Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Kritik an der traditionellen Subjekt-Prädikat-Grammatik 3
2.1 Allgemeines zur Subjekt-Prädikat-Grammatik 3
2.2 Sätze ohne Subjekt oder ohne Prädikat 4
2.3 Die Kongruenz 6
3. Die Anfänge der Valenz- oder Dependenzgrammatik 8
3.1 Allgemeines zum Begriff Valenz 8
3.2 Der Valenzbegriff bei TESNIÈRE 9
3.2.1 Das Grundmodell der Dependenzgrammatik 9
3.2.2 Arten der Verbvalenz 11
3.2.3 Kritik am TESNIÈREschen Valenzbegriff 12
4. Erweiterung der Valenzgrammatik 14
4.1 Semantischer Valenzbegriff nach BONDZIO 14
4.2 Syntaktischer Valenzbegriff nach HELBIG / SCHENKEL 15
4.2.1 Das Verb als strukturelles Zentrum des Satzes 15
4.2.2 Obligatorische Valenz, fakultative Valenz
und freie Angaben 18
4.2.3 Rolle der Satzglieder für die Valenz 20
5. Schlussbetrachtung 23
6. Literaturverzeichnis 24
2
1. Einleitung
Seitdem der französische Sprachwissenschaftler Lucien TESNIÈRE in den 1950er Jahren den Begriff der Valenz- bzw. Dependenzgrammatik entwickelt hat, ist dieses Modell auch bei der Betrachtung deutscher Grammatiken nicht mehr wegzudenken. Zahlreiche Grammatiker beschäftigten sich mit dem Begriff Valenz, der die traditionelle Grammatik hinter sich lässt und vom Verb als strukturellem Zentrum des Satzes ausgeht.
In dieser Arbeit sollen, aufbauend auf einer Kritik an der traditionellen Subjekt-Prädikat-Grammatik, erst die Grundzüge der Valenz- oder Dependenztheorie nach TESNIÈRE vorgestellt werden, um dann auf modernere Forschungsansätze einzugehen. Dabei wird der semantische Valenzbegriff nach BONDZIO kurz dargestellt, das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf dem syntaktischen Valenzbegriff nach HELBIG /SCHENKEL. Im Rahmen dieser Arbeit ist es natürlich nicht möglich, alle Forschungsansätze bezüglich des komplexen Themas Verbvalenz zu durchleuchten, es soll jedoch in seinen Grundzügen verständlich gemacht werden.
2. Kritik an der traditionellen Subjekt-Prädikat-Grammatik 2.1 Allgemeines zur Subjekt-Prädikat-Grammatik
Laut Hadumod BUßMANNS Lexikon der Sprachwissenschaft ist die Subjekt-Prädikat-Beziehung eine „[g]rundlegende grammatische Relation, auf der die zweigliedrige Satzanalyse indoeuropäischer Sprachen in der traditionellen Grammatik beruht, die sich von den logischen Kategorien der zweigliedrigen Urteilsstruktur des Aristoteles herleitet.“ 1 Dieser gliederte eine Aussage in hypokeimenon, den Gegenstand, und kategoroumenon, das, was darüber ausgesagt wird. Das Grammatikmodell wurde zuerst auf die Beschreibung der klassischen Sprachen beschränkt und durch den Linguisten Karl Friedrich BECKER 1827 auf die deutsche Sprache übertragen. 2 Becker geht davon aus, dass Subjekt und Prädikat den Satzkern eines jeden Satzes bilden - noch heute ist diese Lehre in den meisten
1 S. BUßMANN (1990), S. 749.
2 Dies geschah in folgendem Werk: BECKER, Karl Friedrich: Organismus der deutschen Sprache.
Einleitung zur deutschen Grammatik. Frankfurt a. M., 1827. Vgl. DÜRSCHEID (1991), S. 5.
3
Schulgrammatiken vertreten. Ein Beispiel für dieses Satzmodell ist der folgende Satz: 3
Das Modell der traditionellen Subjekt-Prädikat-Grammatik wird auch heute noch von vielen Sprachwissenschaftlern vertreten, allerdings besteht keine einheitliche Meinung über das Verhältnis der beiden Glieder zueinander. Gerhard HELBIG und Wolfgang SCHENKEL führen fünf verschiedene Konzeptionen verschiedener Grammatiker an: 4 a) Subjekt und Prädikat werden als selbständige Satzglieder angesehen, ihre Beziehungen werden nicht als Beziehungen der Unterordnung verstanden. b) Das Prädikat wird als vom Subjekt abhängig interpretiert, es besteht eine grammatische Dominanz des Subjekts über das Prädikat. c) Subjekt und Prädikat werden als selbständige Satzglieder angesehen,
d) Als Weiterführung von c) wird angenommen, dass Subjekt und Prädikat
e) Als Gegensatz zu b) wird davon ausgegangen, dass der Subjektsnominativ
2.2 Sätze ohne Subjekt oder ohne Prädikat
Die meisten Grammatiken gehen also davon aus, dass Subjekt und Prädikat den Satz konstituieren, was bedeuten würde, dass jeder Satz der deutschen Sprache
3 Schema aus LATOUR (1985), S. 11.
4 Vgl. hierzu HELBIG /SCHENKEL (1983), S. 25.
4
sowohl ein Subjekt als auch ein Prädikat haben müsste. Nun gibt es aber im Deutschen auch Sätze, die ohne Subjekt auskommen. Bernd LATOUR gibt hierfür einige Beispiele: 5
a) In Infinitivsätzen fällt das Subjekt regelmäßig aus. Beispiel: Ich habe nicht vor, ihn zu besuchen.
b) Bei Adjektiven mit dem Dativ der Person fällt das Subjekt weg. Beispiel: Mir ist schlecht.
c) Bei unpersönlichen Verben mit Dativ der Person entfällt ebenfalls das Subjekt. Beispiel: Mir graut vor ihm.
d) In Passivsätzen, die von intransitiven Verben gebildet sind, wird kein Subjekt benötigt. Beispiel: Hier wird gearbeitet.
e) Die so genannten Witterungsimpersonalien sind nicht austauschbar und haben daher auch nicht den Status eines Subjekts. Beispiel: Es regnet. ↔ *Das Wetter regnet.
f) Auch von den drei Formen des Imperativs hat nur die letzte ein Subjekt. Beispiel: Komm her! Kommt her! Kommen Sie her!
LATOUR richtet sich also gegen einen wesentlichen Teil der Subjekt-Prädikat-Beziehung und damit der traditionellen Grammatik. Wie bewiesen wurde, gibt es nämlich auch subjektlose Sätze in der deutschen Sprache. Weiterhin führt LATOUR auch verblose Sätze an, bei denen er allerdings zwischen Äußerungen und Sätzen oder auch zwischen vollständigen und elliptischen Sätzen unterscheidet. Eine Äußerung wäre zum Beispiel ein informelles „Hallo!“, als Beispiel für einen elliptischen Satz ohne Prädikat führt er die Antwort „Bier.“ auf die Frage „Möchtest du Wein oder Bier?“ an.
LATOUR schließt daraus, dass in Sätzen der deutschen Sprache sowohl das Subjekt als auch das Prädikat fehlen kann. Es ist jedoch häufiger der Fall, dass das Subjekt fehlt. Damit sind die unter 2.1 genannten Konzeptionen zum Teil hinfällig, da ein grammatisch korrekter und vollständiger Satz nicht immer beide Elemente benötigt. Vor allem die dritte Konzeption einiger Grammatiker, die besagt, dass das
5 Vgl. LATOUR (1985), S. 19f.
5
Subjekt das Prädikat dominiere, wird durch den Wegfall des Subjekts in oben genannten Fällen widerlegt.
Die Kongruenz 6 2.3
Viele Grammatiken begründen die enge Wechselbeziehung zwischen Subjekt und Prädikat auch durch die Kongruenz der beiden Elemente. „Mit Kongruenz ist die grammatische Übereinstimmung von Wortarten im Satz hinsichtlich bestimmter Kategorien gemeint.“ 7 Das Substantiv hat also zum Beispiel die Kategorien Genus (maskulin, feminin, neutrum) und Person (Substantiv hat immer die 3. Person), die inhärent sind, weiterhin die beweglichen Kategorien Kasus (Nominativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ) und Numerus (Singular, Plural). Das Verb hingegen hat die Kategorien Person, Numerus, Modus, Tempus und Genus verbi. LATOUR stellt die Kategorien der einzelnen Elemente in einem Schema dar: 8
An diesem Schema ist zu erkennen, dass die deutsche Sprache zwei Arten von Kongruenz aufweist:
a) Kongruenz des attributiven Adjektivs mit dem zugehörigen Substantiv bezüglich Kasus, Genus und Numerus Beispiel: alle alten Häuser
b) Kongruenz des substantivischen oder pronominalen Subjekts mit dem finiten Verb hinsichtlich Numerus und Person Beispiel: Der Zug / Er kommt.
6 Ausführungen beziehen sich - wenn nicht anders angegeben - auf LATOUR (1985), S. 11-19.
7 S. LATOUR (1985), S. 12.
8 Schema aus ebd.
6
Arbeit zitieren:
Andrea Surner, 2008, Die Valenz der Verben, München, GRIN Verlag GmbH
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