I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
I. DAS THEMA 1
1. Vorurteile 1
2. Aufbau 2
II. DER AUTOR 3
1. Herkunft und Werdegang 3
2. Person und Prägung 4
III. DIE BAUERN 5
IV. DER TEXT 7
1. Form 7
1.1 Entstehung 7
1.2 Gliederung 7
2. Inhalt 8
2.1 Theorie 8
2.1.1 Exordium (Einleitung) 8
2.1.2 Narratio (Anlaß) 8
2.1.3 Partitio (Streitfrage) 9
2.1.4 Probatio (Beweis) 9
2.1.4.1 Glauben 9
2.1.4.2 Liebe 9
2.1.4.3 Obrigkeit 9
2.2 Anwendung 13
2.2.1 Refutatio (Widerlegung) 13
2.2.1.1 Zum 1. Artikel 13
2.2.1.2 Zum 2. Artikel 14
2.2.1.3 Zum 3. Artikel 14
2.2.1.4 Zum 4.-11. Artikel 15
2.2.1.5 Zum 12. Artikel (Beschlus) 16
2.2.2 Peroratio (Schluss/Apell) 16
2.2.3 Appendix (Anhang) 16
V. DER KONTEXT 17
1. Frühere und spätere Werke Melanchthons 17
1.1 „Loci communes“ (1521) 17
1.2 Brief an Camerarius (15./16.04.1525) 18
1.3 „24 Thesen zum Bauernkrieg“ (Juni 1525) 18
1.4 „Histori Thome Muntzers“ (nach Mai 1525) 18
2. Werke anderer Reformatoren zum Thema Bauern(krieg) 19
2.1 Martin Luther 19
2.1.1 „Ermahnung zum Frieden“ (Ende April 1525) 19
2.1.2 „Wieder die räuberischen Rotten“ (1525) 19
2.2 Johannes Brenz 20
VI. DAS ERGEBNIS 21
1. Melanchthon ein „Weichspüler“? Mitnichten 21
2. Melanchthon und die Bauern - 2 Welten? 22
Anhang :
- Anlage 1: Die Belastungen der Bauern
- Anlage 2: Gliederung nach antikem Muster
- Literaturverzeichnis
- Endnotenverzeichnis
I. DAS THEMA
1. Vorurteile
Es liegt in der Natur der Sache, dass lutherische Theologen Luther verehren. Gerade von seinen innigsten Fans, den (neu-)orthodoxen Lutheranern, wird er auf einen hohen Sockel gehoben:
„So war es eine gewaltige, tapfere Mannestat, daß Luther ... mit seiner mächtigen Stimme zur Besinnung und zur Pflicht rief. ... eine Epoche von heroischen Ausmaßen in Luthers Leben!“ 1
Von daher ist es auch nicht erstaunlich, dass im Vergleich zu Luther sein Mitstreiter Melanchthon kleiner gemacht oder sogar abfällig dargestellt wird: 2 „Eigentlich jedesmal, wenn es darauf ankam, das grundsätzlich Erkannte in schwieriger Situation in eigener Verantwortung zu behaupten, hat Melanchthon versagt ... Die Zaghaftigkeit und die menschliche Schwäche Melanchthons haben sein Andenken immer von neuem verdunkelt“. 3 „Es hätte ein Philosoph neben ihm stehen müssen, der das Revolutionäre dieser Denkweise deutete und aus den genialen Fragmenten von Luthers Schau ... das zugrunde liegende Weltbild zusammenfügte. Melanchthon war dieser Philosoph nicht. Er brachte von seiner Jugend her ein Einheitsband, ein aristotelisch-ciceronianische Schulphilosophie mit, das er um alle Ausdrucks-formen des Geistes ... zu schlingen sich bemühte, und zwar umso mehr, je mehr er die Bildung von der Barbarei bedroht glaubte. Er hat wohl immer das Entscheidende an Luther verstanden, aber er begriff es nicht in seiner Einseitigkeit und Ausschließlichkeit und suchte es mit den Erkenntnissen des philosophischen Denkens auszugleichen ... . Und so ist Melanchthon nicht etwa duldsamer gewesen als Luther in seiner prophetischen Sicherheit. Im Gegenteil, er wachte um der Einheit der Kirche willen noch ängstlicher über der Übereinstimmung mit der altkirchlichen Lehre.“ 4
Nun, warum stelle ich dies meiner Arbeit voran?
1
Mein hermeneutisches Vorverständnis (oder hier konkreter: Vorurteil) gegenüber Melanchthon ist von der genannten Sorte. Ich selbst stamme aus einer bayerisch-lutherischen Pfarrfamilie und studiere in Bayern evangelische Theologie. Melanchthon habe ich v.a. in Predigten, Konfirmandenunterricht und Gesprächen von/mit meinem Vater als Handlanger Luthers und „Weichspüler“ der Reformation wahrgenommen. In meinem Studium beschäftige ich mich nun zum ersten Mal näher mit Melanchthon. Die Wertung Melanchthons im Verhältnis zu Luther ist nicht Hauptthema dieser Arbeit. Weil dieses Thema aber wie dargelegt laufend mitschwingt, möchte ich es als Nebenthema, d.h. v.a. in den Fußnoten behandeln.
2. Aufbau
Das Thema „Philipp Melanchthon und die Bauern - aufgezeigt an seinem Text ‚Wider die Artikel der Bauernschaft‘ (1525)“ möchte ich so angehen: Ich beginne mit den Fokus auf die Person Melanchthon, und weite dann den Blick auf die Personengruppe der Bauern im Rahmen der historischen Situation des Bauernkrieges. Das Verhältnis 5 Melanchthons zu den Bauern zeige ich dann anhand seiner Schrift „Wider die Artikel der Bauernschaft“ (1525) auf. Die Textanalyse beginne ich dabei mit den in der historisch-kritischen Exegese üblichen Einleitungsfragen und gehe dann am Text entlang. Der analysierte Text zeigt allerdings nur das Verhältnis Melanchthon/Bauern im Jahr 1525. Deswegen möchte ich zur Abrundung auch den Kontext kurz beleuchten, d.h. in einer Auswahl frühere und spätere Werke Melanchthons („Zeitachse“) sowie Werke anderer Reformatoren („Raumachse“) zum Thema Bauern(krieg). Am Ende werde ich dann die Ergebnisse zusammenführen und bewerten.
II. DER AUTOR
1. Herkunft und Werdegang:
Der Vater von Philipp Schwarzerdt (*16.02.1497, t19.04.1560) war ein Rüstmeister (Schmied) in der Kurpfalz. Der Kurfürst selbst „arrangierte“ die Heirat für den geschätzten, am kurfürstlichen Hofe arbeitenden Handwerker. Mutter wurde eine Schwester von Johannes Reuchlin, dem berühmtesten deutschen Gelehrten zu dieser Zeit. Der erstgeborene Sohn wurde zu Ehren des Kurfürsten Philipp benannt.
Der Humanist Johannes Reuchlin protegierte ihn nach dem frühen Tod des Vaters für längere Zeit und verlieh ihm den gräzisierten Namen: Melanchthon. Im Jahr 1520 heiratete Philipp. Seine Frau war eine Schwester des Wittenberger Bürgermeisters.
Das „Wunderkind“ Philipp wird bereits mit 4 Jahren eingeschult, mit 14 Jahren immatrikuliert und mit 21 Jahren Professor für Griechisch an der Universität Wittenberg.
Melanchthon übernahm Vorlesungen für Luther in dessen Abwesenheit (Verhör vor Cajetan etc.) und machte 1519 einen theologischen „Bachelor“. Auf den Erwerb des Doktortitels hat er verzichtet - in seiner Lehrtätigkeit legte Melanchthon den Schwerpunkt auf Philosophie (und nicht Theologie). Sein Hauptanliegen war das Erziehungs- und Bildungswesen - weswegen er auch „Lehrer Deutschlands“ genannt wurde. „Für die Bildung und Erziehung ebenso wie für die Organisation der Wissenschaften hat er in seinem Jahrhundert Bleibendes geschaffen. Ohne die Fürsten und Politiker seiner Zeit hätte Melanchthon seine Vorhaben nicht verwirklichen können. Über 30 Jahre hinweg haben sie sich von ihm beraten lassen und sind seinen Gutachten gefolgt.“ 6
Melanchthon hat in seinem Leben zahlreiche philosophische und theologische Werke, Artikel und Gutachten sowie über 10.000 Briefe verfasst. 7
3
2. Person und Prägung
Philipp Melanchthon hat keine Autobiographie geschrieben. Die Quellen 8 zu seiner Herkunft und seinem Werdegang (Außenperspektive) sind zahlreich, die Quellen zu seiner Person und Einstellungen (Innenperspektive) spärlich. 9 Melanchthons Weltanschauung ist von drei Seiten geprägt: Astrologie (incl. Schicksalsglaube) vom Vater und von Reuchlin, Humanismus (antike Sprachen und Philosophie, incl. Willensfreiheit) von Reuchlin und Erasmus, Rechtfertigungstheologie (excl. Determinismus) von Luther.
Das „zarte Männlein“ 10 hat trotz seiner „schwachen Konstitution“ 11 , seinem „wenig imponierenden Äußeren“ 12 sowie seiner „schnarrenden Stimme“ 13 in seiner Antrittsvorlesung 1518 auch Luther beeindruckt. Luther vertraute Melanchthon schon nach wenigen Tagen. Auch bei den Studenten war Melanchthon sehr beliebt. Eine gewisse Ausstrahlungskraft (Charisma) kann ihm folglich nicht abgesprochen werden. 14
Das weitere Verhältnis von Melanchthon zu Luther wird wie folgt beschrieben: „In den fast 27 Jahren, die Luther und Melanchton nebeneinanderstanden, blieb ihr Verhältnis nicht immer das gleiche. ... Die beiden Reformatoren bildeten im Grunde Gegensätze, wie sie größer nicht gedacht werden können. ... Melanchthon ein Mensch des Verstandes, der Luthers Gemütstiefe nicht besaß. Hinzu kamen Unterschiede im Alter und in der Lebenserfahrung, vor allem aber in der inneren Entwicklung. .... Wir besitzen von ihm kaum eine Selbstäußerung, immer nur kurze Hinweise. Wenn er in seinem Testament von 1539 sagt, daß Luther sein geistlicher Vater sei, ... so ist das [an Selbstoffenbarung] sehr viel.“ 15
„Luther bewunderte den hochbegabten jungen Freund - diese Bewunderung bewahrte er ein Leben lang. War es Voreingenommenheit, die ihn zu dieser Überschätzung führte? ... Melanchthon hat nicht immer alle seine Hoffnungen erfüllt, gelegentlich hat er ihn auch enttäuscht. Luther hielt dennoch immer an ihm fest.“ 16
4
III. DIE BAUERN
Der deutsche Bauernkrieg 17 reiht sich in europäische Bauernaufstände vom 13. bis 18. Jahrhundert ein. Als Beispiele für europäische Bauernkriege seien genannt die französische und englische „Jaquerie“ (14. Jh.), die böhmischen „Hussitenkriege“ (15. Jh.) sowie die süddeutsche „Bundschuh-Bewegung“ (Beginn 16. Jh.). Ländliche Unruhen finden sich noch bis ins 18. Jahrhundert, z. B. in England, Frankreich und Russland. 18 Die gegnerischen Parteien waren Obrigkeit und Untertanen. Modern würde man dies als Bürgerkrieg bezeichnen. Auf der einen Seite standen die ausgebildeten und ausgerüsteten Soldaten der Fürsten (und des Adels). Auf der anderen Seite formierten sich regionale, sozial inhomogene Gruppen des „gemeinen Mannes“ - eher spontan als geplant. Unter dem „gemeinen Mann“ verstand man zur Zeit der Reformation alle, die „keinen Anteil an Herrschaft und Verwaltung hatte und weder dem Adel noch der Geistlichkeit zuzurechnen war.“ Die Aufständischen waren bei 80% Landbevölkerung also nicht nur, aber hauptsächlich Bauern. 19
Begonnen hat der deutsche Bauernkrieg streng genommen bereits Mitte 1524 im Gebiet des Bodensees. Doch erst zu Beginn 1525 breitete er sich dann relativ rasch nach Norden über Schwaben und Pfalz bis hin zum Osten nach Thüringen aus. Die Bewegung wurde dann im Mai/Juni 1525 in vier entscheidenden Schlachten von Truppenverbänden der Fürsten geschlagen. 20 „Die Aufständischen ... reichten in der Regel ihre Beschwerden bei ihren Herrschaften ... ein, besetzten, als die Herren die Antwort aus taktischen Gründen verzögerten, die umliegenden Klöster, um sich zu verpflegen, und stürmten die Burgen, um militärische Gegenmaßnahmen zu verhindern. ... Koordinierte Aktionen ... gab es nur vereinzelt“. 21
Den Beschwerden der Bauern liegen folgende Entwicklungen zugrunde (vgl. Anlage 1): 22
5
Gesellschaft:
Gegen Überbevölkerung und Ballungsproblematiken werden Mobilitätshindernisse eingeführt/verstärkt: Aufnahmegebühren (gegen Zuzug in schon überfüllte Städte) und Leibeigenschaft (gegen Wegzug in attraktivere Gebiete). 90% der Bauern beschwerten sich über die Leibeigenschaft. Daneben beschwerten sich ca. 60% der Bauern über die eingeschränkte Holz-/Waldnutzung und 40% über die Ausdehnung des Zehnten im Rahmen der Grundherrschaft. Die Belastungen der Bauern habe ich in der Anlage 1 in einer vereinfachten Übersicht dargestellt.
Politik und Recht:
Der frühmoderne Terretorialstaat konsolodierte sich innenpolitisch durch die Reform des Rechtswesens von oben: Altes Recht wurde durch neues Recht ersetzt, von der Obrigkeit eingesetzte Richter ersetzten Laien-Gerichte, überregionale Richtlinien ersetzten lokales&verbindliches Gewohnheitsrecht. 67% der Bauern beschwerten sich über die neue landesherrliche Gerichtsbarkeit.
Religion:
Die Reformation und das ganze Spektrum ihrer Vertreter lieferten Legitimationen für neue Herrschaftsformen, z. B. das Priestertum aller Gläubigen oder Gleichheit statt „von Gottes Gnaden“.
Wissenschaft:
Die neue Drucktechnik schuf mit der neuen, allgemeinen Mündigkeit in religiösen Fragen eine neue, breite Form von Öffentlichkeit. „Der Bauernkrieg ist hinsichtlich seiner Ausdehnung und Programmatik ohne das Kommunikationsmittel Flugschrift kaum denkbar, und es dürfte nicht ohne jeden Erklärungswert sein, daß die leistungsfähigsten Druckereien mitten im späteren Aufstandsgebiet standen“. 23
Durch Gefechte und Strafgerichte wurden im Bauernkrieg ca. 75.000 Menschen getötet (ca. 3,5% der Bevölkerung). Politisch und sozial änderte sich wenig (von regionalen/lokalen Ausnahmen abgesehen).
6
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Diplom-Verwaltungswirt (FH) Peter Schmidt, 2008, Philipp Melanchthon und die Bauern, aufgezeigt an seinem Text „Wider die Artikel der Bauernschaft“ (1525), München, GRIN Verlag GmbH
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