Abstract
Emile Durkheim gilt als Wegbereiter der Anomietheorie. Er betrachtete die „gesellschaftliche Arbeitsteilung“ und die Entwicklung der Selbstmordrate in seiner Zeit des Frühindustrialismus und beschrieb in diesem Zusammenhang krankhafte gesellschaftliche Störungen, die er als „anomische“ Zustände bezeichnete. Auch Robert K. Merton erforschte Problemstellungen gesellschaftlicher Entwicklungen „seiner“ amerikanischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts unter anomietheoretischen Betrachtungen, mit einem besonderen Blick auf „abweichendes Verhalten“. Entwickelte damit Merton die „Anomietheorie Durkheims“ fort? Dieser Frage wird im Rahmen der Hausarbeit nachgegangen.
Die leitenden Fragestellungen lassen sich wie folgt zusammenfassen: Welches theoretische Verständnis verbindet Durkheim mit dem Begriff der „Anomie“? In wieweit geht Merton mit seinem Verständnis über Durkheim hinaus? Im Wege einer Literaturauswertung werden beide Verständnisse zunächst getrennt dargelegt und dann mit Blick auf zentrale Kategorien wie zum Beispiel „Bedürfnisse und Ziele“, „Mittel und Wege“ und „Normen“ miteinander verglichen. Dabei zeigt sich unter anderem, dass bei beiden Soziologen Probleme aus der Diskrepanz zwischen Zielen und Mitteln entstehen. Betrachtungsunterschiede bestehen insofern, als Durkheim die Entstehung von Bedürfnissen bzw. die Schieflage in der Mittelverteilung in der Natur erblickt (insofern anlagebedingt), während nach Merton die Gesellschaft diese Ungleichverteilungen und Problemstellungen erzeugt. Merton betont die Bedeutung der Kultur. Beide betrachten die normativen Bewertungen als eine sich verändernde Größe. Nach Durkheim kann bzw. muss das Verständnis des normativ Erlaubten neu gelernt werden, wenn sich das Verhältnis aus Mitteln und Bedürfnissen plötzlich drastisch ändert (infolge der wirtschaftlichen Entwicklung), bei Merton kann es in Abhängigkeit von anderen Merkmalen zu einem Zusammenbruch der Normen kommen.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Anomietheorie nach Emile Durkheim. 4
2.1 „Einfache“ und „höhere“ Gesellschaften. 4
2.2 Pathologische Erscheinungen der Arbeitsteilung 6
2.2.1 Anomische Arbeitsteilung 7
2.2.2 Erzwungene Arbeitsteilung 8
2.3 Der Selbstmord als Indikator für Anomie 9
2.3.1 Anomischer Selbstmord 10
2.3.2 Abgrenzung zu weiteren Selbstmordtypen 11
3. Die Anomietheorie nach Robert K. Merton 12
3.1 Theoretische Grundpositionen. 12
3.2 Das Anomiekonzept 12
3.3 Das erweiterte Anomiekonzept 14
3.4 Arten individueller Anpassung 14
3.5 Anomieverständnis im Kontext der amerikanischen Gesellschaft 17
4. Verständnis und Fortentwicklung der Anomietheorie 18
4.1 Zusammenfassende Betrachtung. 18
4.2 Vergleich zentraler Kategorien. 21
4.2.1 Bedürfnisse und Ziele. 21
4.2.2 Mittel und Wege 22
4.2.3 Normen 22
4.2.4 Gleichgewicht zwischen Bedürfnissen und Mitteln 23
4.2.5 Eine Theorie für Kollektive oder Individuen? 23
4.3 Fazit. 24
5. Zusammenfassung. 25
Quellenverzeichnis 28
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1. Einleitung
„Emile Durkheim hat mit seiner Anomietheorie eine Krisensemantik vorgelegt, die zu zeigen versucht, dass Gesellschaften „krank“ machen können. (…) Die bisherigen Versuche, Durkheims Aussagen empirisch zu überprüfen, haben nur uneindeutige oder widersprüchliche Ergebnisse gebracht, (…) was wir vorwiegend darauf zurückführen, dass diese Forschungen Durkheims Ansatz nicht angemessen abbilden“ (Mehlkop; Graeff 2006, S. 56). Das Zitat zeigt, dass die Befassung mit dem „soziologischen Klassiker“ Emile Durkheim auch im 21. Jahrhundert noch aktuell ist. Die beiden Forscher interessiert hier, welche konkreten Aussagen von Durkheim stammen und wie dessen Erkenntnisse abgebildet werden können. Ersterem möchte ich in meiner Hausarbeit nachgehen und danach fragen, was Durkheim unter dem Begriff „Anomie“ versteht. Die zweite Frage nach den Möglichkeiten der empirischen Überprüfung soll hier nicht thematisiert werden.
„Anomie stammt vom gr. „a-´nomos“ und kennzeichnet somit einen Zustand der „Gesetzlosigkeit“ bzw. die Untergrabung der Wirksamkeit von Normen“ (Schäfers 2003, S. 16). Durkheim gilt als Wegbereiter der Anomietheorie. Er betrachtete die „gesellschaftliche Arbeitsteilung“ und die Entwicklung der Selbstmordrate in seiner Zeit des Frühindustrialismus und beschrieb in diesem Zusammenhang krankhafte gesellschaftliche Störungen, die er als „anomische“ Zustände bezeichnete. Auch Robert K. Merton erforschte Problemstellungen gesellschaftlicher Entwicklungen „seiner“ amerikanischen Gesellschaft unter anomietheoretischen Betrachtungen, allerdings mit Blick auf „abweichendes Verhalten“. Entwickelte damit Merton die „Anomietheorie Durkheims“ fort? Dieser Frage soll im Rahmen der Hausarbeit nachgegangen werden.
Es interessiert aber auch, was Durkheim und Merton unter dem Begriff der „Anomie“ verstehen und ob sie in diesem Zusammenhang eine einheitliche Definition etablierten. Hierzu ist beabsichtigt, im Wege einer Literaturauswertung beide Verständnisse zunächst getrennt darzulegen und dann zu vergleichen, ausgerichtet auf die folgenden zentralen Fragestellungen:
Welches theoretische Verständnis entwickelte Durkheim mit dem Begriff der „Anomie“? In wieweit geht Merton mit seinem Verständnis über Durkheim hinaus?
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2. Die Anomietheorie nach Emile Durkheim
Emile Durkheim (1858 -1917) wird hineingeboren in eine Zeit schneller und nachhaltiger Veränderungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Diese gesellschaftliche Entwicklung als Übergang von der europäischen Agrar- zur Industriegesellschaft, die schon Ausgang des 18. Jahrhunderts mit der industriellen Revolution einsetzte und sich verstärkt im 19. Jahrhundert auswirkte, charakterisiert sich einerseits durch eine zunehmende Technologisierung und Produktivitätssteigerung, andererseits durch Ausbeutung von Arbeitskraft und Massenelend. Mit Blick auf die gesellschaftliche Arbeitsteilung stellt Emile Durkheim die Frage nach der Art der Integration moderner Gesellschaften. Dabei vergleicht er die Charakteristika vormoderner und moderner Gesellschaften in Bezug auf deren Differenzierungsprinzip, gleichzeitig auf der Suche nach dem dazugehörigen Integrationsprinzip und formuliert „mit seiner Zuordnung von Differenzierungs- und Integrationsprinzip ein zentrales Erkenntnisinteresse dieser Theorieperspektive“ (Schimank 2007, S. 31). Zum Integrationsprinzip, also zur Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält, bietet Durkheim anomietheoretische Betrachtungen auf makrosoziologischer Ebene an.
Für das Verständnis, das Durkheim mit dem Begriff der Anomie entwickelte, bietet es sich an, zunächst dessen Unterscheidungen zwischen „einfachen“, segmentären Gesellschaften und „höheren“ Gesellschaften in Bezug auf das jeweilige Differenzierungs- und Integrationsprinzip zu beleuchten, um später die von ihm beschriebenen anomischen Störungen innerhalb moderner Gesellschaften einordnen zu können.
2.1 „Einfache“ und „höhere“ Gesellschaften
„Wenn man versuchte, sich den Idealtyp einer Gesellschaft vorzustellen, deren Zusammenhalt ausschließlich aus Ähnlichkeiten hervorgegangen wäre, dann würde man sie als eine absolut homogene Masse begreifen müssen, deren Teile sich un-tereinander nicht unterschieden, und die folglich keine Ordnung aufwiesen“ (Durkheim, 2008, S. 229). So beschreibt Durkheim „das wahrhaft soziale Protoplasma, der Keim, aus dem alle sozialen Typen hervorgegangen wären“ und schlägt vor, ein solcherart charakterisiertes „Aggregat Horde zu nennen“ (ebd.).
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Eine Horde, sofern sie nicht länger unabhängig ist, weil sie ein Element einer erweiterten Gruppe darstellt, nennt er Klan. Völker, die aus der Assoziation zwischen Klanen gebildet sind, bezeichnet Durkheim als „segmentäre Gesellschaften“ (vgl. ebd., S. 230). Bei diesen Gesellschaften handelt es sich „um eine mehr oder weniger organisierte Gesamtheit von Glaubensüberzeugungen und Gefühlen, die allen Mitgliedern der Gruppe gemeinsam sind“ (ebd., S. 181). Ihnen weist Durkheim als Integrationsprinzip die „mechanische Solidarität“ zu und vergleicht diesen Typ im Wege einer physikalischen Analogie mit Molekülen, die sich ohne Eigenwillen, nur übergeordneten Gesetzen folgend, bewegen. Mit der „mechanischen Solidarität“ korrespondiert die Rechtsform des repressiven Rechts. Ein Verbrechen ist ein Angriff gegen das Kollektivbewusstsein und damit gegen das gemeinsame Wert- und Regelsystem, keinesfalls dem hierfür verantwortlichen Individuum alleine zuzuschreiben. Strafe hat hier Sühnecharakter (vgl. ebd., S. 491).
Dies verhält sich bei „höheren Gesellschaften“ ganz anders. Sie sind groß und umfangreich, funktional differenziert, bestehen aus einem System von verschiedenen Organen, die je eigene Sonderrollen ausüben und gleichen damit hochgradig differenzierten Organismen (deshalb „organische Solidarität“) (vgl. ebd., S. 237, 492). Vergleichbar dem menschlichen Körper nehmen alle Organe besondere Funktionen wahr, sind insofern unersetzbar, aber auch hochgradig abhängig vom Funktionieren der anderen Organe.
Was solche „höheren“ Gesellschaften von „einfachen“ Gesellschaften unterscheidet, ist das Ausmaß an „gesellschaftlicher Arbeitsteilung“. „Überspitzt kann man sagen, dass die Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Segmenten der „einfachen“ Gesellschaften gleich Null war. Alle taten genau das gleiche: sich um den jeweils eigenen Fortbestand zu kümmern“ (Schimank 2007, S. 31). In „höheren“ Gesellschaften hingegen gehen die Individuen immer spezialisierteren Teiltätigkeiten nach, worin der Ausgangspunkt für die Entwicklung unterschiedlicher Persönlichkeiten liegt. Ein alle Akteure verbindendes Kollektivbewusstsein, wie wir es in „einfachen“ Gesellschaften vorfinden, weicht jetzt einer „Vielzahl funktionsspezifischer Wert- und Normkodizes“, wobei der Zusammenhang von Arbeitsteilung, Solidarität und insbesondere der Moral in höheren Gesellschaften für Durkheim feststeht: „Dadurch, dass die Arbeitsteilung zur Hauptquelle der sozialen Solidarität wird, wird sie gleichzeitig zur Basis morali-
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scher Ordnung“ (Durkheim 2008, S. 493). Zur Frage der Integrationskraft moderner Gesellschaften positioniert sich Durkheim an dieser Stelle klar in einer optimistischen Denktradition. Er tritt allen Ängsten gegenüber, die befürchten, dass moderne Gesellschaften integrationsunfähig sein könnten und behauptet, dass die gesellschaftliche Arbeitsteilung in der Lage ist, Integration aus sich selbst heraus zu schaffen. Dauerhafte Leistungsabhängigkeiten sichern schließlich den Zusammenhalt, denn wer auf die Leistungen anderer angewiesen ist, muss auch auf deren Interessen Rücksicht nehmen (vgl. Schimank, 2007, S. 33f.). „In einer solchen nicht altruistischen, sondern durch einen rationalen Egoismus nahe gelegten, wechselseitigen Rücksichtnahme auf die Interessen der Gegenüber ist das zentrale Integrationsmuster moderner Gesellschaften zu sehen“ (ebd., S. 34).
Damit lässt sich zusammenfassen: In der gesellschaftlichen Arbeitsteilung erkennt Emile Durkheim das zentrale Differenzierungsprinzip moderner Gesellschaften im Rahmen des von ihm angestellten Vergleichs mit „einfachen“, segmentären Gesellschaften. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung ist aber auch Hauptquelle der sozialen Solidarität und damit das zentrale Integrationsprinzip einer „höheren“ Gesellschaft. Auf den (durchaus sehr bedeutenden) Umstand, dass er damit eine kulturalistische Antwort auf die Frage nach gesellschaftlicher Solidarität ablehnt, soll hier nicht näher eingegangen werden. Was im Folgenden interessiert, ist die Frage, welche Erscheinungen in arbeitsteilig-komplexen Gesellschaften dazu führen können, dass hierdurch die Integrationskraft in ihrer Wirkung beeinträchtigt werden könnte.
2.2 Pathologische Erscheinungen der Arbeitsteilung
Durkheim studiert die Arbeitsteilung nicht nur als „normales“ Phänomen. Er untersucht auch, was die Arbeitsteilung von ihrer „natürlichen Richtung“ ablenken kann und gerade nicht zur sozialen Solidarität führt. Dabei geht er davon aus, dass es sich bei den pathologischen Erscheinungen um Ausnahmefälle handelt (vgl. Durkheim 2008, S. 421).
Emile Durkheim hat verschiedene Varianten eines Anomiekonzepts vorgelegt und das in seinem Werk „Über soziale Arbeitsteilung“ dargelegte Konzept in zwei „Anomie-Varianten“ eingeteilt „(a) als mangelhafte Koordinaten arbeitsteilig operierenden „Organe“, z.B. in Form eines Konflikts zwischen „Kapital“ und „Arbeit“; (b) als „er-
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zwungene Arbeitsteilung“, die es den Menschen nicht erlaubt, in der Arbeit ihre natürlichen Talente zu entwickeln und ihre Fähigkeiten auszuschöpfen - eine Form von Entfremdung und mangelnder Chancengleichheit“ (Thome/Birkel 2007, S. 36). Es handelt sich bei diesen Varianten um eine „strukturell“ induzierte Anomie.
2.2.1 Anomische Arbeitsteilung
Die Beziehung zwischen Arbeit und Kapital verändert sich im Laufe der Entwicklung (vgl. ebd., S. 421 ff.). Während der Arbeiter im Mittelalter noch gleichrangig dem Meister gegenübersteht und sich nach seiner Lehre in vielen Gewerben ebenfalls niederlassen kann, befindet sich vom 15. Jahrhundert an die Berufskörperschaft im ausschließlichen Besitz der Meister, die allein über alle Belange entscheiden. Die Trennung zwischen Meistern und Gesellen verschärft sich im 17. Jahrhundert mit dem Auftauchen der großen Industrie und der Arbeiter trennt sich vollständig vom Arbeitgeber. Mit der Spezialisierung nehmen Unzufriedenheit und Revolten zu, Solidarität wird verhindert. Ein anderes Beispiel des gleichen Phänomens stellt die Aufteilung der (Gesamt-)Wissenschaft in spezialisierte (Teil-)Wissenschaften dar, wodurch ein solidarisches Ganzes verloren geht, weil sich die Wissenschaftler nur noch ihrer Spezialforschung verpflichtet sehen und den gemeinsamen Zweck aus den Augen verlieren. Arbeitsteilung würde also gemäß ihrer Natur eher einen auflösenden Einfluss ausüben, wenn sich die Funktionen zusätzlich spezialisieren. Comte schlägt als Lösung vor, einem unabhängigem Organ, dem Staat oder der Regierung, die Aufgabe zu übertragen, die Einheit zu bewahren. Für die Wissenschaft sollte nach seiner Vorstellung die Philosophie diese Aufgabe übernehmen, indem sie den Geist der Einzelwissenschaften erkennt, der zusammenhanglosen Entstehung von Einzelwissenschaften entgegenwirkt und damit die gefahrlose Weiterentwicklung der Arbeitsteilung sichert (vgl. ebd., S. 426 ff.).
Durkheim verweist auf den durchaus begrenzten Einfluss- und Wirkungsbereich der Regierung, weil sie zum Beispiel nicht jeden Augenblick in wirtschaftliche Abläufe eingreifen kann, weil die Vielfalt der Teilfragen nur der kennt, der „mitten drin steht“. Auch die Philosophie wird unfähiger, die Einheit der Wissenschaft zu sichern, weil es dem menschlichen Geist immer unmöglicher wird, die unendliche Vielfalt der Phänomene, Gesetze und Hypothesen zu kennen, die es zusammen zu fassen gilt (vgl. ebd., S. 428ff.). Zur Wahrung der Einheit sieht Durkheim hier den „spontanen Kon-
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Arbeit zitieren:
Egon Wachter, 2009, Emile Durkheim und Robert K. Merton: Die Anomietheorie – zum Verständnis und zur Fortentwicklung einer Theorie gesellschaftlicher Differenzierung, München, GRIN Verlag GmbH
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