Inhaltsverzeichnis
1. Abriss der Epoche - Aufstieg und Expansion (1299 - 1481) 3
2. Träger der Herrschaft mit deren Herkunft 4
2.1. Herkunft der Osmanen 5
2.2. Ertoghrul 5
2.3. Osman I. (1281-1324) 5
2.4. Orhan I. (1324-1360) 6
2.5. Murat I. (1360-1389) 7
2.6. Bayezit I. (1389-1402) 7
2.7. Mehmed I. (1413-1421) 8
2.8. Murat II (1421 - 1451) 8
2.9. Mehmed II. (1451 - 1481) 8
3. Ideologische Grundlagen
3.1. Der Islam im Osmanischen Reich 9
3.1.1. Was ist der Derwischorden? 10
3.1.2. Städtischer Hochislam 10
3.2. Islamische Souveränitätsabzeichen 11
3.3 D i e G h a z i s 1
4. Machtbasis (Militär)
4.1. Heer und Staatswesen 12
4.2. Das timar - System 12
4.3. Die Janitscharen 13
5. Quellen der Epoche 14
6. Literaturverzeichnis 15
2
1. Abriss der Epoche 1 - Aufstieg und Expansion (1299 - 1481)
Tod Ertoghruls, des Urahns der Osmanen 1281
1281 - 1326 Sultanat Osmans I.
Einführung des timar - Systems und des Beglerbeg - Amtes. Anf. d.
Ende des anatolischen Seldschukenreiches. 14.Jhdts.
Osmans Sohn Orhan wird Oberbefehlshaber des osmanischen Heeres. 1317
1326 - 1349 Sultanat Orhans
Die erste bedeutende Stadt Bursa wird durch den Gründungssultan Osman I. 1326
(1299 - 1326) erobert. 2
folgte die Eroberung von Iznik / Nicaea. 1331
Einnahme von Izmit / Nikomedia. 1337
1346 - 1349 Orhan verbündet sich mit Johannes Kantakuzenos, hilft Byzanz gegen die Serben und heiratet die Tochter von Johannes.
Beginn der osmanischen Eroberung in Thrakien. 1352
Türkische Truppen überschreiten die Meerengen, unterstützt von dem neu 1354
gebildeten Janitscharenkorps. Ankara wird eingenommen. 1360 - 1389 Sultantat Murats I.
Edirnes wird erobert und 1365 zur neuen Hauptstadt ernannt. 1361
erweitert Murat I. seine Macht auf dem Balkan. um 1370 1370 - 1405 Timurs - Herrschaft
wird Andronicos V. mit osmanischer Hilfe byzantinischer Kaiser und übergibt 1376
Gelibolu an die Osmanen.
Byzanz muss den Status eines tributpflichtigen Vasallen hinnehmen. 1379
Murat I. wird nach siegreicher Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo) von 1389
einem Serben ermordet. Thronbesteigung Sultans Bayezids I..
1389 - 1392 Osmanische Eroberung zahlreicher anatolischer Kleinfürstentümer. Bayezid I. kann Bulgarien unterwerfen. 1395 - 1401 Belagerung Konstantinopels.
1396 - 1398 Er besiegt ein europäisches Kreuzfahrerheer bei Nikopolis und das bulgarische Fürstentum Vidin.
1 vgl. Ploetz, 1986: S. 1073 - 1075
2 vgl. Faroqhi, 2004: S. 115
3
Als er im Begriff ist, Griechenland zu besetzen, wird er bei Ankara von den 1402
Mongolen unter Timurs Herrschaft besiegt und gefangengenommen. Zerfall des Osmanenstaates.
1402 - 1413 Das Osmanische Reich scheint an Thronstreitigkeiten völlig zu zerbrechen, als es Mehmed I. gelingt sich durchzusetzen. 1405, 19.01 Timurs Tod. 1413 - 1421 Alleinherrschaft Mehmeds I. Niederlage der osmanischen Flotte im Seekrieg mit Venedig. 1416
1421 - 1451 Sultanat Murats II., er verschafft sich zunehmende Freiheit in Anatolien, wo ihm eine Reihe kleiner Fürstentümer zufallen. Byzanz wird tributpflichtig. Waffenstillstand mit Kaiser Sigismund. Belagerung Konstantinopels. 1422 Einführung der Knabenlese. 1438
Die Osmanen schlagen am Schwarzen Meer ein polnisches Heer. 1444
In einer zweiten Schlacht auf dem Amselfeld wird Serbien unterworfen. 1448
1451 - 1481 Sultanat Mehmeds II. „des Eroberers“. Er erobert am 29. Mai Konstantinopel, das jahrelange Ziel der Muslime. 1453
1460 - 1464 Der Krieg mit Venedig brachte Peloponnes und Athen ein und sicherte die Herrschaft über Albanien und Bosnien. Eröffnung des Baukomplexes der Eroberermoschee. 1470
1477 - 1481 Das timar - System wird im Osmanenreich allgemein eingeführt. 1481 - 1512 Sultanat Bayezits II. 3
2. Träger der Herrschaft mit deren Herkunft
Das osmanische Reich war territorial das ausgedehnteste und längst dauernde Reich des Islam, seit dem Abbasidenkalifat. Eine Konsequenz aus dem Wachstum der Osmanen war die Überschreitung nach Griechenland, der ägäischen Inseln, Albaniens, der slawischen Länder des Balkans und Ungarns im 10. - 16. Jahrhundert. Obwohl diese Strömung der Eroberungen anschließend zurückging, hinterließ die türkische Besetzung in Form von Raubzügen weiter permanente Spuren im Balkan. 4 Die zeitliche Abfolge der ersten osmanischen Eroberungen ist nicht leicht zu bestimmen, in den heutigen Standardwerken finden sich verschiedene Daten. 5
3 vgl. Matuz, 1985: S. 288 - 292
4 vgl. The Enzyclopaedia of Islam S. 190
5 vgl. Faroqhi, 2004: S. 16
4
2.1. Herkunft der Osmanen
Die Osmanen waren ogusische Turkmenen, nomadische Krieger und Ghazis aus dem Fernen Osten, die weder die iranische Sprache kannten, noch die byzantinischen Bräuche. Sie sind auf den Ogusenstamm Kayi, mit nur 400 Familien, zurückzuführen. 6 Nach der Eroberung der Mongolen (1243) und der allmählichen Auflösung des anatolischen Seldschukenreiches entstanden neue türkische Kleinstaaten, darunter ein Grenzfürstentum unter dem ogusischen Hordenführer Ertoghrul und seinem Sohn Osman I. Ghazi. Die Osmanen breiteten sich allmählich in Kleinasien aus. 7 Sie schafften es, Gesetzgeber und Staatsgründer zu werden. Damals entstanden auch viele Derwischorden, die das Bild des türkischen Staates auf Jahrhunderte hinaus prägten. 8
2.2. Ertoghrul (gest. 1281)
Ertoghrul, der Stammvater der Osmanen, begann zur Zeit des Seldschukensultanats Alaeddins „seine kriegerischen Aktivitäten“ in Kleinasien. 9 Er soll mit 400 Reitern in die Dienste des Sultans von Konya getreten sein, wofür er ein Lehen erhielt, um sich zu bewaffnen. Seine Truppen zogen jährlich ins „römische“ Gebiet, um möglichst viel Beute zu machen. Ertoghrul starb mit 93 Jahren und wurde in Sögüt beigesetzt. Über Ertoghrul ist sehr wenig bekannt. Osman war sein Nachfolger, er gab dem Stamm seinen Namen.
2.3. Osman I. (1281-1324)
Osman I. war der erste Häuptling, der als Ghazi 10 sein Gebiet wesentlich ausweitete. Er verfügte, wegen der vielen Raubzüge, über ein starkes Heer, mit dem er die Byzantiner heimsuchte. Ihm liefen Krieger zu, deren einzige Erwerbsquelle die Beute war. Damit wurde Krieg zum Dauerzustand. „Bei jeder Gelegenheit wird in den osmanischen Quellen Osmans Schlauheit hervorgehoben.“ 11 Seine Krieger nahmen bei Eroberungen und Plünderungen alle erdenklichen Listen in Anspruch. An den Unternehmen des Osman waren Türken beteiligt die nicht muslimische Namen trugen, sondern türkische. 12 Osman I. wird auch als gerechter Herr dargestellt, der Christen in Schutz nahm. In seinem Gebiet waren die Marktsteuern so niedrig wie sonst nirgends. Osman schuf Anfänge des Lehenswesens, die Struktur eines stehenden Heeres, d.h. eine Staatsstruktur, die über die Stammesorganisation hinausging. Er züchtigte
6 Werner, 1985: S.100
7 vgl. Brockhaus, 1993: S. 494
8 vgl. Ploetz, 1986: S. 1073
9 Neiss / Steiner, 1989: S. 59 Z. 23
10 Glaubenskrieger oder Grenzkämpfer (Kämpfer im Heiligen Krieg)
11 vgl. Neiss/ Steiner, 1989: S.60 Zeile 24
12 vgl. Werner, 1985: S. 101
5
Räuber, die den Verkehr störten, so gewährleistete er den Kaufleuten und Fremden vollkommene Sicherheit. Sogar Christen kamen, um dort in Frieden leben zu können. 13 Osman I. war ein echter Ghazi, doch er sah ein, dass der Weg zu Macht und Reichtum nicht nur über den Krieg zu erreichen ist. Durch den eingeführten Handel unterscheidet sich Osman von den Seldschuken. Osman war gichtkrank und zog sich im Alter von den Regierungsgeschäften zurück, genoss aber noch große Autorität. Er war schon fast 60 Jahre alt, als er den Oberbefehl seinem Sohn Orhan übertrug. 14 Osman starb als „Sultan Osman Ghazi Ibn Ertoghrul“.
2.4. Orhan I. (1324-1360)
Für das Byzantinische Reich waren die Osmanen zu Beginn nur übliche Räuberbanden. Das änderte sich 1331 durch den Sieg der Osmanen über Ismit/ Nikomedea und Iznik/ Nizäa. Hauptziel der Osmanen war zu dieser Zeit die Eroberung von Bursa (1326). Unter Orhan I. fielen wichtige byzantinische Städte in die Hände der Osmanen. Die Verbindung zwischen beiden Mächten war aber keineswegs immer feindlich. Die Byzantiner scheuten sich nicht, die Osmanen für ihre Zwecke einzuspannen. Als Lohn gab der Kaiser dem Sultan seine Tochter Theodora zur Frau. Orhan I. hatte offensichtlich keinen großen Anteil an den Eroberungszügen, er wurde vielmehr als frommer und milder alter Mann beschrieben. Die großen osmanischen Bauwerke wie Armenküchen, die ersten Moscheen und theologischen Hochschulen, sind auf ihn zurückzuführen. Auch sein Sohn Murat I. leitete zahlreiche fromme Stiftungen. Für Sultan Orhan ergab sich die Gelegenheit, seinen ersten wichtigen Hafen zu gewinnen und zwar durch ein Erdbeben 1354 in der Stadt Gelibolu. Er verfügte über eine bescheidene Flottenorganisation. In den Gebieten, die durch die Naturkatastrophe entvölkert wurden, fassten immer mehr Türken Fuß. 15 Am Hofe des Sultans Orhan sollte man die Kenntnis und Befolgung islamischer Sitten nicht überschätzen. Seine Gemahlin empfing zum Beispiel den marokkanischen Weltreisenden Ibn Battuta, da ihr Mann selbst nicht anwesend war. Solch eine Geste wäre in späteren Jahrhunderten undenkbar gewesen. Orhan schickte seinen Sohn Süleyman als Oberbefehlshaber nach Europa. Dieses militärische Unternehmen war bemerkenswert, da die Türken hier zum ersten Mal in größerer Anzahl auf europäisches Gebiet vorrückten. 16 Süleyman brach sich einige Zeit später den Hals bei der
13 vgl. Werner, 1985: S. 109
14 vgl. Matuz, 1985: S. 30
15 vgl. S. 34
16 vgl. S. 33
6
Jagd, und die Herrschaft wurde Murat I. übertragen. „Als Orhan 1360 starb, zählte sein Land zu den bedeutendsten Kleinfürstentümern in Anatolien.“ 17
2.5. Murat I. (1360-1389)
So übernahm Sultan Murat I., ein weiterer Sohn Orhans I., die Eroberung Thrakiens und wurde damit zum Wegbereiter für die osmanische Übersiedlung nach Europa. Er setzte zielstrebig das Werk seines Vaters und seines Bruders fort. Murat I. war erst 35 Jahre alt und stand vorerst im Schatten seines Bruders Süleyman, nach dessen Tod war seine erste Aufgabe, die osmanischen Grenzen gegen die kleinasiatischen türkischen Emirate zu sichern. Murat I. war nicht sonderlich an der Stadt Konstantinopel interessiert, er eroberte 1361 Adrianopel und machte die Stadt unter dem Namen Edirne zum Sultansitz. Durch ihn spiegelte sich ein Regierungsprogramm wieder: Er eroberte weiter als Ghazi, teilte die neuen Gebiete aber nach seldschukischem Vorbild ein. Murat I. galt in seinem Machtbereich als Khan und Sultan. Die Bezeichnung Khan geht auf die ogusische Tradition zurück. 1371 übertrug er die Staatsverwaltung seinem Wesir, ihm verblieb damit nur noch die militärische Führung. Die unterworfenen christlichen Herrscher behandelte er gut. Murat I. hütete sich vor voreiligen Schritten, baute aber Orhans Erbe konsequent aus. 18 Er übernahm einen Brauch der Ghazi und gründete das Janitscharenkorps. 19 Nach der erfolgreichen Schlacht gegen Sofia wurde er von einem serbischen Einzelkämpfer 20 ermordet.
2.6. Bayezit I. „der Blitz“ (1389-1402)
Bayezit I., Murats Sohn, übernahm das Erbe und dehnte das Reich weiter aus. Murat verheiratete ihn mit einer Prinzessin von Germiyan, wodurch den Osmanen der größte Teil dieses Fürstentums zufiel. 21 Das größte Problem unter Bayezits Herrschaft waren der Westen und der Osten. Aus dem Westen kamen die Kreuzritter und aus dem Osten die Mongolen unter Führung Timur Lenks. Konstantinopel belagerte er vergeblich. 1401 musste er die Belagerung ganz abbrechen, sie soll volle sechs Jahre gedauert haben. 22 „Die Osmanen standen unter Bayezit I. vor der Entscheidung, ob der Aufstieg der Osmanen nur eine Episode der Weltgeschichte bleiben sollte oder ob sich das Reich dauerhaft durchsetzte könnte.“ 23 Er sicherte die osmanische Herrschaft auf dem Balkan, verlor aber die entscheidende Schlacht
17 Matuz, 1985: S. 34 Zeile 20
18 vgl. Werner, 1985: S. 163, 164 , 167
19 vgl. S.120
20 vgl. Matuz, 1985: S. 38
21 vgl. S. 28
22 vgl. S. 43
23 vgl. Werner, 1985: S. 66 Zeile 22
7
1402 gegen die Mongolen und starb ein Jahr später, am 8.3.1403, in Gefangenschaft. 11 Jahre nach der Niederlage von Ankara hatten die Osmanen wieder einen Sultan. Timur, geboren 1333, war türkischer Mongole, der seine größte Lust im Kriegsführen sah. Um 1370 brachte er durch seine Grausamkeit die Eroberer Transoxaniens in seine Gewalt und versuchte, das Reich Dschingis Khans zu erneuern. Er wurde an einem Fuß verletzt, so erhielt er den Namen Timur- Lenk, was „der hinkende Timur“ bedeutet. Daraus wird auch Tamerlan gebildet. „Er betrachtete sich selbst als den wahren Vertreter des türkischen Volkes.“ 24 Dass die Osmanen sich von diesem Schlag erholten, war ein Wunder. Timur war zu dieser Zeit schon 70 Jahre alt und konnte den Sieg nicht ausnützen.
2.7. Mehmed I. (1413-1421)
Timur gab den Emiren ihre Länder zurück, auch die drei Söhne Bayezits bekamen einen Erbteil von ihm. Als Timur 1403 Anatolien verließ, verließ er ein verwüstetes Land, das nun auch noch von der Pest heimgesucht wurde. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen den neu entstandenen Kleinstaaten. „Auch die Osmanenprinzen waren in die Kämpfe verwickelt.“ 25 Mehmed setzte sich gegen seine Brüder durch und eroberte deren Gebiete. Nach den Verwüstungen durch Timur gab es viele verschiede Sekten, und es tauchte ein verschollener Sohn Bayezits auf, der als Zeichen seiner Herrscherwürde in Edirne sogar Münzen prägen ließ. In der osmanischen Geschichtsschreibung wird er als „der Falsche“ Mustafa bezeichnet. Die religiös - sozialen Massenbewegungen waren eine erhebliche Gefahr für den Osmanenstaat. 26 Die inneren Unruhen hörten nicht auf. Doch durch Mehmed I. wurden die osmanischen Eroberungen auf dem Balkan gesichert und erweitert. Der Sultan konnte den neuen Rivalen Mustafa nicht mehr beseitigen, da er plötzlich starb. Als sein Enkel Mehmet II. Konstantinopel eroberte, verwirklichte er den alten Traum der Türken.
2.8. Murat II. (1421 - 1451)
Murat II. stellte die innere Ordnung wieder her und expandierte weiter. Ihm gelang die völlige Wiederherstellung der osmanischen Macht, er eroberte zudem den größten Teil Griechenlands. Er dankte 1444 überraschend ab, doch sein Sohn Mehmet II. war noch zu jung (12 Jahre), um zu regieren. So war er gezwungen, weiter die Herrschaft zu übernehmen. Mit der Schlacht auf dem Amselfeld 1448 gegen die Ungarn besiegelte er die Macht der Osmanen in Europa für Jahrhunderte. Er hinterließ seinem Sohn ein Reich so groß wie das heutige
24 Neiss / Steiner, 1989: S. 65 Zeile 35
25 Matuz, 1985: S. 47 Zeile 5
26 vgl. S. 50
8
Frankreich. Der Gebietsverlust war schon wieder fast behoben. 27 Murat II. war den Derwischen zugetan und förderte Dichter und Gelehrte.
2.9. Mehmed II. „der Eroberer“ (1451 - 1481)
Mehmed II., Fatih, eroberte 1453 Konstantinopel und begann 1463 mit dem Bau eines riesigen Komplexes, bestehend aus einer Moschee, sechzehn Schulen, einer besonderen Schule für Koranrezitation und anderen Einrichtungen. Das Verhältnis des Sultans zu seinen Untertanen veränderte sich. Die Bauern mussten für seine Eroberungsfeldzüge erhöhte Steuern zahlen. Die Distanz zu seinem Hof vergrößerte sich durch eine strikte Rangordnung der Würdenträger. Eine weitere entscheidende Veränderung im Hofleben brachte die neu eingeführte Regel Mehmeds II. mit; er war der Meinung, ein Sultan solle seine Brüder nach der Thronbesteigung zwecks Vermeidung langer Brüderkriege umbringen lassen. Er unternahm gegen Ende seiner Herrschaft noch den Versuch, die Machtbasis anatolischer Familien weiter zu schwächen. Zusätzlich ließ er Stiftungen, die er vorher anerkannt hatte, konfiszieren, und in timar - Besitz umwandeln. Mehmeds Sohn Bayezid II. nahm diese Maßnahme wieder zurück. Bosnien und Albanien nahmen während seiner Herrschaft den Islam an.
3. Ideologische Grundlagen
3.1. Der Islam im Osmanischen Reich
Die historische Entwicklung der Osmanen, der Aufbau ihres Staatswesens, ihre Sozialordnung und Kultur waren vom Islam in hohem Maße geprägt. 28 Einige osmanische Sultane dürften beabsichtigt haben, die Islamisierung der christlichen Bauern durch Derwischkonvente voranzutreiben. Oft kam ein genannter religiöser Führer an einen wenig besiedelten Ort, ließ sich dort nieder und scharte Anhänger um sich. Manche Derwischgemeinden agierten zu Beginn des osmanischen Reiches sehr flexibel. Diese Ordensanfänge sind untrennbar mit den ersten Osmanenherrschern verbunden. 29 Es ist möglich, dass die frühen osmanischen Sultane mit solchen heterodoxen 30 Scheichs in freundlichen Beziehungen standen. Die osmanischen Sultane förderten außer den Derwischen auch den städtischen Hochislam. Nach der Auffassung des Islam ist die Erde zweigeteilt, in ein Gebiet der islamischen Herrschaft und eine Herrschaft von Nichtmuslimen. Die Muslime
27 vgl. S. 56
28 vgl. Matuz, 1985: S. 3
29 vgl. Werner, 1985: S. 76
30 heterodoxe Tendenzen: Heiligenverehrung und die islamische Mystik; vor allem für den Derwischorden
wichtig. Matuz S. 8 Zeile 26
9
sind daher verpflichtet, wenn nötig das „Krieggebiet“ in islamisches Gebiet umzuwandeln. Von dieser Verpflichtung zum Glaubenskrieg (dschihad) machte der Osmanenstaat häufig Gebrauch. 31 Die Osmanenherrscher verteidigten so die Grenzen des sunnitischen Islam, erweiterten sie und hüteten ihre heiligen Stätten und wichtigsten Pilgerrouten: Mekka, Medina, Jerusalem und Hebron. Der Sultan trug zusätzlich den stolzen Titel „Diener der beiden Heiligtümer“. Jahr für Jahr besuchten viele tausend Pilger die heiligen Stätten. Führer des Pilgerzuges waren vom Sultan eigens ernannte Bevollmächtigte in Begleitung mit hohen Würdenträgern oder Angehörige der Osmanischen Familie. 32
3.1.1. Was ist der Derwischorden?
Zu Beginn des Derwischordens wandten sich viele Fromme von den machthungrig gewordenen Kalifen ab. Die Diktatoren waren nur noch von wirtschaftlichen Interessen gesteuert. Viele zogen in die Wüste, um dort Gott näher zu kommen. Die islamischen Bruderschaften wurden von der islamischen Theologie abgelehnt. In der Bevölkerung fanden sie dagegen Unterstützung und Verehrung. Die Lehren der Derwische beruhen auf der islamischen Mystik, dem Sufismus. Das wichtigste Ziel ist, die Kluft zwischen Mensch und Gott zu überwinden. 33 Bloße Zungenfrömmigkeit bedeutete den Sufis nichts, was bei den Theologen Misstrauen hervorrief. Doch trotz des Widerstands wurden einige Sufis als Heilige verehrt. Ihre Grabstätten wurden zu Wallfahrtsorten. Die Vereinigung großer Sufimeister bildete später den Derwischorden. Der Begriff „Derwisch“ stammt aus dem Persischen und bedeutet „Bettler“, dies enthüllt auch die Ursprünge der Derwische, die einsam und ohne Eigentum durch die Welt zogen. Erst nach dem Zusammenschluss der Ordensgemeinden wurden sie sesshaft. 34 Ihre Versammlungshäuser bilden den Rahmen für ein intensives religiöses Leben, das sich meistens im Verborgenen abspielt. 35
3.1.2. Städtischer Hochislam
Städtischer Hochislam bedeutet Gründung von Moscheen und Schulen, in denen islamisches Recht und Theologie gelehrt wurden, um künftige Rechts- und Gottesgelehrte auszubilden. „Die Osmanen förderten die hanafitische Rechtsschule.“ 36 Die Regierung ernannte hanafitische Muftis, an der Spitze stand der Mufti von Istanbul, deren Aufgabe die
31 vgl. S. 5
32 vgl. Hourani, 2001: S. 271, 278
33 vgl. Halm, 2004: S. 52 Zeile 28
34 vgl. Neiss/ Steiner, 1989: S. 82-83
35 vgl. Halm, 2004: S. 53
36 Hourani, 2001: S. 280 Zeile 25
10
Rechtsauslegung war. Muftis galten in der religiösen Ordnung als die höchsten Persönlichkeiten. 37 Die Moscheen wurden oft mit Gästehäusern, vor allem für reisende Derwische, mit Armenküchen oder Schulen zu größeren Komplexen zusammengefasst. 38 Die höchste Pflicht eines muslimischen Herrschers war die Aufrechterhaltung der Scharia, aber sie war im osmanischen Reich nicht das einzigste Recht. Der osmanische Sultan erließ eigene Anordnungen und Verfügungen, um seine Autorität zu wahren. 39
3.2. Islamische Souveränitätsabzeichen Beim Zerfall des anatolischen Seldschukenreiches entstanden türkmenische
Kleinfürstentümer, eines davon war das osmanische Emirat. Aus dieser Zeit gibt es keine näheren Berichte, erst als das Osmanenhaus eine gewisse Macht hatte, begann man, die Anfänge näher zu ergründen. Es gab noch andere Türkmenfürstentümer, die sich mit dem der Osmanen messen konnten, wie z.B.: Germiyan, Hamit, Aydin, Mentese, Eretna und Satuhan. Die Osmanen gehörten zu dem Stamm der Kayi, Süleyman, der Vater Ertoghruls, war Angehöriger dieses Stammes; er soll der Großkönig von Mahan gewesen sein. Er zog mit seinem Stamm in Richtung des Zweistromlandes. Beim Überqueren des Flusses ertrank er, und Ertoghrul wurde neuer Stammeshäuptling. 40 Ertoghrul wiederum übergab seine Macht seinem Sohn Osman, der sich als Emir 41 bezeichnen ließ und einen Oberkommandierenden für das Heer einsetzte, den Beglerbeg 42 .
Nach der Eroberung von Karacahisar begann Osman, sich im Freitagsgebet anstelle des Kalifen und des seldschukischen Sultans nennen zu lassen. Er erhob somit den Anspruch auf die Anerkennung als souveräner Herrscher. Orhan ließ neben dem Kanzelgebet im eigenen Namen Münzen prägen. Dadurch wurde er als erster mit dem Titel eines selbständigen islamischen Monarchen konfrontiert. Er ließ sich ab sofort nicht mehr Emir, sondern Sultan bezeichnen. Der Titel Sultan war ein Zeichen der Verbindung zur persischen Tradition des Königtums und Erbe einer islamischen Tradition. Der Herrscher konnte so im Sinne des Islams den Anspruch erheben, die legitime Autorität zu sein. Hin und wieder benutzten die Osmanen auch den Titel des Kalifen, was bedeutet, dass der Sultan mehr als nur Lokalherrscher war. Schriftsteller erklärten den Sultan auch als „erhabenen“ Kalifen. 43 Die
37 vgl. S. 280
38 vgl. Faroqhi, 2004: S. 27
39 vgl. Hourani, 2001: S. 280
40 vgl. Matuz, 1985: S. 27-28, 31
41 arabischer Titel für Fürst; gleichbedeutend mit beg (türkisch). The Enzyclopaedia of Islam S. 192
42 Großgouverneur
43 vgl. Hourani, 2001: S. 276
11
Bezeichnung wurde für einen nicht religiösen Vertreter des Kalifen verwendet. Der Sultan musste ein Muslim sein. 44
3.3. Die Ghazis
Die Türkmenen in Anatolien waren Nomaden und besonders eifrige Glaubenskrieger. Sie hatten im Gegensatz zur seldschukischen Oberschicht kein Interesse an der sesshaften Bevölkerung. Mit der Zeit wurden sie sogar zu Berufsglaubenskriegern, die Raubzüge unternahmen und ständig Kleinkrieg führten. Den Beinamen Ghazi erhielt man damals nur, wenn man sich zum Lebensziel machte, den Islam mit Waffengewalt zu verbreiten. 45
4. Machtbasis (Militär)
4.1. Heer und Staatswesen
An der Spitze der Herrschaftsordnung standen der Herrscher und seine Familie, das „Haus Osman“. Es gab kein starres Erbfolgerecht, doch es führte meistens zu friedlichen Machtübernahmen. Üblicherweise folgte einer der Söhne auf den Thron des Herrschers. Der Herrscher lebte in einem großen Haushalt, mit Frauen aus dem Harem mit ihren Bewachern, seinen persönlichen Dienern, Gärtner und Palastwachen. Der Großwesir stand an der Spitze der Regierung, er übte unter dem Herrscher die absolute Gewalt aus. Ihm oblag die Kontrolle über die Armee, die Provinzregierungen und die Staatsverwaltung. Die höchsten Militärs und Beamten trafen sich regelmäßig zu Ratssitzungen. Bei diesen Beratungen führte der Herrscher in der Frühzeit selbst den Vorsitz. „Das Kontrollsystem wurde im ganzen Reich durchgesetzt und praktiziert.“ 46
Die Hauptaufgaben der Regierung war die Steuererhebung, es gab drei Arten regulärer Steuern. Landwirtschaftliche Produkte, Viehbestand und Fischerei standen an erster Stelle der Steuern. An zweiter Stelle kamen die verschiedenen städtischen Steuern und Steuern auf importierte und exportierte Waren. Persönliche Steuern, die Christen und Juden auferlegt waren, gab die dritte Art.
4.2. Das timar - System
Ein Offizier führte Befehl über ca. 100 Krieger. Laut Ernst Werner beteiligten sich 30.000 Kriegerinnen, bewaffnete turkmenische Frauen an der Expansion. Die osmanischen Bauern und Städter mussten Militärdienst leisten. Diese kleineren Machthaber suchten Ruhm und
44 vgl. Halm, 2004: S. 50
45 vgl. Matuz, 1985: S. 29
46 Hourani, 2001: S. 272 Zeile15
12
Reichtum. 47 Sie wurden durch sogenannte timare finanziert. Das timar - System bedeutete, dass „Kavallerieoffiziere das Recht erhielten, als Gegenzug für den Waffendienst mit einer festgelegten Zahl von Soldaten in einem bestimmten landwirtschaftlich genutzten Gebiet Steuern zu erheben und die Einnahmen zu behalten.“ 48 Für Pferd und Waffen mussten die Reitersoldaten (spahi) selber aufkommen. Das timar ähnelt dem mittelalterlichen europäischen Lehen, in beiden Fällen kamen die Steuern von einer Dorfbevölkerung. 49 „timare funktionierten als antifeudale Instrumente der Zentralgewalt.“ 50 Unter Murat I. erhielt das timar- System seine definitive Gestalt. 51
4.3. Die Janitscharen
Die berühmtesten Fußsoldaten waren die Janitscharen. Sie wurden nach dem devschirme -Prinzip 52 gebildet, d.h. eine Zusammensetzung von zwangsrekrutierten jungen Männern aus christlichen Balkandörfern, die zum Islam übertraten. 53 Die türkischen Ghazis waren Reiter, die zur Belagerung und Erstürmung von Städten Fußvolk benötigten. Unter Murat I. begann der Aufbau „neuer Truppen“. Die möglichst jungen Knaben sollten unverdorben und ohne Bildung sein. Sie sollten nicht in Städten aufgewachsen sein und kein Türkisch sprechen. Sie wurden bei Bauern als Hilfskräfte eingesetzt, wo sie dann Türkisch lernten und den islamischen Sitten vertraut gemacht wurden. 54 Bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts durften sie während des aktiven Dienstes nicht heiraten, „sie wurden eingeschworen auf absoluten Gehorsam, auf ein Leben im Zölibat und auf den Islam.“ 55 Janitscharen gehörten zum Staatsapparat, dies bedeutete, dass sie Steuerfreiheit genossen und auch das Privileg, von den eigenen Kommandanten abgeurteilt zu werden. 56 „Sie waren das Schwert des Sultans“ 57 und gehörten in Provinzstädten zu den angesehenen Leuten. Die osmanischen Einheiten wurden aus den Provinzen kommandiert, die Gouverneure hatten eine Doppelfunktion, was bedeutete, dass sie oft nicht in dem Ort anwesend waren, den sie verwalteten sollten. Die Wesire standen in den höchsten Rängen der Militärverwaltung. Dieser Sultansrat unterstützte den Herrscher und fertigte auch Befehle in dessen Namen aus. 58 Die höchsten Offiziersposten und die
47 vgl. Neiss / Steiner, 1989: S. 76
48 Hourani, 2001: S.271 Zeile 20
49 vgl Faroqhi, 2004: S. 21
50 Werner, 1985: S.349 Zeile 33
51 vgl. Matuz, 2001: S. 39
52 Knabenlese - Prinzip
53 vgl. Hourani, 2001: S. 267- 276/ 271
54 vgl. Neiss / Steiner, 1989: S. 77
55 Neiss/ Steiner, 1989: S.78 Zeile 11
56 vgl. Faroqhi, 2004: S. 23
57 Neiss/ Steiner, 1989: S. 78 Zeile 21
58 vgl. Faroqhi, 2004: S. 24
13
allerhöchsten Staatsstellen waren nur Janitscharen vorbehalten. 59 Die Janitscharen waren weit radikaler als die Spahireiter. Die verdienten Krieger erhielten das eroberte Land teilweise zur Nutznießung, dafür waren sie zur Aufstellung der Reiterei verpflichtet. 60 Die Janitscharen blieben im Gegensatz zu anderen Waffengattungen auch nach der Ausbildung in den Kasernen. Sie trugen weiße wollene Mützen, an deren Spitzen Lappen von einer Elle Länge und zwei Fingern Breite angenäht waren. Diese Mütze, das kurze Messer und die Hosen waren das Symbol der Ghazis.
5. Quellen der Epoche
Laut der „Enzyclopaedia of Islam“ reicht es, sich auf das Buch von F. Babinger „Die Geschichtsschreiber der Osmanen und ihre Werke“ zu beziehen. Es ist eins der wichtigsten Bücher über die politische Geschichte der Osmanen. Das erste große Allgemeinwerk der türkischen Osmanengeschichte ist von Josef Hammer „Geschichte des osmanischen Reiches“. Eine Arbeit im selben Bereich war die von J. W. Zinkeisen „Geschichte des osmanischen Reiches in Europa“. Er verwendete mehr westliche Quellen im Gegensatz zu J. Hammer. Eine gute Bibliographie soll die von H. - J. Kornrumpf sein. ( H. - J. Kornrumpf „Osmanische Bibliographie mit besonderer Berücksichtigung der Türkei in Europa“.) 61 Faroqhi nennt als direkte Quellen den Tagebuchautor Hans Dernschwam, einen pensionierten Angestellten, der ein Tagebuch von seiner Reise nach Istanbul und Amasyar ( 1553 - 55) hinterließ. Und auch den bayrischen Landadeligen Hans Schiltberger, der in die Gefangenschaft von Sultan Bayezid I. und in die Gefangenschaft Timurs geriet ( 1396 -1427). 62
Aus E. Werners „Geburt einer Großmacht“ und Faroqhis „Geschichte des osmansichen Reiches“ kennen wir auch den marokkanischen Weltreisenden Ibn Battuta (1304 - 1368/69 bzw. 1377) , der in Nordindien als Kadi amtierte. 63
59 vgl. Neiss/ Steiner, 1989: S. 78
60 vgl. Brockhaus, 1993: S.494
61 vgl. The Enzyclopaedia of Islam S. 201
62 vgl. Faroqhi, 2004: S. 25
63 vgl. S. 47
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6. Literaturverzeichnis
Türkei. In: Brockhaus - Enzyklopädie 22 Band. 19. Aufl. Mannheim 1993
Othmanli. In: The Enzyclopaedia of Islam. Edited by C.E. Bosworth, E. van Donzel, W.P. Heinrichs and G. Lecomte. E.J. Brill, Leiden, Netherlands 1995. S. 190 - 231.
Suraiya Faroqhi. Geschichte des osmanischen Reiches. 3.Aufl. München 2004
Albert Hourani. Die Geschichte der arabischen Völker. 4.Aufl. Frankfurt am Main 2001
Heinz Halm. Der Islam. Geschichte und Gegenwart. 5. Aufl. München 2004
Josef Matuz. Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Darmstadt 1985
Kay Neiss /Christoph Steiner. Die Türkei. Auf den Spuren der Osmanen. München 1989
Das Osmanische Reich. In: Ploetz Große Weltgeschichte. Hrsg. von Karl Julius Ploetz. 30 Aufl. Würzburg 1986
Ernst Werner. Die Geburt einer Großmacht - Die Osmanen. Wien 1985
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Julia Stekeler, 2006, Die Anfänge der Osmanen (1299 - 1481), München, GRIN Verlag GmbH
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