Simone Dörnen Sexualisierte Gewalt gegen Kinder in der Kirche Christentum und Kinder
SoSe 2009
Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
1. (Sexualisierte) Gewalt gegen Kinder im Alten Testament 4
1.1. Der Begriff des Kindes im Alten Testament 4
1.2. Sexueller Missbrauch von Kindern im Alten Testament 5
2. Sexuelle Kontakte mit Kindern in der Antike 8
3. Das Verständnis von Kindern im Neuen Testament 10
3.1. Die Aufwertung des Kindes durch Jesu Lehre 10
3.2. Das Verbot von sexuellen Kontakten zu Kindern im frühen Christentum 12
4. Im Spiegel der Zeit J sexueller Kontakt zu Kindern im Mittelalter bis zur Neuzeit 13
5. Sexueller Missbrauch von Kindern in der U-N Kinderrechtskonvention 15
5.1. Art. 34 der U-N Kinderrechtskonvention im Wortlaut 15
5.2. Die Bedeutung des Artikels für den Schutz der Kinder vor sexuellem Missbrauch 15
6. Sexualisierte Gewalt in der modernen katholischen Kirche 17
Res ümee und Ausblick 21
Literatur 23
Seite 2
Vorwort
In den letzten Jahren findet man Kirchen immer häufiger im Zentrum der öffentlichen Kritik. Besonders die katholische Kirche, die sich selbst gern als unerschütterlicher Fels der Moral darstellt, gerät in die öffentlichen Diskussionen. Vor allen Dingen bei Übertretungen der eigenen Regeln und Gesetze bezüglich der Sexualität wachsen sowohl Interesse der Öffentlichkeit als auch Lautstärke der Kritiker. In den letzten Jahren zeigen diese Übertretungen vor allen Dingen im Bezug auf sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen weltweit Formen. In einer Gesellschaft, in der das Wohl des Kindes als hoch geachtet und geschützt gilt, lässt sich über ein solches Verhalten in keinem Falle hinwegsehen. Auch Papst Johannes Paul II. findet scharfe Worte für die Verfehlungen der Amtsträger, wie in seiner Ansprache vom 23.04.2002 während einer außerordentlichen Versammlung von Kardinälen und den führenden Vertretern der Bischofskonferenz der USA deutlich wird. Es lässt sich feststellen, dass sich die Reaktionen der Kirche und auch die der Gesellschaft immer und ausschließlich auf die aktuellen Fälle und deren Auswirkungen konzentrieren. Um die Vorfälle jedoch vollends zu verstehen und zu beurteilen, darf man die geschichtlichen Gegebenheiten nicht außer Acht lassen. Die gravierenden Folgen für das Christentum und der immense Verlust von Glaubwürdigkeit als Religion, zu deren humanitären Grundeinstellungen die Achtung und der Schutz des Kindes vor Übel gehören, werden erst dann deutlich, wenn man sich klar macht, dass die verurteilende Einstellung der Gesellschaft gegenüber sexualisierter Gewalt vornehmlich christlicher Natur ist. Ziel dieser Ausarbeitung soll die Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder von der Antike bis zur Neuzeit sein. Dabei darf und wird das Christentum mit seiner Aufwertung des Kindes im Vergleich zum Ersten Testament nicht außer Acht gelassen werden. In einem zweiten großen Teil soll der Blickpunkt auf die aktuelle Situation gelenkt werden. Die Einstellung der breiten Öffentlichkeit zu sexualisierter Gewalt soll anhand der UN- Kinderrechtskonvention deutlich gemacht werden und auch die aktuelle Situation in der katholischen Kirche wird skizziert: Mit welchen Maßnahmen die katholische Kirche auf die Vorfälle reagiert und ob man wirklich davon ausgehen kann, dass das Kirchenrecht die Umsetzung der Kinderrechte behindert, sollen hier leitende Fragestellungen sein.
1. (Sexualisierte) Gewalt gegen Kinder im Alten Testament
Der Leser der Bibel wird im Alten Testament auf viele Textstellen stoßen, in denen man schlimmste und massivste Gewalt gegen Kinder t oft mit Todesfolge t erkennen kann. Dennoch handelt es sich bei der Behandlung der biblischen Texte um eine schwierige Aufgabe, da anachronistische Auslegungen und psychologische Interpretationen tunlichst zu veu]v ]vX D]Zo ]vP ] W}ou]l ̵u µµlW cs} Zµv :Zv hätte ein Buch über Kindesmisshandlung nicht geschrieben werden können. Wenn es möglich wäre, einen Forscher aus den siebzieger Jahren [des 20. Jhs.] in das 19. Jahrhundert zurückzuversetzen, so dass er das damalige Familienleben aus moderner Sicht betrachten lvvU Áº ºoo u]Zvo <]v ZvX^ 1 Zugleich dürfen die gewaltvollen Verhaltensmuster nicht apologetisiert werden, wie es Roy B. Zuck in seinem Werk Precious in His Sight tut, was Michel stark kritisiert. 2
Natürlich lässt es sich nicht abstreiten, dass es ebenfalls biblische Textstellen gibt, in denen Gott als Gegner von Gewalt gegen Kinder und deren Schutz auftritt, wie man an dem Beispiel der Ermordung der hebräischen Knaben (Ex 1,16) und dem Eintreten für die Waisen erkennen kann (Jes 1,17). Dennoch kann diese göttliche Unterstützung nicht über einen Satz wie Jes 9,16 cµv]vt]vµvt]ÁvÁ],]Zv]Zuv^ hinwegtäuschen oder ihn gar ungeschrieben machen. 3
1.1. Der Begriff des Kindes im Alten Testament
Um Gewalt gegen Kinder in Texten der Bibel zu orten und zu charakterisieren, gilt es zunächst, den Begriff des Kindes im Hebräischen und seinen Gebrauch im Alten Testament zu klären.
Diese Klärung des Begriffs erscheint dahingehend schwierig, als das der Begriff des Kindes im Hebräischen nicht immer an ein bestimmtes Alter gebunden zu sein scheint, sondern auch die gesellschaftliche Position des Trägers eines solchen Titels zu bezeichnen in der Lage ist, so dass die Bedeutung des Lexems Kind von einem Säugling bis hin zu einer heiratswilligen und tfähigen Person reicht; auch kann der Begriff des Kindes Mägde und Knechte miteinschließen, da hier Wert auf den Ausdruck der sozialen Abhängigkeit gelegt
1 Andreas Michel, Gott und Gewalt gegen Kinder im Alten Testament. (Forschungen zum Alten Testament 37) Tübingen 2003. S. 8
2 /v]vuhvl]ocWhy did God Command the Slaughtering of ChildrenM^vZµo]Pµl dieses mit antiquierten Behauptungen, wie Michel in GOTT UND GEWALT (S.13) anmerkt.
3 Michel, Gott und Gewalt. S. 17
wird. 4 Diese semantische Schwierigkeit liegt darin begründet, dass man sich hier in einem sozialgeschichtlichen Rahmen vor der Entdeckung der Kindheit als ein eigenes Lebensalter bewegt. 5
1.2. Sexueller Missbrauch von Kindern im Alten Testament
Sexuelle Gewalt gegen Kinder t Knaben wie auch Mädchen t lässt sich anhand von Bibelstellen nur schwer belegen; selten findet man Stellen, in denen Kinder explizit Opfer sexueller Gewalt werden. Oft werden Kinder als Opfer von Kriegen benannt in deren Folge sie getötet oder verschleppt werden, am eindeutigsten zeigt sich dies an dem Text Num 31,17-18 cNun bringt alle männlichen Kinder um und ebenso alle Frauen, die schon einen Mann erkannt und mit einem Mann geschlafen haben. Aber alle weiblichen Kinder und die Frauen, die noch nicht mit einem Mann geschlafen haben, lasst für euch am Leben!^ /v diesem Fall sind es nur die weiblichen Kinder, die verschleppt werden und den Männern des Heeres zur Verfügung stehen, in anderen Textstellen der Bibel werden sowohl männliche als auch weibliche Kriegsgefangene gemacht. 6 Kriegsgefangenschaft bringt häufig die Vergewaltigung und den sexuellen Missbrauch der Besiegten, die in den weiteren Textstellen zwar nicht immer belegt, sich aber weitgehend als gegeben annehmen lassen, wie in Klgl 5,11 deutlich wird, als die Vergewaltigungen der jungen Frauen Israels lamentiert werden. Häufig führte die Kriegsgefangenschaft auch in die Sklaverei oder die Zwangsprostitution von Mädchen und Knaben 7 . Belege für die Prostitution von weiblichen und auch männlichen Personen lassen sich im orientalischen Umfeld finden, wie man an den altorientalischen Göttinnen Tittiutti und Istar und auch der alten semitischen Astarte, die als Patronen der Dirnen fungierten 8 , schließen kann. Auch lässt die Textstelle Dtn 23,19, wo vom Hurenlohn und vom Hundegeld die Rede ist, einen Schluss auf Prostitution zu. Dennoch lässt sich hier nicht genau erkennen, ob es sich bei den Prostituierten auch um Kinder oder Jugendliche im heutigen Sinne handelt; trotzdem ist es auffällig, dass im Alten Testament ein Päderastieverbot komplett fehlt. Daraus lässt sich natürlich nicht schließen, dass Päderastie geduldet wurde, aber die wenige altorientalische Literatur, die uns erhalten ist, vermag es, ein schemenhaftes Bild über z.B. die Einstellung zur Liebe zu einem Knaben zu vermitteln: cSchenke mir Ehrfurcht, Schmeichelei und ständigen Umgang mit meinen
4 sPoXZ]̵D]ZoU'}µv'ÁoU>Æ]l}PZ]Zµv^uv]Z̵c<]v^]u Hebräischen. S.21-23
5 Andreas Michel, Sexuelle Gewalt gegen Kinder in der Bibel, in: Concilium 40 (2004), S. 289-297
6 Vgl. hierzu die Auflistung der Bibelstellen bei Michel, Gott und Gewalt gegen Kinder, S. 41-44
7 Bettina Eva Stumpp, Prostitution in der römischen Antike, Berlin 1998, S.28
8 Stumpp, Prostitution in der römischen Antike S. 96
Bei der Gewalt gegen Mädchen in der Bibel verhält sich ein Nachweis nicht weniger schwierig. Sexuelle Gewalt gegen Frauen sind den Verfassern der Schrift durchaus bekannt und auch werden Vergewaltigungen explizit erwähnt, sei es als Folge von Kriegsgefangenschaften oder z.B. bei der Vergewaltigung Dinas in Gen 34. Erschreckend in der bereits erwähnten Stelle Num 31,17-18 ist das Fehlen einer Alterseinschränkung, was einen Missbrauch von weiblichen Kleinkindern also nicht ausschließt. Schwierig wird ein Nachweis von Gewalt gegen Mädchen auch durch den semantischen Gebrauch des Wortes betula, der eine junge Frau oder ein Mädchen bezeichnet; die Spanne reicht von der heute bekannten Pubertät bis zur Heirat. Es zeigt sich, dass in den Erzählungen, wie bereits oben erwähnt, nicht das Alter, sondern der soziale Status des Opfers vorrangig ist, da eine betula rechtlich gesehen noch ihrem Vater unterstellt war. An dem Beispiel der Erzählung in 2Sam 13 lässt sich dies leicht erkennen: Die Täter- Opfer- Konstellation maßt laut Michel wie der Missbrauch einer Minderjährigen an, indem sich der ältere Halbbruder an seiner jüngeren Schwester, die hier auch als betula bezeichnet wird, vergeht. Hier scheint es weniger um das Vergehen und die sexualisierte Gewalt gegen eine Minderjährige an sich zu gehen, als um das Eindringen Amnons in den Machtbereich Davids. 12 Deutlich wird diese fehlende Solidarität mit den Opfern auch an der Tatsache, dass co]Z^&}uvƵo]]v Gewalt nicht beklagt werden, wie beispielsweise in 1Kön 1,1-4 deutlich wird. Nach der Einwilligung der jungen Frauen wird nicht gefragt, das eheliche Verhältnis t und somit die Legitimität einer sexuellen Beziehung t zählt. Es scheint also nicht um das Wohl der jungen Frauen und der vielleicht auch minderjährigen Opfer zu gehen, sondern vielmehr um die Verletzung von Rechtsansprüchen, die ein Vater bei der Entehrung seiner Tochter erfährt.
9 Michel, Sexuelle Gewalt gegen Kinder, S.292
10
D]ZoU^Ƶoo'ÁoPPv<]vU^XîõîUD]ZoÌ]]Wc^Zo(v]Zu]]vuÌv
11 Michel, Sexuelle Gewalt gegen Kinder, S.292
12 Michel, Sexuelle Gewalt gegen Kinder. S.293
Arbeit zitieren:
Simone Dörnen, 2009, Sexualisierte Gewalt gegen Kinder in der Kirche, München, GRIN Verlag GmbH
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