Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Klassifikationen: Rasse, Nation, Ethnie 15
2.1. Duale Betrachtungsansätze. 17
2.2. Rasse als Form der Ethnizität 18
2.3. Das Nationenkonzept - eine weitere Variation ethnischer Identität? 20
3. Anreize einer Abgrenzung 24
3.1. Sinnstiftung 24
3.2. Abgrenzung zur Durchsetzung von Interessen 26
3.3. Kohärenz und Asymmetrien 27
4. Wir und die Anderen 30
4.1. Identitätsmarker 33
4.2. Repräsentation der Gemeinschaft 37
5. Macht 40
5.1. Übernahme von Zuweisungen 47
5.2. Institutionen 50
5.2.1. Sonderregeln 51
5.2.2. Entweder - oder: Wähle ein Kästchen 52
5.2.3. Medien 58
6. Gelebte Realitäten 59
6.1. Authentizität vs. Ethnogenese 62
6.2. Alltägliche Praxis: Kern der Naturalisierung/Internalisierung 66
2
6.3. Der multikulturalistische Mythos 69
6.4. Diaspora. 71
6.5. Ethnoscapes 74
7. Jenseits von Identität - aus Singular wird Plural 76
8. Fazit: Anderssein als interaktiver Prozess 81
9. Literatur 86
3
1. Einleitung
„Die sozial bedingten Klassifikationsschemata, nach denen wir die Gesellschaft aktiv konstruieren, stellen die Strukturen, aus denen sie hervorgegangen sind, tendenziell als natürliche und notwendige Gegebenheiten dar statt als historisch kontingente Produkte der bestehenden Machtverhältnisse zwischen den Gruppen (Klassen, Ethnien, Geschlechtern)“ (Wacquant 2006:33 [Hervorhebung D.A.]).
Hauptthese dieser Arbeit ist, dass die Trennung in „Wir und die Anderen“ als eine menschliche Universalie anzuerkennen ist. 1 Das bedeutet, dass ich Abgrenzung und Strategien der Inklusion und Exklusion als eine der Basiskonstanten in menschlichen Gesellschaften betrachte. Denn Klassifikationen erfolgen durch positive und negative Zuschreibung und teilen somit in Freund und Feind ein. Darüber hinaus nehmen die meisten Menschen die eigene Weltsicht als die „natürliche“ und damit einzig richtige wahr. Voraussetzung für dieses Phänomen ist die permanente Naturalisierung von Identitäten, die einer Vielzahl von Prozessen unterliegt.
Fokus dieser Arbeit ist die Untersuchung der Mechanismen dieser Naturalisierung, die seit der Aufklärung Konzepte von Rasse, Nation und Ethnie als wissenschaftliche Wahrheit erst erschufen und durch die diese als kohärente zeitlose Einheiten empfunden wurden. Betrachtet werden sollen in diesem Kontext sowohl Produktion als auch Reproduktion von Identifikationen und Klassifikationen. Zwar entstehen Identifikationen erst in menschlicher Interaktion, jedoch werden jeder Identität bestimmte Eigenschaften zugesprochen, die als ihre Essenz empfunden und dargestellt und damit, in Form eines Stereotyps einer Gemeinschaft, oft als Determinant von Verhalten gesehen werden. So werden zum Beispiel Bayern, Deutschen, Europäern, Weißen 2 bestimmte Charaktereigenschaften aufgrund ihrer Herkunft zugeschrieben, ohne die Multiplizität, Komplexität und Dynamik, also die relative Kontextabhängigkeit ihrer Identität zu
beachten. Aufgrund alltäglicher Internalisierung werden
Rasse,
Nation und Ethnie nicht als
1 Siehe z.B. Miller 2004.
2 Um Asymmetrien zu vermeiden, werde ich mit den Konzepten „Weiß“ und „Schwarz“ gleichermaßen verfahren, anstelle lediglich „Schwarz“ durch Kursivschreibung zur Disposition zu stellen. Denn „Weiß“ wird in der Regel von linguistischer Sensibilität ausgenommen und auch deshalb nicht als eine Kategorie, sondern als selbstverständlich wahrgenommen (s. auch Bonnet 1997:178).
4
Konstrukte erkannt, sondern bleiben in der Regel unreflektiert als naturgegeben betrachtet. 3 Folge dieser Perzeption ist, dass die Konstrukte zu sozialen Tatsachen werden und damit im Leben der Menschen eine große Rolle spielen. Einmal klassifiziert, werden einer kollektiven Identität 4 bestimmte Identitätsmarker zugesprochen und Unterschiede oft zur unüberbrückbaren Differenz hochstilisiert. 5 Grenzziehungen und Gruppenformung sind omnipräsent. Die imaginierten 6 Grenzen werden zur Erklärung jeglicher Handlungen herangezogen, was eine Dekonstruktion ihrer Grundlagen für eine anthropologische Arbeit unerlässlich macht. Dabei gilt es zu beachten, dass Identitäten weder aus dem Nichts, noch in einem Machtvakuum entstehen (s. Hall 2008:29,174).
Diese Magisterarbeit befasst sich insbesondere mit der Konstruktion der drei Konzepte Rasse, Nation und Ethnie, in welche Reihenfolge man sie auch immer stellen möchte, 7 als Kategorien der Gruppenbildung (Identität), 8 da den Konzepten besonderes Potential, das im Einzelnen besprochen werden soll, inhärent ist. Alle drei Konzepte müssen dabei zusammen betrachtet werden, denn sie haben nicht nur überlappenden Charakter, sondern können tatsächlich nahezu synonym verwendet vorgefunden werden.
Der Kulturbegriff ist von zentraler Bedeutung für diese Arbeit, da Ideologien von Rasse, Nation und Ethnie immer auf eine Vorstellung von Kultur zurückgreifen (Jenkins 2008:14; Fenton
2003:13f.). Kultur wird schließlich als Teil jeder Identität angesehen. Welche Konsequenzen sich für Gruppen und Individuen daraus ergeben, ist jedoch abhängig von deren Verständnis von Identität als entweder primordial und natürlich oder konstruiert, wobei nicht gesagt werden soll, dass es keinen Spielraum zwischen diesen beiden extremen Standpunkten gäbe.
3 Diese Art der Naturalisierung des Eigenen wird von Butler (1990) im Zusammenhang mit der „heterosexuellen Matrix“ beschrieben und ist fundamental für alle Arbeiten zu sehen, die sich mit der Konstruktion von menschlichen
kulturellen Identitäten, die sich als natürliche Entitäten präsentieren, aber keine signifikanten biologischen Gemeinsamkeiten aufweisen, beschäftigen. Trotz kulturspezifischer Konstruiertheit werde ich deshalb weder auf Gender noch Generation als Einteilung näher eingehen.
5 S. Zauberlehrlingsmetapher: „[…] die Geister, die ich rief […].“ Siehe z. B (Brewer 2001:30).
6 In Anlehnung an Andersons (2006) „Imagined communities“.
7 So kann ich mir verschiedene Reihenfolgen vorstellen, die je ihre eigene logische Klimax aufweisen würden.
5
Zunächst war eine Auffassung von Kultur als etwas Festes, Beständiges und vor allem Natürliches auch in der Wissenschaft dominant, was im Wesentlichen dadurch bedingt war, dass die menschliche Wahrnehmung Kultur als etwas Konstantes auffasst. Die tägliche Lebenspraxis
ist in den kulturspezifischen Ethos eingebettet, auch wenn dies keineswegs heißen soll, dass dominante kulturelle Vorstellungen, unter anderem Werte und Normen, auch in der Praxis überall Bestand hätten. Beispielsweise finden Abtreibungen auch unter Katholiken statt, eine Tatsache, die zugleich auf das Problem der Reifikation von Kultur hindeutet. Das Verhalten widerspricht den Implikationen einer Zuschreibung „katholisch“. Erwartet wird vielmehr, dass sich so Klassifizierte an die Vorgaben des Vatikans halten. Die Heterogenität innerhalb ihrer kollektiven Identität fällt dementsprechend in der Regel stark generalisierten Stereotypen zum Opfer.
Im Folgenden verwende ich weitestgehend die Kultur-Definition von Geertz, derzufolge „der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe“ (1994:9). Kern der in dieser Arbeit gebrauchten Definition sind Emergenz, Aushandelbarkeit und Dynamik von Kultur. Damit steht die kontinuierliche Erinnerung daran, Kultur gerade nicht als einen Monolithen zu betrachten, im Vordergrund. Im Gegensatz zu einigen Autoren teile ich Geertz nicht fälschlicherweise dem Primordialismus zu, da bereits aus diesem kurzen Zitat ersichtlich ist, dass er durchaus individuelle Handlungsmacht und Dynamik anerkennt. 9 Der in der Arbeit verwendete Begriff der Kultur wird sich zwar auf größere Einheiten beziehen, jedoch gerade dies kritisieren. So kann man auch von Skateboard-, Fastfood-, Fußballkulturen 10 sprechen, insofern, dass ihnen Vorstellungen und Praktiken zugrundeliegen, deren Bedeutungen aus dem jeweils eigenen Kontext heraus erwachsen.
Inwieweit Vorstellungen Elemente anderer Subkulturen überlagern und in welchem Zusammenhang sie mit dem, was die Öffentlichkeit als Mehrheitskultur identifiziert, stehen, ist unterschiedlich. So gibt es immer auch Gegenkulturen, welche gerade ihre Differenz zur Mehrheitskultur betonen. Entscheidend an dieser Stelle ist insbesondere die Tatsache, dass jeder Teil verschiedener (Sub-)Kulturen ist, deren Grenzen fließend sind. Jedes Individuum ist damit in verschiedene Bedeutungsgewebe eingeflochten, in deren Kontext Identifikationen unmittelbar stehen. Auf diesem Bedeutungsgewebe basierend, sind Klassifikation und Zeitgeist
9 Eine umfassendere Betrachtung des Kulturbegriffs würde den Rahmen der Arbeit sprengen, findet sich jedoch z. B. bei Brumann (1999).
10 Kultur sollte im Plural stehen, denn im Singular impliziert sie Homogenität.
6
interdependent. Zur Herstellung eines besseren Gesamtzusammenhangs der Konzepte und ihrer Entwicklungen, folgt deshalb eine kurze historische Einordnung.
Einen besonderen Wendepunkt für die Form westlicher Klassifikationen stellen dabei die Aufklärung und die Etablierung der Naturwissenschaften dar. In Europa prägte bis dahin der biblische Glaube an die Monogenese ein Weltbild, das alle Menschen als Teil einer gemeinsamen Rasse klassifizierte. 11
Nun mussten die Unterschiede zwischen den Menschen jedoch in Einklang mit der neuen Wissenschaft gebracht werden. Man beschäftigte sich mit der Frage nach menschlichen Universalien und der Herkunft der Unterschiede. Da man die eigenen Verhaltensweisen stets als natürlich empfindet, war die Unterschiedlichkeit der Menschen 12 ein entscheidendes Problem, das es naturwissenschaftlich zu erklären galt.
Ein Schwerpunkt war damit die Frage nach der Gewichtung von Nature und Nurture (Erziehung) und zwar sowohl bzgl. des Universalismus, welcher nach universellen menschlichen Eigenschaften fragt, als auch der Frage nach einem Universalismus, der sich im Partikularen abspielt, nämlich bei der Frage nach der Vererbung kulturspezifischer Verhaltensweisen (Latour 2008:138f.). Diese Frage spielt in vielen Abgrenzungsprozessen bis heute eine große Rolle, wobei der so genannte Westen in aufklärerischer Tradition Natur und Rationalität für sich beansprucht und damit noch immer ein Denken zeigt, das eine binäre Opposition von Natur und Kultur als Basis nimmt, anstelle die gegenseitige Abhängigkeit, in der beide Konzepte stehen, anzuerkennen (s. Latour 2004, 2008; Wade 1993:18). Wenn Latour erklärt: „Wir sind nie modern gewesen“, thematisiert er eben diese künstliche Trennung von Vernunft und Kultur, die das Selbstbild der Moderne kennzeichnet.
Der Humanismus der Aufklärung war zwiegespalten zwischen dem Glauben an universelle Menschlichkeit und der Partikularität, die die Aufklärer in der Welt vorfanden. Es boten sich zwei Erklärungsmöglichkeiten, zum einen die Polygenese, denn so konnten die Unterschiede zwischen den Menschen als natürliche Folge verschiedener Abstammung betrachtet werden, und zum anderen eine Monogenese, welche zwischen Natur und Kultur unterschied.
11 Dies bedeutete allerdings nicht, dass man in der Praxis keine Gründe für die Diskriminierung von Menschen anderen Phänotyps fand, nur basierten diese auf kulturellen Unterschieden (s. Spencer 2006:35; Scherschel 2006:37).
12 „Was die Wildheit des Amerikaners neben der des leidenschaftlichen Negers und des niederträchtig grausamsten Finnen eigenthümlich auszeichnet, ist die Kaltblütigkeit […]“ (Gobineau 1901:240).
7
Einen interessanten Versuch, Monogenese und Diversität in Einklang zu bringen, findet man in Buffons „Histoire Naturelle“ (s. Todorov 1994:100ff.). Als Anhänger der Naturwissenschaft begründete dieser die Theorie der Monogenese mit der Fortpflanzungsfähigkeit aller Menschen untereinander. Durch die gemeinsame Abstammung betrachtete er die Menschen als vergleichbar. Dabei zeigt sich bei ihm sowohl der Versuch einer Trennung von Kultur und Natur als auch die Gefahr, aufgrund der eigenen Maßstäbe auf eine ethnozentrische Wertung zurückzugreifen. Aus der gemeinsamen Abstammung ergab sich für Buffon eine Vergleichbarkeit der Menschen. Er schlussfolgert insbesondere, dass eine Wertung anhand des Organisationsgrades möglich sei. Je organisierter eine Gesellschaft, desto zivilisierter sei diese, da ein geringes Maß an „Eingebundenheit“ gleichzusetzen mit Barbarei sei.
Dabei offenbart Buffon Argumentationsschwächen, denn nach dieser Feststellung wird nahezu alles zum Index des Zivilisationsgrades. Indem er beispielsweise blaue Lippenfarbe als Zeichen der Minderwertigkeit einer Kultur betrachtet, zeigt sich seine eigene Ethnozentrik. Zum einen ergibt sich die naheliegende Frage nach der Verbindung von Lippenfarbe und gesellschaftlicher Organisation, zum anderen unterliegt dieser Bewertung die kulturell geprägte Vorstellung, rote Lippenfarbe sei ästhetischer. Seinen Lesern bot Buffon, der besondere Glaubwürdigkeit aufgrund seiner naturwissenschaftlichen Ausrichtung genoss, vermeintliche
Kausalzusammenhänge wie die Idee, dass „wilde Nationen“ kein Essen lagerten und diese deshalb öfter „brutal werden“ müssten. Sein rassistischer Blick auf den Organisationsgrad tat dabei deviante Reiseberichte als Fehlinterpretationen ab (s. Todorov 1994:105). Stellvertretend für die Problematik der Kultur/Natur-Opposition zeigt Buffon, wie leicht die Grenzen zwischen ästhetischen, technologischen und biologistischen Erklärungen verschwimmen. Buffon versucht universalistisch zu sein, begeht jedoch den Standardfehler, seine eigenen, als natürlich empfundenen Vorstellungen zum Ausgangspunkt der Klassifikation zu benutzen. Dies ist symptomatisch für die Problematik meiner Magisterarbeit.
Während der Natur/Kultur-Gegensatz noch heute eine große Rolle spielt, war die wissenschaftliche Hochphase des Glaubens an die Polygenese eigentlich schon vor dem Nationalsozialismus vorbei. Aufgekommen war der Glaube an verschiedene Rassen erst durch den vermehrten Kontakt mit weit entfernten Gebieten, denn zuvor waren phänotypische Unterschiede in der Regel gering und deshalb weniger relevant für die Unterscheidung gewesen. Erst verstärkte Interaktion und der Kontakt zu einer Vielfalt an Phänotypen, führte Anhänger der
8
Polygenese wie Voltaire dazu, zu glauben, dass die Menschen allein aufgrund der Verschiedenheit ihres Aussehens nicht einer einzigen Rasse angehören könnten.
Die Präsenz von Wissenschaft in Europa wurde von den Wissenschaftlern selbst als Merkmal der Überlegenheit gefeiert, denn diese führe zur Wahrheit. Der damit verbundene Positivismus lieferte die Grundlage für einen wissenschaftlichen Determinismus, einen Szientismus, welcher der Naturwissenschaft absolute Autorität über alle Interpretationen des Lebens gibt (s. Todorov 1994:114ff.). Einige Positivisten missbrauchten dabei Darwins Ideen, denn „The Origin of Species“ und damit die Evolutionstheorie waren eigentlich konträr zu Rassentheorien, da diese nur valide seien könnten, wenn es sich bei den Differenzen zwischen den Menschen nicht um temporäre Merkmale handelte (Spencer 2006:38). Andererseits gab die innere Logik der Evolutionstheorie den Kolonialherren die Möglichkeit, die Anderen anhand ihrer technologischen Entwicklung als niedriger einzustufen (Spencer 2006:42). 13 Zudem erwies sich Darwins Wortwahl als äußerst fruchtbar; vom Kampf der Spezies und dem „Survival of the fittest“ zum sozialen Kampf der Menschen untereinander ist es nur ein kleiner Schritt (siehe z. B. Weitz 2003:36). Auch wenn Darwin nicht direkt von Fortschritt spricht, entwickelte sich die Idee einer Leiter der Evolution, die die Anderen, weil sie als weniger entwickelt betrachtet wurden, an das untere Ende setzte. Neu daran war der biologistische Determinismus, der die einzelnen Positionen als natürlich deklarierte.
Zwar sprachen die Aufklärer seltener von rassischen und eher von kulturellen Unterschieden, jedoch muss einer Person wie Kant ein großer Anteil an der Rassenlehre zugesprochen werden, denn auch er beschrieb Schwarze als minderwertig und sah in ihnen natürliche Sklaven (Malik 1996:51; s. auch Pandey und Geschiere 2003:15; Rohrmann 2007:86). Dabei zeigt Kant insbesondere, dass naturwissenschaftliches Ordnungsdenken verbunden mit kultureller Arroganz das Fundament für den biologistischen Rassismus legte (siehe z. B. Hund 1999:16). 14 Aus dem Aufklärungsuniversalismus wurde nämlich eine naturalistische Auffassung von Gesellschaft 15
13 Allerdings gilt evolutionistisch argumentiert: „Individuals who die without offspring are thus ‘unfit’, or ‘valueless’, and can be classified among ‘inferior beings’, examples being Beethoven, Leonardo Da Vinci, Lenin and Jesus Christ“ (Jacquard 1983:37).
14 Ich folge Scherschels Definition von Rassismus, die durch drei Elemente gekennzeichnet ist, nämlich die Konstruktion des ethnisch Anderen (durch Selektion/Klassifikation/Zuschreibung), die Naturalisierung des zugeschriebenen Charakters und die Herabwürdigung des Anderen (Problematisierung des zugeschriebenen Charakters) (2006:56).
15 Im Kontext meiner Arbeit empfinde ich eine Distinktion Gemeinschaft/Gesellschaft, im Sinne von Bekanntschaft vs. Anonymität, als vernachlässigbar, da prinzipiell sowohl Gemeinschaften als auch Gesellschaften versuchen, gefühlte Verwandtschaft herzustellen und auch in vielen als „Gemeinschaft“ bezeichneten Gruppen keine Bekanntschaft besteht.
9
und mit der Idee von Kultur als Teil der Nation verschob sich die Auffassung von ihr als politischer hin zu einer rassischen Gemeinschaft (Malik 1996:70; Weitz 2003:31). Erst die Annahme, alle Menschen seien gleich, machte es nötig, verschiedene Status zu rechtfertigen, und der naturwissenschaftliche Positivismus verlangte, dass sich diese aus der Natur ableiteten. Der Glaube an die gleiche Natur, also Rasse, der Menschen einer Nation, bot deshalb die beste Legitimation. Die totalitärste Form der Naturalisierung des Status war Voraussetzung für den Holocaust, welcher zumindest in der Wahrnehmung einen Umkehrpunkt im Denken markiert, der die Abkehr vom Biologismus bedeutet.
Einerseits kann man den biologistischen Rassismus in seiner offenen Form 16 tatsächlich als eine historisch relativ kurze Episode ansehen, andererseits fußt eine Einteilung in biologistischen und kulturellen Rassismus ohnehin auf der eurozentrischen Natur/Kultur-Opposition. Der biologistische Rassismus, welcher auch nicht ohne kulturelle Elemente auskam, stellt nämlich eine Ausnahme im Rahmen historischer Klassifikationssysteme dar (s. Jenkins 2008:23). Kulturdeterminismus kann als eine Form des „Rassismus ohne Rassen“ gesehen werden. Angesichts dessen, dass die Natur/Kultur-Opposition keine Universalie menschlichen Denkens darstellt, ist eine explizite Knüpfung des Rassismus an eine
naturwissenschaftliche/pseudowissenschaftliche Erklärung ohnehin als stark ethnozentrisch abzulehnen. Spätestens ab Mitte des 20. Jahrhunderts herrschten wieder kulturelle und politische Einteilungen von Menschen in Gruppen vor.
Die UNESCO-Erklärung von 1967 zeigt, dass man aber erkannte, dass Rassismus nicht explizit eine biologische Komponente haben muss und seine Mechanismen konstanter Bestandteil menschlicher Gesellschaften bleiben (s. Miles 1991:67). Im Kern beschreiben Rassenhygiene und „ethnic cleansing“ die gleichen Prozesse, den Ausschluss einer bestimmten Gruppe und den Willen zu ihrer Vernichtung. 17 Man könne laut Wieviorka (1997) allerdings nur das als kulturellen Rassismus bezeichnen, was nicht allein mit kulturellen Kriterien auskomme. Ohne eine Idee von Essenz ließe sich nicht von Rassismus sprechen. Die Verwendung des Begriffs in Frankreich sei inflationär. So stelle die Sprache von Antijugend-, Antipolizeirassismen eine Banalisierung des Rassismus dar. Wenn der Referent sich allein über Kultur und Tradition definiert, sei es falsch, von Rasse zu sprechen (1997:141f.). Wieviorkas Interpretation verpasst
16 Damit ist die offene Erklärung bestimmter Kategorien als Untermenschen und eine Übereinstimmung von öffentlicher Theorie und Praxis gemeint.
17 Theoretiker wie Buffon, Gobineau und Renan gingen niemals so weit, die Extermination minderwertiger Rassen zu erwägen (Todorov 1994:159).
10
es, die Ähnlichkeit der Mechanismen und die Vielfalt der Rassismen in der Realität anzuerkennen und zeigt Ansätze eines Denkens in binärer Kultur/Natur-Opposition. Ihm ist zwar einerseits Recht zu geben, wenn er die Banalisierung verurteilt, andererseits könnte eine Verwendung des Rassismusbegriffs für offensichtlich künstlich entstandene Gruppen (Fans, Berufsgruppen etc.) die Menschen auch darauf hinweisen, dass andere Gruppen ebenso konstruiert sind. Außerdem lässt sich Rassismus nicht nur zwischen als verschieden erklärten Rassen vorfinden, sondern auch innerhalb (Klassen/Nationen etc.). Gemeinsam ist allen Rassismen dabei die Umwandlung sozialen Konfliktpotenzials in rassistische Verachtung (Hund 2007:123).
Die neue kulturelle Ideologie des Rassismus zeigt sich als adäquater Ersatz, um Ungleichheiten und Asymmetrien zu legitimieren. Ethnizität ist nach 1945 in die Lücke getreten, welche durch die offensichtliche Falsifizierung der biologistischen Rassentheorie entstand (Jenkins 2008; s. auch Malik 1996:159). Schon Boas war es gelungen, den wissenschaftlichen Rassismus zu bremsen, indem er bewies, dass physiognomische Merkmale schwarzer und weißer Menschen überlappen und Intelligenz nicht abhängig von der Hautfarbe ist (2008:83; s. Jenkins 1999:91). (Post-)moderner Rassismus tritt deshalb als nationalistische, kulturalistische Doktrin oder als Recht auf Differenz auf (Todorov 1994:157; s. Sen 2006:119ff.). Oft vermag dieser einen Anschein von wissenschaftlicher Legitimität zu verbreiten, indem er versucht, wissenschaftliche Terminologien und Erkenntnisse pseudowissenschaftlich für sich nutzbar zu machen. 18
Ein Beispiel hierfür, das sogar biologistischer Natur ist, ist Herrnsteins und Murrays Veröffentlichung „The bell curve. Intelligence and class structure in American life“ (1996), in der Intelligenztests den wissenschaftlichen Beweis liefern sollen, dass „Schwarzsein“ und geringere Intelligenz korrelieren. 19 Der Glaube, mit Hilfe von IQ-Tests könne man objektive Auskünfte über die Intelligenz untersuchter Personen geben und dass dieser als ein universales Messinstrument dienen könne, ist ein weit verbreiteter Partikularismus. Dieser verschleiert, dass seine Bemessungskriterien auf einer bestimmten Form der Sozialisation und Auffassung von Intelligenz basieren (s. auch Vidyarthi 1983:55; Snyder 2002:94). Vielmehr beruhen schlechte Ergebnisse bei solchen Tests auf struktureller Benachteiligung und nicht auf genetischen Unterschieden, eine Tatsache, die die von mir fokussierte Naturalisierung von Unterschieden verschleiert.
18 „Racialism flourishes in the shadow of science“ (Todorov 1994:157).
19 S. auch Bourdieu zur unbewussten Übertragung von Sozialkapital (2005:74f.).
11
Hauptthema des neuen Rassismus ist allerdings nicht mehr Vererbung, sondern eine angenommene Unüberbrückbarkeit von Kulturen, welche durch Differenz zustandekommen
solle (Scherschel 2006:43), wobei es zu betonen gilt, dass Ideen absoluter Differenzen nicht, ohne eine rassistische Form anzunehmen, proklamiert werden können (Malik 1996:221). Auch wenn seit Mitte der neunziger Jahre und der damaligen Erstveröffentlichung von Huntingtons (1998) „Clash of Civilizations“-These die Mehrheit der Wissenschaftler diese als überholt und fehlgeleitet ansieht, hat sie heute noch Brisanz. Nicht grundlos griffen viele Fernsehsender zu der Plakatierung des Mohammed-Karikaturenstreits als „Kampf der Kulturen“. In der Wahrnehmung mag dieser nämlich, nicht zuletzt geschürt aus strategischem Kalkül durch in der Regel konservative, nationalistische, aber auch durch weniger nationalistische Kreise, durchaus präsent sein. Kulturdeterministen sehen, ebenso wie Kulturträger, in der Regel Kultur als etwas Statisches und Monolithisches, was im Gegensatz zu der bereits angesprochenen Kulturdefinition steht, die dieser Arbeit zugrundeliegt. Wesentlicher Bestandteil des Kulturdeterminismus ist die Annahme, Kultur sei etwas Primordiales und damit natürlich Determinierendes.
20
Ein Mensch sei in einer bestimmten Kultur aufgewachsen und damit nur Träger dieser Kultur. Daraus folgt, dass er andere Kulturen zwar betrachten, aber nie komplett verstehen könne (vgl. auch Sax 2002:7).
Ein extremer Kulturdeterminismus, bis zur Vorstellung einer ontologischen Differenz reichend, hat in seiner Konsequenz die gleichen Auswirkungen wie der biologistische Rassismus. Bestimmte Verhaltensmuster werden als „primordial givens“ angesehen. Infolgedessen wird kulturelle Identität und damit Charaktereigenschaften nahezu wie eine genetische Vorprogrammierung aufgefasst (s. Todorov 1994: 157; Spencer 2006:77). Lediglich die Akzentuierung zeigt die Unterschiede (s. Malik 1996:258). Beide Positionen gehen von einer Vorprogrammierung der Menschen aus. Ob ein Mensch mit der Geburt durch seine Gene zu bestimmten Verhaltensweisen neigt oder er sich diese durch die Kultur aneignet, ist lediglich ein feiner Unterschied, wenn davon ausgegangen wird, die Kultur werde quasi schon mit der Muttermilch aufgenommen. Der Primordialismus argumentiert mit Kultur, welche eine äußerst flexible symbolische Ressource darstellt, eben wie der biologistische Rassismus mit Genetik (s. Scherschel 2006; s. auch Jenkins 1999:91). Besonders problematisch daran ist, dass der
Kulturdeterminismus nicht nur vorgibt, positivistisch zu sein, sondern auch, dass er in der Bevölkerung auf große Resonanz trifft. Er spiegelt nämlich die Empfindungen dieser, welche
20 Die Annahme begründet sich vor allem auf der „Illusion einer einzigartigen Identität, zu der es keine Alternative gibt“ (Sen 2006:11).
12
ihre eigene Kultur als integralen Bestandteil ihrer selbst wahrnehmen, wider. Kultur erscheint unter anderem durch die tägliche Praxis als etwas Normales und damit Natürliches (siehe z. B. Bourdieu 2005; Bourdieu und Wacquant 2006; Latour 2008). Ein Vorgang, der Basis für den neuen Rassismus ist, der durch den Kulturdeterminismus geprägt ist.
Dieser neue Rassismus zeichnet sich für Hall (2008) besonders dadurch aus, dass die Differenz zum Nichtwesten (Westen) betont werde. Während Frankreich 1922 eine erste Moschee bauen ließ, und damit integrativ vorging, wird das Feindbild „Islam“ heute auch für die französische Identität instrumentalisiert (s. Malik 1996:197). Eine in Opposition zum Islam kreierte Identität baut auf Differenz anstelle Verständigung. Die zur Konstruktion gezogene Grenze ist eine kulturelle und dies trotz dem, durch die Revolution propagierten, französischen Grundsatz des Jus Solis. Dies zeigt dabei deutlich, dass die Klassifikationsschemata und die damit verbundene Hierarchie insbesondere Ausdruck des vorherrschenden Zeitgeistes sind und damit dem ständigen Wandel unterliegen und die Bedeutung kollektiver Identitäten je nach Kontext variiert. Es gilt allerdings universell, dass eine Identitätszuschreibung ohne positive Selbst- und damit negative Fremdzuschreibung nicht auskommt. Rassismus ist demnach auch „keine einzigartige europäische Perversion“, sondern kann als ein weltweites Phänomen angesehen werden, da jeder seine eigene Kultur als überlegen ansieht (Downing und Husband 2006:3, [Übers. D.A.]; Vidyarthi 1983:53; Hobsbawm 2004:8).
Der Mensch bildet permanent Wir-Gruppen, spricht ihnen verschiedene Bedeutungen zu, produziert und reproduziert diese. Im Folgenden sollen sowohl Konstruiertheit als auch kognitive Wahrnehmung der Kulturträger Teil der Betrachtung sein. Besondere Relevanz hat hierbei die Tatsache, dass Identitäten weder etwas Statisches sind noch der Mensch in ein einziges Bedeutungsgewebe verstrickt, das Individuum seine Identität jedoch derart empfindet. Folglich können Gruppen auch niemals absolute Homogenität erreichen und sind deshalb, zwar in verschiedenem Maße, vorgestellt, aber nie direkt aus der Natur ableitbar. Wie kollektive Identitäten trotzdem die Vorstellung ihrer natürlichen Einheit kultivieren, 21 soll insbesondere mit Hilfe Foucaults (2005), Bourdieus (1977,2005,2006) und Halls (1996,2008) erklärt wären. Die Diskurstheorie, das Habituskonzept, sowie das Konzept der „floating signifier“ und die Erweiterung des Kapitalkonzepts bieten die Grundlage für meine Argumentation und spielen eine tragende Rolle in meiner Arbeit. Ich werde mich insgesamt weniger mit Inhalten konkreter Einheiten beschäftigen als vielmehr die generellen Phänomene Rasse, Nation und Ethnie als
21 Ich kenne kein Wort, das den Prozess der Bedeutungsanreicherung und „Pflege“ treffender versinnbildlicht.
13
soziale Tatsachen und Produzenten sozialer Tatsachen vor dem Hintergrund dieser Ansätze beleuchten. Zu diesemZweck werde ich zunächst einen theoretischen Vergleich der Termini „Ethnie“, „Ethnizität“ und „Rasse“ ziehen, um dann „Nation“ und „nationale Identität“ mit beiden in Verbindung zu setzen und in einem weiteren Schritt sollen einige Anreize und Möglichkeiten der Phänomene, unter besonderer Berücksichtigung kollektiver Identität als flexible Ressource, beleuchtet werden, denn, wenn Abgrenzung eine Universalie darstellt, muss sie Auslöser haben. Als Kern der Abgrenzung möchte ich deshalb auf die Manichäische Teilung „Wir und die Anderen“ und ihre dialektische Abhängigkeit eingehen, um darauffolgend Identitätsmarker als Teil einer Sammlung, aus der sich verschiedene Kollektive unterschiedliche Kombinationen zusammenstellen, anzusehen. An die darauffolgende Betrachtung symbolischer Repräsentationen, die die jeweilige kollektive Identität insbesondere besiegeln können, schließt sich direkt die stark damit verknüpfte Frage nach der Rolle von Macht bei der Grenzziehung an. Den unterschiedlichen Aspekten von Macht bzgl. der Kategorisierung und Identifikation messe ich besonders viel Bedeutung bei, weshalb diese einen überproportional großen Anteil der Betrachtung einnehmen werden. Sowohl die Relationalität und Abhängigkeit von Macht, als
auch ihr jeweiliges Potenzial wirken sich auf die Identitätsformung aus. An die Frage nach der Übernahme von Zuweisungen schließe ich die der Wirkung von Institutionen an, wobei an dieser Stelle anhand des amerikanischen und britischen Zensus exemplarisch die Problematik der stabilen Grenzziehung dargestellt werden soll. Des Weiteren folgt eine Beschäftigung mit Natürlichkeit und dem Habitus,
22
dem erhebliches Gewicht in der Naturalisierung unserer Identitäten zugesprochen werden muss. Einen besonderen Akzent werde ich dabei auf Diaspora legen, weil sie sich durch ein besonderes Spannungsfeld auszeichnen. Zum einen können sie dabei Ideen von rassischen, nationalen und ethnischen Identitäten zur Disposition stellen, indem sie andere Identitätsangebote vermitteln, zum anderen können sie auch zu einer Revitalisierung aus unterschiedlichen Gründen wie Wohn- und Arbeitsmarktbedingungen und Exklusion durch die Mehrheitsgesellschaft führen. Diaspora weisen in der Regel besonders viele Interaktionsmomente verschiedener Identitäten und Lebenswelten auf und laufen permanent Gefahr einer beidseitigen Homogenisierung und Essentialisierung. Der abschließende soll nochmal explizit auf die Pluralität und Allgegenwärtigkeit von Zuschreibungen hinweisen, um danach ein Fazit zu ziehen.
14
Die zugrundeliegenden theoretischen Überlegungen umfassen weitere Theoretiker wie Breuilly, Spivak oder Derrida, diese werden jedoch nicht explizit behandelt. Gleiches gilt für Konzepte wie Patriotismus, Natalismus, Transkulturalismus, wobei ich den Soziobiologismus 23 in seiner gegenwärtigen Form für höchst spekulativ halte.
2. Klassifikationen: Rasse, Nation, Ethnie
Empirisch gesehen unterscheiden sich die drei Konzepte Rasse, Nation und Ethnie in weniger Kriterien der Differenzierung, als sie verbinden. Nach der Diskreditierung des biologistischen Rassenbegriffs wird „Ethnizität“ häufig als politisch korrekter Begriff verwendet, was jedoch nicht immer einen qualitativen Unterschied bedeutet (s. auch Spencer 2006:47). Oft wird lediglich der Begriff substituiert und die dahinter liegende Vorstellung bleibt die gleiche, wenn auch besser getarnt. Banton empfindet die Aufnahme des Ethnizitätskonzepts in die Wissenschaft als Rückschritt, weil Ethnizität genauso wie Rasse einen Akzent auf Abstammung lege (s. 1998:11; s. auch Dittrich und Radtke 1990:23; Pasch 1999:106f.). 24 Nach der besonderen Sensibilisierung gegenüber dem Rassenbegriff nach dem 2. Weltkrieg, die in Europa gezwungenermaßen stattfand, lässt sich sogar die Neigung feststellen, stattdessen Ethnie als etwas Natürliches, als „Quasirasse“, zu empfinden (siehe z. B. Pasch 1999:77ff.).
Während in der Anthropologie der Rassenbegriff eigentlich schon in den frühen siebziger Jahren verbannt wurde, findet „Rasse“ in der Soziologie und Politikwissenschaft immer noch Verwendung (Prentiss 2003:6). Die Frage, ob man den Rassenbegriff ad acta legen kann, wurde viel diskutiert und wird konträr beantwortet (Banton 1982,1983; Miles 1991:80; Andersen 2001:197). Dabei gebrauchen Akademiker Rasse und Ethnie sogar simultan und erörtern ihren Beweggrund dafür nicht. Oft setzt man sich weder mit einer klaren Definition von Rasse und Ethnie auseinander, noch wird der enge Zusammenhang zum Nationenkonzept beachtet (s. Fenton 2003:19,49; Bös 2008:23). Zwar wird eine enorme Menge an Literatur über Rasse und Ethnie produziert, doch hält es die Mehrzahl für verzichtbar, die Differenzen und Überschneidungen der beiden Konzepte genauer zu erklären und zu spezifizieren. Besonders in der amerikanischen Soziologie wird die Frage, wann Ethnie und wann Rasse zu gebrauchen sei, in der Regel vernachlässigt. Analysen, die sich mit dem Thema beschäftigen, führen zu mannigfaltigen Betrachtungen (Bös 2008:5-27). Allein die Inhaltsverzeichnisse der Literatur, die
23 Siehe dazu Heinz (1993:244).
15
sich mit Gruppenkonzepten beschäftigt, zeigen, dass Unterschiede nicht klar eruierbar sind. Offensichtlich umfassen Rasse, Nation und Ethnie alle Bereiche der soziologischen Analyse, was
auch zeigt, dass die Wirkungsbereiche, insbesondere angesichts der Vielfalt der Definitionen, dringend diskutiert werden müssen.
Im Jahr 1985 trennt Fishman Ethnizität und Rasse, indem er das eine als „call for diversity“ und das andere als „call for domination“ bezeichnet und sieht Ethnizität außerdem als „less grandiose“ und weniger in Machtbeziehungen verwoben an (1985:12). Der vermehrte Gebrauch des Adjektivs „ethnisch“ in unterschiedlichsten Zusammenhängen zeigt, dass eine solche Definition heute keinen Bestand mehr haben kann. Hinzu kommt, dass der Gebrauch insbesondere auch kulturspezifisch bleibt. Was in den USA oder Malaysia als Rasse bezeichnet wird (Spencer 2006:44), wird in Europa als Ethnizität gesehen, allerdings ist die Bedeutung nicht nur länderspezifisch, sondern auch untrennbar vom historischen Kontext (Fenton 2003:32; Darder und Torres 2004). 25 Dem Begriff „Rasse“ mangelt es außerdem auch an Äquivalenten in nichteuropäischen Sprachen (Banton 1998:11).
Ein Grund, Rasse als eine Form der Ethnizität einzuordnen, ist, dass alle Eigenschaften, die Rasse zugesprochen werden, alternative Marker ethnischer Identität sind. Ethnische Identität als Phänomen bietet ein Repertoire möglicher Kriterien und rassische Identität stellt eine spezifische Kombination ausgewählter Kriterien von Ethnizität dar. Insofern auch phänotypische Merkmale sozial konstruiert sind und kulturspezifisch wahrgenommen werden, kann der Glaube der Menschen an biologische Unterschiede unter Ethnizität als größerer Dimension subsumiert werden. Insbesondere auch deshalb ist das der Fall, weil ohne Trennung von Kultur und Natur die Frage nach genetischer Vererbung gehaltlos ist. Eine Sonderstellung, die genetische Vererbung außerhalb des Ethnizitätskonzepts ansiedelt, spiegelt die moderne Arroganz, die glaubt, Natur und Kultur objektiv trennen und sich klar von den Auffassungen der Anderen abgrenzen zu können, wider. 26 Des Weiteren kommen nämlich weder Ethnien noch Nationen ohne eine Idee von Abstammung aus, auch wenn diese Idee die abstraktesten Formen annehmen
25 Fenton geht so weit, davon zu sprechen, dass, wenn Weiße in den USA klassifiziert werden, diese Ethnizität hätten, während „Nichtweiße“ einer Rasse angehörten. In Großbritannien neige man im Gegensatz dazu, Ethnizität „Nichtweißen“ zuzuschreiben (2003:39).
26 Eine Kritik an postmodernem „Mononaturalismus“ findet sich beispielsweise in Latour (2004:27ff.); Eder [et al.] (2002:22) oder in zugespitzter Form in Sahdar (1998:20ff.).
16
kann, denn wichtig ist lediglich, dass sich die Mitglieder verbunden fühlen (Connor 1977, Smith 2008:35). 27
2.1 Duale Betrachtungsansätze
Neben einer Trennung von Ethnie und Rasse aufgrund der Kultur/Natur-Dichotomie bedeutet auch eine Unterscheidung in interne und externe Identifikation keinen Gewinn. Denn zum einen finden sich Beispiele, die diese Unterscheidung unsinnig machen, zum anderen finden Identifikationen generell nie einseitig statt, sondern entstehen in Interaktion (s. Jenkins 2008:11). Zum einen kann man zwar zwischen emischen und etischen Klassifikationen zu einem gewissen Grad unterscheiden (doch darf nicht vergessen werden, dass beide nicht in unabhängigen Diskursen existieren), zum anderen bleibt, unabhängig von der empirischen Falsifikation, fraglich, was für eine Erkenntnis aus der Intern/Extern-Einteilung gezogen werden kann. In der Zuschreibung kann eine Gruppe jedenfalls Rasse, Nation und Ethnie gleichzeitig sein, was dem ethnischen Absolutismus der nationalsozialistischen Ideologie entspricht. Das „Herrenvolk" verkörpert ein Extrembeispiel positiver Selbstzuschreibung und widerlegt dadurch die Charakterisierung von „ethnische Gruppe“ als interne und „Rasse“ als externe Zuschreibung. 28 Generell gilt, im Widerspruch zu der Einteilung, dass die zugeschriebenen Grenzen von Rasse und Ethnie permanent umkämpft werden und jede ethnische Gruppe rassifiziert und/oder, wie die Juden in diesem Fall, aus der nationalen Identität ausgeschlossen werden kann (s. Winant 2004:35; vgl. Fishman 1985:12).
Eine für die Analyse interessante Unterscheidung ist allerdings die zwischen Kategorie und Gruppe, wobei die Übergänge natürlich fließend sind. Die Stärke einer solchen Trennung liegt darin, den Aspekt emischer und etischer Zuschreibung zwar aufzugreifen, trotzdem jedoch die empirische Invalidität einer Differenzierung von Rasse als Fremdzuschreibung und Ethnie als Selbstidentifikation zu umgehen. Die Unterscheidung in Kategorie und Gruppe kann analog zu Marx’ Distinktion von Klasse an sich und Klasse für sich gesehen werden (Spencer 2006:47). Hall hält Identifikation dabei nicht für einen Prozess des Einordnens, sondern der Proklamation einer bestimmten Identität (1996:3; s. auch Woodward 1997:26). In diesem Prozess wird aus einer Kategorie eine Gruppe, der Unterschied von Klasse an sich und Klasse für sich könne dabei auch als die Distinktion von objektiv unterscheidbaren kulturellen Kategorien und
27 S. Definition von Weber (1980).
28 „Membership in an ethnic group is usually voluntary; membership in a racial group is not“ (Banton 1983:10).
17
subjektiv bewussten Gruppen gesehen werden (Brass 2003:29). „Ethnicity is to ethnic category, what class consciousness is to class“, gilt auch, weil Klassenzugehörigkeit, genauso wie ethnische Zugehörigkeit, weder immer artikuliert werden, noch immer eine Rolle spielen (Brass 2003:19). 29 Beide Verhältnisse sind wesentlich dadurch gekennzeichnet, dass sie zum einen als untrennbar empfunden werden, zum anderen sich als ein einfaches Pärchen von subjektiv/objektiv präsentieren. Die Betrachtung von Gruppe und Kategorie in Bezug zueinander ist deshalb komplexer, weil Bewusstsein und Zuordnung anhand jeweils definierter Kriterien, sich zwar beeinflussen, dies allerdings nicht proportional stattfindet. 30 Hier erlauben der zentrale Aspekt des Bewusstseins, der schon bei Weber das entscheidende Element für Gruppenidentität darstellt, und Interaktion als Basis eine ertragreiche Untersuchung. 31
2.2 Rasse als Form der Ethnizität
Andersen denkt, Rasse alleinig als Ethnizität aufzufassen, ignoriere Klasse, ökonomischen Status
und Macht. Das Rassenkonzept zu verbannen, wäre ein theoretischer und politischer Fehler, da Macht zentral für das Konzept sei und der Fokus auf Kultur zur Farbenblindheit führe (2001:195f.).
32
Jedoch liegt dieser Aussage eine sehr eingeschränkte Sicht von Ethnizität zugrunde, da die Machtbetrachtung ein integraler Bestandteil jeder Beschäftigung mit Ethnizität sein muss. Der Standpunkt, man könne
Rasse
nicht als Kategorie substituieren, da ihre Auswirkungen real sind, findet sich bei zahlreichen Wissenschaftlern. Auch Neuformulierungen mit kulturellem Fokus würden, laut Andersen, der Wirklichkeit nicht gerecht, denn reduziere man
Rasse
auf Kultur, so analysiere man verschiedene Phänomene als Gleiches (2001:196f.). Eine solche Position basiert, meiner Meinung nach, wiederum auf einem eurozentrischen Verständnis von Naturwissenschaft und einem eingeschränkten, reifizierenden
Kulturverständnis. Auch deshalb ist die Aussage, dass rassistische Gesellschaften ethnozentrisch, ethnozentrische aber nicht per se rassistisch seien, unzulässig (vgl. Vidyarthi 1983:53; s. Werbner und Modood 1997:16ff.). Ethnozentrismus, als eine Auffassung, die die eigenen kulturellen Werte als überlegen betrachtet, weist keine Differenz zum kulturellen Rassismus auf. Lediglich ein Gedankenspiel, das Auffassungen der Akteure Autonomie von ihren Handlungen gewährt, führt zu einer Deckungsungleichheit.
29 Wenn eine Klasse weitere gemeinsame Bindungen besitzt, insbesondere ethnische, ist die Bewusstseinsentwicklung begünstigt (Rex 1990:147).
30 „Jeweils definierte Kriterien“ bedeutet, allein durch die Auswahl der Kriterien, ebenfalls Subjektivität.
31 Für Verbundenheit reicht ein „subjektive[r] Glaube“ (Weber 1980:237).
32 Vgl. auch Untersuchung amerikanischer Literatur in Eckstein (1995:572).
18
Zwar mögen einige Autoren einen essentialistischen Ethnizitätsbegriff nicht für auf alle in der Realität vorkommenden Gruppen anwendbar halten (Elwert 1989:18; s. auch Anthias 1992:426), jedoch beinhalten alle Gruppen ein essentialisierendes Moment. Die Problematik der Gruppeneinteilung liegt für Bourdieu vor allem in der Neigung der Menschen, vornehmlich substantivistisch zu denken (2005:32; s. auch Brubaker 2003:553). So werden Menschen permanent, als Repräsentanten einer Gruppe, bestimmte Mentalitäten bzw. Temperamente zugeschrieben. Die Zuweisung einer Essenz ist auch als Folge der Naturalisierung der eigenen Identitäten zu sehen und aufgrund der Naturalisierung als Universalie menschlichen Lebens allgegenwärtig. Die eigene Identität wird als konstant und natürlich wahrgenommen, weshalb die Abgrenzungskriterien sich ebenfalls so, denn sonst erschienen sie als willkürlich, darstellen müssen, was dem Anderen in der Konsequenz wiederum eine feste Identität oder auch Essenz zuteilt.
Gegenwärtig erscheinen zwei konträre Positionen dominant, die eine sieht Rasse als dem Konzept Ethnizität untergeordnet an, während die andere Rasse als durch den Terminus Ethnizität verharmlost empfindet, wobei das Konzept der Ethnizität generell als weniger kontrovers gilt (Spencer 2006:32; Fenton 1999:6). Der Gefahr einer zu positiven Konnotation von Ethnizität, unter anderem durch ihre Zelebrierung, muss entgegengewirkt werden (Fenton 1999:235; Rex 1990:142; s. auch Jenkins 1999:92). Denn hier wird einerseits verdeckt, dass Ethnizität der gleichen Essentialisierung unterworfen sein kann wie Rasse, andererseits erfolgt gerade durch die Zelebrierung eine Essentialisierung und Normalisierung der Abgrenzung. Dieses Problem, welches viele in der Unterordnung von Rasse unter Ethnizität sehen, lässt sich allerdings mit einem neutraleren Gebrauch von Ethnizität, der die offensichtliche Verbindung zu Rasse und Nationalismus gerade nicht leugnet, beheben (Jenkins 2008:88; Mac an Ghaill 1999:23; s. auch Bös 2008:319).
Zwar erweist sich Halls Vorschlag, Rasse als einen „floating signifier“ zu sehen, deshalb als besonders populär, weil er seinen Fokus auf die Fragen legt, wie und wo dieser in welchem Kontext zur Abgrenzung benutzt wird und welche Logiken hinter der Exklusion/Inklusion stehen. Aber ich sehe die gleichen Fragen besser mit Ethnizität als „floating signifier“ gestellt (Spencer 2006:13; s. auch Cornell und Hartman 2007:266). Die Betrachtung der Wissenschaft in der Diskurstheorie zeigt schließlich klar, warum die Verwendung des Begriffs „Rasse“ abzulehnen ist. Malik sieht dieser entsprechend viele Wissenschaftler, trotz der Betonung von Rasse als Konstrukt, durch deren Benutzung an einer Verfestigung des Glaubens an biologische
19
Unterschiede mitwirken (1996:3; Darder und Torres 2004:26). 33 Downing und Husband ist allerdings prinzipiell zuzustimmen, wenn sie sich gegen einen „endlosen Zirkel unkontaminierter Neologismen“ aussprechen (2006:21, [Übers. D.A.]; s. auch Darder und Torres 2004:1). Zum einen können diese die Probleme verdecken, zum anderen ist eine neue Benennung keine Lösung und kann sogar neue produzieren. Eine Lösung bietet also, anstatt mit dem Rassenkonzept und seinen negativen Implikationen als „floating signifier“ zu arbeiten, Rasse als eine Ausprägung von Ethnizität und diese als „floating signifier“ zu kennzeichnen. Am besten lassen sich also auch Rassismus und rassische Klassifikationen als historisch spezifische Spielarten des allgemeineren Phänomens Ethnizität sehen, wobei Nationalismus ebenso eine historische Manifestation ist (s. Jenkins 2008:85f.).
Am Ende muss der Mahnung Brubakers Beachtung geschenkt werden, dass wenngleich Akteure im sogenannten ethnischen Konflikt ihre Interessen in „groupistischer“ Weise 34 und als primordial präsentieren und mit Hilfe von Vorstellungen um Ethnizität, Rasse und Nation mobilisieren, dies nicht bedeutet, dass Sozialwissenschaftler diese emische Perspektive übernehmen sollten (Brubaker 2003:554). Prinzipiell lassen sich schließlich im Anderson’schen Sinn alle Einheiten, welche größer sind als ein Dorf, als „imagined“ bezeichnen (2006). Deshalb sind „Vorstellung“ und „Erfindung“ auch zentrale Begriffe, um die Welt zu verstehen und Veränderungen in der Art der Wahrnehmung treffend zu beschreiben (Sollors 1989:ix). Rasse, Nation und Ethnie erwecken den Eindruck von Kohärenz und Objektivität, sind aber lediglich „idea[s] of a people“ (Fenton 2003:8ff.). Gegenwärtig genießt die Idee der Nation jedoch offenkundig eine Sonderstellung.
2.3 Das Nationenkonzept - eine weitere Variation ethnischer Identität? „[T]he story of the naturalization of a most unusual belief - the idea that human beings are automatically born into nations […]“, ist die Geschichte, in der dem Menschen das Gefühl gegeben wurde, es gäbe keine andere politische Einheit, um ihm gerecht zu werden (Pandey und Geschiere 2003:11). 35 Die Naturalisierung des Nationkonzepts in der Moderne macht es möglich, dass, während das Adjektiv „ethnisch“ oft unzivilisiert impliziert, wie z. B. ethnische Politik, der Begriff „national“ gewissermaßen Priorität symbolisiert und Legitimität liefert, wie z. B. in nationales Interesse (Fishman; Meyerfield und Fishman 1985:15; Smith 2007:7).
33 S. Actor Network Theory (ANT).
34 „Groupismus“ bezeichnet Brubaker als die Vereinheitlichung aller Mitglieder einer Gruppe.
35 Interessanterweise lässt sich in der „Britannica“ von 1911 bis 1988 kein Eintrag unter Nation finden (Räthzel 1997:63).
20
Unabhängig davon, welche Logik hinter der nationalen Abgrenzung steht, wird dieser damit Rationalität und Fortschrittlichkeit zugesprochen. Wenn eine ethnische Gemeinschaft anerkannt werden möchte, müsste sie sich nach Fentons Ansicht „Nation“ nennen, denn damit könnten sie einen natürlichen Anspruch 36 geltend machen (2003:52; s. auch Brubaker 2004:148f.; Smith
2008:33). Van den Berghe sieht eine Entwicklung, in der ethnische Gruppen zu Nationen
werden
und daraufhin Staatlichkeit beanspruchen (1999:402f.; s. auch Jenkins 1999:94),
37
was allerdings nicht heißt, dass alle ethnischen Gruppen einen Staat beanspruchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Staat eine kollektive Identität hervorbringt, ist größer als dass aus Ethnizität ein Staat hervorgeht (s. Hobsbawm 2004:95; Özkırımlı 2000:220). Zwar ist Nationalismus nicht von Ethnizität trennbar, jedoch auch nicht allein auf ihr begründbar (Calhoun 1993:211).
Die Nation besitzt heute besondere Legitimität, obwohl sich der Nationalstaat schwierig mit Langzeitbeobachtungen der Geschichte in Einklang bringen lässt (Jenkins 2008:26; Hobsbawm 2004:8; Oberndörfer 1999:413). 38 So wird erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Nation in ihrer heutigen Form als etwas Natürliches aufgefasst (Smith 2007:7). Festzuhalten ist, dass die Nation weder als primordial, noch als reine Erfindung der Moderne angesehen werden kann (Smith 2007; Smith 2008). In einer gewissen Schizophrenie beansprucht das Nationenkonzept auf natürlichen Kriterien zu beruhen, sich aber von Ethnizität zu distanzieren, keine neue Erfindung und gleichzeitig am fortschrittlichsten zu sein. Der Erfolg der Nation hierbei beruht, genau wie bei anderen Ideologien, auf der Naturalisierung dieser Perzeption.
Wie das Beispiel der Vereinten Nationen, zuvor Völkerbund, zeigt, ist die Aufteilung der Welt in Nationen heute allerdings eine Selbstverständlichkeit. Die Konsequenzen einer Propagierung und der Anerkennung einer Welt, die sich aus Nationen zusammensetzt, sind erheblich. Der permanente Wettstreit der Nationen verstärkt dabei die Naturalisierung eines „Nationentums“ (siehe z. B. Koester 2006:34). „To be civilized is to have a nation“, ist eine schon in der Aufklärung entsprungene Idee (Pandey und Geschiere 2003:15). Im 21. Jahrhundert gilt die Nation als einer der legitimsten Werte und wird als Universalie angenommen, ist konkret jedoch nicht universell übersetzbar, genauso wie die Wichtigkeit von Nationalismus kulturspezifisch ist
36 Für naturalistische Nationalisten gilt: „Just like speech or sight: a man has a nationality as he has a nose and two ears“ (Özkırımlı 2000:66).
37 „The term nation has come to be used for those ethnic groups that succeed in attaining or aspire to separate political status“ (Keyes 1982:13).
21
(Pandey und Geschiere 2003:13; Staub 1993:56; Jenkins 2008:166). 39 Die Variationsspannweite von Nationalität zeigt sich schon an einem einfachen Vergleich Frankreich/Deutschland. Sie reicht von offen bis ethnisch eingeschränkt (s. Weitz 2003:21). 40 Definitionen von Staatsbürgertum sind in vielen Ländern ein stark umkämpftes Feld (Tilly 2005:196ff.). Grenzen werden in der Regel mit Hilfe von nationalen und ethnischen Kategorien ausgehandelt und gezogen (Neubert und Reich 2004:92). Trotz unterschiedlicher Staatsdefinitionen ist eine Trennung von ziviler und ethnischer Nation, auch zu finden als Einteilung in „Demos“ und „Ethnos“, absurd, da, wie schon erwähnt, eine Nation ohne ein Konzept von Ethnizität kaum vorstellbar ist (Jenkins 2008:87,151; Banks 1996:44). 41
Eine besonders vage Definition der eigenen Nation ist weniger exklusiv und kann deshalb eine größere Basis zu Identifikation bieten und damit die Erfolgschancen auch erhöhen (Elwert 1989:26; Hobsbawm 2004:200). 42 Im Gegensatz zur Einfachheit einer Aussage über Bevölkerungsgröße und ähnliches lassen sich Qualität und Charakter der Nationalstaaten schwer messen (Smith 2007). Jeder Staat definiert sich in irgendeiner Weise als Nation, selbst wenn dies eigentlich hinsichtlich einiger Definitionen nicht der Wahrheit entspricht. Staaten beanspruchen, auch dann Nationen zu sein, wenn anfänglich keinerlei gemeinsame Kriterien vorliegen (Van den Berghe 1999:402; s. Hobsbawm 2004:204). 43 Bhaba (2000) kritisiert am Nationenkonzept gerade die mit der Nation assoziierte Homogenität (s. auch Friedman 1997:75ff.). Die Transition von der Kultur einer sozialen Gruppe zur Kultur einer Nation erfolgt jedoch gerade nach der Logik, alle Einheimischen einer Gesellschaft mit der Gruppe gleichzusetzen (Räthzel 1997:65). Die Nation baut ihre Solidarität schließlich auf die gefühlten Gemeinsamkeiten.
40 Der Begriff des Nationalismus tritt für Balibar immer in einer Kette mit anderen Begriffen auf, deren genauere Bedeutung niemand festlegen könne. Unter diese Begriffe fallen für ihn „staatsbürgerliche Gesinnung, Patriotismus, Populismus, Ethnismus; Ethnozentrismus; Fremdenfeindlichkeit, Chauvinismus, Imperialismus, Jingoismus...“ (Balibar 1990 [sic]). S. auch Rattansi (1993:36); Hobsbawm (2004:199).
43
„The modern state has everywhere been conceived as legitimated by the authority of a ‘people’ who constitute a
‘nation’“(Tanabe und Keyes 2002:11).
22
Denn nicht einmal der totalitärste Staat besitzt ein Monopol auf ethnische Identifikation (Brubaker 2004:43; s. auch Eriksen 2001:65). Die so genannten ethnischen Konflikte und separatistischen Bewegungen zeigen, dass nicht nur durch den Staat Identität mobilisiert werden kann (Eriksen 2001:66). Ohnehin besteht kein Nationalstaat aus nur einer Ethnie, weshalb es nur bedingt logisch ist, ethnischen Nationalismus zu schüren und von Nationalstaaten zu sprechen
(Van den Berghe 1999:403; s. auch Balibar 1990:63). Länder sind auch „multinational“, weil die Grenzen bereits
existierende Kulturen
mit einschlossen.
44
In gewisser Weise unterminieren Beispiele wie Indien und Indonesien das klassische Modell einer Nation, denn im eigentlichen Sinne beinhalten sie offensichtlich „nation[s] within nation“ (Smith 2007:8). Die Beispiele zeigen allerdings, dass neben
anderen
ethnischen Identitäten eine nationale
ethnische
Identität bestehen kann und die nationale keine Priorität beanspruchen muss (s. Hobsbawm 2004:22; s. Smith 2008:164).
Ein wichtiges Merkmal einer Nation ist für Gellner die Anonymität ihrer Angehörigen (Anderson 2006:6). „Imagined Communities“, in denen sich die Mitglieder nicht kennen, werden insbesondere durch gleichen Habitus geschaffen. Was bei Hegel die Morgenmessen und bei Anderson im Jahr 1983 noch das tägliche Zeitungslesen ist, wäre heute wahrscheinlich das abendliche Programm im Fernsehen (2006:33f.). Dies gilt allerdings auch für andere kollektive Identitäten. So wird beispielsweise eine kurdische Identität auch durch kurdisches Fernsehen aufrechterhalten und gestärkt. Anonymität und „imagining“ gelten genauso für Ethnie und Rasse. Neben diesen Faktoren sprechen viele andere dafür, nationale Identität als eine Ethnizität zu sehen. Zum einen sprechen historische Beispiele, in denen ethnische Identität zu einer nationalen wurde bzw. dies zumindest propagiert wurde oder nationale Identität als „ethnische“ gekennzeichnet wurde wie bei den Einwanderern aus Europa in die USA, dafür. Zum anderen sind fast alle Kennzeichen nationaler Identität auch Kennzeichen ethnischer Identität. Vor allem aber arbeitet der Staat stets an einer gemeinsamen nationalen Identität, insbesondere einem Gemeinschaftsglauben. Hinzu kommt das Problem der etymologischen Unschärfe von Rasse, Nation und Ethnie, die gewissermaßen die tatsächliche Unschärfe der Konzepte widerspiegelt (siehe z. B. Hobsbawm 2004:129).
44 Bsp. Native Americans s. Kymlicka (1995:13); s. auch Molt (1999:94).
23
Sollte man Nationen ohne Staat als Ethnien klassifizieren? Es scheint keinerlei Kriterien zu geben, die es möglich machten, diese von Ethnien zu unterscheiden (s. Hobsbawm 2004:15f.). Nur durch die Prämisse, dass die Nation die Gemeinschaft im Rahmen eines Staates, also Nation als Nationalstaat, darstellt, ergibt eine analytische Trennung überhaupt Sinn. Durch die Staatlichkeit verfügt die Nation über einige Marker, welche auf die anderen beiden Konzepte nur bedingt zutreffen müssen. Neben staatlichen Institutionen wie Schule oder Einwohnermeldeamt verfügt der Staat über offizielle Repräsentanten, ein Staatsgebiet und mindestens eine offizielle Sprache. Die letzten drei Kriterien sind zwar zwingende Konditionen für Staatlichkeit, gleiche Bedingungen können dennoch auch bei vielen anderen ethnischen Gemeinschaften vorgefunden werden. So können einige Gemeinschaften alle für Weber (1980) wichtigen Staatsfunktionen, Rechtssetzung und Schutz dieser Rechte, Schutz der persönlichen Sicherheit und öffentlichen Ordnung, organisierten Schutz gegen äußere Bedrohung sowie sozialpolitische und pädagogische Vermittlung, gewährleisten. Trotzdem aber genießt der Nationalstaat größere
internationale Anerkennung, wobei Nationalität unter anderem durch den Besitz eines Passes objektiviert wird (s. Jenkins 2008:15).
45
Zahlreiche Debatten in Deutschland, wie zum Beispiel die um die doppelte Staatsangehörigkeit oder Einbürgerung, zeigen dabei die Bedeutung, die der Nationalität und damit der nationalen Abgrenzung im modernen Nationalstaat zugesprochen wird.
3. Anreize einer Abgrenzung
Aus der Ablehnung von Rasse, Nation und Ethnie als natürliche Einheiten folgt zwangsläufig eine Beschäftigung mit ihrer Funktion. Dazu lassen sich zwei miteinander verknüpfte Fragen stellen: 1. Welche Funktionen erfüllen Gruppenkonzepte und aus welchem Grund schließen sich Menschen in diesen zusammen? 2. Welche Funktion hat ein vermitteltes Gefühl der Natürlichkeit? (s. Hartman und Cornell 2007:266; Scherschel 2006:11). Wichtig bei einer Betrachtung der Funktionen einer bestimmten Kategorie bzw. Gruppe sind auch die Fragen, wer die Rezipienten von Privilegierungen und Ungleichheiten sind und wer es sich leisten kann, an eine Gender- und farbenblinde offene Klassengesellschaft zu glauben (s. Andersen 2001:182).
3.1 Sinnstiftung
Gruppenleben ist vor allem Basiselement für das Überleben der Menschheit und das Individuum notwendigerweise veranlasst, Teil einer sozialen Einheit zu sein (Brewer 2001:28ff.). Die
45 Abhängig von legalen Regelungen kann es aber auch mehrere nationale Identitäten besitzen.
24
meisten Autoren erkennen soziale Kategorisierung als Basis für den kognitiven Prozess, der allen Intergruppenphänomenen unterliegt, an (s. Brewer 2001:19f.). Unterscheiden sei fundamental für die Aushandlung der sozialen und physischen Umwelt. Für das Individuum erfüllen Gruppen zunächst einmal die Funktion der Verortung in der „sozialen Welt“ und offerieren ein Identitätsangebot (Scherschel 2006:26; Hall 2008:23). Miles (1991) und Hall (1996, 2008) sehen die primäre Funktion des Rassismus darin, dass er den Menschen ein „Interpretationsangebot für
die Wahrnehmung der Wirklichkeit“ stellt (Scherschel 2006:51). Auch für Bourdieu (2006) ist Rassismus eine sinnstiftende Ressource, die es dem Individuum ermöglicht, „die Welt mittels soziale Unterschiede setzende generische Kategorien zu beschreiben“, wobei Klassifizierungen
die Basis für soziales Handeln darstellen (Scherschel 2006:61). Die wichtigste Funktion von Kultur ist es, die Vielfalt der Welt zu organisieren, indem man die Möglichkeiten reduziert und diese in einem Bedeutungsschema manifestiert, welches sich aufgrund seines alltäglichen und dadurch naturalisierten Gebrauchs nahezu jeder Falsifikation entzieht.
46
Durch eine Betonung von Disparität zwischen verschiedenen Kulturen werden kohärente Identitäten produziert und
Identifikationen abgesichert (Scherschel 2006:57; Koester 2006:32). Die Vermittlung von Kohärenz hat für die individuelle Identifikation eine tragende Rolle. Sie gehört zum Wesen von kollektiven Einheiten, die dem Individuum damit ein einheitliches Weltbild zur Verfügung stellen.
Nationalkulturelle
Selbstidentifikation zeigt den Erfolg, durch
Kultur
eine gesellschaftliche Identität trotz Differenz in Perspektiven zu erschaffen (Nassehi 2004:54).
47
Der Sinngebungsaspekt taucht bei einigen Autoren insbesondere als Notwendigkeit der Moderne auf. So wie Andersen betrachten viele die „desintegration of paradise“ der Menschen durch die Aufklärung als Ursache, ihre eigene Sterblichkeit durch Kontinuität, namentlich den Menschen als Teil der nationalen Geschichte/Nation, zu kompensieren (2006:11; s. Smith 2008:146ff.). Die Menschen hätten Einsamkeit und Verlorenheit, welche sie im Angesicht von Naturgewalten sahen, verdrängt, indem sie an eine größere Einheit glaubten, die die eigene Existenz übersteigt (Smith 2007:46). Zwar sind diese Argumente nicht komplett von der Hand zu weisen, jedoch ist schwer abschätzbar, inwieweit diese Begründung für die breite Bevölkerung plausibel ist, schließlich können auch Religion und vorhandene Mythen eine solche Funktion erfüllen. Neben dem hier dargestellten abstrakten Aspekt der Verortung lassen sich auch konkrete Vorteile herausstellen.
46 Rassismus als „habitualisierte Wahrnehmungsoption“ (Scherschel 2006:87).
47 Siehe z. B. Fans bei Spielen ihrer Nationalmannschaft.
25
3.2 Abgrenzung zur Durchsetzung von Interessen
Eine Position, die dem Primordialismus gegenübersteht, ist der Instrumentalismus, dessen Stärken dort liegen, wo die Schwächen des Primordialismus anzusiedeln sind. Der Instrumentalismus wird oft als Objektivismus bezeichnet, da er sich im Kern mit dem offensichtlichen Nutzen und dem Homo Oeconomicus auseinandersetzt und dabei Kognition sowie Gefühle der Akteure in den Hintergrund stellt. 48 Ein interessenorientierter Ansatz ordnet dem Rassismus vor allem die Funktion der Sicherung eigener Interessen zu (Morgenstern 2002:28ff.). Gruppen werden häufig auf die Möglichkeit der Interessenbündelung reduziert. Dabei verschmelzen Gruppe und Kategorie leicht, wenngleich man jedoch zwischen Interessengruppen und sozialen Kategorien unterscheiden sollte. Nach Brass könnten viele analytische Probleme aber umgangen werden, sähe man ethnische Gruppen hauptsächlich als Interessengruppen (2003:262,257; s. auch Rex 1990:146ff.). Durch eine Einteilung in Rassen (wahlweise Ethnien) können schließlich politische Interessen zu natürlichen Tatsachen verklärt
werden (s. Hund 1999:16).
Zwar bietet der Instrumentalismus keine Erklärung für alle Phänomene im Zusammenhang mit kollektiven Identitäten, doch muss er als wichtiger Teil des Versuchs einer holistischen Analyse miteinbezogen werden. Soziale Kategorisierung und klare Grenzziehung sind ein Mechanismus, der die Nutzung der Vorteile von Kooperation aufgrund von Zugehörigkeit möglich macht, gleichzeitig durch den Ausschluss anderer aber „exzessive“ Kosten zu vermeiden sucht (Brewer 2001:29). Die Bevorzugung als Teil der Gruppenfunktionen wird durch die Naturalisierung der Gruppenzugehörigkeit zu einer Selbstverständlichkeit, muss jedoch auf keinen Fall mit direktem Nutzen für das Individuum verbunden sein. Experimente an Kleingruppen zeigen sogar, dass bereits eine arbiträre Kategorisierung zur Differenzierung und sogar zur
Bevorteilung
der als gleich Klassifizierten suffizient ist (Scherschel 2006:26; Brubaker 2004:74; Brewer 2001:18; vgl. aber auch Sen 2006:46).
Bauman (1992) betont die Gestaltungsmöglichkeiten für den modernen Staat und bezeichnet Rassismus als Social Engineering, weshalb dieser nicht irrational sei, sondern rationales Instrument der Konsolidierung und Planung der gesellschaftlichen Ordnung. Rassismus bietet großes Potential für Ausbeutung und Nationbuilding (Scherschel 2006:46f.). Auch Gellner fasst den Nationalismus instrumental als Kampf um Ressourcen auf. „Culture, like prose, becomes
48 Die bekanntesten Instrumentalisten sind natürlich keine Ethnologen (Banks 1996:41).
26
visible, and a source of pride and pleasure to boot. The age of nationalism is born“ (Gellner 1988:16; s. auch Räthzel 1997:71; Todorov 1994:68). 49
Malik sieht Rasse als ein Phänomen, das gerade nicht für ein Bedürfnis insbesondere kreiert wurde (1996:70), denn der damit verbundene Rassismus hat viele Funktionen und kann am besten als eine flexible Ressource untersucht werden. Ich stimme Scherschel zu, wenn sie schreibt: „Der Gewinn des Ressourcenbegriffs liegt vor allem darin, dass er die produktive Funktion des Rassismus analytisch fasst und begrifflich zum Ausdruck bringt“ (2006:57). 50 Kollektives Identitätsbewusstsein als Ressource ist kontextbedingt und eine Unterscheidung in soziale, ökonomische und kulturelle Funktionen führt nur zu einer künstlichen Trennung, da alle drei Ebenen in das Bild des Anderen einfließen. 51 In der Praxis sind Interesse und Sinngebung unmittelbar verkoppelt.
3.3 Kohärenz und Asymmetrien
In einer hierarchischen Gesellschaft erfüllt Diskriminierung die Funktion der Solidaritätsstiftung, da Elemente positiver Selbstidentifikation hierfür nicht ausreichen (s. Hund 2007:123). Eine rassistische Differenzierung stabilisiert in diesem Zusammenhang Gesellschaften, trotz Binnenhierarchien (Hund 2007:42f.). Denn die Nationalisierung von Rassen bietet das Gerüst für die Integration von Unterschichten im Namen der gemeinsamen Nation. Sie erlaubt gemeinsame Identifikation und Solidarität und lenkt sie von innerer Ungleichheit ab. Trotz Ungleichheiten vermag es die Nation somit, sich sogar als eine Kameradschaft zu präsentieren, für die man bereit ist, sich zu opfern (Anderson 2006:7). Nationsrassismus bzw. Nationalismus dient dabei sowohl der ethnischen Homogenisierung als auch rassistischer Differenzierung (Hund 2007:16ff.). Polemisiert könnte man ihn als eine Art Ablenkung betrachten, denn er überwindet das aufgeladene Verhältnis der unteren Schichten, welche sich nicht alle Teile der Leitkultur leisten können (Hund 2007:42; s. auch Fenton 2003:143). Auch wird in der Nation mit Ungleichheit trotz nomineller Gleichheit umgegangen, indem die Benachteiligung zu einer Folge von Fremdheit oder Unfähigkeit erklärt wird (Pandey und Geschiere 2003:14). Ethnische Minderheiten leiden dadurch oft unter staatlicher Propaganda, die sie als unerwünschte Elemente darstellt, die aufgrund ihrer Einstellungen unter einem geringeren Lebensstandard leiden würden.
49 „Nations have been shaped by the exploitation and racism of a handful European colonial empires“ (Spencer 2006:xiv).
50 „Rassisten schaffen sich ihre Rassen selbst aus ihren eigenen Bedürfnissen“ (Kattmann 1999:71).
51 Sie fließen damit selbstverständlich auch ins Selbstbild ein.
27
Negative Verhaltensweisen und Wertedivergenz, welche in der eigenen Gesellschaft beobachtet wurden, wurden schon von den frühen Rassenkundlern auf Gruppen projiziert, denen sie noch nie begegnet waren (Spencer 2006:42). Diese wurden, als Verhaltensweisen der Anderen, sozial stigmatisiert und damit sozusagen „neutralisiert“ (Hund 1999:13; Handler 2002). 52 Die Exklusion Anderer hat auch für Foucault (2005) die Funktion, Normalität in der Gesellschaft herzustellen (Malik 1996:221). Eben unter diesem Aspekt kann die von Sax vorgefundene Situation in Garhwal, Indien, betrachtet werden. Den Bewohnern des Beckens wurden unter anderem der übermäßige Konsum von Alkohol und die Verehrung von Dämonen zugeschrieben und dies, obwohl niemand genaue Informationen besaß. Nach der Feststellung, dass diese in der Lebensweise weniger stark differierten, als die Fremdzuschreibungen glaubend machten, stellt Sax die Frage, ob der Fingerzeig von außen auf die Bewohner des Beckens nicht Ausdruck eines unterdrückten Selbst sei und die Garhwalis als Spiegel des schlechten Selbst missbraucht würden. Diese seien „others“, nicht weil sie ein „rough bunch“ gewesen seien, sondern aufgrund ihrer „unconventional“ erscheinenden Bräuche (Sax 2002:190ff.). Hund sieht derweil die Verbreitung von „dienlichen“ Stereotypen in erster Linie nicht als Konsequenz von Angst und Bedrohung, sondern als Folge der Fragilität der eigenen Gesellschaft (2007:125).
Rassismus ist in erster Linie eine Ideologie der Legitimation sozialer Ordnung, wobei eine Kategorisierung in verschiedene Wertigkeiten Ungleichbehandlung rechtfertigt (Scherschel
2006:38,70; Malik 1996:39). Ein Merkmal kolonialer Herrschaft war zum Beispiel die Stiftung von Zwietracht unter dem Motto „Teile und beherrsche“, um größere Rebellionen zu unterdrücken. Kolonialherrscher erfanden, propagierten und beuteten hierfür
tribale
Differenzen und Traditionen zur eigenen Herrschaftssicherung aus (Spencer 2006:67). Diffamierende Stereotype sollten zwischen verschiedenen Gruppen Wettbewerb schaffen und kollektiven Widerstand verhindern. Schon früh erkannten Plantagenbesitzer das Potential darin, die Arbeiter
rassisch
zu trennen (Spencer 2006:83ff.). Der Rassismus war zudem ein Konzept, welches Sklavenhaltung legitimierte, denn erst durch Depersonalisierung und Objektivierung
der Wilden
wurde diese Form extremer Ausbeutung möglich gemacht (Spencer 2006:68). Aufgrund ihrer
Andersartigkeit
musste diesen nicht die gleiche Behandlung zukommen. In den Kolonien rechtfertigte darüber hinaus
Verschiedenheit der Kulturen
die Ungleichheiten, sowohl zwischen den
Arbeitern,
als auch gegenüber den Kolonialherren in den Kolonien (Malik 1996:171). Traurigerweise erfüllt der Rassismus in ähnlichem Gebrauch noch heute die gleiche Funktion,
28
indem er Differenzen unter Arbeitskräften betont (Spencer 2006:86). Zu diesem Zweck zeichnet sich die Diffamierung von Menschen als „Barbaren“ durch besondere Flexibilität aus, da keine realen Merkmale notwendig sind, sondern lediglich die eigenen normativen Vorstellungen zur Hilfe genommen werden müssen (Hund 2007:43). Ähnlich verhält es sich mit vielen scheinbar objektiven Zuschreibungen kultureller Unterschiede, die sich bei näherem Betrachten eben als Herabsetzung oder bestenfalls Exotisierung des Anderen entpuppen. So muss auch der Mythos des Kannibalen unter einem funktionalen Aspekt betrachtet werden, denn zum einen gibt es keine Kannibalismuszeugen und zum anderen sind die meisten Geschichten erst nach der Dezimierung einer Ethnie populär geworden (Arens 2006:82ff.). Den Anderen als Kannibalen zu verurteilen, legitimierte vornehmlich die europäische Eroberung und beruhte weniger auf wahren Begebenheiten. Die dahinterstehende Logik versuchte durch den Vorwurf des unmenschlichen Verhaltens, Solidarität zu verhindern. Die Vorstellung vom Kannibalismus hatte außerdem die Funktion eines wichtigen Gegengewichts zum romantischen Bild des Edlen Wilden (Hund 2007:63; s. auch Hall 2008:165). 53
Die Frustrations-Aggressionsthese sieht im Rassismus eine Verschiebungsleistung, bei der Erfahrungen des Alltags nicht reflektiert, sondern umgewandelt werden (Scherschel 2006:19). Die Funktionen von Vorurteilen variieren in Relation zur sozialen Position. Neben der Rechtfertigung eines überlegenen Status durch eine privilegierte Gruppe haben sie die Funktion der Aufrechterhaltung der Gruppenkohäsion und sozialen Identität (Scherschel 2006:27). Wettbewerb zwischen den ökonomisch Schwachen erhöht dabei die Anfälligkeit. So ist ein armer Amerikaner vorurteilsbehafteter als sein mittelständischer Landsmann (Bouhdiba 1983:128; s. auch Mac an Ghaill 1999:141), was mit dem direkten Kampf um Ressourcen (Arbeitsstelle etc.) zu tun hat, aber auch im Sinne einer Sündenbocktheorie als Ventil des eigenen Leids gesehen werden kann. 54 Zwar sind ökonomische und soziale Krisen Faktoren, die den Rassismus begünstigen. So wurde die ökonomische Krise der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts den Juden zugeschrieben (Bouhdiba 1983:125; s. auch Andersen 2001:192). Ursächlich für Rassismus sind sie aber nicht. Dass man Ausländerfeindlichkeit nicht allein auf eine ökonomische Funktion zurückführen kann, zeigten die Schweizer, die nämlich bei einem Referendum gegen Industrialisierung stimmten, da dies zugleich mehr Ausländer bedeutete
dadurch auszeichnet, die Krankheit des Anderen an sich zu sein, denn in Frankreich nannte man sie italienische, in England französische, in Schottland englische Krankheit (etc.) (2007:67). Allerdings könnte dies genauso dem Ausbreitungsverlauf entsprechen.
29
(Connor 1977:37). Obwohl man annahm, dass die Industrialisierung eine Verbesserung des Lebensstandards mit sich bringen würde, lehnte man diese aus Angst vor Überfremdung ab. Ökonomische Einschränkungen zeigten sich also als akzeptabler, was der Vorstellung des Homo Oeconomicus widerspricht.
Rassismus hat neben einer gemeinschaftsbildenden Funktion auch noch die Eigenschaft, ein Erwähltheitsbewusstsein zu erzeugen (Hund 2007:45). Dieses Bewusstsein mag über die eigene Lage hinwegtäuschen. So hörte ich einen in einem Wohnwagen lebenden Amerikaner stolz verkünden, dass Amerika das reichste Land der Welt sei. 55 Sicherlich muss dabei beachtet werden, dass diese Aussage mir, einem Ausländer, gegenüber gemacht wurde, über dessen Herkunftsland die Person wahrscheinlich nichts wusste. Inwieweit es ein Akt der Abgrenzung war und inwiefern die Vorstellung eine Rolle spielte, dass Deutschland weniger entwickelt sein könnte, lässt sich objektiv nicht mehr nachvollziehen. Der aufgestellten Opposition muss aber in irgendeiner Weise eine Motivation zugrunde liegen. Anders als mit einem Gefühl der Überlegenheit kann man so eine Äußerung schwer erklären. Die Paradoxie einer solchen Haltung wird dem Akteur in der Regel nicht bewusst, wobei sich natürlich fragen ließe, ob dies aus einer Art Selbstschutz, um die eigene Lage in einem besseren Licht zu sehen, passiert. 56 Die Situation gleicht in gewisser Weise der Art, in der die Ausbeutung des Arbeiters im Zeitalter der Industrialisierung relativiert wurde. Eine Strategie bestand nämlich darin, einen Vergleich nicht innerhalb der Gesellschaft, sondern mit den „wilden Indianern“ zu suchen, um zu betonen, dass der Arbeiter reicher als ein Häuptling sei (Hund 1999:44). Durch die Degradierung des Anderen wurde die eigene Position aufgewertet. Ferner besteht ohnedies das Bedürfnis, spontane Bevorzugung des Eigenen zu legitimieren und die Degradierung des Anderen bietet hierfür eine Grundlage (Scherschel 2006:40ff.).
4. Wir und die Anderen
„In the hall of mirrors, Self and the Other cannot be neatly distinguished“ (Sax 2002:200).
Sieht man die Welt metaphorisch als ein solches Spiegelkabinett wird klar, dass Wir und die Anderen nicht getrennt betrachtet werden können, da sie in ständiger Interaktion stehen. Wir entsteht erst in Opposition zu den Anderen (siehe z. B. Winant 2004:64; Todorov 1994:264; s.
55 Persönliche Erinnerung an eine Situation während eines Highschoolaufenthalts in den USA.
56 Diese Vermutung passt in das Konzept der „Misrecognition“. Kurz gefasst bedeutet „Misrecognition“ im Kontext kollektiver Identität, dass diese wie ein falscher Spiegel, der ein abgrenzendes Bild des Anderen reflektiert, funktioniert. „Misrecognition“ stellt das Gegenteil von „Recognition“ dar (siehe z. B. Bourdieu 1977:168ff.).
30
auch Fay 2003:130), denn ohne diesen als eine Art Spiegel ist eine Selbstbetrachtung nicht möglich. Weil kollektive Identitäten auf einem dialektischen Verhältnis von „Wir und die Anderen“ beruhen, können diese also nie unabhängig voneinander sein.
57
In der wohl bekanntesten Betrachtung dieser Dichotomie weist Said (1994) darauf hin, dass das Bild des Orients vor allem auf einer Trennung in Orient und Okzident basiert. Das Abendland konstruierte nicht nur für die breite Bevölkerung, sondern auch in der westlichen Wissenschaft ein Bild
des Anderen.
Der Orient ist dabei schon immer integraler Bestandteil des europäischen Selbstverständnisses (Said 1994). Leider verfehlt es Said, das Interaktionsmoment passend zu gewichten, denn er sieht nicht, wie auch die
Orientalen
aktiv zu der Konstruktion eines Bildes beitragen (s. Sax 2002:187). Alle Seiten tragen zu verschiedenen Bildern bei. Indem Said lediglich eine Dichotomie aufzeigt, reifiziert er jedoch das wechselseitige Verhältnis, in dem sich Identität bewegt (Spencer 2006:125). Interne und externe Definitionen entstehen schließlich in einer Vielzahl von „Construction Sides“ (Jenkins 2008:59; Cornell und Hartman 2007).
Schon Barth (1998) legte seinen Fokus auf die Aufrechterhaltung der Gruppengrenzen bzw. Abgrenzung und sah die Interaktion als Basis für eine Gruppe. Folglich verstärkt sich ethnisches Zugehörigkeitsgefühl durch intensiveren Kontakt mit den Anderen. Es besteht hierbei eine Korrelation zwischen internem Zusammenhalt einer Gruppe und der Stärke des äußeren Drucks
(siehe z. B. Eriksen 2001:63; Hobsbawm 2004:110). Eine Ethnie, welche sich als überlegen betrachtet, sät gleichzeitig Gruppenbewusstsein bei als anders Kategorisierten (siehe z. B. Molt 1999:86). Ein Gefühl kultureller Einzigartigkeit ist besonders wichtig, denn je stärker der zugeschriebene Unterschied zu den Nichtmitgliedern, desto tiefer die Bindung innerhalb der eigenen Gruppe (Smith 2007:28).
Während die Zuschreibung von positiven Attributen zur eigenen Gruppe Teil der Abgrenzungsprozesse ist, sind letztere auch ursächlich für die Generierung von Vorurteilen (Scherschel 2006:16). Positive Selbstzuschreibung könne, so Scherschel, nur unter der Vorrausetzung der Herabwürdigung des Anderen stattfinden (2006:57). Vorurteile und Stereotype sind dabei nicht nur Produkt intergruppaler Vergleiche, sondern auch deren Basis (Scherschel 2006:26). Durch die Notwendigkeit der kognitiven Simplifikation und sozialen Struktur iniziiert, entstehen Stereotype (Brewer 2001:20). Man neigt außerdem generell mit der Betonung auf die Differenz des Eigenen gegenüber dem Anderem dazu, die Anderen zu
57 Eine interessante Auseinandersetzung findet sich unter der Überschrift „Do We Need Others To Be Ourselves?“ bei Fay (2003:30-49).
31
vereinheitlichen und Stereotype zu erschaffen, denn die Anderen scheinen sich in der Regel
durch größere Homogenität auszuzeichnen (Cornell und Hartman 2007:218). Sich selbst positiv und den Anderen negativ zu klassifizieren, entspricht vor allem einem dem Menschen inhärenten natürlichen Narzissmus (Rohrmann 2007:83). Da der eigenen Gruppe die positiven Eigenschaften zugesprochen werden, steht auch der Wert der Gruppenmitglieder über dem
der Anderen.
Als ein Inbegriff des daraus resultierenden Rassismus und Bewertung von Menschen kann das so genannte „Mc Lurgs Law“, welches den Nachrichtenwert für Großbritannien systematisch gliedert, betrachtet werden: „Mc Lurgs Law[…]: 1 dead Briton is worth 5 dead Frenchmen, 20 dead Egyptians, 500 dead Indians and 1,000 dead Chinese“ (Spencer 2006:6).
Dass Ethnizität dabei eher ein Konstrukt als ein Attribut der Anderen und damit vielmehr ein
Phänomen ist, das
andere
bezeichnet und nicht
uns
selbst, zeigt sich leicht (s. Jenkins 2008:15). Welcher Europäer käme schon auf die Idee, sich selbst als Okzidentalen zu bezeichnen? Auch wenn man davon absieht, dass dieser Begriff als Gegenstück zum Orientalen sich durch genauso große Schwammigkeit auszeichnet.
58
In Opposition zum Morgenland ist er zwar Abendländer, normalerweise definiert er sich jedoch (gegen-)über andere(n) Identitäten. Diese Relativität von Gruppenidentität sollte spätestens seit Evans Pritchards Ausführungen über segmentäre Identität allgemein anerkannt sein (1978; Sax 2002:8). Für Hall (2008) wirkt sich die Relationalität von Identitäten darin aus, dass man englisch ist, weil man nicht Franzose oder Südländer ist. Wenn man die ganze Welt gesehen habe, dann wisse man, was man nicht sei, denn „identity is always, in that sense, a structured representation which only achieves its positive through the narrow eye of the negative“(Spencer 2006:45; Hall 2008:45ff.; s. auch Todorov 1994:271). Gruppenidentität ist dadurch bestimmt, sich in irgendetwas ähnlich zu sein, etwas kollektiv zu teilen, allein die Kennzeichnung des „gemeinsam etwas nicht Seins“ ist ausreichend und dieser Differenz wird dann Bedeutung zugesprochen (Scherschel 2006:61; s. auch Woodward 1997:47).
Ethnische Identitäten sind also „matters of contrast“ und alles, was diese verstärkt, darunter Verhaltensweisen, sowie kulturelle und physische Merkmale, kann für die Grenzziehung nutzbar gemacht werden (Cornell und Hartman 2007:212). Differenz ist dabei nicht mehr oder weniger
erzeugt als Ähnlichkeit. Hund weist darauf hin, dass weniger das Zustandekommen einer kollektiven Identität aufgrund von Gemeinsamkeiten besondere Aufmerksamkeit verdient, als die Frage, wie kollektive Identität trotz erheblicher Differenzen geschaffen wird (2007:42; Sen 2006:41). Erst die Distinktion sorgt nämlich für eine Auswahl an offensichtlich und konstant
58 Allein die Festlegung einer geographischen Grenze ist problematisch und zeigt das dynamische Zusammenspiel.
32
wahrgenommenen Kriterien, nicht umgekehrt (s. Jenkins 1996:127; Kattmann 1999:70). Identität entsteht zwar immer erst im Auge des Betrachters, jedoch ist dessen Wahrnehmung durch einen dialektischen Diskurs geprägt, in dem nicht zwischen externen und internen Definitionen unterschieden werden darf (Fenton 1999:18). Sie entsteht erst in Diskursen, in denen die Bedeutung einer bestimmten Zugehörigkeit permanent ausgehandelt wird. Ethnizität basiert zwar auf einem gemeinsamen Verständnis einer Kultur, wird aber erst in Interaktion produziert und reproduziert (Jenkins 2008:42; Brewer 2001:24; s. auch Nassehi 2004:53). 59 Identität wird dementsprechend nicht nur dann wichtig, wenn Menschen nach ihrem Sinn in der Welt suchen,
sondern auch bei der
Markierung
der Unterschiede der Gruppen (Cornell und Hartman 2007:236; s. auch Baumann 1996:19).
4.1 Identitätsmarker
„To detect the basis of each of the racisms, we must determine how men can be classified in relatively homogenous groups that are distinct from one another and how these groups can be graded on a value scale. In other words, how to define the ‘race’ and then how to establish their hierarchy“ (Jacquard 1983:15).
Identitätsmarker entscheiden, was als authentischer Teil der Gruppenidentität wahrgenommen wird und damit Basis für Klassifikation und Abgrenzung bildet. Gruppen unterscheiden sich unterdessen wesentlich im Umfang der Gemeinsamkeiten. Während die eine Gruppe eine Fülle von alltäglichen Ritualen verbindet, mag Anspruch auf die Identität das einzige sein, was die andere Gruppe teilt (Cornell und Hartman 2007:20). „[E]thnic identity is socially sanctioned notion of cultural difference, not “real“ ones“ (Eriksen 2001:43 [sic]; s. auch Barth 1998). Barth schloss objektive Kriterien deshalb aus seiner Definition ethnischer Gruppen aus, weil diese auch Resultat des Bewusstseins sein können, also erst aus dem Glauben heraus entstehen (s. Pasch 1999:35).
Gruppen sind schließlich im Kern dadurch geprägt, dass sie homogenisieren. „Die Vielfalt der Menschen wird der Einheit der Typen geopfert: Jede Rassenklassifikation simplifiziert die Vielfalt in unzulässiger Weise, indem sie die Betrachtung auf eine mehr oder weniger große Anzahl von Gruppen reduziert und dabei (kleine) Gruppenunterschiede höher bewertet als (größere) zwischen den Individuen ein und derselben Gruppe“ (Kattmann 1999:69). Jede Kultur besitzt ihre eigenen Gruppeneinteilungskriterien, wobei die Wahl der Identitätsmarker
59 „[P]roperty of between not of group itself“ (Eriksen 2001:46).
33
maßgeblich an einem Bild von den Anderen hängt (siehe z. B. Kattmann 1999:70f.). 60 Anfänglich ist hierfür irrelevant, ob Marker wie gemeinsame Abstammung, Sprache und Religion auf alle zutreffen. Die Existenz dieser als gemeinsame Marker ist jedenfalls nicht
suffizient für eine Gruppierung von Interessen (Hanf 1999:386). Sprache, Religion und Geschichte größerer Kollektivitäten sind in den seltensten Fällen deckungsgleich und kulturelle sowie soziale Gemeinsamkeiten weniger relevant als zu vermuten wäre (s. Rösel 1999:57). Insbesondere gilt dies für Nationen. Die indische Identität mit ihrer Vielfalt an Religionen, regionalen Hintergründen und Sprachen zeigt beispielsweise wenig gemeinsame kulturelle Marker, die für
die Allgemeinheit
als für Ethnizität wichtig gelten (Spencer 2006:49). Generell zu beobachten sei laut Hund, dass Gemeinschaften, die die Wahl zwischen der Bildung einer Gruppe aufgrund von Sprache oder Religion hätten, Religion als Identitätsmarker präferierten (1999:392). Fraglich bleibt für mich jedoch, ob eine derartige Entscheidung in der Realität überhaupt vorkommt bzw. ob Bindungen an Religion in der Regel schwieriger zu überwinden sind, als sprachliche. Dies führt wiederum zu der Frage nach dem „Grad der Erfundenheit“ und inwieweit Intentionen bzw. Interessen bei der Identitätsbildung von Bedeutung sind und eine rationale Wahl der Marker stattfindet.
Zur Einteilung der Menschen im alltäglichen Leben werden überwiegend einfache Anhaltspunkte wie Sprache, zugeschrieben Heimatland und Kleidung, aber auch andere unterbewusste Merkmale verwendet, wobei bestimmtes Benehmen bewusstseinsunabhängig als typisch klassifiziert werden kann (Jenkins 2008:66). So werden „seemingly trivial information to create ingroups and outgroups“ benutzt (Staub 1993:58). Welches Kennzeichen am Ende gewählt wird, lässt sich nicht vorhersagen (Heinz 1993:128). 61 Die Verwendung mehrerer Marker verringert allerdings das Risiko, dass jemand aufgrund eines einzigen fehlenden Merkmals nicht zur Gruppe gehört und ist deshalb üblich (Downing und Husband 2006:17). Die Produktion von Kategorien schöpft verschiedene Quellen für die Markierung der Identität aus. Natürliche Elemente spielen dabei interessanterweise eine kleine Rolle im Gegensatz zu kulturellen, welche große Bedeutung bekommen (Hund1999:9). Hund sieht dennoch in allen Phasen des Rassismus den Versuch, natürliche Elemente wie Blut, Farbe und Gene zur Umhüllung eines „herrschaftlich geprägten kulturellen Kerns zu benutzen“ (Hund 2007:15). Identitätsmarker können hierfür „selbst gegen den Augenschein“ Bestand haben. So wurde Juden
60 „It sometimes requires a violent effort of abstraction to classify them [groups] on the basis of common characteristics“ (Jacquard 1983:20).
61 Es gilt: „Indikator kann alles sein, was sich zur Behauptung von Differenz eignet - Behandlung von Frauen, das Essen, die Ausübung der Religion, die Arbeitsethik und anderes mehr“ (Hund 2007:39).
34
im Deutschen Reich zwar besondere Hässlichkeit und leichte Erkennbarkeit nachgesagt, behaften musste man sie jedoch trotzdem der Identifizierung wegen mit einem Stern (Hund 2007:7).
Äußere Merkmale werden sofort wahrgenommen und spielen deshalb eine besondere Rolle bei der Identifikation. Angesichts ihres objektiven Scheins und der Unabänderlichkeit körperlicher Merkmale, von medizinischen Eingriffen abgesehen, können sie ein extremes Stigma darstellen. Zwar sind die Möglichkeiten zur Einteilung in Rassen nahezu unbegrenzt, trotzdem basiert die beliebteste Einteilung im westlichen Diskurs auf der Trias „Schwarz, Gelb, Weiß“ (Todorov 1994:95; s. auch Jacquard 1983:27). Der Prozess, in dem entschieden wird, welches physiognomische Merkmal entscheidender und „offensichtlicher“ Marker wird, ist komplex und nicht kalkulierbar (Cornell und Hartman 2007:33; Darder und Torres 2004:40f.). Jedoch scheint Farbe das wichtigste Menetekel der Unfähigkeit von Zivilisation zu sein. Sie ist Sinnbild für den Versuch, eine Verbindung von vermeintlichen kulturellen Defiziten und mit visuellen Faktoren zu ziehen (Hund 1999:19,86; s. auch Du Bois „Color Line“ in Winant 2004).
Viele Menschen glauben, sie könnten Differenzen zwischen Juden, Engländern oder Italienern visuell ausmachen und das obwohl Menschen innerhalb einer Familie stark in ihrer Erscheinungsform variieren können (Malik 1996:2; Jacquard 1983:32; Gökalp 1976:15f.; s. auch Hall 2008:19). 62 Schließlich kommt verschiedene Hautpigmentierung, Haarfarbe, Augenfarbe usw. schon bei Geschwistern vor. Die Molekularbiologie zeigt dabei klar, dass es sich lediglich um statistische Verteilungen handelt und die „geographische Varianz“ zehn Prozent ausmacht, während Unterschiede innerhalb der Gruppe 90 Prozent der genetischen Vielfalt umfassen (Kattmann 1999:66; s. auch Cornell und Hartman 2007:23).
Weiter ist die Antwort auf die Frage, wann man als Schwarzer, Asiat oder ähnliches wahrgenommen wird und die Akzeptanz in einer Gruppe, stärker vom persönlichen Status und Lebensstil als von dem tatsächlichen Äußeren abhängig. (Hund 2007:101; s. auch Spencer 2006:43). Die Ablehnung des Rassenkonzepts ist zwar weit verbreitet, jedoch genießt eine untergeordnete Kategorie nahezu vollkommene Legitimität. So sind es in der Regel die Menschen, die sich gerade mit der Rassenproblematik auseinandersetzen, die durch die
62 Ein Problem, wenn man versuchte, die unbestreitbare physiognomische Vielfalt der Menschen zu skizzieren, wäre auch Gewichtung verschiedener Parameter (etwa Größe, Farbe, Kopfform etc.) (Jacquard 1983:21; s. auch Wade1993:22; Kattmann 1999:65). Hund betont, dass die farbenorientierte Einteilung Produkt eines komplexen Vorgangs sei. Dieser war bei den Indianern, die man zunächst gar nicht als rot beschrieben hatte, sogar so erfolgreich, dass am Ende des Prozesses eine Selbstidentifikation als rot stand. Der eigentliche Ursprung dieser Wahrnehmung lag wahrscheinlich in der Vorliebe für kupferrote Bemalungen (1999:17ff.).
35
Verwendung der Kategorie des Phänotyps anstelle der geforderten Dekonstruktion an der Konservation rassischer Kriterien mitwirken. Dass der Phänotyp eine ähnliche soziale Konstruktion und damit auch eine kulturelle Brille wie das Rassenkonzept selbst ist, fällt bei der vermeintlichen Offensichtlichkeit nämlich nicht auf. Der Gefahr der Naturalisierung ist auch der Phänotyp, der ebenfalls ein Produkt einer Natur/Kultur-Dichotomie ist, ausgesetzt und je weniger man den Phänotyp als konstruiert betrachtet, desto mehr reproduziert er lediglich die Kategorie „Rasse“. Insbesondere der Gebrauch von Phänotypen in den Sozialwissenschaften sorgt für eine Naturalisierung rassischer Kategorien, denn dieser folgt der selben Logik (Wade 1993:17ff.; Rex 1990:141). Obwohl sich gelbe Chinesen nur in Rassenklassifikationen finden lassen, wundert sich niemand, dass er in der Realität keinem solchen begegnet (Kattmann 1999:74). Eine Person als „weiß“ oder „schwarz“ zu klassifizieren, strahlt in gewisser Weise Unschuldigkeit aus, muss aber auch unter Vorbehalt gegenüber der Kriterienwahl gesehen werden, denn der Phänotyp als Kategorie ist in keinem Fall so unproblematisch, wie er impliziert (Wade 1993). Farbunterschiede sind genauso keine „kontextfreie“ Wahrnehmung wie Geruch, sondern Ausdruck sozialer Konstruktion und nicht Produkt der Natur selbst, werden aber als solche präsentiert (Wade 1993:22; Hund 2007:104).
Neben dem Phänotyp zählt die Sprache gemeinhin als objektives Kriterium der Unterscheidung. Klassifikationen und Taxonomien sind ein grundliegender Bestandteil von Sprache und umgekehrt. Zunächst findet immer eine Klassifizierung bzw. Benennung und danach eine Identifikation statt (Jacquard 1983:20). Sprache als wesentlicher Bestandteil der menschlichen Erfahrungswelt determiniert mit besonderer Intensität das Verhalten ihrer Benutzer. 63 Sprache konstituiert in vielen Fällen eines der wichtigsten Merkmale von Gruppenidentität und ist ein besonders mächtiges Abgrenzungswerkzeug (unter anderem Fenton 1999:9; Alex 2006:18; Hobsbawm 2004:65; Heinz 1993:105). 64 So hört man den meisten Nichtmuttersprachlern ihr Leben lang ihre Fremdheit an. Im Falle einer sprachgebundenen Identität besitzt dieser deshalb sein Leben lang das Stigma, nicht als vollwertiges Mitglied anerkannt zu werden (s. Todorov 1994:252). Diese Problematik, lässt sich anhand des Beispiels der türkischen Migranten in Deutschland leicht erkennen. Sowohl die deutsche als auch die türkische kollektive Identität sind an das Sprachvermögen gekoppelt. Um zu den Mitgliedern einer dieser Identitäten zu zählen, muss die entsprechende Sprache beherrscht werden, was ein besonderes Problem für
63 S. Sapir-Whorf-Hypothese.
64 Fanon beschreibt schon 1967, dass ein Schwarzer mitunter je nach Sprachniveau als Weißer empfunden wurde (Spencer 2006:21).
36
Migrantenkinder darstellen und sogar zu einem Gefühl der Identitätslosigkeit führen kann. Als Folge des unvollständig angeeigneten Identitätsmarkers Sprache finden sich die Betroffenen nämlich als Ausgeschlossene beider Klassifikationsschemata wieder. 65 Die sprachbedingte Exklusion wird dabei noch verstärkt, da beide Länder multiplen Nationalitäten gegenüber, insbesondere als konkurriende Loyalitäten aufgefasst, wenig aufgeschlossen sind. 66
Kollektive Identitäten, die sich über eine gemeinsame Sprache definieren, neigen außerdem dazu, konkurriende Sprachen innerhalb ihres Einflussgebiets zu verbieten (siehe z. B. Gökalp 1976). Dies ist allerdings meist für die Eingliederung der anders Sprechenden ins Kollektiv kontraproduktiv, da ein Sprachverbot eher das Gemeinschaftsbewusstsein der jeweiligen Sprecher stärkt und zu Konflikten führt und demgegenüber tolerante Sprachregelungen äußerst integrativ wirken können. 67 Nicht vergessen werden darf, dass nationale Hochsprachen erst Produkt von Nationalismus und modernen Technologien sind, die Nation aber trotzdem durch ihre ideologische Fixierung dauerhafter erscheint (Hobsbawm 2004:70f.,134). Trotz dem Gewicht von Sprache und ihrer symbolischen Kraft 68 als Identitätsmarker bleibt sie in einigen Fällen irrelevant für den Gemeinschaftsglauben. So gibt es mehr Ethnien ohne gemeinsame Sprache als man vermuten würde (Smith 2007:27; Elwert 1989:23; vgl. Sigrist 1995:48).
4.2 Repräsentation der Gemeinschaft
Symbole sind für kollektive Identitäten unverzichtbar. Identitätsmarker operieren immer auch symbolisch, indem sie für die jeweilige Gemeinschaft stehen. Viele Symbole und Traditionen, die als sehr alt empfunden werden, sind neueren Ursprungs und erfundene Traditionen, erst durch Wiederholung implementiert (s. Hobsbawm und Ranger 2007). Kollektive Identitäten werden durch Traditionen nicht nur reproduziert, sondern auch zunehmend homogenisiert und naturalisiert. Traditionen enthalten dabei eine Vielzahl von Ritualen, Normen und Werten, die auf diese Weise internalisiert, aber auch verändert werden können (s. Scherschel 2006:84).
65 Beispiele s. 6.4 Diaspora.
66 Symbolisch für diese dichotomisierende Identitätsauffassung ist die Aufforderung des türkischen Nationalismus, das Land, „Ya sev, ya terk“, zu lieben oder zu verlassen. Bzgl. der türkischen Nationalitätsauffassung s. Gökalp (1976).
67 Ein gutes Beispiel für beide Ansätze zeigt ein Vergleich Tamil Nadu/Sri Lanka. Während eine offene Sprachpolitik in Tamil Nadu konfliktmindert wirkte, förderte eine gegenteilige Politik in Sri Lanka weiteren Konflikt.
68 Ein schönes Beispiel für die Analogie Sprache/Gemeinschaft ist das Wort „Wantok“ in Tok Pisin, denn während seine etymologische Bedeutung „eine Sprache“ ist, bedeutet es im Alltag „Freund“. Ähnliches gilt umgekehrt für das griechische Konzept des Barbaren. Denn dieser war im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet, die griechische Sprache nicht sprechen zu können (s. Papastagiasdis 1997:270).
37
Nationen insbesondere versuchen durch den Einsatz von Symbolik eine „aura of primordiality“ zu erschaffen (Hanf 1999:387). Staatsnation und Gesellschaft werden mit Hilfe von Symbolen und Traditionen zu einer imaginierten Einheit, weshalb der moderne Staat, wenn nötig, selbstbewusst zahlreiche Traditionen kreiert. 69 Der rituellen Aufnahme von jungen Menschen in eine Gemeinschaft muss besondere Bedeutung zugesprochen werden, wobei der erste Wahlgang manchmal auch als moderner Initiationsritus beschrieben wird, da er den Menschen das Gefühl geben kann, Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der sie etwas zählen. 70
Feiertage wie „Der Tag der Deutschen Einheit“ gehören dabei zu den offensichtlichsten Erfindungen (Hobsbawm 2007b:264f.; Tanabe und Keyes 2002:11) Durch ritualisierte Veranstaltungen wie die „Tour de France“ kann die Einheit des Landes symbolisch besiegelt werden. Symbolisch nutzbar gemachte Veranstaltungen schweißen Regionen, aber auch Mittelklasse und Unterschichten zusammen (Hobsbawm 2007b:302f.). Dabei gilt Leachs Feststellung, dass die kulturelle Repräsentation der sozialen Struktur ungenau ist (1978:238). 71 Ohne diese Unschärfe ließen sich heterogene Elemente nämlich nicht unter ein „gemeinsames Dach“ der ethnischen Gruppe bringen. Rituale schaffen schließlich erst Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart und produzieren eine stringente Identität (s. Cornell und Hartman 2007:242; Brosius und Polit in Begutachtung). Brass sieht die Wahl des Symbolik mehr an die Interessen der Eliten gebunden als auf irgendeiner Art emotionaler Bindung beruhend, was klar aus seiner neomarxistischen Position heraus entspringt (2003:30). Die erfolgreichsten Traditionen seien, laut Hobsbawm, bekanntlich die, die bestimmte Bedürfnisse erfüllten (2007b:307).
Das schottische Beispiel bietet einen Fundus zahlreicher Erfindungen und Konstruktionen, die heute als Teil der Identität angesehen werden. 72 Weder ist der Dudelsack ein uraltes Instrument, noch bildeten die Highlander vor dem 17. Jahrhundert eine distinkte Gruppe. Vielmehr kann man Schottland zunächst als „racially and culturally colony of Ireland“ betrachten (Trevor-Roper 2007:15). Erst der Autor Mcpherson präsentierte im 18. Jahrhundert eine lange Highlandtradition, indem er die irischsprechenden Kelten 400 Jahre vor ihrer tatsächlichen Ankunft platzierte. In seiner Kreation haben die Schotten bereits eine Hochkultur und Literatur
„Institutionalisierungsriten“ zu beschreiben wären (2005:65). Ich stimme ihm darin zu, ordne aber generell Initiationsriten als „Institutionalisierungsriten“ ein.
71 Symbolische Ethnizität kann hierbei auch weit von einer distinkten Kultur entfernt sein (Fenton 2003:110).
72 S. dazu „cultural objectifications“ in Handler (in Begutachtung).
38
besessen, „als Engländer und Iren noch Barbaren waren“ (Trevor-Roper 2007:16ff.). Neben Dudelsack muss auch der Kilt als neuere Erfindung angesehen werden. Die Differenzierung nach verschiedenen Klanen wurde erst spät übernommen, und zwar inspiriert von dem Militär, das verschiedene Ränge durch unterschiedliche Muster kennzeichnete. Zudem kam die Idee letztendlich von einem Fabrikanten, der aus ökonomischem Interesse eine Illusion reproduzierte (Trevor-Roper 2007:18-31).
Um eine kollektive Identität aufgrund von Rasse, Nation oder Ethnie beanspruchen zu können, muss man auch eine eigene Geschichte aufweisen können (Cornell und Hartman 2007:208; s. auch Lowenthal 1998:119, Handler in Begutachtung). Um kollektive Einheiten zu analysieren, bedarf es einer Dekonstruktion der Geschichte, bei der Geschichte und Vergangenheit zu trennen sind. 73 Lowenthal spricht deshalb von Heritage, also Kulturerbe, das man von der Geschichte abgrenzen muss. Während „Geschichte“ den Historikern gehört, ist „Heritage“ Besitz der Menschen. Diese Erbschaft basiert auf Glauben und nicht auf Rationalität, obwohl es immer den Anschein erzeugt. Selbstverständlich sind die Möglichkeiten je nach kollektiver Identität unterschiedlich ausgeprägt. Während einige dieser Identitäten unter fremden Geschichten leiden, genießen andere relative Freiheit in Bezug auf ihre Selbstrepräsentationen, deren Potenzial dann weit über die bloße Erzählung hinausgeht (Cornell und Hartman 2007:265). Ohne Heritage gäbe es keinen Patriotismus und keine Opferbereitschaft (Lowenthal 1998). Der Erfolg von Heritage, insbesondere der Glaube an ihn, beruht nicht auf seiner Authentizität, sondern auf Vermittlung und einem integrativen Moment (Smith 2007:25; s. Tanabe und Keyes 2002:21). Als natürlicher Teil einer gemeinsamen Identität von Kritik ausgenommen, wird Heritage erhalten und zelebriert (Lowenthal 1998:110-118). Elwert schreibt diesbezüglich, dass sich gute „politische Ingenieurskunst […] hinter der gezimmerten Geschichte“ verbirgt (1989:9). Ohnehin beweisen Studien, dass das menschliche Erinnerungsvermögen nicht reproduziert, sondern eine Erinnerung im Einklang mit dem eigenen Verständnis der Welt, kulturellem und sozialem Hintergrund unter Verwendung bekannter Bilder und Symbole konstruiert (s. Tanabe und Keyes 2002:2ff.). 74 Ereignisse der Vergangenheit werden immer wieder neu erschaffen und ausgehandelt sowie den Gegebenheiten angepasst. Renan betrachtet auch deshalb kollektive Amnesie als genauso wichtig wie geteilte Erinnerungen (Gellner 1988:6). Auch der Glaube an ein gemeinsames Territorium „may be just a potent memory“ und muss nicht auf geschichtlichen Fakten beruhen
73 S. History-vs.-Past-Debatte.
74 S. Konzept der Homöostatischen Amnesie.
39
(Smith 2007:28). Der Boden ist nicht wichtig, weil man ihn besessen hat, sondern weil man eine Verbindung fühlt. Die Assoziation mit diesem kann darum wichtiger Teil der Identität werden.
Auch Krieg ist ein prägender Faktor der Differenzierung, jedoch ist das Potential von Erzählungen über den Krieg wahrscheinlich größer. Er schafft keine Stratifikation, kann aber aus einer Kategorie eine Gruppe mit Bewusstsein schaffen (Smith 2007:38f.). Flüchtlinge erzählen oft sogar eine kollektive Geschichte, wenn man sie nach ihrer persönlichen Identität fragt. (Cornell und Hartman 2007:238). Die persönliche Geschichte wird in der Erzählung in den Rahmen einer größeren Geschichte untergeordnet und erhält dadurch zusätzliche Bedeutung. Die Tendenz die kollektive Geschichte als Teil der persönlichen Identität zu beschreiben zeigt dabei ein besonderes Gemeinschaftsbewusstsein. Falls alle Beteiligten der Migrationsgeschichte bereits tot sind, substituiert in der Regel die kollektive Erinnerung die kollektive Erfahrung
(Cornell und Hartman 2007:222). Kollektive Erinnerung/Heritage und Traditionen können als
soziale Tatsache
gesehen werden (s. Tanabe und Keyes 2002:3f.; s. auch Jenkins 1996:121).
Aus der Konsequenz, symbolische Systeme als soziale Produkte zu sehen, folgt die Anerkennung der möglichen Veränderung der Welt durch eine Änderung der Repräsentation (Wacquant 2006:33). Aus der Veränderung der Welt muss eine Neuverortung der kollektiven Identität zwangsläufig folgen. Wie weit an Repräsentationen mitgewirkt werden kann, wird aber andersrum ebenfalls durch sie konditioniert. Die Reproduktion von Macht oder auch „Vererbung“ sorgt dabei für die Stabilität einer Repräsentation.
5. Macht
„Doch bis heute entscheidet die Zugehörigkeit zu einer Abstammungsgemeinschaft viel eher über die Lebenschancen eines Individuums als dessen persönliche Fähigkeiten und Leistungen“ (Morgenstern 2002:11). Ethnizität ist ein entscheidender Faktor für den Zugang zu Macht und anderem sozialem Kapital (Fenton 2003:134; s. Dittrich und Lentz 1995:37; Grossberg 1996:100; Jenkins 1996:164). 75 Kollektive Identität, gekennzeichnet durch Exklusion und Markierung von Differenzen, kann wiederum nur innerhalb von Repräsentationen gesehen werden, denn sie entsteht unter anderem im Spiel um Machtmodalitäten (s. Hall 1996; Thompson und Tambyah 1999:215; s. auch Grossberg 1996:94).
75 Zum Konzept des sozialen Kapitals s. Bourdieu (2005:63-75).
40
Andersen sieht in den Kulturwissenschaften die Tendenz, Rasse primär mit Kultur zu assoziieren, die damit einhergehende Trennung von Macht hält sie für problematisch (2001:195). Eine solche Behauptung ist jedoch schlichtweg falsch, da ein Fokus auf Kultur nicht ohne die Analyse der Machtverhältnisse stattfinden kann. Ohnehin sind Theorien, Diskurse und Institutionen nie objektiv ohne die Berücksichtigung von Machtverhältnissen betrachtbar, da nirgendwo ein Machtvakuum existiert (Foucault 2005; Lemke 2008:35; s. auch Latour 2003:40).
Je nach Einfluss verändern sich die Auswirkungen verschiedener Repräsentationen in der
Vermittlung von Bedeutung. Es gilt, dass man Ethnizität nicht außerhalb einer Analyse von Macht betrachten kann, da sie fundamental politisch ist (Spencer 2006:99; Jenkins 2008:54; Hall
2008:13; s. auch Mac an Ghaill 1999:24). Ethnizität und Politik sind immer auch zu einem gewissen Grad mit interessenorientierten Grenzziehungen und Gruppenbildung verknüpft.
„Vom Standpunkt der Ideologie betrachtet, sind diese Grenzziehungen nicht zufällig. Es geht dabei um Absicherung von Macht, um die Macht derjenigen, die ein Interesse an der Reproduktion der Herrschaftsbeziehung haben, oder um den Machtgewinn derer, die einen Machtwechsel anstreben“ (Räthzel 1997:115).
Ansprüche, die in irgendeiner Weise auf kollektive Identitäten gegründet werden, machen offensichtlich einen Großteil der Politik aus (s. Tilly 2005:210). Die politischen Unternehmungen im Namen von Ethnizität können dabei nicht der Reifikation beschuldigt werden, da Grenzziehung und Homogenisierung ihre Hauptinstrumente zur Machtherstellung und -sicherung darstellen (Brubaker 2004:10). Politik versucht, kollektive Identität flexibel für sich zu mobilisieren, reduziert diese auf brauchbare Elemente und ist damit Produzent von Stereotypen.
Ein wichtiger Aspekt der Diskurstheorie Foucaults (2005) ist diesbezüglich allerdings, dass von diskursiver Macht theoretisch nie im Singular, im Sinne eines einzigen Ursprungs bzw. als Monopol, gesprochen werden kann. Auch weil es sich eher um ein „Machtspiel“, eine Interaktion handelt, in der Macht produziert und reproduziert wird, ist es präziser, von Machtverhältnissen zu sprechen. Machtverhältnisse sind dynamisch und verantwortlich für die Identifikation verschiedener Gruppen als Bedrohung, insbesondere durch Devianz und individuelle Subjektivität (Gefahr der Zersetzung).
Der Mensch kann sich nicht außerhalb von Klassifikationsschemata, 76 welche auf unterschiedliche Weise durch verschiedene Diskurse miteinander verbunden sind, bewegen
76 Foucaults (2005) Konzept des Wahrheitsregimes ist für mich Äquivalent.
41
(Grossberg 1996:99; Scherschel 2006:49), denn Diskurse sind schließlich omnipräsent und erzeugen immer auch Gegendiskurse. Er kann diese zwar konsumieren und seinen Beitrag leisten, die andauernden sozialen und politischen Diskurse, innerhalb derer er sich bewegt, verhinderten jedoch, dass das Bild einer stabilen Identität in Frage gestellt werde. Diskurse prägen die jeweiligen Klassifikationsschemata und umgekehrt. Im Foucaultschen Diskurs geht es dabei nicht um real oder nicht, da das Bild mit Hilfe von Aussagen und Vorstellungen von dem Anderen (re)produziert wird (s. Scherschel 2006:50).Während der Ideologiebegriff normativ zwischen richtig/wahr und falsch unterscheidet, wird dem Diskursbegriff die Möglichkeit zugesprochen diese Differenz zu überwinden (Malik 1996:233). Dies stellt auch eine analytische Stärke des Diskursbegriffs dar, denn für die Analyse sei schließlich irrelevant, ob vertretene Ansicht negiert werden müssten (Scherschel 2006:50).
Nicht aus den Augen zu verlieren ist außerdem ein genereller Tatbestand, nämlich dass Macht Wissen produziert (Foucault 2005; Malik 1996:233f.; s. auch Hall 2008:30). 77 Miles (1996) und Hall (2008) betonen deshalb beide, dass auch wissenschaftliches Wissen, nicht außerhalb von Diskursen generiert wird, sondern ideologisiertes Wissen darstellt. Gramsci lehnt die Distinktion zwischen Wissenschaft und Wissen der Öffentlichkeit ab, denn die im Alltag vorhandenen Vorstellungen werden zwar im Gruppenwerdungsprozess und dem damit verbundenen „Stellungskampf“ mobilisiert, aber auch in kohärente Theorien transformiert (s. Scherschel 2006:46ff.). Macht und Wissenschaft haben, denn nicht zuletzt bestimmt die Zuteilung von
Forschungsgeldern auch die Richtung der Forschung, ein symbiotisches Verhältnis (Todorov 1994:165; s. auch Latour 2003).
78
Auch darf die Ethnologie die
performative
Macht allein von
gedruckten Ethnographien nicht unterschätzen. Viele Ethnographien weisen Identitäten zu. Insbesondere frühe Ethnographien, mit Klassifikationen wie „Nichtchristen“ oder gar „Wilde“, wiesen Gruppenstatus zu (Koester 2006:20ff.). Es muss also in Betracht gezogen werden, dass die Ethnologie nicht unerheblich an dem Hegemonieprozess des „otherings“ beteiligt war und sogar noch ist (Handler 2002:6; s. Foucault 2005). Auch im 21. Jahrhundert werden im wissenschaftlichen Diskurs, welcher durch seinen besonderen Wahrheitsanspruch großes Gewicht im öffentlichen Diskurs besitzt, reduktionistische Perspektiven implementiert. 79 So liest man beispielsweise „von fundamentalistischen Entwicklungen unter türkischen Jugendlichen“ (Neubert und Reich 2004:91). Nicht nur, dass problematische Inhalte durch ihre verkürzte
77 Beispielsweise schaffte es die katholische Kirche jahrhundertelang, die Vorstellung von der Erde als Scheibe zu konservieren.
78 „Die Sozialwissenschaften werden oft als Herrschaftsinstrument benutzt“ (Bourdieu 2005:130).
79 Siehe z. B. „Kampf der Kulturen“ oder „The bell curve“
42
Wiedergabe und gefilterte noch weiter entfremdet werden, verschiedene wissenschaftliche Disziplinen bleiben oft voneinander unberührt. In politikwissenschaftlichen Seminaren beispielsweise findet man oft die unbedachte Verwendung des Begriffs „Ethnie“ und sogar von „Rasse“, deren Existenz offenbar als evident angenommen wird.
Banton betont, dass in Gesellschaften, in denen eine rassistische Hierarchie besteht, die Position in ihr von einem einzigen Wort abhängt: „Race“ (1983:9). Rasse dreht sich dabei weniger um schwarz oder weiß als vielmehr um Differenzen der Macht 80 (Spencer 2006:28). Eine rassistische Ordnung, insbesondere diejenige in den USA, besteht auch deshalb, weil die Weißen ihre
Privilegien nicht verlieren wollen, so Fenton (1999:44). Während
schwarz
oder Frau „marked“ sind, im Sinne von behaftet bzw. beschmutzt, sind Mann und
weiß
„unmarked“ (Hall 1996:4f.).
81
So steht „Weißsein“ als natürliches Faktum jenseits von einer Überlegung der Markierung und fungiert teils sogar als normative Position. Jung,
weiß,
heterosexuell, männlich, Mitglied der Mittelklasse sind Attribute der Privilegierung. Ein Amerikaner mit diesen Markern profitiert durch Geburt in eine Gesellschaft, die zwar eine solche Ungleichheit nicht wahrhaben will, diese jedoch nicht
dekonstruiert, sondern zu ihrer Reproduktion täglich beiträgt (Spencer 2006:20).
Die Degradierung von Schwarzen generell entsprang nicht aus ihrer körperlichen Differenz, sondern entwickelte sich aus ihrem Status (s. Hobsbawm 2004:81). Bei den schwarzen Handelspartnern in Afrika leistete man sich folglich keinen Rassismus, denn man befand sich dort nicht in einer Machtposition, die dies ermöglicht hätte. Ebenso wenig verwunderlich erscheint, betrachtet man den Statusfaktor, ein Vorfall am Ende des 18. Jahrhunderts in Japan. Dort zog man nämlich gegenüber dem deutschen Arzt Kaempfer, während man sich in Europa gleichzeitig mit der „Tierhaftigkeit“ der Afrikaner beschäftigte, ebenfalls Tieranalogien und ließ ihn wie ein Affe Kunststücke aufführen, was deutlich die Machtabhängigkeit von Rassismus zeigt (Hund 2007:23f.). Die flexible Ressource Rassismus ist schließlich vor allem Ausdruck von Dominanzverhältnissen (s. Scherschel 2006:80). Die jeweilige Position bestimmt zwangsläufig die Möglichkeiten, und erst aus einer Ungleichheit folgt eine rassistische Ideologie. Nicht Rasse erschuf Ungleichheit, sondern Ungleichheit erschuf Rasse. Nicht Ungleichheit aufgrund von Rasse führte zur Negierung von Rechten, sondern die sozialen Bedingungen, welche die Grundlage stellten (Malik 1996:39). Elitaristische Argumente berufen sich heute nicht auf Rasse, sondern auf Kultur, dementsprechend werden benachteiligte Gruppen nun nicht
80 Dominanz.
81 Gender kann als ein weiterer „floating signifier“, dessen Mechanismen sich ähnlich verhalten, betrachtet werden.
43
mehr als Rassen bezeichnet, sondern als ethnische Gruppen (Malik 1996:203). Auch Bantons Ansicht nach werden Kategorisierungen nur dann verwendet, wenn sie zu den Interessen der Menschen passen. Ein Beispiel, das für die Zentralität von Macht in der Identitätsfrage steht,
sieht dieser in brasilianischen Fischern, deren egalitäre Struktur dazu führe, obwohl Farbbezeichnungen vorhanden sind, über keine klare Farbhierarchie zu verfügen. Bei ihnen existieren verschiedene Bezeichnungen, eine Einordnung in ein hierarchisches System findet aber nicht statt (1983:19ff.).
Ethnische Identität, soziale Klasse und Gender stehen in starker Abhängigkeit von Macht und Autorität (Jenkins 2008:82). Ethnische Zugehörigkeit stellt vielerorts die gelebte Realität von Klassenbeziehungen bereit und hat Konsequenzen für alle Menschen einer Klasse. Oft überlappen Klassen- und Rassenstereotype (Downing und Husband 2006:34; Balibar und Wallerstein 1990; Hall 2008:131ff.; Tamir 2004:141), 82 weshalb ein Multikulturalismus, der ihren Erhalt propagiert, auch zum Erhalt von Klassen beiträgt (Darder und Torres 2004:19). Während Gruppen mit horizontaler Organisation die bestehende Ordnung und Möglichkeiten in Frage stellen können, neigen vertikal organisierte weniger dazu (Elwert 1989:31). Solange ethnische Gruppe und Klasse nicht kongruent sind, ist die Gefahr einer Kritik an der bestehenden sozialen Ordnung deshalb geringer, weil den Gruppenmitgliedern unterschiedliche Interessen zugrundeliegen und eine Kritik an der Klassenordnung damit nicht als natürlicher Teil der Gruppeninteressen gesehen wird. Eine Überschneidung von Klasse und ethnischer Identität bietet deshalb besonderes Konfliktpotential (Brubaker 2004:30; Hall 2008:134). Klassen und andere gesellschaftliche Kontrahenten kämpfen schließlich kontinuierlich um die Implementierung ihrer jeweiligen Auffassung der Welt (Wacquant 2006:34). Der Neomarxist Brass sieht Aktionen dabei nicht von ethnischen Gruppen und Klassen geprägt, sondern im Wesentlichen durch die Beziehung der um die Deutungshoheit der Gruppenidentität kämpfenden Eliten untereinander vorgegeben (Brass 1993:293). Ein solcher „topdown“-Ansatz reduziert jedoch die im Identitätsdiskurs wirksamen Kräfte einseitig. Klasse kann ein wichtiger Teil der kollektiven und der individuellen Identität sein. Die Auswirkungen von Klasse auf Identität bzw. Identifikation sind aber zwangsläufig ebenso kontextbedingt wie die von Sprache, Religion oder Alter, weshalb Klasse sich am besten auch als ein „floating signifier“ denken lässt. Zwar haben viele Mitglieder einer Klasse das gleiche Konsumptionsverhalten (s. Bourdieu 2005:31f.), jedoch
82 S. Ethnoscapes, oder auch Kastenwesen in Indien.
44
sind die Variable Klassenzugehörigkeit und damit verbundene Verhaltensweisen in ihrer Wirkung situationsabhängig.
Repräsentationen stehen im ständigen Wandel und wie aufgezeigt, sind die Identitätsmarker nicht nur dynamisch, sondern auch polyvalent interpretierbar. Ohne für alle gleichzeitig die gleichen Bedeutung zu haben, können diese als Symbole geteilt werden (Jenkins 2008:120).
Man muss neben der Mehrdeutigkeit von Repräsentation in Betracht ziehen, dass manche Repräsentationen über mehr Macht und Autorität verfügen als andere (Sax 2002:13). Laut Scherschel haben „symbolische Deutungskämpfe“ auch nur Relevanz, wenn diese erfolgreich in objektive gesellschaftliche Strukturen implementiert werden (2006:78; s. auch Sax 2002:15). Beispiele, wie der „Mystizismus des Bluts“ mit der Entscheidungsfreiheit/-kraft der Macht durchgesetzt wurde, sind Judenstern und die „Eintropfenregel“ (Hund 2007:7). Die Kreation von abfälligen Stereotypen und die Manipulation von Gruppengrenzen, unter anderem durch den Kolonialismus, haben eine lange Tradition und sind in heutige Machtstrukturen eingeflossen (Spencer 2006:78; Hobsbawm 2004:59). Reproduzierte Strukturen und damit verbundenes Sozialkapital führen auch heute dazu, dass selbst bei gleichem Einkommen erhebliche Unterschiede im Lebensstandard usw. bestehen. Die Vererbung von symbolischem wie materiellem Kapital hat entscheidenden Einfluss auf die Position in der Gesellschaft (Andersen 2001:184). Der Zugang zur Macht und damit zur Agenda selbst kann Konsequenz aus der Gruppenzugehörigkeit sein, insofern bestimmte Möglichkeiten und Ressourcen strukturell durch den Gesamtzusammenhang vorgegeben werden (Cornell und Hartman 2007:171). Die wichtige Rolle des Sozialkapitals der Gruppe zeigt sich häufig. So konnte z. B. der Handel zwischen Basra und Surat im 18. Jahrhundert, welcher auf intraethnischer Kreditvergabe beruhte, nur aufgrund von ethnischen Loyalitäten funktionieren (Abdullah 2001; s. auch Cornell und Hartman
2007:228) und das gerade afrikanische Sklaven präferiert wurden, hing nicht allein mit der Krankheitsanfälligkeit der indigenen Bevölkerung Amerikas zusammen. Denn die Afrikaner hatten nicht nur weniger Chancen zu fliehen, sondern verfügten zudem über keine Agency. Sie hatten weder mächtige Verbündete noch christliche Gemeinden, welche sie schützen (Spencer 2006:59).
Rassismus muss unter anderem als ein soziales Verhältnis gesehen werden, weil seine Opfer nicht nur eine passive Rolle spielen, sondern unterschiedliche Strategien der Verweigerung gegen den Rassismus verfolgen (Hund 2007:10). Zwar können die Akteure selbst ihre Identität mit formen, jedoch können sie die Konditionen nicht bestimmen (Jenkins 2008:148). Die
45
Beherrschten haben also oft keine Wahl, entweder sie rebellieren gegen das System und werden ausgeschlossen oder sie fügen sich ein und assimilieren sich (Bourdieu und Wacquant 2006:111). Grossberg schlägt diesbezüglich vor, den Punkt Widerstand nicht als solchen mit einzubeziehen, da dieser den Anschein erwecke, es gäbe Subjekte außerhalb der Machtstruktur, dafür aber solle man das Potenzial historischer Agency betrachten (1996:88). Ohnehin lässt sich in diesem Kontext fragen, was Widerstand ist und wo dieser beginnt (siehe z. B. Wacquant 2006:46). Für Räthzel kann die Betonung der Differenz schon eine Form des Widerstands der
Marginalisierten darstellen (1997:50). Die Praxis des „Teilens und Beherrschens“ war zwar zunächst Mittel der Kolonialherren, jedoch wurde diese insofern zweckentfremdet, dass die Kategorisierten diese zum
Widerstand
benutzten. Zahlreiche Unabhängigkeitsbewegungen
zeigen diesen Vorgang (Friedman 1997:73). Während „Ethnie“ und „Rasse“
früher
von den Mächtigen benutzt wurden, sind es heute die Marginalisierten, die eine solche Identität, aufgrund des Wunsches nach Anerkennung, agitieren (Cornell und Hartman 2007:261). Viele Identitätskonstruktionen werden als Instrument für die Forderung von Rechten oder ihrer Abschaffung benutzt oder gar geschaffen (Cornell und Hartman 2007:178). Unter Aspekten der Agencystärkung muss auch der
Farbwechsel
in der Selbstperzeption der Kap-Verdier in den USA gesehen werden. Sah sich die erste Generation noch als
weiß
und betonte dies, sehen sich
jüngere Generationen stolz als
Schwarze
(Cornell und Hartman 2007:194). Menschen kann eine bestimmte Identität zugesprochen werden, was allerdings nicht bedeutet, dass sie sich mit keinen weiteren identifizieren (Cornell und Hartman 2007:260). Die Art und Weise, wie man jemandem begegnet, hängt wesentlich an dem vorgeprägten Bild von dieser Person. Die zugeschriebenen Charakteristika bestimmen die Wahrnehmung
des Anderen,
weshalb diese dann in der Regel auch ins Bild
passt.
Die historischen Gesellschaftsstrukturen erzeugen
Identitätstypen,
die im individuellen Fall erkennbar zu sein scheinen. Man glaubt beispielsweise, einen Amerikaner anhand seines Auftretens in der Öffentlichkeit erkennen zu können (s. Berger und Luckmann
1980:185). Während die Mehrheit der britischen Bevölkerung südasiatische Kinder als respektvoll betrachtet, seien „afrokaribische“ Kinder respektlos.
Schwarze
werden als von Natur aus gewalttätig und Südasiaten als typische Drogendealer empfunden (Ratcliffe 2004:76,117). Man wird vollkommen verschiedene Einschätzungen über einen
Haitianer
und einen New Yorker, der mit Geistern spricht, treffen (Spencer 2006:187). Mitglieder einer rassisch definierten Gruppe (bzw. Kategorie) müssen sich im urbanen Raum nicht zwingend mit dieser identifizieren (Banton 1983:10). Höchstwahrscheinlich wird man dem Haitianer eine solche Wahrnehmung eher zugestehen und diese anders beurteilen, auch wenn er kein weiteres
46
Identifikationsmoment hat als eine geographisches. Generell gilt, dass Ethnie und Rasse oft nur Kategorien und keine Gruppen darstellen (Bös 2008:327). Selbst ein Individuum, welches sich von der Gruppe losgesagt hat, wird in vielen Teilen der Welt danach immer noch als ein Teil der Gemeinschaft behandelt. Privilegierung oder Diskriminierung aufgrund der assoziierten Identität erfährt es, auch ohne weitere Teilnahme an Ritualen und Praktiken (Hanf 1999:395). Man könnte deswegen die Betrachtung von Mitgliedschaft in einer Gruppe und Identifikation mit einer Gruppe trennen (Brewer 2001:21) Die Frage ist allerdings, inwieweit es Sinn ergibt, eine Person, die sich mit der Gruppe identifiziert, analytisch nicht als Teil dieser zu sehen und umgekehrt. Welche Konsequenzen hat eine solche Trennung? Entspricht diese einer Distinktion von emisch und etisch? Inwieweit schafft der Glaube Gruppenzugehörigkeit als soziale Tatsache?
5.1 Übernahme von Zuweisungen
Hall und Gilroy stimmen mit Foucault überein, dass eine Theorie der diskursiven Praxis wichtiger ist als eine der „subjektzentrierten Identifikation“, denn diese sei einer der am
wenigstens verstandenen Prozesse (1996). Identifikationen entstehen nämlich in der diskursiven Praxis der Abgrenzung und Zuschreibung. Die wahre Herrschaft über
den Anderen
beginnt vor allem damit, dass die Selbstzuschreibung der
Beherrschten
nach den dominanten Maßstäben, also gewissermaßen im Konsens, erfolgt (Spencer 2006:102).
83
Wenn sich aus Fremdzuweisungen Selbstidentifikation relativ nahtlos ableitet, sind die Diskurse über die Interpretation der Identität durch Machtasymmetrie bestimmt. Vorurteile sind ein zwangsläufiges Resultat aus der Sozialisation, von denen Minderheiten jedenfalls nie unberührt bleiben, sondern von ihnen teils verinnerlicht werden (Winant 2004:42). Deshalb impliziert Ethnizität als subjektiv zu bezeichnen nicht deren Persistenz gegenüber Außeneinflüssen.
Andere
mögen
uns
eine Ethnizität zusprechen, doch bedeutet dies wiederum nicht immer die Realität dieser Zuschreibung, sondern die Etablierung dieser als Kategorie (Cornell und Hartman 2007:20).
Analysiert man Identität als einen interaktiven Prozess, dann kann der Andere weder als bloße Projektionsfläche eines Bildes gesehen werden (vgl. Said 1994) noch als eine Wand, an der alles abprallt. Eine Aufnahme der Fremdzuweisungen in die eigene Identitätskonstruktion bzw. das Selbstbild findet darum in verschiedenen Formen ständig, denn Selbstzuschreibung bleibt nie unberührt von der Fremdzuschreibung, statt (Elwert 1989:26; Cornell und Hartman 2007:197). Kategorien verraten allerdings oft mehr über die Signifizierenden, da dieser meistens in
83 S. auch Gramscis Begriff der Hegemonie (z. B. in Downing und Husband 2006:38; Bourdieu und Wacquant 2006)
47
Opposition zu ihrem Selbstbild eine Beurteilung vornehmen. 84 Dieses Selbstbild bestimmt nämlich, wer der Andere ist. Andersheit ist letztendlich hauptsächlich ein Ergebnis von Zuschreibung, wobei Namen und Wörtern ein erhebliches Maß an der Konstruktion der sozialen
Realität und ihrer Widerspiegelung zugesprochen werden muss (Scherschel 2006:89; Fenton 1999:11; Bourdieu 2005:70, 2006:180ff.).
Folge der Erfahrung der Identitätszuschreibung ist, wie bereits erwähnt, oft die Annahme dieses Bildes, das aber nicht immer negativ geprägt sein muss. Auch berufliche Nischen, die im Zusammenhang mit der Zuschreibung stehen, werden schlussendlich gefüllt und verteidigt. Es entsteht ein Teufelskreis, in dem insbesondere Schwarze in Amerika die zugesprochene Opferrolle annehmen, zelebrieren und damit bestätigen (Jenkins 2008:62). Gemeinsame Identität kann aus einer geteilten Erfahrung als Opfer entspringen, wie eine afroamerikanische Mainstreamidentität zeigt, wobei diese noch durch soziale Abweisung verstärkt wird (Cornell und Hartman 2007:200ff.). Folge ist auch der kontinuierliche Versuch, einen Gegendiskurs zu stärken und „Schwarzsein“ somit positiv zu konnotieren (s. McCloud 2003:110). Neben Minderheiten haben Menschen aus dem Nichtwesten um ihre eigene Geschichte und die Interpretation ihrer Kultur gekämpft und dabei eine Identität und Lebensweise, die externe Einflüsse versucht in das vermeintlich eigene Schema einzufügen, geschaffen (Cornell und Hartman 2007:249). 85
Auch wenn eine Gruppe eine bestimmte Version ihrer Identität propagiert, kann eine andere infolge der Machtverhältnisse vorherrschend sein. Assimilierungspolitik wird generell jedoch eher das Gegenteil des gewünschten Effekts bewirken (Brubaker 2004:119), genauso wie Beleidigungen in jedem Fall zur weiteren Differenzierung der Identifikation führen, weil der Empfänger sich entscheiden muss, ob er diese abweist oder annimmt, und so münden rassistische Beleidigungen in der Regel auch in einer rassistischen Gegenreaktion (Koester 2006:23f.). Die an Macht geknüpften Kategorien werden also sowohl oktroyiert als auch bekämpft. In einigen Fällen versucht die interne Definition die Verankerung der Externen zu lösen. Sie kann dann als eine Gegenwehr gesehen werden und als Versuch des Überwindung einer Fremddefinition (Jenkins 2008:57ff.).
84 Die Anderen als „gentle savages with lack of education“ zu beschreiben, weist auf eine Selbstzuschreibung, die durch Bildung bestimmt ist, hin. Man könnte sogar soweit gehen, hinter der Aussage einen Humanisten zu vermuten (s. Jenkins 2008:64).
85 Dieser Punkt trifft insbesondere auf nationale Identitäten, die auf ehemaligem Kolonialgebiet entstanden sind, zu.
48
Die Verwendung des Begriffs „nigger“ zeigt, dass Beleidigungen in Handlungsmacht umgewandelt und so zu einer Stärke der Gruppe werden können. In diesem Fall ging die Deutungshoheit von außen auf die Gruppe über. Die Abgrenzung bleibt zwar bestehen, ihr Inhalt jedoch verschiebt sich. Ob man dies als einen Teilerfolg bezeichnen kann oder ob ebenso viele neue Probleme entstehen, ist aber schwierig zu beantworten (s. Werbner und Modood 1997:21). Schließlich führen Parolen wie „Black is beautiful“ zwar zu einer positiveren Selbstidentifikation, gleichzeitig verstärken sie jedoch die Grenze und wirken an einem Bild mit, das Schwarz von Weiß trennt. Ein weiteres Beispiel für den Kampf gegen eine externe Kategorisierung ist der der New Yorker Karibier gegen das Label „Schwarz“. 86 Diese lehnen
sich auf, um einer negativen Stereotypisierung entgegenzuwirken, aber auch, weil sie sich als eigenständige Kategorie wahrnehmen und von
den Anderen
abgrenzen (Cornell und Hartman 2007:197f.). Sicherlich versprechen sie sich durch eine Abgrenzung von der Kategorie „schwarz“ größere Anerkennung und Agency, ob die positiven Folgen überwiegen bleibt allerdings fraglich.
Jenkins sieht Turner die potentielle Angreifbarkeit aller kollektiver Identifikationen durch Subversion betonen (1996:145). Dabei können Identitäten insbesondere durch Stigmatisierung
beseitigt werden (Banks 1996:17). Dies kann dann geschehen, wenn interne Bindungen ohnehin schwach sind und der vermeintliche Identitätsträger in der ihm zugeschriebenen Identität alleinig Nachteile sieht. Eine sicherlich interessante Untersuchung in diesem Zusammenhang wäre die Anpassung Jugendlicher einer Mehrheitsbevölkerung und ihre Adaption
fremder
Verhaltensmuster in Gebieten, in denen diese die Minderheit stellen. Jeweils dominante Gruppen, wer dies ist, ist abhängig von der Ebene (lokal, regional, national), besitzen schließlich besonderes Gewicht in der Formung von Identität (s. Cornell und Hartman 2007:208).
Auch durch den Markt werden Identitäten kreiert, so warb „Coor beers“ mit dem Slogan „Decade of Hispanic“ schon in den frühen Achtzigern, als sich die Zielgruppe selbst noch nicht in dieser Form als Einheit sah (Cornell und Hartman 2007:203). Heute lässt sich von einer hispanischen Identität sprechen, deren Prozess der Gruppenformung die enorme Kraft von Zuschreibungen (emisch und etisch) exemplarisch erkennbar macht. Die Einordnung eines Individuums selbst als Mitglied einer Gruppe beinhaltet ein Mindestmaß an Assimilation an das dominante emische Bild dieser und fördert Ähnlichkeit (Brewer 2001:20). So erfolgen unter den Hispanics offensichtliche Angleichungsprozesse. Bei der Betrachtung kultureller
86 Sinnbildlich für diese Bestrebungen ist die Initiative für eine eigene Zensuskategorie (www.caribid2010.com).
49
Identifikationskonstrukte als Konzepte bzw. „cognitive facts“ darf nicht vergessen werden, dass diese insbesondere aufgrund von Selbstrepräsentation auch „public embodied performances“ einschließen (Sax 2002:8). Die öffentlichen Demonstrationen der Hispanics in Amerika für die Einführung der Nationalhymne auf Spanisch kann sicherlich als ein solcher Akt gesehen werden.
5.2 Institutionen
Die Repräsentationen des Staats zeichnen sich durch besondere Autorität aus. Formale Institutionen wie Bildungseinrichtungen sind wichtiger Teil von Sozialisation und damit auch Habitus und somit entscheidend für die Naturalisierung von Identität. Regierungsklassifikationen haben eine direkte Verbindung zur Realität, insofern sie diese zu dieser machen können (Cornell
und Hartman 2007:176; Brubaker 2004:55). Neben entscheidendem Einfluss auf die Benennung und Klassifikation von Menschen in Gruppen
87
verfügt der Staat auch über die Kontrolle der Gruppenstärke und damit deren Macht. Nicht umsonst wird vermehrte Zuwanderung einer bestimmten Gruppe von den etablierten Gruppen als eine Bedrohung ihrer Position wahrgenommen (Cornell und Hartman 2007:172; Jacobson 2006).
Scherschel sieht die symbolische Macht des Staats als stärkste, da dieser über Institutionen und Implementierungsmechanismen verfügt (2006:70). 88 Zensus und damit verbundene Quotensysteme zeigen die enorme Stärke des Staats als Konstrukteur und tragen einen bedeutenden Teil an der Schaffung von kollektiven Identitäten als soziale Tatsachen bei. Gruppen, die über keine Institutionen verfügen, arbeiten hart an deren Erschaffung (Cornell und Hartman 2007:231). Scherschel missachtet demnach, dass nicht nur der Staat über Institutionen verfügt. Der Staat verfügt lediglich über andere Sanktionsmöglichkeiten. Gleiche Exklusionsmechanismen lassen sich nämlich auch in kleineren Gruppen als dem Staat finden und können innerhalb von Nationen in ähnlicher Weise zur Anwendung kommen. Eine dieser Institutionen mit eigenständigen Exklusionsmechanismen ist Religion, die ebenfalls eine große Rolle in der Identitätsstiftung spielt 89 .
Erfolgreiche kollektive Identitäten verfügen nicht nur über informelle und/oder formelle Bildungseinrichtungen, sondern verfügen auch über eine kulturelle Infrastruktur. Sie besitzen Nationalmuseen, in denen nicht nur ein glorreiches Bild präsentiert, sondern auch eine
89 Ein gutes Beispiel findet sich in der Analyse Amends und Yetgins zur Funktion des Sri Nagapooshini Amman Tempels in Frankfurt (2006:32-41).
50
historische Kontinuität hergestellt wird. Hat eine Gruppe keine solchen Einrichtungen, bemüht sie sich in der Regel darum, solche zu erschaffen (Gellner 1988:17; Cornell und Hartman 2007:231). Informelle Organisationen reichen in der Bandbreite von studentischen Organisationen bis hin zum Ku-Klux-Klan (Jenkins 2008:68). Der Einfluss sekundärer Sozialisation wie etwa Bildung, auf Ethnizität ist ein nicht zu unterschätzendes Moment (Jenkins 2008:69). Theorien, die die Muttersprache als Zentrum der Identität sehen, verkennen die Macht von Institutionen, so ist die Schulsprache wesentlicher Teil der Identifikation (Dittrich und Radke 1990:22). Bildungseinrichtungen bemühen sich in der Regel, ein kohärentes Bild der eigenen Geschichte (Heritage!) und die dazugehörige Identität zu vermitteln. Vorstellungen und Stereotype, die in Schulbüchern vermittelt werden, sind nur schwer wieder abzubauen. Während beispielsweise die deutsche Familie gemeinsam auf dem Sofa sitzt, wird die türkische Familie in der Natur gezeigt. Dies mag zwar nicht ganz realitätsfern sein, nur fragt man sich, warum nicht beide Familien an einem ähnlichen Ort gezeigt werden.
Gellner sieht den modernen Staat nicht mehr auf Renans „alltägliches Plebiszit“ und freiwillige Bestätigung vertrauen. Stattdessen setze dieser auf eine „Maschinerie des Zwangs“ (1988:10). Diese Zwangsmaßnahmen reichen von Druck, der durch soziale Tatsachen aufgebaut wird, bis zu Repressionen. Während ein Staat Treue in Form von Wehrpflicht abverlangt, internalisiert ein anderer die kollektive Identität durch tägliche Treueschwüre in der Schule. 90
5.2.1 Sonderregeln
Sonderregelungen müssen als das gesehen werden, was sie sind, nämlich spaltend und nicht integrierend. Sie implizieren, dass eine bestimmte Gruppe 91 andere natürliche Bedürfnisse hat, es spezifisch „schwarze“ oder „indianische“ Bedürfnisse gibt, die die gesamte Gruppe der als solche Klassifizierten kennzeichnen und von denen der Menschen im Allgemeinen abweichen. Der Multikulturalismus ist deshalb durch seine eigene Terminologie verurteilt, weil er ethnische Identität und den Glauben, dass aus ihr natürliche Bedürfnisse erwachsen, als Prämisse nimmt und diese zwingend mit Solidarität verbunden sieht. Außerdem könne man ohne politische Repräsentation ethnischer Identität nicht gerecht werden. Kurzum, die ethnische Identität wird mystifiziert (s. Brass 2003:245).
90 „I pledge allegiance to the flag [...]“
91 Passender hier: Kategorie.
51
Bei Sonderrechten muss immer mit einbezogen werden, dass diese Verlierer hervorbringen. Verlierer ist in diesem Fall die Gruppe der Menschen, die weder den Kriterien zur Bevorzugung entspricht, also nicht als authentischer Empfänger von Leistung gesehen wird, noch von dem System profitiert, das Ausgangspunkt für die Sonderrechte war (Winant 2004:52). Hier können beispielhaft die Kasten in Indien gesehen werden, die nicht mehr von dem Quotensystem erfasst werden, aber auch nicht zu den höheren Kasten gezählt werden können (Oberndörfer 1999:417).
Nicht nur werden Differenzen, in diesem Fall eigentlich abgeschaffte Kasten, prosperiert und stabilisiert, sondern weitere Zwietracht gesät (Connor 1977:29). 92 Verbreitet im öffentlichen Diskurs, insbesondere unter den Unsichtbaren, ist die Ansicht, dass Gender- und rassenbewusste Förderprogramme eine größere Ungerechtigkeit bedeuten als die vorherige Diskriminierung selbst (Andersen 2001:183). Indem der Staat soziale Tatsachen weiter reproduziert, werden Konflikte und Identitäten weiter verhärtet und naturalisiert (Tilly 2005:174). Hauptkritikpunkt ist auch, dass Quotensysteme objektiv nicht legitimiert werden können, da Kriterien zur positiven Diskriminierung der gleichen Problematik ausgesetzt sind wie die der Klassifizierung der Menschen in Gruppen im Allgemeinen (Bouhdiba 1983:132). Wenn jede Einteilung künstlich ist, welche Gruppe kann sich dann abgrenzen und Ansprüche als natürlich gültig machen? Zum einen können Sonderregeln deshalb nur auf Essentialismen berufen, zum anderen wird die Auswahl einiger Kriterien als natürlich durch den Staat objektiviert.
5.2.2 Entweder - oder: Wähle ein Kästchen
Eine mächtige identitätsstiftende Institution ist der Zensus, denn durch ihn werden Individuen nicht nur gezwungen, über ihre Identität nachzudenken, sondern auch ihren Platz in den aufgeführten Kategorien zu finden. Die Deutungshoheit über die Zugehörigkeit liegt bei der Regierung, und dies verleiht den Kategorien einen Anschein von Objektivität und legitimiert diese. Die Verwendung des Rassenbegriffs durch Politiker, Demografen und Humanbiologen unterscheidet sich dabei wesentlich von seiner Bedeutung in der Biologie und Anthropologie (Vidyarthi 1983:51). Diese tragen aber durch ihren alltäglichen Gebrauch einen großen Anteil zu seiner Validität bei. Der Staat reproduziert ein System, das teilt, anstelle zu verbinden und schafft in Wechselwirkung mit der Bevölkerung soziale Tatsachen.
Der Zensus ist das beste Beispiel dafür, wie die Politik Gruppen formt und wie diese umgekehrt die Politik beeinflussen (Brubaker 2004:67f.). In den USA forderten im Jahr 2000 die
92 „Wenn die, warum wir nicht?“
52
amerikanischen Araber eine eigene Kategorie, welche angesichts der Ereignisse nach dem 11. September 2001 wahrscheinlich geschaffen wird, was die die Spannung im Wechselspiel von staatlicher Politik und versuchter Emanzipation von Minderheitengruppen erkennen lässt. Anstelle Vorteile zu offerieren, wird die weitere Kategorie eher Differenzen implementieren (s.
Cornell und Hartman 2007:177f.). Während eine Drohkulisse besteht, die Menschen mit
arabischem
Äußerem in der öffentlichen Perzeption zu fundamentalistischen Muslimen macht, wird das Auftauchen von dieser Bedrohung in Zahlen weniger zur Verbesserung der Rechte und Anerkennung beitragen, als vielmehr vorhandene Xenophobien verstärken. Die gegebenen Umstände machen die Anerkennung der neuen Kategorie für den Staat nutzbar, denn eine Instrumentalisierung einer arabischen Identität ist für den Staat wesentlich einfacher. Spannend daran ist, wie eine Kategorie „arabisch“ in das vorhandene
Rassensystem
eingeordnet werden wird.
Einer der hervorstechenden Fakten über den US-Zensus ist nämlich die Verwendung von Kategorien, welche auf Rasse basieren, was letztendlich nur einen kleinen Schritt entfernt von einer Kategorisierung nach Hautfarbe ist (Spencer 2006:51). Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass der Begriff „Rasse“ durch einen anderen substituiert werden wird (Fenton 2003:192). Mit drei Sätzen entzieht sich das Zensusbüro sogar jeder möglichen Kritik gegenüber der Verwendung der Kategorien und zeigt damit, dass den Verantwortlichen die möglichen Implikationen bewusst sind. Unter den Statistiken heißt es nämlich:
“The concept of race as used by the Census Bureau reflects self-identification by people according to the race or races with which they most closely identify. These categories are socio-political constructs and should not be interpreted as being scientific or anthropological in nature. Furthermore, the race categories include both racial and national-origin groups“ (http://quickfacts.census.gov/qfd/meta/long_RHI525206.htm).
In gewisser Weise führt der Zensus sich selbst mit dieser Aussage ad absurdum. Wenn man wünschte, dass das Individuum die Rasse angibt mit der es sich am ehesten assoziiert und angesichts dessen, dass es sich lediglich um „socio-political constructs“, wobei fraglich bleibt, inwiefern sich befragte Individuen mit diesem Terminus auseinandersetzen oder diesen Teil überhaupt lesen, handelt, wäre es durchaus legitim für einen Schwarzen, sich der Kategorie „Asiatisch“ zuzuordnen. Dass dies eigentlich nicht den Wünschen der Zensusbürokraten entsprechen kann, bedarf keiner zusätzlichen Erklärung. Weiter stellt sich von vornherein die Frage, warum man überhaupt Rassenkategorien verwendet, wenn diese „racial and national-origin groups“ beinhalten. Diese Vermischung von Ethnie, Rasse und nationaler Herkunft zeigt
53
bekanntlich auch, dass der Verwendung der Kategorien keine kohärente Logik unterliegt (s. Fenton 2003:41; Darder und Torres 2004:15).
Das amerikanische Zensusbüro gibt an, dass im Jahr 2006 Schwarze 12,8 Prozent und Asiaten 4,4 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Allerdings klassifizierten sich nur 1,6 Prozent als „gemischtrassisch“ (US-Zensus 2008). Dies ist eine Tatsache, die den engen Zusammenhang von staatlich propagierten Auffassungen und individueller Identifikation 93 zeigt, denn die geringe Menge der sich als „gemischtrassisch“ Klassifizierenden liegt nicht nur an Bevorzugung von Endogamie, sondern hat auch institutionelle Gründe. Nicht zuletzt sind die Zahlen symptomatisch für die generelle Auffassung in den USA, welche lange durch den Zensus verfestigt wurde, dass man sich einer Identität primär zugehörig fühlen muss (Cornell und Hartman 2007:252; Darder und Torres 2004:5). Erst die Erhebung im Jahr 2000 gab den Menschen überhaupt die Möglichkeit, mehr als ein Kreuz zu machen (Cornell und Hartman 2007:22). Vermehrte öffentliche Präsenz führte jedoch zu größerem Bewusstsein gegenüber einer gemischteren Herkunft (Cornell und Hartman 2007:259). Eine ethnische Identifikationsstudie im Jahr 1983 hatte damals noch gezeigt, dass sich die Menschen mit einer einzigen Rasse assoziierten, und aufgrund der allgemeinen Anerkennung der „One Drop Rule“ wurden Kinder mit einem schwarzen Elternteil ohnehin auch als schwarz angesehen (Cornell und Hartman 2007:190).
In diesen Zusammenhang kann man auch das Problem der Übersetzung des Konzept „hispanic“ in den speziellen historischen Kontext Nordamerikas, aufgrund seiner Ausgangslage, die bereits eine bewusste gemischte Herkunft beinhaltet, stellen. Damit eine große Gruppe, die historisch gewachsene Rassenordnung, nicht weiter unterminiert, müsste in ihr ein Platz gefunden werden (Fenton 2003:33). Die Möglichkeit, „hispanic“ anzukreuzen und zusätzlich zwischen „schwarz“, „weiß“, „asiatisch“ etc. wählen zu können, ist zwar positiv zu bewerten, denn hier wurde offensichtlich der Versuch unternommen, Rasse und Ethnie zu trennen, doch ändert dies zum einen nichts an der nicht zu unterschätzenden Reifikation und der institutionellen Macht, mit der diese Kategorien implementiert werden (Spencer 2006:52). Vielleicht lenkt das Hinzufügen alternativer Kategorien sogar weiter vom Kern des Problems ab. Der Einbezug der neuen Kategorie könnte auch einen Schritt weg von rassischer hin zur sozialen Kategorisierung bedeuten, so Fenton. Dieser sieht in dem gegensätzlichen Wunsch des „National Council of
93 Die Abwesenheit der Ethnizitätsfrage im französischen Zensus zeigt auch die Abhängigkeit der Identitätsfrage vom jeweiligen Staatsverständnis. Diese wäre nicht mit dem Geist der Verfassung und der Definition des „Französischseins“ konform (Ratcliffe 2004:36).
54
Hispanics“ nach einer eigenen Rassenkategorie die kuriose Vorstellung, dass Rasse Ethnie vorzuziehen sei (2003:35ff.; s. auch Bös 2008:318).
Zensus haben in jedem Fall die Macht, den Prozess der Gruppenwerdung von Kategorien zu unterstützen und Gruppen zu stabilisieren. Effektive Kategorisierung ist keine reine Klassifikation, sondern bedeutet einen Eingriff in die Welt der Klassifizierten (Jenkins 2008:75). Gruppen werden nicht nur essentialisiert, sie werden zudem fixiert und fetischisiert (Ratcliffe 2004:34). Die damit verbundene starke Homogenisierung wird mit einem Blick auf die verwendeten Kategorien deutlich. So fallen unter die Kategorie „ethnic“ Asian-Americans Menschen von den Philippinen, aus Laos, Japan, Indien und früher sogar Hawaiianer (Cornell und Hartman 2007:18ff.). Aber auch die Kategorie „Weiß“ erkennt keine ethnischen Unterschiede an (Fenton 1999:2), denn „Weiß“ wird im amerikanischen Zensus nicht weiter ausdifferenziert, auch wenn ebenfalls fraglich ist, ob diese Kategorie als homogene Masse identifiziert wird.
Erst seit Anfang der Neunziger wird in Großbritannien überhaupt nach ethnischer Herkunft gefragt. Dies zeige, dass die Idee, jeder habe eine Ethnizität, erst spät Teil des öffentlichen Diskurses wurde (Fenton 2003:40). Im Jahr 1991 unterschied der britische Zensus unter anderem zwischen Pakistanern, Indern, Bangladeschern, Chinesen und anderen (Ratcliffe 2004:37). 94 Alleine eine Betrachtung der politischen Geschichte der letzten 50 Jahre hätte den Statistikern die Absurdität einer solchen Aufteilung vor Augen führen müssen. Es stellt sich also die Frage, wenn man nicht von vollkommener Unkenntnis der Region, welche man schließlich kolonisiert und in die Freiheit entlassen hatte, ausgehen möchte, warum man eine solche Einteilung vornahm. Weiter macht der Zensus keinen Unterschied zwischen britisch-asiatisch und asiatisch, obwohl diese Unterscheidung explizit in der Überschrift steht. Pigmentierung hat also eindeutig Priorität gegenüber Selbstidentifikation. Ob jemand direkt aus Asien oder über Afrika als sogenannter „twice migrant“ nach Großbritannien gekommen ist, bleibt für den Zensus ebenfalls irrelevant (Ratcliffe 2004:37f.). Ethnische Kategorien werden zwar benutzt, verwendet als Grundlage werden jedoch Phänotypen (Spencer 2006:47f.). Allein die Verwendung der Kategorien „Schwarz“ und „Weiß“, diese sind rassenorientierte Kategorien, zeigt, dass es sich
94 Unterschieden wurde zwischen Kategorie A (Weiß) mit je einem Kästchen für britisch, irisch und andere
55
auch hier um eine Vermischung handelt. Auch impliziert „mixed category“ die Reinheit der anderen Kategorien (Ratcliffe 2004:39). Im gleichen Sinne betont Gilroy kritisch, dass das Konzept der Hybridität gleichzeitig die Existenz rassischer, beziehungsweise ethnischer Reinheit nahelegt (Cornell und Hartman 2007:259). Die Kategorie „mixed“ im britischen Zensus, äquivalent zu der Möglichkeit mehrere Kreuze zu machen, muss sogar mehrfach kritisch betrachtet werden. Während man, wie erwähnt, als „Asiate“ genauer auswählen darf, stehen Angehörigen der gemischten Kategorie nur eine Mischung aus undifferenziertem „Weiß“ und „Asiatisch oder Britisch-Asiatisch“ und differenziertem „Schwarz“ zur Verfügung. Wenn man der gemischten Kategorie angehört, mache es also keinen Unterschied mehr, ob man chinesische oder indische Vorfahren hat, jedoch aber, ob die Vorfahren aus der Karibik oder Afrika kamen. Zum einen könnte man fragen, ob die genaue Herkunft nur wichtig sein soll, wenn beide Eltern die gleiche Abstammung haben, zum anderen, wieso der Unterschied zwischen Indien und China für die Behörden weniger relevant ist als der zwischen der Karibik und Afrika oder ob davon ausgegangen wird, dass jemand mit z. B. „weiß-chinesischer“ Abstammung, nicht „weiß und asiatisch“, sondern „anders gemischt“ angibt, denn bei „Reinheit“ ist „Chinesisch und andere ethnische Gruppe“ von der Kategorie „Asiatisch“ getrennt, woraus ebenfalls seltsame Konnotationen folgen: Sind Chinesen keine Asiaten? Und wer qualifiziert sich als andere
ethnische Gruppe? Der britische Zensus besticht damit also auch nicht durch Klarheit, und welche Erkenntnisse genau aus der Datenerhebung gezogen werden sollen/können ist diskussionswürdig. Des Weiteren identifizieren sich viele Engländer ohnehin stärker regional als
national (Spencer 2006:50) und die meisten Definitionen und Kategorien werden von Erhebung zu Erhebung geändert (s. Fenton 1999:3), was nicht nur die Vergleichbarkeit stark einschränkt und die Validität in Frage stellt, sondern auch an die Anfänge rassistischer Einteilungen erinnert.
Damals
fragte man sich auch, ob eine Klassifikation „Schwarz, weiß, gelb“ ausreiche „oder ob zusätzlich Bedarf an einer braunen Rasse bestand“ (Hund 2007:103).
Abgesehen von den Auswirkungen der Zensus auf individuelle und Gruppenidentifikation, denn diese bleiben nicht einmal bei Selbstidentifikation unberührt, werden diese trotz ihrer Konstruiertheit auch vom Staat zur Legitimation von Legislation und öffentlichen Policies benutzt (Jenkins 2008:72; Fenton 2003:39). Der US-Zensus hat offiziell primär das Ziel, Ungleichheit zu verringern, und sei die Basis für die staatliche Ressourcenverteilung (Fenton 2003:38ff.). Offizielle Policies, welche Ideen von Ethnizität oder Rasse einbeziehen, sind kontraproduktiv, und stattdessen sollten die USA die gleiche Indifferenz, die sie gegenüber Religion bieten (geboten haben), auch ethnischer Zugehörigkeit gegenüber zeigen (Van den
56
Berghe 1999:406). Ethnische Zugehörigkeit würde Van den Berghe zu einer privaten
Angelegenheit machen und Rechte, die sich auf
Rasse,
Abstammung oder Ethnie berufen, negieren. Man solle zwar
ethnisch motivierte
Organisationen nicht verbieten, sie jedoch auch nicht propagieren. Gleiches gelte für Universitäten, deren Eurozentrismus zwar Einhalt geboten werden müsste, dies aber nicht eine Verschiebung hin zu anderen Ethnozentrismen
95
bedeuten dürfe (1999:403ff.).
Cornell und Hartman berichten von einem Beispiel, dass den Mangel an Objektivität der Klassifikationen wie kein anderes deutlich macht. So musste ein Zwillingsgeschwisterpärchen, welches sich in Harvard einschrieb, nach kurzer Zeit feststellen, dass man mit ihrer gemischten Abstammung offensichtlich überfordert war. Während die eine von schwarzen Studentenorganisationen Post bekam, erhielt die andere Nachricht von Native-Amerikanischen Vereinigungen (Cornell und Hartman 2007:254).
Vermischung ist heute mehr als jemals zuvor ein globales Phänomen, wobei es anscheinend eine paradoxe Entwicklung gibt, denn während die Wissenschaft Rassen als überholt diskreditiert, wird ihre Anerkennung in der Praxis und Verwaltung stärker und deswegen stagniert die Bedeutung von Ethnizität und Rasse stagniert sicherlich nicht (Fenton 2003:35;48) In Amerika wird Rasse immer noch als natürliche und stabile Trennungslinie gesehen, wobei Kategorisierungen wie der Zensus die Basis der Abgrenzung darstellen (Fenton 2003:31;38). 96
Da es zu viele Varianten zur Kategorisierung/Klassifikation von Menschen gibt, muss eine solche als unzulässig betrachtet werden. Eine Klassifikation nach Größe, Gewicht oder ähnlichem wäre in gewisser Weise nicht weniger absurd (s. Tawa 1983:68; Heinz 1993:127). Diese wäre für Pauschalisierungen und Verknüpfung von sozialen und physischen Eigenschaften ähnlich nutzbar. Eine statistisch wahrscheinlich untermauerbare, aber unzumutbare Generalisierung könnte auch heißen: Dicke Menschen sind dumm und große erfolgreich. Dass dies ähnlich wie im Fall „The bell curve“ vielleicht an einer Korrelation von Bildung und Ernährungsbewusstsein liegen könnte, ließe sich in den Hintergrund drängen. Meine generelle Kritik an der Festlegung einer Gruppenessenz gilt insbesondere staatlichen Einrichtungen. Sowohl der amerikanische als auch der britische Zensus sind zwar inkohärent, vermitteln aber den Eindruck natürliche Trennungslinien aufzugreifen.
95 Bsp. African American Studies.
96 Verschiedene Entwicklungen in den USA zeigen, dass die Distinktion „Schwarz/Weiß“ weiterhin Stabilität behält (Cornell und Hartman 2007:262).
57
5.2.3 Medien
Insbesondere die Medien prägen einige der komplex ausgehandelten Ansichten der Identifikation (Spencer 2006:xiv). Bilder und damit Repräsentation müssen als eines der meist umkämpftesten Güter angesehen werden (Sax 2002:14). Die Medien sind einer der wichtigsten Protagonisten der Identitätsstiftung. Ihre Effektivität liegt nicht zuletzt im Aufgriff unterbewusster Bilder und
Stereotype (s. Cornell und Hartman 2007:203). Vom Theater angefangen, welches aufgrund seiner Darstellungsform auf Übertreibung nicht verzichten kann, über Zeitungen, Fernsehen und Werbung findet man überall Essentialisierung von Identitäten. Es sind jedoch nicht die offensichtlichen Karikaturen und Stereotype, auf welche das Fernsehen abzielt, die besondere Macht ausüben, denn diese stellen sie zumindest auch in Frage, sondern die versteckte Produktion von einer rassistischen Ordnung. Der Glaube an ein bestimmtes Kollektiv wird durch die Medien weiter bestätigt und konsolidiert (Bös 2008:322).
Mediascapes stellen einen immensen Fundus an Bildern und Geschichten bereit und diese sind geprägt von einer Verschmelzung von Nachrichten, Politik und Waren, die bis zur Unmöglichkeit der Trennung von Fiktion und Realität reichen kann (Appadurai 2003:33f.). Dabei gelte: Je weiter entfernt der Empfänger, desto schwieriger wird es für diesen die „imaginierte Welt“ von der Realität zu unterscheiden. Nicht außer Acht zu lassen, ist dabei, dass Geschichten und Fiktionen anderer Welten sogar Wünsche produzieren können. Ein blutiges Beispiel für diese Macht der Medien sei die Kreation eines unabhängigen Sikhstaats Khalistan, so Appadurai (2003:36). Daneben enthalten auch scheinbar unschuldige Sendungen ernstzunehmenden rassistischen Inhalt. Schon Kindern werden rassistische Bilder beispielsweise in Disney-Filmen vermittelt. Beispiele gibt es hierfür genügend, so sprechen die Krähen afroamerikanischen Slang und Aladins Jafar kommt aus einem Land mit Kamelkarawanen, in dem man anderen die Ohren abschneidet, wenn einem deren Gesicht nicht gefällt. 97 Bereits in der Kindheit werden auf diesem Weg Fremdbilder dementsprechend verinnerlicht und naturalisiert. Auch die Angst vorm schwarzen Mann wird aktiv geschürt, insbesondere in Filmen, in denen Schwarze als die Inkarnation des Drogendealers auftauchen (Spencer 2006:22).
97 „[…] it s barbaric, but it’s home“ (Clements und Musiker 1992).
58
Weniger evidente Fälle von rassistischem Denken und der Verbreitung von Stereotypen sind ubiquitär. Beispiele wie „Der Spiegel“ alle Muslime zu Kardinalverdächtigen macht, Vorurteile und Xenophobien weiter fördert, lassen sich in den meisten Ausgaben finden. Eine Naturalisierung der Gleichung „Muslim gleich Terrorist“ findet zum Beispiel durch die Bilderwahl statt. Unter einem Artikel über mögliche Terroristen in Deutschland lassen sich nicht nur Bilder von Anschlägen, sondern auch Muslime beim Beten finden (s. Dauth 2008:7f.). Die Skandalisierung ethnischer Minderheiten durch die modernen Massenmedien ist überall
offensichtlich. So wird ein gebildeter Aborigine in den australischen Medien schnell als radikaler Aktivist abgestempelt (Spencer 2006:141) und so werden Blutlust und Irrationalität als Ursache für Gewalt zur Folge
tribaler
Bindungen erklärt. Hierfür exemplarisch kann die Berichterstattung um Ruanda angesehen werden, bei der die gesamte Komplexität des Konfliktes auf einen einzigen, scheinbar alles erklärenden, Faktor heruntergebrochen wurde. Für Spencer ist, was sich auch auf die generelle Thematik der Arbeit beziehen lässt, dabei nicht die Wahrheit, sondern die Komplexität „das erste Opfer“ (2006:77,5). Unabhängig davon ist die Presse regelmäßig in höchstem Maße verleumdend, so wurden Ruander sogar mit Gorillas verglichen (Malik 1996:21) und im Fall Somalia zeigte das „Wall Street Journal“ die Arroganz, Neokolonialismus für die vielleicht einzige Möglichkeit zur Befriedung zu erklären, womit man die Fähigkeit eigenständiger Ordnungsschaffung absprach und indirekt zeigte, dass man an eine natürliche Überlegenheit des Westens glaube (s. Malik 1996:209f.). Downing und Husband glauben allerdings an die Unfähigkeit der Medien, ihren Beitrag zur Xenophobie zu erkennen, was direkte Vorwürfe an die Verantwortlichen unsinnig machen würde (2006:44). Grundsätzlich stellt sich aufgrund der Zunahme rassistisch motivierter Kriminalität in den Medien ebenso die Frage, ob diese insbesondere hervorgehoben werden oder diese weniger akzeptiert sind als früher und auf ein größeres Bewusstsein der Bevölkerung stoßen (Wierviorka 1997:146).
6. Gelebte Realitäten
Rasse, Ethnie und Nation werden vom Menschen alltäglich unbewusst, aber auch bewusst, wahrgenommen und interpretiert. Will die Wissenschaft nicht in einen Reduktionismus verfallen, muss dies als Teil der sozialen Realität in eine Betrachtung mit einfließen (Wacquant 2006:26). Unabhängig davon, von welcher Perspektive man an kollektive Identität herantritt, gekennzeichnet als „floating signifier“, sind sie vor allem auch soziale Tatsachen. Dabei muss
59
betont werden, dass analytisch wichtig ist, dass Menschen sie als fest und obligatorisch sehen (Jenkins 2008:47).
Objektivismus und Subjektivismus ist an dieser Stelle, laut Wacquant, ein irreführendes Gegensatzpärchen, denn aus subjektiver Wahrnehmung folgen reale Konsequenzen (2006:28). Ein objektivistischer Ansatz sieht Ethnien als real existierende, fassbare Einheiten, während ein subjektivistischer den kognitiven Prozess und eine emische Betrachtung fokussiert (Heinz 1993:262). Die Stärke kognitiver Ansätze ist dabei die Möglichkeit, Rasse, Ethnie, Nation nicht als objektive Entitäten zu begreifen, sondern in einer „nichtgroupistischen“ Weise als Perspektiven auf die Welt (Brubaker 2004). 98 Ethnie, Rasse und Nation haben deshalb Bedeutung in der Wirklichkeit, weil sie in den Perzeptionen der Menschen vorhanden sind. 99 Sie sind genauso real wie ein erzieltes Tor beim Fußball, welches nur deshalb ein Tor ist, weil der Mensch dieses Spiel mit seinen Regeln erfunden hat und es mit Spannung verfolgt (Bourdieu und Wacquant 2006:127f.; Prentiss 2003:3). Ein Tor wird nur durch seine Erfindung, die damit verbundene Bedeutungsbehaftung und durch das Spielen objektiv/subjektiv existent.
„Racialisation“ ist die Bezeichnung im Englischen für den sozialen Prozess, in dem äußeren Merkmalen Bedeutung zugesprochen wird und physische Merkmale zu sozialen Markern gemacht werden (Fenton 1999:66). Eine effektive soziale Konstruktion basiert schließlich auf einem Prozess der Naturalisierung (Scherschel 2006:72). Eine besondere Gefahr geht genau davon aus, dass Menschen Gruppen und Kategorien mit ihren ethnischen, nationalen und sogar rassischen Grenzziehungen als etwas Natürliches empfinden. Die drei kollektiven Identitäten werden damit auch als etwas Konstantes, Essentielles empfunden, was so weit reicht, dass ihre Konstruiertheit von den Identitätsträgern nicht gesehen wird und man die jeweiligen der Identität zugeschriebenen Charakteristika als objektiv vorhanden wertet.
Im Rassismus findet also ein gefährlicher Prozess der Amalgation von natürlichen und sozialen Elementen statt, der subjektive Kriterien objektiviert (s. auch Hund 2007:15). 100 Rassen sind vor allem das Resultat dieses Konstruktionsprozesses, welcher in Kombination mit Beobachtungen,
Interessen und Vorurteilen stattfindet (Hund 1999:9). Der Prozess der Naturalisierung von Identität erzeugt in der Konsequenz einen Glauben an die absolute Validität (Objektivität) eben dieser Identität. Die jeweilige Kontextabhängigkeit und damit auch die Subjektivität (bzw.
98 Mit „groupistisch“ meint Brubaker (2004) eine Sicht auf Gruppen als homogen.
99 Zur Abhängigkeit von Erleben und Identität s. Fay (2003:11).
100 S. Konzept der Intersubjektivität in Fay (2003:210ff.).
60
Intersubjektivität) der eigenen Zuschreibung von Identität bleibt dem Träger in der Regel
verborgen. Die Einheiten sind nicht genau festgeschrieben und zudem kann sich die Zugehörigkeit schließlich in historischen Prozessen ändern. In Nordamerika wurden beispielsweise Iren und Spanier zunächst nicht als Teil der
weißen Rasse
wahrgenommen, doch nach längerer Interaktion auf einem gemeinsamen Territorium
wurden
sie
weiß.
Gleichsam wurden auch die Italiener, in Australien anfänglich als eine minderwertige
Rasse
angesehen, später zu
Weißen
(Hund 2007:68f.). Mit der Eingliederung sowie dem Auftreten einer anderen,
minderwertigeren
Gruppe veränderten sich die Modalitäten der In-/Exklusion. In Hinsicht auf ihre Inkorporation in eine gemeinsame
Rasse
wird klar, dass die Kriterien auf subjektiven Charakteristika beruhten. Allerdings finden sich Unterscheidungskriterien ähnlicher Art auch
noch in der heutigen Welt, und wir nehmen diese ebenso als objektiv wahr, da wir uns innerhalb von Bedeutungs- und Klassifikationsschemata bewegen, die diese bereitstellen. Menschen glauben generell, dass sie etwas über die Natur von Asiaten, Afrikanern etc. wüssten (Ratcliffe 2004:7). Ein solcher Glaube basiert auf als essentiell empfundenen Kriterien und homogenisiert Bewohner ganzer Kontinente.
Auch die Permanenz von Ungleichheit führt zu einer verstärkten Wahrnehmung ihrer als natürlich (Malik 1996:70). Wächst man in einer Nation mit den Grundwerten Freiheit und Selbstbestimmung auf, so empfindet man diese genauso als natürlich, wie die Menschen, welche in einer Monarchie leben, diese als selbstverständlich empfinden können (Todorov 1994:35). Richtig oder falsch kann schließlich nur anhand der eigenen Maßstäbe gemessen werden (Todorov 1994:39). 101 Diese werden bereits in der ersten Sozialisation/Akkulturation, wenn dem Individuum Bedeutungen durch (kulturelle) Klassifikationen vermittelt werden, geprägt. In diesem Prozess lernt es aber auch, was ein Y charakterisiert und was es von einem U unterscheidet, insbesondere aber in welchen Situationen ethnische Kategorien machtvolle Werkzeuge der Stratifikation sein können (Jenkins 2008:61). Es lernt sogar zwischen gewünschter und ungewünschter Identität, Klassifizierung und Benennung sind schließlich stets verknüpft, zu unterscheiden (Heinz 1993:115).
So ist der erste Schritt zur Gruppenwerdung ein kollektiver Name, so Smith, wobei Namen wie Talismane besondere Macht besitzen und ihre mythische Qualität viel wichtiger ist als ihr tatsächlicher Gebrauch (2007:22f.). Benennung ist auch ein Schritt dahin, ein subjektives Bewusstsein zu intersubjektivieren. Es erfolgt unter anderem eine Bildproduktion, in der
101 Vgl. Ethnozentrismus der Universalisten.
61
bestimmte Eigenschaften einer Gruppe imaginiert und attribuiert werden, wobei negative Zuschreibungen der Outgroup vorbehalten sind (Scherschel 2006:143f.). Durch die Zuschreibung von Bedeutung zur kollektiven Identität wird diese in der Regel reifiziert und „objektiver Determinant von Verhalten“ (Spencer 2006:87). So sieht Malik die Option einer Differenzierung als Prämisse für die Idee der Objektivierung (1996:2).
6.1 Authentizität vs. Ethnogenese
„It is […] expected that the races in the next century will include some human groups that do not exist today while many of the existing races may disappear“ (Vidyarthi 1983:53).
Ein Teil der Prognose Vidyarthis, nämlich die Reduktion der Anzahl von „races“, einige entstehen und viele verschwinden, hat sich nicht bewahrheitet. Den wichtigeren Teil nämlich, dass Gruppen generiert werden und nur bedingt von Dauerhaftigkeit sind, sehe ich als zeitlose Konstante an. Rassenkonstruktion umfasst nicht nur eine Zuschreibung, sondern die Konstituierung der Gruppe selbst. Die Gruppe wird dabei weniger entdeckt, wie bereits erläutert, sondern als „als solche entworfen“ (Scherschel 2006:145). Erfindung und Rekonstruieren sind wesentliche Bestandteile kollektiver Identitäten (siehe z. B. Pasch 199:64f.). 102 Vorstellung stellt einen zentralen Teil jeder Agency dar und ist als sozialer Fakt die „Schlüsselkompetenz einer neuen Weltordnung“, so Appadurai (2003:30). Muslime in Bosnien nähmen die Identität „Muslim“ an, obwohl sie sich durch keine besonders große Religiosität auszeichneten (Smith 2007:23). Demgegenüber beziehen die Serben ihre Identität zum einen aus der Opposition zu den Muslimen, zum anderen aus der damit verknüpften, längst vergangenen Geschichte. Die gemeinsame Opferrolle und die Niederlage gegen die Osmanen bietet eine Erinnerung mit mythischem Charakter. („We lost in 1389“ s. Eriksen 2001:58). Wenn erstmal ein Gruppenbewusstsein da ist, kann man kulturelle Differenzen, eine gemeinsame Geschichte und weitere Marker erschaffen (Smith 2007:31).
Ethnogenese bezeichnet die Entstehung einer Ethnie und die Elemente ähneln dabei dem Nationbuilding, sind teilweise sogar deckungsgleich. Der Terminus ist allerdings missverständlich, denn er erweckt den Eindruck eines Anfangs und eines Endes im Sinne der Fertigstellung einer Ethnie. Zum einen müsste man klären, ab wann eine Ethnie eine Ethnie ist. Selbst wenn man eine Deklaration als Ausgangspunkt nähme, haben doch fließende Prozesse zu dieser geführt. Zum anderen wäre die Behauptung, dass eine Ethnie „fertig“ im Sinne von einer
102 „Some druidic beliefs had never been held at all“ (Morgan 2007:43).
62
sich nicht verändernden Gruppe sei, ahistorisch und bedeutete eine starke Verdinglichung. Erst Kategorisierungen bestimmen, was als authentisch erachtet wird und deshalb die Essenz einer bestimmten Identität darstellen soll. Authentizität und Abgeschlossenheit kollektiver Identität sind in der Regel Kernbestandteil der Identifikation (s. auch Brosius und Polit in Begutachtung).
Anfang des 20. Jahrhunderts boten ethnographische Bilder dem Leser eine banale Zusammenfassung der Menschen der Welt (siehe z. B. Spencer 2006:17). Insbesondere durch den Versuch der Kolonialphotographie, eine besonders exotische Welt zu zeigen, erfolgte eine Verfremdung der inszenierten Menschen. Muecke betonte 1982, dass der Diskurs um Ethnie, welche Abstammung, Zeremonien, Mythen und Totemismus als Fokus hätte, einen Anderen kreierte, der als unabhängig von Beobachter und Zeit wahrgenommen wurde (Spencer 2006:19). Das Problem einer authentischen Beschreibung von Kultur und damit auch von Ethnizität lässt sich dabei leicht anhand der Mead-Freeman Kontroverse, aber auch an zahlreichen anderen Wiederholungsstudien, erkennen. Zum einen zeigt sich die Subjektivität des Forschers und zum anderen das Problem der Konstruktion des Forschungsobjekts und seiner Verdinglichung. Ethnografien besitzen nicht nur die Macht der Repräsentation gegenüber dem Leser, sondern können auch Konsequenzen für das Selbstbild der Anderen und des Forschers haben (Koepping 1987). Der Einfluss äußerer Faktoren auf die jeweilige Gruppenbildung ist schließlich variabel. Eine Gruppe kann sich auch allein aufgrund externer Zuschreibung (Kategorisierung) als solche wahrnehmen, wie es in vielen afrikanischen Ländern der Fall war. Eine Konfrontation mit dem Anderen filterte in zahlreichen Fällen weltweit erst eine distinktive Identität heraus. Viele Ethnonyme, die noch heute in Gebrauch sind, hatten zunächst keine andere Bedeutung als „Wir sind Menschen von hier“ (Elwert 1989:16). 103
Von einem konstruktivistischen Standpunkt aus ist die Frage nach Authentizität ohnehin obsolet, umgekehrt stellt sie für primordiale Ansätze ein Problem dar. Eine dominante Version von Kultur reifiziert, fixiert und deklariert ihre Interpretation von Ethnizität und Nationalismus als authentisch und benutzt diese politisch (Eriksen 2001:46; Özkırımlı 2000:18). Nicht alle Einteilungen/Ideen von Identität können hierzu von den Primordialisten akzeptiert werden, denn dies würde auch die Zersetzung ihrer eigenen Kategorien bedeuten und damit ins Paradoxe führen. So muss der Primordialismus zwangsläufig auch behaupten, es gäbe konstruierte bzw. weniger natürliche Einheiten. Ohnedies wäre kein Nationsgedanke möglich und man würde gleichzeitig Sezessionsgedanken forcieren. Während Gruppen, die nach Autonomie streben, ihre
103 s. Bedeutung von „Kanake“.
63
Kohärenz und Homogenität betonen, fechten nationale Eliten deren Authentizität an und betonen die innere Heterogenität der Bewegungen („Teile und beherrsche“) (Grossberg 1996:89). Um Eigenständigkeit/Autonomie zu proklamieren, ist es ohnehin nicht ausreichend, sich nur in einem einzigen Punkt zu unterscheiden (Brass 2003:16).
Robins empfindet die Ermutigung der Proliferation kleinerer nationaler Gruppen in Osteuropa (geographisch) durch einige westeuropäische „observer“ im Namen kultureller Authentizität als „perverse interest“ (1996:75; s. auch Pasch 1999:73). Eine Reaktion auf Globalisierung und Migrationswellen ist eben die Verlockung, das, was als authentisch und traditionell empfunden wird, zu konservieren (Pandey und Geschiere 2003:22).
Doch die Vergabe des Prädikats „authentisch“ stellt eine faktische Unmöglichkeit dar, die Ethnologie hat sich schon lange von der Vorstellung von räumlich und kulturell abgeschlossenen Gemeinschaften getrennt (Brown 2005:51). Es gab nie eine „Aboriginality“, denn dies setze Authentizität/Reinheit/Ursprünglichkeit voraus. Trotzdem wurde tatsächlich noch in den Neunzigern in Australien diskutiert, ob man Ansprüche nicht mit Bluttests überprüfen sollte (Spencer 2006:140). Die Tatsache, dass es immer Kulturkontakte zwischen Afrika und Europa und damit auch Vermischung von kulturellen Elementen, aber auch exogame Ehen gab, wurde und wird im rassistischen Diskurs meist ausgeblendet (Hund 2007:87). Kulturelle Verhaltensweisen etc. können deshalb nur bedingt zugeordnet werden, weil Prozesse der Vermischung bzw. Kreolisierung und Adaption permanent stattfinden. Die Zertifizierung als „indigen“, unabhängig von ihrer Schwierigkeit in vielen Teilen der Welt, kann durch die Fixierung 104 auch zu einer „Verfremdung/Entfremdung“ im Sinne von Said (1994) führen. Heritage ist schließlich immer verhandelbar und die Frage, wem welche Traditionen gehören, selten eindeutig (Brown 2005:51; s. auch Brosius und Polit in Begutachtung).
Authentizität verbunden mit dem Gedanken von Reinheit, bzgl. kultureller Identität, hat einen bitteren Beigeschmack. Die Vision von der Übereinstimmung von Volk, Religion und Sprache kann versucht werden in die Praxis umzusetzen und bekommt oft einen repressiven Charakter (s. Hanf 1999:388). Optionen zur Eliminierung unerwünschter Elemente reichen vom Sprachverbot bis zum Genozid. Durch die Einteilung in „authentisch“ und das, was es nicht ist, schafft man nicht nur Abgrenzung in Form von Verfremdung, sondern schließt auch aus. Man stelle sich vor, wie eine Einteilung geschaffen wird in die „Eliteindigenen“, welche sich auch so nennen dürfen
104 Mit Fixierung meine ich die Festlegung einer authentischen Essenz der Ethnie.
64
und die „Möchtegernindigen“ 105 Nicht nur politische Interessen können an dem Etikett „authentisch/ethnisch“ hängen, in zunehmendem Maße werden Identitäten auch kommerzialisiert. Ein Urteil über authentisch bzw. distinkt kann fundamentale Folgen haben. Produkte, als „indigen“ klassifiziert, erzielen wesentlich höhere Gewinne. Ethnie™ ist ein Akteur auf dem Markt und Kultur eine Währung. Je exklusiver die Ethnie, umso profitabler ist diese. Von handgefertigten Waren bis zur Erlebnisreise und Ritualen bietet der Kulturmarkt eine Palette von Angeboten, infolgedessen werden Traditionen eingefroren oder weiter verändert und als authentisch verkauft. Die Konsumenten können dabei nicht zwischen neuer und alter Erfindung unterscheiden und akzeptieren das gekaufte Produkt gerne als authentisch, ethnisch und exotisch (s. Thompson und Tambyah 1999:218,237). Die Veränderbarkeit der ethnischen Kategorie spielt hier keine Rolle, denn durch das Eingeständnis dieser würden die mit der Authentizität verknüpften Ansprüche ihre Glaubwürdigkeit verlieren (Inauthentitizität) (Fishman 1985:9). Die Plausibilität kollektiver Forderungen steht im Gegensatz zu der Dynamik und Veränderbarkeit kollektiver Identität. „Groupness ist not a constant, but a variable […]“, denn sie variiert nicht nur von Gruppe zu Gruppe, sondern auch zeitlich und situativ (Brubaker
2004:4). Ihre Erscheinungsform hängt immer von den Inklusions- und Exklusionsmechanismen ab, wobei die zugrundeliegende
Ideologie ethnischer Differenz
zur Privilegierung und Schaffung von Solidarität beiträgt (Banton 1983:10).
Es sollte also nicht vergessen werden, dass die Bedeutung des Andersseins sich permanent verschiebt (Spencer 2006). Insbesondere die Identität der Anderen ist wenig fixiert, denn nur so kann sie verschiedene heterogene Merkmale vereinen (Spencer 2006:120f.). So muss der signifikante Andere, der Andere, der im Obstladen arbeitet oder einem im Urlaub begegnet, nicht mit dem generalisierten Anderen identisch sein (Nassehi 2004:52). Dem Signifikanten wird nämlich ein Maß an Individualität zugestanden, die dem generalisierten Anderen verweigert wird. Zwar bleibt der signifikante Andere keinesfalls unberührt von stereotypischen Vorstellungen, er mag sogar als Repräsentant wahrgenommen werden, jedoch wird sein Verhalten, wenn es dem Gruppenbild widerspricht, nicht dazu herangezogen, dieses homogene Bild generell zu hinterfragen.
Authentizität und Ursprünglichkeit sind fehlgeleitete Konzepte, auch weil Identifikation schon von Beginn an von Ambivalenz gekennzeichnet ist (Hall 1996:3), da am Anfang einer jeden Kultur die Abspaltung von einer anderen Kultur steht (Papastagiadis 1997:270). Dass
105 Hier lassen sich die gleichen Argumente wie im Falle von Sonderregeln (5.2.1) anbringen.
65
Ethnogenese ein unbewusstes Phänomen sein kann und ihr Produkt als authentisch wahrgenommen wird, wird vor allem durch Internalisierung und Naturalisierung ermöglicht.
6.2 Alltägliche Praxis: Kern der Naturalisierung/Internalisierung
Kollektive Identität speist sich in erheblichem Maße aus Habitus und Ritualen. Schon Montaigne betonte, dass vieles, was unangefochten bleibt, auf Gewohnheit basiert, und stellte dabei die Frage, ob Vernunft von Gewohnheit abkapselbar sei und auch Pascal erkannte, dass man zwar denke, dass Ideen Folge angewandter Rationalität sind, diese aber in Wahrheit ein Produkt von Bräuchen und Gewohnheit seien (Todorov 1994:32ff.; s. auch Bourdieu und Wacquant 2006:161).
Ethnizitäten äußern sich nicht nur in konkreten Beziehungen, sondern in den Modi unseres Denkens und Handelns (Cornell und Hartman 2007:191). Das wahre Problem, nämlich nicht, wie sie gemacht wird, sondern wie sie erhalten wird, lässt sich durch eine Betrachtung der Praxis lösen (Bauman 1996:23). „All acts of ethnic expressions can be explained in terms of lived experience, habitual practices that produce codes and inscribe meanings onto the body and psyche of the individual“ (Spencer 2006:102). Verhaltensweisen, ästhetisches Empfinden und Glauben machen einen Großteil unseres Empfindens bezüglich Identität und Differenz aus (Spencer 2006:26), womit ein erheblicher Teil der Identifikation aus dem Habitus erwächst. Dieser ist Produkt aus Sozialisation und Eingliederung der Lebenserfahrung und kann zugleich als „Handlungs-, Wahrnehmungs- und Denkmatrix“ funktionierten, welche wiederum das Erleben der Welt konditioniert (Wacquant 2006:39, Jenkins 2008:60). Er wirkt von innen heraus auf Akteure, erzeugt Strategien, neuen Situationen zu begegnen, und integriert dabei vergangene Erfahrungen (Wacquant 2006:39; s. auch Heinz 1993:135). Soziales Handeln ist deshalb durch die Erinnerung konditioniert und stellt „internalisiertes praktisches Wissen“, dessen sich der Akteur in der Regel nicht bewusst ist, dar. Scherschel sieht Habitus als ein „Kondensat historischer Prozesse“, das „kollektiv generierte Vorstellungen“ tief ins Bewusstsein prägt und so die Sicht auf die Welt vorgibt. Rassismus sei dabei eine der möglichen „Wahrnehmungs- und Beschreibungsoptionen“ des Anderen, die sich aus den historischen Prozessen ergäben (Scherschel 2006:62). Die Geschichte des Individuums und die der Gruppe machen die Einflüsse aus und sind Teil des Habitus (Spencer 2006:102).
66
Das Konzept des Habitus ist der Versuch insbesondere Foucaults und Bourdieus, die theoretische Kluft zwischen Agency und Struktur in der Analyse von Ethnizität zu überwinden und diese miteinander zu verbinden (Bourdieu und Wacquant 2006:148ff.; Spencer 2006:104; Scherschel 2006:67). 106 Der Habitus ist darum am besten zu beschreiben als die „strukturierende und strukturierte Struktur“, die diese wiederum erzeugt (Bourdieu und Wacquant 2006:173,154f.; Rao 2007:17).
Dem Menschen wird durch die alltägliche Praxis ein begrenztes Repertoire an Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt. Bourdieu bestreitet hierbei nicht, dass Akteure Wahlentscheidungen treffen, sondern dass sie dies in der Regel bewusst tun (Wacquant 2006:47). 107 Wenn Bourdieu Habitus als „ein System von Grenzen“, in dem der Mensch durchaus kreativ und nicht immer vorhersehbar agiert, beschreibt, wird die direkte Verbindung zum Phänomen Identität mehr als deutlich (2005:33). So sind Mitglieder der gleichen Klasse, Kultur etc. auch einer ähnlichen Konditionierung durch den Habitus unterworfen (Bourdieu 2005:31f.; s. auch Rao 2007:17).
Das in späteren Jahren von Bourdieu eingeführte Konzept der Illusio (Bourdieu und Wacquant 2006:147-175) kann als das Produkt des Habitus und Folge der Naturalisierung bestimmter Verhaltensweisen und Identitäten gesehen werden. 108 Illusio nennt Bourdieu den Glauben an die Validität der hierarchischen Struktur, der durch Feste und andere öffentliche Veranstaltungen aufrechterhalten wird. Illusio ist also Prämisse für eine erfolgreiche Etablierung und den Fortbestand von Rasse, Nation oder Ethnie als soziale Tatsachen. Wichtigster Teil des habitualisierten Spiels auf Bourdieus „Feld“ ist schließlich, dass die Regeln von den Spielern verinnerlicht wurden, denn es kommt beim Habitus für Bourdieu insbesondere darauf an, keinen rational hinterfragbaren Bezug haben zu müssen. Durch den performativen Akt werden Normen des Diskurses wiederholt, genauso, wie der Fußballspieler die Regeln beim Spiel weiter verinnerlicht (s. auch Klein 2006:42). Zum einen ist es wichtig, zu erwähnen, dass die Beherrschten immer an ihrer Beherrschung mitwirken, zum anderen, dass dies auch aufgrund des „inkorporierten Effekts des Beherrschtwerdens“ geschieht (Wacquant 2006:46). 109 Die größte Bejahung der bestehenden Ordnung ist das Selbstverständnis, mit dem Bedingungen als natürlich
106 Ursprünglich wurde das Konzept von Mauss vorgeschlagen.
107 Dies bedeutet eine Teilablehnung von Rational Choice
108 s. auch Klein (2007:34ff.).
109 Internalisierung war schon für Hobbes, neben rationaler Einsicht und Zwang (Macht), ein Grund zur Regelbefolgung.
67
betrachtet werden, die den außerhalb eines Systems Sozialisierten als ungerecht vorkämen (Bourdieu und Wacquant 2006:105,207ff.).
Habitualisierung schafft die Dinge nämlich erst, wie sie sind, und sorgt damit für Vorhersehbarkeit in verschiedenen Situationen (Jenkins 1996:128). Diesbezüglich sanktioniert der Gruppenhabitus normalerweise Benehmen, das nicht in die als objektiv wahrgenommenen Konditionen passt. Ein solches Benehmen kann aber auch zu einer Veränderung des Gruppenhabitus führen, denn wenn sich viele der Extravaganzen annehmen, werden diese zur Normalität (Spencer 2006:103; s. Bauman 1996:35)
110
. Die Kategorien der sozialen
Wahrnehmung werden nämlich wechselseitig abgestimmt und sorgen tendenziell für den Bestand der etablierten Ordnung (Wacquant 2006:33; s. Tilly 2005:83). Die Übereinstimmung von kognitiven und sozialen Strukturen bewahrt dabei die herrschende Ordnung. Bereits Durkheim betonte dementsprechend, dass Rituale soziale Integration schaffen, indem sie ein kohärentes Weltbild erzeugen und seine Normen zelebrieren (1969; s. Rao 2006:25; s. Handler in Begutachtung). Auch Turners Communitas zeigt insbesondere, wie Festivitäten erfolgreich zur Integration der Gefühlswelt und sozialer Belange der Menschen führen können (1995; Conzen 1989:47). Besonders intensive Momente geteilter Identität stellen Hochzeiten und Initiationsrituale dar (Tilly 2005:81). Denn durch gemeinsame Erfahrung der Welt fühlen sich Gruppenmitglieder einer Gruppe verstärkt zugehörig und diese gibt wiederum der Welt Gehalt (Banks 1996:45; Pasch 1999:33). 111 Allein die Partizipation an einem Ritual kann nämlich zur Identifikation führen (Jenkins 2008:126), weshalb der Staat seine Macht insbesondere auch aus Institutionen und Ritualen wie Wahlen und öffentlichen Zeremonien etc. bezieht. Diese stiften dem Bürger schließlich ein Gefühl von persönlicher Identität und nationalem Erbe, welches aus einer ausgewählten Vergangenheit besteht (Tanabe und Keyes 2002:11).
Ein gutes Beispiel für die Kreation einer distinkten Identität sind die deutschen Einwanderer in Amerika in den vergangenen zwei Jahrhunderten. Sie besaßen weder gemeinsame politische oder religiöse Ansichten, noch kamen sie alle aus der gleichen Klasse, fanden aber trotzdem einen effektiven Weg, einen Grad an gemeinsamem „Deutschsein“ mit Hilfe von Volksfesten aufrechtzuerhalten und sich auch als ein Teil einer größeren deutschen Nation zu sehen (Cornell und Hartman 2007:240; Conzen 1989:53). Volksfeste sind jedoch neben Instrument der
110 Auch unterschiedliches Konsumverhalten als Teil und kulturelles Kapital sind vom Gruppenhabitus abhängig (Bourdieu 2005, 2006; Spencer 2006:26).
111 S. Practice Theory (Bourdieu 1977).
68
Solidaritätsschaffung auch Teil der Proklamation von Gruppenmacht und Ansprüchen und müssen auch als solche betrachtet werden (Conzen 1989:46).
Kollektive Identitäten werden also durch ritualisierte Vorgänge manifestiert und erhalten, da deren Bestätigung essentiell bleibt. Auch wenn nicht alle Menschen an Ritualen partizipieren, ist die Teilnehmerzahl in der Regel suffizient, um soziale Realität zu schaffen (Jenkins 1996:145f.). Regierungen können dabei strategisch auf den Habitus einwirken, indem sie ihre Vorstellung in das Leben der Bevölkerung inkorporieren. Gemeinsame Identität wird von ihnen gezielt geschaffen. In Thailand wird beispielsweise seit dem Jahr 1938 zweimal täglich die Nationalhymne gesendet, die von der Vereinigung von „Thaiblut“ und Rasse handelt. Die Alltäglichkeit der Hymne und ihre Habitualisierung werden folglich eingesetzt, um eine Gemeinschaft zu schaffen (Tejapira 2003:272f.).
Man muss, um Identität in Interaktion zu verstehen, das Unbewusste in den Prozessen der Differenzierung explizit machen (Jenkins 2008:79). Der Habitus produziert Praktiken im kontinuierlichen Aufeinandertreffen sozialer Felder und verankert Vorstellungen (Jenkins 1996:35). Die Stärke der Identitäten hängt somit von ihrer Eingliederung in den Alltag und Internalisierung ab. Wenn eine Identität eine große Rolle in den täglichen sozialen Beziehungen spielt, determiniert sie stärker das Denken und Handeln des Identitätsträgers, und wenn ethnische Klassifikation totalitäre Züge annimmt, wird das gesamte Leben von Schule bis Beerdigung durch rassistische Einteilungen bestimmt (Cornell und Hartman 2007:215). Kleinere „ethnic dramas“ sind allerdings Teil des Alltags und der meisten Habitus, darunter zählt Fenton sowohl Rassenwitze als auch Fehlen aufgrund von Religion in der Schule (1999:15f.).
6.3 Der multikulturalistische Mythos
Gerade im deutschen Sprachgebrauch sieht man das Scheitern des Multikulturalismus als Ideologie, für das ein Neologismus sinnbildlich ist, nämlich der der Parallelgesellschaft. 112 Nicht, dass es diese nicht schon immer gegeben hätte, nur steht sie dem multikulturalistischen Anspruch einer offenen Gesellschaft entgegen. Die romantische Idee von einer harmonischen Koexistenz beruhend auf gegenseitiger Toleranz und Gleichheit, scheint, wenn überhaupt vorhanden, an vielen Orten nicht über einen gesetzlichen Rahmen hinauszugehen. Der Multikulturalismus mit seiner Propagierung von Diversität anstelle von Gleichheit revitalisiert den Rassendiskurs sogar (Malik 1996:170; Hall 2008:5f.; Sax 2002:187; Darder und Torres
112 Zur Problematik Parallelgesellschaft und Integration s. Alex (2006:16f.).
69
2004:27). Die
neue Rechte
leugnet zwar nicht, dass Differenzen kulturell generiert sind, befürwortet aber ihren Erhalt, da diese die Welt reicher machen würden (Bauman 1996:55f.).
Ethnische
Probleme erwachsen allerdings gerade aus einer Überbetonung von Differenzen, welche an die Stelle der Idee menschlicher Gleichheit tritt (Spencer 2006:117). Eine wichtige Frage sei für Brass deshalb an dieser Stelle auch, ob der moderne Staat effektiv Unterstützer von Differenz oder Gleichheit sei (2003:249). Es lassen sich schließlich einige Fälle finden, in denen Gruppen, nach Gleichberechtigung strebend, effektiv
verfremdet
wurden, und zwar gerade durch ein pluralistisches Denken, welches Differenzen zu erkennen und zelebrieren sucht (Spencer 2006:13; Hall 2008:82). Dabei bezeichnen viele Befürworter des Multikulturalismus Integrationsmaßnahmen als kulturellen Imperialismus (Kymlicka 1995:10).
Der mulitkulturalistische Mythos scheitert an einer Ansicht, die in primordialistischer Manier verschiedenen Kulturträgern eine bestimmte Substanz zuspricht und die Vorstellung verbreitet, dass man sich essentiell unterscheide (s. auch Rattansi 1993:39). Durch den Gedanken, dass man den Menschen verschiedene Räume zusprechen muss, verfestigt sich auch der Glaube an unüberbrückbare Unterschiede (Spencer 2006:121; Brubaker 2004:57ff.; Bös 2008:242). Kulturelle Differenzen werden so weniger als Produkte der Sozialisation und Umwelt, sondern schlichtweg als natürlich aufgefasst. Der Multikulturalismus zeigt die Differenzen schließlich als statisch und bietet eher einen „Zoo der Differenzen“ (Malik 1996:150). Eriksen geht sogar so weit, den Multikulturalismus mit der Apartheid 113 zu vergleichen (2001:44; Rex 1990:148). 114 Andersen sieht „Diversität“ dabei als einen Euphemismus, der sowohl gestiegene Migration, Exogamie, Dessegration sowie die gewachsene Anerkennung für ethnische Gruppen in der Gesellschaft beschreibt (2001:183).
Der in der Öffentlichkeit vertretene liberale Glaube an ein Ideal von Gender- und Rassenblindheit erlaubt gleichzeitig dem Rassismus wieder neuen Boden zu gewinnen (Andersen 2001:190). Ein Produkt multikulturalistischer Ideologien könnte trotzdem ein vorsichtigerer Umgang mit öffentlichen negativen Bildern sein, der dann aber nicht zu einem richtigen Umdenken, sondern eher zu einer Verblendung führte. In den USA lässt sich mithin beobachten, dass das Justizsystem vor 20 Jahren, vor der Einführung sogenannter „neutral policies“, vorsichtiger mit der Rassenproblematik umgegangen ist. Nun gibt es sogar mehr Ungerechtigkeit und es zeigt sich die Tendenz, dass man jetzt nicht mehr die Weißen für die
„in some fashion resembles apartheid“ (Eriksen 2004:44). 113
114 In diesem Licht kann und muss auch die Selbstreferenz Südafrikas als „rainbow nation“ gesehen werden (Møller 1999:299).
70
Benachteiligung Schwarzer verantwortlich macht, sondern die Schwarzen selbst. Während eigentlich als Ziel der Politik Gleichheit propagiert wird, erfolgt gleichzeitig eine starke Polarisierung. Weiße, welche selbst abhängig von staatlicher Unterstützung sind, neigen sogar dazu, Schwarzen die Würdigkeit für soziale Bezüge abzusprechen (Andersen 2001:190ff.; s. auch Bös 2008:244).
6.4 Diaspora
„Diaspora forces us to rethink the rubrics of nation and nationhood, while refiguring the relations of citizens and nation-states“ (Braziel und Mannur 2003:7). Menschen in der Diaspora sind alltäglich mit der Verdinglichung und der Zuweisung einer „Ausländeridentität“ konfrontiert. Oft leben sie in einem Spannungsverhältnis verschiedener kollektiver Identitäten. Obwohl Diaspora international agieren, kann man nur bedingt von Transnationalität sprechen, denn diese bedeute einen Fluss von Menschen, Waren und Ideen, welche Nationen und Nationalismus als distinkte Kategorien der Identität unterminieren, so Braziel und Mannur (2003:8). Diasporaidentitäten stellen zwar eine mögliche Form des Widerstands gegenüber dominanten Strukturen dar, müssen aber nur bedingt als solche gesehen werden (Räthzel 1997:45). Oft herrscht ein gespaltenes Verhältnis, das sich dadurch ausdrückt, dass im Kampf um Akzeptanz und ein einigermaßen angemessenes Leben der Vorwurf der Illoyalität sowohl von der neuen Heimat als auch der alten erhoben werden kann (siehe z. B. Jacobsen 2006:653). Migranten haben häufig feste Vorstellungen von der eigenen Identität, die zwar oft von denen Einheimischer abweichen, sich aber tendenziell in nationsbezogene Klassifikationsschemata einordnen lassen (s. Cornell und Hartman 2007:215; s. auch Blau und Brown 2001:231). Die Lebenswelten einer Minderheit können sich, trotz objektiver Nachbarschaft, wesentlich von denen der Mehrheit unterscheiden.
Bös sieht ein zentrales Merkmal der Diaspora darin, dass ethnische Minderheiten in Großstädten insbesondere auch Interessengruppen sind (2005:148). Das schnelle Wachstum der Städte stellt, neben Faktoren wie Kettenmigrationen, einen Grund für paralleles Leben dar, wobei das damit verbundene Gemeinschaftsbewusstsein oft erst aus der Identifikation gemeinsamer Interessen entsteht (Hanf 1999:390; s. auch Bhaba 1996:59). Diasporagemeinden und -Identitäten weisen wegen der Verschiedenheit der Migration und Migranten letztlich starke Heterogenität auf. Der unterschiedliche Bedarf an (un)ausgebildeten Arbeitern führt zwangsläufig zu verschiedenen Diaspora. Indien exportiert beispielsweise sowohl Arbeiter im Niedriglohnsektor wie z. B. nach Dubai als auch IT-Spezialisten in Länder wie Kanada oder die USA als sogenanntes „brain
71
drain“ (Appadurai 2003:32; Fenton 2003:121). 115 Die daraus resultierende Unterschiedlichkeit muss als maßgeblich dafür betrachtet werden, wie die Menschen aufgenommen werden und welche Identitäten sie annehmen.
Auch der Mythos der Rückkehr muss ganz verschieden beurteilt werden, denn im Gegensatz zum Arbeiter, der diesen evtl. zur Identitätsbewahrung braucht, gehören die IT-Spezialisten zu einer Form von Diaspora, die sich kontinuierlich im transnationalen Raum bewegt und auf die deshalb das Konzept „Diaspora“ schwer anwendbar ist. Die IT-Spezialisten bleiben durch moderne Kommunikation und Infrastruktur in ständigem Kontakt mit ihrem Herkunftsland, was sich wiederum stark auf ihre Identität auswirkt (s. auch Brosius und Polit in Begutachtung). Eine Evaluation transnationaler und Diasporaidentitäten ist nur schwer möglich. Tendenziell allerdings sind diese dünner als lokale Identitäten, oft diesen sogar beigefügt (Cornell und Hartman 2007:264). Einwanderer können kosmopolitisch sein, in der Regel führen sie aber nichtsdestotrotz ein ähnliches Leben nur mit höherem Einkommen (Hannerz 1992:243). Der Mythos der Rückkehr wird unter anderem weniger attraktiv, wenn der Heimatort ebenfalls einem Wandel unterzogen war (Fenton 2003:124). Wenn man sich von dem Gedanken einer Rückkehr abwendet, sorge man stärker für Familienzusammenführungen und für eigene gegen die „Gastkultur“ abgeschlossene Räume, so Ratcliffe (2004:67). Dies führt weniger zu interkultureller Verständigung, als vielmehr zur Errichtung unüberbrückbaren Grenzen. Zwar vermittelt der öffentliche Diskurs Gegenteiliges, jedoch sind Migranten in den meisten Fällen bereit, bestimmte Gewohnheiten aufzugeben, um sich besser zu integrieren (Hanf 1999:390; s. Brosius 2006:10). Es gilt dabei allerdings: Je inklusiver eine Ethnizität, umso einfacher ist es in der Regel für Außenseiter, sich zu assimilieren (Weitz 2003:21). Je nach Auffassung der kollektiven Identität einer Gemeinschaft und der Auffassung eines Einwanderers im jeweiligen Migrationskontext und vorgefundenen Bedingungen erfolgt eine Aufnahme schließlich zu unterschiedlichem Grad. Kettenmigrationen haben zum Beispiel die Neigung, zu einer stärkeren Referenz zur „Ursprungsidentität“ zu führen. Dies erklärt sich mit dem Sozialkapital, das sich aus der Art der Migration ergibt und auf das die Identifikation reagiert (Tilly 2005:155f.; s. auch Bourdieu 2005). Diaspora sind vor allem auch „trust networks“ (Tilly 2005:55), die auf einer gemeinsamen Erfahrung der Welt beruhen, was aber nicht für alle Diasporaidentitäten gilt. Die besonders heterogene Gruppe der Philippinos in den USA beispielsweise verachtet sich gegenseitig und generiert sogar negative Stereotype (Cornell und Hartman 2007:225).
115 Gleiches gilt für verschiedene Einwanderer in Malaysia (Fenton 1999:32f.).
72
Die Bindung an eine ethnische Identität und die damit verbundene Intensivität der Abgrenzung sind davon abhängig, wie viel Kapital im bourdieuschen Sinn die Gruppe zur Verfügung stellt, denn wenn die Gruppe wenig Kapital besitzt, neigen die Mitglieder bei Problemlösung und Interessendurchsetzung zur Überschreitung der Grenzen (Cornell und Hartman 2007:234). Rituale können in diesem Zusammenhang auch als Kapital gesehen werden, nämlich als Ressourcen, mit deren Hilfe Menschen gerade in der Diaspora ein Zuhause und Identität kreieren (Brosius und Polit in Begutachtung). 116
Dass Diasporagemeinden auch in nationalen Ökonomien ihrer Herkunftsländer eine Rolle spielen, ist allgemein bekannt. So wird das wirtschaftliche Surplus der Philippinen aus den Geldern gespeist, die an Verwandte fließen (Fenton 1999:56). Oft treten sie, neben dem finanziellen Zustrom, auch als politische Unterstützer der Nation auf. Einige Migranten und Kinder mit Migrationshintergrund werden sogar die eifrigsten Verfechter einer nationalen Vision für ein Heimatland und unterstützen separatistische Bewegungen. Nicht zuletzt deswegen werden sie oft als Unterstützer von Terroristen wahrgenommen (Elwert 1989:34f.). Die Vorstellung, dass die eigene Identität in Gefahr ist, ruft generell das Verlangen hervor, die kollektive Identität stärker zu leben und zu erhalten, wobei infolgedessen essentialistische Auffassungen verstärkt und reproduziert werden.
Während die erste Generation mit großer Wahrscheinlichkeit Sprache, Kultur und eine einen Grad an Gruppenbewusstsein erhält, finden später zunehmend Prozesse der Hybridisierung 117 statt (Cornell und Hartman 2007:222). Eine besonders interessante Form hier ist die Kanak-Sprache der Deutschtürken, die weder Deutsch noch Türkisch ist, in der die Sprecher jedoch alles ausdrücken können. Da diese Abwandlung des Türkischen in der Türkei belächelt wird, kann sie Auslöser sein, dass ein Sprecher sich weder in Deutschland noch in der Türkei akzeptiert und somit im übertragenen Sinne heimatlos fühlt. 118
Eine ähnliche Situation gilt zum Beispiel für die dritte und vierte Generation mexikanischer Immigranten in den USA, zum einen werden sie nicht als vollwertige Amerikaner akzeptiert, zum anderen sind sie „not Mexican enough“ (Cornell und Hartman 2007:224). Migrantenkinder allerdings fordern mehr Rechte vom Staat als ihre Eltern, weil es sich meistens um das Land
116 Brosius (2006) zeigt beispielsweise den Versuch, Kinobesuche zum Erhalt einer indischen Identität zu nutzen.
117 Während die Essentialisierung zeitgenössischer Kulturen und ihre Vermischung betont wird, essentialisiert das Konzept der Hybridität die in der Vergangenheit anzusiedelnden (Papastagiadis 1997:273). Ich lehne es deshalb ab, weil ohne Reinheit auch keine Hybridität gedacht werden kann.
118 Eine damit wahrscheinlich verbundene Tatsache ist, dass man als türkisches Äquivalent für „heimatlos“ auch „haimatlos“, also den deutschen Begriff in leicht veränderter Schreibweise, findet.
73
ihrer Geburt handelt. Oft werden sie jedoch aufgrund ihres Äußeren als Andere klassifiziert (Ratcliffe 2004:115). 119 Der amerikanische Autor Rodriguez, dessen Eltern aus Mexiko einwanderten, betont die Problematik des „Dazwischenstehens“, denn einerseits werde ihm auf amerikanischen Parties nahegelegt, er solle seine Kultur erhalten, wobei man sich frage, „whatever that means“, etwa „a tolerance for chili“, andererseits werde er von seinen
mexikanischen Verwandten auch nicht als Mexikaner gesehen (1989:10; s. auch Bhabha 1996). Rodriguez kritisiert dabei am Verhalten gegenüber
Minderheiten
auch „Gleichmacherei“, so seien seine Bücher in der Sektion „ethnic“ zu finden, anstelle der wirklichen Thematik nach einsortiert (Rodriguez 1989:12).
Im Jahr 1963 beschäftigten sich Glazer und Moynihan bereits in „Beyond the melting pot“ mit Problemen von Einwanderern und stellten fest, dass diese nach ein bis zwei Generationen Sprache, Sitten und kulturelle Merkmale aufgegeben hatten (Bös 2008:146). Die Verbesserung der globalen Infrastruktur und der damit verbundene erhöhte Kontakt führen jedoch zu einer Veränderung dieser Prozesse. So ist es möglich, Fernsehen in der eigenen Sprache zu sehen und Netzwerke über weite Distanzen aufrechtzuerhalten, was erheblichen Einfluss auf die Identität und den Prozess ihrer Formung hat. Banton weist darauf hin, dass man sich in verschiedenen Dimensionen in ungleichem Tempo anpasse. Diese Beobachtung bleibt zwar valide, sein Beispiel allerdings ist veraltet und heute weniger zutreffend: Im Gegensatz zur Sprache finde eine Assimilation bei den Essgewohnheiten nämlich allein aufgrund des Preises schnell statt (1982:35). 120 Im 21. Jahrhundert ist eine Angleichung im Nahrungskonsum nicht mehr notwendig, da sich in allen Ballungszentren der Welt Produkte der meisten Länder finden lassen. Die Tatsache, dass sich Integration bzw. Kreolisierung in verschiedenen Bereichen unterschiedlich schnell vollzieht, bleibt oder wird sogar verstärkt. Diaspora weisen eine offensichtliche Vielfalt an konkurrierenden, überlappenden oder additiven Identifikationen und Signifikanten auf und sind auch deshalb ein besonders interessantes Feld, um Grenzziehungen näher zu betrachten und die Allgegenwärtigkeit dieser herauszustellen.
6.5 Ethnoscapes
„By ethnoscapes I mean the landscape of persons who constitute the shifting world in which we live: tourists, immigrants, refugees, exiles, guestworkers, and other moving groups and persons constitute an essential feature of the world and appear to affect the politics of (and between) nations to a hitherto unprecedented degree.“ (Appadurai 2007: 32)
74
Zwar gab es Ethnoscapes, wie die lange Geschichte der Ghettoisierung der Juden zeigt, schon immer, doch haben die gegenwärtigen Migrationsströme eine neue Qualität, nicht nur in ihren Vernetzungsmöglichkeiten, sondern auch die große Anzahl von Menschen, die sich über verschiedene Grenzen hinwegbewegt, verstärken sie ihre Bedeutung. Wer in der Nachbarschaft lebt und wem gegenüber eine Abgrenzung stattfindet, können entscheidende Faktoren für kollektive Identifikationen sein. Oft findet allerdings keine freie Entscheidung für den Wohnsitz statt, sondern ist Konsequenz von Exklusion und Zuweisung. Der Einfluss der ethnischen Identität auf Chancen im Arbeits- und Wohnungsmarkt ist signifikant und zeigt die tragende Rolle abstammungsbezogener kollektiver Identitäten (Jenkins1996:147; Van den Berghe 1999:407; vgl. Banton 1998:216f.).
Jede Arbeitsteilung gibt automatisch eine Struktur vor (Cornell und Hartman 2007:178). Oft weist die ethnische Identität den Menschen einen Platz auf dem Arbeitsmarkt zu. 121 Versuche, Migranten durch Degradierung vom Arbeitsmarkt auszuschließen, machen diese, an die Grenzen der Legalität oder in die Illegalität getrieben, vielmehr zu praktischen, billigeren Arbeitern, die man bis zum Maximum ausbeuten kann (Spencer 2006:88). Eine Korrelation von Arbeit und ethnischer Zugehörigkeit findet sich häufig, weshalb Cornell und Hartman auch von „ethnoworkscape“ sprechen (2007:178). Die meisten Ethnoscapes basieren auf Faktoren wie Mangel an finanziellen Mitteln oder sozialer Exklusion, manchmal sind sie jedoch bewusste Entscheidungen (Cornell und Hartman 2007:182). Viele Migranten bleiben so zunächst bei Verwandten und suchen dann eine Unterkunft in der Nähe (Cornell und Hartmann 2 007:183,231).
Cornell und Hartman betrachteten die Situation von Migranten generell anhand dreier Kriterien: 1. Boundedness (wie exklusiv/inklusiv sind Arbeits- und Wohnungsmarkt für bestimmte Gruppen); 2. Exhaustiveness (inwiefern ist eine bestimmte Position nur für eine bestimmte Gruppe zugänglich (Jobmonopole)); 3. Density (wieviel gruppeninterne Interaktion findet statt). Mit diesen Faktoren lässt sich dann die Interaktion insgesamt und die Stärke der Gruppenidentität analysieren (2007:184f.). Solange zum Beispiel alle Unternehmungen, wirtschaftlicher und sozialer Natur, innerhalb der Gruppe stattfinden können, besteht keine Notwendigkeit, Gruppengrenzen im Alltag zu überschreiten, was die Grenzen damit stärkt (Cornell und Hartman 2007:235). In der Unterschicht ist die Integration in soziale Netzwerke,
75
Verwandtschaft und Nachbarschaft, wichtiger und deshalb intensiver, was aber wiederum die soziale Differenzierung stärkt (Eckert 1999:47). In Bradfort, England zeigt sich dieser potenzielle Zwiespalt, der mit den distinkten sozialen Netzwerken, die weit über gemeinsame Schulen hinausgehen, einhergehen kann. Auf der einen Seite existieren so starke interne Bindungen, auf der anderen Seite führen abgeschlossene Gemeinden oft zur sogenannten „Postleitzahlendiskriminierung“. Diese bedeutet nicht nur, dass Kinder aufgrund schlechterer Ausstattung ohnehin benachteiligt werden, sondern auch, dass bei der Jobsuche Bewerber nach Wohnort ausgesiebt werden (Ratcliffe 2004:69f.). 122 Die strukturelle Benachteiligung löst somit weitere Chancenungleichheit aus und verhindert somit effektiv sozialen Aufstieg. So zeigt sich die Abhängigkeit des Individuums von der kollektiven Identität und dem damit verbundenen Kapital. Im Fall Bradfort reproduzieren die Strukturen ungleiche Verhältnisse. Anstelle einer Vielzahl von Konfliktlinien, kann eine einzige Grenzziehung in der Konsequenz die Handlungsmacht des Individuums entscheidend beeinflussen. Andere Identitätsmarker, die entscheidenden Einfluss auf die Menschen haben, werden dabei durch eine Homogenisierung der kollektiven Identität in den Hintergrund gedrängt, womit der dominierende Identitätsmarker zu einem autonomen alles determinierendem Faktor verklärt werden kann.
7. Jenseits von Identität - aus Singular wird Plural
Multiethnizität und Rassenmischungen gibt es von Anbeginn der Menschheit (Cornell und Hartman 2007:252). Die Interdependenz von verschiedenen Identitäten und Lebensweisen ist in einer Welt, in der Inder in Mumbay teure Mangos kaufen, weil die Nachfrage unter den arabischen Länder steigt und die Profile der Hotels und Restaurants in den Großstädten zunehmend internationaler werden, vor allem eines: unbestreitbar (Appadurai 2003:36). Menschen sind mehr denn je Teil einer Welt verschiedener Identitätsnetzwerke, von denen kein einziges unbeeinflusst von anderen bleibt, sondern alle nur durch Relation bestehen. Schon mit Evans-Pritchards Beobachtung der segmentären Identität der Nuer gab es ein Umdenken in der Ethnologie, 123 insbesondere die Art und Weise der Identifikation betreffend. Eriksen weist diesbezüglich auch darauf hin, dass schon der Ausdruck „Nuerkultur“ ein großes Maß an Reifikation darstelle, von außen betrachtet gebe es diese vielleicht, doch je genauer man versuche sie zu erfassen, umso mehr verschwimme sie (2001:45f.).
122 S. „geographies of exclusion“.
123 Fission und Fusion.
76
Ethnische Identität als flexibel und mehrdimensional einzustufen ist nach Hall (2008) das Ergebnis aus den theoretischen Wendepunkten, initiiert durch Marxismus, Psychoanalyse, Linguistik, Foucault und den Feminismus (s. Räthzel 1997:42). Eine bestimmte Identität determiniert nicht automatisch das handelnde Individuum (Jenkins 2008:25), da Art und Weise der Identifikation variieren (S. Cornell und Hartman 2007:20).
124
Denn Ethnizität als wichtigster
Identitätsrahmen bedeutet ohnehin nicht die Negation anderer Variationen, Manipulationen und Verhandlungen (Jenkins 2008:81). Oft überwinden interessengebundene Identitäten primordiale Bindungen sowie traditionelle Identitäten. Individuelle Entscheidungen, die sich über die primordialen Identitäten hinwegsetzen, unbewusst oder bewusst, sowie eine Einbindung in den Prozess der Demokratisierung verringern auf diese Weise die Chancen der Instrumentalisierung einer solchen Identität, so Rösel (1999:62f.).
Dementsprechend wird Kinship gegenwärtig oft durch Wahlverwandtschaften ersetzt, wobei es für gebildete Schichten immer einfacher ist, eine feste Identität selbst zu kreieren, was darauf beruht, dass die Bildungsschicht generell eher an gemeinsame Erfahrung gebunden ist als an Traditionen. (Eckert 1999:49f.). Die Lebensentwürfe eines Geschäftsmannes in Singapur ähneln heute viel mehr denen seines Kollegen in Frankfurt, als dem Bauarbeiter einen Block weiter, auch wenn sie formal der gleichen ethnischen Identität zugeordnet werden könnten. Diese Tendenz scheint sich weiterhin zu verstärken und „[…] unsere Lebensstile und kulturelle Muster sind kaum noch lokal definierbar“ (Ottersbach und Yildiz 2004:11; s. Fay 2003:53). 125 Zu betonen ist die Pluralität von Identität und Differenz, anstelle einer einzigen Identität (Grossberg 1996:89). Jeder partizipiert in einer Ethnizität, vielleicht auch in mehreren (Jenkins 2008:15). Dies erscheint angesichts der aufgezeigten Charakteristika von Ethnizität als selbstevident. Zur abstammungsbezogenen Identität gesellen sich territoriale (regionale, lokale, globale), religiöse, berufliche etc. Identitäten, welche nicht als unabhängige Faktoren gesehen werden können, sondern nur in ihrem Zusammenspiel (Brewer 2001:35; Alex 2006:20). Damit hängt auch zusammen, dass es bis heute nicht gelungen sei, universal valide
Gruppenklassifikationsmerkmale zu finden (s. Rohrmann 2007:100).
Je nachdem, welche Kriterien zur Aufteilung man anlegt, verändert sich die Weltkarte (Rösel 1999:59). Schließlich lässt sich die Welt in vielen Dimensionen denken, dabei sind jedoch heute, laut Appadurai, fünf maßgebend: Ethnoscapes, Technoscapes, Financecapes, Mediascapes und
77
Ideoscapes (2003:25). Sie alle ergeben auch verschiedene Muster, überlappen und stehen in
intensiver Interaktion miteinander, weshalb der Glaube an die Supremität des Nationalstaats nur schwer aufrechtzuerhalten ist. X-scape meint hier natürlich nicht eine objektive Form, sondern beschreibt vielmehr ein perspektivisches historisches Konstrukt, das mit allen Landscapes zusammen die „imagined
worlds“
bildet (Appadurai 2003:25-31). Letztlich stellen Menschen sich ihre Welt auf verschiedene Weise vor und konzipieren sie in einzelne Einheiten, deren
Einzelhaftigkeit
jedoch mehr und mehr eine Illusion ist (Cornell und Hartman 2007:248). Ein zentrales Problem ist dabei die Spannung zwischen kultureller Homogenität und Heterogenität (Appadurai 2003:30).
126
Es gibt keine Gesellschaften ohne soziale Stratifikation, in der heterogene Gruppen verschiedene Positionen einnehmen (Todorov 1994:95). Trotzdem werden diese Stratifikationen in der Realität auf einfache Kontraste simplifiziert (Erikson 2001:58). Mischung und Multiplizität werden vor allem dadurch gefiltert, dass der Mensch in stabilen Kategorien der Identitätszuschreibung denkt (Cornell und Hartman 2007:261). In der Praxis aber variieren Solidaritäten und Loyalitäten (siehe z. B. Bhaba 1996:59). Dass sich relevante Teile der Menschheit anders als an ethnischen Linien organisierten, sei laut Elwert im „politischen Prozess verschüttet“ worden (1989:18).
Einzelne Gruppenidentitäten sind ohnehin komplexer geworden. Einige Identitäten werden allein durch Festivitäten wie den „St. Patricks Day“ aufrechterhalten und wecken die Imagination der Teilnehmenden, spielen im Leben jedoch nur eine sehr marginale Rolle (Cornell und Hartman 2007:214). Die moderne globalisierte Welt bietet dem Individuum ein größeres Identitäts- und Konsumptionsangebot (Darder und Torres 2004:19) und nicht ein geringeres an und dem Optimismus kultureller Imperialisten widersetzen sich vor allem kreative Mischungsprozesse und Lokalismen. Individuen sind zwar Teil einer weiten Welt, jedoch verbleiben die meisten nach wie vor in einem kleinen Gebiet (Jenkins 2008:38ff.).
Smith prophezeite schon im Jahr 1986 eine Revitalisierung primordialer Bindungen (2007:30). Eine Entwicklung, die auch Esman schon im Jahr 1977 erkannte ist, dass Ethnizität in westlichen Gesellschaften als Mobilisierungsprinzip und Konfliktlinie zunehmen werde. Ethnische, linguistische und religiöse Gruppen sind keine Relikte vergangener Zeit, sondern oft Produkte der Modernisierung (Hanf 1999:390ff.). Säkularisierung und Modernisierung mögen zwar primordiale Identitäten unterminieren, doch gehen diese oft gestärkt aus Veränderungsprozessen
126 Auch innerhalb einer Gruppe variiert die Begeisterung für verschiedene Praktiken, welche auch umstritten werden (Fenton 1999:9).
78
hervor (Rösel 1999:66; Hall 2008:63). „[M]odernity, instead of doing away with ethnicity and race as basis of identity and collective action, invigorated them“ (Cornell und Hartman 2007:250). Ottersbach und Yildiz (2004) betrachten eine Vitalisierung von Ethnizität und Religiosität „auf der Festung Europa“ als Konsequenz aus den durch die Globalisierung hervorgerufenen Prozessen, die auch damit eine gegensätzliche Tendenz hervorrufen (2004:32)
Gleichzeitig ist „die Marke Identität“ wertvoller als je zuvor, sie ist mehr wert geworden als ihr Gebrauchswert. Es ist also zu einer Fetischisierung von Identität gekommen. Außerhalb eines rein ökonomischen Kontexts der Globalisierung spricht Senghaas von einer „kulturellen Globalisierung de luxe“ (2005:258; s. auch Hall 2008:55f.; s. auch Brosius und Polit in
Begutachtung). Neben dem schicken „Ethnolook“ gibt es auch „ethnic food“ oder „ethnic“ Pflegeprodukte. Erwägenswert ist, ob in Deutschland Anglizismen verwendet werden, weil das Adjektiv „ethnisch“ andere pejorative Konnotationen aufwirft. Im Westen ist der Kommerzialisierungstrend überall ähnlich und die Unmenge an vermeintlich exotischen Produkten Teil eines
hippen
Lebensstils, bei dem mehr oder weniger bewusste Elemente
anderer Kulturen
aufgegriffen, verdinglicht und fetischisiert werden. Der Vorgang der Profanisierung von Ethnizität und Nationalität durch die Werbung ist mittlerweile ohnehin allgegenwärtig, denn diese entnimmt sie ihrem Kontext und macht eine fixierte Version für sich nutzbar. Auch in nicht westlichen Ländern erfolgen gleiche Prozesse, wenn auch in umgekehrtem Gewand. In Thailand sieht man in westliche Kleidung gehüllte Thaifrauen in der Werbung und selbst Marken aus Thailand geben sich englische Namen, um auf dem Markt attraktiver zu wirken (Tejapera 2002:203ff.). „Thai“ als Signifikant verliere dabei seinen Wert und thai werde nur noch zu einer Identität unter anderen zur Option stehenden, so Tejapera. Es folge eine gewisse kulturelle Schizophrenie und dabei sogar eine Essentialisierung des „Thaiseins“. Diese tritt beispielsweise in dem Moment auf, wenn von einer
Thaichemie
gesprochen wird. Denn wenn jemand einen komplett westlichen Lebensstil führt, inwieweit ist er dann noch thai? Um diese Frage zu beantworten, werden äußerliche Attribute wie Kleidung außer Acht gelassen und an ihre Stelle tritt das „Thaisein“ (Tajapera 2002:203ff.). Die Kommerzialisierung verstärkt dabei Stereotypisierung in jeder Hinsicht und führt zu einer Art Essentialisierung des nationalen Geschmacks (Fenton 1999:33). Tejapira (2002) sieht in Thailand sogar eine Entwicklung, in der die Konsumption eine Spaltung von Identität darstellt und damit auch eine Loslösung von nationaler Identität stattfindet. Dieser Prozess erlaube dem Individuum mehr und mehr eine Warenidentität anzunehmen (2002:208). Dabei zeige Werbung die kulturelle Schizophrenie, bei der der Versuch, thai
zu bleiben,
darin gipfelt, dass die Nationalität in den Menschen verlegt
79
wird. Man kann Adidas, Nike usw. tragen, da „Thaisein“ im Inneren ist, wobei „Thaisein“ dabei
sogar in der Werbung betont wird (Tejapira 2002:212). Auch verschmelzen verschiedene Identitätselemente, wenn z. B. der Kung-Fu-Meister „Lipton-Tee“ trinkt (Tejapira 2002:216f.).
Weil unabhängig von „Trendidentitäten“, die in der Regel nur bedingt für die Unterschichten eines Landes finanzierbar sind und die sicherlich auch Teil neuerer Identitäten sein können und unabhängig von einem Luxuskosmopolitismus, niemand nur einer einzigen Identitätsgruppe angehört kann, gehen Braziel und Mannur so weit, die Frage zu stellen, ob die Grenzen nicht die Menschen selbst seien. Multiple Grenzen „deterritorialisierten“, kreuzten sich und „reterritorialisierten“ sich in uns (2003:18; s. Sen 2006:185). 127 Den Menschen auf seine kollektive Identität zu reduzieren, nimmt ihm jegliche Individualität (Spencer 2006:22).
Brubaker legt besonderen Wert auf die Problematik der Gruppe, welche ihm zufolge immer einer starken Homogenisierung unterworfen ist. Selbst nach der Anerkennung der Flexibilität von Identität würden Gruppen immer noch als Einheiten dargestellt. Dies veranlasst ihn von „Ethnizität ohne Gruppen“ zu sprechen. Es würden zwar Gender, Klassen etc. analysiert, jedoch vernachlässige man das Konzept der Gruppe (Brubaker 2004:7). Bedeutungsvolle, im Sinne von unwiderruflichen, Grenzen zwischen Gruppen können nicht aufgebaut werden (Jacquard 1983:32). „Groupism“ nennt Brubaker dabei die Tendenz, eine eingeschränkte Gruppe als Basiskonstante und Hauptakteur für das soziale Leben zu sehen (2004:8). Brubaker verkennt jedoch, dass viele Gruppendefinitionen (z. B. bei Weber) gar keine Homogenität implizieren, da sie keine geschlossenen Grenzen haben, sondern lediglich „Gruppe“ als eine menschliche Kollektivität sehen, deren Mitglieder an die Gruppe und an ihre Mitgliedschaft glauben (s. Jenkins 2008:25). Verdinglichung und Gleichschaltung von Individuum und begrenzter Gruppe werden allerdings auch regelmäßig durch eine „Kultur gleich Ethnie“-Analogie provoziert (Eriksen 2001:44).
Ethnische oder kulturelle Gemeinsamkeiten lassen sich aus der Distanz scheinbar einfach erkennen, aus der Nähe betrachtet können sie jedoch gänzlich verschwinden (Smith 2007:2). Repräsentationen, insbesondere Stereotype, führen zu Erwartungen, die weit über die gegebene Information hinausgehen (Brubaker 2004:72). So müssen als Identitätsmarker wahrgenommene Charakteristika auf keinen wahren Begebenheiten beruhen. Jedoch werden negative Stereotype trotzdem nur in den seltensten Fällen widerlegt, da man ihre Träger in der Regel aufgrund des projizierten Stereotyps meidet (Downing und Husband 2006: 9). Brubaker ist in jedem Fall
127 S. auch „dislocated“ Identitäten (Hall 2008:10).
80
zuzustimmen, wenn er einen wichtiges Moment darin sieht, „Groupness“ nicht zu verdinglichen (2004:52; s. auch Hall 2008:70f.). Es sollen nicht alle Mitglieder einer Gruppe als Repräsentanten für alle einer Nation oder Ethnie fungieren. Denn in der Konsequenz bedeutet das auch, dass Schüler, Busreisende oder Ähnliches nicht als solche, sondern als Mitglied einer ausländischen Gruppe wahrgenommen werden (Scherschel 2006:142ff.). In den USA entkamen, aufgrund des „Groupismus“ nur wenige „arabisch Aussehende“ nach dem 11. September der Logik der Kollektivschuld (Cornell und Hartman 2007:200) und derweil verstärken Praktiken wie „racial profilings“ diese Tendenz weiter und lassen Stereotype zudem als legitim wirken (Brubaker 2004:77). Umgekehrt neigen allerdings auch Gruppen selbst dazu, sich als Stellvertreter aller zu präsentieren, um die damit verbundenen Macht zu beanspruchen. Wenn Gruppen wie die IRA oder PKK beanspruchen im Namen einer größeren Gruppe zu sprechen, muss dies hinterfragt werden (Brubaker 2004:16; s. auch Hall 2008:22).
8. Fazit: Anderssein als interaktiver Prozess
„Although they are talked about endlessly in these terms, neither ethnicity nor culture is ‘something’ that people ‘have’, or, indeed, to which they ‘belong’. They are, rather, complex repertoires which people experience, use, learn and ‘do’ in their daily lives, within which they construct an ongoing understanding of themselves and understanding of their fellows“ (Jenkins 2008:15).
All diese Faktoren zeigen, dass das Anderssein ein multidimensionaler Prozess ist, indem sowohl von außen als auch von innen kollektive Identitäten zugeschrieben, bzw. gelebt wird. Ethnizität wird in sozialer Interaktion mobilisiert (Fenton 1999:6; s. Heinz 1993:126). Kategorien und Gruppen werden durch zahllose Diskurse in fortlaufenden Prozessen geformt, sie bieten den Menschen „Imitationsmuster“, mit denen sie ihre Welt simplifizieren und organisieren können (s. Spencer 2006:92). 128 Der Symbolische Interaktionismus Jenkins’ sieht Ethnizität als flexibel und betrachtet im Gegensatz zu Barth neben der Produktion und Reproduktion der Grenzen den Inhalt der Gruppen/Kategorien als ebenso relevant (Spencer 2006:96). Der Inhalt von Kultur sei ein ebenso wichtiger Faktor, denn es bestehe ein Unterschied zwischen der Beziehung von Muslimen und Christen und einer interchristlichen (Jenkins 2008:111).
Im Prozess der rassistischen Konstruktion werden Kennzeichen der Exklusion mit Bedeutung behaftet. Während diesen Markern Eigenschaften zugeschrieben werden, werden durch diese Verbindung gleichzeitig ein Homogenisierungsprozess und damit auch das Exklusionsmoment
128 Ob von Gruppen oder Kategorien gesprochen wird, hängt von der Balance von interner und externer Definition ab (Jenkins 2008:57).
81
angestoßen. Rassismus ist dabei kein einfacher Ausschluss einer als anders definierten Gruppe, sondern ein komplexes Verfahren der Inklusion und Exklusion (Hund 2007:20f.), er ist auch ein Denksystem, welches sich durch Diskurse und Mythos in der Welt manifestiert (2007:27).
Laut Brubaker braucht die Idee des sozialen Konstruktivismus neuen Schwung, den aber bekomme sie nicht, denn sie sei zu verbreitet (2004:3). Stärken und Schwächen des Primordialismus und Instrumentalismus gilt es gemeinsam zu betrachten und anstelle diese in einer Opposition zu sehen, einen holistischen Ansatz zu benutzen. Während der Primordialismus Dynamik, Kontextabhängigkeit und Multiplität von Identität negiert, verfehlt es der Instrumentalismus, Erklärungen für Kontinuität und Passionen hinreichend zu verstehen. Stärken des einen Ansatzes sind die Schwächen des anderen, weshalb es gilt, eine Kombination beider Theorien herzustellen (Spencer 2006:3). Der Primordialismus beschreibt lediglich und erklärt nicht, so Banks (1996:39). Ein rein instrumenteller Ansatz verkennt, dass schon vor einem Konstruktionsprozess bereits Vorannahmen in der Bevölkerung bestehen (s. Cornell und Hartman 2007:211). 129 Es muss nicht zwangsläufig eine Kluft zwischen Interessenorientierung und tiefer emotionaler Bindung bestehen. Beide Identifikationsgründe sind eben nicht voneinander klar trennbar, sondern stark miteinander verwoben (Jenkins 2008:48). Anderssein als dialektischen Prozess zu begreifen bedeutet neben der Anerkennung des Interaktionsmoments Ingroup/Outgroup auch den Einbezug früherer Konzeptionen (Cornell und Hartman 2007:213). Identität ist keine Konstruktion aus dem Nichts, sondern eine Mischung aus Sein und Werden (s. Räthzel 1997:43; Hall 2008). Rassistische Bilder und Konstrukte sind auch nicht als fehlgeleitete Klassifikationen zu verstehen, sondern spiegeln oft den jeweiligen gesellschaftlichen Konsens wieder (Scherschel 2006:57), denn Rassismus ist nicht nur das Ergebnis von Indoktrination durch Propaganda (Downing und Husband 2006:18). Stereotype müssen somit nicht als fehlgeleiteter Glaube abgehakt, sondern als kognitive Strukturen untersucht werden (Brubaker 2004:72).
Gruppenzugehörigkeiten und damit Abgrenzungen verorten die Menschen in ihrer Welt. Man identifiziert sich beispielsweise als schwarz, weiß, gelb, männlich, weiblich, muslimisch, katholisch, atheistisch, Baske, Spanier oder Franzose. Einige dieser Identitäten scheinen sich auf den ersten Blick auszuschließen oder überschneiden sich offensichtlich. Alle Identitäten sind dabei immer durch ihren spezifischen Kontext der Naturalisierung von „Wir und die Anderen“
129 Nicht zu vergessen ist, wie es laut Bourdieu einige Ethnomethodologen und Interaktionisten täten, dass die „Kategorien, die sie [die Akteure] bei dieser Konstruktionsarbeit ins Spiel bringen, nicht von ihnen konstruiert wurden“ (Wacquant 2006:26).
82
geprägt. 130 Der Kern dieser Arbeit ist es, zu zeigen, dass Identität ein mehrdimensionales Phänomen ist, dessen Strukturen sich in sozialen Prozessen verändern. Identifikation kann deshalb am besten als ein nie vollendeter diskursiver Prozess beschrieben werden (siehe z. B. Hall 1996, 2008:26). Nur ein dialektisches Verständnis von Identitäten als situational, das die Pluralität und Spannungen der Diskurse und Relevanz von Interaktion und Prozess anerkennt, wird der Vielfalt der Identitäten gerecht und vermeidet starke Reifikationen. Es muss einerseits die Konstruiertheit und andererseits die Signifikanz für die Akteure, sowohl in ihrem Denken und ihrer Wahrnehmung als auch die offensichtlichen Konsequenzen der Identitäten im Alltag in eine Betrachtung miteinbezogen werden. Die Heterogenität, die sich daraus ergibt, sehe ich, als eine Bestätigung an, dass In- und Exklusionsprozesse, denn jedes Individuum befindet sich in Bedeutungsgeweben, universeller Bestandteil menschlichen Lebens sind. Die Relevanz von Ethnie, Rasse und Nation als identitätsstiftende Kategorien variiert dabei auch in Abhängigkeit von der Wahrnehmung ihrer als stabile Entitäten. Die Frage ist nicht, ob im 21. Jahrhundert Ethnizität und Rasse noch verwendet werden, denn das werden sie, sondern vielmehr in welcher Art von Ethnizität, Rasse gesprochen wird. 131 Welche Geschichten/Weltbilder werden gewählt und erzählt (Cornell und Hartmann 2007:266; s. auch Hall 2008:129)? Wie aufgezeigt, produzieren und reproduzieren kollektive Identitäten sich selbst und ein dazugehöriges Weltbild kontinuierlich. Insbesondere die Macht der Deutung spielt in diesen Prozessen eine entscheidende Rolle. Die Stärke der Phänomene Rasse, Nation und Ethnie liegt in ihrer Naturalisierung, die das Individuum dazu veranlasst, diese nicht in Frage zu stellen. Reflexion wäre, so Dittrich und Radtke, nämlich „gleichbedeutend mit dem Auseinanderfallen der Gemeinschaft und der Aufhebung der Mobilisierungswirkung ethnischer Identität“ (1990:26).
Ob Van den Berghe mit seiner polemischen Forderung nach einer Lösung für Europa, die in einer Föderalisierung kleinster Einheiten, welche zu einer Privatisierung ethnischer Identität führen soll, richtig liegen könnte, wird wahrscheinlich nie geklärt werden. 132 Eine Trennung von Politik und ethnischen Sentimentalitäten erscheint als wünschenswerte Utopie (1999:405). Denn da Ethnizität immer aus Interaktion und Abgrenzung entsteht, kann diese als ein Produkt von Politik im vereinfachten Sinn gelten, weshalb Ethnizität als von Politik untrennbar eingestuft werden muss. Der Vorschlag, „Let us bum flags, ban nationalism and banish national anthems“,
130 „Identities are human creations, existing only in the ways that we come to think about ourselves and others“ (Cornell und Hartman 2007:244; [Hervorhebung D.A.]).
131 „Race will persist in playing its traditional role of a stigmatizing signifier“ (Winant 2004:XV).
132 Ein Vorteil kleiner europäischer Gemeinschaften sei, dass sie weiterhin Einrichtungen wie das Goethe Institut führen könnten, die Wahrscheinlichkeit aber, dass sie Einheiten in andere Länder schickten jedoch gering bliebe (Van den Berghe 1999:405).
83
abgesehen von seiner Realitätsferne, erscheint auf den ersten Blick vielleicht erstrebenswert, doch kann man die Konsequenzen nicht absehen (Van den Berghe 1999:407). Klassifikationen und Identifikation sind schließlich als Teil der menschlichen Natur ubiquitär und können deshalb nicht eliminiert werden. Verliert eine Abgrenzung die Legitimität, führt das nicht zur Abwesenheit von Exklusion, sondern zu einer Verschiebung und einer damit verbundenen Priorisierung anderer Identitäten. 133 Daher bezeichnet Ratcliffe eine inklusive Gesellschaft ohne Diskriminierung auch als eine Phantasie, die weltweit nicht ansatzweise vorhanden sei (2004:166). Grenzen können schließlich potenziell, aufgrund der Flexibilität von Abgrenzungsmechanismen, überall gezogen werden (Cornell und Hartman 2007:260). 134
Das Spektrum des Rassismus reicht dabei von Konzentrationslagern bis hin zum Zwang zum Verlassen eines Flugzeugs. Nach dem 11. September erklärt Bush ganz offen einen Krieg gegen die angebliche Barbarei und arbeitet damit an einer Stärkung des Bildes von einem jeden Arabers als muslimischen Fundamentalist (s. Hund 2007:33ff.). Bush zeigt mit seinem Kampf gegen „die Achse des Bösen“, dass auch im 21. Jahrhundert Kreuzzüge, legitimiert durch Schwarz/Weiß-Dichotomien, geführt werden können. Er zeigt ein extremes Beispiel der Essentialisierung und Stereotypisierung und wie sehr die Agency der Menschen in direktem Zusammenhang mit deren vermeintlicher Ethnizität stehen kann. Die alltägliche Stereotypisierung umfasst allerdings die unterschiedlichsten Bereiche, wie Zigeunersoße, die „Zehn kleinen Negerlein“ und „stehlende Polen“, bis hin zu „Negerküssen“ (Hund 2007:108). Unbestreitbar lässt sich das Problem nicht dadurch lösen, diese von nun ab Schaumküsse zu nennen. Was wiederum auch eine Absurdität des antirassistischen Diskurses darstellt: Immerhin mögen die meisten Menschen Schaumküsse. Dass Politische Korrektheit auch seinen Teil dazu beiträgt, den rassistischen Diskurs aufrechtzuerhalten, steht außer Frage. Zwar gelten biologische Rassenkonzepte als überholt, jedoch finden sich Teile ihrer Logik in den meisten Klassifikationsschemata. 135
Um erfolgreichen Kulturdialog zu führen, dürfen die Teilnehmer vor allem nicht zu Repräsentanten einer Kultur oder Religion werden, und Stereotype müssen zuvor bewusst gemacht werden. Das, was man wahrnimmt, ist schließlich stark von dem Perzeptionsfilter Sozialisation und Umfeld „kontaminiert“, wobei ein extremer Primordialismus als weit
133 Dies kann auch bei Interaktionen innerhalb einer Gruppe passieren, weil eine Klassifikation als Mitglied unter Mitglieder weniger Relevanz besitzt.
134 „Given a decision, a boundary, and power, virtually anything can happen“ (Cornell and Hartman 2007:260).
135 Nicht zu vergessen, dass von der Antike bis heute sich Wissenschaftler mit der Korrelation von schwarzer Hautfarbe und kleinerer Gehirngröße beschäftigen (Hund 2007:107; siehe z. B. Herrnstein und Murray 1996).
84
verbreiteter „Common Sense“ eingestuft werden muss (Jenkins 2008:50). In Gesellschaften, in denen verstärkt interkulturelle Interaktion stattfindet, sind die Filter im Gegensatz in der Regel weniger stark und feste Grenzen schwieriger zu konservieren. Dies bietet die Möglichkeit von weniger exklusiven Mitgliedschaften, die weniger
auferlegte
Unterscheidungen als vielmehr selbstgewählte Zugehörigkeiten darstellen. Auch wenn Entwicklungen zeigen, dass es sich keineswegs um das Verschwinden von kollektiven Bindungen, aufgrund gefühlter primordialer Identität handelt, können durch die Vielzahl an Identitätsangeboten einzelne kollektive Identitäten weniger wichtig werden (Cornell und Hartman 2007:257ff.).
Die Begriffe „Ethnie“, „Rasse“, „Nation“ können gefährliche Implikationen haben und müssen, aufgrund ihrer enormen Kraft, Gefühle von primordialer Bindung zu mobilisieren, mit großer Vorsicht gehandhabt werden. Mögen die Konzepte zwar Phänomene markieren, so werden sie doch durch den Glauben der Menschen und dessen Internalisierung zu sozialen Tatsachen. Generell muss die Verwendung der Konzepte Ethnie, Rasse und Nation, aber auch von Identität im Singular bzgl. dessen, inwieweit diese für eine Analyse sinnvoll ist und welche weiteren Konsequenzen sie haben könnte, in jedem Kontext neu bedacht werden. Ich sehe allerdings bisher keinen Grund nicht alle drei, wenn auch mit Vorsicht, als Variationen der ethnischen Gruppe, also als der Kategorie Ethnizität untergeordnet, zu untersuchen. Eine Stärke eines solchen Ansatz ist, dass gleiche Mechanismen einfacher entdeckt werden können und Parallelen zwischen Gruppen nicht aufgrund einer festen Klassifikation übersehen werden, und zudem verzichtet man auf den latenten Eurozentrismus der Moderne, der Rasse und Nation eine Sonderstellung einräumt. 136 Abschließend betrachtet muss, für die ethnologische Analyse unumgänglich, die Einteilung von Menschen und damit die Attribution bestimmter Merkmale immer als etwas Künstliches und Simplifizierendes gesehen werden, zumal Gruppen weder homogen sind noch ein einzelner Mensch eine kohärente Identität, sondern vielmehr konditionierte Identitäten im Prozess besitzt. 137
136 „Wenn es etwas gibt, das wir alle gleichermaßen tun, so ist es die gleichzeitige Konstruktion unserer Menschen-Kollektive und der sie umgebenden nicht-menschlichen Wesen“ (Latour 2004:141).
137 Ein exzellentes Beispiel der Prozesse bietet die fiktive Geschichte von den „Alternians“ und „Landlands“ in Eders (2002).
85
9. Literatur
Alex, Gabriele 2006. Integration und Parallelgesellschaften am Beispiel von Tamilen. In Christiane Brosius und Urmila Goel (Hg.) 2006. masala.de - Menschen aus Südasien in Deutschland. Heidelberg: Draupadi, S.16-26.
Amends, Michael und Mercin Yetgins 2006. Heimat in der Fremde: Der tamilische Sri Nagapooshini Amman Tempel in Frankfurt/M. In Christiane Brosius und Urmila Goel (Hg.) 2006. masala.de -Menschen aus Südasien in Deutschland. Heidelberg: Draupadi, S.27-50. Andersen, Margaret L. 2001. Reconstructing for Whom? Race, Class, Gender, and the Ideology of Invisibility. Sociological Forum 16 (2):181-201.
Anderson, Benedict 2006 (1983). Imagined Communities. 2 nd ed. London and New York: Verso. Anthias, Floya 1992. Connecting ´Race´ and Ethnic Phenomena. Sociology 26:421- 438. Appadurai, Arjun 2003. Disjuncture and Difference in the Global Cultural Economy. In Jana E. Braziel and Antita Mannur (eds.), Theorizing Diaspora. Malden: Blackwell Publishing, pp.25-48. Arens, William 2006. Cannabalism. In Alan Barnard and Jonathan Spencer (eds.), Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. London and New York: Routledge, pp.82-83.
Ashmore, Richard D., Lee Jussim and David Wilder (eds.) 2001. Social Identity, Ingroup Conflict, and Conflict Reduction. New York: Oxford University Press.
Balibar, Etienne und Immanuel Wallerstein (Hg.) 1990. Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten. Berlin und Hamburg: Argument.
Balibar, Etienne 1990. Rassismus und Nationalismus. In Etienne Balibar und Immanuel Wallerstein (Hg.), Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten. Berlin und Hamburg: Argument, S.49-84. Banks, Marcus 1996. Ethnicity: Anthropological Constructions. London and New York: Routledge.
Banton, Michael 1983. Racial and ethnic competition. Cambridge: Cambridge University Press. Banton, Michael 1998. Racial Theories. 2 nd ed. Cambridge: Cambridge University Press. Barnard, Alan and Jonathan Spencer (eds.) 2006. Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. London and New York: Routledge.
86
Bauman, Zygmunt 1996. From Pilgrim to Tourist- or a Short History of Identity. In Stuart Hall and Paul Gilroy (eds.), Questions of Cultural Identity. London: Sage, pp.18-36. Bauman, Zygmunt 1997. The Making and Unmaking of Strangers. In Pnina Werbner and Tariq Modood (eds.), Debating Cultural Hybridity. Multi- Cultural Identities and the Politics of Anti-Racism. London and New Jersey: Zed Books, pp.46-57.
Barth, Frederik (ed.) 1998 (1969).
Ethnic Groups and Boundaries. The Social Organization of Cultural Difference.
Long Grove: Waveland Press.
Berger, Peter L. und Thomas Luckmann 1980. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt a.M.: Fischer.
Bhaba, Homi K. 1996. Culture´s In-Between. In Stuart Hall and Paul Gilroy (eds.),
Questions of Cultural
Bhaba, Homi K. 2000. Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenburg Verlag. Blau, Judith R. and Eric S. Brown 2001. Du Bois and Diasporic Identity: The Veil and the Unveiling Project. Sociological Theory 19 (2):219-333.
Bouhdiba, Abdelwahab 1983. Racism and economic and social conditions. In Unesco (ed.), Racism, science and pseudo-science. Paris: Imprimerie des Presses Universitaires de Frances, pp.125-132. Bourdieu, Pierre 1977. Outline of the Theory of Practice. Cambridge : Cambridge University Press. Bourdieu, Pierre 2005. Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zur Politik & Kultur 1. Hamburg: VSA Verlag.
Bourdieu, Pierre und Loïc Wacquant (Hg.) 2006. Reflexive Anthropologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.
Bourdieu, Pierre und Loïc Wacquant 2006. Die Ziele der reflexiven Soziologie. In Pierre Bourdieu und Loïc Wacquant (Hg.), Reflexive Anthropologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, S.95-249.
Bös, Mathias 2008. Rasse und Ethnizität. Zur Problemgeschichte zweier Begriffe in der amerikanischen Soziologie. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.
Brass, Paul R. 2003 (1991). Ethnicity and Nationalism. Theory and Comparison. New Delhi: Sage. Braziel, Jana E. and Antita Mannur (eds.) 2003. Theorizing Diaspora. Malden: Blackwell Publishing.
87
Braziel, Jana E. and Antita Mannur 2003. Nation, Migration, Globalization: Points of Contention in Diaspora Studies. In Jana E. Braziel and Antita Mannur (eds.), Theorizing Diaspora. Malden: Blackwell Publishing, pp.1-22.
Brewer, Marilynn 2001. Ingroup Identitfication and Intergroup Conflict. When Does Ingroup Love Become Outgroup Hate? In Richard D. Ashmore, Lee Jussim and David Wilder (eds.), Social Identity, Ingroup Conflict, and Conflict Reduction. New York: Oxford University Press, pp.17-41. Brosius, Christiane und Urmila Goel (Hg.) 2006. masala.de - Menschen aus Südasien in Deutschland. Heidelberg: Draupadi.
Brosius, Christiane 2006. masala.de oder die Frage nach kaleidoskopischen Identitäten. In Christiane Brosius und Urmila Goel (Hg.) 2006. masala.de - Menschen aus Südasien in Deutschland. Heidelberg: Draupadi, S.7-15.
Brosius, Christiane 2006. Happy Ends und andere Krisen: Heimat und Familienglück im Spiegel Bollywoods. In Christiane Brosius und Urmila Goel (Hg.) 2006. masala.de - Menschen aus Südasien in Deutschland. Heidelberg: Draupadi, S.69-97.
Brosius, Christiane und Karin Polit. (eds.) (unpublished). Heritage Rituals or Rituals of Heritage? Performance, Identity and Commodification on National and International Stages. Submitted to Sage: New Delhi.
Brosius, Christiane and Karin Polit. (unpublished). Introduction: Ritual, Heritage and Identity in a Globalised World. In Christiane Brosius and Karin Polit (eds.), Heritage Rituals or Rituals of Heritage? Performance, Identity and Commodification on National and International Stages. New Delhi: Submitted to Sage.
Brown, Michael F. 1998. Can Culture Be Copyrighted? Current Anthropology 39 (2):193-221. Brubaker, Rogers 1996. Nationalism reframed. Nationhood and National Question in the New Europe. Cambridge: Cambridge University Press.
Brubaker, Rogers 2003. Neither Individualism nor ´Groupism´: A Reply to Craig Calhoun. Ethnicities 3:553-557.
Brubaker, Rogers 2004. Ethnicity without Groups. Cambridge: Harvard University Press.
Butler, Judith 1990. Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. Thinking Gender. New York and London: Routledge.
Calhoun, Craig 1993. Nationalism and Ethnicity. Annual Review of Sociology 19:211-239. Caribid 2010 2008. www.caribid2010.com (15.11.2008).
Cashmore, Ellis and James Jennings (eds.) 2001. Racism. Essential Readings. London: Sage.
88
Clements, Ron and John Musiker 1992. Aladdin. Los Angeles: Walt Disney Pictures. Connor, Walker 1977. Ethnonationalism in the First World. In Milton J. Esman (ed.), Ethnic Conflict in the Western World. Ithaca and London: Cornell University Press, pp.19-44.
Cornell, Stephen and Hartmann, Douglas 2007. Ethnicity and Race. Making Identities in a Changing World. 2 nd ed. Thousand Oaks: Pine Forge Press.
Darder, Antonia and Rodolfo D. Torres 2004. After Race. Racism after multiculturalism. New York and London: New York University Press.
Dauth, Harika 2008. Die Konstruktion des Fremden. Zur Wahrnehmung der muslimischen Migranten in Deutschland und der Rolle der „Islam-Ethnologie. Cargo. Zeitschrift für Ethnologie 28:7-9. Dittrich, Eckhard J. und Frank-Olaf Radtke (Hg.) 1990. Ethnizität. Wissenschaft und Minderheiten. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Dittrich, Eckhard J. und Frank-Olaf Radtke 1990.Einleitung. Der Beitrag der Wissenschaften zur Konstruktion ethnischer Minderheiten. In Eckhard J. Dittrich und Frank-Olaf Radtke (Hg.), Ethnizität. Wissenschaft und Minderheiten. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.11-40.
Dittrich, Eckard J. und Astrid Lentz 1995. Die Fabrikation von Ethnizität. In Reinhart Kößler und Tilman Schiel (Hg.), Ethnizität und Nationalstaat. Frankfurt: Verlag für interkulturelle Kommunikation; S.23-43.
Donald, James and Ali Rattansi 1993. ´Race`, Culture & Difference. London: Sage. Downing, John and Charles Husband 2006. Representing ´Race´. Racism, Ethnicity and Media. Gateshead: Sage.
Duer, Hans Peter (Hg.). Authentizität und Betrug in der Ethnologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Durkheim, Émile 1969. The division of labor in society. New York: Free Press. Eckert, Roland 1999. Locals and Cosmopolitans. Is there a connection between “mechanical solidarity” and Xenophobia? In Theodor Hanf (ed.), Dealing with Difference. Religion, Ethnicity, and Politics: Comparing Cases and Concepts, Baden- Baden: Nomos, pp.47- 54. Eckstein, Barbara 1995. Ethnicity Matters. American Literary History 7 (3):572-581. Eder, Klaus; Bernd Giessen; Oliver Schmidtke und Damian Tambini 2002. Collective Identities in Action. A sociological approach to ethnicity. Hampshire: Ashgate Press.
89
Eriksen Thomas H. 2001. Ethnic Identity, National Identity and Intergroup Conflict. The Significance of Personal Experiences. In Richard D. Ashmore, Lee Jussim and David Wilder (eds.), Social Identity, Ingroup Conflict, and Conflict Reduction. New York: Oxford University Press, pp.42-68. Esman, Milton J. (ed.) 1977. Ethnic Conflict in the Western World. Ithaca and London: Cornell University Press.
Esman, Milton 1977. Introduction. In Milton J. Esman (ed.), Ethnic Conflict in the Western World. Ithaca and London: Cornell University, pp.11-17.
Evans-Pritchard, Edward E. 1978. Die Nuer im südlichen Sudan. In Fritz Kramer und Christian Sigrist (Hg.), Gesellschaften ohne Staat. Bd. 1: Gleichheit und Gegenseitigkeit. Frankfurt am Main: Syndikat, S.175-200.
Fay, Brian 2003. Contemporary Philosophy of Social Science. Oxford: Blackwell Publishing. Featherstone, Michael (ed.). 1992. Global Culture. Nationalism. Globalism and Modernity. London: Sage.
Fenton, Steve 1999. Ethnicity. Racism, Class and Culture. Houndsmill: Macmillian. Fenton, Steve 2003. Ethnicity. Cambridge: Politiy-Blackwell Publishing. Fishman, Joshua A. (ed.) 1985. The Rise and Fall of the Ethnic Revival. Berlin: Mouton.
Geertz, Clifford (1973) 1994. Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Gellner, Ernest 1988. Culture, identity and politics. Cambridge: Cambridge University Press.
Gobineau, Arthur de 1901. Menschenracen (Bd. 4). Stuttgart: St. Frommanns Verlag. Gökalp, Ziya 1976 (1923). Türkçülüğün Esasları. Istanbul: Milli Eğitim Basımevi.
90
Hall, Stuart, and Paul Gilroy (eds.) 1996. Questions of Cultural Identity. London: Sage. Hall, Stuart. 1996. Introduction: Who Needs ´Identity´? In Stuart Hall and Paul Gilroy (eds.), Questions of Cultural Identity. London: Sage, pp.1-17.
Hall, Stuart 2008 (1994). Rassismus und kulturelle Identität. Hamburg: Argument. Handler, Richard (ed.) 2002. Excluded Ancestors, Inventible Traditions. Essays Towards a More Inclusive History of Anthropology. Wisconsin: The University of Wisconsin Press.
Handler, Richard (unpublished). The "Ritualization of Ritual" in the Construction of Heritage. In Christiane Brosius and Karin Polit (eds.), Heritage Rituals or Rituals of Heritage? Performance, Identity and Commodification on National and International Stages. New Delhi: Submitted to Sage.
Hannerz, Ulf 1992. Cosmopolitan and Locals in World Culture. In Michael Featherstone (ed.),
Global
Hanf, Theodor (ed.) 1999.
Dealing with Difference. Religion, Ethnicity, and Politics: Comparing Cases and Concepts.
Baden- Baden: Nomos.
Heinz, Marco 1993. Ethnizität und ethnische Identität. Eine Begriffsgeschichte. Bonn: Holos Verlag.
Hobsbawm, Eric J. 2004. Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780. London und New York: Campus Verlag.
Hobsbawm, Eric and Terence Ranger (eds.) 2007 (1983). The Invention of Tradition. New York: Cambridge University Press.
Hobsbawm, Eric 2007a. Introduction: Inventing Traditions. In Eric Hobsbwam and Terence Ranger (eds.), The Invention of Tradition. New York: Cambridge University Press, pp.1-14. Hobsbawm, Eric 2007b. Mass- Producing Traditions: Europe, 1870-1914. In Eric Hobsbwam and Terence Ranger (eds.), The Invention of Tradition. New York: Cambridge University Press, pp.263-307.
91
Horowitz, Donald L.1985. The Deadly Ethnic Riot. Berkeley: University of California Press. Hund, Wulf D. 1999. Rassismus: Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Hund, Wulf D. 2007. Rassismus. Bielefeld: Transcript.
Huntington, Samuel P. 1998. Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München und Wien: Europa Verlag.
Jacobson, Robin 2006. Characterizing Consent: Race, Citizenship, and the New Restrictionists. Political Research Quarterly 59(4):645-654.
Jacquard, Albert 1983. Science and racism. In Unesco (ed.). Racism, science and pseudo-science. Paris: Imprimerie des Presses Universitaires de Frances, pp.15-49. Jenkins, Richard 1996. Social Identity. London and New York: Routledge.
Jenkins, Richard 2008 (1997). Rethinking Ethnicity. Arguments and Exploration. London: Sage.
Kaupen-Haas, Heidrun und Christian Saller (Hg.) 1999. Wissenschaftlicher Rassismus. Analysen einer Kontinuität in den Human- und Naturwissenschaften. Frankfurt und New York: Campus.
Klein, Gabriele 2006. Habitus und Performanz. Oder: Wie der Habitus als generatives Prinzip Wirklichkeit hervorbringt. In Ursula Rao (Hg.), Kulturelle Verwandlungen. Die Gestaltung sozialer Welten in der Performanz. Frankfurt a.M.: Peter Lang Verlag, S.33-47.
Koester, David 2006, The Power of Insult. Ethnographic Publications and Emergent Nationalism in the Sixteenth Century. In Richard Handler (ed.), Central Sites, Peripheral Visions. Medison: The Wisconsin University, pp.8-40.
Koepping, Klaus-Peter 1987. Authentizität als Selbstfindung durch den anderen: Ethnologie zwischen Engagement und Reflexion, zwischen Leben und Wissenschaft. In Hans Peter Duerr (Hg.). Authentizität und Betrug in der Ethnologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S.7-37.
Kößler, Reinhart und Tilman Schiel (Hg.) 1995. Ethnizität und Nationalstaat. Frankfurt: Verlag für interkulturelle Kommunikation
92
Kymlicka, Will 1995. Multicultural Citizenship. Oxford and New York: Oxford University Press. Latour, Bruno 2003 (1987). Science in Action. How to follow Scientists and Engineers through Society. Cambridge: Harvard University Press.
Latour, Bruno 2004. Krieg der Welten- wie wäre es mit Frieden? Berlin: Merve Verlag. Latour, Bruno 2008. Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.
Leach, Edmund R. 1978. Über das politische System im Hochland von Burma*. In Fritz Kramer und
Lemke, Christiane 2008. Internationale Beziehungen. Grundkonzepte, Theorien, Problemfelder. München: Oldenbourg.
Mac an Ghaill, Máritín 1999. Contemporary Racism and Ethnicities. Social and cultural transformations. Buckingham and Philadelphia: Open University Press.
Malik, Kenan 1996. The Meaning of Race. Race, History and Culture in Western Society. Houndsmill: Macmillian.
Miles, Robert 1991. Rassismus. Einführung in die Geschichte und Theorie des Begriffs. Hamburg und Berlin: Argument.
Miller, David 2004. Social justice in multicultural societies. In Parijs Van Philippe (ed.), Cultural Diversity versus Economic Solidarity. Proceedings of the Seventh Francqui Colloquium, Brussels, 28 February - 1 March 2003. Francqui Scientific Library. Brussels: de boeck, S.13-32. Modood, Tariq 1997. `Difference´, Cultural Racism and Anti-Racism. In Pnina Werbner and Tariq Modood (eds.), Debating Cultural Hybridity. Multi- Cultural Identities and the Politics of Anti-Racism. London and New Jersey: Zed Books, pp.154-172.
Morgan, Prys 2007. From the Death to a View: The Hunt fort t he Welsh Past in the Romantic Period. In Eric Hobsbwam and Terence Ranger (eds.), The Invention of Tradition. New York: Cambridge University Press, pp.43-100.
Møller, Valerie. Happiness and the Ethnic Marker. The South African Case. In Theodor Hanf (Hg.), Dealing with Difference. Religion, Ethnicity, and Politics: Comparing Cases and Concepts, Baden-Baden: Nomos, S.283-303.
93
Molt, Peter 1999. Ethnicity and Politics in Sub-Saharan Africa. In Theodor Hanf (Hg.), Dealing with Difference. Religion, Ethnicity, and Politics: Comparing Cases and Concepts, Baden-Baden: Nomos, pp.83-99.
Nassehi, Armin. 2004. Die Praxis der Kulturalisierung. In Markus Ottersbach und Erol Yildiz (Hg.), Migration in der metropolitanen Gesellschaft. Zwischen Ethnisierung und globaler Neuorientierung. Münster: LIT, S.49-60.
Ethnisierung und globaler Neuorientierung. Münster: LIT, S.89-102.
Oberndörfer, Dieter Integration or Segregation. On the way to the post-national republic? In Theodor Hanf (Hg.), Dealing with Difference. Religion, Ethnicity, and Politics: Comparing Cases and Concepts, Baden- Baden: Nomos. pp.409-444.
Ottersbach, Markus und Erol Yildiz (Hg.) 2004. Migration in der metropolitanen Gesellschaft. Zwischen Ethnisierung und globaler Neuorientierung. Münster: LIT.
Ottersbach, Markus und Erol Yildiz. 2004. Einleitung: Mobilität zwischen Ethnisierung und globaler Neuorientierung. In Markus Ottersbach und Erol Yildiz (Hg.), Migration in der metropolitanen Gesellschaft. Zwischen Ethinisierung und globaler Neuorientierung. Münster: LIT, S. 11-20.
Özkırımlı, Umut 2000. Theories of Nationalism. A Critical Introdutction. Houndmills: Palgrave. Pandey, Gyanendra and Peter Geschiere (eds.) 2003. The Forging of Nationhood. Delhi: Manowar.
Papastagiadis, Nikos 1997. Tracing Hybridity in Theory. In Pnina Werbner and Tariq Modood (eds.), Debating Cultural Hybridity. Multi- Cultural Identities and the Politics of Anti-Racism. London and New Jersey: Zed Books, pp.257-281.
Pascht, Arno 1999. Ethnizität. Zur Verwendung des Begriffs im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs. Eine Einführung. München: Akademischer Verlag München.
Rao, Ursula 2006. Einleitung: Zwischen Struktur und Kontingenz. In Ursula Rao (Hg.), Kulturelle Verwandlungen. Die Gestaltung sozialer Welten in der Performanz. Frankfurt a.M.: Peter Lang Verlag, S.11-31.
Ratcliffe, Peter 2004. `Race´, Ethnicity and Difference. Imagining the Inclusive Society. Maidenhaid and Berkshire: Open University Press.
94
Rattansi, Ali 1993. Changing the Subject? Racism, Culture and Education. In James Donald and Ali Rattansi (eds.), ´Race`, Culture & Difference. London [et al.]: Sage, pp.11-48. Räthzel, Nora 1997. Gegenbilder. Nationale Identität durch Konstruktion des Anderen. Opladen: Leske und Budrich.
Rex , John 1990. „Rasse“ und „Ethnizität“ als sozialwissenschaftliche Konzepte. In Eckhard J. Dittrich und Frank-Olaf Radtke (Hg.), Ethnizität. Wissenschaft und Minderheiten. Opladen: Westdeutscher Verlag, S.141-153.
Robins, Kevin. 1996. Interrupting Identities: Turkey/ Europe . In Stuart Hall and Paul Gilroy (eds.), Questions of Cultural Identity. London: Sage, pp.61-86.
Rohrmann, Eckhard 2007. Mythen und Realitäten des Anders-Seins. Gesellschaftliche Konstruktionen seit der frühen Neuzeit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Rösel, Jakob 1999. The Clash of Civilization. A critique. In Theodor Hanf (Hg.), Dealing with Difference. Religion, Ethnicity, and Politics: Comparing Cases and Concepts, Baden- Baden: Nomos. pp.55-80.
Said, Eward. 1994 (1978). Orientalism. New York: Random House.
Sahdar, Ziauddin 1998. Postmodernism and the Other. The New Imperialism of Western Culture. London und Chicago: Pluto Press.
Sax, William S. 2002. Dancing the Self. Personhood and Performance in the Pandav Lila of Garhwal. Oxford: Oxford University Press.
Scherschel, Karin. 2006. Rassismus als flexible symbolische Ressource. Eine Studie über rassistische Argumentationsfiguren. Bielefeld: Transcript.
Sen, Amartya 2006. Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. München: C.H. Beck
Sigrist Christian 1995. Ethnizität als Selbstorganisation. In Reinhart Kößler und Tilman Schiel (Hg.), Ethnizität und Nationalstaat. Frankfurt: Verlag für interkulturelle Kommunikation; S.45-55.
Smith, Anthony D. 2007 (1986). The Ethnic Origin of Nations. Cornwell: Blackwell Publishing. Smith Anthony D. 2008. The Cultural Foundation of Nations. Hierarchy, Covenant, and the Republic. Malden: Blackwell Publishing.
Smith Laurajane (ed.) 2007. Cultural Heritage. Critical Concepts in Media and Cultural Studies. Vol. III. Hertage as an Industry. London and New York: Routledge.
95
Sollors, Werner (ed.) 1989. The Invention of Ethnicity. New York and Oxford: Oxford University Press. Spencer, Stephen 2006. Race and Ethnicity. Culture, Identity and Representation. London and New York: Routledge.
Staub, Erwin. 1993. The Roots of Evil. The Origin of Genocide and Other Group Violence. Cambridge: Cambridge University Press.
Tamir, Yael 2004. Culture and nation. In Parijs Van Philippe (ed.), Cultural Diversity versus Economic Solidarity. Proceedings of the Seventh Francqui Colloquium, Brussels, 28 February - 1 March 2003. Francqui Scientific Library. Brussels: de boeck, S.139-155.
Tanabe, Shigeharu and Charles F. Keyes (eds.) 2002. Cultural Crisis and Social Memory. Modernity and Identity in Thailand and Laos. London: Routledge Curzon.
Tanabe, Shigeharu and Charles F. Keyes 2002. Introduction. In Shigeharu Tanabe and Charles F. Keyes (eds.), Cultural Crisis and Social Memory. Modernity and Identity in Thailand and Laos. London: Routledge Curzon, pp.1-39.
Tawa, Habib 1983. Historical aspects of the question of science and racism. In Unesco (ed.), Racism, science and pseudo-science. Paris: Imprimerie des Presses Universitaires de Frances, pp.61-75.
Tejapira, Kasian 2002. Commoditisation and Consumer Identities. The Postmodernisation of Thainess. In Shigeharu Tanabe and Charles F. Keyes (eds.), Cultural Crisis and Social Memory. Modernity and Identity in Thailand and Laos. London: Routledge Curzon, pp. 202-227.
Thompson, Craig J. and Tambyah Siok Kuan 1999. Trying to be Cosmopolitan. The Journal of Consumer Research 26(3):214-241.
Tilly, Charles 2005. Identities, Boundaries and Social Ties. Boulder and London: Paradigm Publisher. Todorov, Tzvetan. 1994. On Human Diversity. Nationalism, Racism, and Exotism in French Thought. Cambridge und London: Harvard University Press.
Turner, Victor W.1995. The ritual process. Structure and anti-structure. New York: de Gruyter. Unesco (ed.) 1983. Racism, science and pseudo-science. Paris: Imprimerie des Presses Universitaires de Frances.
US Zensus: http://quickfacts.census.gov/qfd/states/06000.html (5.11.2008).
96
Van Philippe, Parijs (ed.) 2004. Cultural Diversity versus Economic Solidarity. Proceedings of the Seventh Francqui Colloquium, Brussels, 28 February - 1 March 2003. Francqui Scientific Library. Brussels: de boeck.
Vidyarthi, Lalita Prasad. 1983. One race and racism: a new look at the old question. In Unesco (ed.), Racism, science and pseudo-science. Paris: Imprimerie des Presses Universitaires de Frances, pp.51-59.
Wade, Peter 1993. ’Race’, Nature and Culture. Man 28(1):17-34.
Wallerstein, Immanuel 1992. Culture as the Ideological Battleground of Modern World System. In Michael Featherstone (ed.), Global Culture. Nationalism. Globalism and Modernity. London: Sage. Weber, Max 1980. Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. 5. rev. Aufl. Tübingen: Mohr.
Weitz; Eric D. 2003. A Century of Genocide. Utopias of Race and Nation. Princeton and Oxford: Princeton University Press.
Werbner, Pnina and Tariq Modood (eds.) 1997. Debating Cultural Hybridity. Multi- Cultural Identities and the Politics of Anti-Racism. London and New Jersey: Zed Books.
Werbner, Pnina and Tariq Modood 1997. Introduction: The Dialectics of Cultural Hybridity. In Pnina Werbner and Tariq Modood (eds.), Debating Cultural Hybridity. Multi- Cultural Identities and the Politics of Anti-Racism. London and New Jersey: Zed Books, pp.1-26.
Wierviorka, Michael 1997. Is it so difficult to be an Anti-Racist? In Pnina Werbner and Tariq Modood (eds.), Debating Cultural Hybridity. Multi- Cultural Identities and the Politics of Anti-Racism. London and New Jersey: Zed Books, pp.139-153.
Winant, Howard 2004. The New Politics of Race. Globalism, Difference, Justice. Minneapolis and London: University of Minnesota Press.
Woodward, Kathryn (ed.) 1997. Identity and Difference. London: Sage.
Woodward, Kathryn 1997. Concepts of Identity and Difference. In Kathryn Woodward (ed.), Identity and Difference. London: Sage, pp.8-61.
97
Arbeit zitieren:
Didem Aydurmus, 2008, Identität(en) - Die Problematik von Klassifikationsschemata anhand Rasse, Ethnie oder Nation, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Sprache als Mittel zur Macht - Hausarbeit zu Pierre Bourdieus Theorie ...
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit, 22 Seiten
Gouvernementalität - Zur Klärung des Begriffs
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Referat (Ausarbeitung), 14 Seiten
Motive für die Nicht-Teilnahme der EFTA-Staaten an der Europäischen Un...
Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Zur Ökonomisierung des Sozialen
Paradigmenwechsel innerhalb de...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 38 Seiten
Führungsstil: Sind Männer und Frauen anders?
Frauenstudien / Gender-Forschung
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Selbst-Sein. Zur Gouvernementalität der humanen und autonomen Schule
Diplomarbeit, 249 Seiten
Tierische Gebrauchsanweisungen Tierethik bei Kant und Schopenhauer
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Seminararbeit, 24 Seiten
Individuum, Masse und Gruppe - Abgrenzung und ihre Bedeutung für die O...
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Seminararbeit, 23 Seiten
Einheit in den Köpfen? Die politische Kultur in Ost- und Westdeutschla...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Die Webcam im Kühlschrank. Formen des Panoptismus in der heutigen Gese...
Seminararbeit, 22 Seiten
Norwegens Außen- und Europapolitik
Norwegens Rolle in multilatera...
Politik - Internationale Politik - Region: Sonstige Staaten
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Europäische Identität - Geschichte und Funktionsweisen eines Konzepts
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Clifford Geertz: Die "Dichte Beschreibung" als Methode der I...
Seminararbeit, 15 Seiten
Europäische Identität - Warum nicht?
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit, 18 Seiten
Ist Europa auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität?
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Hausarbeit, 14 Seiten
Neoliberalismus und Soziale Arbeit - Über wirtschaftliche und gesells...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 87 Seiten
Sozialstaat, soziale Rechte und Demokratie
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Diplomarbeit, 86 Seiten
Didem Aydurmus's Text Identität(en) - Die Problematik von Klassifikationsschemata anhand Rasse, Ethnie oder Nation wurde kommentiert
Didem Aydurmus's Text Identität(en) - Die Problematik von Klassifikationsschemata anhand Rasse, Ethnie oder Nation ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Didem Aydurmus hat den Text Identität(en) - Die Problematik von Klassifikationsschemata anhand Rasse, Ethnie oder Nation veröffentlicht
National Identity and Ingroup-Outgroup Attitudes in Children: The Role...
Louis Oppenheimer, Martyn Barrett
Die Umsetzung von UN-Wirtschaftssanktionen durch die Europäische Gemei...
Völker- und europarechtliche R...
Kathrin Osteneck
Con/Tradition: Louis Farrakhan's Nation of Islam, the Million Man Marc...
Louis Farrakhan's Nation of Is...
Frank Kelleter
Ausgewählte Schriften 4. Identität, Ideologie und Repräsentation
Stuart Hall, Andreas Merkens, Juha Koivisto
Nature and National Identity After Communism: Globalizing the Ethnosca...
Katrina Z. S. Schwartz
Anderen Städte IBA Stadtumbau 2010, 6
IBA Stadtumbau 2010, 6. Stadt ...
0 Kommentare