INHALTSVERZEICHNIS
0. Einleitung. 1
I. BEOBACHTUNGEN AM TEXT 2
II. Exegetische Überlegungen. 5
III. Systematisch-theologische Überlegungen. 9
IV. Homiletische Überlegungen. 13
V. Überlegungen zur Gestalt der Predigt. 19
VI. Überlegungen zur Gestalt des Gottesdienstes. 25
VII. Die Predigt. 30
VIII. Nachbetrachtung. 33
Anlagen :
- Systematische Zusammenstellung von Nachfolge-Bibelstellen bei den Synoptikern
- Persönlichkeitsmodelle - Auswirkungen für die Predigt:
- Materialien für den Gottesdienst:
- Eröffnung und Lesung
- Gebete
- Predigt
- Abkündigungen
- Veranstaltungskalender
- Predigtentwicklung
- Literaturverzeichnis
- Endnotenverzeichnis
0. EINLEITUNG
1. Die Entstehung einer Predigt
Wie mache ich eine Predigt? Wie trage ich sie vor? Was kann ich guten Gewissens sagen? Wen interessiert das? Wer bin ich schon? Warum soll ich das eigentlich tun? Mit diesen Fragen habe ich das homiletische Seminar an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau begonnen. Ich hatte zwar schon ein paar Hausandachten gehalten, aber irgendwie fühlte ich mich immer inkompetent: Was will ich als junger Spund denn älteren Generationen an Lebensweisheiten auftischen? Dazu hatte ich kaum Ahnung wie, wo, wann und warum die Evangelien eigentlich entstanden sind. Historischkritische Exegese war ein Fremdwort für mich, systematische Theologie wie eine Tabellenkalkulation und feministische Theologie wie vom anderen Stern. Im Predigtkurs habe ich vor allem gelernt mir Gedanken zu machen, was die Zuhörenden erwarten und was ich mitbringe. Das exegetische Handwerkszeug zur Bearbeitung des Bibeltextes sowie einen Einblick in die Vielfalt an systematischen Lehren und Deutungen habe ich bereits in meinem bisherigen Studium erworben.
2. Die Methodik
In dieser Arbeit wird die Entstehung einer Predigt zu Lk 14, 25-33 aufgezeichnet. Schritt für Schritt erfolgt der Weg zu Predigt. Jede Station lädt ein zum Ruhen und Zurückschauen: Warum bin ich so vorgegangen und nicht anders? Nach intensiver Arbeit und umfangreichen Studien konnte ich schließlich guten Ge(h)wissens eine Predigt über die Nachfolge Jesu halten.
1
I. BEOBACHTUNGEN AM TEXT
1. Der erste Blick
Lk 14, 25-33 habe ich öfters für mich im stillen Kämmerlein gelesen. Nun soll ich darüber Predigen. Diesen Leseblick habe ich nun zum ersten Mal. Den ersten Blick auf den Text werfe ich nach dem Austeilen der Predigttexte unter dem Aspekt der Auswahl. In sehr kurzer Zeit überfliege ich alle Texte, denn ich muss eine Wahl treffen. Diesen Text wähle ich, weil er mich mit „und haßt nicht seinen Vater“ unmittelbar in meiner Lebenssituation anspricht. Ich befinde mich im (spätpubertären) Ablöseprozess von meinen Eltern. Über diesen Text kann ich also „glaubwürdig“, d.h. mit persönlichem Bezug predigen. Umgehend unterstreiche ich im Text die mir ins Auge fallenden Schlagworte und verbinde damit geistig Fragen: „große Menge“ > Situation? Kontext? Lk-Prägung?
„zu mir kommt“ > wörtlich oder übertragen?
„haßt“ > Griechischer Begriff? Wirklich so hart oder Luther-Prägung?
„sein Kreuz trägt“ > Bedeutung? Redaktioneller Eingriff (Passion später!)? Kreuzestheologie Lk?
„nachfolgt“ > wörtlich oder übertragen?
„Jünger“ > Bedeutung Antike/Heute?
„nicht lossagt, von allem, was er hat“ > hier auf einmal Besitz gemeint?
2. Gespräche im Seminar
Während der folgenden zwei Seminargespräche verbinde ich in mir den Text mit den kulturanthropologischen „Ecksteinen“ der Antike (vgl. Malina und Stegemann): Clan und dyadische Persönlichkeit „Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, ...“ Ehre und Schande Gleichnisse Turmbau/Kriegsführung und „spotten“ Meine Proseminararbeit über Mt 19,1-9 (Frage nach der Ehescheidung) kommt mir dabei in den Sinn. Dort war ich zu folgenden Schlüssen gekommen: Jesus war Ehe (und Familie) nicht wichtig
Gott fügt zusammen - nicht menschliches Arrangement durch Clan, Standesamt oder gar Pfarrer.
Eine entscheidende Deutungslücke: „als was“ zusammengefügt? Dazu: Jesu in „Naherwartung“!
Jesus fordert implizit: Sei ein unabhängiges und introspektives Individuum! Es steht nicht „ehebrechen“ (äußere Tat), sondern „verführt werden“ (inneres Geschehen) im Text.
Vgl. die Ehebruch-„Radikalisierung“ Mt 5, 27-28: Es kommt auf das „im Herzen“ an.
Ich merke, wie das eigene Jesus-Bild prägt. Momentan habe ich folgendes Bild: Jesus ist als antiker Jude aufgewachsen und sozialisiert. Er hat später aber jüdische Praxis
2
ebenso wie antike Wertevorstellungen in Frage gestellt. Damit hat er (gewollt oder ungewollt) „Anstoß erregt“. Die Perikope passt somit gut in mein Jesus-Bild. Ebenfalls merke ich, daß ich schon eine grobe, wolkige Vorstellung von meinem Predigtinhalt habe. Wohl „irgend etwas mit persönlichem Lebensbezug“ (heute: Pubertät) und historischen Konsequenzen (Antike: wenn ein Mann seine Frau/Clan verläßt), Bedeutung von Nachfolge und Jünger-Sein (kein Widerspruch zum modernen Individualismus und zur Aufklärung). Mein Lieblingsthema.
3. Arbeit am Computer
Nach dem ersten Seminar bin ich krank geworden. Mit „dickem Kopf“ kann und möchte ich mich nicht mit dem Text beschäftigen - und mache es auch nicht. Kurz vor der dritten Sitzung beginne ich mit der Arbeit am Computer. Dies ist für mich kein Problem, da ich es mittlerweile gewohnt bin auch am Computer kreativ zu arbeiten (z.B. Erstellung von mehrstimmigen Notensätzen zu Gesangbuchliedern). Ich frage mich nun, ob ich mein Lieblingsthema nicht doch mehr in den Text hineinlese als es eigentlich herauszulesen gibt. Geht es vielleicht doch mehr um Verantwortungsethik (Konsequenzen bedenken)? Oder um das „allein Jesus“, um die Verehrung der (göttlichen) Person? Wie würde dies in meine Theologie passen? Ich muss mir also zuerst über mein Gottesbild (incl. Trinität) Gedanken machen. Mein momentanes Gottesbild ist m. E. wesentlich feministisch-theologisch geprägt: Der traditionelle Patriarchen-Gott, der zornige und herrschsüchtige Vater-Gott ist tot. Auch aus meinem Vaterkonflikt 1 heraus suche ich die „weiblichen Seiten“ Gottes, darunter Dynamik (Gott entwickelt sich und bleibt nicht ewig gleich) 2 und Schwäche (Versagen) 3 . So sehe ich Jesus: Vom erwarteten Messias zum Versager am Kreuz. Er hatte wohl keine Ahnung, was ihm mit seiner Gesellschaftskritik blühen würde. Ich merke beim Stichwort Vaterkonflikt, dass ich vorsichtig sein muss mit meinem persönlichem Lebensbezug. Die Gefahr ist groß, dass ich der Gemeinde meine Familienprobleme aufs Auge drücke.
Ich möchte mich bemühen, mich dem mir ungeliebten und wörtlich exklusiven „allein Jesus“ zu öffnen und meine Theologie daran weiterentwickeln.
Last but not least: Wenn ich lutherischer Pfarrer werden will, dann sollte ich die Predigt im Rahmen der lutherischen Bekenntnisse vertreten können.
3
4. Notizzettel-Sammlung
Von der Arbeit am Computer angeregt konnte ich nicht mehr schlafen und hatte im Wesentlichen folgende Ideen (hier nun gebündelt als Predigt-Vorentwurf):
Thema: Was tun mit Bibeltexten, die nicht schmecken?
I. Einklang:
1. „Vielleicht kennen Sie das auch: Wenn ich früher aus meiner Arbeit kam und zur Entspannung mal
nicht glotzen wollte, sondern Appetit auf Bibellesen hatte, gerade dann bin ich auf Bibeltexte
gestoßen, die mir gar nicht schmeckten. Zu diesen Texten gehört wohl auch der heutige Predigttext
im Evangelium nach Lukas Kapitel 14, Verse 25 bis 33:“
2. Bibeltext lesen
II. Hinführung und Höhepunkt
1. Handabstimmung: „Wem schmeckt dieser Text?“
- oder -
Befragung einzelner KirchgängerInnen (ca. 4 Interviews)
z. B. „Spricht der Text Sie an? Warum (nicht)?“, „Gefällt Ihnen das „hassen“?“, „Haben Sie
Geschwister? Was halten die wohl von diesem Text?“ ... ; Ergebnis: negativ => schmackhaft machen
/ positiv => verdeutlichen / bei unerwarteten Antworten etwa: „Hey, jetzt bringen Sie mein
Predigtkonzept ins Wanken!“
2. Hinführung: „Was machen wir nun mit Bibeltexten, die uns nicht schmecken?“
Beiseite legen => Nie etwas neues lernen
Durchlesen und abhaken => keine Angst vor dem Fremden, aber fernhalten
Durchlesen und versuchen zu verstehen => Internet, Bücher, Gespräche, Bibelkreise, ...
Theologie studieren (Witz) => Was ich heute mit dem Text anfange 3. Auslegung:
Antike Gesellschaft (Clan / honour and shame) und Konsequenzen der Nachfolgeforderung; evtl. Klärung Begriffe;
Heute für mich positive (!) Perspektive: (Spät-)Pubertät (und Individualismus)
Mir schmeckt aber nicht: „Allein Jesus“ Partnerschaft? (Erzählung Rangfolge-Gedanken); Noch keine Lösung (unschlüssig wie damit umzugehen)!
- dieser Punkt kann auch entfallen -III. Ausklang
1. Handabstimmung: „Wer hat am Text mittlerweile schon Geschmack gefunden?“
2. Für alle Unschlüssigen: Meine Empfehlung Internet (>Wikipedia, Homepage ausdrucken/zeigen),
Lutherbibel mit Kommentar (mitbringen/zeigen), Angebote der Gemeinde (z. B. Bibelkreis am ???,
Plakat zeigen) oder Gespräch im Anschluß an diesen Gottesdienst (im Freien? bei Regen?).
„Sie werden vielleicht einen ganz neuen Geschmack an Gott, der Welt oder sich selbst entdecken.“
4
II. EXEGETISCHE ÜBERLEGUNGEN
0. Mein Vorverständnis
Mein Jesus-Bild und Gottesverständnis habe ich bereits oben angedeutet. 4 Ich bin keine Vertreter von Opfertheologie (Kreuzestod) - ein andromorph-gekränkter Gott mit zwanghaftem Sühnebedarf oder ein Nietzsche-Gott im Blutrausch ist mir fremd. Jesus ist für mich Mensch. 5 Der Gott in Jesus zeigt sich mir in der Auferstehung. 6 Der Text Lk 14,25-33 hat mich nie abgestoßen, sondern angezogen. Früher war es die „volle Hingabe“ 7 , heute ist es die Legitimation zur Ablösung 8 .
1. Der Text
Die wissenschaftliche Textausgabe von Nestle-Aland birgt bei Lk 14,25-33 (sowie Lk 18,29-30) keine wesentlichen textkritischen Probleme. Der Nestle-Aland-Text kann also als „Urtext“ (d.h. als rekonstruierte Kopienvorlage) betrachtet werden. Hier nun meine Übersetzungen von Lk 14,25-33 und Lk 18,29-30: 9
2. Die Eigenschaften
In der Textanalyse von Lk 14,25-33 fällt folgendes auf: 10 Klare Gliederung - Einleitung (V25)
- Bedingung 1/2 mit Folge (V26): Wenn jemand ... nicht hasst ... (1) Familie / (2) seine eigene Seele, nicht fähig ... - Bedingung* 3 mit Folge (V27): Wer ... nicht trägt (3) sein eigenes Kreuz ... , nicht fähig ... - Beispiel 1 (V28-30): Wer nämlich ... ? - Beispiel 2 (V31-32): Oder welcher ... ?
- Bedingung** 4 mit Folge (V33): So ist folglich jeder ..., der (4) nicht alles was ihn beherrscht aufgibt, nicht fähig ... Viele seltene Wörter in den Gleichnissen
- Hapaxlegomena: Kosten, Fertigstellung, fertig zu werden, entgegenzustellen - Selten: Wirtschaftsgebäude, Fundament, Abschied nehmen; V27: schleppen Deutliche Stilmittel - Wiederholungen (incl. doppelter Binnenreim):
- 3x nicht fähig mein Jünger zu sein (ou dynatai einvai mou mathätäs) (V26/27/33) - 2x sich zuerst hinsetzen (planen) (V28/31)
- Doppelte Verneinungen statt positiver Aussage: Wer nicht ..., ist nicht ... (V26/27/33) - komplexe Satzstrukturen (Neben-/Beiordnungen): v.a. bei den zwei Gleichnissen (V28-32) - Rahmung der zwei Gleichnisse durch Bedingung/Folge mit Höhepunkt Bedingung 4 (V33): So ist folglich ... Deutliche Abgrenzung Lk 14,25-33 mit wenig Zusammenhang zum Kontext
Die Textstelle ist m.E. klar nach unten abgegrenzt. 11 Auch nach oben ist sie inhaltlich abgegrenzt. Ein einheitliches Thema des lk Reiseberichts (Lk 9,51-19,29) ist nicht ersichtlich. Es liegt eher eine
lockere und wechselnde Themen-Anordnung vor. 12 Wortfelder und Story: Beziehung sowie Planung/Erfolg
Es dominiert insgesamt das Wortfeld Beziehung (Familienangehörige hassen, Schüler werden;
verspottende Betrachter, Königskrieg). Die Sachbezüge „Kreuz tragen“ (V 27) und den „Besitz
aufgeben“ (V33) passen nicht in das Wortfeld. In den zwei Gleichnissen treten daneben die
Wortfelder Planung/Erfolg (mit den Teilwortfeldern Bau/Krieg) hervor.
3. Die Herkunft
Lukasevangelium: Parusieverzögerung und Arme/Reiche
Der heidenchristliche Autor Lk (4. Generation) 13 hat um 90 n. Chr. Anstößiges von seiner Quelle Mk beseitigt und die Hauptbotschaft wie folgt geändert: Die Geschichte Jesu als Vorbereitung der
Wirksamkeit der Jünger nach Ostern. 14 Lk hat mit der Parusieverzögerung und der Verachtung von
Armen durch die Reichen zu in seiner heidenchristlichen Gemeinde zu kämpfen. 15 Literarkritik: Lk 14,25-33 sehr wahrscheinlich Lk-Redaktion bis auf V26a/c - V25: Als erzählende Einleitung Lk zuzurechnen. 16
- V28-32: Die zwei Gleichnisse entspringen Lk-Sondergut. 17 Wegen der deutlich abgesetzten
Sprache (s.o.) und der paarweisen 18 Anordnung meine ich, daß Lk diese Gleichnisse selbst evtl.
unter Rückgriff auf „Binsenweisheiten“ (nicht-jesuanisch) komponiert hat. 19 Im übrigen greift das erste Beispiel deutlich die Arme/Reiche-Thematik (verspotten) des Lk auf!
- V33: Die Arme/Reiche-Thematik findet sich auch hier. 20 V33 ist ebenfalls Lk zuzurechnen. 21
6
- V27: Sekundär, da die Wortkombination „sein Kreuz schleppen/tragen“ nachösterlich ist und
vorher nicht existiert. 22 Ebenso sekundär Lk. 9,23 par (incl. sich selbst verleugnen). 23 - V26b: Die Selbstverleugnung seine eigene Seele hassen fehlt bei den Parallelstellen. Bei
Lk ist er nur im Sondergut zu finden (Vorgeschichte: 1,46/2,35; 9,36) und den Parallelen (14,26,
21,19), dort als Abweichung von Mt/Mk. Der Begriff ist eher Hinzufügung des Lk. 24 Seele
kommt in den Evangelien relativ selten vor und meint eher die Physis (den Körper). 25 Hassen
betont die bewusste Nachordnung (also nicht: emotional). 26
- V26c: Lk hat hier gegenüber Mt die ursprünglicher Variante aus Q. 27
- V26a ist in der Dreifachüberlieferung des Mk par und der Zweifachüberlieferung von Q belegt. 28 Allerdings mit unterschiedlichen Folgen aus der Bedingung:
Bei Lk 14,26 (Q) geht es um das „Schüler sein“, bei Mt 10,37 (Q) um „würdig sein“, bei Mk
10,29-30 par (Mk) einheitlich um das „ewige Leben erhalten“. Allerdings gibt es bei Mk 10,29-
30 par unterschiedliche Gründe: „wegen mir und dem Evangelium“ (Mk), „wegen meinen
Namen“ (Mt), „wegen der Königsherrschaft Gottes“ (Lk). Letzterer ist wohl ursprünglich (erst in
Deutero-Mk mit Hinblick auf Mk-Thema 1,1.15 geändert).
Überlieferungskritik: Lk 18,29-30 ursprüngliches Jesus-Wort
Aufgrund der weitreichenden Überstimmungen zwischen den Parallelen Lk 18,29-30 || Mk 10,29-30
|| Mt 19,29 (Mk), der Überstimmung im Thema Beziehungskonflikt innerhalb Lk zwischen Lk 14,26
Lk 18,29 ( Lk 12,53 par) sowie dem nachösterlich anzusetzenden Wort in vom Kreuz schleppen/tragen in Lk 14,26 par und Lk 9,23 par (Q) schließe ich, Lk 18,29-30 die ursprünglichere
Fassung des Jesus-Wortes bietet. 29 Die Herkunft von Jesu ist sehr wahrscheinlich. Sowohl das Differenzkritierum (Verstoß 4. Gebot) wie auch das Wahrscheinlichkeitskriterium (Königsherrschaft
Gottes als Erfüllung 1. Gebot) greifen.
4. Die Entstehung
Redaktionsgeschichte:
Lk hat das nicht ursprüngliche Jesus-Wort aus Q in Lk 14,25-33 eingefügt und ausgestaltet (s.
Textanalyse). 30 Die Bedingung 2 („seine eigene Seele hassen“) und Bedingung 4 (Besitz-aufgabe) lassen sich unter das Lk-Gemeindeanliegen Arme/Reiche subsumieren. Lk betont mit dem
„Hinsetzen“ in den Gleichnissen die kritische Selbstprüfung vor Beginn (der Nachfolge). 31
5. Die Auslegungsgeschichte
Lk 14,25-33 (sowie Mehrfachüberlieferungen mit Parallelen) wurde seit den ersten Gemeinden über das Mönchtum bis heute meistens als „volle Hingabe“ (incl. Leiden) an Gott verstanden mit einer „ordo der Liebe: Gott, Vater, Mutter, Kinder“. 32 Luther warnt davor, V26 zum „Vorwand“ für das „Ausleben pubertärer Regungen“ zu nehmen. 33 Calvin
fordert hingegen eine Verschiebung von der Handlung zur Gesinnung. 34 Im Katholizismus war bis zur Hälfte des 20. Jh. für die „freiwillig geübte Selbstverleugnung“ die „Abtötung der Phantasie, der
leibseelischen Affekte und der fünf Sinne“ entscheidend. 35
7
Das Doppelgleichnis wird bis heute allegorisch gelesen und moralisch verstanden. 36
6. Mein Verständnis
Unter kulturanthropologischer sowie tiefenpsychologischer, existentialistischer und feministischer Perspektive komme ich zu folgender Auslegung: Damals: Die Jesus-Bewegung als neue Familie mit anderen Werten.
Lk hat in unserer Textstelle Lk 14,25-33 die Probleme in seiner Gemeinde (Parusieverzögerung,
Arme/Reiche, Verfolgungen 37 ) aufgegriffen - deswegen u.a. die Forderung nach Selbstaufgabe. Im ursprünglichen Jesus-Wort Lk 18,29-30 war die Königsherrschaft Gottes der Grund, daß die
NachfolgerInnen (wörtlich) Jesu ihre Familie, ihr Haus und ihre Arbeit verlassen sollten. Der
evtl. 38 wirtschaftliche Schaden (Verlust Arbeitskraft) und Ehrverlust (Verstoß gegen das 4. Gebot)
scheinen dabei keine Rolle zu spielen. Die Gemeinschaft der Jesus-Bewegung ersetzt den Clan, 39 d.h. die die den Willen Gottes tun (Mk 3,35; Mt 12,50) bzw. das Wort Gottes hören und tun (Lk 8,19-21)
sind die neue Familie. 40
Ob aus Zeitdruck wegen der Naherwartung (Entbindung von den Clan-Pflichten) oder aus
prinzipieller Clanfeindlichkeit 41 - Jesus und seine Bewegung weicht faktisch von dem Wert des
Clans 42 in der mediterranen Kultur ab 43 .
Das spezielle 44 Lehrer-Schüler-Verhältnis in der Jesus-Bewegung beinhaltet eine innere Komponente (d..h.: Wertegemeinschaft). Schon allein im sprachlichen Gegenstück zu den Jüngern
(wörtlich: Schüler) war Jesus Lehrer 45 (Rabbi). Es geht also um Lehren und damit auch um die hinter den Lehren stehenden Werte; die (äußere) ethnische Zugehörigkeit zu Israel scheint hin-gegen keine
Rolle zu spielen (immerhin haben zwei Jünger griechische Namen 46 ).
Eine Wertegemeinschaft setzt Introspektion voraus (d.h. Selbstreflexion ob ich die Werte teile und
mich der Bewegung anschließe). Das geforderte Umsetzen der Werte im Tun ist ein individueller 47 Akt. Ob gewollte „Aufklärung“ oder nur faktisch: Hier findet sich ein introspektiv-individuelles
Moment, das von der antiken Kultur und v.a. der vorherrschenden dyadischen Persönlichkeit 48
abweicht. 49
Heute: Aufklärung christlicher Werte!
War das Jesus-Wort Lk 18,29-30 als ewige Lehre intendiert oder nur situationsgebunden (Stichworte
Naherwartung und Kontext)? 50 In beiden Fällen müssen wir uns heute in unserer Wahl-Familie der christlichen Gemeinschaft fragen, ob wir nicht immer noch antike Werte fortführen (z. B. im
Verständnis „der“ „christlichen Ehe“ 51 ). Denn die Königsherrschaft Gottes und das Tun des Wortes
Gottes erfordert offensichtlich eben nicht die Werte 52 der antiken Kultur. Hier kommt die Aufklärung (Habe Mut, deinen Verstand zu benutzen) und die Frauenbewegung zu
ihrem Recht (Frauen im Beruf, Beendigung Patriarchat). Auch die anti-autoritäre Phase der Pubertät
und generell Ablöseprozesse sind legitimiert und nicht verworfen. 53
8
III. SYSTEMATISCH-THEOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN
1. Eigene Forschungen zu „Nachfolge“
Eine systematische Zusammenstellung von Nachfolge-Bibelstellen bei den Syn-optikern (siehe Anlage) führt zu folgenden Ergebnissen:
Der historische Jesus hat m. E. erwartet, daß
- alle drei Gruppen (Erste Jünger, Zwölf Jünger, weitere NachfolgerInnen) der familia dei (Gemeinschaft der NachfolgerInnen Jesu, Wertegemeinschaft) Vorrang gegenüber ihren Clan einräumen.
Anmerkung: Dabei gibt es m. E. keine Hierarchie „erste Jünger > zwölf Jünger > weitere
Jüngerschaft“. 54 So werden z. B. die ersten Jünger im weiteren Verlauf weder komplett (bei den Synoptikern nur Petrus, bei Johannes auch Johannes) noch als solche besonders hervorgehoben.
- eine individuell-rationale Überprüfung von Werten („Tut Buße“, „Bleibt wach“) stattfindet. JüngerInnen sollen sich bewußt für ihn und seine Lehre entscheiden.
9
- Werte öffentlich-diskursiv vertreten werden („verkündigen“, „Salz“, „Licht“; vgl. Diskussionskultur in den synoptischen Evangelien).
Bei summarischer Exegese komme ich zu dem Schluß, daß die Wortfelder „Leiden“, „bezeugen“ und „dienen“ (der NachfolgerInnen) eher nachösterlichen Verfolgungen (durch Rom) sowie einer beginnenden Institutionalisierung (Gemeinden) entspringen.
2. Fremde Forschungen zu „Nachfolge“
Aus der Literatur habe ich „Nachfolge“ (Bonhoeffer), den entsprechenden Artikel der TRE (Luz) und „Der historische Jesus“ (Theißen/Merz) herausgegriffen. Damit scheint mir das theologische Spektrum von orthodox bis liberal ausreichend abgedeckt.
Dietrich Bonhoeffer :
„Der Ruf Jesu Christi in das gehorsame Leben, in seine Gemeinschaft, ergeht wie immer so auch heute an uns.“ 55
- „In dem Ruf Jesu ist der Bruch mit den natürlichen Gegebenheiten [Familie] ... bereits
vollzogen. ... Kein Mensch kann Christus nachfolgen, ohne daß er den bereits vollzogenen Bruch
anerkennt und bejaht. ... Der Bruch ... ist nichts anderes als die Erkenntnis Christi als des Sohnes
Gottes“. 56 Die unmittelbare Beziehung zur (Um-)welt ist eine Täuschung, nur über Christus, sein Wort und unsere Nachfolge, führt der mittelbare Weg zu anderen: „Christus steht dazwischen.
Nur durch ihn hindurch geht der Weg zum Nächsten.“ 57
- Jesus ist der „Grund ganz neuer Gemeinschaft.“ 58
- Leiden ist das „Kennzeichen der Nachfolger Christi. Der Jünger ist nicht über seinen Meister.
Nachfolge ist passio passive, Leidenmüssen. ... Wer sein Kreuz nicht aufnehmen will, wer sein
Leben nicht zum Leiden und zur Verwerfung durch die Menschen geben will, der verliert die
Gemeinschaft mit Christus, der ist kein Nachfolger. ... Leiden ist Gottesferne. Darum kann der,
der in der Gemeinschaft Gottes steht, nicht leiden.“ 59
- „Das Gebot Jesu ist unmenschlich hart, für den, der sich dagegen wehrt. Jesu Gebot ist sanft und
nicht schwer für den, der sich willig darein gibt.“ 60 Jesu Ruf ist „seine Gnade, die aus dem Tod
in das neue Leben des Gehorsames ruft.“ 61 „Der ungehorsame kann nicht glauben, nur der
Gehorsame glaubt.“ 62 Ein Seelsorgegespräch soll unterbrochen werden mit dem Satz: „Du bist ungehorsam, du verweigerst Christus den Gehorsam, du willst ein Stück eigener Herrschaft für
dich behalten. ... Deine Not ist deine Sünde.“ 63
- (Fromme) Entscheidungen und psychologische Gründe von Menschen sind in der Bibel egal,
weil es nur eine einzige gültige Begründung gibt: Jesus Christus. 64 - „Komm zur Kirche! Das kannst du kraft deiner menschlichen Freiheit. Du kannst am Sonntag
dein Haus verlassen und zur Predigt gehen. Tust du es nicht, so schließt du dich willkürlich von
dem Ort aus, an dem geglaubt werden kann.“ 65
10
Die Ansichten Bonhoeffers sind zeitgeprägt (3. Reich) und greifen nicht auf die Methode der historisch-kritischen Exegese zurück. Ich kann mit ihm teilen, daß mit Jesus eine neue Gemeinschaft entsteht, welche einen Bruch mit dem Umfeld beinhalten kann. Die Leidensnachfolge hingegen ist m. E. klar redaktionell. Der geforderte „Gehorsam“ Bonhoeffers ist in den Evangelien nicht zu finden 66 und erinnert mich an Führerkultur. 67 Über Bonhoeffers schwarz-weiß-Schema legt sich der Grauschleier, wer tatsächlich zum Gehorsam ruft - die Pfarrer!
Ulrich Luz 68 :
Die Nachfolge Jesus wird bei den Evangelisten zur v.a. Leidensnachfolge. - Keine Unterscheidung JüngerInnen/SympathisantInnen; Nachfolge als Existenzform aller
ChristInnen, auch derer in seßhaften Gemeinden.
- Kennzeichen der Nachfolge: Verzicht auf Familienleben (aus praktischen Gründen, d.h. ohne a-familiären Ethos), Verzicht auf Berufsausübung und demonstrative Armut (aber ohne generellen
Besitzverzicht)
- Sinn der Nachfolge: Gemeinschaft mit Jesus, Beteiligung an der Verkündigung
- Unterschiedliche Weiterentwicklung:
- Mk: Leidensnachfolge (erste Christenverfolgungen)
- Mt: Leidensnachfolge (Anlehnung an Mk) und bessere Gerechtigkeit (z. B. Familien-
verzicht als Weg zur Vollkommenheit)
- Joh: Leidensnachfolge und Sich-auf-Erfahrungen-mit-Jesus-Einlassen
- Lk: Historisierung (Begrenzung Familienverzicht auf Zeit Jesu) und Aktualisierung durch
den Heiligen Geist (Apg)
- Pls: < Fehlen der Nachfolgetradition aus den Evangelien >
Die Ergebnisse von Luz teile ich in den wesentlichen Punkten (Ausnahmen: kein Unterschied JüngerInnen/Masse, Verzicht auf Beruf und demonstrative Armut). Luz stellt die nachösterlich-redaktionelle Umgestaltung der Nachfolge zur Leidensnachfolge sehr gut dar. 69
Gerd Theißen / Anette Merz 70 :
JüngerInnen (Sekundärcharismatiker: Charisma-Teilhabe, Selbststigmatisie-rung, Missionsaskese, Gruppenmessianität) und aktive Sympathisanten (Tertiärcharismatiker) sind Teil der familia dei.
- Die JüngerInnen partizipieren an Jesu Sendung und Vollmacht (Charismen; vgl. Propheten). Sie
können Segen und Fluch aussprechen, heilen und Dämonen austreiben. Sie sind nach dem
Primärcharistmatiker Jesu Sekundärcharismatiker. Als „Täter des Wortes“ sind sie Teil der
familia dei.
11
- Die JüngerInnen partizipieren an der Außenseiterrolle Jesu und stigmatisieren sich damit selbst.
Bei provokanten Akten (z. B. Verstoß gegen das 4. Gebot in Lk 14,25-33) durften sich die
JüngerInnen nicht wundern, wenn sie genauso angefeindet worden wie der Meister.
- Von kynischen Wanderphilosophen oder Essenern sollen sie sich durch Überbietung (in Form
von weniger Reise-Equipment) an Vertrauen auf die Fürsorge Gottes unterscheiden („Missions-
Askese“).
- Aus der Jüngerschaft folgt die Teilhabe an der Verheißung auf den zwölf Thronen zu sitzen und
über die zwölf Stämme zu richten. Allen JüngerInnen wird messianische Vollmacht
zugesprochen (Gruppenmessianismus).
- Von den JüngerInnen unterscheiden sich die Tertiärcharismatiker (d.h. aktiv unterstützende
SympathisantInnen, die nicht die Familie verlassen), welche als „Hörer des Wortes“ noch Teil
der familia dei sind.
- In einigen Überlieferungen wird der Clan mit der familia dei kontrastiert: Abwertung der
Verwandten/Mutter Jesu, Absage an die väterliche und generell irdische Macht.
Dieses Gesamtbild deckt sich mit wesentlichen Ergebnissen meiner Exegese: Jesus-Bewegung als familia dei und Außenseiterrolle wegen anderer Werte. Die Überbietung (Ausstattung bei Aussendung) scheint mir nachösterlich zu sein, der Gruppenmessianismus (Stellvertretung Gottes, himmlische 12 Throne, Beschränkung auf Israel) ist m. E. nicht sicher belegbar (vgl. dazu auch: 2 der 12 Jüngern haben griechische Namen!).
Insgesamt bewege ich mich mit meiner Auslegung folglich im üblichen Rahmen (post)moderner Auslegungen.
3. Leiden
Das Reich Gottes ist schon dort angebrochen, wo Jesus heilt - faktisch oder in Form der heilsbringenden Gemeinschaft mit Gott. Die Leidensnachfolge ist nachösterliches Motiv der Urgemeinden; ihre Leidensdeutung dient der Leidensbewältigung. 71 Ich teile sowohl die protestantische Ethik (Ablehnung mönchischer Asketik 72 wegen Rechtfertigung) also auch atheistische 73 Kritik am Christentum (Jenseitsvertröstung). Die Vermeidung von Leiden (z. B. durch naturwissenschaftliche Forschung in der Medizin) ist in meinen Augen ein erreichbares Ziel. 74
12
IV. HOMILETISCHE ÜBERLEGUNGEN
1. Allgemeine Lebensweltforschung
Während die herkömmlichen Schichten-/Klassen-/Standesmodelle sich an äußeren Merkmalen wie v.a. Beruf und Status orientieren, nehmen moderne Milieumodelle innere Merkmale in den Blick. Es zeigt sich eine Entwicklung vom Standesdenken (Beruf/Status begründet Beziehungen) zum Wertedenken. 75
a) Ästhetische Milieus (Schulze 1992)
Grundthese: Soziale Milieus bilden sich durch Beziehungswahl, die Beziehungswahl ist stark bestimmt vom Geschmack und Existenzverständnis. Diese Thesen wurden verifiziert per Umfragen (mündlich, schriftlich, Interview). Zugrunde liegt eine für Großstädte repräsentative Stichprobe mit 1014 Befragten (Nürnberger Raum). 76
Arbeit zitieren:
Diplom-Verwaltungswirt (FH) Peter Schmidt, 2007, Seminarpredigt über Lk 14, 25-33, München, GRIN Verlag GmbH
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