1. Einleitung
Schillers Aufsatz Über naive und sentimentalische Dichtung wurde zuerst in den Jahrgängen 1795 und 96 der Horen veröffentlicht. In seiner Abhandlung setzte Schiller zwei Menschencharaktere einander entgegen; nämlich naive und sentimentalische Dichter. Beide sind hier gleichermaßen als vollkommen ästhetisch 1 vorgestellt. Im Ästhetischen handelt es sich um das Schöne und das Erhabene. Das naive suchen wir in den antiken, und das sentimentalische in der modernen Dichtung. In diesem Sinne gehört Schiller selbst zu den modernen bzw. sentimentalischen Dichtern, und Goethe zu den alten 2 vor allem griechischen (bzw. naiven).
In dieser Arbeit betrachte ich zuerst den Begriff modern im Hinblick auf den Ursprung seiner heutigen Bedeutung und versuche, die Begriffe des Schönen und des Erhabenen in Schillers Unterscheidung der Naiven von sentimentalischen zu erklären. Die Schillerschen Kategorien von naiv und sentimentalisch dürfen keine dogmatische Gültigkeit beanspruchen. Sie sind eine Fackel, mit deren Hilfe die immer dunkler werdende Zeit die Werte beleuchtete, die ihr bislang die eigentlichen Anliegen des Lebens gewesen waren.
2. Ursprung des Begriffs modern
Der Begriff der Modernität bezeichnet eine Konstellation in der Zeit. Wo der Begriff der Modernität gebraucht wird, kann folglich nicht jede Zeit oder Zeit schlechthin gemeint sein, sondern nur eine bestimmte Zeit. Diese bestimmte Zeit steht der Gegenwart näher als der Vergangenheit. Aber auch die Vergangenheit war einmal Gegenwart. Es besteht deswegen kein Grund, die Bedeutung der Modernität nur in einer unserer Gegenwart zu suchen. Die eigene Zeit, von der durchaus nicht gilt, dass sie mir in allen Hinsichten wirklich zu eigen ist, kann als Gegenwart oder Jetztzeit aufgefasst werden, mithin auch als die derzeitige Zeit (vgl. Japp 1987). Dies ist zugleich die Bedeutung, die dem Wort modern bzw. modernus am Anfang seiner Geschichte zugesprochen wurde.
Der Begriff modern (lat. modo, nur, erst, eben, gleich, jetzt, neu) ist als Adjektiv modernus (derzeitig, jetzt, neu) literarisch zuerst am Ende des 15.Jhs (Gelasius) gebraucht. Im Französischen ist das Wort modern als neu, frisch zuerst im 15.Jh. literarisch belegt. Im
1 Ästhetisch bedeutet soviel wie idealisch, klassisch. Bei Wilhelm von Humboldt werden die Begriffe
ästhetisch und klassisch austauschbar verwandt.
2 Nach Hermand (1964) seien die Alten beschreibend, malend, realistisch gewesen, während sich die
modernen Dichter auf die Welt der Ideen und ihre eigene Imagination angewiesen sähen.
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Englischen ist nach 1500 als Bezeichnung des jetztexistierenden verwendet (vgl. Reallexikon). Offiziell kann der Begriff modern in der Sitzung der Academie Francaise vom 27. Februar 1687 datiert werden.
Die Antithese antik und modern bekam rasch einen beständig sich erweiternden Inhalt. Die französische Diskussion über die Antithese wurde sehr rasch in Deutschland bekannt und blieb durch das ganze Jahrhundert hindurch Kulturbewusstsein, Ästhetik und Kritik überaus einflussreich. Das Datum, das Curtius nannte, ist das Jahr 675, womit die moderne Welt angefangen hat. Diese moderne Welt sei zwar von der antiken tief geschieden, zugleich aber unbewusster historischer Erinnerung und Kontinuität mit ihr verwachsen. Der Begriff der Modernität kann grundsätzlich zwei Bedeutungen haben. Diese Bedeutungen sind zwar nicht in jeder Hinsicht verschieden, wohl aber in methodischer Absicht zu unterscheiden. Die eine Bedeutung betrifft die Geschichte der Literatur, die andere eine bestimmte Epoche. Wir unterscheiden also zwischen historischer und epochaler Modernität. Inwiefern die Dichtung Schillers Zeit von der griechischen sich unterscheidet und sich unterscheiden muss. Dann wird die Verschiedenheit der beiden als der Unterschied von Intuition (Goethe) und Spekulation (Schiller) begriffen. Goethes Geist gehe von der Mannigfaltigkeit aus und suche, intuitiv, das Notwendige der Natur, indem er von der einfachen Organisation (...), Schritt vor Schritt, zu den mehr verwickelten hinauf(steigt), um endlich die verwickeltste von allen, den Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu erbauen, während der spekulative Geist, als den sich Schiller versteht, mit selbständiger freier Denkkraft das Gesetz sucht (vgl. Szondi 1974).
3. Unterscheidung der Begriffe naiv und sentimentalisch
Schillers Abhandlung beginnt mit einer Schilderung jenes von Liebe und rührender Achtung bestimmten Interesse an der Natur 3 , das er später als das sentimentalische bezeichnen wird. Bei der Nennung der beiden Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit dieses Interesse zustande komme, fällt das Wort naiv zum ersten Mal. Es heißt hier: Für erste ist es durchaus nötig, dass der Gegenstand, der uns dasselbe einflößt, Natur sei oder doch von uns dafür gehalten werde; Zweitens, dass er (in weitester Bedeutung des Wortes) naiv sei, d.h., dass die
3 Schiller meint mit dem Begriff Natur hier die völlige Übereinstimmung des Menschen und der Dinge
mit sich selbst. Die Natur des Menschen oder, wie Schiller sagt, seine Menschheit, ist so eine
Vollkommenheit, eine Übereinstimmung zwischen seinem Empfinden und Denken. Schiller weiß, dass
dieser Begriff (Naturbegriff) eine Idee ist, die das moderne Bewusstsein vom zunehmenden Verlust
der Natur in der historischen Wirklichkeit zu ihrer Voraussetzung hat.
3
Natur mit der Kunst im Kontraste stehe und sie beschäme. Sobald das letzte zu dem ersten hinzukommt, und nicht eher, wird die Natur zum Naiven.
An diesen Sätzen fällt zweierlei auf. Erstens, dass das Naive eingeführt wird als der Gegenstand des sentimentalischen Interesses, zweitens, dass dieser Bezug auf das Nicht-Naive in die Bestimmung des Naiven selber eingeht, indem Natur, Schiller zufolge, erst dann naiv zu nennen ist, wenn sie mit der Kunst im Kontraste steht und sie beschämt. Das Naive ist für Schiller indessen nicht, wie man oft gemeint hat, eine natürliche Gegebenheit, sondern ein sentimentalischer Befund. Es ist nicht einfach ursprüngliche Natur, sondern diese nur, insofern sie mit der Kunst d.h. der Künstlichkeit der -Kultur. Zum Naiven wird erfordert, dass die Natur über die Kunst den Sieg davontrage; es ist eine Kindlichkeit, wo sie nicht mehr erwartet wird. Unsere Kindheit ist die einzige unverstümmelte Natur, die wir in der kultivierten Menschheit antreffen. Das Naive kann niemals eine Eigenschaft verdorbener Menschen behandeln, sondern nur Kindern und kindlich gesinnten Menschen zukommen.
Wenn ein Vater seinem Kinde erzählt, dass dieser oder jener Mann für Armut verschmachte, und das Kind hingeht und dem armen Mann Geldbörse seines Vaters zuträgt, so ist die Handlung naiv; denn die gesunde Natur handelte aus dem Kinde. Denkt man zurück an die Frage, ob naiv und sentimentalisch Epochenbegriffe seien (also klassisch und romantisch entsprechen), so wäre zu antworten, dass naiv und sentimentalisch nicht zwei verschiedene Epochen bezeichnen, sondern zwei Dichtungsweisen, zwei dichterische Existenzweisen in einer und der selben Epoche. Wiederum liegt es nahe, naiv nicht mit klassisch, sondern mit klassizistisch gleichzusetzen, naiv gleichsam die Klassizität zu nennen, wo sie nicht mehr erwartet wird, die Treue zur Antike, während sentimentalisch der romantische Dichter wäre, der sich nicht den Besitz eines verlorenen vorgaukelt, sondern das Eigene gerade in der Subjektivität, entdeckt. Beide Stilbegriffe (naiv und sentimentalisch) behalten einen historischen Rückbezug: Wie das Klassische auf die Antike bezogen wird, so das Romantische auf das Mittelalter als die Wiege der Moderne -die Begriffe romantisch und modern werden vielfach synonym verwendet (Borchmeyer 1980). So ist die bedeutsame Unterscheidung zwischen dem Klassischen und dem Romantischen nichts anderes als eine modifizierte Neuformulierung der Schillerschen Theorie vom Naiven und Sentimentalischen. Vor Schiller -ja vielfach auch noch bei ihm selber- wird der Begriff sentimentalisch im Sinne von sentimental (eng.) = empfindsam verwendet (vgl. Borchmeyer 1980). Zeichnet sich die naive Dichtung durch entschiedene Gegenständlichkeit aus, so die sentimentalische durch die Beziehung des Gegenstandes auf eine Idee (darin gründet ihre Rührung). Demgemäß ist die
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Arbeit zitieren:
Dr. phil. Muzaffer Malkoc, 1992, Die Unterscheidung des Schönen und des Erhabenen in Schillers Unterscheidung des Naiven vom Sentimentalischen, München, GRIN Verlag GmbH
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