Universität Bielefeld Fakultät für Pädagogik WS 2002/2003 Bearbeitet von: Thomas Höötmann
Hausarbeit zum Vordiplom
Thema der Arbeit:
Gewalt, Schule und Geschlecht
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung Seite 1-2
2. Definition und Festlegung des Gewaltbegriffs Seite 2-4
2.1 Physische Gewalt Seite 4-5
2.2 Psychische Gewalt Seite 5
3. Kurze Einführung in das Thema: Eskaliert die
Gewalt an deutschen Schulen Seite 5-7
4. Gewaltbegünstigende Faktoren und Ansätze
zur Klärung gewalttätigen Handelns bei Kindern und
Jugendlichen Seite 7-8
5. Geschlechterdifferenzierung und Geschlechtersozialisation Seite 9
5.1 Soziale Bedeutung der Geschlechterdifferenzierung Seite 9-10
5.2 Geschlecht als soziokulturelle Konstruktion Seite10-11
6. Geschlechterstereotype und Geschlechtsrollen
als Faktoren für gewalttätiges
Handeln Seite 11-14
6.1 Die zweigeschlechtliche Kultur in bezug
auf Jungen und körperliche
Gewalt Seite 14-15
7. Ist Gewalt an Schulen ein Jungenphänomen Seite 15-17
8. Mädchen in gewalttätigen Jugendgruppen Seite 17-20
9. Gewalt als Produkt von Interaktionsverhältnissen
und Geschlechtsrollenverteilungen bei Mädchen und
Jungen Seite 20-23
10. Ergebnisse Diskussion Seite 23-25
11. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
„Wie kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und Konflikten bei jugendlichen Mädchen und Jungen und wo liegen die Ursachen für ein geschlechtsspezifisches Gewaltverhalten?“
Diese Frage soll in meiner Hausarbeit näher bearbeitet werden. In den Anfangskapiteln meiner Arbeit möchte ich erst einmal den Gewaltbegriff näher erläutern (Kapitel 2) und aufzeigen, welche unterschiedlichen Ansichten sich hier ergeben. Außerdem gehe ich auf einige Punkte ein, die sich auf das Gewaltverständnis auswirken. So spielen beispielsweise auch normative und moralische Vorstellungen eine wichtige Rolle bei der Definition von gewalttätigem Verhalten. Aus eigenem Interesse und als Einführung in das Thema erscheint es mir als wichtig, auch Medienberichte hinzuzunehmen (Kapitel 3), die oftmals von einer „Eskalation der Gewalt an Schulen“ berichten. Hier verwende ich einen Spiegel-Bericht mit dem Titel „Der Krieg der Kinder“, um ein Bild von der öffentlichen Diskussion über Jugendgewalt zu verdeutlichen. In Kapitel 4 gehe ich auf einige Erklärungsversuche für gewalttätiges Verhalten bei Jugendlichen ein. Hierbei handelt es sich um Faktoren und Ansätze, die in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten auftauchen und die ich aus der Masse von Erklärungen und Faktoren ausgesucht habe, da sie mir als überaus zutreffend erschienen. Inwieweit sie wirklich als zutreffend einzuschätzen sind, klärt sich im weiteren Verlauf der Arbeit.
Im Anschluss daran verlasse ich das Themenfeld Gewalt vorerst, um mich mit den Begriffen Geschlecht, Geschlechtsrollen und Geschlechtersozialisation in Kapitel 5 „Geschlechterdifferenzierung und Geschlechtersozialisation“ zu beschäftigen. Hier geht es um die soziale Bedeutung der Geschlechterdifferenzierung. Hier soll deutlich werden, dass das Geschlecht des Menschen neben dem Alter zu den wichtigsten Charakterisierungen von Personen gehört und diese demnach differenziert wahrgenommen werden. Wie sich diese Wahrnehmung dann wiederum auf das Verhalten auswirkt, wird in Kapitel 5.2.1 dargestellt, in dem das „Geschlecht als soziokulturelle Konstruktion“ beleuchtet wird. Im folgenden Kapitel 6 möchte ich die Ergebnisse aus den bereits genannten Kapiteln mit denen aus den zuvor erarbeiteten verbinden und so die Themenkomplexe Gewalt und Geschlecht in einen Zusammenhang bringen. Es wird näher beschrieben werden, inwiefern „Geschlechterstereotype und Geschlechtsrollen als Faktoren für gewalttätiges Handeln“ in Betracht gezogen werden können. Das Geschlecht und die damit zusammenhängenden
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Geschlechtsrollen werden somit als weitere Faktoren gewalttätigen Handelns erläutert. Es stellt sich also in diesem Kapitel folgende Frage:„Inwiefern beeinflußen das Geschlecht und die daran angebundenen stereotypen Geschlechtsrollen gewalttätiges Handeln von Schülern und Schülerinnen?“ Daran anschließend wird im folgenden Verlauf ein Erklärungsmodell von Ursula Hochuli Freund angeführt, welches versucht zu erklären wie es gerade bei Jungen zu gewalttätigem Verhalten kommen kann. Auch hier finden die Geschlechtsrollen und stereotypen männlichen Eigenschaften Berücksichtigung.
Kapitel 7 beschäftigt sich speziell mit Jungengewalt, die oftmals als besonderes Phänomen an Schulen gesehen wird. Auch hier wird sich im Laufe des Kapitels herausstellen, ob diese Zuschreibung von Gewalt als „reines Jungenphänomen“ haltbar ist.
Folglich gehe ich dann in Kapitel 8 auf eine zwar geringe aber vorhandene Anzahl von Mädchen ein, die sich in gewaltauffälligen Mädchengruppen oder gemischtgeschlechtlichen Jugendgruppen aufhalten. Auch hier werden die spezifischen Geschlechtsrollen und stereotypen Eigenschaften von Mädchen in Beziehung gesetzt mit gewalttätigem Verhalten bei Mädchen. „Was bewegt diese Minderheit von weiblichen Mehrfachtäterinnen dazu, sich gewalttätig zu Verhalten?“ Kapitel 9 lautet „Gewalt als Produkt von Interaktionsverhältnissen und Geschlechtsrollenverteilungen bei Jungen und Mädchen“. Es wird herausgestellt, dass es keinen einzelnen Gewaltakteur gibt, sondern eher konflikthafte Interaktionen, aus denen gewalttätiges Verhalten dann hervorspringt. Hier werden ebenfalls einige geschlechtsspezifische Konzepte und Geschlechtsrollen einbezogen, da sie auch in einem solchen Interaktionskontext von Bedeutung sein können und sich auf Interaktionen auswirken. Geschlechtsspezifisches Rollenverhalten, welches von Jungen und Mädchen in Konfliktsituationen eingenommen wird und möglicherweise auch auf eine traditionelle Geschlechtsrollenverteilung hinweist, wird näher erläutert werden.
Abschließend werden in Kapitel 10 einige Ergebnisse meiner Hausarbeit zusammengefasst und miteinander in Beziehung gesetzt.
2.Definition und Festlegung des Gewaltbegriffs:
Um sich mit dem Thema „Gewalt“ auseinandersetzen, ist es wichtig, vorab eine Definition dieses komplexen Begriffes vorzunehmen. Im Vergleich wissenschaftlicher und im Alltag verwendeter Beschreibungen kommen immer wieder erhebliche Unterschiede in dessen Verständnis zum Vorschein. Neidhardt spricht hier von einer „Mehrsinnigkeit“ (vgl.1986, S. 114). Handlungen wie Schlagen, Mißhandeln oder Verstümmeln werden eindeutig als Gewalt
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klassifiziert. Sie wird von einer Person gegenüber einer anderen geäußert. Physische Gewalt ist offensichtlich und zudem wohl die spektakulärste Form von Gewalt (vgl. Neidhardt 1986, S.119). Theunert gibt folgende Gewaltdefinition an: „Gewalt ist Manifestion von Macht und/oder Herrschaft, mit der Folge und/oder dem Ziel der Schädigung von einzelnen oder Gruppen von Menschen“ (vgl. Theunert 1987, S.40). Bei physischer Gewalt gibt es eigentlich kaum Unterschiede zwischen Alltagsverständnis und wissenschaftlichen Vorstellungen. Trotzdem fallen bereits bei diesem Definitionsansatz Probleme an. Handelt es sich bei körperlichen Auseinandersetzungen wirklich immer um Gewalt? Muss man neben den erwähnten Aspekten (Schädigung, physischer Zwang) auch noch andere wichtige Faktoren einbeziehen?
„Wenn man einen Betrunkenen daran hindert, sein Auto zu besteigen und er dabei blaue Flecken abbekommt - hat man dann Gewalt angewendet, hat man ihn gar geschädigt“ (Tillmann 2000, S.19)?
An diesem Beispiel wird deutlich, dass für eine Definition normative wie auch moralische Vorstellungen eine wichtige Rolle spielen (ebenda). Anzumerken wäre an dieser Stelle auch, dass Gewaltvorstellungen immer in einem historischen und kontextuellen Zusammenhang stehen (vgl. Bruhns und Wittmann 2002, S.109). Was z.B. vor einigen Jahren als völlig normal angesehen wurde (körperliche Züchtigung von Schülern (vgl. Tillmann 2000, S.19)), würde heute als schweres Vergehen bestraft werden. Hier spricht man auch von einer Sensibilisierung. Auch gibt es in den verschiedenen sozialen Milieus einer Gesellschaft differenzierte Vorstellungen von Gewalt. Somit wird eine Handlung immer aufgrund von sozialen Interpretationen und normativen Vorstellungen als gewalttätig eingestuft (vgl. Tillmann 2000, S.20).
Schwieriger als die physische Gewalt ist die psychische Gewalt zu erkennen. Instrument dieser Gewaltform ist die Sprache. Ziel ist dabei meistens die Diskreditierung und Herabsetzung des Gegenübers (vgl. Neidhardt 1986, S. 119). Durch die dabei entstehenden „inneren“ Verletzungen können die betreffenden Personen stark beeinträchtigt werden.Oft liegt der Ursprung von physischer Gewalt in einer konflikthaften Interaktion, die dann zu psychischer Gewalt führt (z.B. Beleidigungen) und dann in physische Gewalt (Schläge) mündet. Da z.B. „Sprüche“, die in Interaktionen geäußert werden für den einen als harmlos, für den anderen jedoch als schwerwiegende Beleidigung aufgenommen werden können, ist es oftmals schwierig, etwas als psychische Gewalt zu definieren. Zudem ist psychische Gewalt immer äußerst
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interpretationsbedürftig, weil die Auswirkungen dieser Gewalt nicht so offensichtlich sind wie bei der physischen Gewalt (blaues Auge) (vgl. Tillmann 2000, S. 20 f.).
Wie weitreichend Gewaltdefinitionen sein können, zeigt sich am Beispiel der strukturellen Gewalt. Hier gibt es nach Galtung keinen eindeutigen Täter. Die Gewalt sei hier viel mehr in die soziale Struktur eingebaut, wodurch es einen Dauerzustand von Gewalt gibt. Armut wäre demnach z. B. eine Form von struktureller Gewalt (vgl. Galtung 1978, S. 14).
„Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß (sic) ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung“ (Galtung 1975, S. 9).
Man entfernt sich hier also von einem Gewaltbegriff, der sich auf eine direkte Gewalt von Mensch zu Mensch beschränkt und nimmt eine Gewaltdefinition an, unter der alles menschliche Leid zusammengefasst wird (vgl. Neidhardt 1986, S. 129).
Um die beschriebene Mehrdeutigkeit des Gewaltbegriffs einzuschränken, werde ich im Folgenden versuchen, physische und psychische Gewalt zu präzisieren, da in meiner Hausarbeit diese Gewaltbegriffe verwendet werden. Ich gehe dabei von einem engen Gewaltbegriff aus. Es geht hier durchgehend um Akteure (SchülerInnen), die an den Gewalthandlungen beteiligt sind. Dies spricht dabei auch von personaler Gewalt (vgl. Dies 1998, S.7). Der bereits genannte Begriff der „strukturellen Gewalt“ wird im weiteren Verlauf meiner Arbeit nicht mehr verwendet, da ich mich eher auf Gewalt konzentrieren möchte, die aus der Interaktion zwischen Personen hervorgeht. In der vorliegenden Arbeit möchte ich mit folgenden Definitionen von physischer und psychischer Gewalt arbeiten:
2.1 Physische Gewalt
Beispiele für physische Gewalt sind z.B. körperliche Angriffe, Bedrohung und Erpressung, Waffenbesitz, sexuelle Übergriffe und Vandalismus (vgl. Tillmann 2000, S. 27). Meist sind es also Situationen, in denen eine oder mehrere Personen jemanden anderen schlagen, treten oder auch mit Waffen verletzen. Deutlich wird dabei, dass in solchen Auseinandersetzungen Gewalt lediglich mit dem Ziel eingesetzt wird, sein Gegenüber zu schädigen. Oftmals wird auch mit einer solchen Schädigung gedroht (vgl. Tillmann 2000, S.19).
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Gewalt steht demnach immer in Zusammenhang mit Macht, wobei die Machtmittel in Gewaltsituationen ungleich verteilt sind (vgl. Freund 1996, S.331).
2.2 Psychische Gewalt
Verletzen sich Personen mittels verbalen Äußerungen, so handelt es sich hierbei um psychische Gewalt. Ist im folgenden Text von psychischer Gewalt die Rede, so geht es hier um Beschimpfung, soziale Ausgrenzung, Hänseln, Verspotten, Ärgern sowie verbale und nonverbale Provokation (vgl. Tillmann 2000, S. 27). Bei dieser Form von Gewalt, die auf einer anderen Ebene als die der physischen Gewalt abläuft, kann man die Folgen nicht so deutlich ausfindig machen, da durch psychische Gewalt keine äußeren Wunden entstehen. Es geht bei der psychischen Gewalt primär darum, das Selbstwertgefühl anderer Menschen zu verletzen (vgl. Popp 2002, S.130f.). Durch diese „inneren“ Verletzungen können die betreffenden Personen stark beeinträchtigt werden.
Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich noch genauer darauf eingehen, inwieweit physische oder psychische Gewalt unter Schülern und Schülerinnen verbreitet ist.
3. Kurze Einführung in das Thema: Eskaliert die Gewalt an deutschen
Schulen?
Schenkt man den Medien und der breiten Öffentlichkeit Glauben, so gibt es eindeutig eine „massive Zunahme der Kindergewalt“ (vgl. Der Spiegel 1998, S.128). In einem Spiegel – Bericht wird von „kleinen Monstern“ oder „Schreckenskindern“ berichtet und von einem Schüler, der seine Mitschülerin ersticht (vgl. Der Spiegel 1998, S. 127). Demnach nimmt die Gewaltentwicklung an deutschen Schulen wie auch im außerschulischem Bereich unbekannte Ausmaße an. Man spricht von Kindern, die andere ausrauben oder töten und somit Entsetzen auslösen (vgl. Der Spiegel 1998, S.126).
Die sozialwissenschaftliche Forschung steht solchen Äußerungen allerdings kritisch gegenüber. Man spricht zwar nicht von einer Entwarnung, jedoch wären solche „Dramatisierungen“ unangebracht. Schubarth beschreibt den Vorgang als eine Realitätsverzerrung seitens der Medien und einer Sensibilisierung gegenüber Gewalt (vgl. 1997, S.63).
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Arbeit zitieren:
Thomas Höötmann, 2003, Gewalt, Schule und Geschlecht, München, GRIN Verlag GmbH
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