durch die Selbstbezüglichkeit in Paradoxie gerät. Dennoch ist die Selbstrechtfertigung die einzige Möglichkeit, um die Frage nach Wahrheit zu begründen.
Am besten erkannt man Selbstbezüglichkeit an einem Beispiel. Analysieren wir den Satz „Dieser Satz hat fünf Worte“. Es handelt sich hierbei um einen Sachverhalt auf objektsprachlicher Ebene, gleichzeitig einer Zusammensetzung aus fünf Worten, Silben und Buchstaben in Verbindung einer metasprachlichen Ebene; der Satz sagt etwas über sich aus, nämlich was er ist. Und er ist was er aussagt. Durch den Ausdruck „dieser“ lässt sich ein selbstbezogener Satz erkennen. Der Begriff „Wort“ ist selbst auch ein Wort, spricht also über sich selbst. In all diesen Fällen wird etwas bezeichnet, das Gegenstand der Betrachtung und zugleich die Betrachtung selbst ist. Man spricht von positiver Selbstbeziehung.
Betrachten wir nun ein Beispiel für negative Selbstbeziehung. Ein Schweizer sagt: „Alle Schweizer sind Lügner“. Da die Äusserung von einem Schweizer stammt, könnte man davon ausgehen, dass es sich dabei ebenfalls um eine Lüge handelt. Andererseits könnte es auch eine Ausnahme sein, da er die Wahrheit über die Schweizer sagt. Lügt er nun, dann sagt er die Wahrheit, da eben alle Schweizer lügen. Sagt er die Wahrheit, in dem er die Wahrheit sagt, dann lügt er, weil in Wahrheit alle Schweizer lügen sollten. Bei solchen Aussagen entsteht unweigerlich eine Paradoxie. Bei Begriffen, denen ihr Merkmal oder ihre Bedeutung selbst zukommt, spricht man von „prädikabel“ oder auch „autologisch“ (z.B. Das Wort „abstrakt“ ist selbst abstrakt, das Wort „dreisilbig“ selbst dreisilbig.). Im Falle des Nicht‐Zukommens von „imprädikabel“ oder „heterologisch“. Ein weiteres Beispiel für paradoxe Strukturen ist die Aussage „Keine Regel ohne Ausnahme“. Die von diesem Sprichwort formulierte Ausnahme wäre: „Es gibt eine Regel ohne Ausnahme“. Bezieht sich diese Aussage gerade auf das Sprichwort, die selbst auch eine Regel darstellt, dann entsteht eine Paradoxie. Widersprüche entstehen durch negative selbstbezügliche Allaussagen, die sich selbst negieren oder im selteneren Fall durch widersprechende Kriterien, die zu einer Doppeldeutigkeit führen. Paradoxfähig sind nur negative Selbstbeziehungen, jedoch nicht grundsätzlich alle Allaussagen oder Negationen. Angewendet auf die selbstbezügliche Erkenntnis bedeutet dies, dass Selbsterkenntniss dann vorliegt, wenn sie nicht Selbst‐ sondern Objekterkenntnis ist, und dann nicht vorliegt, wenn sie Selbst‐ und nicht Objekterkenntnis ist. Eigenschaften reichen nicht aus um ein Objekt zu erkennen, es braucht auch eine Beziehung auf die Erkenntnis, man spricht dann von Erkenntnisgegenständen. Erkenntnis ist gewissermassen die höchste Stufe und hat somit den Status der Absolutheit, was am besten an einer Allaussage zu erkennen ist.
Die Frage nach der Existenz von Wahrheit konnten wir bisweilen nicht klären. Betrachten wir nun die Aussage eines Skeptikers: „Es gibt keine Wahrheit.“ Diese These widerlegt ein Wahrheitstheoretiker wie folgt. Wäre jeder Satz falsch, so wäre auch dieser Satz selbst falsch. Also gibt es wahre Sätze, denn der Skeptiker hält zumindest seine eigenen Vorstellungen für wahr. Diese negative Allaussage lässt sich also widerlegen. Der Skeptiker hingegen muss einen Selbstwiderspruch des Wahrheitstheoretikers nachweisen. Er begründet dies mit der These, dass die objektive Feststellung, dass es Wahrheit gibt, ein Kriterium bedingt, das selbst wahre Erkenntnis voraussetzt. Da dies eine erneute Begründung dieser Erkenntnis verlangt und so weiter, entsteht ein unendlicher Regress und dadurch ist die Infragestellung berechtigt. Beide Thesen verwickeln sich folgedessen in Widersprüche, sind weder beweisbar noch widerlegbare und somit blosse Hypothesen.
Der Versuch einer theoretischen Letztbegründung mit den aufgezeigten Methoden führt stets zu den aufgeführten Widersprüchen und endet in Paradoxien, welche nicht als logisch falsch, sondern als unvermeidbar für unser Denken zu betrachten sind. Dies stellt sich bei nahezu allen philosophischen Fragen ein. Eine wahrheitstheoretische Argumentation muss deshalb in Offenheit und Unbestimmtheit bleiben, auch wenn wir durch ein unmittelbares Gefühl von der Existenz der Wahrheit überzeugt sind. 1
1 Gloy, Karen (2004): Wahrheitstheorien, Tübingen: A. Francke Verlag. Seiten 227‐253
Arbeit zitieren:
Florian Krayss, 2009, Die Selbstbezüglichkeit der Wahrheitstheorien, München, GRIN Verlag GmbH
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