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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Theorien der Ehestabilität 5
2.1 Austauschtheorie 5
2.2 Mikroökonomische Theorie der Familie (Familienökonomie) 8
2.3 Framing-Modell der Ehe 10
3. Entwicklung der Scheidungszahlen in Deutschland seit 1900 11
4. Stand der deutschen Ehescheidungsforschung 14
4.1 Ehespezifische Investitionen 14
4.2 Eheexterne Barrieren 17
5. Diskussion und Kritik 20
6. Fazit und Ausblick 22
7. Literaturverzeichnis 24
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1. Einleitung
Warum gibt es Ehen, die bis zum Lebensende der Ehepartner halten, während andere geschieden werden? Die Erforschung und Analyse der Ehestabilität wurde von der deutschen Familiensoziologie - im Gegensatz zu den USA - über lange Zeit völlig vernachlässigt. Einen Grund für das späte Erwachen der Disziplin in Deutschland sieht Wagner (1993: 372) in der Tatsache, dass die Scheidungsraten in der Bundesrepublik in den 1960er-Jahren im Vergleich zur unmittelbaren Nachkriegszeit relativ niedrig waren, erst ab den 1970er-Jahren wieder kontinuierlich anstiegen und somit zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion wurden. Zahlreiche Arbeiten (u.a. Hill/Kopp 2006: 286f und Engelhardt 2002: 9) halten dabei jedoch fest, dass Ehescheidungen kein alleiniges Phänomen der modernen Gesellschaften sind, sondern vielmehr seit jeher Teil der menschlichen Beziehungen fast überall auf der Welt. Mit anderen Worten: „Die Institution der Scheidung ist wahrscheinlich genauso alt wie die Ehe selbst“ (Hill/Kopp 2006: 268f). Neu ist in vielen westlichen Industriegesellschaften vor allem das Ansteigen der Scheidungsziffern auf ein bis dahin nicht erreichtes Niveau.
Korrespondierend mit den steigenden Scheidungszahlen hat die Ehescheidungsforschung in den vergangenen knapp dreißig Jahren einen enormen Aufschwung in Deutschland erlebt, wobei die Expansion des Forschungsfeldes dabei wesentlich durch methodische Innovationen - wie beispielsweise die präzise Erhebung von Eheverläufen im Rahmen der Längsschnittforschung sowie der Anwendung statistischer Verfahren der Ereignisanalyse - ermöglicht wurde (vgl. Wagner/Weiß 2003: 29). Mittlerweile wurden derart viele Ehescheidungsrisiken ermittelt, sodass der Stand der Forschung nur schwer zu überblicken ist.
Aufgrund der Bandbreite der Thematik erscheint es daher zweckmäßig, sich auf einen bestimmten Aspekt des Themas zu beschränken. Konkret liegt der inhaltliche Schwerpunkt dieser Arbeit in einer formalen theoretischen und empirischen Betrachtung der Rolle von ehespezifischen Investitionen und eheexternen Barrieren in Bezug auf die Stabilität von Ehen. Obgleich die einzelnen Kapitel aufeinander aufbauen und Querverbindungen durch entsprechende Hinweise aufgezeigt werden, können
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die einzelnen Abschnitte prinzipiell auch isoliert voneinander gelesen werden. Zunächst werden in Kapitel 2 mit der Austauschtheorie und der mikroökonomischen Theorie der Familie die zwei bedeutendsten Theorieansätze zur Erklärung der Ehestabilität vorgestellt. Kapitel 3 gibt einen kurzen Abriss über die Entwicklung der Scheidungszahlen in Deutschland seit 1900, während Kapitel 4 im Anschluss daran versucht, die bisher geleistete deutsche Forschung zu den Einflussfaktoren des Ehescheidungsrisikos mit besonderem Blick auf die Rolle und Bedeutung der Investitionen und Barrieren zu bilanzieren. In Kapitel 5 werden die gewonnenen Erkenntnisse kritisch betrachtet und diskutiert, bevor im sechsten und letzten Kapitel ein Fazit gezogen und ein kurzer Ausblick gegeben wird.
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2. Theorien der Ehestabilität
Wenngleich keine allgemeine homogene soziologische Theorie der Ehescheidung existiert (vgl. Hartmann 1989: 42), werden zur Erklärung der Ehestabilität vorrangig die Austauschtheorie und die mikroökonomische Theorie der Familie (kurz: Familienökonomie) herangezogen 1 . Gemeinsam ist diesen individualistischen Erklärungsansätzen, dass ihnen die Rationalitätshypothese zugrunde liegt (vgl. Engelhardt 2002: 29) und sie „die Entstehung, Entwicklung und Auflösung von Partnerschaften durch eine Analyse der Austauschprozesse zwischen den Partnern zu verstehen suchen“ (Wagner 1997: 88). Beide Theorien werden im folgenden skizziert und die jeweilige Rolle von Investitionen und Barrieren abgeleitet. Der Vollständigkeit halber wird anschließend mit dem von Esser (1999) in neuerer Zeit vorgeschlagenen Framing-Modell der Ehe ein dritter Erklärungsansatz kurz vorgestellt.
2.1 Austauschtheorie
Die Austauschtheorie, die die wohl umfassendste und zur Erklärung von Ehescheidungen am häufigsten herangezogene sozialwissenschaftliche Theorie darstellt (vgl. Hartmann 1989: 64), geht auf Peter M. Blau (1964), George C. Homans (1961) sowie John W. Thibaut und Harold H. Kelley (1959) zurück. Obgleich sich hinter dem Begriff kein einheitliches Theoriekonstrukt verbirgt, gehen alle Varianten von einem zielgerichteten Individuum aus, dessen Verhalten von einem Kosten-Nutzen-Kalkül gesteuert wird (vgl. Engelhardt 2002: 29). Akteure verfolgen ihre Ziele durch Austausch von materiellen und nicht-materiellen Ressourcen und streben danach, in Interaktionen und somit auch in intimen Beziehungen „ihren Nutzen zu maximieren und ihre Kosten zu minimieren“ (Wagner/Weiß 2003: 36). Ausgehend von dieser Prämisse kommt ein Austausch dann zustande (und wird dauerhaft), wenn sich jeder Akteur von dem Tausch mit mindestens einem anderen Akteur auf Dauer einen Gewinn bzw. Vorteil verspricht. „Dieser Gewinn (oder Nettonutzen) ergibt sich aus der Differenz zwischen den Kosten und dem Nutzen der
1 Zusammenfassungen weiterer Theorieansätze finden sich z.B. bei Engelhardt (2002) und Stauder
(2002).
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Handlung“ (Engelhardt 2002: 29). Liegen mehrere Handlungsalternativen vor, wählt der Akteur laut Engelhardt „diejenige mit dem subjektiv größten erwarteten Gewinn“. Eheliche Beziehungen erscheinen aus dieser Perspektive als „verstetigte Tauschbeziehungen, die als wechselseitig belohnend empfunden werden, somit im Interesse der Beteiligten liegen und deren Belohnungswert subjektiv höher ist als bei alternativ realisierbaren Beziehungen“ (Hill/Kopp 2006: 277). Die zum Austausch anstehenden Ressourcen sind nach Safilios-Rothschild (1976: 356) dabei überwiegend emotionaler und affektiver Art (z.B. Liebe, Zuneigung, Verständnis und Vertrauen). An diese Konzepte anknüpfend, wendeten Levinger (1976, 1982) und Lewis/Spanier (1979) die Austauschtheorie auf eheliche Beziehungen und die Frage der ehelichen Stabilität an. Ehestabilität wird dabei allgemein definiert „as the formal or informal status of a marriage as intact or nonintact“ (Lewis/Spanier 1979: 269). Die drei Grundelemente der Theorie sind in der Version von Lewis und Spanier (1979, 1982) die Ehequalität; das Ausmaß, in dem sich die Partner zu außerehelichen Alternativen hingezogen fühlen, sowie externe Austrittsbarrieren, die die Trennung vom Ehepartner erschweren (vgl. u.a. Engelhardt 2002: 30 und Wagner/Weiß 2003: 36). Die Ehequalität wird als die „umfassende subjektive Bewertung der ehelichen Beziehung“ (Hill/Kopp 2006: 278) definiert; in sie fließen Belohnungen und Kosten ein, die sich in den verschiedenen Lebensbereichen ergeben. Lewis/Spanier (1979) begreifen Ehequalität „als Funktion mehrerer Variablen, die modellhaft verschiedenen Bereichen zugeordnet werden“ (Stauder 2002: 48). Zu diesen Variablen zählen voreheliche Faktoren (z.B. Paarhomogenität, materielle Ressourcen oder Herkunftsfamilie), sozioökonomische Merkmale einer Ehe (z.B. Haushaltseinkommen oder Kinderzahl) und die Belohnungen durch die eheliche Interaktion wie z.B. emotionale Zuwendung oder gegenseitige Wertschätzung (vgl. Engelhardt 2002: 30 und Stauder 2002: 48f). Außereheliche Alternativen (z.B. ein neuer Partner oder eine andere Lebensweise) bringen aus der Sicht dieser Theorie Belohnungen mit sich, beispielsweise finanzielle Unabhängigkeit (materielle Belohnung) oder sexuelle Abwechslung (immaterielle Belohnung). Zu den externen Barrieren, die einer Ehescheidung entgegenstehen, zählen dagegen die materiellen und nicht-materiellen Austrittskosten. Zu ihnen lassen
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sich u.a. Unterhaltszahlungen, der Verlust der täglichen Interaktion mit den Kindern oder soziale Stigmatisierung rechnen (vgl. Engelhardt 2002: 30). Basierend auf diesen drei Grundelementen ist die Entscheidung einer Person zu einer Trennung bzw. Ehescheidung dann umso wahrscheinlicher (vgl. Lewis/Spanier 1982: 53 und Stauder 2002: 47),
- je geringer die Ehequalität ist,
- je attraktiver die nachehelichen Alternativen und
- je geringer die sozialen und materiellen Kosten (Barrieren) für diese Handlung sind. Dabei ist jedoch zu beachten, dass eine hohe Ehequalität nicht automatisch auch eine hohe Ehestabilität garantiert. Auch eine Ehe mit geringer Ehequalität kann stabil sein, „wenn zugleich externe Barrieren eine Trennung erschweren und nacheheliche Alternativen nicht positiv beurteilt werden“ (Engelhardt 2002: 31). Umgekehrt führt eine niedrige Ehequalität nur dann zur Instabilität der Ehe, „wenn nennenswerte Alternativen wahrgenommen werden können und eine Ehelösung von ihren Kosten her realisierbar“ (Stauder 2002: 48) erscheint.
Hill und Kopp (1990) erweitern das vorgestellte Modell um den Aspekt ehespezifischer Investitionen und gehen von der Hypothese aus, „dass die Attraktion und Zufriedenheit mit einer Beziehung die Einbindung in die Beziehung stärkt und dass bei einer Entscheidung nicht nur die gegenwärtige Zufriedenheit mit der einer alternativen Beziehung verglichen [...] und dann die ‚bessere’ Beziehung gewählt wird, sondern dass auch die Investitionen in die bestehende Beziehung von Bedeutung sind“ (Stauder 2002: 49). Die Bindung an eine Ehe bzw. einen Ehepartner (commitment) wächst also mit der Menge der ehespezifischen Investitionen in Form von Zeit und sonstigen Ressourcen, da sie die Trennungskosten erhöhen (würden). Es lässt sich somit schlussfolgern: je höher die Ausprägung der oben genannten Variablen, „desto höher ist die Ehequalität, welche wiederum in Abhängigkeit von den wahrgenommenen Trennungskosten und den Alternativen zur bestehenden Beziehung die Stabilität der Dyade positiv beeinflusst“ (Hill/Kopp 2006: 281).
Arbeit zitieren:
Christian Rohm, 2009, Die Bedeutung von Investitionen und Barrieren in Bezug auf die Stabilität von Ehen, München, GRIN Verlag GmbH
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