Inhaltsverzeichnis II
Abk ürzungsverzeichnis V
Vorwort 6
1 Was bedeutet Trauer? 9
1.1 Trauer ist Verlust 9
1.1.1 Trauerphasen nach Verena Kast. 12
1.1.2 Trauerphasen- Modell nach John Bowlby 14
1.1.3 Die Phasen der Trauerarbeit nach Yorick Spiegel. 16
1.2 Trauerreaktionen. 17
1.2.1 unkompliziertes (normales) Trauern 19
1.2.2 kompliziertes (pathologisches) Trauern 19
2 Trauern Kinder anders? 25
2.1 Faktoren für die Art der Trauer. 25
2.2 Todesverständnis bei Kindern und Jugendlichen 26
2.3 Todesverständnis anhand verschiedener entwicklungspsychologischer Modelle. 27
2.3.1 Bindungstheorie nach J. Bowlby und M. Ainsworth 28
2.3.2 Das Entwicklungsmodell nach Jean Piaget - Entwicklung der geistigen
Leistungsf ähigkeit 36
2.3.3 Babys/ Kleinkinder zwischen 12 Monaten und 3 Jahren 37
2.3.4 Vorschulkinder (3 bis 5 Jahre) 39
2.3.5 Grundschulkinder (6 bis 10 Jahre) 40
2.3.6 Heranwachsende/Jugendliche ab 11 Jahre. 40
3 Der Verlust in der Kindheit als traumatisches Erlebnis. 42
3.1 Was bedeutet „Trauma“? 42
3.1.1 Definition der Traumatisierungen und der reaktiven psychischen Störungen 45
3.1.2 Trauerfälle und psychiatrische Störungen 48
3.1.3 Verlust der Mutter als traumatisches Ereignis 49
3.1.4 Verlust des Vaters als traumatisches Ereignis 53
3.1.5 Verlust von Geschwistern als traumatisches Erlebnis 53
Diplomarbeit „Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ Gabriele Kuschke
Inhaltsverzeichnis III
4 Trauerrituale aus historischer Sicht 55
4.1 Trauerrituale 57
4.1.1 Trauerrituale in der Antike und im Mittelalter 57
4.1.2 Trauerrituale ab dem 19. Jahrhundert 59
4.1.3 Trauerrituale in verschiedenen Religionen 60
4.1.4 Trauerrituale in der Gegenwart. 64
4.2 Die Trauerfeier und Bestattung. 65
5 Methoden und Aufgaben der Sozialen Arbeit bei der Trauerbegleitung von
Kindern und Jugendlichen 71
5.1 Trauerberatung 72
5.1.1 Worauf muss ein Trauerberater achten? 74
5.2 Arbeit mit Ritualen - Bedeutung und Funktion. 79
5.2.1 Einsatz von Ritualen zur Trauerbegleitung. 79
5.2.1.1 Abschiedsrituale. 80
5.2.1.2 Erinnerungsrituale 81
5.3 Die Unterstützung der Trauerbewältigung durch Entspannungsübungen 82
5.3.1 Autogenes Training. 83
5.3.2 Imaginationen 84
5.4 Kindertrauergruppen. 88
5.5 Kunst und Musik als Hilfe bei der Trauerarbeit. 89
5.5.1 Kinder- und Jugendliteratur bei der Trauerbewältigung. 90
5.5.1.1 Die Arbeit mit Märchen. 91
Schlussbemerkungen 94
Literaturverzeichnis. 96
Zeitschriftenartikel. 98
Internetquellen 99
Anhang 101
Anhang 1 101
Legespiel „Gefühlsbär“ 101
Anhang 2 102
Diplomarbeit „Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ Gabriele Kuschke
Inhaltsverzeichnis IV
Arbeit mit Gefühlsbändern 102
Anhang 3 104
Beispiel : „Adieu, Herr Muffin“, Kinderbuch 104
Anhang 4 105
Beispiel : „Du fehlst mir, du fehlst mir“, Jugendbuch 105
Anhang 5 106
Diplomarbeit „Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ Gabriele Kuschke
Abkürzungsverzeichnis V
Abkürzungsverzeichnis
bzgl. bezüglich bzw. beziehungsweise d. h. das heißt et. al. et altera ggf. gegebenenfalls Hrsg. Herausgeber i. d. R. in der Regel o. g. oben genannte(n) o. J. ohne Jahresangabe S. Seite(n) sog. sogenannte(n) u. a. unter anderem u. U. unter Umständen u. v. a. m. und vieles andere mehr z.B. zum Beispiel
Diplomarbeit „Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ Gabriele Kuschke
Vorwort 6
Vorwort
Man lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung. (Honoré de Balzac)
Trauer ist ein Gefühl, mit dem alle Menschen im Laufe ihres Lebens mehrfach konfrontiert werden. Dem kann sich keiner entziehen. Trauer - um den Verlust von Bindung, um einen Gegenstand, einen geliebten Menschen, der gestorben ist, um ein abgeschlossenes Kapitel im Lebenslauf, auch um verlorene Liebe. Trauer ist ein Phänomen, das in allen Kulturkreisen vorkommt. Schon bei Kleinkindern ist es ab dem 3./4. Monat nachweisbar.
Doch so verschieden die Menschen sind, so verschieden sind auch ihre Reaktionen auf Verlust und Tod, bei Kindern ebenso wie bei Erwachsenen. Was für den einen vernichtend sein kann, steckt ein anderer nach kurzer Zeit weg, wie man so sagt. Trauer kann krank machen, muss aber nicht. Sie ist eine adäquate emotionale Reaktion auf ein Verlustereignis und keine behandlungsbedürftige Erkrankung; sie könnte es aber werden, wenn z.B. der Tod eines Elternteils sehr plötzlich und dramatisch eintritt. Dann könnte dies beim Kind möglicherweise zu einem Trauma führen, muss es aber nicht. Ähnlich ist es, wenn der Ehepartner plötzlich und unerwartet verstirbt.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass der Verlust eines geliebten Menschen gerade in der Kindheit sehr problematisch sein kann, und bei nicht ausreichend geleisteter Trauerarbeit tiefe Narben auf der Seele zurück lässt.
Ziel dieser Arbeit ist es darzustellen, wie Kinder in verschiedenen Entwicklungsstufen auf den Verlust eines geliebten Menschen reagieren, wodurch diese Reaktionen beeinflusst werden, und wie die entsprechende Begleitung, Hilfe und Unterstützung durch soziale Arbeit aussehen kann.
Diplomarbeit „Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ Gabriele Kuschke
Vorwort 7
Trauer wird auch von jüngeren Kindern schon empfunden. Wie dies entwicklungspsychologisch einzuschätzen ist, werde ich in dieser Arbeit untersuchen. Erklärt werden im ersten Kapitel die Formen von Trauer, Trauerphasenmodelle und Trauerreaktionen. Dabei werden die Spezifik des kindlichen Trauerns (im Unterschied zu dem Erwachsener) und seine Formen - vom unkomplizierten Trauern bis zur Depression - erörtert.
Im zweiten Kapitel werde ich mich mit der Frage auseinander setzen, ob Kinder anders trauern als Erwachsene, und die Vorstellungen der Kinder und Jugendlichen über den Tod und das Sterben darlegen. Dabei werden diese Vorstellungen in ihrem Bezug zu den gesellschaftlichen und sozialen Einflüssen besondere Beachtung erfahren. Ich werde die Bindungstheorie von Bowlby und Ainsworth vorstellen, um zu verdeutlichen, wann und in welchem Ausmaß Bindungen entstehen, und welche Konsequenzen aus deren Verlust resultieren können.
Um einschätzen zu können, wie Kinder dem Tod begegnen, ist es notwendig, die Entwicklung des kindlichen Todesverständnisses zu kennen. Welche Vorstellungen haben Kinder vom Tod? Ab welchem Alter sind sie in der Lage nachzuvollziehen, was es heißt, tot zu sein? Dazu werde ich das Entwicklungsmodell von Jean Piaget zur geistigen Leistungsfähigkeit vorstellen, um die vier Entwicklungsstufen der Denkfähigkeit zu erläutern.
Im dritten Kapitel gehe ich den Fragen nach, ob Verlust und Trauer bei Kindern und Jugendlichen zu traumatischen Reaktionen führen können, wie ein Trauma definiert ist, welche reaktiven psychischen Störungen entstehen können, welche traumatischen Folgen bei dem Verlust von Mutter, Vater oder Geschwistern im einzelnen möglich sind.
Im vierten Kapitel werde ich an Beispielen darstellen, wie man in früheren Jahrhunderten mit Tod und Trauer umging, und wie dies in der Gegenwart geschieht, welche Trauer-Rituale in den Familien üblich waren und welche es heute sind. Am Beispiel von Bestattungsriten aus verschiedenen Religionen und Ländern soll gezeigt werden, dass die Integration von Sterben und Tod in die Gesellschaft - und speziell in die Familie - wie sie früher selbstverständlich war, in dieser Form heute nicht mehr gegeben ist. Daraus resultieren zunehmend kompliziertere Trauerprozesse. In unserer Zeit wird der Tod, und damit das Trauern, sichtlich weniger akzeptiert. Doch es gibt
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Vorwort 8
auch neue Ansätze, die meines Erachtens hilfreich bei der Trauerarbeit sein können. Beispielsweise geht man bei Trauerfeiern wieder mehr in die Familien und bezieht Angehörige und Freunde in die Gestaltung der Feier mit ein. Daneben werden ganz neue Formen von Trauerfeiern angeboten.
Im fünften Kapitel werden die Trauerberatung an sich sowie ausgewählte Methoden der Trauerarbeit vorgestellt, mit denen Kinder und Jugendliche bei ihrer Trauerverarbeitung unterstützt werden können. Gezeigt werden soll, welche Möglichkeiten dabei Entspannungsübungen, Musik, Tanz, Literatur, etc. für Kinder und Jugendliche bieten.
In der Bezeichnung von weiblichen und männlichen Personen, wie Berater, Therapeut, Kind, Jugendlicher etc. beziehe ich mich immer auf beide Geschlechter, auch wenn nur die männliche Form verwendet wird.
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1 Was bedeutet Trauer? 9
1 Was bedeutet Trauer?
1.1 Trauer ist Verlust
Das Wort „trauern“ stammt von dem altenglischen Begriff: „drusian“ = sinken, matt, kraftlos werden. Es beschreibt die Situation eines Menschen, der trauert, es bedeutet niedergedrückt sein, eine schwere Last tragen. Wenn ein Mensch diese Last nach und nach abgelegt hat, ist ein gesundes und natürliches Trauern erfolgt. 1 In einer anderen Übersetzung meint „Trauer“ ein altes, aus dem Englischen stammendes, schon vor dem 9. Jahrhundert gebräuchliches Wort, das von „truren“ - „die Augen niederschlagen“ - abgeleitet ist. Beide Begriffserklärungen beschreiben einen Gemütszustand, den jeder Mensch im Laufe seines Lebens häufiger durchleben muss, als es ihm bewusst wird.
Trauer involviert Hoffnungslosigkeit: Das, was man sich wünschte, wird (für immer oder auf unabsehbare Zeit) verloren bzw. unerreichbar bleiben. Trauer schließt auch Passivität ein, die die Überzeugung widerspiegelt, dass man nichts tun kann.
Trauer tritt auf nach dem schmerzhaften Verlust einer Bindung, der eine deutliche, wenn auch meistens vorübergehende Störung des biologischen, psychischen und sozialen Gleichgewichts darstellt. Traueranlässe:
N Verlust von Gesundheit z.B. chronischer Krankheit,
N Verlust von Lebenszielen, Werten, sozialen Rollen,
N Trennung z.B. Scheidung
N Tod 2
1 Vgl. Enders, Gabriele „Psychosomatische Reaktionen in der Kindertrauer“, 4. Kaarster
Trauertagung, 2002 auf: www. kikt.de/pdf/vortrag_kindertrauer.pdf
2 Vgl. Goldbrunner, Johann (Hrsg.), Gabriele Koch „Trauer und Beziehung“, 1996, Verlag
Grünewald, S. 134
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1 Was bedeutet Trauer? 10
Es gibt zwei Ansätze zur Überwindung der Trauer:
Die Verdrängung und die Verarbeitung.
Durch körperliche Aktivität oder Ablenkung kann der Mensch versuchen, Trauer zu verdrängen oder kurzfristig zu erleichtern. Er kann auch versuchen, den Verlust zu ersetzen. Überwunden im Sinne einer intensiven Bewältigung wird Trauer aber erst, indem sie in Form sogenannter Trauerarbeit bewusst gemacht wird. Jahrhundertealte Trauergebräuche und Rituale haben durch die Kulturgeschichte hindurch hierfür eine stabilisierende und Sinn stiftende Rolle gespielt. Indem der Mensch sich erinnert, durch symbolisches wiederholtes Zurückholen und erneutes Weggeben des Betrauerten, wird ein Sich- Einlassen auf die Extremsituation des Verlustes sowie ein allmähliches Akzeptieren und Loslösen möglich. Die Trauer des Menschen verläuft in mehreren Phasen: 1. Der Mensch befindet sich meist in einer Art Schockzustand, er will nicht wahrhaben, dass er etwas verloren hat, dass ein Mensch oder auch ein Tier verstorben ist
2. Er lebt eine depressive Phase; Sinnleere oder Zukunftsangst sowie Hadern mit dem Schicksal dominieren die Gedanken. Häufig treten Desorientierung und Vergesslichkeit auf, die Aufmerksamkeit im Kontakt mit anderen und in Bezug auf die notwendigen alltäglichen Aufgaben fällt schwer. Es treten Verlassenheits- und Schuldgefühle, auch körperliche Reaktionen, wie z. B. Konzentrationsverlust, Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit und
Gewichtsverlust auf. Weitere Krankheitssymptome sind möglich.
3. Es kommt die Zeit der „Wundheilung“. Die Gedanken an die verstorbene/verlorene Person verursachen nicht mehr so große Verzweiflung. Es gelingt dem Trauernden, den Blick auf die Zukunft zu richten. Schließlich kommt es bei erfolgreicher Trauerbewältigung zu einem neuen seelischen Gleichgewicht. 3
3 Vgl. www.wikipedia.org /wiki/ Trauer
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1 Was bedeutet Trauer? 11
„Verlust“ bedeutet in diesem Sinne die Trennung von etwas, das in gewisser Weise
Teil der Existenz des Individuums ist, oder ihm gehört. Dieses „Etwas“ kann eine Person sein, jemand, der ihm sehr nahe stand und durch den Tod oder das Auseinanderbrechen einer Beziehung von ihm getrennt oder für immer aus seiner Umgebung entfernt wird. Es könnte sich aber auch um den Verlust einer Fähigkeit, etwa des Hörens, des Sehens oder der Beweglichkeit infolge einer Krankheit oder eines Unfalls handeln. Der Verlust von Unabhängigkeit oder Status, von Geld oder materiellem Besitz kann für den Einzelnen bedeutende Einbußen darstellen. Ein schwerer Verlust beinhaltet die nicht wieder rückgängig zu machende Trennung von einem physischen oder emotionalen Teil der Person. Die Auswirkungen eines Verlustes sind bei den einzelnen Individuen sehr unterschiedlich und hängen von verschiedenen Variablen ab: N Persönlichkeit
N Art des Verlustes
N Zeitpunkt des Verlustes im Verhältnis zu anderen Ereignissen im Leben der Person
N Andere bedeutende Ereignisse im Leben der Person
N Die Einbeziehung naher Freunde oder Verwandter
N Die praktischen Auswirkungen des Verlustes für das zukünftige Leben des Individuums
Der Prozess des Verlustes und der Trauerarbeit umfasst die Wiederanpassung des Individuums an die neue Situation, in welcher es sich befindet. Es muss feststellen, dass frühere Ansichten über die Welt ihre Gültigkeit verlieren können, und dass es eventuell neue Wege des Denkens und Handelns einschlagen muss. 4 Der Verlust eines Elternteils oder Geschwisters wird bei Kindern nach dem bevorstehenden eigenen Tod als der schmerzlichste Verlust angesehen. Trauerphasen-Modelle haben Vor- und Nachteile. Sie sind generell nur ein Versuch, komplexe Phänomene auf eine mehr oder weniger einfache Art zu beschreiben. Bei näherer Betrachtung stellt man leicht fest, dass die verschiedenen Modelle Ähnlichkeiten aufweisen und sich einander
4 Cook, Bridget/ Phillips, Shelagh G. „Verlust und Trauer“ , Ullstein Mosby GmbH & Co KG
Berlin/ Wiesbaden, 1995, Seiten 1-3
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1 Was bedeutet Trauer? 12
beeinflussen. Sie sprechen dem Trauerleben eine Bedeutung zu, die zugleich Lösungsmöglichkeiten zur Überwindung der Krise in sich birgt. 5
1.1.1 Trauerphasen nach Verena Kast
Die Schweizer Psychologin Verena Kast 6 entwickelte durch die Beobachtung an Trauernden, vorrangig durch die Auswertung der Träume, die nach ihrer Ansicht den Trauerprozess einleiten und an denen sie die Entwicklung des Trauerprozesses abliest, ein Modell von Trauerphasen. 1. Die Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens
Der Verlust wird geleugnet, kann nicht realisiert werden und die eigenen Emotionen können nicht wahrgenommen werden. Die trauernde Person scheint empfindungslos und fühlt sich oft selbst „wie tot“. Die körperlichen Reaktionen können alle Symptome eines Schocks (schneller Pulsschlag, Schwitzen, Übelkeit, motorische Unruhe) sein. 7 Diese Phase kann von einigen Stunden bis zu etwa einer Woche andauern, im Falle eines plötzlichen Todes kann sie noch länger anhalten. Dieses Nicht-wahrhaben-Wollen ist sowohl als Verdrängung, als auch als Schutz vor überwältigenden Gefühlen, mit denen nicht umgegangen werden kann, zu verstehen. 2. Die Phase der aufbrechenden Emotionen
In dieser Phase taucht der Trauernde in ein regelrechtes Gefühlschaos ein: Wut, Trauer, Angst, Zorn, Schmerz, Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle, u. v. a. m. stellen sich ein. Die Ohnmacht des Menschen angesichts des Todes kann nur schwer eingesehen werden. Es treten Schuldgefühle auf, weil man befürchtet, nicht alles getan, etwas versäumt oder unterlassen zu haben, das den Tod hätte verhindern können oder es werden andere Menschen dessen beschuldigt. Dabei ist es sehr
5 Vgl. Frank Natho „Bindung und Trennung“, Edition Gamus,2007, S. 133
6 geboren 1943, studierte Psychologie, Philosophie und Literatur und promovierte Sie ist
Professorin für Psychologie an der Universität Zürich, Dozentin, Lehranalytikerin und
Psychotherapeutin in eigener Praxis
7 Vgl. Specht-Tomann / Tropper, 1998
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1 Was bedeutet Trauer? 13
wichtig, Gefühle zuzulassen, dies ist Bedingung für ein Fortschreiten des Trauerprozesses, was durch gesellschaftliche Zwänge erschwert werden kann. 3. Die Phase des Suchens und Sich-Trennens
Beim Verlust eines geliebten Menschen sucht der Trauernde zum einen den realen Menschen durch das Aufsuchen von Orten wieder zu finden, die der Verstorbene mochte. Er sucht in den Gesichtern anderer Menschen nach Zügen des Verstorbenen; er übernimmt Gewohnheiten des Verstorbenen. Zum anderen sucht er Möglichkeiten, Teile der Beziehung durch Erzählungen und Geschichten über den Verstorbenen oder durch innere Zwiegespräche mit ihm zu erhalten. Eine innere Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen findet statt. Dieses Suchen bereitet den Trauernden darauf vor, ein Weiterleben ohne den Verstorbenen zu akzeptieren, keineswegs aber ihn zu vergessen. Je mehr der Trauernde findet, das weiterleben, weitergegeben und erinnert werden kann, um so eher kann schrittweise ein Abschiednehmen und letztlich die Trennung vom Verstorbenen erfolgen. 4. Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs
Der Verstorbene wird zu einer Art „inneren Figur“. Dies kann sich darin ausdrücken, dass der Verstorbene als innerer Begleiter erlebt wird oder dass der Trauernde Lebensmöglichkeiten, die zuvor an die gemeinsame Beziehung gebunden waren, in sein eigenes Leben integriert hat. Die Gedanken und Handlungen des Trauernden kreisen nicht mehr ausschließlich um den Verstorbenen, es wird wieder möglich das eigene Leben zu gestalten. Selbstvertrauen und Bezugsfähigkeit wachsen, so dass neue Beziehungen eingegangen werden können. 8
8 Vgl. „Zeit der Trauer“, Verena Kast
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1 Was bedeutet Trauer? 14
1.1.2 Trauerphasen- Modell nach John Bowlby
Nach Bowlby 9 ist das Trauerverhalten des Menschen allein ein Ausdruck seines starken Bindungsbedürfnisses. Demnach stellt Trauer den Versuch dar, die Bindung aufrecht zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Dieses Ziel versucht der Mensch mit unterschiedlichen Verhaltensmustern, die sich in den Trauerphasen widerspiegeln, zu erreichen. Trauer ist seiner Meinung nach nicht nur eine psychische Reaktion, sondern Teil eines Überlebensinstinkts und erfüllt eine vitale und biologische Funktion. 10 Dieses Phasenmodell gilt für Kinder und auch für Erwachsene. 1. Phase - Betäubung
Es ist die Phase der Sprach-, Gefühl- und völligen Orientierungslosigkeit, sie tritt unmittelbar nach einem Bindungsverlust ein. Sie kann mehrere Wochen oder gar Monate andauern, trifft Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Beispielsweise der plötzliche Tod eines Ehegatten ist solch ein dramatischer Verlust. Dabei fühlen sich die Betroffenen wie betäubt und gelähmt, sie reduzieren alle Handlungen auf das Notwendigste, führen diese wie mechanisch aus. Man spricht dabei von einem vorübergehenden dissozialen Zustand, bei dem verschiedene Bereiche des Selbsterlebens und des Bewusstseins abgespalten sind. Dies äußert sich im Vermeiden jeglicher Kommunikation mit anderen. Dieser Zustand wird hin und wieder durch extrem starke seelische Schmerzen und aggressiv- ärgerliche Gefühle unterbrochen. Eine verwitwete Frau berichtete aus dieser Trauerzeit, sie sei drei Wochen lang relativ gefasst und beherrscht gewesen, bis sie schließlich auf der Straße zusammenbrach und weinte. Über diese drei Wochen sagte sie später im Gespräch, es sei wie eine „Wanderung am Rande eines schwarzen Abgrundes“ gewesen. 11 Die Betäubung ist meist die kürzeste der vier Phasen.
9 John Bowlby (1907-1990), britischer Psychiater und Psychoanalytiker, arbeitete und forschte
an der Tavistock Klinik in London. Für seine Arbeiten erhielt er weltweit zahlreiche
Auszeichnungen bedeutender Fachgesellschaften, u. a. der American Psychological
Association und der British Pediatric Association.
10 Vgl. Frank Natho „Bindung und Trennung“, Edition Gamus,2007, S. 133-134
11 Vgl. John Bowlby, „Das Glück und die Trauer“, Klett-Cotta, 2001, S.107-108
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1 Was bedeutet Trauer? 15
2. Phase - Sehnsucht und Suche nach der verlorenen Bindungsfigur: Zorn Nach einigen Tagen oder Wochen tritt eine Veränderung im Trauerverhalten ein. Der Trauernde wird überschwemmt von sehr starken, anfallartigen Gefühlen, die sein emotionales Erleben stark verändern können. Er beschäftigt sich in Gedanken ständig mit dem Verlust oder der Gefahr des Verlustes. Der trauernde Mensch ist in dieser Phase sehr ruhelos, fühlt sich getrieben, jede erdenkliche Möglichkeit sein Schicksal zu wenden, zu erkennen und zu nutzen. 3. Phase - Desorganisation und Verzweiflung
Die Intensität der Auflehnung verändert sich durch den Versuch, mit allen nur erdenklichen Mitteln die Bindung wiederherzustellen. Die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr der Bindungsperson wird geringer mit jedem weiteren gescheiterten Versuch, die Trennung, den Verlust rückgängig zu machen. Der Mensch fällt in ein emotionales Chaos, erste kurze Ruhepausen und Erschöpfungszustände werden sichtbar. Diese wechseln mit aggressiven Verhaltensweisen, die Ausdruck unterschiedlicher Gefühle sind, ab. Ausdruck der Desorganisation können sein: Schlafstörungen, verändertes Essverhalten und auch Suchtverhalten. 4. Phase - Reorganisation
Bowlby bezeichnet diese Reorganisation auch als „Loslösung“. Er meint damit, dass in dieser Phase das Interesse an der Bindungsperson nachlässt. Die trauernde Person gewinnt ihre emotionale Stabilität wieder und zeigt immer weniger auffälliges Verhalten. Die Identität und Persönlichkeit der Person verändern sich, Betroffene fühlen sich gestärkt, die anstehenden Lebensschritte zu gehen. Es werden neue Beziehungen aufgebaut und tiefere Bindungen hergestellt. 12
12 Vgl. Natho,Frank „Bindung und Trennung“, Edition Gamus,2007, S. 134-138
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1 Was bedeutet Trauer? 16
1.1.3 Die Phasen der Trauerarbeit nach Yorick Spiegel
Yorick Spiegel 13 beschreibt in dieser Schrift vier Phasen, die jeder Trauernde durchlaufen muss.
1. Schockphase
Die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen führt zunächst zu einem Gefühl der Betäubung und des Schocks.
Der Trauernde will den Tod nicht akzeptieren und ist zu keiner Gefühlsregung fähig. Diese Phase dauert normalerweise einige Stunden, maximal ein bis zwei Tage. 2. kontrollierte Phase
Die mit der Vorbereitung der Beerdigung verbundenen Aufgaben nehmen den Trauernden stark in Anspruch. Das ist durchaus willkommen, denn es lenkt von den eigenen Gefühlen ab, die mit allen Mitteln zurückgehalten werden, um keinen Zusammenbruch zu erleiden.
Trauernde empfinden diese Phase oft, als wären sie unbeteiligte Zuschauer in einem Film, der an ihnen vorüberzieht. 3. Phase der Regression
Nach der Beerdigung und der Abreise der Angehörigen ist der Trauernde weitgehend sich selbst überlassen. Das Interesse am "äußeren" Leben ist gering, wichtig ist jetzt die Verarbeitung des Erlebten. Dabei macht sich der Trauernde oft ein Idealbild des Verstorbenen und blendet negative Erfahrungen zunächst aus. Dadurch werden die Trauer und die Verlusterfahrung noch weiter vergrößert. Nach und nach gelingt es aber, auch die weniger schönen Erinnerungen wieder zuzulassen.
13 ist emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Johann-Wolfgang-
Goethe-UniversitätFrankfurt am Main. Er schrieb seine Habilitationsschrift "Der Prozess des
Trauerns. Analyse und Beratung" 1972, die 1973 unter gleichem Titel veröffentlicht wurde
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1 Was bedeutet Trauer? 17
Zumeist ist der Trauernde erst nach mehreren Monaten wieder in der Lage, sich seiner Umwelt vermehrt zuzuwenden. Er ist jetzt, trotz Rückfällen in Traurigkeit und Angst, wieder in der Lage, neue Beziehungen einzugehen, die über das Ersetzen des erlittenen Verlustes hinausgehen. 14
Neben den angeführten Beispielen von Trauerphasenmodellen gibt es weitere von E. Kübler- Ross, M. Specht- Tomann und D. Tropper. Im Vergleich dieser Modelle ist auffallend, dass jedes Modell andere Schwerpunkte in seiner Betrachtung des Trauerprozesses entwickelt. Die Unterschiede sind aber in erster Linie strukturell, also in der Benennung und Einteilung zu finden. Ein Beispiel soll das verdeutlichen. In der zweiten Phase, die als Phase der gesteigerten, widersprüchlichen Emotionen gesehen wird, folgt bei Kübler- Ross auf den ersten Schockzustand Groll, Zorn, Neid und Wut. Kast und Bowlby sehen die aufbrechenden Emotionen bereits als Zeichen des Bindungsverlustes, des Suchens nach der verlorenen Person. Spiegel, der das gesellschaftliche Umfeld in seine Betrachtungsweisen einfließen lässt, sieht eher die Kontrolle der Emotionen als zentrales Phänomen. Gerade diese Selbstkontrolle kann aber zu unerklärlicher Reizbarkeit und Verletzlichkeit führen. Wichtig ist es bei allen Phasenmodellen anzumerken, dass die einzelnen Phasen mehrfach durchlebt werden können, wenn sie nicht erfolgreich durchlaufen wurden, oder wenn Rückschritte eintreten. Auch die Beschreibung der Gemütszustände in den Phasenmodellen wird man in dieser klar abgegrenzten Form im realen Leben eher selten antreffen.
1.2 Trauerreaktionen
Man unterscheidet zwischen normaler und komplizierter (pathologischer) Trauerreaktion. Verläuft die Trauer normal, kann der Betroffene alle Trauerphasen erfolgreich durchlaufen und sein Leben, ist der Verlust verarbeitet, weiterleben. Verläuft die Trauer kompliziert, kann es sein, dass der Betroffene in der Trauer verharrt, eine oder mehrere Phasen nicht erfolgreich abschließt und möglicherweise sogar krank
14 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Yorick_Spiegel
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1 Was bedeutet Trauer? 18
werden kann. Wie sich diese Reaktionen im Einzelnen äußern können, ist im Folgenden dargestellt.
Diplomarbeit „Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ Gabriele Kuschke
1 Was bedeutet Trauer? 19
1.2.1 unkompliziertes (normales) Trauern
Trauerreaktionen drücken sich auf der körperlichen, affektiven, kognitiven Ebene sowie der Ebene des Verhaltens aus. Im Bereich der körperlichen Ebene macht sich Trauer durch Leeregefühl im Magen, Beklemmung in der Brust, das Gefühl, die Kehle sei zugeschnürt, Überempfindlichkeit gegen Lärm, das Gefühl der Fremdheit der eigenen Person (Depersonalisation) bzw. der Umgebung (Derealisation) gegenüber, Atemlosigkeit und Kurzatmigkeit, Muskelschwäche, Antriebsmangel und
Mundtrockenheit bemerkbar. Auf der Ebene der Affekte reagiert der Mensch mit Traurigkeit (oft mit Weinen verbunden), Zorn und Aggression, Schuldgefühle und Selbstanklagen, Angst, Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit, Müdigkeit und Apathie, Sehnsucht, Betäubung und Abgestumpftheit. Kognitive Veränderungen nimmt man wahr als Unglauben und Nicht-wahrhaben-wollen, Verwirrung und Konzentrationsschwäche, intensive Beschäftigung mit dem Verstorbenen, Gefühl der Anwesenheit des Verstorbenen, Illusion und Halluzination. Das Verhalten ist auffällig durch Schlafstörungen, Appetitstörungen, Geistesabwesenheit, sozialen Rückzug, Träume vom Verstorbenen, Meiden von Erinnerungen an den Verstorbenen, Suchen und Rufen, rastlose Überaktivität, Zwangshandlungen. Wie anfangs erwähnt, handelt es sich hierbei um normale Trauerreaktionen unmittelbar nach der Todesnachricht, diese manifestieren sich bei jedem Menschen unterschiedlich. Abhängig vom Charakter der Bindung, der persönlichen Konstitution und früherer Trauererfahrungen oder auch zusätzlicher Belastungen gelingt es individuell mit dem Verlust umzugehen. Wichtig dabei ist, dass sich über einen längeren Zeitraum hinweg keine pathologische bzw. komplizierte Trauer entwickelt. 15
Hilfreich für den Trauernden kann auch der Blick auf die Lebensphasen sein, die möglicherweise auf sie zukommen, um nicht in der Hoffnungslosigkeit zu versinken.
1.2.2 kompliziertes (pathologisches) Trauern
Allgemein spricht man von komplizierter Trauer, wenn der Trauernde das Ereignis des Todes bzw. des Verlustes nicht bewältigen kann und sein Trauern erheblich von einem
15 Vgl. http:/trauern.at/Rechts_Trauern.html
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1 Was bedeutet Trauer? 20
normalen Trauerprozess abweicht 16 . Es gibt verschiedene Formen der komplizierten Trauer: lavierte, chronische, verzögerte und übertriebene Trauerreaktion. 17 Lavierte Trauer bedeutet, dass der Person selbst bestimmte Verhaltensauffälligkeiten bewusst sind, sie diese jedoch nicht mit der Trauer in Verbindung bringt. Chronisch bedeutet, dass die Trauer lange anhält und nie endgültig zu einem Abschluss kommt. Verzögert bedeutet, dass der Trauernde anfänglich nur geringe Trauerreaktionen zeigt, jedoch später bzw. bei einem erneuten Verlust heftige Trauerreaktionen zeigt, die übertrieben scheinen. Von übertriebener Trauer wird gesprochen, wenn die Trauer so lähmend und übermäßig auftritt, dass der Trauernde Hilfe benötigt. Bei manchen Menschen bleibt eine normale Trauerreaktion aus. Mitbestimmend für das Ausbleiben einer normalen Trauerreaktion können die folgenden fünf Bereiche sein:
Persönlichkeitsfaktoren
Dies sind u. a. charakterliche Eigenschaften, die eine Bewältigung von seelischem Schmerz verhindern können. Der Mensch kann die extreme seelische Belastung nicht ertragen, zieht sich zurück, um sich dagegen abzuschotten. Angstgefühle werden nicht ertragen, das Gefühl von Hilflosigkeit soll vermieden werden, deshalb werden solche Menschen, die normalerweise sehr kompetent ihr Leben gestalten können, gerade diejenigen sein, die ein größerer Verlust viel mehr aus dem Konzept bringt. Auch das Bild von uns selbst, unsere Vorstellungen davon, wer wir sind, können unter Umständen das Trauern verhindern. Dies tritt dann ein, wenn der Mensch in seiner Umwelt als „stark“ gesehen werden will und auch gesehen wird. Dann kann es sein, dass er sich keine Trauergefühle erlaubt, so dass eine angemessene Bewältigung des Verlustes nicht möglich wird. 18 Überträgt sich dieses Verhalten von Eltern auf ihre Kinder, kann es auch den Trauerprozess der Kinder verhindern, da sie die
16 vgl. Goldbrunner, Johann „Trauer und Beziehung“, 1996, Verlag Grünewald, S. 36
17 vgl.; Goldbrunner, Johann „Trauer und Beziehung“, 1996, Verlag Grünewald, S.36
18 Vgl.: Worden, William „Beratung und Therapie in Trauerfällen“, Verlag Hans Huber 2007, S.
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Diplomarbeit „Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ Gabriele Kuschke
1 Was bedeutet Trauer? 21
vermeintliche Stärke als etwas Erstrebenswertes bewerten. Erst wenn diese Menschen zulassen können, dass sie Trauer, Schmerz, Angst und Wut empfinden dürfen, wenn das Bedürfnis, stark zu sein nicht mehr primär ist, können sie diesen Verlust verarbeiten. Soziale Faktoren
Es gibt soziale Faktoren, die ein kompliziertes Trauern begünstigen können. Normalerweise stützen sich Menschen in einem sozialen Rahmen gegenseitig. Wird aber in diesem Rahmen der Verlust als etwas betrachtet, über das man nicht spricht, wie z.B. bei Suizid, Immunschwächekrankheiten wie Aids, Tod durch Alkoholismus oder andere Drogen, kann es sein, dass das Umfeld über die Todesumstände schweigt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch über eine „Verschwörung des Schweigens“. Ein zweiter sozialer Faktor, der eine Trauerreaktion kompliziert, ist die soziale Negation eines Verlustes, also, wenn die Menschen so tun, als hätte sich der Verlust nicht ereignet. Dieses Verhalten findet sich z.B. vermehrt bei Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch hatten, von dem niemand wissen soll, und sie dieses Geheimnis mit sich tragen, es so schnell wie möglich „vergessen“ wollen. Aber auch dieses Verlusterlebnis muss angemessen betrauert werden. Wird es verdrängt, kann sich die Trauer bei einem anderen, späteren Verlust plötzlich einstellen. Ein dritter Faktor ist das Fehlen eines sozialen Stützgefüges. 19 Man nennt es auch das soziale Umfeld, das nicht nur Verwandte, sondern auch Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn umfasst. Solch ein soziales Stützgefüge ist geografisch bedingt, da in der flexiblen Arbeitsgesellschaft durch häufiges Umziehen (wegen Arbeitsplatzwechsel u. a.) Familie, Freunde und Nachbarn entweder den Verstorbenen nicht kannten, und so nur bedingt stützen können, oder zu weit entfernt sind, um wirklich helfen zu können. Auch soziale Isolation kann eine Folge von fehlender Hilfe und Beistand sein. Anamnestische Faktoren
Haben Menschen schon früher in ihrem Leben komplizierte Trauerreaktionen gehabt, werden sie bei erneutem Verlust wahrscheinlich ähnlich kompliziert reagieren. Denn frühere Verluste wirken auf gegenwärtige Verluste und auch auf die Bindungen, dies alles erhöht die Furcht vor künftigen Verlusten, und damit die verminderte
19 Vgl.: Worden, William „Beratung und Therapie in Trauerfällen“, 2007, S. 73-75
Diplomarbeit „Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ Gabriele Kuschke
1 Was bedeutet Trauer? 22
Bindungsfähigkeit. 20 Wurde z.B. die Trauer bei einem Kind nicht bis zur letzten Phase abgeschlossen und verlief kompliziert, so wird es dem Erwachsenen fünfundzwanzig Jahre später immer noch nicht möglich sein, an einer Trauerfeier ohne starke Emotionen teilzunehmen, auch wenn er dem Verstorbenen nicht besonders nahe stand. Allein die Atmosphäre, die Räumlichkeiten, die Musik und die Trauerreden „werfen“ ihn so stark in die alte Trauer zurück, dass die Emotionen nicht angemessen gesteuert werden können. Die Tränen gelten der ursprünglichen Trauer, und die gegenwärtige Situation wird nur der äußere Rahmen und Auslöser dafür sein. Beziehungsfaktoren
Hier geht es um die Art der Beziehung, die der Trauernde zum Verstorbenen hatte. War diese Beziehung ambivalent, also ein Nebeneinander von gegensätzlichen Gefühlen, Gedanken und Wünschen (zwiespältig, doppelwertig, mehrdeutig, vielfältig), so verhindert sie angemessenes Trauern. Es handelt sich hier um ein „Sowohl/Als auch“ von Einstellungen. Der Begriff „Hassliebe“ ist ein Beispiel für eine solche untrennbare Verknüpfung gegensätzlicher Wertungen. 21 Die Unfähigkeit, sich mit der Beziehung zum Verstorbenen ambivalent auseinander zu setzen, hemmt das Trauern zumeist durch übermäßigen Zorn und Schuldgefühle. Aber auch Menschen, die sehr narzisstische Beziehungstypen sind, können große Probleme beim Trauern haben. Der Verstorbene stellt eine Erweiterung von ihnen selbst dar. Müssten sie sich den Verlust eingestehen, wären sie gezwungen, den Verlust eines Teils von sich selbst zu akzeptieren und werden ihn wahrscheinlich leugnen. Ein anderer Typ ist der stark abhängige Beziehungstyp, der nach dem Verlust seines (emotional) sehr starken Partners einen Wandel seines Selbstbildes erfährt. Er wird wieder zu der hilflosen Person, die er früher, vor der für ihn so bedeutsamen Beziehung, war. Die chronische Trauer setzt sich endlos fort, sie kommt nie zum Abschluss. Der Trauernde scheint festzustecken. Aus dieser Situation findet er oft allein nicht mehr heraus.
20 Vgl.: Worden, William „Beratung und Therapie in Trauerfällen“, 2007, S. 71-72
21 Vgl: www.wikipedia.org/wiki/Ambivalenz
Diplomarbeit „Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen“ Gabriele Kuschke
Arbeit zitieren:
Gabriele Kuschke, 2008, Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
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