Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Zur Komposition 3
3. Warum verschweigst Du Deine Antwort Zur Kommunikation zwischen 7
Erzähler und Figur
3.1 Die Anklage Aufbau und Komposition 10
3.1.1 Pervertierung Die Rhetorik des Erzählers 13
3.1.2 Wunschdenken Wie der Vater hätte sein können 16
4. War es so Innen- vs Außenperspektive 18
5. Erzählerfigur vs Reflektorfigur 20
6. Fazit 23
7. Literaturverzeichnis
1
- -
1. Einleitung
Der Gegenstand der folgenden Arbeit ist eine literaturwissenschaftliche Auseinander- setzung mit dem biographischen Roman Niklas Franks „Der Vater – Eine Abrechnung“. Dies sei aus dem Grund zu Beginn bemerkt, da hier nicht die historische Behandlung des national- sozialistischen Hintergrunds dieses Buches Thema dieser Arbeit ist und weder erzählte noch zitierte Aussagen und Handlungen der auftretenden Charaktere auf ihre historische Richtig- keit überprüft oder einer Bewertung unterzogen werden.
Das Werk „Der Vater – Eine Abrechnung“ zeichnet sich durch ein stark emotional beladenes Verhältnis zu den handelnden Figuren aus, das sich in erzählerischen Besonderhei- ten ausdrückt, die den Roman womöglich auf eine Sonderposition im Bereich der biographi- schen Romane stellen. Diese Besonderheiten herauszuarbeiten, darzustellen und zu diskutie- ren, wird den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden.
Einleitend wird die Strukturierung und die Komposition des Romans untersucht wer- den, anhand derer der Gesamtaufbau des Werks und die inhaltliche Fokussierung des Autors deutlich werden soll. Im Anschluss soll auf das herausragende Merkmal des Romans einge- gangen werden: die Kommunikation zwischen Erzähler und der Hauptfigur der Biographie, Hans Frank („Der Vater“), sowie der Nebenfigur Brigitte Frank. Der Aufbau und die Kompo- sition des Kommunikationsprozesses sollen von dieser Beobachtung ausgehend untersucht werden und Tendenzen der Erzählsituation offen legen.
Der Hauptbestandteil des Kommunikationsprozesses ist die Anklage des Erzählers, die sich konsequent durch den gesamten Roman zieht und die Handlungen der Figuren in beson- derer Weise verurteilt. Unter anderem werden Situationen imaginiert, in denen sich ein Wunschdenken manifestiert, gewisse Ereignisse hätten in ihrem Verlauf den Vorstellungen des Erzählers entsprochen. Dieser Stil fügt sich zwar in die Tradition der Erzählweise eines biographischen Romans ein, wird allerdings hier durch eine besondere Rhetorik hervorgeho- ben, die durch eine Pervertierung des Vaters und eine Selbstpervertierung des Erzählers ge- kennzeichnet ist. Die Funktion und eine mögliche Wirkung der Rhetorik sollen hierbei Dis- kussionspunkte der Analyse sein.
Weiterführend soll auf der Basis ausgewählter Textelemente, in denen ein Einblick in die Sichtweise des Vaters offeriert wird, die Erzählperspektive näher untersucht werden. Hier zeigt sich ein Wechsel von Innen- und Außenperspektive der Erzählsituation. Diegetisch or-
2
- -
ganisierten Dialogen und Zitaten stehen z. T. mimetische Szenen gegenüber, die eine Erzähl- perspektive aus der Sicht der Figur zu verdeutlichen scheinen. Daraus resultierend wird zum Schluss dieser Arbeit das Verhältnis von Erzählerfigur und Reflektorfigur innerhalb des ge- samten Werks in Anlehnung an die Begriffsbestimmungen Franz K. Stanzels in Theorie des
Erzählens 1 kurz diskutiert.
Ziel dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, wie es dem Erzähler literarisch gelingt seine Verachtung und seinen Abscheu gegenüber der Figur Hans Frank auszudrücken. Die genealo- gische Verbindung des Erzählers (hier auch der Autor Niklas Frank) zur Hauptfigur – bereits in den ersten Zeilen des Buches deutlich markiert – orientiert den Erzähler dahingehend, die Verachtung Hans Franks auf sich selbst zu projizieren und damit umzugehen. Zu welchem bzw. ob es zu einem Resultat führt, soll im Rahmen eines Fazits formuliert werden.
2. Zur Komposition
Der biographische Roman „Der Vater – Eine Abrechnung“ erzählt das Leben und Wirken Hans Franks, der während seiner Laufbahn als Jurist im Dritten Reich zum Justizmi- nister, zu Beginn des zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 zum Generalgouverneur von Polen ernannt und 1946 im Nürnberger Prozess zum Tode durch Erhängen verurteilt wurde. Der Erzähler, der Sohn Hans Franks, setzt dabei den Schwerpunkt auf die Ausführungen der Zeit Hans Franks im Amt des Generalgouvernements. Der Inhalt des Romans stützt sich auf do- kumentiertes und protokolliertes Material der Tätigkeiten Hans Franks und dessen veröffent- lichte Tagebucheinträge sowie auf geschilderte Ereignisse, die aus dem persönlichen Erfah- rungsspektrum der Erzählfigur mit Hans Frank stammen.
Formal gliedert sich das Werk in 34 Kapitel, die jeweils leitmotivisch betitelt sind. Neben der Bedeutung als formales Strukturierungselement markieren einzelne Kapitel be- stimmte zeitliche Etappen der Erzählung und unterstützen in ihrer Anordnung die inhaltliche Komposition.
Die Generalgouverneurszeit Hans Franks im Fokus wird diese in einen Erzählrahmen eingebettet, dessen Einheiten sich anhand der vorgegebenen Strukturierung markieren und
1 Stanzel, Franz K.: Theorie des Erzählens, Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen 1989
3
- -
inhaltlich einordnen lassen. Der Erzähler beginnt mit den Schilderungen der letzten Augen- blicke des Vaters – zeitlich lokalisiert am Ende des Nürnberger Prozesses gegen H. Frank und der Kindheit des Erzählers –, in denen er den letzten Wortwechsel zwischen sich und dem Vater dokumentiert. Die darauf folgenden Kapitel 2 bis einschließlich 5 (S. 12-23) thematisie- ren die Möglichkeit zwei weiterer Väter („Zehn Jahre alt hatte ich Verstand genug, um das Geraune Verwandter zu hören. Ich konnte wählen zwischen drei Vätern. Der eine warst Du,
der zweite Karl Lasch, Dein Freund, […] Drittvater Carl Schmitt“ 2 ), die juristischen Relikte Hans Franks und des gesamten NS-Regimes in der BRD („dann gratulier ich Dir zum Aufbau der Bundesrepublik in Deinem Geiste. […] es wird immer mehr ein Staat nach Deinem Geis-
te.“ 3 ) sowie den Recherche-Auftakt des Erzählers und den damit verbundenen Erfahrungen und Erlebnissen. Mit dem 6. Kapitel, „Von Opa und vom Eiweißschock“ (S. 23), beginnt die weitgehend chronologisch angelegte Darstellung des Lebens des Vaters Hans Frank und in Teilen der Mutter Brigitte Frank, die im 32. Kapitel „»…hab das Befohlene geschafft.«“ (S. 245) mit dem Tod des Vaters und anschließend im 33. Kapitel „Alte Kameraden“ (S. 255) mit dem Tod der Mutter endet. Das letzte Kapitel schließlich versetzt den Leser in den Zeitraum des Verhörs Hans Franks während der Nürnberger Prozesse. Mit dem Schlusssatz H. Franks, schließt das letzte Kapitel inhaltlich an dem Punkt ab, an dem das erste beginnt: vor der Hin- richtung. Somit bildet es einen literarischen turn-around, der den Leser und den Erzähler an den Anfang des Romans katapultiert und somit an den Beginn der Lebensgeschichte H. Franks. Der Kreis schließt sich, Erzähler und Leser werden erneut mit der Person H. Frank konfrontiert.
Die Auswirkungen dieser Konfrontation und deren Bedeutung sollen in den anschlie- ßenden Kapiteln dieser Arbeit ausführlicher behandelt werden. And dieser Stelle genügt es zu erwähnen, dass der Gesamtaufbau des Buchs aus dieser Perspektive eine gewichtige Rolle für die Formulierung einer möglichen Intention des Autors und die Wirkung des Romans ein- nimmt.
Bei der Betrachtung der Gesamtkomposition en détail, fällt zusätzlich auf, dass die überwiegend chronologischen Ausführungen des Lebens der Hauptfigur durch erzählerische Elemente unterbrochen, ergänzt und/oder kommentiert werden, die folgenden zeitlichen und thematischen Einordnungen zu Grunde liegen:
2 S. 13 -15, Frank
3 S.16, ebd.
4
- -
A) Ereignisse und Aussagen zum Zeitpunkt der Verhaftung respektive während des Nürnber-
ger Prozesses und der Hinrichtung, die entweder protokolliert oder im Interview von Zeitzeu-
gen geschildert wurden.
„Das Gnadengesuch deines Rechtsanwalts Seidl, kurz vor Deinem Treffpunkt Galgen eingereicht – noch heute bangt mein Herz, wenn ich daran denke, daß es Erfolg gehabt hätte – , hast Du nicht gewollt – Du hofftest noch auf das von Papst Pius. Dabei hätte Dir Seidls Gnadengesuch gefallen, denn so, wie Du Dein Schuldbekenntnis vom Gründonnerstag 1946 in Deinem Schlusswort im Herbst relativiertest, die Verbrechen der Deutschen gegen die Verbrechen der Alliierten aufrechnetest, [...]“ , S. 18, [...] „ »Wenn ich für jeweils sieben Polen, die ich erschießen lasse, einen Anschlag machen würde, die Wälder Polens würden nicht ausreichen, um all das Papier herzustellen!« Der Satz hat atemberaubenden Schwung, gar eine Pointe, denn er geht nicht direkt aufs Ziel zu, da merkt man den gebildeten Theaterbesucher, der später seinen US-Verhörern empfahl, Schillers »Kabale und Liebe« zu lesen, allerdings nur, um sich bei den dann klassisch Gebildeten besser als Opfer eines Sekretärs Himmler/Wurm darstellen zu können.“, S. 23, [...] „[...] prompt verriet sie der SS, wo und wann wieder ein Laster für den Kriegsgewinnler heimwärts fuhr. Oder gab Mutter den Tip? Du weißt ja, wie sie fighten konnte! Pater O´Conner wußte es genau: »Dein Vater, der hatte noch in der Zelle Angst vor Deiner Mutter!«“, S. 14,
etc. (insbesondere das letzte Kapitel des Buchs: „Das Ende einer Unschuld“, S. 270)
B) Die Zeit zwischen dem Tod des Vaters (16. Oktober 1946) und dem Tod der Mutter
(1959), in der auch die Kindheit und die Jugend des Erzählers durchlebt werden.
„ Ich hab mir als Kind Deinen Tod zu eigen gemacht.“, S. 8,
[...] „Mutter saß nach dem Krieg dem Krieg gerne mit dem Mitgliederverzeichnis Deiner Akademie für Deutsches Recht auf dem Schoß und machte sich ein hämisches Vergnügen, Namen, auf die sie durch mächtige Todesanzeigen in Tageszeitungen oder durch Meldungen von Berufungen in hohe und höchs- te Richter- und Staatsämter stieß, anzukreuzen.“, S. 17, [...] „Vor allem beim Trampen hast Du mir unendlich geholfen. Wer fuhr nach dem Krieg die ersten Autos? Natürlich die alten Nazis.[...] Ich kam, saß ich erstmal drin, beim Trampen gediegen voran, brauchte ich doch nur zu sagen: »Wissen Sie eigentlich, daß ich der Sohn des in Nürnberg als Hauptkriegsverbrecher hingerichteten Reichsministers ohne Portefeuille und Generalgouverneurs von Polen bin?« Deine wahrlich nicht leicht auszusprechenden Titel konnte ich schon als Kleinkind, und der Erfolg damit war auch als Großkind noch beachtlich.“, S. 24,
etc. (insbesondere das Kapitel „Alte Kameraden“ , S.255.)
C) Die „Gegenwart“, der Zeitpunkt der Recherche und der Zusammentragung der vorhande-
nen Materialien zu Hans Frank.
„Ich flog nach Amerika, um Dich in Zeugen näher zu erfahren. Pater Sixtus O´Conner zu Albany, 72 Jahre alt [...]“, S. 10, [...] „»Nein«, dachte sich Frau K., Deine Sekretärin, die ich Jahrzehnte später besuchte, [...]“, S. 13, [...] „Er lebte noch, als ich ihn tot wähnte, ich las es 1985 in der Zeitung, daß er erst jetzt gestorben sei, bib- lisch alt. Ich wollte die letzte Ehre geben meinem dritten Vater, fuhr hin nach Plettenberg, [...]“, S. 15,
5
- -
Arbeit zitieren:
Matthias Andrzejewski, 2003, Zu: Niklas Frank - "Der Vater", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Bedeutung der Marke im Stadtmarketing
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Diplomarbeit, 51 Seiten
Das Klavier als Instrument weiblicher Erziehung
Versuch über die „schwarze“ Kl...
Hauptseminararbeit, 30 Seiten
Die geschichtliche Entwicklung der Comedy in Deutschland am Beispiel d...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Seminararbeit, 30 Seiten
Bewegung im Unterricht - Bekannt und doch verbannt
Erstellung eines Realisationsk...
Examensarbeit, 41 Seiten
Teilnehmerforschung in der Erwachsenenbildung
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Hauptseminararbeit, 39 Seiten
Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft
Hauptseminararbeit, 30 Seiten
Zwischen Fiktion und Rekonstruktion - Können Historienbilder einen Bei...
Seminararbeit, 33 Seiten
Ein Theorievergleich zwischen Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann unter...
Hauptseminararbeit, 32 Seiten
Wechselkursregimes in Europa und die Theorie optimaler Währungsräume
VWL - Geldtheorie, Geldpolitik
Hauptseminararbeit, 21 Seiten
Energieversorgung als sicherheitspolitische Herausforderung
Die Europäische Union und Russ...
Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion
Hausarbeit, 30 Seiten
Lebenslanges Lernen und Integration von Bildung und Arbeit
BWL - Personal und Organisation
Hausarbeit, 24 Seiten
Matthias Andrzejewski's Text Zu: Niklas Frank - "Der Vater" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Matthias Andrzejewski hat den Text Zu: Niklas Frank - "Der Vater" veröffentlicht
Matthias Andrzejewski hat einen neuen Text hochgeladen
Observing International Relations: Niklas Luhmann and World Politics
Mathias Albert, Lena Hilkermeier
Autopoietic Organization Theory: Drawing on Niklas Luhmann's Social Sy...
Tore Bakken, Tor Hernes
Familienmythen, Familiengeheimnisse, Familiengesetze
Eltern in ihren Lebenszusammen...
Nicole Riess
0 Kommentare