Danksagung
Einleitend zu meiner Diplomarbeit „Wenn Eltern trinken - Alkoholabhängigkeit
in der Familie unter besonderer Fokussierung der Auswirkungen auf die Kinder“
möchte ich an dieser Stelle die Gelegenheit ergreifen, mich bei den Menschen zu
bedanken, die mich im Laufe meines Studiums begleitet und mir ihr Vertrauen
entgegen gebracht haben.
So gilt mein Dank zunächst meinen Eltern, die mich stets in jeder Hinsicht
unterstützt und mich immer ermuntert haben „meinen“ Weg zu gehen.
Nicht weniger danke ich meinem lieben Freund Philipp, der stets fest an mich
geglaubt und mit der gleichen Geduld und Fürsorge unterstützt, wie auch ertragen
hat.
Andernach, im Juni 2007 Sandra Röches
3
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 7
1. Grundlegende Begriffsbestimmung. 11
1.1 Allgemeine Definition von stoffgebundener Abhängigkeit 11
1.2 Das Suchtmittel Alkohol 12
1.2.1 Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit. 12
1.2.2 Zum Krankheitsbild des Alkoholismus 16
1.2.3 Alkoholismus als Familienkrankheit 21
1.2.4 Co-Abhängigkeit 22
2. Kinder aus alkoholbelasteten Familien. 26
2.1 Die Familie aus systemischer Sicht 26
2.2 Der familiäre Kontext in alkoholbelasteten Familien 28
2.2.1 Unausgesprochene Familienregeln in Suchtfamilien 32
2.3 Verhaltensmuster, Rollenmodelle und Geschwister-Konstellation 33
2.3.1 Der Held 35
2.3.2 Der Sündenbock 35
2.3.3 Das verlorene Kind 36
2.3.4 Der Clown. 36
2.4 Auswirkungen der elterlichen Abhängigkeit auf die Kinder 38
2.4.1 Schutz- und Risikofaktoren in der kindlichen Entwicklung 38
2.4.2 Direkte und Indirekte Folgen elterlichen Alkoholmissbrauchs. 43
2.4.2.1 Schulleistungen und -verhalten. 44
2.4.2.2 Intelligenz und sprachliche Fähigkeit 45
2.4.2.3 Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität (ADHS) 46
2.4.2.4 Störungen des Sozialverhaltens 46
2.4.2.5 Angststörungen und Depression 47
2.4.2.6 Gewalt 48
2.5 Resümee 49
4
3. Erwachsene Kinder alkoholkranker Eltern 50
3.1 Soziale Kompetenz/ psychosoziale Anpassung. 50
3.2 Die Veränderung des Rollenverhaltens bei erwachsenen Kindern 53
3.2.1 Der Held 53
3.2.2 Das verlorene Kind 54
3.2.3 Der Sündenbock 55
3.2.4 Der Clown. 55
3.2.5 Resümee 56
4. Transmission von Alkoholismus 56
4.1 Familienstudien. 57
4.1.1 Halbgeschwister-Studien 57
4.1.2 Zwillingsstudien 58
4.1.3 Adoptionsstudien 59
4.1.4 Zusammenfassung 61
4.2. Die Rolle der familiären Umwelt. 62
4.2.1 Eltern als Modelle 62
4.2.2 Trinkstatus des abhängigen Elternteils 63
4.3. Risiko- und Schutzfunktionen bei der Transmission der
Alkoholabh ängigkeit. 63
4.3.1 Kindbezogene Risikofaktoren 65
4.3.2 Umgebungsbezogene Risikofaktoren 65
4.3.3 Kindbezogene Schutzfaktoren. 66
4.3.4 Umgebungsbezogene Schutzfaktoren. 66
5. Therapie und Hilfemaßnahmen für Kinder mit alkoholabhängigen Eltern
66
5.1. Kindertherapeutische Hilfen 67
5.1.1 Spieltherapie. 67
5.1.2 Rollenspiele 67
5.1.3 Bewegungstherapie 68
5.1.4 Musiktherapie 68
5
5.1.5 Eltern-Kind-Arbeit 68
5.1.6 Offene Kindergruppe 68
5.1.7 Weitere Hilfemaßnahmen 69
5.2. Ziele der Kindertherapie. 70
6. Zusammenfassung. 70
7. Ausblick. 73
Literaturverzeichnis 74
Anhang. 82
6
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Häufigkeit von schwerwiegenden physischen Gewalterfahrungen
innerhalb der Familie bei Alkoholikern und Nicht-Alkoholikern ............................... 34
Tabelle 2: Charakteristische Gefühle, Verhaltensweisen, Rollen und
Persönlichkeitsmerkmale von Kindern mit einem alkoholabhängigen Elternteil
nach Wegscheider.......................................................................................................... 38
Tabelle 3: Die sieben Resilienzen
und ihre Entwicklung über die Lebensspanne ........................................................... 40
Tabelle 4: Alkoholabhängigkeit bei Halbgeschwistern mit unterschiedlichem
Risikostatus, die in verschiedenen Umwelten………………………………………58
Tabelle 5: Alkoholkonsum bei den biologischen Eltern und ihren adoptierten
Kindern............................................................................................................................60
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Täterkriterien beim aufgeklärten Fall: Alkoholeinfluss 1997............. 18
Abbildung 2: Die Co-Abhängigen................................................................................. 22
Abbildung 3: Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung des Kindes.............39
Abbildung 4: Risiko- und Schutzfunktionen bei der Transmission der
Alkoholabhängigkeit....................................................................................................... 64
7
Einleitung
Seit vielen Jahrhunderten ist der Konsum von alkoholischen Getränken fest in unserem gesellschaftlichen und kulturellen Leben verankert. Alkohol ist unbeschränkt und vor allem legal in größeren Mengen für volljährige Personen verfügbar. Alkoholische Getränke sind in Deutschland in das soziale und kulturelle Leben fest integriert und werden dort auch toleriert. Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. kommt es zu einem Pro-Kopf-Konsum in Deutschland von 10 Litern reinem Alkohol im Jahr, was bestätigt, dass in Deutschland regelmäßig Alkohol konsumiert wird.
Leider bringt der Genuss von Alkohol auch erhebliche Probleme mit sich: Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (2006, S.4) leben in Deutschland ca. 1,6 Millionen alkoholabhängige Menschen, in deren unmittelbarer Umgebung wiederum ca. 2,65 Millionen Kinder aufwachsen. Über 40.000 alkoholbedingte Todesfälle sind pro Jahr zu verzeichnen, davon sterben ca. 17.000 Menschen an Leberzirrhose. 5 bis 7 Millionen Angehörige sind durch die Alkoholabhängigkeit eines Familienmitglieds betroffen. Eine Viertelmillion Kinder und Jugendliche sind stark alkoholgefährdet oder bereits abhängig. 70% der jungen Abhängigen haben ein suchtkrankes Elternteil, und jedes 250. Kind wird mit
Schädigungen aufgrund des Alkoholkonsums der Mutter während der Schwangerschaft geboren (2.200 Kinder pro Jahr). Desweiteren gibt es ca. 5-6 Millionen erwachsene Kinder suchtkranker Eltern; ein großer Teil von Ihnen leidet im späteren Leben unter verschiedenen psychischen Beeinträchtigungen und Störungen. Erschreckend ist, dass mehr als 30 Prozent der Kinder aus suchtbelasteten Familien selbst suchtkrank werden.
Zweifellos zählt der Alkoholismus zu den größten gesundheitspolitischen Problemen unserer Gesellschaft, doch der schwerwiegendste Tatort dieser Erkrankung ist und bleibt die Familie.
8
In der Familie leben die Menschen, die dem Suchtkranken am nächsten stehen und demzufolge auch am meisten leiden. Die Angehörigen sind von den Auswirkungen der Sucht und der damit einhergehenden Belastung permanent und direkt betroffen - häufig können sie nichts dagegen tun. Die Ehepartner und Kinder werden direkt von der Alkoholkrankheit beeinflusst, so dass in der gängigen Literatur auch von der "alkoholkranken Familie" gesprochen wird. Jedoch wurde bisher kaum den daraus resultierenden Problemen der Kinder, vor allem jedoch den Auswirkungen der familiären Suchterfahrung auf das spätere Erwachsenenalter jener Kinder, Beachtung geschenkt. Sie waren die „vergessenen Kinder“ (Cork, 1969, zit. in Zobel, 2000, S. 23) denen es zu helfen galt. Daraufhin wurden viele pädagogische Hilfemaßnahmen ergriffen und konzipiert, in denen betroffenen Kindern effektiv geholfen werden konnte. Generell entwickelte sich eine defizitorientierte Arbeit mit den betroffenen Kindern, ohne auf die Ressourcen zu achten. Forschungen haben ergeben, dass ca. 1/3 der untersuchten Alkoholiker einen Elternteil hat, der selbst alkoholabhängig war. Jedoch kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle Kinder, die in einer Familie mit Suchtproblematiken aufwachsen später selbst abhängig werden. Aus Untersuchungen gehen dennoch erschreckend hohe Zahlen hervor: 25% bis 30% aller Kinder aus suchtbelasteten Familien werden selbst wieder suchtkrank werden, wenn ihnen nicht frühzeitig geholfen werden kann. Kinder, die mit mindestens einem alkoholabhängigen Elternteil aufwachsen, können extremen Belastungssituationen ausgesetzt sein. Diese sind unter anderem durch häufige Konflikte, psychische und körperliche Gewalt, Vernachlässigung und instabile Familienverhältnisse gekennzeichnet. Nicht nur die Partner, sondern vor allem die Kinder leiden extrem unter dieser Situation, da sie auf die Zuwendung und Fürsorge der Eltern angewiesen sind.
Diesen Kindern widmet sich diese Arbeit. Es soll aufgezeigt werden welchen Einfluss und welche Auswirkungen der krankhafte elterliche Alkoholkonsum für diese Kinder hat.
Die Arbeit lässt sich in fünf größere Abschnitte unterteilen. Im ersten Kapitel möchte ich allgemeine Begriffsdefinitionen zum Thema Suchtmittel Alkohol, Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit abgeben. Nach der Aufführung der Klassifikationsschemata DSM-IV und ICD-10 und einiger wichtiger Zahlen folgt das Krankheitsbild des Alkoholismus mit seinen medizinischen Risiken und Folgeschäden. Desweiteren gebe ich einen kurzen Einblick in co-abhängiges Verhalten der Familienmitglieder, bevor ich im zweiten Teil der Arbeit detailierter auf die innerfamiliäre Situation der Kinder suchtkranker Eltern eingehe. Es wird u.a. das Zusammenleben in der Familie, Probleme und Schwierigkeiten der Angehörigen eines Alkoholkranken, die Gefühle dieser Kinder sowie ein Modell der unausgesprochenen Familienregeln behandelt, deren Existenz zahlreiche Autoren immer wieder bestätigen. Danach erfolgt die Darstellung verschiedener Rollenmuster, welche die Angehörigen, speziell die Kinder von Suchtkranken, im Laufe der Zeit entwickeln. Die Durchführungen beziehen sich auf das Konzept von Sharon Wegscheider. Mit Hilfe eines spezifischen Rollenverhaltens versuchen sich die Kinder alkoholabhängiger Eltern den belastenden Verhältnissen in der Familie anzupassen. Der darauf folgende Abschnitt handelt von Risiko- und Schutzfaktoren betroffener Kinder. An dieser Stelle werden verschiedene psychische Störungen,
Verhaltensauffälligkeiten und das Risiko einer eigenen Abhängigkeit erörtert.
Mögliche Auswirkungen der elterlichen Alkoholsucht auf das Erwachsenenalter der betroffenen Kinder werden in Kapitel 3 erläutert. Dabei beziehe ich mich auf eine Auswahl theoretischer Ansätze und gehe auch näher auf die fortgesetzten Rollenmodelle ein.
Leider beschäftigen sich die Untersuchungen vorrangig mit den negativen Auswirkungen des Aufwachsens in einer alkoholbelasteten Familie, wobei Ressourcen und positive Entwicklungen der erwachsenen Kinder wenig beachtet werden. Familienorientierte Theorien sind auch heute noch selten.
Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Transmission von Alkoholabhängigkeit, wobei nicht nur auf die genetischen Faktoren, sondern auch auf die unterschiedlichen Umwelteinflüsse näher eingegangen wird. In Anlehnung an Petermann (1997) möchte ich sein Modell der Risiko- und Schutzfaktoren bei erwachsenen Kindern alkoholabhängigen Eltern näher erläutern.
Im letzten Kapitel werden mögliche Hilfen und Therapieformen für Kinder aus alkoholbelasteten Familien kurz dargestellt. Nicht nur
Gruppentherapien, sondern auch Einzeltherapien werden genannt. In einer Zusammenfassung der vollständigen Arbeit möchte ich die wichtigsten Punkte noch einmal kurz zum Ausdruck bringen.
1. Grundlegende Begriffsbestimmung
1.1 Allgemeine Definition von stoffgebundener Abhängigkeit
Die Begriffe Sucht und Abhängigkeit werden synonym angewendet. Sucht ist ein veralteter Begriff und wird eigentlich nur noch in der Umgangssprache benutzt. 1964 ersetzte die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization WHO) „Sucht“ durch „Abhängigkeit“, da der Begriff „Sucht“ medizinisch zu ungenau ist und zu weit gefächert (z.B. Eifersucht, Spielsucht, Schwindsucht, Gelbsucht). Abhängigkeit ist in der Medizin und klinischen Psychologie definiert durch das Angewiesen sein auf bestimmte Substanzen oder Verhaltensweisen, welche kurzfristig einen befriedigenden Zustand erzielen.
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Oftmals muss im Laufe der Zeit die Dosis gesteigert werden, um diesen Zustand zu erlangen.
Abhängigkeit wird von der WHO als Krankheit eingestuft und nicht als Willen- oder Charakterschwäche. Sie definiert Abhängigkeit als „einen seelischen, eventuell auch körperlichen Zustand, der dadurch charakterisiert ist, dass ein dringendes Verlangen oder unbezwingbares Bedürfnis besteht, sich die entsprechende Substanz fortgesetzt und periodisch zuzuführen.“
Stoffgebundene Abhängigkeiten werden in körperliche (z.B. Alkohol, Nikotin, Heroin...) und psychische (Cannabis, Kokain...) Abhängigkeiten unterteilt (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Sucht).
1.2 Das Suchtmittel Alkohol
1.2.1 Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit
Der Begriff Alkoholmissbrauch bedeutet falscher, schädigender Gebrauch von Alkohol, bestimmt von den jeweiligen sozio-kulturellen Normen. Dieser Begriff ist sehr unscharf, da er sich auf Menge, Ort, Zeit und Person beziehen kann und von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich definiert wird.
In dem weltweit verbreiteten Klassifikationsschema DSM-IV wird für die Diagnose des Missbrauchs von Alkohol (DSM-IV 305.00) das Vorhandensein von mindestens einem der folgenden Kriterien innerhalb desselben 12-Monat-Zeitraums verlangt: wiederholter Alkoholkonsum, der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause führt
wiederholter Alkoholkonsum in Situationen, in denen es aufgrund des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann
12
(z.B. Alkohol am Steuer oder das Bedienen von Maschinen unter Alkoholeinfluss)
wiederkehrende rechtliche Probleme in Zusammenhang mit dem
Alkoholkonsum (Verhaftungen aufgrund ungebührlichen Betragens in Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum)
wiederholender sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme, die durch die Auswirkungen des Alkohols verursacht oder verstärkt werden
In dem zweiten, weltweit verbreiteten Klassifikationsschema ICD-10 wurde der frühere Begriff des Alkoholmissbrauchs aufgegeben und durch den Begriff des „schädlichen Gebrauchs“ ersetzt. Dieser beinhaltet als Folge des chronischen Alkoholkonsums eine körperliche oder psychische Störung (Feuerlein, Küfner, Soyka, 1998, S.8). Zu den Symptomen des Alkoholmissbrauchs gehören auch Schwierigkeiten bei der Artikulation bzw. Koordination motorischer Funktionen, Verhaltensänderungen (Aggressivität, Depression,
Enthemmung) und Gedächtnis-Störungen ("Filmriss"). Wird daraus ein zwanghaftes Bedürfnis, Alkohol zu konsumieren, liegt eine - psychische und/oder physische - Abhängigkeit vor.
Während sich die physische Abhängigkeit durch Entzugserscheinungen nach Abstinenzepisoden zeigt, charakterisiert sich die psychische Abhängigkeit durch das zwingende Verlangen nach weiterem Alkoholkonsum, um die eigene Stimmung zu verbessern, Ängste zu betäuben, Hemmungen abzubauen oder seine Probleme zu vergessen. Beide Abhängigkeitsformen stehen in der Regel bei einem Alkoholkranken in engem Zusammenhang (vgl. Schmidt, 1986, S. 23). Alkoholabhängigkeit, früher auch „Trunksucht” oder „Alkoholsucht” genannt, ist eine Abhängigkeit von der psychoaktiven Substanz Ethanol. Die Beschaffung und der Konsum von Alkohol können zum
Lebensmittelpunkt werden, um den sich alles dreht. Typische Symptome sind der Zwang zum Konsum, fortschreitender Kontrollverlust, Vernachlässigung früherer Interessen zugunsten des Trinkens, Leugnen des Suchtverhaltens, Entzugserscheinungen bei Konsumreduktion, Nachweis einer Toleranz gegenüber Alkohol (Trinkfestigkeit), sowie der Veränderung der Persönlichkeit (Wikipedia, Alkoholabhängigkeit). In der heutigen Beratungsliteratur wird weitgehend auf den in der wissenschaftlichen Literatur verwendeten Ausdruck „Alkoholismus“ verzichtet, um den Krankheitswert der Abhängigkeit zu betonen, und somit auch um Hemmungen, die an einen Arztbesuch gekoppelt sind abzubauen.
Frauen sind auch heute noch weniger von Alkoholabhängigkeit betroffen als Männer. Von weit über 4,3 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland sind nur ca. 30 % weiblichen Geschlechts, Tendenz jedoch steigend. Auch beginnt der Krankheitsverlauf bei Frauen in der Regel erst im mittleren Lebensalter, bei Männern jedoch sind meist schon in der frühen Jugend erste Zeichen eines schädlichen Trinkverhaltens erkennbar (a.a.O.).
Das ICD-10 klassifiziert Alkohol in der Kategorie F10 „Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol”. F10.0 Akute Intoxikation (akuter Rausch) Zustand nach Alkoholaufnahme mit Störung der Bewusstseinslage, die in direktem Zusammenhang mit der akuten pharmakologischen Wirkung steht und bis zur vollständigen Wiederherstellung mit der Zeit abnimmt, ausgenommen Fälle, bei denen
Gewebeschädigungen oder andere Komplikationen (Delir, Koma, etc.) auftreten. F10.1 Schädlicher Gebrauch
Alkoholkonsum, der zur Gesundheitsschädigung führt (z.B. depressive Episoden nach massivem Alkoholkonsum). F 10.2 Abhängigkeitssyndrom
Gruppe von Verhaltens-, kognitiven und körperlichen Phänomenen, die sich nach wiederholtem Konsum entwickeln. Starkes Verlangen nach Alkohol, Schwierigkeiten der Konsumkontrolle, Toleranzentwicklung.
Gruppe von Symptomen unterschiedlicher Art und Schwere beim Alkoholentzug mit zeitlich begrenzter Dauer. F10.4 Entzugssymptom mit Delirium
Delirium tremens F10.5 Psychotische Störung
Halluzinogene Wahrnehmungsstörungen, psychomotorische Störungen (Alkoholhalluzinose, Alkoholische Paranoia, Alkoholpsychose). F10.6 Amnestisches Syndrom
Beeinträchtigung des Kurz- und Langzeitgedächtnisses und des Zeitgefühls. Lernschwierigkeiten und Konfabulation. Korsakow-Syndrom. F10.7 Restzustand und verzögert auftretende psychotische Störung
Veränderungen der kognitiven Fähigkeiten, der Persönlichkeit und des Verhaltens die über den Zeitraum der Substanzeinwirkung hinausgehen (z.B. Alkoholdemenz). F10.8 Sonstige psychische und Verhaltensstörungen
Verhaltensstörungen (Alkohol-Lexikon, ICD-10).
Für die Diagnose der Alkoholabhängigkeit (F10.2) wird in der Regel ein Katalog von 6 Kriterien (WHO 97) herangezogen. 1. Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren 2. Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich Beginn, Beendigung und Menge des Alkoholkonsums 3. Ein körperliches Entzugssyndrom 4. Nachweis einer Toleranz. Um die ursprünglich durch niedrige Dosen hervorgerufene Wirkung zu erreichen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich, die bei Konsumenten ohne Toleranzentwicklung zu schweren Beeinträchtigungen oder gar zum Tode führten 5. Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen und Interessen 6. Anhaltender Alkoholkonsum trotz Nachweis eindeutiger schädlicher Folgen
Die Diagnose „Abhängigkeit“ trifft nur zu, wenn mindestens 3 der genannten Kriterien erfüllt sind. Statistisch gehäuft treten dabei eine verminderte Kontrollfähigkeit und Toleranzentwicklung in Erscheinung (vgl. Feuerlein, Küfner, Soyka, 1998, S.9).
1.2.2 Zum Krankheitsbild des Alkoholismus
Alkohol besitzt durch seine unbeschränkte und vor allem legale Verfügbarkeit ein besonderes Gefährdungspotenzial. Er kann eine schwere körperliche und/oder psychische Abhängigkeit verursachen, die erhebliche gesundheitliche Schäden zur Folge hat.
16
Alkoholismus entsteht nicht innerhalb eines kurzen Zeitraumes sondern ist charakterisiert durch einen langen Krankheitsverlauf, unterteilt in unterschiedliche Stadien, auf die ich im weiteren Verlauf näher eingehen möchte. Alkoholismus entsteht dann, wenn langfristiger hoher Alkoholkonsum und eine individuell genetische Disposition aufeinander wirken.
Seit 1968 gilt Alkoholismus als Krankheit, wobei die Behandlung und Therapie jedoch erst seit 1978 in die Zuständigkeit der Krankenkassen und der Rentenversicherung fällt
(http://www.optiserver.de/dhs/substanzen_alkohol.html). Im Folgenden möchte ich kurz auf die medizinischen Risiken und Folgeschäden chronischen Alkoholkonsums eingehen. Akute Risiken ergeben sich vor allem aus der Verminderung der Konzentrationsfähigkeit, der Reaktionszeit, der Wahrnehmung und der Urteilskraft. Bereits bei geringen Alkoholmengen ergibt sich eine erhöhte Unfallgefahr, vor allem im Straßenverkehr. Darüber hinaus kommt es infolge erhöhten Alkoholkonsums häufig zu sozialen Problemen durch Aggression und Gewalt. Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik 2006, S. 71, wurden im vergangenen Jahr fast drei von zehn aufgeklärten Gewaltdelikten von Tatverdächtigen unter Alkoholeinfluss begangen (http://www.bka.de/pks/pks2006/p_2_2_3.pdf).
Grafik 1
Arbeit zitieren:
Sandra Röches, 2007, Wenn Eltern trinken - Alkoholabhängigkeit in der Familie, München, GRIN Verlag GmbH
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