Soziale Ausgrenzung
Hausarbeit für eine integrierte Fachprüfung
Fachbereich Sozialwesen
vorgelegt von: Rebecca Schmidt
Studiengang: Sozialpädagogik 5. Semester
Prüfungsfächer: Soziologie
Sozialpädagogik
Abgabetermin: 12.02.2003
Gliederung:
1. Neue Problemlagen, Herausforderung an die Forschung 3 - 5
2. Begriffliche Annäherung:
" Peripheriesierung", "Exclusion", "Underclass" 6 - 8
3. Empirische Annäherung:
Wer wird ausgegrenzt, in welcher Weise und mit welchen gesellschaftlichen Folgen?
3.1 Wer ist von Ausgrenzung bedroht? 8 - 10
3.2 Was bedeutet Ausgrenzung für die Gesellschaft? 10- 13
3.3 Was bedeutet Ausgrenzung für die Betroffenen? 13- 18
3.4 Wie scharf ist der Bruch zwischen "innen" und "außen" ? 18- 21
4. Soziale Ausgrenzung nach Silvia Staub-Bernasconi 21- 22
4.1 Machtproblem 22- 25
4.2 Ressourcenerschließung 25- 27
5. Das Konzept Silva Staub-Bernasconis bezogen auf Psychisch Kranke
5.1 Exkurs: Anfänge der Ausgrenzung psychisch Kranker 27- 28
5.2 Exkurs: Psychische Erkrankung und psychische Behinderung 28- 30
5.3 Versorgungsbedarf und Bedürfnisse psychisch Kranker 30- 31
5.4 Schwierigkeiten der Befriedigung der Bedürfnisse - Fallbeispiel - 31- 33
5.4.1 Schwierigkeiten durch diagnostische Unsicherheit: Behinderungs- und Begrenzungsmacht 33- 34
5.4.2 Schwierigkeiten der Ressourcenerschließung 34- 35
5.4.3 Schwierigkeiten in der Familie 35
5.5 Warum überhaupt berufliche Rehabilitation? 35- 36
5.5.1 Grundlagen beruflicher Rehabilitation 36- 37
5.5.2 Berufsbildende Umschulungs- und Ausbildungsmaßnahmen 37
6. Literatur 38- 39
1. Neue Problemlagen, Herausforderung an die Forschung
Wachsende Armut und hohe Arbeitslosigkeit bei abnehmenden Ressourcen der Sozialstaaten verändern seit den 80er Jahren tiefgreifend die meisten westlichen Gesellschaften. Mit vereinzelten Ausbrüchen von Gewalt demonstrierten Jugendliche in französischen und englischen Vorstädten, so dass eine tiefer werdende Kluft der Perspektivlosigkeit sie vom Rest der Gesellschaft trennt. Selbst in den USA hat sich mit ihrer langen Geschichte der Minderheitenghettos die Isolierung der Armenviertel in den Großstädten und die Chancenlosigkeit ihrer Bewohner verschärft. Weniger spektakulär, aber im öffentlichen Bewusstsein durchaus gegenwärtig, vollzieht sich in Westeuropa der Ausschluss einer wachsenden Zahl von Langzeitarbeitslosen aus dem Erwerbsleben. Die momentane Beschäftigungskrise trifft das Selbstverständnis und das Institutionengefüge der entwickelten Industriegesellschaften in sehr spezifischer Weise: Sie hat eine neue historische Qualität angenommen. Dies gilt in dreifacher Hinsicht. Erstens reichen die Beschäftigungseffekte des wirtschaftlichen Wachstums nicht mehr aus, auf absehbare Zeit, das Arbeitskräfteangebot zu absorbieren. Mehr noch, in der Industrie ist wirtschaftliches Wachstum selbst zum Motor der Arbeitsplatzvernichtung geworden (vgl. Dahrendorf 1988, Europäische Kommission 1994,). Deshalb droht in Westeuropa Arbeitslosigkeit zu einem Dauerzustand zu werden. Zweitens hat sich der historische Kontext für die Bevölkerungsgruppen, die von Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind, verändert. Während Arbeitslosigkeit in früheren Epochen eingebettet war in eine Expansion von an- und ungelernter Industriearbeit, schrumpft mittlerweile gerade dieses Beschäftigungselement seit Jahren.
Fraglich ist mehr, ob das Beschäftigungswachstum im Dienstleistungsbereich diesen Verlust kompensieren kann (vgl. Europäische Kommission 1994). Zu einem entscheidenden Zugangs- und Ausschlusskriterium am Arbeitsmarkt wird deshalb in immer stärkeren Maße Qualifikation. Das Resultat ist in Westeuropa eine in sich gespaltene Arbeitslosigkeit: Als vorübergehende Unterbrechung der Erwerbszeitraums (in der Regel mit ungewissem Ausgang) reicht sie in immer weitere Bevölkerungskreise hinein. Zugleich wirkt sie selektiv und bedroht auch an- und ungelernte Arbeitskräfte mit vollständigem Ausschluss am Arbeitsmarkt. Der Preis der amerikanischen "Alternative" zur europäischen Massenarbeitslosigkeit wiederum ist eine extreme Polarisierung innerhalb des Erwerbssystems mit einer wachsenden Zahl von "working poor". Ein drittes Merkmal der Beschäftigungskrise ist als weiteres von besonderer Bedeutung. Eine neue historische Qualität weisen vor allem deshalb Arbeitslosigkeit, Armut und dauerhafte Ausgrenzung am Arbeitsmarkt auf. Da diese heute vor dem Hintergrund eines bislang einmaligen gemeinschaftlichen sozialen Aufstiegs und eines gesellschaftlichen Wohlstands auftreten und erlebt werden. Hinzu kommt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Westeuropa (in geringerem Maße selbst in den USA) ein Grad von sozialstaatlicher Verantwortung für die Wohlfahrt des Einzelnen erkämpft, politisch anerkannt und institutionalisiert worden ist. Dieser Grad war zuvor undenkbar. Zusammen wirkten diese Faktoren einige Jahrzehnte lang in Richtung einer Annäherung in den Lebensverhältnissen. Sie prägten überdies die Erwartungen und rechtmäßigen Ansprüche der Einzelnen, ihre Vorstellung dessen, was es bedeutet, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Erst vor diesem Hintergrund erschließt sich die gesellschaftliche Brisanz des historischen Einschnitts erweiterter sozialer und materieller Möglichkeiten. "Underclass" und "Exclusion" sind zentrale Begriffe, in denen in den Medien wie in den Sozialwissenschaften der Einschnitt zur Sprache kommt. Underclass wurde ursprünglich für US-amerikanische Verhältnisse geprägt und dann nach Europa übertragen. Exclusion erhielt in Frankreich Prominenz, ist aber in der englischen Übersetzung als "social exclusion" seit Ende der 80er Jahre auch in den allgemeinen europäischen Sprachgebrauch eingegangen. Mit diesen Begriffen stehen nicht allein die "Ausgeschlossenen" selbst zur Debatte. Am Problem der Ausgrenzung entscheidet sich vielmehr die zukünftige Integrationsfähigkeit der entwickelten westlichen Gesellschaften insgesamt. Ein "Nachzügler" in der Debatte ist Deutschland, aus sozialökonomischen wie innerakademischen Gründen. Die offenen sozialen Zuspitzungen der Beschäftigungskrise, wie sie andere Länder erleben, blieben in der Bundesrepublik bislang aus. Zu größeren Jugendrevolten kam es noch nicht. Dazu hat sicherlich beigetragen, dass seltener die Jugendlichen, sondern lange Zeit in erster Linie die Älteren die Folgen dauerhafter Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik zu tragen hatten. Auch die "Problemviertel" der deutschen Großstädte sind mit den amerikanischen Armutsghettos immer noch nicht vergleichbar. Ethnische Trennung spielt bislang eine eher geringe Rolle. Sozialstaatliche Regelungen schwächten in der Vergangenheit die unmittelbare Übertragung der Diskriminierungen vom Arbeitsmarkt auf den Wohnungsmarkt ab. Der Problemdruck wächst jedoch mit anhaltender Massenarbeitslosigkeit. Auch die Jugendarbeitslosigkeit nimmt weiter zu, und mit ihr wächst die Gefahr, dass die Erwerbsbiographien bereits beim Einstieg ins Berufsleben scheitern. Aus den Großstädten schließlich kommen alarmierende Berichte über wachsende Konzentrationen von Armut und gleichlaufend dazu die Erschöpfung der kommunalen Finanzen (vgl. Kronawitter 1994). Deshalb findet nun auch in der Bundesrepublik eine "Rückbesinnung" der Sozialwissenschaften auf das Problem der gesellschaftlichen Spaltungen statt. Anfang der 80er Jahre wurde auf dem Soziologentag die "Krise der Arbeitsgesellschaft?" offiziell zum Thema gemacht. Damals allerdings wurde dies noch weitgehend als Projektion bezeichnet (vgl. Dahrendorf 1983). Zum Thema "Ausgrenzung durch arbeitslosigkeitsbedingte Armut" folgten zwar verschiedene Forschungsarbeiten Mitte der 80er Jahre [...]
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Rebecca Diezmann, 2003, Soziale Ausgrenzung, Munich, GRIN Publishing GmbH
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