Inhalt
1. Einleitung 3
2. Charakterisierung der Charlotte aus den „Wahlverwandtschaften“ 4
2.1. Eigenschaften von der Herzogin Luise 7
2.2. Eigenschaften von Charlotte von Stein 9
2.3. Eigenschaften von Christiane Vulpius 13
3. Das Mythische an Charlotte 14
3.1. Die Alchimie 14
3.2. Todesbild der Charlotte 15
3.2.1. Die entwurzelte Charlotte 16
3.2.2. Charlotte als irdische Frau 17
3.2.3. Vermischung der Klassischen- und Romantischen- Typologien 18
3.3. Namen und Buchstaben 19
4. Ihr Verständnis von der chemischen Gleichung 20
5. Ihr Verzicht auf die Liebe zum Hauptmann 23
5.1. Die moralische Interpretation 23
5.2. Kritik an der moralischen Richtung 24
6. Fazit 25
7. Literaturverzeichnis 27
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1. Einleitung
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Figur der Charlotte aus Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“.
Als erstes werde ich versuchen, Charlotte anhand des Romans zu charakterisieren, um sie dann mit den Persönlichkeiten Herzogin Louise, Charlotte von Stein und Christiane Vulpius zu vergleichen. Spannend könnte daran sein, ob sich tatsächlich Ähnlichkeiten herausstellen. Was ich jetzt schon vorwegsagen möchte ist, dass ich nicht darauf eingehen werde, ob diese Ähnlichkeiten zufällig oder absichtlich zustande kommen könnten. Da Goethe diesen drei Damen sehr nahe stand, gehe ich bei meiner Überlegung und Bearbeitung davon aus, dass diese ihm für seine Figur Charlotte Muse standen.
Das Kapitel „Das Mythische an Charlotte“ werde ich untergliedern, da es mir besonders um ihr Verständnis zum Tod geht und wie dies interpretiert werden könnte. Dies könnte zusätzlich noch Goethes künstlerische Freiheit hervorheben, da sich die Figur der Charlotte im klassischen und romantischen Sinn an dieser Stelle spalten könnte. Wichtig für diese Überlegung ist die Wirkungszeit Goethes und wie er diese Vermischung der Typen erzeugte.
Auf die „Alchimie“ und die „Namen und Buchstaben“ werde ich nur zur Vollständigkeit halber eingehen.
Von dem Kapitel „Ihr Verständnis von der chemischen Gleichung“ erhoffe ich mir mehr Klarheit über deren Charakter zu erhalten.
Und es werden Fragen aufkommen wie; bedeutet Charlotte die Gleichung etwas bzw. wie ernst nimmt sie dieses Gespräch. Inwieweit ist sie an diesem Gespräch beteiligt, versteht sie die Gleichnisse von denen der Hauptmann und Eduard dort sprechen und wie weit beeinflusst es ihr Handeln? Diese Fragen versuche ich im Folgenden zu beantworten. Dass sie sich der Liebe zum Hauptmann entsagt, ist für mich das Besondere an Charlotte. Denn auch zu ihrer Zeit sind Scheidungen nicht unüblich. Doch nach ihrem Eheverständnis ist das keine Lösung. Sie kämpft bis zum Schluss für ihren Mann, obwohl er sie mit seiner Liebe zu Ottilie betrügt, lässt sie nicht von der Hoffnung ab, die Ehe doch noch zu retten. Ich möchte in dieser Arbeit versuchen, darzustellen, wie die Figur Charlotte entstanden sein könnte, wie Goethe ihren Charakter gestaltet und weshalb sie für Besonders gelten könnte.
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2. Charakterisierung der Charlotte aus den „Wahlverwandtschaften“
Die erste Charaktereigenschaft die man von Charlotte erfährt, ist dass sie eine gnädige Frau ist. Nachdem Eduard sich nach seiner Frau erkundigt, antwortet der Gärtner: „Die gnädige Frau versteht es; man arbeitet unter ihr mit Vergnügen.“ 1 Diese Eigenschaft zeigt sich auch in dem Verlauf des Gesprächs mit Eduard. Eduard teilt ihr mit, dass er sich große Sorgen um seinen Freund, den Hauptmann mache und er ihn gerne zu sich auf das Schloss einladen würde. Charlotte findet das sehr liebenswürdig von ihm, erinnert ihn jedoch an ihre Vereinbarung über ihre geplante Zweisamkeit. Sie ist nachsichtig mit Eduard, macht aber doch ihre Rechte deutlich, indem sie bemerkt, dass die Frauen mehr für das berufen sind, was im Leben zusammenhängt, weil ihr Schicksal und das Schicksal ihrer Familien eng miteinander verknüpft sind und eben auch dieses Zusammenhängende von ihnen gefordert wird. Daraufhin macht sie deutlich, dass sie für ihrer beider Vorsatz zur Zweisamkeit ihre Tochter und ihre Nichte in eine Pension geschickt hat, um diese Vorsätze leben zu können. Und betont, dass dies alles mit seiner Zustimmung geschah. 2 Vor allem sträubt Charlotte sich aus einer Vorahnung dagegen: „So lass mich denn dir aufrichtig gestehen (…), daß diesem Vorhaben mein Gefühl widerspricht, daß eine Ahnung mir nichts Gutes weissagt.“ 3 Charlotte gibt nach und der Hauptmann kommt, im Gegenzug soll Ottilie geholt werden, die sich im Pensionatsleben nicht zurechtfindet. 4 Charlotte glaubt, dass Ottilie und der Hauptmann in dieser neuen Konstellation keinen Schaden anrichten können. Doch als der Hauptmann auf dem Schloss angekommen ist, stellt sie fest, dass er von ihrer Art ist und sein Fleiß und die Klarheit seines Handelns und Denkens ihr gefallen. Charlottes Aufgaben auf dem Schloss sind; die Verwaltung der Geldkasse, die Kostenberechnung für die landschaftliche Umgestaltung und den Bau des Hauses. Solche Aufgaben zu übernehmen bedeuten für eine Hofdame, sich zwar zu einer praktischen Tätigkeit zu bekennen, damit jedoch gleichzeitig den gehoben Stil der städtischen Aristokratie auf das Land zu übertragen. Obgleich der Hofdame jede Erfahrung auf diesen Gebieten fehlt, darf man dennoch sicher sein, dass sie für diese Funktion wie bestimmt ist. Die perfekte Vereinigung der beiden Tugenden, von pragmatischer Aufmerksamkeit für die Notwendigkeiten des Lebens und die Freude an der Form, sind nach Goethes Ansicht nur der Frau möglich. Der Mann muss von ihr diese Verbindung lernen, denn nur von ihr kann er darin erzogen werden. 5
1 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 7 Zeile 22.
2 Ebd. S. 9 -11.
3 Ebd. S. 13 Zeile 3- 5.
4 Lösch, M.: Who’s Who bei Goethe. S. 42.
5 Sampaolo, G.: „Proserpinens Park“ Goethes Wahlverwandtschaften als Selbstkritik der Moderne. S. 76.
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Und genau diese Tätigkeiten sind es, die sie und den Hauptmann näher zusammen bringen. Sie, die Nüchterne und Feinfühlige neigt sich dem Hauptmann, will aber diese Neigung nicht bemerken. Diese Neigung erkennt man, indem sie ihn sucht, als er sich in die Arbeit zurückzieht. Zunächst ist ihr sein Fehlen unklar, bis sie begreift, dass er sie aus Zuneigung meidet und sie achtet ihn daraufhin desto mehr.
Charlottes überraschend provinzielles Denken offenbart sich bei der Ankunft des Grafen und der Baronesse, die eine unvermutete emotionale Destabilisierung bewirken. 6 Der Graf und die Baronesse unterhalten sich über Scheidungen und „so artig und lustig dies auch klang und so gut man, wie Charlotte wohl empfand, diesem Scherz eine tiefe moralische Deutung geben konnte, so waren ihr dergleichen Äußerungen, besonders um Ottiliens willen, nicht angenehm.“ 7 Charlotte verliert vollends ihre Beständigkeit als der Graf ankündigt er habe einen Posten für den Hauptmann. Sie „war innerlich zerrissen. Von diesen Vorschlägen so wie von sich selbst überrascht, konnte sie kein Wort hervorbringen. (…) Schon auf halbem Wege stürzten ihr die Tränen aus den Augen.“ 8 Und ausgerechnet in diesem Zustand besucht Eduard sie in ihrem Schlafgemach, doch ihr ist als erblicke sie die Luftgestalt des Hauptmannes. Am nächsten Morgen tritt sie dem Hauptmann beschämt entgegen. Eines Abends machen der Hauptmann und Charlotte mit einem Kahn eine Fahrt auf dem See. Nachdem der Kahn auf seichtem Grund stecken bleibt, trägt der Hauptmann Charlotte an Land und sie küssen sich. Ihr tüchtiger Charakter kommt ihr zu Hilfe und sie beschließt treu zu sein und dem Hauptmann zu entsagen.
Ottilie soll in die Pension zurück, denn Charlotte hatte Eduards Zuneigung zu Ottilie bemerkt und da sie entsagen kann, muss er es auch können: sie glaubt „nun auch die Gewalt. Die sie über sich selbst ausgeübt, von anderen fordern zu können.“ 9 Nach einem heftigen Wortwechsel verlässt Eduard das Schloss; nun sind die beiden Frauen alleine. 10 „Charlotte durchdrang indessen das Einzelne ihrer ganzen Umgebung mit scharfem Blick und wirkte darin mit ihrer klaren Gewandtheit (…). Sie zog ihren Haushalt, ohne Bänglichkeit, ins Enge.“ 11 Sie wirkte ruhiger und heiter und sie glaubt, dass sich alles wieder geben und Eduard sich ihr wieder nähern werde, wenn er erfährt, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Mit einer Art schwangerschaftlicher Gleichgültigkeit betrachtet Charlotte Lucianes Dauertheater. 12
6 Lösch, M.: Who’s Who bei Goethe. S. 43.
7 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 76 Zeile 32- 35.
8 Ebd. S. 81 Zeile 8- 17.
9 Ebd. S. 108 Zeile 19f.
10 Lösch, M.: Who’s Who bei Goethe. S. 44.
11 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 116 Zeile 14- 17.
12 Lösch, M.: Who’s Who bei Goethe. S. 45.
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Im Frühling bekommt Charlotte einen Sohn und zu dritt beziehen sie das Berghaus. Charlotte denkt an Eduard und ihr wird zum ersten Mal bewusst, dass sie und Ottilie wie Gefangene leben. Sie musste Eduard vor seiner Abreise versprechen, dass sie Ottilie nicht von dem Schloss entferne. In kleinen Ausbrüchen statten sie den Nachbarn Besuche ab und empfängt Besuche. Eines Abends, als sie nach Hause kommt, musste sie feststellen, dass ihr Sohn ertrunken ist. Ottilie ist trotz des Verbots Charlottes mit dem Kind auf dem See unterwegs gewesen. Charlotte bleibt ruhig, nimmt Ottilie und bettet sie auf ihrem Schoss; „ sie atmete sanft, sie schlief, oder sie schien zu schlafen.“ 13 Der Hauptmann tritt herein und trägt ihr die Nachricht Eduards vor, der sich scheiden lassen will, „sie hörte gelassen zu, und schien weder darüber zu staunen, noch unwillig zu sein.“ 14 Charlottes größte Sorge gilt Ottilie; „wie soll sie leben, wie soll sie sich trösten (…)?“ 15 Beim Abschied fragt der Hauptmann, was er für sich hoffen darf. Charlotte antwortet unbestimmt: „Wir haben nicht verschuldet, unglücklich zu werden; aber auch nicht verdient, zusammen glücklich zu sein.“ 16 Diese Antwort klingt weise und unschlüssig zugleich. Die Ereignisse wachsen Charlotte über den Kopf, punktuelle Akzente aus Eigeninitiative täuschen darüber nicht weg. 17 Ottilie entschließt sich wieder zurück in die Pension zu gehen, Charlotte beginnt wieder zu hoffen, dass sich alles einrenken werde. Doch Ottilie kehrt zurück zu ihr auf das Schloss, auch Eduard befindet sich nun wieder auf dem Schloss und der Hauptmann kommt des öfteren zu Besuchen. Mit dem plötzlichen Tod Ottiliens hat Charlotte nicht gerechnet, doch überrascht scheint sie auch nicht. Als kurz darauf auch Eduard stirbt gibt Charlotte „ihm seinen Platz neben Ottilien und verordnete, daß niemand weiter in diesem Gewölbe beigesetzt werde.“ 18 Zu Beginn tritt uns Charlotte mit einer beinahe männlichen Würde entgegen, als sich aber die Geschehnisse überschlagen, bleibt ihr nur noch die Akzeptanzfähigkeit ihres Herzens. Ihr Schweigen weist daraufhin, dass sie den Irrungen vor ihren Augen kein inneres Verständnis entgegenbringt, demutsvoll nimmt sie alles hin. 19
Charlotte ist es, die in der Gesellschaft den Ton angibt und den Stil überwacht. Goethe entwarf mit behutsamem, sicherem Strich, die Zeichnung ihres komplexen und starken Charakters. Ihr Charakter stützt sich auf einen genauen Anhaltspunkt, denn Charlotte wird mit einem bestimmten Frauenbild identifiziert. Dieses Frauenbild war im Weimarer Klassizismus
13 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 232 Zeile 3f.
14 Ebd. S. 232 Zeile 20f.
15 Ebd. S. 233 Zeile 12f.
16 Ebd. S. 233 Zeile 31f.
17 Lösch, M.: Who’s Who bei Goethe. S. 46.
18 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 264 Zeile 3- 5.
19 Lösch, M.: Who’s Who bei Goethe. S. 47.
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aufgekommen und bildete sogar die Grundlage seines gesellschaftlichen Ideals. Die vollendete Höflichkeit der Umgangsformen, die Begabung, eine Konversation lebendig und in der richtigen Tonlage zu erhalten und taktvoll von jedem Thema abzulenken, stammen bei Charlotte aus jener Form der Geselligkeit des 18. Jahrhunderts. Charlottes klarer Geist wird von ihrem innersten Bedürfnis geschärft, niemals einen Verstoß gegen die guten Manieren in ihrer Umgebung erleben zu müssen. 20
2.1. Eigenschaften von der Herzogin Louise
Die Zeitgenossen Goethes kannten die Urbilder. Sie wiesen auf Abbilder gesellschaftlicher Wirklichkeit, die man in den Gestalten des sensationellen Romans erkennen wollte. In der Charlotte sah man die Herzogin Louise. 21
Als Goethe die Fürstin Louise kennenlernt fühlt er, dass er sie in allen blendend weißen Gestalten seiner Dichtung wiederfinden wird. Er ist sich sicher, dass er sie kennenlernen musste, damit diese Heldinnen keine blassen, unwirklichen Phantome würden, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. 22
Nachdem Louises Mutter starb und alle ihre Schwestern verheiratet wurden, blieb ihr nur noch der Weg in eine standesgemäße Ehe, möglichst mit einem Partner, der ihr genügend Luft zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit ließ. 23 Die Herzogin liebte nämlich die schöne, stille Natur und geistvolle Gespräche, den Park oder die reizvollen Schlösser. Dort konnte sie aufatmen, wenn der Gemahl sie ein weiteres Mal allein gelassen hatte. 24 Auch Charlotte liebt ihren Schlossgarten, die arbeiten im Freien und Spaziergänge. „Charlotte, benutzte des andern Tages, auf einem Spaziergang (…) die Gelegenheit des Gesprächs wieder anzuknüpfen.“ 25 Und der Hauptmann beurteilt ihre Arbeit und Liebe zur Natur mit den Worten: „Es ist ihr, wie allen denen, die sich nur aus Liebhaberei mit solchen Dingen beschäftigen, mehr daran gelegen, daß sie etwas tue, als daß etwas getan werde. Man tastet an der Natur, man hat Vorliebe für dieses oder jenes Plätzchen; man wagt nicht dieses oder jenes Hindernis wegzuräumen (…)“ 26
Die Geschichte der jungen Louise ist der von Charlotte aus den Wahlverwandtschaften sehr ähnlich. Louise lernt Carl August kennen und lieben. Sie hält ihre junge, mädchenhaft-
20 Sampaolo,G.: „Proserpinens Park“ Goethes Wahlverwandtschaften als Selbstkritik der Moderne. S. 73f.
21 Mann, T.: Zu Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 642.
22 Taxis- Bordogna, O.: Frauen von Weimar. S. 52.
23 Jena, D.: Das Weimarer Quartett. S. 79.
24 Ebd. S. 89.
25 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 15 Zeile 17f.
26 Ebd. S. 27 Zeile 7- 12.
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schüchterne Zuneigung zu dem hübschen Prinzen für die große und einzige Liebe ihres Herzens. Sie gibt ihr Jawort ohne dass sie hätte jemand warnen, oder sie darauf vorbereiten können. Carl August redet viel, verspricht ihr, dass dieses Glück eine Ewigkeit gelten solle. Für Louise ist die Brautzeit die einzige Zeit ihres Lebens, in der sie ihr Gefühl über die Vernunft stellt, die einzige, in der sie bedingungslos glaubt, hofft und liebt. 27 Auch Charlotte und Eduard „liebten einander als junge Leute recht herzlich“. 28 Und die beiden galten als das schönste Paar bei Hofe. 29 „Wenn sie beide zusammen tanzten, aller Augen waren auf sie gerichtet und wie umworben beide, indem Sie sich nur ineinander bespiegelten.“ 30 Louise hat es schwer am Hofe, doch sie muss sehen wie sie allein damit fertig wird, wie sie sich mit all den Schwierigkeiten, die ihr begegnen, auseinandersetzt. Sie tut dies ebenso gewissenhaft und pflichtbewusst, wie sie alles tut. Sie muss alles prüfen und wägen und sie tut dies mit einer schmerzvollen Gründlichkeit. Nun weiß sie auch, dass Worte hohl sein können, dass Versprechen nicht gehalten werden. 31 Und auch Charlotte musste lernen, dass Versprechen und Vorsätze nicht gehalten werden, als sie erfährt, dass Eduard die Zweisamkeit sprengen will, indem er seinen Freund, den Hauptmann zu sich auf das Schloss einladen will. Ihre Enttäuschung kommt zum Vorschein als sie ihm in einer Unterredung vorwirft, „dass die Berufung des Hauptmanns nicht so ganz mit [ihren] Vorsätzen, [ihren] Planen, [ihren] Einrichtungen zusammentrifft.“ 32
Als Louise sich in dieser schweren Lebensphase befindet lernt sie Dr. Goethe kennen, er versucht die Differenzen zwischen Carl August und Louise zu schlichten. Doch er selbst ist noch jung und gerade erst nach Weimar gekommen und huldigt zusammen mit Carl August den unersättlichen Lebenshunger und das Genietreiben. 33
Louise erledigte ihre Aufgaben entschlossen und ausdauernd. Sie zeigte breit gefächerte Interessen, bildete einen guten Geschmack und ein eigenes Urteilsvermögen aus. 34 Charlotte hat ihre Interessen in dem allgemeineren und „gerade indem, wo sich etwas historisch Merkwürdiges fand.“ 35 Und sie „spielte sehr gut Klavier.“ 36
27 Taxis- Bordogna, O.: Frauen von Weimar. S. 47.
28 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 11 Zeile 7.
29 Ebd. S. 78.
30 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 78 Zeile 22- 24.
31 Taxis- Bordogna, O.: Frauen von Weimar. S. 49- 51.
32 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 11 Zeile 3- 5.
33 Taxis- Bordogna, O.: S. 49.
34 Jena, D.: Das Weimarer Quartett. S.75.
35 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften.. S. 202 Zeile 7f.
36 Ebd. S. 23 Zeile 7.
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Louise tat Goethe leid, er sah jedoch keine Möglichkeit, dem Übel in der Ehe abzuhelfen, außer, sie fände selbst einen Lebensbereich oder Menschen, dem sie ihr Herz zuwenden konnte. 37 Goethe löst für die Figur Charlotte dies, indem er ihr Ottilie zuschreibt. Nachdem Eduard sich zu entfernen scheint und den Hauptmann in seiner Nähe haben möchte, bemüht sich Charlotte darum, ihre Nichte Ottilie zu unterrichten und bei sich zu haben. Sie gesteht Eduard: „ ich befinde mich in einer ähnlichen Lage wie du (…). Nun sollst du erfahren (…), daß es mir mit Ottilien geht, wir dir mit dem Hauptmann.“ 38 So erhält jeder von beiden eine Bezugsperson, mit der er sich beschäftigen und unterhalten kann. Ottilie ist auch der wichtigste Mensch in Charlottes Leben, vor allem als das Kind Otto stirbt und Charlotte sich, so viel es ihr möglich war, gegen das Leben zurückkehrte, dort fand sie Ottilien, die ihres Beistandes bedurfte. 39
Louise prägte ihre positiven Eigenschaften durch eine sichtbare Hinwendung zur Religion weiter aus. 40 Möglicherweise wurde aus diesem Grund der Roman die „Wahlverwandtschaften“ das allerchristlichste Werk Goethes. Auf ihn berief er sich, wenn ihm daran lag, sich gegen den Vorwurf des Heidentums zu verteidigen. 41
2.2. Eigenschaften von Charlotte von Stein
Man kann nicht umhin, auf die charakterliche Ähnlichkeit zwischen der Figur und der gleichnamigen Frau von Stein zu sprechen zu kommen. Charlotte erhielt somit ihren Namen von Goethes Geliebten, denn abgesehen von den Übereinstimmungen mit den empirischen Daten, betrifft die Parallele vor allem die symbolische Rolle der Charlotte von Stein. 42 Das Leben mit Charlotte von Stein hatte für Goethe eine bis dahin unbekannte Intensität. 43 Es ist immerhin die Beziehung zu einer verheirateten Frau, die er einzugehen gewillt ist. 44 Eine verheiratete Frau war das, was er gerade brauchte. Denn hier fiel die regelmäßig störende Frage der Einreihung in die bürgerlichen Moralbegriffe von Verlobung und Heirat fort. 45 Goethe war zum ersten Mal einer älteren, reiferen und zugleich attraktiven Frau begegnet, einer Frau mit wie eingeborenen feinen Formen, tüchtig, offen, gradlinig, mit Bildung des
37 Jena, D.: Das Weimarer Quartett. S. 93.
38 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 16 Zeile 2- 10.
39 Ebd. S. 236.
40 Jena, D.: Das Weimarer Quartett. S. 75.
41 Mann, T.: Zu Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 645.
42 Sampaolo, G.: „Proserpinens Park“ Goethes Wahlverwandtschaften als Selbstkritik der Moderne. S. 74.
43 Koopmann, H.: Goethe und die Frau von Stein. S. 57.
44 Ebd. S. 60.
45 Klauß, J.: Charlotte von Stein. S. 137.
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Herzens und des Geistes. 46 Er muss schon nach der ersten Begegnung mit Charlotte von Stein gewusst haben, dass sie die Einzige war, die er brauchte, um seinen Lebenskurs zu stabilisieren. 47 Charlotte von Stein ist eine höchst ungewöhnliche Frau, auffallend in ihrer herzlichen Natürlichkeit, klug und zurückhaltend, aber voll Anteilnahme an ihrer Welt. 48 Auf der Seite von Charlotte von Stein ist wenig von einer sich anbahnenden Liebesbeziehung zu sehen, es ist vielmehr die Reserve der älteren, gebildeten Frau. Aber das Zögernde, Zurückhaltende im Wesen Charlottes hat Goethe offenbar gereizt, nicht abgestoßen. 49 Auch die Figur Charlotte willigte nicht sofort in die Verbindung zu Eduard ein. Auf sein drängen auf eine Ehe zögerte sie zuerst: „denn da wir ungefähr von den selben Jahren sind, so bin ich als Frau wohl älter geworden, du nicht als Mann.“ 50 Charlotte ist also auch hier zögernd und geistig älter, als der zu einer Verbindung drängende Mann. Charlotte und Eduard waren als junge Leute ein Paar. Doch sie wurden getrennt als Eduard, nach dem Wunsch seines Vaters, eine andere Frau heiraten musste und Charlotte daraufhin auch heiratete. 51 In ihrer späten Ehe wird eine vergangene, verbotene Liebe gelebt. Goethe lebt in den Wahlverwandtschaften aus was er für Charlotte von Stein empfand, denn er beschrieb eine Liebe zu Charlotte von Stein als eine Art überirdische Notwendigkeit, die sie beide zusammengebracht hat und dass das früher gewesen sein muss. 52 In dem Roman „Die Wahlverwandtschaften“ erscheint einiges wie ein spätes Echo der Beziehung Goethes zu Charlotte von Stein. Vor allem in dem zweiten Teil, Kapitel sieben klingt es wie ein Echo als es heißt, dass das weibliche Geschlecht ein eigenes, inneres, unwandelbares Interesse hegt, von dem sie nichts in der Welt abtrünnig macht. „Im äußeren geselligen Verhältnis hingegen lassen sie sich gern und leicht durch den Mann bestimmen der sie eben beschäftigt, und so durch Abweisen wie durch Empfänglichkeit, durch Beharren und Nachgiebigkeit führen sie eigentlich das Regiment, dem sich in der gesitteten Welt kein Mann zu entziehen wagt.“ 53 Dieses Zitat ist eine eindeutige Reflexion Goethes über seine vergangene Beziehung zu Frau von Stein, die dieses Prinzip mit ihm praktizierte. Noch ein weiterer späterer Reflex über die Beziehung zu Frau von Stein äußert in den Wahlverwandtschaften der Gehilfe in dem Gespräch, indem es um die Erziehung und
46 Klauß, J.: Charlotte von Stein. S. 132.
47 Koopmann, H.: Goethe und die Frau von Stein. S. 63.
48 Ebd. S. 68.
49 Ebd. S. 78f.
50 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 11 Zeile 18f.
51 Ebd. S. 11.
52 Koopmann, H.: Goethe und die Frau von Stein. S. 82.
53 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 177 Zeile 12- 17.
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Kleidung von Mädchen geht. „In Absicht auf andere Frauen ganz gewiß. Man betrachte ein Frauenzimmer als Liebende, als Braut, als Frau, Hausfrau und Mutter, immer steht sie isoliert, immer ist sie allein, und will allein sein. Ja die Eitle selbst ist in dem Falle. Jede Frau schließt die andere aus, ihrer Natur nach: denn von jeder wird alles gefordert, was dem ganzen Geschlechte zu leisten obliegt. Nicht so verhält es sich mit den Männern. Der Mann verlangt den Mann; er würde sich einen zweiten erschaffen, wenn es keinen gäbe: eine Frau könnte eine Ewigkeit leben, ohne daran zu denken, sich ihres gleichen hervorzubringen.“ 54 Es ist nicht zu übersehen, dass Charlotte eine beratende Funktion in Eduards Leben hat. Sie ist es die ihn erst einmal besänftigt und Vorschläge für ein weiteres Handeln macht, als Eduard den Hauptmann unbedingt bei sich aufnehmen möchte. Eduard sieht keine andere Lösung als seinen Freund aufzunehmen und kommt auf keine andere Lösung was sonst noch zu tun sein konnte. Auch ermahnt ihn Charlotte, dass dies ein gefährliches Unternehmen sein kann. 55 Denn „nichts ist bedeutender in jedem Zustande, als die Dazwischenkunft eines Dritten. Ich habe Freunde gesehen, Geschwister, Liebende, Gatten, deren Verhältnis durch den zufälligen oder gewählten Hinzutritt einer neuen Person ganz und gar verändert, deren Lage völlig umgekehrt wurde.“ 56
Auch Charlotte von Stein hat in Goethes Leben die Rolle der ratenden, helfenden, manchmal schimpfenden Schwester. 57 Dass er in Charlotte von Stein eine Art Schwester sah, zeigt sich darin dass er das kleine einaktige Schauspiel „Die Geschwister“ schrieb, welches die Beziehung zu Frau von Stein verschlüsselt widerspiegelt. 58 Charlotte von Stein war möglicherweise ein Ersatz für seine Schwester Cornelia. 59 Goethe fühlte sich merkwürdig von der beruhigenden Frau angezogen, denn sie agierte als Schwester oder Frau der Besänftigung, der er dankbar zu Füßen lag. Doch er vermochte nicht an eine glückliche, normale Liebe mit ihr zu glauben, da diese Liebe nicht beglückte, sondern schmerzte und quälte. 60 Möglicherweise sind aus diesem Grunde auch die Ehe und das Liebesverhältnis von Charlotte und Eduarden nicht besonders leidenschaftlich dargestellt. Sie gleichen eher einer abgestumpften Zweckgemeinschaft, in der man sich den Lebensabend versüßt und in Zweisamkeit, die in den jungen Jahren verboten war, auslebt. In diese leidenschaftslose und dennoch respektvolle Beziehung könnte man auch ein Geschwisterverhältnis hinein
54 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 180 Zeile 7- 16.
55 Ebd. S. 13.
56 Ebd. S. 13 Zeile 14- 19.
57 Maurer, D.: Charlotte von Stein. S. 56.
58 Ebd. S.51f.
59 Klauß, J.: Charlotte von Stein. S. 137.
60 Maurer, D.: Charlotte von Stein. S. 56.
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interpretieren, was Goethe mit Charlotte von Stein verband. Auch Charlotte von Stein wird als rational beschrieben, denn sie hatte bis sie Goethe kennenlernte, keine Liebe empfunden, von der Gefährdung durch Leidenschaft wusste sie nichts. 61 Auch die Figur Charlotte scheint rational und somit leidenschaftslos zu sein mit der es nicht möglich ist eine leidenschaftliche Beziehung zu führen, weshalb Eduard in die Arme von Ottilie flieht. „Niemals reizte sie [Charlotte] den Mann [Eduard], ja seinem Verlangen kam sie kaum entgegen.“ 62 Charlotte von Stein schwankte zwischen ihren Wünschen und ihren ethischen Vorstellungen und rief in ihrer Verzweiflung den Himmel als höchste Instanz an. Auch ihre Bitte, die Empfindungen in ihr zu vernichten, falls sie unerlaubt sein sollten, damit sie nicht schuldig würde, zeigt ihr hilfloses Kämpfen mit sich selbst. 63 Auch diese Eigenschaft hat die Figur der Charlotte übernommen. Auch sie kämpft für ein sittlich richtiges Verhalten und so entsagt sie sich der Liebe zum Hauptmann, nachdem er sie küsste: „Daß dieser Augenblick in unserm Leben Epoche mache, können wir nicht verhindern; aber daß sie unser wert sei, hängt von uns ab.“ 64 Charlotte glaubte nun die Gewalt, die sie über sich selbst ausgeübt hatte, auch von anderen fordern zu können. „Ihr war es nicht unmöglich gewesen, andern sollte das gleiche möglich sein. In diese Sinne begann sie das Gespräch mit ihrem Gemahl, um so mehr offen und zuversichtlich, als sie empfand, daß die Sache ein für allemal abgetan werden müsse.“ 65 Der Vermerk der Baronesse über die junge Charlotte gibt Auskunft über die wohl wichtigste Charaktereigenschaft, die Goethe ihr von Charlotte von Stein zugeschrieben hatte. Denn auch Charlotte quälte den jungen Eduard; Charlotte war nicht ganz ohne Schuld, nicht ganz rein von allem Umhersehen, und ob sie gleich Eduarden von Herzen liebte und sich ihn auch heimlich zum Gatten bestimmte, so war ich doch Zeuge, wie sehr sie ihn manchmal quälte, so daß man ihn leicht zu dem unglücklichen Entschluß drängen konnte, zu reisen, sich zu entfernen, sich von ihr zu entwöhnen.“ 66 Charlotte von Stein hat Goethe nicht nur, was seine Liebe zu ihr betraf, auf Distanz gehalten, sondern auch seinem ungestümen Wesen Einhalt geboten. 67 Auch Goethe floh vor Charlotte von Stein; die Ernüchterung nach den Anfängen war längst eingetreten und schon damals wurde deutlich, dass in dem Moment, an dem die
61 Maurer, D.: Charlotte von Stein. S. 67.
62 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 88.
63 Maurer, D.: Charlotte von Stein. S. 67f.
64 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 93.
65 Ebd. S. 108 Zeile 20- 24.
66 Ebd. S. 78f. Zeile 32-36f.
67 Maurer, D.: Charlotte von Stein. S. 56.
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Beziehung zu Charlotte von Stein brüchiger werden sollte, Goethe nichts mehr hatte, was ihn an Weimar binden konnte. 68
Ihre moralische Würde, gepaart mit einer aufrichtigen Herzlichkeit, der Wille zu gegenseitiger menschlicher Vervollkommnung, welche durch keusche Freundschaftsbeziehungen zu erlangen war, machten aus ihr eine wesentliche Inspirationsquelle für Goethes Bildungsbegriff. Der Frauentyp der Charlotte von Stein ist das erzeugende und tragende Subjekt dieser Kultur. 69
2.3. Eigenschaften von Christiane Vulpius
Christiane war munter und vergnügungssüchtig. Goethe hatte gern fröhliche Leute um sich. Ihre frühere schöne Gestalt war einer ziemlichen Corpulenz gewichen. Von ihrer früheren Erziehung klebte ihr einiges an; sie war nicht gerade die Frau, die man für Goethes Haus passend fand. Die sogenannte bessere Gesellschaft Weimars hielt sich von ihr fern. 70 Wenn man die Zeit Goethes in Verbindung mit Christiane Vulpius betrachtet, so muss man das Entstehen dieser Ehe erwägen. Nach seiner Italienreise fand er Christiane; seine damalige Lage bedurfte einer Erheiterung. So verliebte er sich in ihr naives, munteres Wesen. Er fand in Christiane das weibliche Wesen, dessen er bedurfte. Auch Charlottes Charakter wird eine besondere Art von Weiblichkeit zugesprochen; sie „war eine von den Frauen, die, von Natur mäßig, im Ehestande ohne Vorsatz und Anstrengung die Art und Weise der Liebhaberinnen fortführen (…) sie [glich] immer einer liebevollen Braut.“ 71 Sie hatte sich zu einer Lebensgefährtin gebildet und überhob ihren verehrten Mann. Sie war eine tüchtige Hausverwalterin, die in seinen gastlichen Sinn einzugehen wusste. Da ihre Reize verschwanden und seine Leidenschaft dadurch abgeschwächt wurde, ersetzte sie dies mit Anhänglichkeit und Treue. 72 Die Treue der Charlotte gegenüber Eduard beweist sich gerade in dem Verzicht zum Hauptmann, was im letzten Kapitel genauer beschrieben wird. Christiane machte die Hauswirtin, obwohl sie für all dies Bedienstete hatte. Um die Bediensteten in dem großen Haushalt anzuleiten und zu beaufsichtigen, brauchte Christiane keine schöngeistigen und intellektuellen Fähigkeiten, sondern Menschenkenntnis und lebenspraktisches Geschick. In ihrem Gesicht waren die Spuren der täglichen Arbeit
68 Koopmann, H.: Goethe und die Frau von Stein. S. 200
69 Sampaolo, G.: „Proserpinens Park“ Goethes Wahlverwandtschaften als Selbstkritik der Moderne. S. 74.
70 Abeken, B. R.:. Goethe in meinem Leben. S. 81f.
71 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 88 Zeile 3- 7.
72 Abeken, B. R.:. Goethe in meinem Leben. S. 84f.
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eingezeichnet. Auch Charlotte wird als „kluge Hausfrau“ 73 beschrieben, sie führte Ottilie in die Hausgeschäfte ein und teilte sich die Arbeit mit ihr. Sie war auch zuständig für die finanziellen Angelegenheiten, die ein größerer Haushalt mit sich brachte. Sie konnte als „gute Haushälterin“ frei entscheiden. „Die Kasse ist unter [ihrem] Beschluß; [sie] zahle die Zettel, und die Rechnung führe [sie] selbst.“ 74
Christiane schien Goethe zu suggerieren, dass sie die Verehrungen anderer Frauen tolerierte. Sie nahm alles heiter und leicht. Er lies sie auch von den Freiheiten, die er sich nahm wissen und gestand sie ihr in gleicher Weise zu. Ein Beispiel wie sie auf Goethes Liebschaften reagierte, geht aus einem Brief hervor: „Hier folget wie ich sehe wieder ein Brief von Mariannichen? Das ist eine fleißige Schreiberin, das wird am Ende noch gefährlich werden… Die vielen Briefe von dem Mariannichen machen mir doch ein bisschen Angst.“ 75 Ob Christiane Goethes Hinneigung zu jungen Frauen so leicht nahm, wie seine Briefe suggerieren, oder ob es sie belastete, sei dahingestellt. 76
Charlotte verzeiht Eduard zwar den Fehltritt, lässt eine Trennung aber keinesfalls zu. Als der Hauptmann von dem Schloss Abschied nahm, suchte Charlotte das Gespräch zu Eduard. Sie spricht ihn auf die Liebe zu Ottilien an und verlangt von ihm, dass er ihr entsagt. Sie argumentiert, dass sie nun mal nicht mehr die jüngsten seien, „um blindlings dahin zu gehen, wohin man nicht möchte oder nicht sollte.“ 77
Abschließend kann interessanterweise noch zum Thema Christiane Vulpius bemerkt werden, dass der Architekt in den Wahlverwandtschaften dem Engelhardt nach empfunden ist, in den Christiane angeblich verliebt gewesen sein soll. 78
3. Das Mythische an Charlotte
3.1. Die Alchimie
Der Roman die „Wahlverwandtschaften“ kann auch als chemisch- alchemistisches Experiment gesehen werden. Dieses Experiment wird dadurch eingeleitet, dass Eduard und Charlotte überlegen ihre Zweisamkeit zu erweitern. Das Paar verwandelt sich von der Zweisamkeit in die Vollendungsfigur der Alchimisten, der Quadratur des Kreises. Das Zeichen des Kreises O versinnbildlicht mit dem wahlverwandten Namen Otto gleich
73 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 23 Zeile 17.
74 Ebd. S. 54 Zeile 27- 29.
75 Damm, S.: Christiane und Goethe. S. 365. Zeile 20- 24.
76 Ebd. S. 366.
77 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 110 Zeile 5f.
78 Damm, S.: Christiane und Goethe. S. 370.
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mehrfach das alchimistische Ideal. Bedeutungsvoll für den Roman werden die Vorgänge der Gleichnisrede erst, wenn man das Elementenquartett dem Romanpersonal zuzuordnen versucht.
Charlotte entspricht dem Element der Luft. Für sie kann es nicht luftig genug sein und sie zieht es immer ins Freie, etwas zu tun. Sei es eine Mooshütte zu erbauen oder neue Pfade anzulegen. Auch die vier Jahreszeiten, die den Handlungsverlauf durchgehend rhythmisch gliedern, lassen sich auf die vier Personen in Analogie setzen. So fällt Charlottes Geburtstag ins Frühjahr. So ergibt sich die seit Aristoteles bekannten Paarungen von Luft und Frühling. Doch dieses alchimistische Ideal lässt sich nicht ohne die drei anderen Figuren erklären, die gerade die Quadratur des Kreises durch ihre Zahl vier darstellen. So lässt sich Eduard mit dem Element der Erde und der Jahreszeit Herbst definieren, Ottilie ist das Element Feuer und die Jahreszeit Sommer zugeschrieben und der Hauptmann trägt die Eigenschaft des Wassers und die Jahreszeit Winter in sich.
Die deutliche Zuordnung der Temperamente sind zu parallel dazu eingetragenen Kategorien in Anschlag zu bringen: Sinnlichkeit, Verstand, Vernunft und Phantasie. Charlotte entspricht in einer solchen Charakterisierung, aufgrund ihrer Disziplin, Tüchtigkeit und planvollen Lebensführung, der Vernunft. Nach dem chemischen Gleichnis liest sich nun das künftige Geschehen wie eine Anleitung. Charlotte löst sich als Luft- Säure auf und es liegt an ihr, ob sie im Unendlichen herumtreiben will, oder sich mit dem Hauptmann zu Gips verbinden will. 79
Die Tatsache, dass Charlotte und nicht Ottilie das gemeinsame Kind der vier empfängt, entspricht damit genau den Vorstellungen der Alchimisten, denen zufolge der Wind den Stein in seinem Bauche getragen hat. 80
3.2. Todesbild der Charlotte
Das Todesmotiv in den Wahlverwandtschaften lässt sich von der Anakreontik ableiten, der Goethe in seinen jungen Jahren zugeneigt war. Das Todesmotiv der Anakreontik hat bemerkenswerte Aspekte einer säkularisierten Lebensbewältigung abgewonnen. Das ‚Carpediem‘- Motiv hat die Endlichkeit unserer Existenz vor Augen. 81 Der anakreontische Stil ist hier nicht nur aus diesem Grund erwähnenswert, interessanterweise lässt sich der Name Charlotte auch aus dieser anakreontische Literatur ableiten.
79 Wiethölter, W.: Legenden. Zur Mythologie von Goethes Wahlverwandtschaften. S. 40- 44.
80 Ebd. S. 47.
81 Beetz, M.: Anakreontische Aufklärung. S. 7.
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Charlotte hat den christlichen Friedhof in ein Museum verwandelt, um den schreckenden Anblick des Todes durch schönere Bilder zu verdrängen. Gleich einem Archäologen hat sie auch dem ältesten Stein seine Ehre gegönnt. Überall wo Charlotte bewusst das Bild des christlichen Todes beseitigt hat, entsteht unbewusst das Bild des antiken Todes, darin wiederholen die „Wahlverwandtschaften“ eine Psychologie der antiken Todesbilder. 82
3.2.1. Die entwurzelte Charlotte
In den „Wahlverwandtschaften“ stagniert das Leben der Figuren und kommt letztlich zum Stillstand. Es gibt kein Entstehen, kein Wachstum und keine Veränderung mehr. Das Verändern des Parks ist der Versuch, einen geeigneten Raum für die Verwirklichung der persönlichen Wünsche zu schaffen. Und auch der Friedhof wird in die Neugestaltung der Landschaft mit einbezogen. Er soll dem Landschaftsbild angeglichen werden. Charlotte hat die Grabsteine von ihrem ursprünglichen Standort weggerückt und an die Kirchhofmauer anbringen lassen. „Der übrige Raum war geebnet. Außer einem breiten Wege, der zur Kirche und an derselben vorbei zu dem jenseitigen Pförtchen führte, war das übrige alles mit verschiedenen Arten Klee besäet, der auf das schönste grünte und blühte.“ 83 Die Stätte des Todes wird, indem sie geschmückt wird, zugänglich gemacht. So ist der Friedhof nicht länger der Trauer zugeordnet, sondern ist zu einem ästhetischen Element des Schlossgartens geworden. 84 Der Schrecken des Todes wird durch angenehme Eindrücke übertüncht und soll die Mahnung an den eigenen Tod fernhalten. Charlottes gestalterische Maßnahmen zielen auf die Erzeugung einer bestimmten Stimmung ab, nämlich der Verdrängung des Todes aus dem ihm zugeordneten Bereich. 85 Nun ist es nicht mehr Trauer die beim Anblick des geschmückten Kirchhofs empfunden wird, sondern Erleichterung. Indem das, was an den Tod erinnert, beiseite geschafft wird soll auch der Tod selbst von dieser Stätte verbannt werden. Die Totengedenkstätte wird zu einem musealen Gegenstand entfremdet. Charlotte löscht damit die alte Tradition aus, damit sie den Ort ästhetisch genießen und ökonomisch nutzen kann. 86
Die Gemeindemitglieder stellen sich gegen die Zerstörung der öffentlichen Gedenkstätte. Der junge Rechtsgelehrte, der bei Charlotte aus diesem Grund vorspricht, vertritt die Familien, die sich durch eine Stiftung an die Kirche den Platz eines Familiengrabes hatten zusichern lassen.
82 Schlaffer, H.: Namen und Buchstaben in Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 223- 225
83 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 130 Zeile 4- 8.
84 Herrmann, E.: Die Todesproblematik in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“. S. 109.
85 Ebd. S. 110.
86 Ebd. S. 111.
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Sie widerrufen diese Stiftung nun, da die Bedingungen nicht mehr eingehalten werden. Das Gespräch zwischen Charlotte und dem Rechtsgelehrten führt direkt auf die Todesproblematik der Figuren hin und gibt näher Auskunft über ihr Verhältnis zum Tod. Charlotte wird vorgeworfen, mit der Entfernung der Grabsteine den Angehörigen das Andenken an die Toten zu nehmen; „denn die wohlerhaltenen Monumente zeigen zwar an, wer begraben sei, aber nicht wo er begraben sei, und auf das Wo komme es eigentlich an.“ 87 Der Rechtsgelehrte vertritt die Meinung, dass für denjenigen, der das Zeichen gesetzt hat, die Bedeutung darin liegt, „den Ort zu bezeichnen, der die Seinigen aufbewahrt“ 88 Denn der Ort, an dem der Tote begraben ist, ist der Ort, an dem sich die Familie in Verbundenheit mit dem Toten versammelt. Diese Auffassung der Gemeindemitglieder, zeugt von einer Verwurzelung mit dem Standort. Doch eine Verwurzelung mit dem Grund und Boden fehlt gerade den Figuren in den Wahlverwandtschaften; sie sind entwurzelt, ohne Standfestigkeit und inneren Halt. Aus diesem Grund kann Charlotte die Bindung an das ‚Wo‘ nicht nach empfinden. 89
3.2.2. Charlotte als irdische Frau
Die ganz andere Interpretation über Charlottes Umgestaltung des Friedhofes, tendiert dazu, dass Charlotte die Todessymbolik des Friedhofes nicht verdrängen möchte, sondern dass für sie der Gedanke an den Tod keine besondere Störung bedeutet. Sie ist gerade wegen ihres unerschütterlichen inneren Frieden dazu imstande, die Grabsteine herausreißen zu lassen und darauf eine Wiese aus verschiedenen Sorten grünen Klees säen zu lassen. Diese Bepflanzung ist keine Dekoration, was die Forschung der ersten Interpretation hartnäckig behauptet, denn im Roman wird erläutert, dass der Klee dem Haushalt des Pfarrers dienen soll. 90 „Sogar der betagte und an alte Gewohnheiten haftende Geistliche (…) hatte nunmehr Freude daran, wenn er unter den alten Linden (…) statt der holprigen Grabstätten einen schönen bunten Teppich vor sich sah; der noch überdies seinem Haushalt zugute kommen sollte, indem Charlotte die Nutzung des Fleckes der Pfarre zusichern lassen.“ 91 Doch diese Worte werden von einer Deutungstradition, die sich mit dem allgemein auf den Roman angewendeten Ästhetisierungsklischee festgefahren hat, regelmäßig ausgeblendet. Der Nutzen spielt hingegen bei Charlotte einen fundamentalen Wert. Charlotte zeigt dadurch, dass sie eine durch und durch irdische Frau ist, denn sie ist in dem Maße mit der Erde verbunden, wie ihr
87 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 130 Zeile 24- 27.
88 Ebd. S. 131 Zeile 7f.
89 Herrmann, E.: Die Todesproblematik in Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 113.
90 Sampaolo, G.: „Proserpinens Park“ Goethes Wahlverwandtschaften als Selbstkritik der Moderne. S. 76f.
91 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 130 Zeile 12- 20.
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das Unterirdische und darüber hinaus jede Realität, die es jenseits des Lebens geben mag, fremd ist. Für Charlotte gibt es die Verstorbenen nicht: „Das Bild eines Menschen ist doch wohl unabhängig; überall wo es steht, steht es für sich und wir werden von ihm nicht verlangen, daß es die eigentliche Grabstätte bezeichne. (…) Selbst gegen die Bildnisse habe ich eine Art von Abneigung: denn sie scheinen mir immer einen stillen Vorwurf zu machen; sie deuten auf etwas Entferntes, Abgeschiedenes und erinnern mich, wie schwer es sei, die Gegenwart recht zu ehren.“ 92
3.2.3. Vermischung der Klassischen- und Romantischen- Typologien
Diese beiden Interpretationen sind möglicherweise Indizien für die Vermischung der Klassischen- und Romantischen- Typologien. Goethe dachte nicht daran, ausschließlich Klassiker zu sein, auch wenn er sich von den absolutistischen ästhetischen Standpunkten aus dadurch vom Ideal der Kunst entfernte. Seine ambivalente Wertung der unklassischen Formtradition weicht infolge seiner aufmerksamen Beobachtungen, zwischen den an der Antike orientierten Klassikern und den aus der Situation der moderne ableitenden Romantikern, mehr einer wertneutralen Gegenüberstellung beider Kunsttendenzen. Goethe wollte sich keineswegs zwischen den Klassikern und den Romantikern auf eine Seite schlagen, sondern ihm lag viel daran, diesen Streit so zu mäßigen, dass er ohne Untergang der einen Seite ausging. Nun war es für den Künstler möglich geworden, bei jedem Werk ganz nach belieben irgendeinen Stil auszusuchen, mit dem ihn ein Gefühl persönlicher Wahlverwandtschaft verbindet. 93
Die Verlegenheit, mit der man Charlottes landwirtschaftlichen Bemühungen zusieht, offenbart wie inaktuell der Optimismus der Klassik schon für die „Wahlverwandtschaften“ geworden ist. Dieser Optimismus geht buchstäblich über Leichen, indem selbst ein Friedhof als eine Fläche gilt, die vom physiokratischen Standpunkt aus ungenutzt und folglich anzubauen ist.
In einer mittlerweile nachklassischen Zeit, wird nicht zufällig auch dem Tod und dem aus dem Leben nicht wegzudenkenden Leiden ein unzensierter sakraler Raum zugebilligt; zu dem die bewusstesten Menschen zutritt haben werden. Wenn der Roman in diesem Punkt also die Einseitigkeit Charlottes hervorhebt, dann bekennt er eine Unfähigkeit des Klassizismus, sich in angemessener Form mit dem Negativen auseinanderzusetzen. 94 Gerade die Romantiker
92 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 134 Zeile 1- 8.
93 Borchmeyer, D.: Klassik. S. 883- 892.
94 Sampaolo, G.: „Proserpinens Park“ Goethes Wahlverwandtschaften als Selbstkritik der Moderne. S. 79.
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missverstanden Goethes Roman. Sie mussten dem Spielerischen ihrer Reflexionen über Zufall und Notwendigkeit absprechen. Der Unterschied zwischen dem Schicksalsspuk des romantischen Wohlgefallens und den „Wahlverwandtschaften“ besteht darin, dass die romantischen Negierungsversuche am Zufall sich ihrerseits auf ein zufälliges und menschlichgeschichtliches zu gründen pflegen. Wie zum Beispiel gebrochene Verträge, Flüche und ungesühnte Verbrechen.
Doch Goethes Roman ist von Grund auf nicht geschichtlich konzipiert, trotz der genauen gesellschaftlichen Konkretheit aller Vorgänge und Gestalten. Und aus diesem Grund kann man Goethes Roman auch die Richtung des Klassizismus zusprechen. 95
3.3. Namen und Buchstaben
Nichts leistet den Übergang von der Alchimie zum geistigen Ursprung besser als der kabbalistisch- poetische Charakter ihrer chemischen Namen und Buchstaben. Diese bezeichnen die toten, bedeutungslosen Elemente der Natur und binden sie zugleich an Form und Geist der bedeutungstragenden Sprache. 96
Die vier Personen identifizieren sich scherzhaft im chemischen Gleichnis mit den vier Buchstaben ABCD; der mit allen identische Name Otto besteht ebenfalls aus vier Buchstaben. ‚Otto‘ ist ein Palindrom, ein Wort, das vor- wie rückwärts gelesen, gleich lautet. Gesetz und Verhängnis erscheinen noch strenger, sobald man erkennt, dass sich die Namen der vier Hauptpersonen auf ‚Otto‘ reduzieren lassen. Der Hauptmann heißt Otto und auch Eduards richtiger Name ist Otto; Ottilie führt die weibliche Form dieses Namens und in Charlotte ist der Name in der zweiten und dritten Silbe verdeckt. Und wie zu einem Beweis solcher Ähnlichkeiten wird das Kind ebenfalls auf den Namen Otto getauft. 97 Die ‚Wahlverwandtschaft‘ erscheint als ironische Bezeichnung des Sachverhalts, sobald die Namensverwandtschaft in der Identität des Namens Otto erkannt ist. Denn nicht die Wahl, sondern ein Gesetz bestimmt die Konstellation der Figuren.
Charlotte ist für Eduard das A und er ist ihr B: „denn eigentlich hängt [Eduard] doch nur von [Charlotte] ab und folgt [ihr], wie dem A das B.“ 98
95 Mayer, H.: Goethe. S. 123.
96 Schlaffer, H.: Namen und Buchstaben in Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 215.
97 Ebd. S. 212.
98 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 42 Zeile 14- 16.
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4. Ihr Verständnis von der chemischen Gleichung
In seiner Selbstanzeige stellt Goethe die Wahlverwandtschaften als umgestülpten Anthropomorphismus 99 dar. Naturforscher verwiesen auf Menschliches, um Naturvorgänge deutlich zu machen. In Chemie und Physik bedeuten die „Wahlverwandtschaften“ eine solche Vermenschlichung. Die Natur wählt nicht „menschlich“, doch im Roman soll ein chemischer Prozess als menschliches Verhalten ablaufen. 100 Die Gleichnisrede des vierten Kapitels wird demnach in doppelter Weise immanent relativiert, einmal hinsichtlich des zugrundeliegenden Anthropomorphismus und in einer eingeschalteten wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtung. 101 Hier handelt es sich um sittliche Kultur, um die tiefste und ahnungsvoll verwandte Sympathie mit dem Naturhaften. 102
Charlottes soziales Bewusstsein erweist sich gleich zu Beginn des vierten Kapitels. Als die Rede von der chemischen Gleichnisrede beginnt, denkt sie zunächst an ihre eigenen Verwandten statt an die Chemie. Und wie der Verlauf des Romans zeigt tut sie recht daran. Während sich die drei in einem witzigen Gesellschaftsspiel zu befinden glauben, indem sie die Gesetze der Chemie auf sich selbst und auf die Gesellschaft beziehen, sprechen sie bereits von ihrer eigenen Tragödie. 103
Charlotte plädiert bereits bei der ersten Nennung des Begriffs „Wahlverwandtschaften“ für die chemischen Reaktionen, für die Vermeidung des Wortes „Wahl“. 104 Und sie stellt in jenem vierten Kapitel die Naturnotwendigkeit dem Begriff der Wahl entgegen; darüber hinaus trägt das Kunstwort ‚Wahlverwandtschaft‘ selbst die Aporie in sich: 105 „wenn von Ihren Naturkörpern die Rede ist, so scheint mir die Wahl bloß in den Händen des Chemikers zu liegen, der diese Wesen zusammenbringt.“ 106 Dabei geht es nicht so sehr um die Möglichkeit einer metaphysischen Begründung der Naturphilosophie, sondern mehr um die Allmacht eines Erzähler- Autors, der seine Figuren nach bestimmten erwählten Regeln aufeinander
99 Anthropomorphismus: bedeutet erstens, das Bedürfnis, Welt, Subjekt und Kunst als von einer den Menschen
und ihren kulturellen Hervorbringungen übergeordneten Vernunftsträgerinstanz mit menschlichen Merkmalen
determiniert und zweitens, das Bedürfnis, alle Zusammenhänge, Sachverhalte und Prozesse als unabdingbar an
einzelne Personen gebundene zu denken. Edmund Brandl. Emanzipation gegen Anthropomorphismus: Der
literarisch bedingte Wandel der goethezeitlichen Bildungsgeschichte. S. 33.
100 Mayer, H.: Goethe. S. 122.
101 Michel,W.: Interpersonelle Wahrnehmung als immanenter Verstehensprozeß in Goethes
„Wahlverwandtschaften“. S. 196.
102 Mann, T.: Zu Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 646.
103 Elm, T.: Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. S. 37.
104 Schwan, W.: Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 62.
105 Lubkoll, C.: Wahlverwandtschaft. S. ?
106 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 40 Zeile 10- 13.
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bezieht und scheinbar nicht involviert ist. 107 Dies würde aber voraussetzen, dass die einmal gesetzten Regeln das Geflecht wechselseitiger Reaktionen der Figuren den Erzähler- Autor in einem Gesichtspunkt, in eine Perspektive zwingt. 108
Das Gespräch über die chemische Gleichung hat zu keinem Zeitpunkt den Charakter einer lediglich naturwissenschaftlichen Erörterung. Die Rolle und Bedeutung des Menschen innerhalb der natürlichen Ordnung ist immer mit thematisiert und bildet einen kontinuierlichen Untergrund. Von dem Standpunkt der Personen im Roman geht es scheinbar nur um den Wortverstand. Charlotte möchte die wissenschaftlichen Zusammenhänge überhaupt nicht wissen: 109 „Wir Frauen (…) nehmen es nicht so genau; und wenn ich aufrichtig sein soll, so ist es mir eigentlich nur um den Wortverstand zu tun.“ 110 Charlotte ergreift das Wort, nachdem das Prinzip Zusammenhang erklärt ist. „Lassen Sie mich voreilen, sagte Charlotte, ob ich treffe, wo Sie hinwollen. Wie jedes gegen sich selbst einen Bezug hat, so muß es auch gegen andere ein Verhältnis haben.“ 111 Mit dieser Doppelbödigkeit setzt Charlottes Feststellung ein. In diesem Satz liegt ein wichtiges Stück idealistischer Philosophie verborgen. Was Charlotte hier ausspricht, ist nichts anderes als die Übertragung der Dialektik des Bewusstseins auf die Phänomene der Natur. 112 Das Verhältnis zweier Körper zueinander regt Eduards erstes Gleichnis an. Daraufhin vergleicht Charlotte das Verhältnis von Öl und Wasser mit verschiedenen gesellschaftlichen Phänomen: „Es fehlt nicht viel (…) so sieht man in diesen einfachen Formen die Menschen, die man gekannt hat.“ 113 Charlotte versteht das Wort ‚Verwandtschaft‘ als Übertragung eines menschlichen Bildes auf die Chemie: „wenn Sie diese Ihre wunderlichen Wesen verwandt nennen, so kommen sie mir nicht sowohl als Blutsverwandte, vielmehr als Geistes- und Seelenverwandte vor.“ 114 Dieser Auffassung von ‚verwandt‘, als einer Metapher für ‚Sympathie‘ in ihrer chemischen Verwendung, entspricht durchaus dem Verständnis der Zeit. 115
107 Michel, W.: Interpersonelle Wahrnehmung als immanenter Verstehensprozeß in Goethes
„Wahlverwandtschaften“. S. 196.
108 Ebd. S. 197.
109 Adler, J.: Eine fast magische Anziehungskraft. S. 86.
110 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 36 Zeile 29- 31.
111 Ebd. S. 37 Zeile33- 35.
112 Fries, T.: Die Wirklichkeit der Literatur. S. 102.
113 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 38 Zeile 9f.
114 Ebd. S. 39 Zeile 3f.
115 Adler, J.: Eine fast magische Anziehungskraft. S. 100.
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Der Hauptmann betont zweimal, dass es sich bei verwandten Naturen um solche handelt, die entgegengesetzte Qualitäten besitzen. 116 Auf dieses Prinzip kommt auch Charlotte zu sprechen, „denn entgegengesetzte Eigenschaften machen eine innigere Vereinigung möglich.“ 117 Der Hauptmann sagt zwar nicht, dass die Entgegensetzung ein notwendiges Bestimmungsmerkmal sei, doch durch die Betonung der Entgegensetzung unterscheidet sich der Roman beträchtlich von den gängigen Lehrbüchern. Goethes Verwendung von ‚Verwandtschaft‘ trifft hier also mit seiner eigenen Naturwissenschaft zusammen. 118 Das Beispiel von Kalkstein und Schwefelsäure erkennt Charlotte als einfache Wahlverwandtschaft. „Der Gips hat gut reden, sagte Charlotte, der ist nun fertig, ist ein Körper, ist versorgt, anstatt daß jenes ausgetriebene Wesen noch manche Not haben kann, bis es wieder unterkommt.“ 119 Obwohl der Hauptmann schon gesagt hat, dass ein Ersatz möglich wäre, scheint Charlotte ihn gar nicht gehört zu haben und beharrt auf ihrer Ansicht. 120 Charlotte ist es, die sich im weiteren Gesprächsverlauf bei der Nennung der chemischen Vorgänge des Scheidens und Wiedervereinigens an die menschliche Sphäre erinnert. 121 Bei dem Wort ‚Scheidung‘ erschrickt Charlotte, während Eduard die Verwandtschaften erst interessant findet, wenn sie Scheidungen bewirken. 122 Dieser kurze Wortwechsel zwischen den Ehepartnern signalisiert spätere Positionen. Auf die Unverwechselbarkeit der humanen Positionen insistiert sie noch heftiger, als Eduard das Scheiden und Neuverbinden auf die menschliche Ebene überträgt: 123 „Diese Gleichnisreden sind artig und unterhaltend, und wer spielt nicht gern mit Ähnlichkeiten? Aber der Mensch ist doch um so manche Stufe über jene Elemente erhöht, und wenn er hier mit den schönen Worten Wahl und Wahlverwandtschaft etwas freigiebig gewesen, so tut er wohl, wieder in sich selbst zurückzukehren und den Wert solcher Ausdrücke bei diesem Anlaß recht zu bedenken.“ 124 Doch Charlottes Position darf jedoch nicht überschätzt werden, ihre Meinung ist ebenfalls nur ein Teil der Gesamtansicht. Denn angesichts dieser tiefen Betroffenheit des Menschen durch das Elementare wirkt Charlottes Abwehr gegen Begriff und Denkbild der Wahlverwandtschaften zu schnell, ihre Resistenz zu abschließend, zu ängstlich, als sei hier ein Unbekanntes, Gefährliches dem durch die Methode des Ausweichens und Verleugnens die Schärfe zu nehmen sei.
116 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 38.
117 Ebd. S. 39 Zeile 7-9.
118 Adler, J.: Eine fast magische Anziehungskraft. S. 103.
119 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 40 Zeile 10f.
120 Adler, J.: Eine fast magische Anziehungskraft. S. 106f.
121 Schwan, W.: Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 62.
122 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 39.
123 Schwan, W.: Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 64.
124 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 40 Zeile 28- 35.
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Dass Charlotte mit ihren Einwänden gegen die Darstellung der wahlverwandtschaftlichen Verbindungen nicht das letzte Wort behält, ist zugleich paradox und plausibel. Auch sie gerät in den Sog der so wortreich beschworenen Naturgewalt, so dass am Ende des Gesprächs gerade sie es ist, die, nach dem Beispiel des chemischen Gleichnisses, dem Wunsch Ausdruck gibt die Dreierkonstellation zur Vierergruppe zu komplettieren. 125 Wie von selbst greift das locker unverbindliche Gesprächsspiel in die Geschehensebene über. 126 Diesen Übergang von der Wirklichkeit ins Bild und vom Bild in die Wirklichkeit findet man über den ganzen Roman hinweg thematisiert. 127
5. Ihr Verzicht auf die Liebe zum Hauptmann
5.1. Die moralische Interpretation
Wer die „Wahlverwandtschaften“ auf eine streng moralische Tendenz hin auslegen will, muss zweifellos bei Charlottes bewährter Verzichtsgesinnung seinen Anhaltspunkt suchen. Nach der moralischen Forschungsrichtung ist die Absage an romantische Freizügigkeit in der Ehefrage die Absicht, die entheiligte Ehe wieder zu Ehren. Dies könnte die dezidierte Aussage des Romans sein. Dass es sich im Falle Charlotte und Eduards um eine lieblose, unerfüllte Ehe handelt, unterstreicht nur den Rigorismus der ethischen Forderung. 128 Für das Verständnis dieser Figur ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass nicht Zuneigung zu Eduard als Individuum, sondern zu dem, was die Ehe als gesellschaftliche Institution repräsentiert Charlotte an ihren Ehemann bindet. Diese Besonderheit ist nicht einfach ein individueller Charakterzug, sondern entspricht einem kulturellen Muster. 129 So ist es nur konsequent, wenn auch Charlottes Verzichtsgesinnung, die Klarheit der Vernunft, mit welcher sie durch die ganze Geschichte waltet, den höchsten Preis erhält. 130 Bei einer kritisch neutralen Beobachtung wird man Charlottes Entsagungsakt, die Fähigkeit zur Zurückweisung der Naturmacht, nicht absprechen können. Charlotte lässt sich nicht auf den Hauptmann ein, was sie selbst als „Epoche“ bezeichnet. Verzeihung gewährt sie sich selbst und ihrem Geliebten nur „wenn [sie] den Mut haben [ihre] Lage zu ändern, da es von [ihnen] abhängt [ihre] Gesinnung zu ändern.“ 131
125 Schwan, W.: Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 66.
126 Ebd. S. 62.
127 Fries, T.: Die Wirklichkeit der Literatur. S. 99.
128 Schwan, W.: Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 109.
129 Sampaolo, G.: „Proserpinens Park“ Goethes Wahlverwandtschaften als Selbstkritik der Moderne. S. 79.
130 Schwan, W.: Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 111.
131 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 93 Zeile 26- f. / Werner Schwan. Goethes „Wahlverwandt-
schaften“. S. 109.
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Am Ende des zwölften Kapitels wiederholt sie den Schwur, den sie Eduard vor dem Altar gab. „Freundschaft, Neigung, Entsagen gingen vor ihr in heitern Bildern vorüber. Sie fühlte sich innerlich wieder hergestellt.“ 132 In Charlotte ist die Stimme der Natur nicht die beherrschende, wichtiger ist der Gedanke der Pflicht und das streben nach Gleichgewicht ist maßgebend. 133
5.2. Kritik an der moralischen Richtung
Charlottes Entsagungsentschluss kann auch auf ihren tüchtigen und durchs Leben mannigfaltig geübten Charakter zurückgeführt werden. Genau genommen hat sie weniger ein vertieftes und reflektierendes Eheverständnis geleitet, noch ein neu intensiviertes Verhältnis liebende Zuwendung zu Eduard, viel mehr hat das Bedürfnis sich dem Irritierenden zu entziehen, gesiegt. 134 Charlottes Verdrängungstendenz und ihre Neigung sich trügerischen Illusionen anzuvertrauen, setzt die Respektabilität ihres Entsagungsentschlusses, der so oft als vorbildlich ausgegeben worden ist, herab. Doch hier zeigt sich auch die menschliche Fähigkeit, anders zu reagieren als die blinden Naturelemente. Die in der chemischen Gleichnisrede postulierte Erhöhtheit des Menschen über jene Dimension erweist sich plötzlich als instabil. Charlottes Streben nach Gleichgewicht und ihr Wille zu Maß und Gehaltenheit haben letztlich etwas Vergebliches. Der überzeugendste Grund, Charlottes Verzichtserklärung nicht für die Botschaft des Romans zu halten, ist die Tatsache, dass sie weder die Verkörperung des Erhabenen ist, noch die Verfechterin unbedingter sittlicher Gebote. 135 In Charlottes ethischen Rigorismus, in ihren Willen zur Entsagung, um der moralischen Verpflichtung willen, mischt sich ein Interesse, das der moralischen Autonomie entgegengesetzt ist. 136
Den Verfechtern der These von der strengen Ehemoral des Romans hat die Stelle, in der Charlotte in die Scheidung einwilligt, stets Verlegenheit bereitet. Sie sind der Meinung Charlotte werde an dieser Stelle durch die Turbulenzen der Ereignisse zu kopflosem Handeln verleitet. Doch Charlotte spricht sonst nirgends im Roman so ruhig und gesammelt, sie äußert sich zu der Scheidung keineswegs spontan, sondern nach einer am Totenbett ihres Kindes durchwachten Nacht, in der sich ihre Gedanken geordnet haben. Wäre Charlotte aber tatsächlich eine Verfechterin eines strengen Moralismus, müsste sie den Kindstod eher als
132 Goethe, J.W.: Die Wahlverwandtschaften. S. 94 Zeile 6- 8.
133 Schwan, W.: Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 114.
134 Ebd. S. 114.
135 Ebd. S. 115.
136 Elm, T.: Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. S. 65.
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Zeichen des Himmels für das Verbotene der wahlverwandtschaftlichen Bindungen ansehen. Dass sie die gegenteilige Konsequenz zieht, beweist, dass sie nicht von einer unverrückbar fixierten Moral aus urteilt. 137 Demnach setzt sich aus ihrer ethischen Haltung kein allgemeiner Moralismus durch. 138
Die Aufrechterhaltung der Ehe zwischen Eduard und Charlotte, kann demnach nicht als das oberste moralische Gebot gesehen werden und ist nicht Ziel des Romans. 139
6. Fazit
Fazit dieser Arbeit ist, dass sich die eingangs vorgenommenen Themenbereiche tatsächlich gut bearbeiten ließen. Wie ich finde, kommt die Arbeit zu einem spannenden Ergebnis. Die drei Frauen aus Goethes nächster Nähe, Herzogin Louise, Charlotte von Stein und seine Ehefrau Christiane Vulpius, besitzen Ähnlichkeiten mit der Figur ‚Charlotte‘ bzw. die Figur hat Charaktereigenschaften, die auf die drei Frauen zurückzuführen sind. Goethe sagte ja selbst, dass Herzogin Louise für seine Figuren ein Vorbild und Motivation sein soll. Von Charlotte von Stein übernimmt die Figur in erster Linie den Namen. Die wohl wichtigste Ähnlichkeit zu dieser Frau ist die beratende Funktion, die Charlotte für Eduard einnimmt. Ähnlichkeit zwischen der Figur Charlotte und Christiane zu finden, war dagegen etwas schwerer, doch von ihr bekommt sie wohl die hauswirtschaftlichen Fähigkeiten und die Einstellung, als Frau nicht alles all zu genau wissen zu müssen.
Das Todesbild der Charlotte lässt sich auf zwei Arten interpretieren. Einmal, Charlotte als entwurzelte Frau, die dem Tod und den Verstorbenen keinen Platz zuweisen will und kann und zum zweiten die irdische Charlotte, die kein Problem im Tod sieht und aus diesem Grund den Friedhof umgestaltet. Für sie ist diese Umgestaltung einfach nur praktisch, da man von einer Wiese wirtschaftlichen Nutzen erzielen kann. Diese Interpretation plädiert für Charlottes inneren Frieden und ihre Standfestigkeit, die ich persönlich auch bevorzuge. Ich kann in dem Roman „Die Wahlverwandtschaften“ nichts von einer Entwurzelung erkennen und gerade aus ihrer inneren Standfestigkeit ergibt sich für mich die logische Stärke für die Entsagung zur Liebe zum Hauptmann. Und genau diese Interpretation ist der Grund warum ich Charlotte so besonders finde.
Dass ich zwei Interpretationen bearbeitet habe hat nichts mit meiner Unschlüssigkeit zu tun welche nun die „richtige“ sein könnte, sondern ich fand es spannend darzustellen, dass
137 Schwan, W.: Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 116.
138 Elm, T.: Johann Wolfgang Goethe: Die Wahlverwandtschaften. S. 65.
139 Schwan, W.: Goethes „Wahlverwandtschaften“. S. 116.
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Goethe in diesem Punkt das Klassische und das Romantische nicht eindeutig einhält, sondern eben beide Kunstfertigkeiten in einem einzigen Roman möglich macht. Und wie ich finde wird dies bei dem Thema des Todes deutlich.
„Ihr Verständnis von der chemischen Gleichung“ ist deshalb von Bedeutung, da man anhand dieses Gesprächsverlaufs erkennen kann, welche Rolle sie in diesem Vierergespann einnimmt und wie sie mit der Gleichung umgeht. Denn diese Gleichung wird, wie man aus diesem Kapitel entnehmen kann, zur wahren Tragödie der vier Personen, Eduard, Charlotte, der Hauptmann und Ottilie.
Aus Charlottes Einschüben, Einwänden und Fragen lässt sich ihr Charakter besser verstehen und dadurch auch ihr späteres Handeln. Und wir haben gesehen, dass sie sich von diesem Gleichnis verleiten ließ, schlussendlich doch Ottilie zu sich auf das Schloss zu holen. Charlotte ist nicht nur an diesem chemischen Gleichnisgespräch beteiligt, zeitweise führt sie sogar das Wort. Und ja sie versteht sehr wohl was die beiden Männer da sagen, lässt sich aber nur soweit auf das Thema ein, dass sie das Wort ‚wahlverwandt‘ in der Gesellschaft verwenden kann, mehr aber nicht.
Auch in dem Kapitel „Ihr Verzicht auf die Liebe zum Hauptmann“ habe ich mich für zwei Interpretationen entschieden. Einmal für die streng moralische und zum zweiten für die Kritik an dieser. Wie man an der zweiten Interpretation erkennen kann, ist die moralische Charlotte nicht überzeugend. Charlotte verkörpert schlussendlich nicht die Verfechterin sittlicher Gebote, sondern sie kämpft gegen das sie Irritierende, um wieder in Gleichgewicht zugeraten. Diese Eigenschaft kommt ihr aus der Form der Geselligkeit des 18. Jahrhunderts zugute. Sie steht unbestreitbar für das Frauenbild des Weimarer Klassizismus, das niemals einen Verstoß gegen die guten Manieren in ihrer Umgebung zulässt.
Meiner Meinung nach, ist ihre Motivation für ihr Handeln nicht das Entscheidende, wichtig ist, dass sie sich in erster Linie für und nicht gegen die Ehe entschieden hat! Ich hoffe, damit ein rundes, übersichtliches und stimmiges Konzept über die Besonderheit der Charlotte gefertigt zu haben. Und weiter, dass diese Arbeit nachvollziehbar ist und anregt, Charlotte als die besondere Figur der Wahlverwandtschaften anzuerkennen.
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7. Literaturverzeichnis
Quelle:
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- Borchmeyer, Dieter: Klassik. In: Fischer Lexikon Literatur. Hrsg. von Ulfert Ricklefs. Bd. 2. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2002. S. 878- 895.
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Diskursanalysen zum Mythos Literatur. Hrsg. von Norbert Bolz. Hildesheim 1981.
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- Schlaffer, Heinz: Namen und Buchstaben in Goethes „Wahlverwandtschaften“. In: Goethes Wahlverwandtschaften. Kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur. Hrsg. von Norbert W. Bolz. Hildesheim 1981.
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Arbeit zitieren:
Julia Stekeler, 2009, Das Besondere an Charlotte aus Goethes „Wahlverwandtschaften“, München, GRIN Verlag GmbH
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