Inhaltsverzeichnis
1. Der verrückte Herrscher 03 - 04
2. Methodologische Vorüberlegungen 04
Der Germanien- und Britannienfeldzug
3. Der Auslöser für den Feldzug 05 - 07
4. Caligulas Heer
4.1 Der Aufstellungsbefehl 07 - 08
4.2 Verfügbare Einheiten 08 - 09
4.3 Vorüberlegungen zur Truppenstärke 09 - 10
4.4 Schätzungen zur Truppenstärke 11
4.5 Relevanz der Truppenstärke 12
5. Die militärische Lage in Germanien 12 - 13
6. Caligulas Handlungsrahmen 13 - 15
7. Aufbruch an die Kanalküste 15 - 17
8. Ein falscher Sieg? 17 - 18
Das Ende des Feldzugs 9. 19
10. Abschlußbetrachtungen 19 - 20
11. Quellenverzeichnis 21 - 22
12. Literaturverzeichnis 22
13. Webseiten 22
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1. Der verrückte Herrscher
Im Jahr 1979 startete in den Kinos „Caligula - Aufstieg und Fall eines Tyrannen“. Anspruch des Films war es „to tell the truth as no film ever did.“ 1 Nach der Premiere waren sich Kritiker und Zuschauer einig: ‚Caligula’ hielt, was er versprach. Der Film beschritt Wege, auf die bis dato kein anderer Film Fuß gesetzt hatte. Er entpuppte sich als brutales, pornografisches 2 Machwerk. Roger Ebert, ein bekannter amerikanischer Filmkritiker, bezeichnete ‚Aufstieg und Fall eines Tyrannen’ als schamlosen Müll. 3 Dennoch folgten mehrere Fortsetzungen. Wie der Urfilm stellten diese Fortsetzungen den dritten römischen Princeps als verrücktes, brutales und perverses Scheusal dar. 4 Trotz fehlender Historizität tat die Filmreihe damit interessanterweise nichts anderes, als das Caligula-Bild antiker Autoren zu überzeichnen. Sueton berichtet in seinen Kaiserviten, Caligula habe sein Pferd zum Konsul ernennen wollen. 5 Er bezeichnet den Princeps als „rasenden Wüterich“ 6 und stellt klar, dass er nicht nur mit seinen Frauen 7 und Schwestern 8 , sondern auch mit Künstlern und Sklaven 9 , Unzucht trieb. War Caligula wirklich ein so irrationaler, gefühlsgetriebener Princeps, wie ihn sich die Filmproduzenten und die antiken Autoren vorstellen? 10 Oder kann es sein, dass die Rationalität hinter seinen Taten im Nebel der Überlieferung untergeht? 11 Um diese Frage beantworten zu können, bietet es sich an, den Fokus auf eine bestimmte Episode aus Caligulas Regierungszeit zu richten und an ihr exemplarisch zu analysieren, inwiefern sich rationale Muster hinter Caligulas Taten und Entscheidungen erkennen lassen.
Der Princeps soll, wie bereits erwähnt, den Plan gehabt haben, sein Pferd zum Konsul zu ernennen. Zum anderen wird ihm vorgeworfen er sei mit einer riesigen Streitmacht nach Germanien- und Britannien aufgebrochen, ohne dabei eine handbreit
1 Zitat aus dem Kinotrailer, nach: www.play.com, Suchwort: ‚Caligula: The Imperial Edition’,
letzter Zugriff: 20.06.2009.
2 Der Film wurde vom Penthouse-Magazin mitfinanziert.
3 Vgl. www.rogerebert.suntimes.com, Suchwort ‘Caligula’, letzter Zugriff: 20.06.2009.
4 Die Informationen zur Filmreihe sind verschiedenen Webseiten entnommen. Genannt sei vor allem
www.caligulathemovie.com. Letzter Zugriff: 20.06.2009.
5 Sueton, Caligula, S. 55.
6 Vgl. ebd. 56.
7 Vgl. ebd. 25.
8 Vgl. ebd. 24.
9 Vgl. ebd. 36.
10 Dazu Christian Wendt: „Die Charakterzeichnungen [Caligulas] - insbesondere die Suetonische Über-
lieferung - überlagern bis heute die Wahrnehmung des Kaisers als Politiker.“, Christian Wendt, Sine
Fine, Berlin 2008, S. 214.
11 Aloys Winterling urteilt, mit Blick auf die Überlieferung zu Caligula, etwas holzschnittartig: „So kann
es nicht gewesen sein.“ Aloys Winterling, Caligula, München 2003, S. 105.
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Land für das Imperium erobert zu haben. 12 Beide Male wird Caligulas krankhafte Irrationalität, seine Sprunghaftigkeit, als Ursache für sein Fehlverhalten und Scheitern angegeben.
Hier soll nicht die Geschichte um das Pferd, das Konsul werden sollte, sondern der Feldzug nach Germanien- und Britannien analysiert werden. Der Grund dafür ist offensichtlich: Dem Feldzug liegt eine komplexe Ereigniskette zu Grunde. Um Caligulas Vorgehen in all seinen Kontinuitäten und Diskontinuitäten zu prüfen, bietet er sich als Analyseobjekt an.
2. Methodologische Vorüberlegungen
Zwischen Machtantritt und Ermordung des dritten römischen Princeps liegen nur vier Jahre. 13 Fast alle Ereignisse und Entwicklungen dieser Jahre wurden verfälscht und unvollständig überliefert. 14 Dies gilt in Hinblick auf die persönliche Bewertung Caligulas und seine Feldzüge in besonderem Maße. 15,16 Setzt man es sich zur Aufgabe Caligulas Intentionen, seine Entscheidungen und militärischen Strategien zu abstrahieren, ist dies nicht ohne Spekulationen möglich. 17 Daher kann es in diesem Fall nicht Aufgabe des Historikers sein, zu erkennen „wie es wirklich gewesen ist“ 18 . Vielmehr hat er aufzuzeigen, „wie es gewesen sein könnte“ 19 . Dazu muss er Spekulationen so plausibel wie möglich begründen. Alternative Auslegungen sind zu erwähnen, auch wenn sie nicht ausführlich erörtert werden können. Da Fragen der Militärpolitik für den römischen Princeps auch immer Fragen von Macht, Status und
12 Tacitus brandmarkt den Feldzug als lächerlich. (Tacitus, Historien, 4, 15, 3.) Wendt fragt, gewohnt
ironisch, ob es sich bei Caligulas Unternehmung um einen ‚Pfadfinderausflug’ gehandelt hat. Vgl.
Christian Wendt, Sine Fine, S. 216.
13 37 n. Chr. - 41 n. Chr.
14 Hierzu Winterling. (Vgl. a.a.O. Aloys Winterling, Caligula, S. 7 - 11.) und Wilkinson. Vgl. Sam
Wilkinson, Caligula, Abingdon 2005, S. 44.
15 Darauf weist Winterling in einem sehr emotionalen, aber durchaus korrekten, Apell hin.
Vgl. a.a.O. Aloys Winterling, Caligula, S. 104f.
16 Deutlich wird dieser Umstand mit Seitenblick auf Suetons Galba-Vita. Vgl. Anthony Barrett, Caligula.
The corruption of power, London 1989, S. XXII.
17 Wobei die Intentionen, bzw. Motive des Princeps, im Gegensatz zur Meinung von Wendt (Vgl
.a.a.O. Christian Wendt, Sine Fine, 217.) durchaus durch die militärischen Strategien beleuchtet
werden können. Erstens muss dabei gefragt werden, ob sich die militärischen Strategien in sinnvolle
Zusammenhänge einbetten lassen, oder ob sie durch ein instabiles Element, möglicherweise die
Sprunghaftigkeit des militärischen Befehlshabers, geprägt sind. Zweitens ist zu anlysieren, welche
Ziele mit den militärischen Strategien verfolgt und erreicht wurden. Diese Ziele sind schlöießlich ein
direkter Ausdruck von Intentionen und Motiven.
18 Getreu Leopold von Ranke.
19 Auch Balsdon hält dies für gerechtfertigt. Vgl. .P. Baldson, The Emperor Gaius (Caligula), Oxford
1964, S. 65.
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Identität waren, spielen im Folgenden Caligulas Selbstsicht und seine Erwartungserwartungen 20 gegenüber Senat und Volk eine nicht zu unterschätzende Rolle.
3. Der Auslöser für den Feldzug
Der Germanien- und Britannienfeldzug des Kaisers Caligula ist auf Grund der Quellenlage schwer zu datieren. 21 Sein Beginn wird in der Literatur zumeist in den September 39 gelegt. 22 Nimmt man diese Angabe als Ausgangspunkt, ergibt sich eine zentrale Frage: Wieso brach Caligula gerade zu diesem Zeitpunkt auf? Die Römer sprachen Germanien und Britannien harsche klimatische Bedingungen zu. Im Gegensatz zu den römischen Legionären waren die germanischen und britannischen Krieger an diese Bedingungen gewöhnt. Kämpfe im Winter versuchten die Römer zu vermeiden. 23 Caligulas Feldzug muss, so er im September begonnen hat, ein Winterfeldzug gewesen sein. Entweder dem Princeps war diese Tatsache egal - Das ist jedoch unwahrscheinlich - Oder es gab ein konkretes Ereignis, das den Princeps zum Losmarschieren zwang? Hatte Caligula keine Alternative? Cassius Dio berichtet in seiner Römischen Geschichte, das Heer sei „in Eile“ aufgebrochen. 24 Auch diese Information deutet auf einen erzwungenen Feldzug hin.
Matthias Gelzer geht von einer Entscheidung der römischen Senatoren aus. 25 Diese These ruht auf keinem festen Fundament, 26 denn der Senat der Kaiserzeit traf weder freie Entscheidungen, noch hatte er die Macht Entscheidungen durchzusetzen. Dies gilt besonders in der Zeit des Caligula, da er den Senat verachtete und jede Gelegenheit ihn zu diskreditieren mit Freude nutzte. 27 Doch selbst wenn dem nicht so gewesen wäre: Die Senatoren wussten von den klimatischen Bedingungen und Gefahren in Germanien und Britannien. Auch sie hätten nicht ohne triftigen Grund über einen Winterfeldzug nachgedacht.
20 D.h.: Seine Erwartungen an die Erwartungen von Senat u. Volk.
21 Vgl. a.a.O. A. Barrett, S. 132.
22 Vgl. a.a.O. Christian Wendt, Sine Fine, S. 215.
23 Vgl. Georg Veith, Geschichte der Feldzüge C. Julius Caesars, Wien 1906, S. 63f.
24 Die Legionäre waren auf Grund der Marschgeschwindigkeit, dazu gezwungen ihre Feldzeichen auf
Lasttiere zu schnallen. Sueton weist im selben Absatz darauf hin, dass nicht die ganze Zeit über
schnell marschiert wurde. Die Beispiele, die er dazu anführt, scheinen dieser Aussage
jedoch zu widersprechen. (Vgl. Sueton, Caligula, 43.) Sie werden daher häufig uminterpretiert. Vgl.
a.a.O. Sam Wilkinson, Caligula, 39 - 40.
25 Vgl. Matthias Gelzer, C. Iulius Caesar Germanicus (Caligula), in RE: X 1, Stuttgart 1918, S. 402.
26 Balsdon spricht, in einem anderen Zusammenhang, treffend von einer „jack-in-the-box appearance“
des
Senats. Vgl. a.a.O. J.P. Baldson, The Emperor Gaius, S. 65.
27 Vgl. a.a.O. Aloys Winterling, Caligula, S. 99f.
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Es ist fraglich ob der Auslöser für den Feldzug überhaupt in Rom gefunden werden kann. Sinnvoller scheint es, einen Blick in das Zielgebiet des Feldzugs zu werfen. Hierbei hat Germanien Vorrang vor Britannien, da es, nach einem kurzen Aufenthalt Caligulas in Umbrien, sein erster Anlaufpunkt war. 28 Das römisch besetzte Germanien unterteilte sich in Ober- und Untergermanien. Die Kommandogewalt über die fünf obergermanischen Legionen lag bei Gnaeus Gaetulicus. Die drei Legionen in Untergermanien befehligte Lucius Apronius. Gaetulicus wurde um 39 n. Chr. hingerichtet. Diese Hinrichtung steht höchstwahrscheinlich mit einer Verschwörung gegen Caligula in Verbindung. 29 Eine genaue Datierung der Verschwörung ist nicht möglich. Der Zeitpunkt ist aber auch nicht von zentraler Bedeutung. Viel wichtiger ist, dass Geatulicus bei Caligulas Ankunft in Germanien nicht mehr zugegen war. Der Princeps traf bereits auf seinen Nachfolger, den späteren Kaiser, Sulpicius Galba. Die Verschwörung wurde also vor Caligulas Ankunft, und damit vor dem Germanienfeldzug aufgedeckt. 30 Damit könnte sie, direkt oder indirekt, der Auslöser des Germanienfeldzugs gewesen sein. Geht man davon aus, dass zwischen der Entdeckung der Verschwörung und dem Germanienfeldzug nur wenigen Wochen vergingen, so lässt sich Alois Winterlings These vertreten, dernach die Entdeckung der Verschwörung der direkte Auslöser zum Aufbruch von Caligulas Truppen war. 31 Galba und seine Streitmacht waren demnach nicht mehr als eine militärische Absicherung gewesen. Calligula musste Gaetulicus absetzen. Der Römer kommandierte allerdings fünf Legionen. Die Loyalität dieser Legionen hatte er sich in den vorausgegangenen Jahren durch Sonderbehandlung erkauft. Würden die Soldaten dem Princeps oder ihrem Kommandanten Folge leisten? Ob Gaetulicus wirklich an der Verschwörung beteiligt war, ist nicht klärbar. Möglich ist, dass Caligula die Gunst der Stunde nutzte und Gaetulicus aus politischmilitärischem Kalkül beseitigen ließ. Auch hier hat sicherlich die Macht, die der Befehlshaber auf sich vereinte, eine Rolle gespielt. Denkbar ist aber auch, dass Caligula
28 Cassius Dio geht davon aus, dass Caligula den Germanien- & Britannienfeldzug nur als Vorwand
nutzte um in Gallien Geld aus der Bölkerung zu pressen. (Cassius Dio, Römische Geschichte, 59, 21,
1f.) Da ein Feldzug aber mit großem finanziellen Aufwand verbunden war, ist es genauso möglich,
dass das Auspressen der gallischen Bevölkerung nicht mehr als eine Nebenerscheinung des Ger-manien- und Britannienfeldzugs war. Zudem ließe sich durch Caligulas Habgier nicht die Eile des
Aufbruchs erklären. Vgl. a.a.O. Aloys Winterling, Caligula, 111.
29 Vgl. a.a.O. Christian Wendt, Sine Fine, S. 217.
30 In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Sueton die Verschwörung in seiner Caligula-Biografie
mit keinem Wort erwähnt, dann aber in seiner Claudius-Biografie darauf hinweist. Vgl. Sueton,
Claudius, in: Sueton, Sämtliche erhaltene Werke, Übersetzung: Adolf Stahr, Essen 2004.
31 Wobei Winterling seine Vermutungen leider verabsolutiert. (Vgl. a.a.O. Aloys Winterling, Caligula,
S. 105.)
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Arbeit zitieren:
Stefan Noack, 2009, Wahnsinn und Wirklichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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