3. Resilienz - eine Chance der Sozialen Arbeit? 28
3.1 Resilienzkonzept - Definition und Charakteristik 28
3.1.1 Resilienz, Bildung und Soziale Ungleichheit 30
3.1.2 Die Chance der Resilienz in der Sozialen Arbeit - Eine 30 Kritische Perspektive
4. Exkurs mit Ausblick: PISA 2006 - Ein internationaler 31 Vergleich weckt Hoffnungen 5. Kritisches Resümee 33 Literaturverzeichnis 34
II
0. Einleitung
Kinderarmut. Bei diesem Begriff verlieren sich die ersten Gedanken schnell in Richtung Dritte Welt. Assoziiert wird das Bild hungernder Kinder mit verzweifeltem Gesichtsausdruck, welche aus Sicht unseres hochentwickelten Industrielandes in unzumutbaren Umständen leben. An Deutschlands Kinder denkt dabei vorerst keiner. Vereinzelt fallen uns vielleicht die medialen Schicksalsbeiträge über Menschengruppen auf, die sich vom Mainstream unserer strebsamen Arbeitsgesellschaft verabschieden. Die Folge sind spektakuläre Bilder vernachlässigender, egozentrisch wirkender Eltern die ihren Kindern nicht das zukommen lassen, was sie eigentlich bräuchten, wie verantwortungslos. Nicht etwa strukturell-gesellschaftliches steht dabei an Gründen im Vordergrund, sondern sensationsfähiges Material, wie etwa Selbstbezogenheit und normabweichende Perspektivlosigkeit der Eltern. Kinderarmut stellt jedoch nicht nur ein individuelles oder in Entwicklungsländern vorherrschendes Problem dar, sondern ist, wie die vorliegende Arbeit darstellen wird, auch in Deutschland ein ernst zu nehmendes Gesellschaftsthema. Ein Thema, dass zunehmend in den Fokus von politischen sowie wissenschaftlichen Diskursen rücken wird, und nicht zuletzt durch PISA bereits gerückt ist. Die nun folgende wissenschaftliche Arbeit wird versuchen offenzulegen, wie ernst zunehmen die Thematik Kinderarmut in Deutschland aktuell ist und welchen Belastungen Kindern dadurch ausgesetzt sein können. Eine verantwortungsvolle Thematik und Handlungsherausforderung, welcher sich vor allem die Soziale Arbeit nicht entziehen sollte, da es sich bei armen Familien mit Kindern um eine ihrer Adressatengruppen handelt. Im Mittelpunkt dieser wissenschaftlichen Arbeit soll genauer der Frage nachgegangen werden, ob und wie sich die Armutsbetroffenheit von Kindern im Bildungsbereich äußert. Stellt sich Kinderarmut sogar als Bildungsbarriere heraus? Mit anderen Worten, stellt Kinderarmut, trotz aller Bemühungen von Sozial-, Familien- und Bildungspolitik heutzutage tatsächlich noch ein Hindernis (oder sogar mehrere Hindernisse) im Bereich der schulischen Bildung und Sozialisation dar, d.h. lassen sich gar Chancenungleichheiten aufgrund des familialen Hintergrunds feststellen? Wenn es Risiken gibt, wie sind diese in eine demokratische Gesellschaft eingebettet und kommt der Schule als Sozialisationsinstanz ebenfalls eine Rolle zu? Dies waren die zentralen, erkenntnisleitenden Fragen, die diese Arbeit begleiteten.
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Zu Beginn dieser Arbeit soll der aktuelle Armutsdiskurs aufgegriffen und das Verständnis sowie das Ausmaß von Kinderarmut Heute grundlegend dargestellt werden. Zunächst werden daher die Begriffe, welche das Thema Kinderarmut begleiten, grundlegend definiert und erläutert.
Anschließend folgt eine Darstellung des Zusammenhangs zwischen sozialen Ungleichheiten und dem Bereich der Bildung. Beginnend mit sozialisationstheoretischen Vorüberlegungen werden dann die zentralen Begriffe Bildungschancen und Bildungsbarrieren gegenübergestellt. Darauf aufbauend wird das Ursachenfeld in die zwei Sozialisationskomplexe (1) Bildungseinrichtungen und (2) Familie zergliedert und detaillierter betrachtet. Zusätzlich soll auf einen weiteren möglichen Zugang aufmerksam gemacht werden.
Zuletzt wird auf die neuere Resilienzforschung eingegangen. Hierbei soll eine Chance für die Sozialarbeit mit armen Kindern diskutiert werden. Den Abschluss dieser wissenschaftlichen Arbeit bilden ein Exkurs zur international vergleichenden Studie von PISA sowie eine kurzer resümierender Ausblick.
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1. Arme Kinder im reichen Deutschland? - Ein Überblick
Zu Beginn scheint es sinnvoll einen grundlegenden gesellschaftlich-historischen Überblick über das soziostrukturelle Problemfeld Armut darzulegen und auf Grundlegendes (sozialisationstheoretisches) hinzuweisen. Dabei sind verschiedene Begriffe zu definieren, um sich anschließend mit dem Thema Kinderarmut und Bildung auseinandersetzen, und verstehen zu können, in welchem Ausmaß Kinderarmut auf Bildungseinrichtungen zukommt. Es soll gezeigt werden, dass Armut ein weitreichender, seit Mitte der 70er Jahre wieder viel diskutierter Begriff ist und nicht alle in Armut lebenden Menschen das gleiche Schicksal teilen. Es wird versucht zu verdeutlichen, dass Kinderarmut und Elternarmut eng miteinander verknüpft sind, Kinderarmut jedoch ein eigenes spezifisches Phänomen darstellt, was sich in Ausmaß und Qualität unterschiedlich darstellen kann, mit anderen Worten, dass sich elterliche und kindliche Lebenslagen als different erweisen können, da Kinder u.a. besondere Bedürfnisse und Handlungsziele haben. Das heißt, es wird nicht mehr selbstverständlich davon ausgegangen, dass Kinder und Jugendliche auf die gleiche Weise Armut erleben wie ihre Eltern. (vgl. Merten 2005, S. 149).
1.1 Dimensionen und Struktur von Kinderarmut Heute
Bereits vor dem ersten nationalen Armuts- und Reichtumsbericht ist Armut wieder vermehrt in den Fokus der (Fach-)Öffentlichkeit gerückt. Doch erst durch dessen umfangreiche Bestandsaufnahme wurde jede vorherige Debatte um Armut und soziale Ausgrenzung in Deutschland fundiert und dadurch gleichzeitig intensiviert. Die entscheidende Erkenntnis des Berichts: Armut im reichen Deutschland hat sich wesentlich verändert. Den bisherigen benannten Armutsgruppen wie etwa Randgruppen, alte Menschen, Behinderte, Obdachlose etc. sind neue und zahlenmäßig größere Gruppen von ,neuen‘ Armen hinzugetreten. Zu den ,neuen‘ Armen zählen jetzt Erwerbslose mittleren Alters, Menschen mit unzureichendem Arbeitseinkommen, alleinerziehende Frauen, kinderreiche Familien und MigrantInnen. Entscheidend im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit ist vor allem, dass Kinder bzw. Familien mit Kindern als zunehmend arm beschrieben werden. Kinder stellen inzwischen sogar diejenige Altersgruppe dar, die am häufigsten von Armut bedroht ist. Dieser Trend ist nicht neu. Studien, die altersunterschiedliche Daten bspw. zum Sozialhilfebezug berücksichtigen, liegen R. Merten zufolge seit nunmehr 1980 vor. Diese legen eine als ,prekär‘ zu bezeichnende Entwicklungsdynamik offen (vgl. Chassè 2007, S. 9 ff sowie Merten 2005, S. 149).
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Bereits seit den 70er Jahren ist die Rede vom Strukturwandel weg von der Altersarmut hin zur Armut der Jüngeren. Es ist eine Tendenz zur ,Infantilisierung der Armut‘ erkennbar, d.h. Armut verlagert sich von der älteren auf die jüngere Generation. Ein Vergleich zeigt, dass in den 60er, 70er und 80er Jahren vor allem alte Menschen und Frauen, insbesondere ältere Frauen einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt waren. Altersarmut konnte jedoch durch Verbesserungen in der Alterssicherung eingedämmt werden, wodurch heutzutage ältere Menschen seltener arm sind als andere (vgl. Geißler 2006, S. 206 sowie vgl. Deutsches Jugendinstitut 1988, S. 252 f.).
A. Klocke et al. machen zudem auf die zunehmende Spreizung an den Polen ,arm‘ und ,reich‘ aufmerksam. Demnach wird die gesellschaftliche Norm des häufig durch Massenmedien und Werbung vermittelten „guten Lebens“ für immer weniger Kinder und Jugendliche erreichbar. Gerade Kinder und Jugendliche orientieren sich und ihre Teilhabechancen in Konsum und Freizeit an der reichen Hälfte der Bevölkerung, was mitunter permanente Vergleichsprozesse in Gang setzen kann. Armutssituationen können nicht zuletzt daher zu einer psychosozialen Belastung fortschreiten die oft mit einer verminderten Teilhabe in sozialen und kulturellen Lebensbereichen einhergehen und Startchancen nachhaltig beeinträchtigen. Die Autoren verweisen damit zum einen auf eine Art „Schicksalscharakter“ des „Nicht-Mithalten-Könnens“ von Armutssituation von Kindern, die sich in der Wahrnehmung der Eltern völlig anders darstellen können und zum anderen auf das unbestrittene objektiv höhere Risiko von Kindern und Jugendlichen einer misslingenden Sozialisation. Ohne den folgenden Punkten etwas Brisanz vorweggreifen zu wollen sollten vorerst Kurzschlüsse i.S.v. Erkenntnissen wie „Armut führt zu…“ vermieden werden (vgl. Klocke et al. 2001, S. 9 f.).
1.1.1 Definition von Armut
Bevor das aktuelle Ausmaß der Kinderarmut dargestellt werden kann, sollen einige grundlegende Aspekte unseres Armutsbegriffs sowie die zwei gebräuchlichsten Armutskonzepte in Deutschland kurz skizziert werden.
Eine einheitliche Definition von Armut gibt es bislang nicht. In Fachdiskussionen herrschen unterschiedliche Meinungen in der Beurteilung von Lebenssituationen der sich in Armut befindlichen Menschen. Einigkeit herrscht unter Fachleuten lediglich über 3 Aspekte der Armut. Leben in Armut in der Bundesrepublik bedeutet weniger, wobei dies nicht völlig ausgeschlossen wird, das Vorliegen existenzieller Notlagen i.S.v. absoluter (Hungers-) Armut (vgl. Geißler 2006, S. 201 f.).
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Vielmehr handelt es sich bei Armut in Deutschland um eine relative, individuell unterschiedliche und mehrdimensionale Erscheinung. D.h. Armut muss immer in Beziehungen verstanden werden. Zum einen darf Armut in der Dritten Welt nicht verglichen werden mit dem Schicksal armer Menschen in modernen westlichen Industrieländern und zum anderen ist die heutige Armut nicht vergleichbar mit der Armut der Nachkriegszeit. Leben in Armut bedeutet heute arm zu sein i.S.v. sozialer Ungleichheit und sozialem Ausschluss. 1 Diese Kinder und ihre Familien leben in relativer Armut, d.h. gemessen an den ,mittleren‘ Standards unserer Gesellschaft verfügen sie über zu geringe materielle wie auch immaterielle Ressourcen. Diese Unterversorgung in nur einem Bereich (bspw. finanzielle Probleme der Familie) kann sich u.U. zu einer mehrdimensionalen Unterversorgung in weiteren sozialen, kulturellen und psychischen Bereichen des Lebens entwickeln (vgl. Geißler 2006, S. 201 f.).
1.1.2 Armutskonzepte
Der Erfassung von Armutssituationen liegen sehr unterschiedliche Methoden mit Vor- und Nachteilen zugrunde. Auf der einen Seite kann auf politisch-normative Vorgaben oder den Sozialhilfebezug (HLU) zurückgegriffen werden. Demnach lebt in Armut „[…] wer aus seinem eigenen Einkommen oder Vermögen nicht die zur Lebensführung erforderlichen Mittel schöpfen kann“ (BMAS 2001, S. 8). Sozialhilfebezieher gelten somit im staatlichen Sinne als ,bekämpft‘ 2 arm. Gleichwohl dient der Sozialhilfebezug dadurch als Armutsindikator, da er verdeutlicht, dass bspw. Familien nicht mehr in der Lage sind aus eigener Kraft vor allem ihr Einkommen und Vermögen zu sichern (Chassè et al. 2007, S. 11 ff.).
Andererseits gibt es, aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen, zunehmend differenziertere Konzeptualisierungen von Armut, welche unterschiedliche Schwerpunkte setzen und dadurch verschiedene Perspektiven, Ursachen und Konsequenzen beleuchten, die im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit von Bedeutung sein werden.
1 Soziale Ungleichheit wird nach S. Hradil als unterschiedliche Verfügbarkeit von Ressourcen verstanden, die in einer Gesellschaft als wertvoll gelten. Menschen die über relativ viel wertvolle Güter verfügen haben
Vorteile. Dadurch besser gestellt, sichern sie sich ein höheres Maß an Wohlbefinden und persönlicher
Entfaltung etc. (vgl. Hradil 2001, S. 30).
2 Kritische Meinungen (z.B. Geißler, Zimmermann oder Hradil) verweisen auf die unterschätzte Anzahl der ,verdeckt‘ Armen, welche in verschiedenen Schätzungen als ,Dunkelziffer‘ deklariert wird, d.h. diejenigen
die eigentlich sozialhilfeberechtigt sind, machen diesen Anspruch aber aus verschiedenen Gründen, wie etwa
Scham etc., nicht geltend. Somit werden diese in den HLU-Statistiken nicht berücksichtigt.
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Im Rahmen der quantitativen Darstellung der Armutsproblematik eignet sich vor allem der Ressourcenansatz. Armut wird in diesen Konzepten (politisch- normativ oder Armutsgrenzen) anhand der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel definiert (Einkommensarmut). Es geht um Schwellenwerte bzw. Armutsgrenzen deren Festlegung in Beziehung zum gesellschaftlichen Kontext erfolgt. Grundsätzlich sind 3 Armutsgrenzen zu unterscheiden: Die 40%-Grenze (strenge Armut), die 50%-Grenze (stellt die eigentliche Armutsschwelle dar) und die 60%-Grenze (werden auch als Niedrigeinkommensbezieher bezeichnet und dient dem Vergleich innerhalb der EU). Knapp über der 40%-Grenze befindet sich die politisch festgesetzte Sozialhilfegrenze, d.h. der gesetzlich verankerte Mindestbedarf für Familien und Kinder um ihr Existenzminimum zu gewährleisten. Als arm gilt demzufolge, wer einen festgelegten Prozentsatz des durchschnittlich verfügbaren Haushaltseinkommens der bundesdeutschen Bevölkerung unterschreitet. Ziel dieses Ansatzes ist in erster Linie also die Messbarkeit der in der Gesellschaft existierenden Armenpopulation (vgl. Geißler 2006, S. 203; vgl. Kamensky et al. 2000, S. 13 sowie vgl. Hradil 2001, S. 246).
Nun reicht ein einkommenszentrierter Ressourcenansatz - auch im Rahmen dieser Arbeitjedoch noch nicht aus, um differenzierten Lebenslagen und -chancen, Bewältigungsstrategien etc. von Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. Seit 1990 werden daher Konzepte wie Deprivation, Lebenslagen oder Chancenverwirklichung verfolgt, welche den Schwerpunkt in verschiedene Lebensbereiche legen. Der Lebenslagenansatz stellt somit den komplexeren Ansatz dar, da er neben der materiellen Notsituation auch die soziokulturelle Unterversorgung berücksichtigt. Eine Unterversorgung in zentralen Lebensbereichen wie etwa Wohnen, Arbeit, Gesundheit, soziale Integration und vor allem im Bildungsbereich. Nach Ansicht von K. A. Chassé et al., geht es dabei nicht nur um die konkrete Ausstattung mit bedeutsamen Gütern, sondern auch um starke Einschränkungen der subjektiven Handlungsspielräume, Wohlbefinden und Zufriedenheit. Die Armutsforschung ist sich dem Dilemma bewusst, dass der Lebenslagenansatz das Phänomen Armut am ehesten in seiner Mehrdimensionalität darzustellen vermag, er aber forschungspraktisch umso schwieriger handhabbar ist (Chassè et al. 2007, S. 17 ff.).
Zudem machen K. A. Chassé et al. darauf aufmerksam, dass mit den Möglichkeiten des Lebenslagenansatzes die ökonomischen Ursachen nicht aus dem Blickwinkel geraten dürfen, da Handlungsbeschränkungen in den Bereichen Ernährung, Bildung und Wohnen etc. letztendlich Auswirkungen beschränkter finanzieller Mittel sind (ebd.).
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Arbeit zitieren:
Thomas Hermann, 2009, Kinderarmut als Bildungsbarriere, München, GRIN Verlag GmbH
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