1 Einleitung
Denkt man heutzutage an den Begriff Armut verlieren sich die Gedanken sehr schnell in Richtung der Dritten Welt. Assoziiert wird das Bild kranker Kinder und älteren unterernährten Menschen mit verzweifeltem Gesichtsausdruck, welche aus Sicht unseres Industrielandes in unzumutbaren Umständen leben.
Armut stellt jedoch nicht nur in Entwicklungsländern ein aktuelles Problem dar, sondern ist, wie die vorliegende Arbeit darstellen wird, auch in Deutschland ein ernst zu nehmendes Brennpunktthema (vgl. Kamensky et al. 2000, S. 12).
Zum Einen soll dieses Problem mit dieser Arbeit aufgegriffen und grundlegend dargestellt, und zum Anderen nach dem Verständnis von „Armut“ und „Familien“ Heute gefragt werden. Zunächst werden daher die Begriffe, welche das Thema Armut begleiten, grundlegend definiert und erläutert. Desweiteren beschäftigt sich diese Arbeit mit dem sozialen Wandel und der Frage Warum Familien eine Risikogruppe für Armut darstellen. Anschließend wird auf Ursachen und Folgen von Familien in Armutssituationen eingegangen. Dabei soll sowohl ein möglicher Lösungsansatz der Sozialen Arbeit, als auch Maßnahmen der Bundesregierung aufgezeigt werden. Abschließend folgt eine Zusammenfassung im Fazit.
2 Definitionen von Armut - Ein Überblick
2.1 Was ist Armut?
Zu Beginn soll gezeigt werden, dass Armut ein weitreichender, seit Mitte der 70er Jahre wieder viel diskutierter Begriff ist und nicht alle in Armut lebenden Menschen das gleiche Schicksal teilen (vgl. Deutsches Jugendinstitut 1988, S. 251). In einem reichen Land wie Deutschland klingt der Begriff Armut vorerst ungewöhnlich, jedoch nehmen nach Auffassung von R. Geißler die armen Bevölkerungsgruppen der Bundesrepublik bereits Platz Zwei der wichtigsten randständig Lebenden ein. Randständig zu leben bezieht sich hier auf ein Leben am Rande der Gesellschaft, desintegriert von der Kerngesellschaft, da randständig Lebende einer erheblichen Benachteiligung in ihrer Sozialen Situation ausgesetzt sind. Nicht immer betrifft es ganze Lebensspannen, gemeint sind häufig vorrübergehende Lebensabschnitte, welche u.a. von Armen, Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen mit einer extremen Unterversorgung im sozio-ökonomischen Bereich geführt werden. An eine Beeinträchtigung, bspw. im ökonomischen Bereich, kann sich eine
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Reihe von Folgeproblemen anschließen, worauf unter Punkt 3.3 dieser Arbeit näher eingegangen werden soll (vgl. Geißler 2006, S. 201).
R. Geißler spricht von einer ‚Marginalisierung‘ dieser sog. Randschichten, d.h. es besteht ein sozialpolitisches Problem, welches seiner Ansicht nach durch mangelnde Integration der Randschichten in die Kerngesellschaft verursacht wird. Ein Mangel an Integration bedeutet, dass Arme zunehmend vom Lebensstandard der Mehrheit abgekoppelt werden (vgl. Geißler 2006, S. 201 ff).
Eine einheitliche Definition von Armut gibt es bislang nicht. In Fachdiskussionen herrschen verschiedene individuelle Meinungen in der Beurteilung von Lebenssituationen der sich in Armut befindlichen Menschen. Einigkeit herrscht unter Fachleuten lediglich über 3 Aspekte der Armut:
1. Armut in der Bundesrepublik ist keine absolute, sondern eine relative Armut. Absolute Armut beschränkt sich dabei auf nur einen Versorgungsmangel wogegen relative Armut immer in Beziehungen verstanden werden muss.
2. Armut stellt eine interkulturell und historisch relative Erscheinung dar, d.h. zum einen kann Armut in der Dritten Welt nicht verglichen werden mit dem Schicksal armer Menschen in modernen westlichen Industrieländern und zum anderen ist Armut Zeitabhängig. Demnach ist die Armut der Nachkriegszeit nicht identisch mit der heutigen Armut.
3. Armut ist mehrdimensional zu verstehen. D.h. das sich, wie oben bereits kurz genannt, Folgeprobleme aus der Unterversorgung in nur einem Bereich (bspw. finanzielle Probleme einer Familie) entwickeln können, welche dann Einfluss auf weitere soziale, kulturelle und psychische Bereiche des Lebens nehmen (vgl. Geißler 2006, S. 201 f.). Da diese oben angeführten allgemeinen Aspekte nicht ausreichen um den Begriff Armut zu charakterisieren und eine Grenze zwischen Armut und Nicht-Armut ziehen zu können wird im Folgenden auf weitere Ansätze und Grenzen eingegangen (vgl. Hradil 2001, S. 243).
2.2 Der Ressourcenansatz
Der Ressourcenansatz bezieht sich auf die wirtschaftliche Betrachtung von Armut, genauer liegen ihm die regelmäßig verfügbaren Haushaltseinkommen zugrunde, daher wird hierbei auch von Einkommensarmut gesprochen. Um diese Einkommensarmut darstellen zu können, wird anhand ökonomischer Kriterien die Einkommenssituation von Haushalten bestimmt (vgl. Geißler 2006, S. 202 f.).
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S. Hradil verdeutlicht diesen Aspekt mit einer Ressourcendefinition, „[…] welche davon ausgeht, dass Armut dann vorliegt, wenn keine ausreichenden Hilfsmittel des Handelns, wenn insbesondere zu geringe Geldmittel vorhanden sind.“ (Hradil 2001, S. 243) Der Ressourcenansatz gilt als vergleichsweise einfach, da er ein Problem beinhaltet, welches anhand eines vom Autor fiktiv gewählten Beispiels verdeutlicht werden soll. Eine Beschränkung auf die finanziellen Mittel würde bedeuten - kehrt man die oben genannte Definition ins negative - das eine Familie mit ausreichenden Geldmitteln nicht als arm gelten würde, selbst wenn der süchtige Vater diese Geldmittel weitgehend im Casino verspielen würde und dadurch für die gesamte Familie, trotz ausreichendem Einkommen, eine Unterversorgung in allen anderen Lebensbereichen entstehen würde. Aufbauend auf die Einkommensarmut wird im nächsten Punkt ein weiteres Messinstrument, die relative Einkommensarmut, vorgestellt (vgl. Hradil 2001, S. 243 sowie vgl. Geißler 2006, S. 203).
2.3 Armutsgrenzen
Die relative Einkommensarmut zieht Armutsgrenzen, welche sich auf den relativen Abstand der Durchschnittseinkommen von Haushalten beziehen. Grundsätzlich sind 3 Armutsgrenzen zu unterschieden:
N 40% - Grenze: wird auch als strenge Armut bezeichnet, N 50% - Grenze: stellt die eigentliche Armutsschwelle dar, N 60%HGrenze: werden auch als Niedrigeinkommensbezieher bezeichnet und dient dem VergleichinnerhalbderEU(vgl.Geißler2006,S.203;vgl.Kamenskyetal.2000,S.13sowie vgl.Hradil2001,S.246).
Knapp über der 40% - Grenze befindet sich die politisch festgesetzte Sozialhilfegrenze. Aus Sicht der Politik ergibt sich daraus der soziokulturelle Mindestbedarf. Dieser Mindestbedarf soll ein menschenwürdiges Leben gewährleisten, wenn Personen oder ganze Familien nicht mehr in der Lage sind, das Existenzminimum aus eigener Kraft zu erbringen. R. Geißler stellt dabei in seinen Ausführungen über die Entwicklung der Armut heraus, dass seit den 70er Jahren ein dramatischer Anstieg der Anzahl der Sozialhilfeempfänger zu verzeichnen ist. In Zahlen wird diese dramatische Entwicklung noch deutlicher (vgl. Geißler 2006, S. 203). Im Jahr 1969 wurde aufgrund des Wirtschaftswachstums, der Verbesserung der Arbeitslage und der Wohlstandssteigerung der Tiefstand der Empfänger laufender Hilfe zum Lebensunterhalt von 510.000 Betroffenen verzeichnet. 1982 wurde die Millionengrenze und im Jahr 1992 die Zweimillionengrenze überschritten bis hin zum Höchststand von 2,51 Millionen Sozialhilfeempfängern im Jahr 1997. Zusammengefasst stellt das eine
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Vervierfachung der Sozialhilfeempfänger in drei Jahrzehnten dar (vgl. ebd.). Die Ergebnisse der Sozialhilfestatistik werden im Folgenden kurz kritisch betrachtet.
2.4 Kritische Betrachtungen der Sozialhilfestatistik
Zu unterscheiden sind die beiden Begriffe der ‚bekämpften Armut‘ und der ‚Dunkelziffer der Armut‘ die auch als ‚verdeckte‘ Armut bezeichnet wird. Sobald Personen Leistungen der Sozialhilfe in Anspruch nehmen und vom Sozialamt beziehen gelten sie als ‚bekämpft arm‘. Die Probleme der Sozialhilfestatistik liegen jedoch in der ‚Dunkelziffer der Armut‘. Nach Ansicht von R. Geißler wird die Anzahl der Menschen die unter bzw. an der Sozialhilfegrenze leben unterschätzt, da ‚verdeckte‘ Fälle nicht erfasst werden. Als ‚verdeckte‘ Fälle werden diejenigen bezeichnet, die Ansprüche auf Sozialhilfe hätten, diesen jedoch aus verschiedenen Gründen nicht geltend machen. Ähnlicher Auffassung ist T. Kulawik. Sie bezeichnet die verdeckten Fälle als ‚Sozialhilfeberechtigte‘, welche 1979 zahlenmäßig doppelt soviel darstellten wie die ‚bekämpften Sozialhilfeempfänger‘. Neuere Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 60 und 75% der Sozialhilfeberechtigten die ihnen zustehende Leistung auch erhalten. In der einschlägigen Literatur existieren demnach unterschiedliche Dunkelziffern der Armut, welche auf verschiedene Schätzungen und Studien fußen und daher auch Unsicherheitsspielräume enthalten (vgl. Geißler 2006, S. 203 f.; vgl. Deutsches Jugendinstitut 1988, S. 253 f. sowie vgl. Kamensky et al. 2000, S. 14).
2.5 Der Lebenslagenansatz
Der Lebenslagenansatz stellt den komplexeren Ansatz dar, da er neben der rein finanziellen und materiellen Notsituation auch die soziokulturelle Unterversorgung armer Menschen berücksichtigt. Ein einkommenszentrierter Ressourcenansatz würde nicht ausreichen, um differenzierten Lebenslagen, Armutsrisiken und Bewältigungsstrategien des Familienalltags gerecht zu werden (vgl. 3. Armuts- und Reichtumsbericht 2008, S. 83 f.).
Seit 1990 werden daher Konzepte wie Deprivation, Lebenslagen oder Chancenverwirklichung verfolgt, welche den Schwerpunkt in verschiedene Lebensbereiche wie z.B. Chancen auf Arbeit, Bildung, Gesundheit oder gesellschaftliche und politische Beteiligung legen (vgl. Geißler 2006, S. 202).
Der Lebenslagenansatz greift die unter Punkt 2.1 bereits angeführte Mehrdimensionalität von Armut auf. Demnach kann ein Mangel an finanziellen Mitteln in einer Familie Einfluss auf viele gesellschaftliche Ereignisse und Aktivitäten nehmen, welche mit dem Ausschluss an dem sozialen Leben der Gesellschaft einhergehen. Diese komplexe Mehrdimensionalität
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Arbeit zitieren:
Thomas Hermann, 2008, Familien in Armut, München, GRIN Verlag GmbH
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