Inhaltsverzeichnis
1. Die Geschichte von Josefine und dem Mäusevolk 4
2. Verwirrende Gedanken über Josefines Kunst 5
3. Paradoxe Fügungen in Kafkas Erzählung 7
4. 8
4.1 Formale Ebene 8
4.2 Inhaltliche Ebene. 9
4.3 Distanzierte Betrachtung. 11
4.4 Des Rätsels Unlösbarkeit 15
5. Ursache und Wirkung der paradoxen Fügungen 19
6. Literaturverzeichnis. 23
3
1. Die Geschichte von Josefine und dem Mäusevolk
In Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ 1 wird dem Leser durch eine anonyme Maus, die Binder treffend als „Erzählermaus“ bezeichnet, von der einzigartigen und rätselhaften Stellung der Sängerin Josefine im Volk der Mäuse berichtet. Die Erzählermaus, selber Teil des Volkes und zugleich kritisch distanziert, macht die Haltungen von Volk und Sängerin einsichtig. Obwohl das Volk in dem von ihr angepriesenen Gesang lediglich ein schwaches, übliches Pfeifen zu vernehmen meint, wird es von seiner Macht fortgerissen, hält Josefine in Ehren und erträgt geduldig ihre Künstlerallüren. Dies wirft sowohl beim Erzähler als auch beim Leser die Frage nach der tieferen Wirkung ihrer Auftritte auf. Die Nachgiebigkeit des Volkes hört allerdings da auf, wo es sich den Forderungen der Sängerin nach Arbeitsbefreiung versagt. Hier liegt der Wendepunkt der Geschichte: Josefines Illusion über ihren Gesang auf der einen und die Realität des Mäusevolkes auf der anderen Seite sind dermaßen inkongruent, dass es zu keiner Lösung kommt und es mit Josefine zuende gehen muss. In der Ahnung, dass ihre Kunst vom Volk nicht verstanden wird, strebt sie umso mehr nach gesteigerter Anerkennung. Um sich nicht selbst untreu zu werden, muss sie mit ihrer Forderung “stehen oder fallen“(212). In narzisstischer Selbstüberschätzung vermeint sie, der desillusionierenden Zurückweisung durch die auch für sie wirksamen Gesetze sowie dem Abbruch ihrer Glaubwürdigkeit entgehen zu können: Sie verschwindet.
1 Aus „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ werde ich im Folgenden nur mit Angabe der Seitenzahl am Zitatende zitieren, und zwar nach Franz Kafka: Erzählungen. Frankfurt am Main 1995
4
2. Verwirrende Gedanken über Josefines Kunst
„Unsere Sängerin heißt Josefine. Wer sie nicht gehört hat, kennt nicht die Macht ihres Gesanges.“(200)
Was zunächst als vielleicht auf eine Fabel anspielende, harmlose Erzählung erscheint - dieser Eindruck wird durch die beiden verhältnismäßig kurzen und scheinbar klaren Eingangssätze unterstützt -, entpuppt sich mit dem weiteren Lesen als eine durch komplizierte Abwägungen und Reflexionen der Erzählermaus bald verwirrende Dialektik. Ihre langen Gedankengänge, hier und da von nahezu ironischen Wendungen belebt, nehmen den meisten Raum ein. Jede Behauptung, kaum ausgesprochen, untersucht und begründet, wird in Frage gestellt, um dann von ihrer Gegenmeinung aufgehoben zu werden.
Weltsch beschreibt diesen Vorgang passend als einen Gedankengang, der bis an die Grenze geführt wird und dort plötzlich „eine Wendung um 180 Grad“ macht und damit das Ganze wieder aufhebt. 2 Jede Möglichkeit, in Form langer Konjunktivketten bis ins Detail ausgearbeitet, wird z.B. mit einem „Gerade das trifft aber meiner Meinung nach nicht zu...“(201) widerlegt. Sie halten die Geschichte in einem vagen Gleichgewicht zwischen Unmöglichsein und Möglichsein. Der Leser hat keine Chance, sich z.B. über den Gesang Josefines eine konkrete Vorstellung zu machen. Durch den immer wieder zu einer anderen Seite schweifenden Blickwinkel, neue Erwägungen, Vermutungen, Umkehrungen und Ablenkungen, muss er andauernd umdeuten und relativieren. Kaum glaubt er die Lösung zum Greifen nahe, wird er auf eine neue Fährte gelenkt, die alte wird eliminiert. Die Eindeutigkeit eines Schlusses ist, sobald er festzustehen scheint, aufgrund seiner Negation oder Umkehrung nicht mehr gewährleistet. Die erwartete Erkenntnis in Form einer Synthese der Abwägungen bleibt aus. Es handelt sich um einen Prozess, der durch sein ewiges Hin und Her nicht voran kommt.
Hauptgegenstand dieses Auf-der-Stelle-Tretens ist die Frage nach der Wirkung Josefines, eng verbunden mit der Frage nach ihrem Gesang. Zunächst außer Frage gestellt, wird in einem scheinbar neutralen Bericht von der „Macht des Gesanges“(200) geschwärmt. Doch mit dem ersten Hervortreten der Erzählermaus und dem damit einhergehenden Beginn ihrer Reflexionen, wird diese,
2 Vgl. Weltsch 1957, S. 91
5
eben noch als unangefochten beschriebene (und naiv vom Leser hingenommene) Behauptung angezweifelt: „Ist es denn überhaupt Gesang?“(201) und mit der Überlegung, dass Josefine „nicht singt, sondern nur pfeift“(201) auf ein „höchstens durch Zartheit oder Schwäche ein wenig auffallendes Pfeifen“(202) reduziert, während kurz darauf ohne Zögern wieder von „Josefinens Gesang“(202) berichtet wird. Immerhin „weiß man“ am Ende desselben Absatzes: „was sie hier pfeift, ist kein Pfeifen.“(203) Doch wird auch diese Annahme wieder überdacht und so heißt es alsbald: „Natürlich ist es ein Pfeifen.“(210) 3
3 Der Versuch meinerseits, einen Zusammenhang zwischen dem Gebrauch der Begriffe des Singens bzw. Pfeifens etwa mit der jeweiligen Perspektive oder Gestimmtheit der Erzählermaus herzustellen, schlug fehl.
6
Arbeit zitieren:
Barbara Wehmeyer, 2002, Paradoxe Fügungen in Kafkas Erzählung "Josefine die Sängerin oder das Volk der Mäuse", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Intertextualität in "Medea und ihre Kinder" von Ljudmila Uli...
Seminararbeit, 25 Seiten
Franz Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse...
Sozialgeschichtlicher und biog...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 23 Seiten
Auseinandersetzung mit Volks- und Kunstmärchen unter besonderer Berück...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 26 Seiten
Wissenschaftliche Märchentheorien und die Umsetzung der Märchen im Deu...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Examensarbeit, 90 Seiten
Analyse von Arbeitswelt und Verkehr in Franz Kafkas "Der Verschol...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 19 Seiten
Übungsaufgaben Investition und Finanzierung I - mit Lösungen
BWL - Investition und Finanzierung
Skript, 31 Seiten
Schillers Theosophie des Julius. Auseinandersetzung mit einem metaphys...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
"Der gestiefelte Kater" von Ludwig Tieck – Eine Untersuchung...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 25 Seiten
Die Implikaturtheorie nach Grice und Levinsons Variationen
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Schakale und Araber von Franz Kafka - eine Interpretation
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Barbara Wehmeyer's Text Paradoxe Fügungen in Kafkas Erzählung "Josefine die Sängerin oder das Volk der Mäuse" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Barbara Wehmeyer hat den Text Paradoxe Fügungen in Kafkas Erzählung "Josefine die Sängerin oder das Volk der Mäuse" veröffentlicht
Barbara Wehmeyer hat einen neuen Text hochgeladen
Erzahlungen (Von) Franz Kafka, Bertolt Brecht (Und) Heinrich Boll: Kaf...
Franz Kafka, Charles W. Hoffman, Richard Plant
Reluctant Theologians: Franz Kafka, Paul Celan, Edmond Jabes
Beth Hawkins, Franx Kafka, Paul Celan
Reluctant Theologians: Franz Kafka, Paul Celan, Edmond Jabes
Beth Hawkins, Franx Kafka, Paul Ceelan
0 Kommentare