Universität Fribourg/Schweiz Vergleichende
Philosophische Fakultät Religionswissenschaft
Der Blasphemievorwurf im
religionswissenschaftlichen Vergleich
Seminararbeit
eingereicht am 14.5. 2003
vorgelegt von
Ann-Katrin Gässlein
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Herkunft und Bedeutung von Blasphemie
3. Vormoderne Blasphemie
3. 1. Der Fall Sokrates
3. 2. Der Fall Jesus von Nazareth
4. Moderne Blasphemie
4. 1. Der Fall George Grosz
4. 2. Skandal um Jesus Christus – eine kleine Chronik
4. 3. Der Fall Salman Rushdie
4. 5. „Die Satanischen Verse“
5. Formaler Vergleich: „Christus mit der Gasmaske“ und „Die Satanischen Verse“
5. 1. Medium
5. 2. Form
5. 3. Inhalt
5. 4. Motivation
6. Voraussetzungen für Blasphemie
6. 1. Objektive Voraussetzungen
6. 2. Subjektive Voraussetzungen
7. Schluss
8. Literatur
9. Anhang
9. 1. George Grosz „Christus mit der Gasmaske“
9. 2. Ayatollah Khomeini, Persischer Originaltext der Fatwa, 23. 2. 1989
1. Einleitung
Im vergangenen Wintersemester fand am Institut für Islamwissenschaft der Universität Bern ein Proseminar über das Werk „Die Satanischen Verse“ des indischen Schriftstellers Salman Rushdie statt. Im Rahmen dieses Poseminars tauchte neben der literaturwissenschaftlichen und sozialpolitischen Analyse des Romans auch der Aspekt „Blasphemie“ auf. Da dieses Thema nicht nur im Islam, sondern auch in anderen Religionen eine Rolle spielt, kam ich auf die Idee, Blasphemie in einem religionswissenschaftlichen Vergleich zu untersuchen. Der Vorwurf der Blasphemie ist eng mit der europäischen Kulturgeschichte verbunden und weist gleichzeitig eine hohe aktuelle Brisanz auf. Wenn man einmal anfängt, in der Geschichte nach Fällen zu stöbern, in denen dieser Vorwurf erhoben wurde oder gar zu einem gerichtlichen Prozess geführt hat, sieht man sich schnell einer gewaltigen Menge von Material gegenüber. Allein die Blasphemie-Fälle in der mittelalterlichen Geschichte der römischkatholischen Kirche können schon Bände füllen. Der Historiker Alan Cabantous hat sich dieses enorme Projekt vorgenommen.1 Dabei könnte man das Augenmerk auf Blasphemie in der frühchristlichen Zeit richten, als die eben entstandene Kirche mit der Kanonisierung beschäftigt war, um eine einheitliche Lehre rang und sich in diesem Kontext mit „abweichenden Meinungen“ konfrontiert sah.2 Die Entwicklung des Protestantismus und der Religionskriege könnte unter dem Gesichtspunkt der Blasphemie untersucht werden.3 Oder man konzentriert sich auf die mystischen Bewegungen im Christentum, Islam oder Judentum und untersucht den Blasphemievorwurf bei grossen spirituellen Lehrmeistern: Diese sprachen aus der unmittelbar eigenen Gottesschau und gingen damit über die Lehren der Bibel und der kirchlichen Dogmen weit hinaus. Dazu zählen zum Beispiel Meister Eckehart, der als Ketzer angeklagt und verfolgt wurde,4 oder Al-Halladsch aus der islamischen Mystik.5
Die Fragestellung dieser Arbeit lässt die oben genannten Aspekte bewusst ausser Acht und geht dahin, welche Elemente von Blasphemie nicht mehr ausschliesslich mit der jeweiligen Religion zusammenhängen, in deren Kontext sie geschieht, d. h. welche „Gemeinsamkeiten“ sich in Blasphemiefällen feststellen lassen. Für einen religionswissenschaftlichen Vergleich galt es dennoch, aus der Fülle dieses historischen Materials auszuwählen. Daher werden vier Figuren aus verschiedenen Religionen genauer vorgestellt.6. Alle Fälle waren mit aufsehenserregenden Prozessen verbunden; sie fallen sowohl durch die persönlichen Schicksale der Blasphemiker, als auch durch die kulturgeschichtlichen Folgen auf, die sie ausgelöst haben . Die ersten beiden - aus der polytheistischen Tradition des antiken Griechenlands7 und dem Judentum - sollen verschiedene Spielarten von Blasphemie veranschaulichen. Die letzten beiden Fälle stammen aus dem Christentum und dem Islam des 20. Jahrhunderts; diese „moderne“ Blasphemie möchte ich im Hinblick auf Medium, Form, Inhalt und Motivation untersuchen und dabei die Gemeinsamkeiten sowie die spezifisch religionsbezogenen Unterschiede herausarbeiten. Zum Schluss möchte ich noch auf die Voraussetzungen für Blasphemie eingehen. Dabei wird zwischen „objektiven“ (betreffend den gesellschaftlichen Kontext, in dem die Blasphemie stattfindet) und den „subjektiven“ (persönliche Hintergründe des Blasphemikers) Voraussetzungen unterschieden. Diese strukturelle Analyse von Blasphemie hat ebenfalls ein religionsvergleichendes Ziel. Ich möchte untersuchen, inwiefern diese Voraussetzungen auf die vorgestellten Beispiele zutreffen und herausfinden, ob es Gemeinsamkeiten gibt, die sich unabhängig sowohl von ihrem historischen als auch ihrem religionsspezifischen Kontext darstellen.
Als wichtige Quelle für diese Seminararbeit diente mir das Buch „Blasphemie - Die Affäre Rushdie in religionswissenschaftlicher Sicht“, das 1998 als Dissertation von Gereon Vogel herausgegeben wurde, sowie die Diskussionsnotizen während des islamwissenschaftlichen Proseminars in Bern. Da die wissenschaftliche Literatur über Blasphemie meist auf spezielle historische Aspekte konzentriert ist, stammt das weitere Quellenmaterial vorwiegend aus verschiedenen Lexika und Zeitungsartikeln, die moderne Auseinandersetzungen um Blasphemie zum Thema haben.
[....]
1 Cabantous, Geschichte
2 Religion in Geschichte und Gegenwart, Sp. 1441ff.
3 ebd., Sp. 1445ff.
4 Meister Eckehards Satz „Wer Gott selbst lästert, lobt Gott“ wurde mit einem Bannfluch belegt, vgl. www.regina-berlinghof.de/mystik.htm: Die Antworten der Mystiker auf Gotteslästerung. Nachträge zur Diskussion um Salman Rushdie und Annemarie Schimmel
5 Al-Halladsch schockierte öffentlich mit seinem Ausspruch „Ana l-haqq – Ich bin die göttliche Wahrheit“5 und wurde schließlich hingerichtet, vgl. Vogel, Blasphemie, S. 20
6 Allerdings erschien es sinnvoll, zur Einordnung der gewählten Figuren noch weitere Blasphemie-Fälle zu erwähnen, die allerdings nur einer kurzen Veranschaulichung dienen.
7 Die Bedeutung des Blasphemievorwurfs in den polytheistischen Religion wird allerdings in dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt.
Quote paper:
Ann-Katrin Gässlein, 2003, Der Blasphemievorwurf im religionswissenschaftlichen Vergleich, Munich, GRIN Publishing GmbH
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