Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis III
Abk urzungsverzeichnis IV
1 Einleitung 1
2 Die Subprime-Krise - Ein
Uberblick 3
2.1 Ursachen und Verlauf der Krise 3
2.2 Auswirkungen der Subprime-Krise 5
3 Instrumente zur Stabilisierung notleidender Banken 7
3.1 Staatliche Garantien 11
3.2 Staatliche Eigenkapitalzufuhr 17
3.3 Asset Management Companies 20
3.3.1 Definition und Funktionsweise 20
3.3.2 Das deutsche Bad-Bank-Konzept 24
4 Die Finanzkrise in Schweden 26
4.1 Ursachen und Krisenverlauf 27
4.1.1 Regulierung und Liberalisierung des schwedischen Finanzsektors 27
4.1.2 Die Krise nimmt ihren Lauf 30
4.2 Schwedens Weg aus der Krise 34
4.2.1 Der Umgang mit den notleidenden Banken 34
4.2.2 Verwertung der schlechten Aktiva durch Securum 38
4.2.3 Die Kosten der Krise 41
5 Lehren aus der schwedischen Krise 43
6 Fazit 47
Literatur V
II
Abbildungsverzeichnis
1 Interbanken-Spread, Nutzung der Einlagenfazilit¨ at der EZB und liquidit¨ ats-absorbierende Feintuning-Maßnahmen der EZB, 01/2007 - 02/2009 . . . . 12 2 Das deutsche Bad Bank Konzept . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 3 Real Estate Preisindex Schweden (1981-2008) . . . . . . . . . . . . . . . . 31 4 Szenarios f¨ ur die Entwicklung der Eigenkapitalquoten der Banken in den Kategorien A, B und C . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
III
Abk¨ urzungsverzeichnis
AMC Asset Management Company
BIP Bruttoinlandsprodukt
BSA Bank Support Authority
CIS Commonwealth of Idependent States
Comecon Council for Mutual Economic Assistance
EBDIM Emergency Bank Debt Insurance Mechanism
Eonia Euro Overnight Index Average
Euribor European Interbank Offered Rate
EWS Europ¨ aisches W¨ ahrungssystem
EZB Europ¨ aische Zentralbank
FSA Financial Supervisory Authority
IPO Initial Public Offering
IWF Internationaler W¨ ahrungsfond
KMU Klein- und Mittelunternehmen
LLR Lender of Last Resort
P&A Purchase & Assumption
RTC Resolution Trust Corporation
SEK Schwedische Krone
SIV Structured Investment Vehicle
SoFFin Sonderfond Finanzmarktstabilisierung
TARP Troubled Asset Relief Program
TLGP Temporary Liquidity Garanty Program
UdSSR Union der sozialistischen Sowjetrepubliken
USA United States of America
IV
1 Einleitung
Eine wesentliche Aufgabe von Finanzsystemen ist der intertemporale Liquidit¨ atsaustausch von Akteuren mit Liquidit¨ ats¨ ubersch¨ ussen zu Akteuren mit Liquidit¨ atsbedarf. Dieser Austausch geschieht durch Finanzintermedi¨ are, die Liquidit¨ at aufnehmen und diese durch die Vergabe von Krediten an Haushalte und Unternehmen abgeben. Besonders Unternehmen, die keinen Zugang zu den internationalen Kapitalm¨ arkten haben, sind auf die Finanzierung durch Kreditinstitute angewiesen. Aufgrund der Ereignisse an den internationalen Finanzm¨ arkten seit dem Jahr 2007 ist diese Funktion erheblich gest¨ ort und hat zu weltweiten Auswirkungen auf die Realwirtschaft gef¨ uhrt. Die Finanzierungskosten f¨ ur Unternehmen ohne Zugang zu internationalen Kapitalm¨ arkten haben sich durch den erschwerten Kreditzugang wesentlich erh¨ oht.
Die weltweite Finanzkrise ist zurzeit das Thema in allen Medien. Knapp zwei Jahre nach Ausbruch sind ihre Ursachen weitestgehend erforscht und analysiert, doch das Krisenmanagement befindet sich noch im Anfangsstadium. Die Funktion des Lender of Last Resort (LLR) durch die Zentralbanken war bisher laut Gutachten des Sachverst¨ andigenrats 2008 nicht ausreichend, um die Finanzm¨ arkte zu stabilisieren. Auch die Senkung der Leitzinsen vieler Zentralbanken auf niedrige Niveaus, in den USA gegen Ende 2008 zeitweise auf null Prozent, konnten die Finanzm¨ arkte nicht stabilisieren. Der Vertrauensverlust war zu groß, sodass etliche Kreditinstitute weltweit von Liquidit¨ atsproblemen und Eigenkapitalverlusten betroffen sind. Um einen totalen Zusammenbruch der Finanzsysteme zu vermeiden, installieren besonders Industriel¨ ander, wie z. B. Deutschland, England und die USA umfangreiche Stabilisierungspakete, mit dem Ziel die negativen Effekte auf die Realwirtschaft zu d¨ ampfen und die begonnene Rezession zu ¨ uberwinden. Doch welche
Maßnahmen k¨ onnen ergriffen werden, um Banken und das Finanzsystem zu stabilisieren, damit die f¨ ur die Realwirtschaft so wichtige Kreditvergabe wieder in Schwung kommt? Eine ausreichende Kreditvergabe in der aktuellen weltweiten Rezession w¨ urde Investitionen, die f¨ ur den wirtschaftlichen Aufschwung notwendig sind, erleichtern.
Die aktuelle Finanzkrise ist eine der schwersten Krisen in der Geschichte, doch sie ist nicht die Erste. In der Vergangenheit hat es bereits zahlreiche Finanzkrisen gegeben. Ziel dieser Arbeit ist es, Erfahrungen im Umgang mit Finanzkrisen und besonders mit notleidenden Banken zu untersuchen, und ob der Einsatz bestimmter Stabilisierungsmaßnahmen, die bereits in fr¨ uheren Krisen eingesetzt wurden, auch in der heutigen Zeit bei der Bew¨ altigung der Krise helfen k¨ onnen. Die schwedische Finanzkrise zu Beginn der 1990er Jahre wird in der Literatur, bspw. Ergungor (2007), oft als Positivbeispiel f¨ ur ein erfolgreiches Krisenmanagement genannt. Deshalb m¨ ochte ich untersuchen, inwieweit das schwedische Kri-
1
1 Einleitung
senmanagement f¨ ur die heutige Krise an den internationalen Finanzm¨ arkten als Vorbild dienen kann, und welchen Nutzen man f¨ ur die heutige Krisenbew¨ altigung aus den schwedischen Erfahrungen im Umgang mit notleidenden Banken ziehen kann. Finanzkrisen sind niemals identisch, deshalb ist es nicht m¨ oglich, einen universellen Maßnahmenkatalog zu konzipieren, der jede Krise meistert und die volkswirtschaftlichen Kosten sowie die Kosten f¨ ur den Steuerzahler minimiert. Jedoch sind Kreditinstitute in allen Finanzkrisen von ¨ ahnlichen Problemen betroffen.
In Kapitel 2 soll zun¨ achst ein ¨ Uberblick ¨ uber die Subprime-Krise und ihre Auswirkungen
gegeben werden. Staatliche Interventionen haben oft adverse Effekte und sollten deshalb gut durchdacht sein und nicht ad hoc durchgef¨ uhrt werden. Hierzu sollen in Kapitel 3 einige Maßnahmen zur Stabilisierung von notleidenden Banken aufzeigt werden, Voraussetzungen f¨ ur ihren Einsatz erl¨ autert und auf Gefahren hingewiesen werden, die mit einem Einsatz verbunden sind. In Kapitel 4 betrachte ich die Finanzkrise in Schweden zu Beginn der 1990er Jahre. Zun¨ achst werde ich die Ursachen und den Krisenverlauf darstellen. Danach wende ich mich der schwedischen Krisenbew¨ altigung zu und zeige den Weg aus der Krise auf. Kapitel 5 zeigt Parallelen und Unterschiede zwischen der schwedischen Krise und der Subprime-Krise auf. Dabei werde ich die Lehren aus der schwedischen Krise er¨ ortern, die f¨ ur das heutige Krisenmanagement und die heutige Krisenbew¨ altigung hilfreich sein k¨ onnten.
2
2 Die Subprime-Krise - Ein ¨ Uberblick
2 Die Subprime-Krise - Ein ¨ Uberblick
Seit dem Ausbruch der Subprime-Krise im Sommer 2007 befinden sich Finanzinstitute weltweit in erheblichen Schwierigkeiten. Im Folgenden soll ein kurzer ¨ Uberblick ¨ uber die
Ereignisse der Jahre 2007 und 2008, die Hintergr¨ unde und die Auswirkungen auf den realen Sektor der Weltwirtschaft gegeben werden.
2.1 Ursachen und Verlauf der Krise
Die expansive Zinspolitik der Federal Reserve (Fed) in den Jahren 2003 und 2004 erm¨ oglichte Finanzinstituten einen kosteng¨ unstigen Zugang zu Zentralbankgeld. Eine hausbauf¨ ordernde Politik in den USA und niedrige Zinsen f¨ uhrten dar¨ uber hinaus zu einem Immobilienboom. Durch das bei Banken und anderen Finanzinstituten immer mehr im Vordergrund stehende ” origin-and-distribute Modell“ war die Grundlage f¨ ur eine vereinfachte und expansive Kreditvergabe gegeben. Wegen der M¨ oglichkeit der Verbriefung von Schuldtiteln konnten Kredite ohne Bindung an Regeln zur Eigenkapitalreserve vergeben werden. Da scheinbar endlos steigende Immobilienpreise genug Sicherheiten im Falle eines Kreditausfalls boten, wurden die Standards in der Kreditvergabe erheblich reduziert und schufen damit Anreize, die Bonit¨ atspr¨ ufung der Schuldner mehr oder weniger zu vernachl¨ assigen. So war es m¨ oglich, dass Haushalte auch ohne jegliches Einkommen Hausbaukredite erhalten konnten. Die Umwandlung von klassischen Bankkrediten in handelbare Titel erm¨ oglichte, dass auch Finanzmarktakteure (Versicherungen, Fonds, Banken etc.) außerhalb der USA zu indirekten Kreditgebern f¨ ur amerikanische Bauherren wurden (Sachverst¨ andigenrat, 2007).
Die Involvierung von Groß- und Investmentbanken in die Subprime-Krise ist eine Folge der geschickten Nutzung von neuen Techniken am Finanzmarkt. Aufgrund von Regulierungen zur Mindestkapitalreserve durch Basel II waren die M¨ oglichkeiten f¨ ur institutionelle Akteure im Wertpapiergesch¨ aft beschr¨ ankt. So k¨ onnen Geldmarktfonds bspw. nur in Aktiva mit einem AAA-Rating investieren und Pensionsfonds nur in Assets mit einem Rating der Stufe Investment Grade. 1 Die hohe Nachfrage nach Aktiva mit sehr guten Ratings war auch eine Folge von Basel II und der damit verbundenen Regeln zur Mindestkapitalreserve. Durch Nutzung geschickter Techniken war es m¨ oglich drittklassige Hypothekenkredite in handelbare Derivate mit AAA-Ratings umzuwandeln. 2
1 Die Stufe Investment Grade entspricht einem Rating von AAA-BBB von Standard & Poor’s und Fitch, bzw. Aaa-Bbb3 von Modey’s
2 Die Technik der Verbriefung und Strukturierung soll hier nicht dargestellt werden. Siehe hierzu (Brun-
3
2.1 Ursachen und Verlauf der Krise
Eine besondere Rolle spielten hierbei die Rating-Agenturen. Viele Investoren vertrauten auf ihre Ratings und investierten in Finanzderivate, die mit drittklassigen Immobilienkrediten in den USA besichert waren. 3 Die sehr guten AAA-Ratings minderten die Anreize der Investoren, die Sicherheiten selbst genauer zu pr¨ ufen, und kurzfristig angelegte Boni in den Gehaltssystemen der Manager f¨ orderte dies zus¨ atzlich. Denn strukturierte Finanzderivate brachten bei gleichem Rating einen h¨ oheren Ertrag als Unternehmensanleihen (Crouhy et al., 2008).
Die Erh¨ ohung des Leitzinsens von 1 Prozent in 2004 auf 5,25 Prozent in 2007 stoppte den Boom der Immobilienpreise in Amerika (Ackermann, 2008). Subprime-Kredite waren Kredite, die zun¨ achst mit einem niedrigen und f¨ ur zwei Jahre fixierten Zins vergeben wurden. Nach diesen zwei Jahren erfolgte eine Zinsanpassung. Die restriktive Geldpolitik f¨ uhrte nun zu erheblichen Zinsanpassungen der Subprime-Kredite. Die Folge war, dass etliche Haushalte nun so stark von der gestiegenen Zinslast betroffen waren, dass sie ihre Hypothekenkredite nicht mehr begleichen konnten, und die Kredite ausfielen. Wenn ein Hypothekenkredit ausf¨ allt, geht die hierf¨ ur hinterlegte Sicherheit in den Besitz der kreditgebenden Bank ¨ uber. Eine Welle von Zwangsversteigerungen war die Folge in den USA. Am Immobilienmarkt entstand ein Angebots¨ uberhang, der erheblichen Druck auf das Preisniveau aus¨ ubte. Die vielen Kreditausf¨ alle brachten nicht nur Hypothekenfinanzierer in Schwierigkeiten, auch institutionelle Investoren waren durch die Verbriefung von Hypothekenkrediten betroffen.
Der Sachverst¨ andigenrat beschreibt den Verlauf der Krise als “wellenartig“. Die erste Welle ist gekennzeichnet vom Zusammenbruch des britischen Hypothekenfinanzierers Northern Rock und der Krise bei den deutschen Instituten IKB Deutsche Industriebank AG und SachsenLB (Landesbank Sachsen). Eine zweite Welle zum Jahreswechsel 2007/2008 war von starken Liquidit¨ atssorgen gekennzeichnet. Die dritte Welle folgte im Fr¨ uhjahr 2008 mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Bear Stearns und deren ¨ Ubernahme durch JP Morgan Chase. Als vierte und bisher letzte Welle nennt der Sachverst¨ andigenrat die Verstaatlichung der amerikanischen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddi Mac im September 2008. Ihren H¨ ohepunkt erreichte die vierte Welle knapp eine Woche sp¨ ater mit der Insolvenz von Lehman Brothers. Lehman Brothers wurde weder von der US-Regierung noch von anderen Instituten gerettet bzw. ¨ ubernommen. Dies
hatte weitreichende Folgen. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers sendete ein entscheidendes Signal an die Finanzm¨ arkte: Niemand konnte mehr mit einer automatischen Rettung rechnen. Das mangelnde Vertrauen legte den Interbankenmarkt fast vollst¨ andig trocken und f¨ uhrte dazu, dass gerade Investmentbanken wie z. B. die Hypo Real Estate,
nermeier, 2009a)
3 Zur Rolle der Rating Agenturen siehe Crouhy et al. (2008)
4
2.2 Auswirkungen der Subprime-Krise
erhebliche Refinanzierungsprobleme bekamen (Sachverst¨ andigenrat, 2008).
2.2 Auswirkungen der Subprime-Krise
Aufgrund der starken Nachfrage nach Derivaten mit exzellenten Ratings gelangten große Mengen von Wertpapieren, die mit drittklassigen Hypothekenkrediten besichert waren, in die B¨ ucher vieler Banken. Wegen der zum Teil mehrfachen Strukturierung und den exzellenten Ratings der Agenturen waren diese Derivate sehr intransparent. Nachfrager dieser Derivate wussten eigentlich gar nicht, was sie gekauft hatten. So mussten etliche international aktive Groß- und Investmentbanken erhebliche Summen abschreiben und rutschten in eine Liquidit¨ atskrise. Der Interbankenmarkt trocknete im August 2007 und im Herbst 2008 fast vollst¨ andig aus. Dieser massive Vertrauensverlust brachte heftige Auswirkungen auf die gesamte Welt¨ okonomie mit sich.
Der Internationale W¨ ahrungsfonds (IWF) sch¨ atzt in seinem Global Financial Stability Report 2009 in einem konservativen Szenario die Abschreibungen von allen Finanzinstituten auf US-amerikanische Aktiva von 2007-2010 auf ca. 2,7 Bio. US$. In den USA mussten Banken bis Ende 2008 bereits 510 Mrd. $ abschreiben, im Euroraum 154 Mrd. $ und in England 110 Mrd. $. F¨ ur 2009 und 2010 werden nochmals Abschreibungen in H¨ ohe von jeweils 550 Mrd. $, 750 Mrd. $ und 200 Mrd. $ erwartet (IWF, 2009b, Tabelle 1.4 S.34). Den Sch¨ atzungen des IWFs zufolge w¨ urde besonders Europa in den n¨ achsten beiden Jahren nochmals schwer ersch¨ uttert werden.
Erleidet ein Unternehmen hohe Verluste und dadurch eine Schm¨ alerung des Eigenkapitals, so ist es eine betriebswirtschaftliche Konsequenz, dass Investitionst¨ atigkeiten eingeschr¨ ankt werden. Im Falle von Kreditinstituten bedeutete dies eine Einschr¨ ankung der Kreditvergabe. Ein reduziertes Kreditangebot der Banken an den privaten Sektor wirkte sich erschwerend auf die Finanzierung von Unternehmen aus. Besonders stark betroffen waren kleine und mittelst¨ andige Unternehmen, die keinen Zugang zu den Kapitalm¨ arkten hatten. Gerade diese Unternehmen sind oft auf die Finanzierung durch Banken angewiesen.
Die Finanzkrise hat mit etwas Verz¨ ogerung auch den realen Sektor der Weltwirtschaft erreicht. Das anf¨ angliche Schw¨ acheln der Weltwirtschaft entwickelte sich nach den Ereignissen im September 2008 rasch zu einer weltweiten Rezession. Der starke Vertrauensverlust im Finanzsystem sowie erhebliche Abschreibungen stellten die Solvenz weltweit agierender Finanzinstitute in Frage. Eine zunehmende Risikoaversion auf den Finanzm¨ arkten
5
2.2 Auswirkungen der Subprime-Krise
f¨ uhrte zu einer Flucht in sichere Kapitalanlagen, auch wenn diese nur mit geringen Ertr¨ agen verbunden waren (flight to quality). Die daraus resultierende Verknappung des Kreditangebots wurde vom erh¨ ohten Druck zum Deleveraging verst¨ arkt. 4 Der anhaltende Abschwung der Immobilienpreise in einigen L¨ andern und der Absturz der weltweiten Aktienm¨ arkte hatten erhebliche Wohlfahrtsverluste zur Folge. Die industrielle Produktion brach im vierten Quartal 2008 erheblich ein und wird nach Sch¨ atzungen des IWFs in Industrie- und Schwellenl¨ andern 2009 weiter fallen. Die Nachfrage nach Investitions- und langlebigen Konsumg¨ utern wie z. B. Autos und Elektronikartikel ging, wegen des knappen Kreditangebots betr¨ achtlich zur¨ uck (IWF, 2009a, S.3 ff.).
Als Folge der Krise an den internationalen Finanzm¨ arkten rutschten die USA in eine tiefe Rezession. Trotz mehrmaligen Senkungen des Leitzinses (auf zeitweise null Prozent) erhielten Haushalte und Unternehmen nur schwer Kredite und diese nur zu teueren Konditionen. Haushalte in den USA erlitten erhebliche Wohlfahrtsverluste, hatten geringere Einkommensaussichten und die Sicherheit ihrer Arbeitspl¨ atze war nicht mehr gegeben. Infolge dessen war das Vertrauen der Konsumenten gest¨ ort, was zu Konsumeinschr¨ ankungen und einer steigende Sparquote f¨ uhrte. Die Sparquote der Haushalte stieg auf ¨ uber vier
Prozent im Februar 2009, ein Jahr zuvor lag diese noch bei knapp 0,25 Prozent. Seit Dezember 2007 haben mehr als 5,1 Mio. Menschen ihre Arbeit verloren, die Arbeitslosenquote betrug im M¨ arz 2009 8,5 Prozent. Das reale Bruttoinlandsprodukt der USA brach im letzten Quartal 2008, auf das Jahr gerechnet, um 6,3 Prozent ein, ein weiterer Einbruch im ersten Quartal 2009 wird erwartet (IWF, 2009a, S.63 f.).
Im Euroraum begann der Abschwung aufgrund des hohen ¨ Olpreises in einigen L¨ andern
bereits schon vor September 2008. Das europ¨ aische Finanzsystem erlitt einen heftigeren Schock als erwartet, auf den die Politik zu langsam reagierte. Aus Angst vor gr¨ oßeren Wertverlusten von Wertpapieren amerikanischen Ursprungs trockneten auch in Europa wichtige Refinanzierungsm¨ arkte aus, worauf einige Kreditinstitute vom Staat gerettet werden mussten. Zu Beginn konzentrierten sich die Probleme, deren Ursachen variierten, lediglich auf ein paar wenige Institute. Dies k¨ onnte die zun¨ achst z¨ ogernde Haltung der Politik erkl¨ aren. Doch die Probleme breiteten sich wegen der engen Verflechtung schnell auch auf die großen Gesch¨ afts- und Investmentbanken Europas aus. Ein Grund hierf¨ ur ist der hohe Leverage der europ¨ aischen Banken. Die Aktienkurse fielen stark und Investitionen blieben aus. In L¨ andern wie Großbritannien, Spanien und Irland, die zuvor einen Immobilienboom erlebten, fielen die Investitionen im Real Estate Sektor rapide ab. Trotz des fallenden ¨ Olpreises ging Ende 2008 auch der Konsum zur¨ uck. Das reale Bruttoinland-
4 Deleveragingnennt man den Abbau der Fremdfinanzierung, wie z. B. ¨ uberm¨ aßige Verk¨ aufe von Aktiva
(fire-sales). Zusammen mit einem Preisverfall bewirkt ein erh¨ ohtes Deleveraging eine Abw¨ artsspirale der Assetpreise.
6
3 Instrumente zur Stabilisierung notleidender Banken
sprodukt sank im Euroraum und in Großbritannien im letzten Quartal 2008 um ca. sechs Prozent auf das Jahr gerechnet. Dies ist somit die einschneidendste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg (IWF, 2009a, S.75 ff.).
Die Weltkonjunktur brach im vierten Quartal 2008 nach einer Sch¨ atzung des IWF um 6,25 Prozent ein, in Industriel¨ andern sogar um 7,5 Prozent (IWF, 2009a). W¨ ahrend die USA stark von den finanziellen Spannungen und einem anhaltenden Einbruch der Immobilienpreise betroffen waren, bekamen westeurop¨ aische und die asiatischen L¨ ander zus¨ atzlich den weltweiten Handelseinbruch zu sp¨ uren. Die Konjunktur in Schwellenl¨ andern sank um vier Prozent. Dieser Einbruch wurde durch die Einschr¨ ankungen im Kapitalverkehr sowie durch den Einbruch im Handel verursacht. Osteuropa sowie die L¨ ander des Commonwealth of Independent States (CIS) waren ebenfalls schwer betroffen. Ihre wirtschaftliche Leistungsf¨ ahigkeit h¨ angt stark vom Export von Rohstoffen und Produktionsg¨ utern ab. Auch s¨ udamerikanische Staaten litten unter den geringen Rohstoffpreisen und der schwachen ausl¨ andischen Nachfrage. Die abnehmende Inflation und der Fall der Rohstoffpreise milderten den weltweiten Abschwung jedoch nur leicht. Die Flucht in sichere Kapitalanlagen bewirkte einen st¨ arkeren Fluss der Kapitalstr¨ ome in L¨ ander mit liquiden und sicheren Staatsanleihen. Kapitalstr¨ ome in Schwellen- und Entwicklungsl¨ ander brachen zusammen, was die wirtschaftliche Situation in diesen L¨ andern zus¨ atzlich beeintr¨ achtige (IWF, 2009a, S.4 f.).
3 Instrumente zur Stabilisierung notleidender
Banken
Die Stabilisierung von notleidenden Banken ist bei der Bew¨ altigung von Finanzkrisen eine grundlegende Notwendigkeit. Es gibt eine Vielzahl von Instrumenten, die in vergangenen Krisen von Staaten und Zentralbanken angewandt wurden. Dabei stellt sich zun¨ achst die Frage ob, und vor allem welche, Banken und Finanzinstitute, die massive Liquidit¨ ats- und Solvenzprobleme haben, ¨ uberhaupt gerettet bzw. unterst¨ utzt werden sollten?
Die Angst vor Ansteckungseffekten (financial contagion), einem systemischen Risiko, dem Anwachsen von idiosynkratischen Problemen eines Finanzinstituts zu einer systemischen Krise und den Folgen f¨ ur den realen Sektor einer Volkswirtschaft dienen immer wieder als Rechtfertigung f¨ ur Interventionen seitens Regierungen und Zentralbanken. Die Interventionsmaßnahmen von Zentralbanken sind jedoch beschr¨ ankt. Sie k¨ onnen lediglich in ihrer Funktion als Lender of Last Resort (LLR) Liquidit¨ at an notleidende Banken verlei-
7
3 Instrumente zur Stabilisierung notleidender Banken
hen. Der Sachverst¨ andigenrat (2008) beschreibt die Funktion der Zentralbanken als LLR aktuell als nicht ausreichend, um das Finanzsystem zu stabilisieren.
Liquidit¨ atsprobleme einer Bank k¨ onnen sich durch Ansteckungseffekte auf das gesamte Finanzsystem ausbreiten. Die Ansteckung kann ¨ uber verschiedene Kan¨ ale das gesamte Finanzsystem betreffen. Im Modell von Chen (1999) geschieht die Ansteckung durch Bankruns (contagious runs), die durch Informationsexternalit¨ aten hervorgerufen werden. 5 Wenn eine Bank von einem Bankrun betroffen ist, kann diese Information dazu f¨ uhren, dass Einleger anderer Banken unsicher ¨ uber den Zustand ihrer Bank werden, wenn sie
uber die Gefahr von Ansteckungseffekten informiert sind. Dies kann zu dem rationalen ¨
Verhalten f¨ uhren, die Einlagen abzuziehen, obwohl ihnen Informationen ¨ uber den Zustand ihrer Bank fehlen.
Ansteckungen ¨ uber Interbankenverflechtungen stellen den Inhalt des Modells von Allen und Gale (2000) dar. Interbankenverbindlichkeiten k¨ onnen, im Falle einer Insolvenz von einer oder mehreren Banken, zu Liquidit¨ atsproblemen bei eigentlich gesunden Banken f¨ uhren, da diese keine R¨ uckzahlung vergebener Interbankenkredite erhalten. Eine solche Situation kann einen Dominoeffekt ausl¨ osen, der sich durch das gesamte Finanzsystem zieht und eine Reihe urspr¨ unglich liquider und solventer Institute in erhebliche Schwierigkeiten bringt.
Auch makro¨ okonomische R¨ uckkopplungen auf Preise und Zinsen k¨ onnen zu Ansteckungen f¨ uhren. Diamond und Rajan (2005) sowie Allen und Gale (2005) zeigen, dass ein Zusammenbruch einer Bank oder eines Finanzinstituts Auswirkungen auf Aktivapreise und Zinsen haben kann. Allen und Gale (2005) erl¨ autern, dass aufgrund der kurzfristigen Unelastizit¨ at des Angebots und der Nachfrage nach Liquidit¨ at schon geringe Schocks große Volatilit¨ aten der Aktivapreise bewirken k¨ onnen. Ein starker Einbruch der Preise kann zu einer systemischen Krise f¨ uhren. Zum einen stellen die Assetpreise die potenzielle Liquidit¨ at einer Bank dar, die sie bei einem Verkauf der Aktiva erhalten kann. Zum anderen f¨ uhren bei einer Fair-Value-Bilanzierung (Bewertung zu aktuellen Marktpreisen) starke Wertverluste direkt zu Abschreibungen und je nach Gesch¨ aftslage zu Verlusten, die die Liquidit¨ at ebenso negativ beeinflussen.
Die Angst vor solchen Ansteckungseffekten, die besonders von großen, systemrelevanten Banken ausgehen, ist oft eine Rechtfertigung staatlicher Interventionen. Systemrelevante Banken und Finanzinstitute werden auch ” too-big-to-fail“ genannt, d. h. ihr Ausfall
w¨ urde die Stabilit¨ at des Finanzsystems gef¨ ahrden und betr¨ achtliche volkswirtschaftliche
5 Als Bankrun bezeichnet man die panische Aufl¨ osung der Einlagen einer Bank durch einen Großteil ihrer Einleger.
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Olaf Krehbiel-Gräther, 2009, Der Umgang mit notleidenden Banken - Lehren aus der schwedischen Krise von 1990-1992, München, GRIN Verlag GmbH
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