen liegen, wird die vorliegende Arbeit aufzuzeigen versuchen. Männer ohne Frauen - Junggesellen in Hartmanns Roman
Erec ist, was wenigstens für den Beginn der Erzählung gilt, nicht der einzige frauenlose Mann in Hartmanns Roman. Bei den meisten Gegnern Erecs handelt es sich um unverheiratete Männer: Die acht Räuber haben, wie es für ein Räuberdasein typisch ist, wahrscheinlich kein Heim und keine Ehefrau, ebenso die zwei rohen Riesen; auch der kleine König Guivreiz scheint seine Königin noch nicht gefunden zu haben und vom Grafen und von Oringles wissen wir, dass sie Junggesellen sind, sonst würden sie es nicht darauf anlegen, Enite zu ihrer Gattin zu machen. Männer ohne Frauen scheinen in Hartmanns Roman richtungslose, umherirrende Gestalten zu sein, die entweder, wie die Räuber und die Riesen, rohe Gewalt ausüben und rauben, sinnlose Selbstbestätigung im Einzelkampf suchen, wie Guivreiz, schwach und leicht für Kränkungen anfällig sind, wie Erec, oder aber meinen, die Schönheit einer Frau mit Gewalt erzwingen zu können.
5 Ebd.
6 Ebd., S.19.
3
Ohne Frau, das legt uns Hartmanns Roman nahe, irrt der Mann, und erst durch die Frau kann er die Stufen zur Vollkommenheit langsam emporsteigen.
In der Eingangsszene ist Erec ein unerfahrener, unerprobter, unverheirateter Mann, der sich in der Welt noch keinen Namen gemacht hat. Bisher hat er noch keinen Kampf bestritten (Vgl. 1265). Während die anderen, gestandenen Ritter an der Jagt nach dem Weißen Hirschen teilnehmen, begleitet Erec die Königin Ginover und deren Hofdame durch die heimischen Wälder. Das Zusammentreffen mit Iders, seiner Frau und einen Zwerg löst die erste Konfliktsituation im Leben des jungen Ritters aus. Als der freche Zwerg die Jungfrau der Königin grundlos mit einer Peitsche schlägt, weiß Erec nicht, wie er reagieren soll. Fassungslos über das unritterliche Verhalten Iders`, der seinen Zwerg nicht zurückgehalten hat, reitet Erec den Leuten nach. Er stellt den Zwerg zur Rede - jedoch, statt einer Erklärung für sein grobes Verhalten, bekommt nun auch er die Geißel des Zwerges zu spüren. Da er keine Rüstung trägt, er was blôz als ein wîp (103), und auch nur leicht bewaffnet ist, hält Erec sich bewusst vorm Kampf zurück. Dass Erec nicht kämpft, geschieht also nicht aus Feigheit, sondern aus kluger ritterlicher Mäßigung heraus. Ob seiner Machtlosigkeit empfindet er dennoch grenzenlose Scham gegenüber den beiden Frauen, denen er nun kaum unter die Augen treten will. Von wilden Rachegedanken angetrieben, beschließt Erec die Frauen alleine zu lassen und Iders auch ohne Rüstung und völlig mittellos nachzureiten.
Erec hat in dieser Episode äußerlich nichts falsch gemacht. Im Gegenteil, es wäre äußerst dumm gewesen, sich auf einen Kampf einzulassen. Selbst der Erzähler räumt dem ungerüsteten Erec keine Chance gegen Iders ein: der ritter hete im genomen den lîp (102). Jedoch: allein, dass Erec als blôz als ein wîp beschrieben wird und sich so sehr durch das Verhalten des Zwerges kränken und beschämen lässt, spricht für seine jugendliche Unerfahrenheit. Auch Carne beschreibt Erec in ihrer Arbeit als hilflosen, „unerfahrenen Jüngling“: „Er ist der innerlich unfreie junge Mensch, der noch an die Konvention gebunden ist […]“ 7 Dabei lastet sie ihm auch eine „Egozentrizität“ an: „Noch hat er nicht gelernt, für andere zu handeln - sein Hauptziel bei dem Ausritt ist Rache für die eigene Schande […]“ 8 Erst durch die Frau kann Erec sich von diesen inneren Mängeln frei machen und lernen das Richtige zu tun aus dem richtigen Antrieb. Noch ist er seiner Herzdame nicht begegnet. Noch hat er keine engere menschliche
8 Ebd., S.31f.
4
Bindung erfahren, was so viel wichtiger ist als die Bindung an die Konvention. Noch hat er keine höhere Aufgabe und kein Gut entdeckt, für das er eintreten kann. Jedoch, ohne es zu wissen, wird ihn sein erstes Abenteuer zu einer Frau führen, die sein Leben in eine andere Richtung lenken wird.
Die Begegnung mit Enite
Den ganzen Tag verfolgt Erec Iders. Am Abend sieht er ihn in die Burg Tulmein reiten. Er selbst sucht sich ein Quartier außerhalb der Burg, wo er auf eine vermeintlich unbewohnte Ruine stößt. Überrascht muss er feststellen, dass hier ein alter Mann wohnt. Trotz seines schwachen Körpers und seiner ärmlichen Kleidung strahlt Koralus, der Vater Enites, eine große Anmut und Würde aus. Sein Aussehen wird als einem edeln manne gelîch (289) beschrieben. Obwohl er, seine Frau und seine Tochter in großer Armut leben, zögert er keinen Augenblick den mittellosen Erec willkommen zu heißen. Ganz deutlich hebt Hartmann am Beispiel Koralus’ hervor, dass innerer Reichtum keiner äußeren Bestätigung bedarf (Vgl. 312ff.). Ebenso wie der Vater, ist auch die Tochter nur ärmlich bekleidet. Sie trägt ein zerrissenes, schäbiges grünes Kleid, darunter ein ebenso zerrissenes schmutziges Hemd. Unter dem löchrigem Hemd jedoch schimmert ihre schwanenweiße Haut hindurch, die wie eine Lilie unter schwärzen Dornen blüht (Vgl. 337-38). Das Mädchen wird beschrieben als diu schœniste maget von der uns ie wart gesaget (310-311).
Interessant ist die Feststellung Carnes, dass in Hartmanns Roman die Schönheit Enites „anscheinend erst Bedeutung [gewinnt], als Erec sie entdeckt.“ 9 Ganz anders ist es in der franzosischen Vorlage, in der Koralus die Schönheit seiner Tochter rühmt und auf ihre vielen Verehrer aufmerksam macht 10 . Im Gegensatz dazu, scheint sich bei Hartmann keiner außer Erec der Attraktivität Enites bewusst zu sein. Hartmanns Enite hat keine Verehrer - ihre Schönheit ist bis jetzt anscheinend unbemerkt geblieben. Ein weiteres Indiz dafür, dass die schœne Enites bei Hartmann von der Umwelt unbemerkt bleibt, ist das Verhalten des Vaters nachdem Erec um ihre Hand angehalten hat. Koralus reagiert sehr betrübt, da er meint, Erec wollte seiner bloß spotten (Vgl. 525). Anscheinend weiß er nicht um die Schönheit seiner lieblichen Tochter. Erec gelingt es, Koralus vom Ernst seines Anliegens zu überzeugen und der Vater willigt schließlich ein, ihm,
9 Carne, S.33.
10 Chretien des Troyes, Erec et Enide, Hrsg. Mario Roques. Paris: Champion, 1965, V.525ff.
5
dem Sohn des König Lac, seine einzige Tochter als Frau mitzugeben. Das Motiv der unstandesgemäßen Heirat kennen wir auch aus dem Armen Heinrich. Jedoch: Enite ist nicht, wie die Heldin im Armen Heinrich, nur ein armes Bauernmädchen. Bereits durch ihre schwanenweiße Haut, die unter ihrem schäbigen Hemd hervorstrahlt, wird angedeutet, dass auch sie dem Adel angehört. Wie wir erfahren, war ihr Vater einst ein mächtiger Graf, der durch eine Fehde all seinen Besitz an Intriganten verlor. Seitdem leben er und seiner Familie in unwürdigen Verhältnissen.
Die Begegnung mit Koralus und seiner Familie stellt im Leben des jungen Ritters eine wichtiges Ereignis dar: Unangemeldet und mittellos tritt er in ihr Heim, er erwartet schon hinausgeworfen zu werden, doch was er erfährt ist eine Gastfreundschaft, die herzlicher nicht sein könnte. In dieser für den weiteren Verlauf sehr wichtigen Episode lernt Erec nicht nur seine zukünftige Braut kennen, er lernt auch, wie Carne schreibt, „zwischen innerem Adel - wirklichen Werten - und äußerer Konvention zu unterscheiden.“ 11
Der Schönheitspreis
Nach einer Nacht voller Herzlichkeit ist Erec innerlich wie verwandelt. Am Tag zuvor hatte er nichts als seine persönliche Rache im Sinn. Nun will er zwar immer noch kämpfen, jedoch geht es ihm jetzt um viel mehr. Wie sich herausstellt, findet an dem Tag ein alljährlicher Sperberwettkampf statt. Der Sieger gewinnt nicht nur den Sperber, er beweist auch, die schönste Frau zu haben. Die Logik einer solchen Schönheitskür wird von niemand angezweifelt. Jedoch, so erfahren wir, hat der bisherige zweifache Champion Iders, die letzten beiden Wettkämpfe völlig kampflos für sich entschieden. Zwar glaubt keiner, dass Iders Frau die Schönste ist, jedoch traute sich bisher keiner gegen den starken Ritter anzutreten.
Wenn Erec als erster Iders herausfordert, dann hat das auch symbolischen Charakter: Der Kampf Erec versus Iders ist auch der Kampf der wahren, inneren Werte, gegen Oberflächlichkeit und leere höfische Konvention. Iders und seine Freundin stehen für das Gegenteil dessen, für das Erec eintritt. Dies wird schon an dem äußeren Erscheinungsbild deutlich, das im völligen Kontrast steht zu den inneren Werten. Iders Frau ist schon bei der ersten Begegnung im Wald „wohlgekleidet“ (13). Iders selbst trägt beim Kampf eine gute Rüstung mit Helmzier, seine Waffen sind schön bemalt und sein Pferd
11 Carne, S.33.
6
Arbeit zitieren:
Igor Cakan, 2008, Enite - Die Rolle der Frau im "Erec" Hartmanns von Aue, München, GRIN Verlag GmbH
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